fg..
ABHANDLUNGEN
Ct)L
KÖNIGLICH PREUSSISCHEN
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
1910.
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
ABHANDLUNGEN
_ G)ER
KÖNIGLICH PREUSSISCHEN ^
AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN^ Ml
JAHRGANG 1910.
PHILOSOPHISCH-HISTORISCHE CLASSE.
MIT 19 TAFELN.
BERLIN 1910.
VERLAG DER KÖNIGUCHEN AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN.
IN COMMISSION BEI GEORG REIMER.
Berlin, gedruckt in der Reichsdruckerei.
AS
]%%
1310
G1017G
"h 7. S^-^
Inhalt.
öffentliche Sitzungen g. vii— viii.
Verzeichnifs der im Jahre 1910 gelesenen Abhandlungen S. vni-xvi.
Bericht über den Erfolg der Preisausschreibungen für 1910 und- neue
Preisausschreibungen y. xvi — xxii.
Verzeichnifs der im Jahre 1910 erfolgten besonderen Geldbewilligungen
aus akademischen Mitteln zur Ausführung wissenschaftlicher Un-
ternelunungen 8. xxiii-xxvi.
Verzeichnifs der ini Jahre 1910 erschienenen im Auftrage oder mit
Unterstützung der Akademie bearbeiteten oder herausgegebenen
"Crke S. XXVII — XXIX.
Veränderungen im Personalstande der Akademie im Laufe des Jahres
1910 S. XXX— XXXII.
Verzeichnifs der Mitglieder der Akademie am Schlüsse des Jahres 1910
nebst den Verzeichnissen der Inhaber der Helmholtz- und der
Leibniz-Medaille und der Beamten der Akademie S. xxxiii — xl.
Abhandlungen.
Dilthey: Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissen-
schaften. Hälfte 1 Abh. I. S. 1-123.
KbkulevonStradonitz: Stiategenköpfe. (Mit 3 Tafeln) . . . Abh. II. S. 1— 48.
Müller: Uigurica II. (Mit 3 Tafeln) Abh. III. S. 1-110.
Anhang.
Abhandlungen nicht zur Akademie gehöriger Gelehrter.
H. VON Fritze: Die Münzen von Pergamon. (Mit 9 Tafeln) . . . Abh. I. S. 1-108.
H.Ranke: Keilschriftliches Material zur altaegyptischen Vocalisation . Abh. II. S. 1— 96.
A. VON Le Coq: Chiiastuanift, ein Sündciibekenntnifs der inanichäi-
schen Auditores. (Mit 2 Tafeln) Abh. IV. S. 1-43.
P. M. Meter: Die Libelli aus der Uecianischen Christenverfolgung
(Mit 2 Tafeln) Abh V. 8. 1-34.
Die Abhandlung III des Anhangs: H. Junker, Der Auszug der Hathor-Tefnut aus Nubien
erscheint erst im Jahrgang 1911.
Jahr 1910.
-^ Öffentliche Sitzungen.
Sitzung am 27. Januar zur Feier des Geburtsfestes Seiner
Majestät des Kaisers und Königs und des Jahrestages
König Friedrich's 11.
Der an diesem Tage Vorsitzende Secretar Hr. Di eis eröffnete
die Sitzung mit einer auf die Festfeier bezüglichen Ansprache.
Darauf hielt Hr. Harnack die wissenschaftliche Festrede, die zwei
saecularen Erinnerungen gewidmet war, den ersten Pubhcationen
der Akademie (1710) und Wilhelm von Humboldt's Denkschriften
zur Reorganisation der wissenschaftlichen Anstalten (1810). Die
Jahresberichte über die wissenschaftlichen Unternehmungen der
Akademie und über die ihr angegliederten Stiftungen und Institute,
welche im Sitzungsbericht im Wortlaut abgedruckt sind, wurden
diesmal wegen der knappen zur Verfügung stehenden Zeit in der
Sitzung nicht verlesen. Zum Schlufs folgte der Bericht über die
seit dem letzten Friedrichs-Tage (28. Januar 1909) in dem Personal-
stande der Akademie eingetretenen Veränderungen.
Sitzung am 30. Juni zur Feier des Leibnizischen Jahrestages.
Hr. Waldeyer, als Vorsitzender Secretar, eröffnete die Sitzung
mit einer kurzen Ansprache.
Darauf hielt das seit dem letzten Leibniz-Tage (1. Juli 1909)
neu eingetretene Mitglied der philosophisch -historischen Classe
Hr. Lüders seine Antrittsrede, die von dem beständigen Secretar
VIII
Hrn. Diels beantwortet wurde. Es folgten Gedächtnifsreden auf
Friedrich Kohlrausch von Hm. Rubens, auf Hans Landolt
von Hrn. van't Hoff und auf Robert Koch von Hrn. Rubner.
Alsdann wurde verkündigt, dafs die Akademie eine Anzahl
von Leibniz- Medaillen verliehen habe, und zwar in Gold dem
Herzog Joseph Florimond von Loubat in Paris, in Silber dem
Oberlehrer Professor Dr. Johannes Bolte in Berlin, dem Uni-
versitäts-Professor Dr. Karl Zeumer in Berlin, dem Dr. Albert
von Le Coq in Berlin, dem Professor am Königlichen Albert-
Gymnasium Dr. Johannes Hberg in Leipzig, dem Oberlehrer
Professor Dr. Max Wellmann in Potsdam, dem Directorial-Assi-
stenten der Königlichen Museen in Berlin Professor Dr. Robert
Koldewey in Babylon und dem Professor an der Land vvirthschaft-
lichen Akademie zu Bonn-Poppelsdorf Dr. Gerhard Hessenberg.
Schhelshch erfolgten Mittheilungen betreffend eine Akademische
Preisaufgabe für 1914 aus dem Gebiete der Mathematik, das Preis-
ausschreiben aus dem EUer'schen Legat für 1910, den Preis der
Steiner'schen ^Stiftung für 1910 und eine Preisausschreibung aus
derselben Stiftung für 1915, die Preisaufgabe der Charlotten-Stif-
tung für 1910 und das Stipendium der Eduard Gerhard-Stiftimg.
Verzeichnifs der im Jahre 1910 gelesenen Abhandlungen.
Physik und Chemie.
Rubens und H. Hollnagel, Messungen im langwelügen Spectrum.
(G. S. 6. Jan.; S. B. 20. Jan.)
Nernst, F. Koref und F. A. Lindemann, Untersuchungen über
die specifische Wärme bei tiefen Temperaturen. L II. (Cl.
17. Febr.; S. B. B.März.)
IX
Rubens und Prof. E. Hagen, über die Änderung des Emissions-
vermögens der Metalle mit der Temperatur im kurzwelligen
ultrarothen Spectrum. (Cl. 21. April; S. B. 28. April.)
Meyer, Dr. E., über die Structur der 7-Strahlen. Vorgelegt von
Rubens. (G. S. 9. Juni; S. B. 2S. Juni.)
Fischer, über die Walden'sche Umkehrung. (Cl. 21. Juli.)
van't Hoff, der Verband für die wissenschaftliche Erforschung
der deutschen Kalisalzlagerstätten. Zweiter Bericht. (G. S.
28.Juh; S.B.)
Planck, über den Inhalt und die Bedeutung des Nernst'schen
Wärmetheorems für die reine Thermodynamik. (Cl. 20. Oct.)
Warburg, über die Constante c des Strahlungsgesetzes schwarzer
Körper. (Cl. 3. Nov.)
van't Hoff, über synthetische Fermentwirkung. II. (G. S. 10. Nov.;
S. B. 24. Nov.)
Rubens und R. W.Wood, Lsolirung langwelliger Wärmestrahlung
durch Quarzünsen. (Cl. 15. Dec; S. B.)
Mineralogie, Geologie und Palaeontologie.
Gothan, Dr. W., Untersuchungen über die Entstehung der Lias-
Steinkohlenflöze bei Fünfkirchen. Vorgelegt von Branca.
(G.S. 10. Febr.; S.B.)
Branca, über den jetzigen Stand unserer Kenntnisse vom fossilen
Menschen. (G. S. 1 0. März.)
Liebisch, über die Rückbildung des krystallisirten Zustandes aus
dem amoi-phen Zustande beim Erhitzen pyrognomischer Mi-
neraUen. (G.S, H.April; S.B)
Eberhard, Prof G., über die weite Verbreitung des Scandiums
auf der Erde. II. Vorgelegt von Nernst. (Cl. 21. April; S. B.)
b
Bücking, Prof. H,, die Basalte und Phonolithe der Rhön, ihre
Verbreitung und ihre chemische Zusammensetzung. Vor-
gelegt von Branca. (Cl. 1 2. Mai; S. B.)
Branca, über Pithecanthropus, Homo Moustieriensis Hauseri und
das geologische Alter des Erstem. (Cl. 16. Juni.)
Reck, Dr. H., die Dyngjufjöll mit der Askja-Caldera im centralen
Island. Vorgelegt von Branca. (Cl. 7. Juh; Abh.)
Walther, Prof. J., die Sedimente der Taubenbank im Golfe von
Neapel. Vorgelegt von Penck. (Cl. 21. JuU; Abh.)
Bauer, Prof M., vorläufige Mitteilung über die Eruptivgesteine
am Westrande des niederhessischen Basaltgebiets nördlich
von der Eder. Vorgelegt von Liebisch. (Cl. 17. Nov.; S. B.
1. Dec.)
Nacken, Dr. R., über die Mischfahigkeit des Glaserits mit Na-
triumsulfat und ihre Abhängigkeit von der Temperatur. Vor-
gelegt von Liebisch. (G. S. 8. Dec; S. B.)
Botanik und Zoologie.
Ludwig, Notomyota, eine neue Ordnung der Seesterne. (G. S.
H.April; S. B. 28. April.)
F. E. Schulze, über die Bronchi saccales und den Mechanismus
der Athmung bei den Vögeln. (Cl. 2. Juni.)
Engler, die Florenelemente des tropischen Africa und die Grund-
züge der Entwicklung seiner Flora. (Cl. 17. Nov.)
Anatomie und Physiologie, Pathologie.
Rubner, über Compensation und Summation von functionellen
Leistungen des Körpers. (Cl. 17. März; S. B)
Malone, E., über die Kerne des menschlichen Diencephalon. Vor-
gelegt von Waldeyer. (Cl. 17. März; Abh.)
XI
Koch, über das epidemiologische Verhalten der Tuberculose. (Cl.
7. April.)
Wohlgemuth, Dr. J., und Dr. M. Strich, Untersuchungen über die
Fermente der Milch und über deren Herkunft. Vorgelegt
von Orth. (Cl. 12. Mai; S. B.)
Waldeyer, das Skelet einer Hundertjährigen. (G. S. 26. Mai;
.S. B. 24. Nov.)
Munk, zur Anatomie und Physiologie der Sehsphäre der Grofs-
hirnrinde. (Cl. 7. Juli; 8. ß. 1. Dec.)
Brahn, Dr. B., die Wirkung krebskranker Organe auf den Kata-
lasengehalt der metastasenfreien Leber. Vorgelegt von Orth.
(Cl. 7. Juli; S. B.)
Virchow, Prof H., die Wirbelsäule des abessinischen Nashorns
(Biceros bicornis) nach Form zusammengesetzt. Vorgelegt
von Waldeyer. (G. S. 14. JuU; S. B. 28. Juli.)
Morgenroth, Prof. J., und Dr. L. Halberstaedter, über die Be-
einflussung der experimentellen Trypanosomeninfection durch
Chinm. Vorgelegt von Orth. (Cl. 2 1 . Juh ; S. 5.)
0. Hertwig, neue Untersuchungen über die Wirkung der Radium-
strahlung auf die Entwicklung thierischer Eier. Zweite Mit-
theilung. (G. S. 28. Juli; ^'. B.)
Astronomie, Geographie und Geophysik.
Struve, über die Bahnen der Uranustrabanten nach neueren Be-
obachtungen. (Cl. 13. Jan.)
Penck, Versuch einer Klimaclassification auf physiogeographischer
Grundlage. (Cl. 3. März; .S. B.)
Berberich, Prof A., Tafeln für die heliocentrischen Coordinaten
von 307 kleinen Planeten. Vorgelegt von Auwers. (G. S.
27. Oct.; Abh.)
b'
XII
Mathematik.
Frobenius, über die mit einer Matrix vertauschbaren Matrizen.
(G.S. 6. Jan.; S. B.)
Schottky, die geometrische Theorie der Abel'schen Functionen
vom Geschlechte 3. (Cl. 17. Febr.; S. B.)
Frobenius, über den Fermat'schen Satz. IL (G. S. 24. Febr.;
S.B.)
Schwarz, Beispiel ehier stetigen Function reellen Argumentes, für
welche der Grenzwerth des DifFerenzenquotienten in jedem
Theile des Intervalles unendlich oft gleich Null ist. (G. S.
23. Juni; .S. B.)
Frobenius, über die BernouUi'schen Zahlen und die Euler'schen
Polynome. (G. S. 14. Juü; S. B. 28. Juh.)
Schwarz, über eine bisher noch nicht bemerkte Eigenschaft einer
der drei ebenen Configurationen (93,93). (G. S. 28. Juli.)
Schwarz, über die conforme Abbildung von Ecken und Spitzen
auf einen flachen Winkel. (G. S. 28. Juli.)
Schottky, über die Gaufs'sche Theorie der elliptischen Functionen.
(Cl. l.Dec; S.B. 2. März 1911.)
Mechanik und Technik.
Zimmermann, über die Ermittlung der Knickfestigkeit von Rah-
menstäben. (Cl. 3. Febr.)
Martens, Zustandsänderungen der Metalle infolge von Festigkeits-
beanspruchungen. (G. S. 10. Febr.; S.B. 24. Febr.)
Müller-Breslau, über excentrisch gedrückte gegliederte Stäbe.
(Cl. 17. Febr.; S.B.)
Kötter, Prof F., über die Spannungen in einem ursprünghch
geraden, durch Einzelkräfte in stark gekrümmter Gleich-
gewichtslage gehaltenen Stab. Vorgelegt von Müller-Breslau.
(G.S. 27. Oct.; S.B.)
Philosophie.
Dilthey, das Verstehen anderer Personen und ihrer Lebensäufse-
rungen. (G. S. 30. Jan.; Abh.; Theil der Abhandlung: Der
Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissen-
schaften.)
Stumpf, Structurverschiedenheiten der Wahrnehmungsinhalte. (Gl.
17. Febr.)
Geschichte des Alterthums.
Meister, Prof. R., kyprische Sacralinschrift. Vorgelegt von v. Wila-
mowitz-Moellendorff. (Gl. 13. Jan.; S.B. 17. Febr.)
von Fritze, Dr. H., die Münzen von Pergamon. Vorgelegt von
Conze und Dressel. (Cl. 13. Jan.; Abh)
Dressel, über eine bisher unbekannte Silbermünze des Arsakiden
Mithradates III. (Gl. 12. Mai.)
Zucker, Dr. F., Urkunde aus der Kanzlei eines römischen Statt-
halters von Aegypten in Originalausfertigung. Vorgelegt von
Erman. (Gl. 7. Juli; Ä 2i. 21. Juh.)
Zimmer f, über directe Handelsverbindungen Westgalliens mit
Irland im Alterthum und frühen Mittelalter. IV. V. Vor-
gelegt von Diels. (Gl. 20. Oct.; S. B. 8. Dec.)
Sachau, über den Gharakter der jüdischen Golonie in Elephan-
tine. (Gl. 3. Nov.)
Kirchner, Prof. J., die Doppeldatirungen in den attischen De-
creten. Vorgelegt von v.Wilamowitz-Moellcndorff. (Gl. 1. Dec;
S.B.)
Hirschfeld, Beiträge zur römischen Geschichte. (G. S. 22. Dec.)
Mittlere und neuere Geschichte.
von Schmoller, die thatsächlichc Entwickelung der deutschen
Städte im Mittelalter. (Gl. 13. Jan.)
XIV
Kos er, über die politisclie Haltung des Kurprinzen Johann Sigis-
mund von Brandenburg. (G. S. 31. Mäi-z.)
Lenz, über die Geschichte der Theologischen Facultät an der
Berüner Universität seit der Berufung Neander's bis 1817.
(Gl. 7. April.)
Burdach, Sinn und Ursprung der Worte Renaissance und Re-
formation. (G. S. 28. April, Gl. 2. Juni; S. B. 23. Juni.)
Schäfer, Mittheilungen aus dem ersten Bande seiner »Deutschen
Geschichte«. (Gl. 16. Juni.)
Meyer, Beiträge zur Geschichte der Mormonen. (Gl. 7. Juli.)
Kirch engeschichte.
Ilarnack, das ursprüngliche Motiv der Abfassung von Märtyi-er-
und Heilungsacten in der Kirche. (Gl. 3. Febr.; S. B.)
Harnack, »Ostiarius«. (G. S. 9. Juni; S. B.)
Harnack, das Problem des zweiten Thessalonicherbriefs. (Gl.
16. Juni; S. B.)
Harnack, die Adresse des Epheserbriefs des Paulus. (Gl. 21. Juli;
S. B.)
Meyer, Prof P. M., die Libelü aus der Decianischen Christenver-
' folgung. Vorgelegt von Harnack. (G. S. 24. Nov.; Ahh.)
Allgemeine, deutsche und andere neuere Philologie.
Schmidt, die Ruine als dichterisches Motiv. (G. S. 24. Febr.)
Roethe, über Briefe der Sophie Laroche und Wieland's an die
Gräfin EUsabeth von Solms-Laubach. (G. S. 9. Juni.)
W. Schulze, Etymologisches. (G. S. 14. JuU; S. B. 28. Juli.)
B ran dl, Spielmannsverhältnisse in frühmittelenglischer Zeit. (Gl.
21. Juh;-S.ß. 20. Oct.)
Heusler, Verbrechensfolgen in den Isländersagas. (G. S. 27. Oct.)
XV
Classische Philologie.
Heeg, Dr. J., das Münchener Uncialfragment des Cassius Felix
(clm. 29136). Vorgelegt von Diels. (Gl. 3. März; S. B.)
von Wilamowitz-Moellendorff, über das 6 der Ilias. (Cl.
21. April; S. B.)
Vahlen, über eine Stelle in Aristoteles' Poetik. (G. S. 24. Nov.;
S.B.)
von Wilamowitz-Moellendorff, die Bühne in den ältesten
Tragödien des Aischylos. (Cl. 1. Dec.)
Diels, über einen neuen Versuch, die Echtheit einiger Hippokra-
tischen Schriften nachzuweisen. (Cl. 15. Dec; S.B.)
Diels, Hippokratische Forschungen. II. III. (Cl. 15. Dec.)
Archaeologie.
Kekule von Stradonitz, über griechische Portraits. (Cl. 17. Mära;
Abh. unter dem Titel: Strategenköpfe.)
Conze, Plan eines Tempels auf Mamurt-Kaleh im Jünd-Dag bei
Pergamon. (Cl. 17. Nov.)
Orientalische Philologie.
Thomsen, ein Blatt in türkischer »Runen«schrift aus Turfan.
(Cl. 3. Febr.; S.B. 17. März.)
Andreas, Prof. F. C, zwei soghdische Excurso zu Vilhelm Thom-
sen's: Ein Blatt in türkischer Runenschrift. Vorgelegt von
Müller. (Cl. 3. Febr.; .S'. B. 17. März.)
Erman, zwei Actenstücke aus der thebanischen Gräberstadt. (Cl.
3. März; S. B. 7. April.)
Ranke, Dr. H., keilschriftliches Material zur altaegyptischen Vo-
calisation. Vorgelegt von Erman. (G. S. 10. März; Abh.)
XVI
Schäfer, Prof. IL, und Dr. H. Junker, Bericht über die von der
Königlichen Akademie der Wissenschaften in den Wintern
1908/09 und 1909/10 nach Nubien entsendete Expedition.
Vorgelegt von Erman. (Cl. 12. Mai; S. B. 16. Juni.)
Müller, Uigurica IL (Cl. 20. Oct.; Abh.)
Andreas, Prof. F. C, Bruchstücke einer Pehlewi-Übersetzung der
Psalmen aus der Sassanidenzeit. Vorgelegt von Müller.
(CL 20. Oct.; S. B.)
von Le Coq, Dr. A., Chuastuanift, ein Sündenbekenntnifs der
manichäischen Auditores, gefunden in Turfan. Vorgelegt
von Müller. (Cl. 20. Oct.; Abk.)
Junker, Dr. H., der Auszug der Hathor-Tefnut aus Nubien. Vor-
gelegt von Erman. (Cl. 20. Oct.; Abh.)
Möller, Dr. G., das Decret des Amenophis, des Sohnes des Hapu.
Vorgelegt von Erman. (Cl. B. Nov.; S. B. 17. Nov.)
Lüders, über Varuna. (Cl. 17. Nov.)
Bericht über den Erfolg der Preisausschreibungen für 1910
und neue Preisausschreibungen.
Akademische Preisaufgabe für 1914 aus dem Gebiete der Mathematik.
Die Akademie stellt für das Jahr 1914 folgende Preisaufgabe:
»Die Classenzahl des allgemeinsten Eli'eiskörpers soll be-
rechnet und mit der Classenanzahl seiner Divisoren verghchen
w^erden.«
Der ausgesetzte Preis beträgt fünftausend Mark.
Die Bew^erbungsschriften können in deutscher, lateinischer,
französischer, englischer oder italiänischer Sprache abgefafst sein.
Schriften, die in störender Weise unleserlich geschrieben sind.
XVII
können durch Beschlufs der zuständigen Classe von der Bewer-
bung ausgeschlossen werden.
Jede Bewerbungsschrift ist mit einem Spruchwort zu bezeich-
nen, und dieses auf einem beizufügenden versiegelten, innerlich
den Namen und die Adresse des Verfassers angebenden Zettel
äufserlich zu wiederholen. Schriften, welche den Namen des Ver-
fassers nennen oder deutlich ergeben, werden von der Bewerbung
ausgeschlossen. Zurückziehung einer eingelieferten Preisschrift ist
nicht gestattet.
Die Bewerbungsschriften sind bis zum 31. December 1913
im Bureau der Akademie, Berlin W 35, Potsdamer Strafse 120,
einzuliefern. Die Verkündigung des Urtheils erfolgt in der Leibniz-
Sitzung des Jahres 1914.
Sämmtliche bei der Akademie zum Behuf der Preisbewerbung
eingegangene Arbeiten nebst den dazu gehörigen Zetteln werden
ein Jahr lang von dem Tage der Urtheilsverkündigung ab von
der Akademie für die Verfasser aufbewahrt. Nach Ablauf der be-
zeichneten Frist steht es der Akademie frei, die nicht abgeforderten
Schriften und Zettel zu vernichten.
Preisausschreiben ans dein Eller'schen Legat.
In der Le ihn iz- Sitzung des Jahres 1904 (30. Juni) hat die
Akademie für das Jahr 1910 folgende Preisaufgabe aus dem Ell er'
sehen Legat ausgeschrieben:
»Die Akademie verlangt Untersuchungen über die unsern
Süfswasserfischen schädlichen Myxosporidien. Es ist alles,
was von der Entwicklung dieser Parasiten bekannt ist,
übersichtlich zusammenzustellen und mindestens bei einer
Species der vollständige Zeugungskreis experimentell zu er-
mitteln.«
XVIU
Bewerbungsschriften, welche bis zum 31. December 1909 er-
wartet wurden, sind nicht eingegangen; die Akademie will aber
die Aufgabe unverändert, und zwar für das Jahr 1914, wiederholen.
Der ausgesetzte Preis beträgt viertausend Mark.
Die Bewerbungsschriften können in deutscher, lateinischer,
französischer, enghscher oder italiänischer Sprache abgefafst sein.
Schriften, die in störender Weise unleserlich geschrieben sind, kön-
nen durch Beschlufs der zuständigen Classe von der Bewerbung
ausgeschlossen werden.
Jede Bewerbungsschrift ist mit einem Spruchwort zu bezeich-
nen, und dieses auf einem beizufügenden versiegelten, innerlich den
Namen und die Adresse des Verfassers angebenden Zettel äufser-
lich zu wiederholen. Schriften, welche den Namen des Verfassers
nennen oder deutlich ergeben, werden von der Bewerbung aus-
geschlossen. Zurückziehung einer eingeUeferten Preisschrift ist nicht
gestattet.
Die Bewerbungsschriften sind bis zum 31. December 1913 im
Bureau der Akademie, Berlin W 35, Potsdamer Strafse 120, ein-
zuhefern. Die Verkündigung des Urtheils erfolgt in der Leibniz-
Sitzung des Jahres 1914.
Sämmtliche bei der Akademie zum Behuf der Preis be Werbung
eingegangene Arbeiten nebst den dazu gehörigen Zetteln werden
ein Jahr lang von dem Tage der Urtheilsverkündigung ab von der
Akademie für die Verfasser aufbewahrt. Nach Ablauf der bezeich-
neten Frist steht es der Akademie frei, die nicht abgeforderten
Schriften und Zettel zu vernichten.
Preis der Steiner sehen Stiftung.
In der Leibniz-Sitzung am 29. Juni 1905 hat die Akademie
für den Stein er 'sehen Preis zum dritten Male die Aufgabe ge-
stellt:
XIX
»Es soll irgend ein bedeutendes, auf die Lehre von den
krummen Flächen sich beziehendes, bis jetzt noch nicht ge-
löstes Problem möglichst mit Berücksichtigung der von
J. Steiner aufgestellten Methode und Principien vollständig
gelöst werden.«
»Es wird gefordert, dafs zur Bestätigung der Richtigkeit
und Vollständigkeit der Lösung ausreichende analytische Er-
läuterungen den geometrischen Untersuchungen beigegeben
werden.«
»Ohne die Wahl des Themas einschränken zu wollen,
wünscht die Akademie bei dieser Gelegenheit die Aufmerk-
samkeit der Geometer auf die speciellen Aufgaben zu richten,
auf welche J. Steiner in der allgemeinen Anmerkung am
Schlüsse seiner zweiten Abhandlung über Maximum und
Minimum bei den Figuren in der Ebene, auf der Kugelfläche
und im Räume überhaupt hingewiesen hat.«
Eine Bearbeitung ist für dieses Thema indes auch diesmal
nicht eingegangen, und die Akademie zieht die gestellte Preis-
aufgabe nunmehr zurück.
Den Statuten der Steiner'schen Stiftung gemäfs will die
Akademie den frei gewordenen Preis von Sechstausend Mark zur
Anerkennung hervorragender Arbeiten aus dem Gesammtbereich
der Geometrie verwenden. Derselbe wird zuerkannt dem corre-
spondirenden Mitglied der Akademie Hrn. Gaston Darboux in
Paris, Mitglied des Institut de France und ständigem Secretär der
Academie des Sciences, für seine ausgezeichneten geometrischen
Arbeiten.
Gleichzeitig stellt die Akademie für das Jahr 1915 folgende
neue Preisaufgabe:
»Es sollen alle nicht zerfallenden Flächen fünften Grades
bestimmt und hinsichtlich ihrer wesentüchen Eigenschaften
XX
untersucht werden, auf denen eine oder mehr als eine Schar
von im allgemeinen nicht zerfallenden Curven zweiten Grades
hegt.«
»Es wh-d gefordert, dafs zur Bestätigung der Richtigkeit
und Vollständigkeit der Lösung ausreichende analytische Er-
läuterungen den geometrischen Untersuchungen beigegeben
werden.«
Für die Lösung der Aufgabe wird ein Preis von 7000 Mark
ausgesetzt.
Die Bewerbungsschrif'ten können in deutscher, lateinischer,
französischer, englischer oder italiänischer Sprache abgefafst sein.
Schriften, die in störender Weise unleserlich geschrieben sind,
können durch Beschlufs der zuständigen Classe von der Bewerbung
ausgeschlossen werden.
Jede Bewerbungsschrift ist mit einem Spruchwort zu bezeich-
nen, und dieses auf einem beizufügenden versiegelten, innerlich
den Namen und die Adresse des Verfassers angebenden Zettel
äufserlich zu wiederholen. Schriften, welche den Namen des Ver-
fassers nennen oder deutlich ergeben, werden von der Bewerbung
ausgeschlossen. Zurückziehung einer eingelieferten Preisschrift ist
nicht gestattet.
Die Bewerbungsschriften sind bis zum 3L December 1914 im
Bureau der Akademie, Berlin W 35, Potsdamer Strafse 120, ein-
zuliefern. Die Verkündigung des Urtheils erfolgt in der Leibniz-
Sitzung des Jahres 1915.
Sämmtliche bei der Akademie zum Behuf der Preisbewerbung
ehigegangene Arbeiten nebst den dazu gehörigen Zetteln werden
ein Jahr lang von dem Tage der Urtheilsverkündigung ab von der
Akademie für die Verfasser aufbewahrt. Nach Ablauf der be-
zeichneten Frist steht es der Akademie frei, die nicht abgeforderten
Schriften und Zettel zu vernichten.
XXI
Preisaufgabe der Charlotten-Stiftung.
Gemäfs dem Statut der von Frau Charlotte Stiepel geb.
Freiin von Hopffgarten errichteten Charlotten-Stiftung für
Philologie hat die Akademie in der Leib niz- Sitzung am 1. Juü
1909 die folgende Preisaufgabe gestellt:
-' ' »In den litterarischen Papyri sind so zahlreiche proso-
dische Zeichen an das Licht getreten, dafs das Aufkommen
und die Verbreitung der griechischen Accentuation sich ver-
folgen läfst und die byzantinische Tradition, die im Wesent-
lichen noch heute herrscht, controlirt werden kann. Dazu
ist die erste und nöthigste Vorarbeit, dafs festgestellt wird,
in welchen Fällen die antiken Schreiber und Correctoren die
Prosodie bezeichnen, und wie sie das thun. Zur Vergleichung
müssen mindestens einige sorgfältig geschriebene Handschrif-
ten des 9. und 10. Jahrhunderts herangezogen werden. Diese
Aufgabe stellt die Akademie. Es bleibt dem Bearbeiter an-
heimgestellt, inwieweit er die Lehren der antiken Grammati-
ker heranziehen will, oder andererseits Schlüsse auf die wirk-
liche Betonung und Aussprache machen.«
Es sind drei Bewerbungsschriften eingegangen, die eine aller-
dings erst am 1 . März, dem Einlieferungstermine, zur Post gegeben ;
die Akademie hat sie noch angenommen, wird aber in Zukunft
in dem Ausschreiben deutlich aussprechen, dafs die Bewerbungs-
schriften am 1. März in die Hände der Akademie gelangen müssen.
Die Arbeit mit dem Motto nroXfia npri^tos d/j;^^'« kann schon
wegen ihres Umfanges und der aphoristischen Behandlung des
Themas nicht ernstlich in Betracht kommen.
Die Arbeit mit dem Motto »rem tene, verba sequentur« hat
aus vier besonders wichtigen Papyri das gesammte Material ge-
ordnet vorgelegt und auch sonst das Wichtigste verarbeitet, auch
XXll
die grammatische Tradition herangezogen, und die zusammenfas-
sende Darlegung zeugt von ebensoviel Fleifs wie eindringendem
Urtheil, w^enn sich der Verfasser auch selbst darüber klar ist, dafs
er in der verfügbaren Zeit imr Unfertiges und Provisorisches Uefern
konnte. Es w^erden sich noch manche Schlüsse und Behauptungen
bei der nothwendigen Erweiterung und Vertiefung der Arbeit anders
stellen.
Ziemlich dasselbe gilt für den Verfasser der Arbeit mit dem
Motto »Der kennt den Ernst der Arbeit usw.«. Aber seine Samm-
lungen sind so weit gediehen, dafs er wirkhch im wesentUchen
alle in antiken Büchern erhaltenen Accente bereits gesammelt und
geordnet vorgelegt hat. Demgemäfs erstrecken sich seine Beob-
achtungen und die Probleme, die er aufwirft, weiter als in der
anderen Bewerbungsschrift, und wenn auch keine von beiden mehr
als Vorarbeiten zu dem Buche liefert, das die von der Akademie
bezeichnete Aufgabe lösen soll, so würden sie doch beide als ge-
nügend für die Zutheilung des Preises erachtet werden können.
Es ist wesentüch das Übergewicht des gesammelten Materials, was
die Akademie bestimmt, der Arbeit mit dem Motto »Der kennt
den Ernst der Arbeit« den vollen Preis, der mit dem Motto »rem
tene« einen Nebenpreis in Höhe einer einjährigen Rate des Haupt-
preises zuzuerkennen.
Die nach Verkündung des vorstehenden Urtheils vorgenom-
mene Eröffnung der Namenszettel ergab als Verfasser der mit dem
vollen Preise ausgezeichneten Arbeit Hrn. Bernhard Laum, Can-
didaten des höheren Schulamts in Strafsburg i. E., und als Ver-
fasser der durch den Nebenpreis anerkannten Arbeit Hrn. Her-
mann Flebbe, Candidaten des höheren Schulamts in Hannover.
XXI n
Verzeichnifs der im Jalire 1910 erfolgten besonderen Greldbe-
willigungen aus akademischen Mitteln zur Ausführung wissen-
schaftHcher Unternehmungen.
Es wurden im Laufe des Jahres 1910 bewilligt:
2300 Mark dem Mitglied der Akademie Hm. Engler zur Fort-
fiQlu'ung der Herausgabe des »Pflanzenreich«.
4000 » dem Mitglied der Akademie Hrn. F, E. Schulze zur
Fortfuhrung des Unternehmens »Das Tierreich«.
6000 » dem Mitghed der Akademie Hrn. Koser zur Fort-
fuhrung der Herausgabe der Politischen Correspondenz
Friedrich's des Grofsen.
5000 » dem Mitglied der Akademie Hrn. von Wilamowitz-
Moellendorff zur Fortführung der Sammlung der
griechischen Inschriflen.
4000 » der Deutschen Commission der Akademie zur Fort-
führung ihrer Unternehmungen.
2000 » dem Curatorium der Akademischen Jubiläumsstiflung
der Stadt Berlin zu den Kosten der VeröfFentüchung
der Ergebnisse der von der Stiftung veranstalteten
Trinil-Expedition.
1000 » zur Förderung des Unternehmens des Thesaurus
ünguae Latinae über den etatsmäfsigen Beitrag von
5000 Mark hinaus.
1500 » zur Bearbeitung der hieroglyphischen Inschriflen der
griechisch-römischen Epoche für das Wörterbuch der
aegyptischen Sprache.
500 » zu der von den cartellirten deutschen Akademien unter-
nommenen Herausgabe der mittelalterlichen Bibliotheks-
katalogc.
XXIV
2500 Mark für das Unternehmen einer Neuausgabe der Septua-
ginta, welche das Cartell der deutschen Akademien
in die Hand genommen hat.
2875 » dem Mitghed der Akademie Hrn. Engler zur Foi1>-
setzung des Sammelwerkes »Die Vegetation der Erde«.
2000 » dem Mitglied der Akademie Hm. F. E. Schulze zur
Fortführung seiner Untersuchungen über die Lufträume
des Vogelkörpers.
1500 » dem Mitglied der Akademie Hrn. Struve zu einer Be-
arbeitung der in den letzten Jahrzehnten angestellten
Beobachtungen der Uranusmonde.
12000 » dem Mitglied der Akademie Hrn. S ach au als Beitrag
zu den Kosten der Herstellung eines Thesaurus der
japanischen Sprache.
1000 » dem correspondirenden Mitghed der Akademie Hm. von
Bezold in Bonn zu den Vorarbeiten für eine Mono-
graphie über den französischen Publicisten Jean
Bodin.
600 » dem correspondirenden Mitglied der Akademie Hm.
Mitteis in Leipzig zur Herstellung einer Sammlung
der justinianischen Interpolationen in den Digesten,
dem Codex Justinianus und den Institutionen.
1500 Frcs. der Biologischen Station in RoscofF gegen Einräumung
eines von der Akademie zu vergebenden Arbeitsplatzes
für die Dauer eines Jahres.
1000 Mark dem von dem zweiten Deutschen Kalitage eingesetzten
Comite zur wissenschaftlichen Erforschung der nord-
deutschen Kalisalzlager.
1000 » Hm. Prof. Dr. Emil Abderhalden in Berlin zu Ver-
suchen liber Ernährung mit vollständig abgebautem
Eiweifs.
XXV
420 Mark Hm. Prof. Dr. Ernst Anding in Gotha zur Herausgabe
einer von ihm berechneten Tafel der Bessel'schen Func-
tionen für imaginäre Argumente.
1200 » Hrn. Prof. Dr. Adolf Borgert in Bonn zu weiteren
Untersuchungen über Radiolarien.
1000 » Hm. Privatdocenten Dr. Otto H. Erdmannsdörffer
' in Berün zu Untersuchungen über Contact-Metamor-
phismus in französischen Gebirgen.
1000 » Hrn. Dr. Victor Franz in Frankfurt a. M. zur Fort-
setzung seiner Untersuchungen über Fischwanderungen.
600 » Hrn. Prof. Dr. Karl Haufsmann in Aachen zur Unter-
suchung des Aachener magnetischen Störungsgebiets.
500 » Hm. Dr. M. K. Ho ff mann in Leipzig zur Fortführung
der Bearbeitung eines Lexikons der anorganischen Ver-
bindungen.
1000 » Hm. Prof. Dr. Arrien Johnsen in Kiel zur Unter-
suchung des auf den Inseln S. Pietro und S. Antioc o
gesammelten mineralogischen Materials.
600 » Hrn. Dr. Otto Kalischer in Berlin zur Fortführung
seiner Untersuchungen über die Hörsphären des Grofs-
hims usw.
600 » Hm. Dr. Ludwig Keil hack in Berlin zur Fortsetzung
seiner zoologischen Seenuntersuchungen in den Dau-
phine- Alpen.
650 » Hm. Privatdocenten Dr. Hans Kniep in Freiburg i.
Br. zu Untersuchungen über den Einflufs der Schwer-
kraft auf die Orienth-ungsbewegungen von Pflanzen-
organen.
500 » Hm. Prof. Dr. Paul Kuckuck auf Helgoland für eine
Reise nach England und Irland zum Abschlufs seiner
Bearbeitung der Phaeosporeen.
XXVI
500 Mark Hrn. Prof. Dr. Otto Ruff in Danzig zur Fortsetzung
seiner Untersuchungen über das Osmium.
2000 » Hm. Prof. Dr. Johannes Walther in Halle a. S. zu
einer Reise nach Aegypten behufs Studien über Wüsten-
bildung.
5000 » zur Untersuchung antiker Anlagen bei Paphos auf
Cypern durch Hrn. Dr. Robert Zahn in Berlin,
500 » für die Zwecke des Corpus inscriptionum Etrascarum.
1500 » Hm. Prof Dr. Erich Ad ick es in Tübingen zur Druck-
legung seiner Untersuchungen über Kant's physische
Geographie.
600 » Hrn. Dr. Theodor Kluge in Berlin zur photogra-
phischen Aufnahme altgeorgischer Handschriften.
800 » Hrn. Prof Dr. Gustav Knod in Strafsburg i. E. zu einer
Reise nach Frankreich behufs Fortführung der Arbeit
an seinem Werke »Die deutsche Nation zu Orleans«.
1800 » Hrn. Prof Dr. Oskar Mann in Berlin zur Fortsetzung
seiner Forschungen über Kurdistan und seine Be-
wohner.
1000 » Demselben zur Drucklegung der II. Abtheilung seiner
» Kurdisch-persischen Forschungen « .
500 » Hrn. Prof Dr. Hans Pomtow in Berlin zur Vollendung
seiner Delphischen Studien.
2500 » Hrn. Prof Dr. Friedrich Schulthefs in Göttingen zur
Drucklegung seines Werkes »Kaiila und Dimna. Sy-
risch und deutsch.«
500 » Hrn. Privatdocenten Dr. Rudolf Unger in München
zur Drucklegung seines W^erkes »Hamann und die
Aufklärung.«
XXVII
Verzeichnifs der im Jahre 1910 erschienenen im Auftrage
oder mit Unterstützung der Akademie bearbeiteten oder
herausgegebenen Werke.
Das Pflanzenreich. Regni vegetabilis conspectus. Im Auftrage
der Königl. preufs. Akademie der Wissenschaften hrsg. von
A. Engler. Heft 41 -46. Leipzig 1910.
Das Tierreich. Eine Zusammenstellung und Kennzeichnung der
rezenten Tierformen. Begründet von der Deutschen Zoolo-
gischen Gesellschaft. Im Auftrage der Königl. Preuß. Aka-
demie der Wissenschaften zu Berlin hrsg. von Franz Eilhard
Schulze. Lief. 24. Berlin 1910.
Acta Bomssica. Denkmäler der Preußischen Staatsverwaltung im
18. Jahrhundert. Hrsg. von der Könighchen Akademie der
Wissenschaften. Behördenorganisation und allgemeine Staats-
verwaltung. Bd. 5, Hälfte 1. Bd. 10. — Die einzelnen Ge-
biete der Verwaltung: Getreidehandelspolitik. Bd. 3. Münz-
wesen. Münzgeschichtlicher Teil. Bd. 3. Berlin 1910.
Politische Correspondenz Friedrich's des Grofsen. Bd. 34. Berün 1910.
Kant's gesammelte Schriften. Hrsg. von der Königlich Preußischen
Akademie der Wissenschaften. Bd. 1 (Neudruck). Berlin 1910.
Die antiken Münzen Nord - Griechenlands. Unter Leitung von
F. Imhoof- Blumer hrsg. von der Kgl. Akademie der Wis-
senschaften. Bd. 1. Dacien und Moesien, bearb. von Beh-
rendt Pick und Kurt Regung. Halbbd. 2, Abth. 1. Ber-
hn 1910.
Deutsche Texte des Mittelalters hrsg. von der Königlich Preußi-
schen Akademie der Wissenschaften. Bd. 11. Die Predigten
Taulers. Bd. 18. Gundackers von Judenburg Christi Hort.
Bd. 21. Die poetische Paraphrase des Buches Iliob. Ber-
lin 1910.
XXVIII
Wielands Gesammelte Schriften. Hrsg. von der Deutschen Kom-
mission der Königlich Preußischen Akademie der Wissen-
schaften. Abt. 1, Bd. 3. Berlin 1910.
Thesaurus linguae Latinae editus auctoritate et consiüo Academia-
rum quinque Germanicarum Berohnensis Gottingensis Lip-
siensis Monacensis Vindobonensis. Vol. 3, Fase. 6. 7. Vol. 5,
Fase. 1. 2. Supplementum : Nomina piopria Latina. Fase. 2.
Lipsiae 1910.
Ergebnisse der Plankton-Expedition der Humboldt-Stiftung. Bd. 3.
Lh: Die Tripyleen Radiolarien. 10. Borgert, A. Poiospa-
thidae und Cadiidae. Kiel und Leipzig 1910.
Reck, Hans. Isländische Masseneruptionen. Jena 1910. (Geo-
logische und paläontologische Abhandlungen. Hrsg. von
E. Koken. Neue Folge. Bd. 9, Heft 2.)
Schnitze, Leonhard. Zoologische und anthropologische Ergeb-
nisse einer Forschungsreise im westlichen und zentralen Süd-
aft'ika ausgeführt in den Jahren 1903 — 1905. Bd. 4. Jena
1910. (Denkschriften der Medicinisch-Naturw^issenschaftlichen
Gesellschaft zu Jena. Bd. 16.)
Vocabularium lurisprudeiitiae Romanae iussu Institut! Savigniani
compositum. Tom. 3, Fase. 1. Tom. 5, Fase. 1. Berolini 1910.
Die griechischen christlichen Schriftsteller der ersten drei Jahr-
hunderte. Hrsg. von der Kirchenväter-Commission der Königl.
Preufsischen Akademie der Wissenschaften. Bd. 18: Die
Esra -Apokalypse (IV. Esra). Tl. 1. Leipzig 1910.
Philippson, Alfred. Topographische Karte des westlichen Klein-
asien. Lief 1. Gotha 1910.
Philippson, Alfred. Reisen und Forschungen im westlichen
Kleinasien. Heft 1. Gotha 1910. (Ergänzungsheft N. 167
zu B Petermanns Mitteilungen«.)
XXIX
Voeltzkow, Alfred. Reise in Ostafrika in den Jahren 1903 — 1905
mit Mitteln der Hermann und Elise geb. Heckmann Wentzel-
Stiftung ausgeführt. Wissenschaftliche Ergebnisse. Bd. 2.
Stuttgart 1906—10.
Ammiani Marcellini rerum gestarum libri qui supersunt rec. rhyth-
miceque distinxit Carolus U. Clark. Vol. 1. Berolini 1910.
Ascherson, Paul, und Graebner, Paul. Synopsis der mittel-
europäischen Flora. Lief. 64 — 70. Leipzig 1909 — 10.
Bauschinger, J., und Peters, J. Logarithmisch-trigonometrische
Tafeln mit acht Dezimalstellen. Bd. 1. Leipzig 1910.
Hoffmann, M. K. Lexikon der anorganischen Verbindungen. Bd. 1,
Bogen 1—5. Bd. 3, Bogen 1—5. Leipzig 1910.
Lehmann-Haupt, C. F. Armenien einst und jetzt. Bd. 1. Ber-
lin 1910.
Mann, Oskar. Kurdisch-persische Forschungen. Abt. 2. Berlin 1910.
von Recklinghausen, Friedrich. Untersuchungen über Rachitis
und Osteomalacie. Text und Atlas. Jena 1910.
Römer, Fritz, und Schaudinn, Fritz. Fauna Arctica. Eine Zu-
sammenstellung der arktischen Tierformen. Fortgesetzt von
August Brauer. Bd. 5, Lief 1. Jena 1910.
Salomon, Wilhelm. Die Adamellogruppe. Tl. 2. Wien 1910. (Ab-
handlungen der k. k. Geologischen Reichsanstalt. Bd. 21,
Heft 2.)
Schweinfurth, Georg. Aufnahmen in der östlichen Wüste von
Aegypten. Serie 1, Blatt 7. 8. Berlin.
Spuler, Arnold. Die Schmetterlinge Europas. Lief 31 — 37.
38a. 38b. Stuttgart 1905 — 10.
Taschenberg, 0. Bibliotheca zoologica U. Verzeichnifs der Schrif-
ten über Zoologie, welche in den periodischen Werken ent-
halten und vom Jahre 1861 — 1880 selbständig erschienen
sind. Lief 18. Leipzig 1910.
XXX
Veränderungen im Personalstande der Akademie im Laufe des
Jahres 1910.
Es wurden gewählt:
zum auswärtigen Mitglied der physikalisch -mathematischen
Classe:
Lord Rayleigh in Witham, Essex, bisher correspondirendes Mit-
glied, bestätigt durch K. Cabinetsordre vom 6. April 1910;
zum Ehrenmitglied:
Bernhard Fürst von Bülow in Rom, bestätigt durch K. Cabi-
netsordre vom 31. Januar 1910;
zu correspondirenden Mitgliedern der physikalisch-mathemati-
schen Classe:
Hr. Albert Ladenburg in Breslau ] _ ^ ,^.1«
„ •• • nf ü .[ am 6. Januar 1910,
Roland Baron Lotvos m üien-rest j
Hr. Wilhelm Wien in Würzburg am 14. Juü 1910,
Sir Joseph John Thomson in Cambridge, England
» Victor Horsley in London,
Hr. Felix Marchand in Leipzig
» Friedrich Merkel in Göttingen
» Angelo Mosso in Turin
» Gustav Schwalbe in Strafsburg
» Oswald Schmiedeberg in Strafsburg
» William Morris Davis in Cambridge, Mass.
» Lewis Boss in Albany, N. Y. ] «„ ^ , ,^,«
,..,.,„.. ^ ."^' am 27. October 1910;
» J^nednch Kustner m Bonn
am
28. Juh
1910,
XXXI
zu con-espondirenden Mitgliedern der philosophisch -lüstorischeii
Classe:
Hr. Wilhelm Fröhner in Paris am 23. Juni 1910,
» Samuel Rolles Driver in Oxford
» Ignaz Goldziher in Ofen-Pest
» Franz Praetorius in Breslau
am 8. December 1910.
Gestorben sind:
die ordentüchen Mitglieder der physikaüsdi-mathematischen
Classe:
Hr. Hans Landolt am 15. März 1910,
» Robert Koch am 27. Mai 1910;
die ordentüchen MitgUeder der philosophisch-historischen Classe:
Hr. Adolf Tobler am 18. März 1910,
» Heinrich Zimmer am 29. JuU 1910;
die auswärtigen Mitglieder der physikalisch-mathematischen
Classe:
Hr. Eduard Pflüger in Bonn am 16. März 1910,
» Giovanni Virginio Schiaparelli in Mailand am 4. Juli 1910;
das auswärtige Mitglied der philosophisch-historischen Classe:
Hr. Leopold Delisle in Paris am 22. Juli 1910;
das EhrenmitgUed:
Hr. Friedrich Kohlrausch in Marburg am 17. Januar 1910;
die correspondirenden Mitglieder der physikahsch-mathemati-
schen Classe:
Hr. Alexander Agassiz in Cambridge, Mass. am 27. Mäi-z 1910,
» Eduard van Beneden in Lüttich am 28. April 1910,
» Stanislao Cannizzaro in Rom am 10. Mai 1910,
XXXII
Sir William Huggins in London am 12. Mai 1910,
Hr. Friedrich von Recklinghausen in Strafsburg am 26. Au-
gust 1910,
» Melchior Treub, früher in Buitenzorg, zuletzt in Saint-Ra-
phael (Südfrankreich) am 3. October 1910,
» Rudolf Fittig in Strafsburg am 19. November 1910,
» Angelo Mosso in Turin am 24. November 1910;
die correspondirenden Mitglieder der philosophisch-historischen
Classe:
Hr. Benedictus Niese in Halle a. S. am 1. Februar 1910,
» Emil Schürer in Göttingen am 30. April 1910,
» Adolf Michaelis in Strafsburg am 12. August 1910,
» William James in Cambridge, Mass. am 27. August 1910.
xxxin
Verzeichnifs der Mitglieder der Akademie am Schlüsse des
Jahres 1910
nebst den Verzeichnissen der Inhaber der Helmholtz- und der Leibniz-Medaille
und der Beamten der Akademie.
I. Beständige Secretare.
Gewählt von der Datum der Königlichen
Bestätigung
Hr. Auwers phys.-math. Classe . . . - . , 1878 April 10.
- ValUen phil.-hist. - 1893 April 5.
- DieU phil.-hist. - 1895 Nov. 27.
- Waldeyer phys.-math. - 1896 Jan. 20.
II, Ordentliche Mitglieder.
PhyailuliKli-matlieiiutuehe CUs« PhiIosopbi.ch. historische Classe ""'""uMtSti"'!^'''''"'"
Hr. Arthur Auwers 1866 Aug. 18.
Ur. Johannes Va/den 1874 Dec. 16.
- Alexander Conze .... 1877 April 23.
- Simon Schwendener 1879 Juli 13.
- Hermann Mtink 1880 März 10.
- Hermann Diels 1881 Aug. 15.
- Wülielm Waldeyer 1884 Febr. 18.
Heinrich Brunner .... 1884 April 9.
- Franz Eilhard Schulze 1884 Juni 21.
- OUo Hirschfcld 1885 März 9.
Edxuird Sa^hau 1887 Jan. 24.
- Gustav von Schmoller . . . 1887 Jan. 24.
- WWtelm iniihey 1887 Jan. 24.
- Adolf Engler 1890 .Tan. 29.
- Adolf Harnack 1890 P^ebr. 10.
- Hermann Amandus Schwarz 1892 Dee. 19.
- Georg Frobenius 1893 Jan. 14.
- Emü Fischer 1893 Febr. 6.
- Oskar Hertwig 1893 April 17.
- Max Planck 1894 Juni 11.
- Karl Stampf 1895 Febr. 18.
e
XXXIV
Physikalisch-mathematische Ciasso Philosophisch-historische Classe BestÄtieunl
Hr. Erkh Schmidt 1895 Febr. 18.
- Adolf Erman 1895 Febr. 18.
Hr. Emü Warburg 1895 Aug. 13.
- Jakob Heinrich van't Hoff 1896 Febr. 26.
- ReinlMld Koser 1896 Juli 12.
- Max Lenz 1896 Dec. 14.
- Rdnliard Kehde von Stradonitz 1898 Juni 9.
Ulrich von Wüamowitz-
Moellmdorff 1899 Aug. 2.
- WUhelm Branca 1899 Dec. 18.
- Robert Hehnert 1900 Jan. 31.
- Heinrich Müller-Breslau 1901 Jan. 14.
- Heinrich Dressel .... 1902 Mai 9.
- Konrad Burdach .... 1902 Mai 9.
- Friedrich Sclwttky 1903 Jan. 5.
- Gustav Roeihe 1903 Jan. 5.
- Dietrich Schäfer 1903 Aug. 4.
- Eduard Meyer 1903 Aug. 4.
- Wilhelm Schulze .... 1903 Nov. 16.
- Abis Brandl 1904 April 3.
- Herrnann Struve 1904 Aug. 29.
- Hermann Zimmermann 1904 Aug. 29.
- Adolf Martens 1904 Aug. 29.
- WaUher Kernst 1905 Nov. 24.
- Max Bubner 1906 Dec. 2.
- Johannes Orth 1906 Dec. 2.
- Albrecht Penck 1906 Dec. 2.
- Friedrich Müller .... 1906 Dec. 24.
- Andreas Heusler .... 1907 Aug. 8.
- Heinrich Rubens 1907 Aug. 8.
Theodor Liebisch 1908 Aug. 3.
- Eduard Seier 1908 Aug. 24.
- Heinrich Lüders .... 1909 Aug. 5.
- Heinrich Morf 1910 Dec. 14.
- Heinrich Wölfflin . . . . 1910 Dec. 14.
XXXV
in. Auswärtige Mitglieder.
PhnikaUseh-nuttheDutueh« Cl»J»e PhUoaophiscb-hiitoriiche ClMse Datum der Kömglichen
BesUtigung
Hr. TIieodorNöldekemStva.khnrg 1900 März 5.
- Friedrich Imhoof-Blumer in
Winterthur 1900 März 5.
- Pasquale Villari in Florenz . 1900 März 5.
Hr. Wiüi^im Hittorf in Müaster i.W 1900 März 5.
- Eduard Suess in Wien 1900 März 5.
Sir Joseph Dalton Hooker in Sun-
ningdale . 1904 Mai 29.
Hr. Adolf von Baeyer in München 1905 Aug. 12.
- Vatroslav von Jagii in Wien 1908 Sept. 25.
- Panagioüs Kabbadiasia Mhtn 1908 Sept. 25.
Lord Raylägh in Witham, Essex 1910 April 6.
IV. Ehrenmitglieder.
Datum der Königlichen
BcHtAtiguDg
Earl of Crawford and Balcarres in Haigli HaU, Wigan .... 1883 Juli 30.
Hr. Max Lehmann in Göttingen 1887 Jan. 24.
Hugo Graf von und zu Lerchenfeld in Berlin 1900 März 5.
Hr. Richard Schöne in Grunewald bei Berlin 1900 März 5.
Frau Elise Wentzel geb. Heckmann in Berlin 1900 März 5.
Hr. Konrad von Studt in Berlin 1900 März 17.
- Andrew Dickson WhiU m IthAcsi, "iü.Y 1900 Dec. 12.
Rochus Frhr. von Liliencron in Coblenz 1901 Jan. 14.
Bernhard Fürst von Bülow in Rom 1910 Jan. 31.
XXXVI
V. Correspondirende Mitglieder.
Physikalisch-mathematische Classc. Datum der Wahl
Hr. Ernst Wilhelm Benecke in Strafsburg 1900 Febr. 8.
- Lerds Boss in Albany, N. Y 1910 Oct. 27.
- Oskar Brefeld in Charlottenburg 1899 Jan. 19.
- Heinrich Bruns in Leipzig 1906 Jan. 11.
- Otto Bütschli in Heidelberg 1897 März 11.
- Karl Chun in Leipzig 1900 Jan. 18.
- Giacomo Ciamician in Bologna 1909 Oct. 28.
- Gaston Darbmix in Paris 1897 Febr. 11.
Sir George Howard Darwin in Cambridge 1908 Juni 25.
Hr. William Morris Davis in Cambridge, Mass 1910 Juli 28.
- Richard Dedekind in Braunschweig 1880 März 11.
- Nils Christof er Duner in Upsala 1900 Febr. 22.
- Er7isi Ehlers in Göttingen 1897 Jan. 21.
Roland Baron Eötoös in Ofen-Pest 1910 Jan. 6.
Hr. Max Fivrbringer in Heidelberg 1900 Febr. 22.
Sir Archibald Geikie in Haslemere, Surrey 1889 Febr. 21.
- David GUI in London 1890 Juni 5.
Hr. Paul Gordan in Erlangen 1900 Febr. 22.
- Karl Graebe in Frankfurt a. M 1907 Juni 13.
- Ludwig von Graff in Graz 1900 Febr. 8.
- Gottlieb Haberlandt in Berlin 1899 Juni 8.
- Julius Hann in Wien 1889 Febr. 21.
- Victor Hensen in Kiel 1898 Febr. 24.
- Richard von Hertmig in München 1898 April 28.
Sir Victor Horsley in London 1910 Juli 28.
Hr. Adolf von Koenen in Göttingen 1904 Mai 5.
- Leo Koenigsbergei- in Heidelberg 1893 Mai 4.
- Willlehn Kömer in Mailand 1909 Jan. 7.
Friedrich Küstner in Bonn 1910 Oct. 27.
- Albert Ladenhirg in Breslau 1910 Jan. 6.
- Henri Le Chatelier in Paris 1905 Dec. 14.
- Philipp Lenard in Heidelberg 1909 Jan. 21.
- Michel LSoy in Paris 1898 JuU 28.
- Gabriel Lippmann in Paris 1900 Febr. 22.
- Hendrik Antoon Lorentz in Leiden 1905 Mai 4.
- Hubert Ludwig in Bonn 1898 Juli 14.
XXXVII
Datum der Wahl
Hr. Felix Marchand in Leipzig 1910 Juli 28.
- Friedrich Merkel in Göttingen 1910 Juli 28.
- Franz Mertens in Wien 1900 Febr. 22.
- Henrik Mohn in Christiania 1900 Febr. 22.
- Alfred Galjriel Nathwst in Stockliolm 1900 Febr. 8.
- Karl Neumann in Leipzig 1893 Mai 4.
- Max Noeiher in Erlangen 1896 Jan. 30.
- Wilhelm Osiwald in Grofs-Bothen, Kgr. Sachsen 1905 Jan. 12.
- Wil/ielm Pfeffer in Leipzig 1889 Dec. 19.
- Emile Board in Paris 1898 Febr. 24.
- Edward Charles Pickering in Cambridge, Mass 1906 Jan. 11.
- Henri Poincare in Paris 1896 Jan. 30.
- Georg Quincke in Heidelberg 1879 März 13.
- Ludwig Radlkofer in München 1900 Febr. 8.
Sir William Ramsay in London 1896 Oct. 29.
Hr. Gustaf Retzim in Stockholm 1893 Juni 1.
- Theodore William Richards in Cambridge, Mass 1909 Oct. 28.
- Wilhelm Konrad Röntgen in München 1896 März 12.
Heinrich Rosenbusch in Heidelberg 1887 Oct. 20.
- Georg Ossian Sars in Christiania 1898 Febr. 24.
- Oswald Schmied^berg in Strafsburg 1910 Juli 28.
- Gustav Schwalbe in Strafsburg 1910 Juli 28.
- Hugo von Seeliger in München 1906 Jan. 11.
Hermann Graf zu Sohns -Latihach in Strafsburg 1899 Juni 8.
Hr. Johann Wilhelm Spengel in Giefsen 1900 Jan. 18.
- Eduard Strasburger in Bonn 1889 Dec. 19.
- Johannes Sträver in Rom 1900 Febr. 8.
Sir Joseph John Thomson in Cambridge 1910 Juli 28.
Hr. August Toepler in Dresden 1879 März 13.
- Gustav von Tschermak in Wien 1881 März 3.
Sir Wiüiam Tumer in Edinburg 1898 März 10.
Hr. Woldemttr Voigt in Göttingen 1900 März 8.
- Johannes Diderik van der Waals in Amsterdam 1900 Febr. 22.
- Otto Wallach in Göttingen 1907 Juni 13.
- Eugenius Warmifig in Kopenhagen 1899 Jan. 19.
- Heinrich Weber in Strafsburg 1896 Jan. 30.
- August Weismann in Freiburg i. Br 1897 März 11.
- Wilhelm Wien in Würzburg 1910 Juli 14.
- Julius von Wiesner in Wien 1899 Juni 8.
- Ferdinand Zirkel in Bonn 1887 Oct. 20.
XXXVIII
Philosophisch-historische Classe. Datum d« Wahl
Hr. Karl von Amira in München 1900 Jan. 18.
- Ernst Immamiel Bekker in Heidelberg 1897 Juli 29.
- Friedrich von Bezold in Bonn 1907 Febr. 14.
- Eugen Bormann in Wien 1902 Juli 24.
- Emile Bouirotix in Paris 1908 Febr. 27.
- James Henry Breasted in Chicago 1907 Juni 13.
Ingram Bywater in London 1887 Nov. 17.
- Reni Cagnat in Paris 1904 Nov. 3.
- Arthur Chuquet in Villemomble (Seine) 1907 Febr. 14.
Samuel RoUes Driver in Oxford 1910 Dec. 8.
- Louis Duchesne in Rom 1893 Juli 20.
Benno Erdmann in Berlin 1903 Jan. 15.
- Julius Euting in Strafsburg 1907 Juni 13.
- Patd Foucart in Paris 1884 Juli 17.
- Wilhelm Fröhner in Paris 1910 Juni 23.
- Percy Gardner in Oxford 1908 Oct. 29.
[gnaz Goldziher in Ofen-Pest 1910 Dec. 8.
- T/ieodor Gomperz in Wien 1893 Oct. 19,
- Francis Llewellyn Grifßth in Oxford 1900 Jan. 18.
Gustav Gröber in Strafsburg 1900 Jan. 18.
Ignazio Guidi in Rom 1904 Dec. 15.
Georgios N. Hatzidakis in Athen 1900 Jan. 18.
- Albert Hauck in Leipzig 1900 Jan. 18.
- Bemard Haussoullier in Paris 1907 Mai 2.
- Barclay Vincent Head in London 1908 Oct. 29.
- Johan Ludvig Heiberg in Kopenhagen 1896 März 12.
Karl Theodor von Heigel in München 1904 Nov. 3.
Antoine Hiron de Vdlefosse in Paris 1893 Febr. 2.
- Lion Heuzey in Paris 1900 Jan. 18.
- Harald Hjärne in Upsala 1909 Febr. 25.
- Maurice HoUeaux in Athen 1909 Febr. 25.
- Edvard Holm in Kopenhagen 1904 Nov. 3.
Thiophile Homolle in Paris 1887 Nov. 17.
Christian Hülsen in Florenz 1907 Mai 2.
- Adolf Jüliclier in Marburg 1906 Nov. 1.
- Karl Justi in Bonn 1893 Nov. 30.
- Frederic George Kenyon in London 1900 Jan. 18.
- Georg Friedrich Knapp in Strafsburg 1893 Dec. 14.
Basil Laiyschew in St. Petersburg 1891 Juni 4.
- Friedrich Leo in Göttingen 1906 Nov. 1.
XXXIX
Datum der Wahl
Hr. Augtist Leskien in Leipzig 1900 Jan. 18.
- Emile Levassetir in Paris 1900 Jan. 18.
- Friedrich Loofs in Halle a. S 1904 Nov. 3.
- Giacomo Lumbroso in Rom 1874 Nov. 12.
- Arnold Luschin von Ebengreuth in Graz 1904 Juli 21.
- John Peruland Mahaffy in Dublin 1900 Jan. 18.
Gaston Alaspero in Paris 1897 Juli 15.
- Wilhelm Meyer- Lübke in Wien 1905 Juli 6.
- Ludwig Mitteis in Leipzig 1905 Febr. 16.
- Gabriet Monod in Versailles - . . 1907 Febr. 14.
- Heinrich Nissen in Bonn 1900 Jan. 18.
- Georges Perrot in Paris 1884 Juli 17.
- Edmond Pottier in Paris 1908 Oct. 29.
- Franz Ih-aetorius in Breslau 1910 Dec. 8.
- Wilhelm Radioff in St. Petersburg 1895 Jan. 10.
- Fio Rajna in Florenz 1909 März 11.
- Moriz Ritter in Bonn 1907 Febr. 14.
- Karl Robert in Halle a. S 1907 Mai 2.
- Anton E. Schönbach in Graz 1906 Juli 5.
- Richard Schroeder in Heidelberg 1900 Jan. 18.
- Eduard Schwartz in Freiburg i. Br 1907 Mai 2.
- Emile Senart in Paris 1900 Jan. 18.
Eduard Sievers in Leipzig 1900 Jan. 18.
- Henry Sweet in Oxford 1901 Juni 6.
Sir Edward Maunde Tlu>mpson in London 1895 Mai 2.
Hr. Villielm Tliomsen in Kopenhagen 1900 Jan. 18.
- Girolaino Vitelli in Florenz 1897 Juli 15.
- Julius WeUliausen in Göttingen 1900 Jan. 18.
- Wilhelm Wilmanns in Bonn 1906 Juli 5.
- Ludoig Wimmer in Kopenhagen 1891 Juni 4.
- Willtelm Windelband in Heidelberg 1903 Febr. 5.
- WiUtelm Wundt in Leipzig 1900 Jan. 18.
XL
Inhaber der Helmholtz-Medaille.
Hr. Santiago Ramön y Caj'al in Madrid (1904).
- Emü Fisclier in Berlin (1908).
- Jakob Heinrich van't Hoff in Berlin (1910).
Verstorbene Inhaber:
Emil du Bois-Reymond (Berlin, 1892).
Karl Weierstrafs (Berlin, 1892).
Robert Bansen (Heidelberg, 1892).
Lord Kelvin (Netherhall, Largs, 1892).
Rudolf Virchow (Berlin, 1898).
Sir George Gabriel Stokes (Cambridge, 1900).
Henri Becquerel (Paris, 1906).
Inhaber der Leibniz-Medaille.
a. Der Medaille in Gold.
Hr. James Simon in Berlin (1907).
- Ernest Solvay in Brüssel (1909).
- Henry T. von Böttinger in Elberfeld (1909).
Joseph Florimond D\ic de Loubat in Paris (1910).
h. Der Medaille in Silber.
Hr. Karl Alexander von Martins in Berlin (1907).
- A. F. Lindemann in Sidmouth, England (1907).
- Johannes Balte in Berlin (1910).
- Karl Zeumer in Berlin (1910).
- Albert von Le Coq in Berlin (1910).
- Johannes Ilberg in Würzen (1910).
- Max Wellmann in Potsdam (1910).
- Robert Koldewey in Babylon (1910).
Gerhard Hessenberg in Breslau (1910).
Beamte der Akademie.
Bibliothekar und Archivar der Akademie: Dr. Köhnke.
Bibliothekar und Archivar der Deutscheu Commission: Dr. Behrend.
Wissenschaftliche Beamte: Dr. Dessau, Prof. — Dr. Harms, Prof. — Dr. von Fritze. —
Dr. Karl Schmidt, Prof. — Dr. Frhr. Hiller von Gaertringen, Prof. — Dr. Ritter.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den
Geisteswissenschaften.
Studien
H" WILHELM DILTHEY.
Erste Hälfte.
mi.-hisl. Klasse. 1910. Ahh. l.
Die Schlußabhandlung wurde gelesen in der Gesamtsitzung am 20. Januar 1910.
Zum Druck eingereicht am 21. März 1910, ausgegeben am 5. December 1910.
JJen Grundstock der nachfolgenden Arbeit bilden die in der Akademie der Wissenscliaften
durch mehrere Jahre bis zum 20. Januar 1910 gelesenen Abhandlungen über die Abgrenzung
der Geisteswissenschaften, den Strukturzusaminenhang des Wissens, das Erleben und das Ver-
stehen. Von ihnen hat die über den Strukturzusammenhang des Wissens ihre Grundlage in
der über den psychischen Struktin-zusammenhang, die am 2. März 1905 gelesen, im Sitzungs-
bericht des 16. März gedruckt ist und sonach hier nur kurz zusammengefaßt und ergänzt
werden konnte. Von den in die vorliegende Arbeit aufgenommenen ungedruckten Abhand-
lungen ist die eine über Abgrenzung der Geisteswissenschaften hier einfach reproduziert, die
über Erleben und über Verstehen sind erweitert. Im übrigen schloß sich das hier Voi^elegte
an meine Vorlesungen über Logik und über System der Philosophie an.
I. Abgrenzung der Geisteswissenschaften.
Es gilt, die Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften durch
sichere Merkmale vorläufig abzugrenzen. In den letzten Dezennien haben
über die Natur- und Geisteswissenschaften und besonders über die Ge-
schichte interessante Debatten stattgefunden : ohne in die Ansichten ein-
zugehen, die in diesen Debatten einander gegenübergetreten sind, lege ich
hier einen von ihnen abweichenden Versuch vor, das Wesen der Geistes-
wissenschaften zu erkennen und sie von den Naturwissenschaften abzu-
grenzen. Die vollständige Erfassung des Unterschieds wird sich erst in der
weiteren Untersuchung vollziehen.
1.
Ich gehe von dem umfassenden Tatbestand aus, welcher die feste
Grundlage jedes Räsonnements über die Geisteswissenschaften bildet. Neben
den Naturwissenschaften hat sich eine Gruppe von Erkenntnissen entwickelt,
naturwüchsig, aus den Aufgaben des Lebens selbst, welche durch die Ge-
4 Du, they:
meinsamkeit des Gegenstandes miteinander verbunden sind. Solche Wissen-
schaften sind Geschichte, Nationalökonomie, Rechts- und Staatswissenschaften,
Religionswissenschaft, das Studium von Literatur und Dichtung, von Raum-
kunst und Musik, von philosophischen Weltanschauungen und Systemen,
endlich die Psychologie. Alle diese Wissenschaften beziehen sich auf die-
selbe große Tatsache: das Menschengeschlecht. Sie beschreiben und er-
zählen, urteilen und bilden Begriffe und Theorien in Beziehung auf diese
Tatsache.
Was man als Physisches und Psychisches zu trennen pflegt, ist in
dieser Tatsache ungesondert. Sie enthält den lebendigen Zusammenhang
beider. Wir sind selber Natur, und die Natur wirkt in uns, unbewußt,
in dunkeln Trieben; Bewußtseinszustände drücken sich in Gebärde, Mienen,
Worten beständig aus, und sie haben ihre Objektivität in Institutionen, Staaten,
Kirchen, wissenschaftlichen Anstalten: eben in diesen Zusammenhängen be-
wegt sich die Geschichte.
Dies schließt natürlich nicht aus, daß die Geisteswissenschaften, wo
ihre Zwecke es fordern, sich der Unterscheidung des Physischen und Psy-
chischen bedienen. Nur daß sie sich bewußt bleiben müssen, daß sie
dann mit Abstraktionen arbeiten, nicht mit Entitäten, und daß diese Ab-
straktionen nur in den Schranken des Gesichtspunktes Geltung haben, unter
dem sie entworfen sind. Ich stelle den Gesichtspunkt dar, aus welchem
die nachfolgende Grundlegung Psychisches und Physisches unterscheidet
und welcher den Sinn bestimmt, in dem ich die Ausdrücke anwende. Das
Nächstgegebene sind die Erlebnisse. Diese stehen nun aber, wie ich hier
früher nachzuweisen vei'sucht habe', in einem Zusammenhang, der im
ganzen Lebens verlauf inmitten aller Veränderungen permanent beharrt; auf
seiner Grundlage entsteht das, was ich als den erworbenen Zusammen-
hang des Seelenlebens früher beschrieben habe; er umfaßt unsere Vor-
stellungen, Wertbestimmungen und Zwecke, und er besteht als eine Ver-
bindung dieser Glieder". Und in jedem derselben existiert nun der er-
worbene Zusammenhang in eigenen Verbindungen, in Verhältnissen von
' Sitzungsber. v. 16. Miirz 1905, S. 332 ff..
^ Über den erworbenen Zusammenhang des Seelenlebens in •Dichterisclie Einbildungs-
kraft und Wahnsinn«. Rede i886, 8. 13 ff'., Die Einbildungskraft des Dichters, in •Pliilo-
sophische Aufsätze-, Zeller gewidmet, 1887, S. 355 ff., 388 ff., »Ideen über eine beschrei-
bende und zergliedernde Psj'chologie«, Sitzungsber. d. Akad. d. Wiss. 1894, S. Soff.
Der Aufbau der geschichtlichen Well in den Geisteswissenschaften. I. 5
Vorstellungen, in Wertabmessungen, in der Ordnung der Zwecke. Wir be-
sitzen diesen Zusammenhang, er wirkt beständig in uns, die im Bewußt-
sein befindlichen Vorstellungen und Zustände sind an ihm orientiert, unsere
Eindrücke werden durch ihn apperzipiert, er reguliert unsere Affekte: so
ist er immer da und immer wirksam, ohne doch bewußt zu sein. Ich
wüßte nicht, was dagegen eingewandt Averden könnte, wenn an dem Men-
schen durch Abstraktion dieser Zusammenhang von Erlebnissen innerhalb
eines Lebenslaufs abgesondert und als das Psychische zum logischen Sub-
jekt von Urteilen und theoretischen Erörterungen gemacht wird. Die
Bildung dieses Begriffs rechtfertigt sich dadurch, daß ^as in ilim Ausge-
sonderte als logisches Subjekt Urteile und Theorien möglich macht, die
in den Geisteswissenschaften notwendig sind. Ebenso legitim ist der Be-
griff des Physischen. Im Erlebnis treten Eindrücke, Impressionen, Bilder auf.
Physische Gegenstände sind nun das zu praktischen Zwecken ihnen Unter-
gelegte, durch dessen Setzung die Impressionen konstruierbar werden. Beide
Begriffe können nur angewandt werden, wenn wir uns dabei bewußt bleiben,
daß sie nur aus der Tatsache Mensch abstrahiert sind — sie bezeichnen
nicht volle Wirklichkeiten, sondern sind nur legitim gebildete Abstraktionen.
Die Subjekte der Aussagen in den angegebenen Wissenschaften sind
von verschiedenem Umfang — Individuen, Familien, zusammengesetztere
Verbände, Nationen, Zeitalter, geschichtliche Bewegungen oder Entwick-
lungsreihen, gesellschaftliche Organisationen, Systeme der Kultur und andere
Teilausschnitte aus dem Ganzen der Menschheit — schließlich diese selbst.
Es kann von ihnen erzählt, sie können beschrieben, es könneix Theorien
von ihnen entwickelt werden. Immer aber beziehen sich diese auf dieselbe
Tatsache: Menschheit oder menschlich-gesellschaftlich-geschichtliche Wirk-
lichkeit. Und so entsteht zunächst die Möglichkeit, diese Wissenschafts-
gruppe durch ihre gemeinsame Beziehung auf dieselbe Tatsache: Mensch-
heit zu bestimmen und von den Naturwissenschaften abzugrenzen. Zudem
ergibt sich aus dieser gemeinsamen Beziehung weiter ein Verhältnis gegen-
seitiger Begründung der Aussagen über die in dem Tatbestand «Mensch-
heit« enthaltenen logischen Subjekte. Die beiden großen Klassen der an-
gegebenen Wissenschaften, das Studium der Geschichte bis zur Beschrei-
bung des heutigen Gesellschaftszustandes und die systematischen Wissen-
schaften des Geistes, sind an jeder Stelle aufeinander angewiesen und
bilden so einen festen Zusammenhang.
6 D I L T H E Y :
2.
Aber diese Begriffsbestimmung der Geisteswissenschaften enthält zwar
richtige Aussagen über sie, aber sie erschöpft deren Wesen nicht. Wir
müssen die Art der Beziehung aufsuchen, welche in den Geisteswissen-
schaften zu dem Tatbestand der Menschheit besteht. So erst kann deren
Gegenstand genau festgestellt werden. Denn es ist klar, daß die Geistes-
wissenschaften und die Naturwissenschaften nicht logisch korrekt als zwei
Klassen gesondert werden können durch zwei Tatsachenkreise, die sie bilden.
Behandelt doch auch die Physiologie eine Seite des Menschen, und sie ist
eine Naturwissenschaft. In den Tatbeständen an und für sich kann also
nicht der Einteilungsgrund ffir die Sonderung der beiden Klassen liegen.
Die Geisteswissenschaften müssen sich zu der physischen Seite des Men-
schen anders vei'halten als zur psychischen. Und so ist es in der Tat.
In den bezeichnete)! Wissenschaften ist eine Tendenz wirksam, die in
der Sache selber gegründet ist. Das Studium der Sprache schließt ja ebenso
in sich die Physiologie der Sprachorgane als die Lehre von der Bedeutung
der Worte und dem Sinn der Sätze. Der Vorgang eines modernen Krieges
enthält ebenso die chemischen Wirkungen des Schießpulvers als die mora-
lischen Eigenschaften der in Pulverdampf stehenden Soldaten. Aber in
der Natur der Wissenschaftsgruppe, über die wir handeln, liegt eine Ten-
denz, und sie entwickelt sich in deren Fortgang immer stärker, durch
welche die physische Seite der Vorgänge in die bloße Rolle von Bedingungen,
von Verständnismitteln herabgedrückt wird. Es ist die Richtung auf die
Selbstbesinnung, es ist der Gang des Verstehens von außen nach innen.
Diese Tendenz verwertet jede Lebensäußerimg für die Erfassung des Innern,
aus der sie hervorgeht. Wir lesen in der Geschichte von wirtschaftlicher
Arbeit, Ansiedlungen , Kriegen, Staatengründungen. Sie erfüllen unsere
Seele mit großen Bildern, sie belehren uns über die historische Welt, die
uns umgibt; aber vornehmlich bewegt uns doch in diesen Berichten das
den Sinnen Unzugängliche, nur Erlebbare, aus dem die äußeren Vorgänge
entstanden, das ihnen immanent ist und auf das sie zurückwirken; und
diese Tendenz beruht nicht auf einer von außen an das Leben herantretenden
Betrachtungsweise: sie ist in ihm selber begründet. Denn in diesem Er-
lebbaren ist jeder Wert des Lebens enthalten, um dieses dreht sich der ganze
äußere Lärm der Geschichte. Hier treten Zwecke auf, von denen die Natur
Der Aufbau der geschichtliclien Welt in den Geisteswissenschaften. I. 7
nichts weiß. Der Wille erarbeitet Entwicklung, Gestaltung. Und in dieser
schaffend, verantwortlich, souverän in uns sich bewegenden geistigen Welt
und nur in ihr hat das Leben seinen Wert, seinen Zweck und seine Be-
deutung.
Man könnte sagen, daß in allen wissenschaftlichen Arbeiten zwei große
Tendenzen zur Geltung gelangen.
Der Mensch findet sich bestimmt von der Natur. Diese umfaßt die
spärlichen, liier und da auftretenden psychischen Vorgänge. So angesehen
erscheinen sie wie Interpolationen in dem großen Texte der physischen
Welt. Zugleich ist die so auf der räumlichen Erstreckurig beruhende Welt-
vorstellung der ursprüngliche Sitz aller Kenntnis von Gleichförmigkeiten,
und wir sind von Anfang an darauf angewiesen, mit diesen zu rechnen.
Wir bemächtigen uns dieser physischen Welt durch das Studium ihrer
Gesetze. Diese Gesetze können nur gefunden werden, indem der Erlebnis-
charakter unserer Eindrücke von der Natur, der Zusammenhang, in dem
wir, sofern wir selber Natur sind, mit ihm stehen, das lebendige Gefühl,
in dem wir sie genießen, immer mehr zurücktritt hinter das abstrakte Auf-
fassen derselben nach den Relationen von Raum, Zeit, Masse, Bewegung.
Alle diese Momente wirken dahin zusammen, daß der Mensch sich selbst
ausschaltet, um aus seinen Eindrücken diesen großen Gegenstand Natur
als eine Ordnung nach Gesetzen zu konstruieren. Sie wird dann dem
Menschen zum Zentrum der Wirklichkeit.
Aber derselbe Mensch wendet sich dann von ihr rückwärts zum Leben,
zu sich selbst. Dieser Rückgang des Menschen in das Erlebnis, durch
welches für ihn erst die Natur da ist, in das Leben, in dem allein Be-
deutung, Wert und Zweck auftritt, ist die andere große Tendenz, welche
die wissenschaftliche Arbeit bestimmt. Ein zweites Zentrum entsteht. Alles,
was der Menschheit begegnet, was sie erschafft und was sie handelt, die
Zwecksysteme, in denen sie sich auslebt, die äußeren Organisationen der
Gesellschaft, zu denen die Einzelmenschen in ihr sich zusammenfassen —
all das erhält nun hier eine Einheit. Von dem sinnlich in der Menschen-
geschichte Gegebenen geht hier das Verstehen in das zurück, was nie in
die Sinne fallt und doch in diesem Äußeren sich auswirkt und ausdrückt.
Und wie jene erste Tendenz dahin zielt, den psychischen Zusammen-
hang selbst in der Sprache des naturwissenschaftlichen Denkens und unter
den Begriffen desselben durch seine Methoden aufzufassen und so gleich-
8 Dilthey:
sam sich selbst zu entfremden: so äußert sich nun diese zweite in der
Rückbeziehung des sinnlich äußeren Verlaufs am menschlichen Geschehen
auf etwas, das nicht in die Sinne fällt, im Besinnen auf das, was in diesem
äußeren Verlauf sich manifestiert. Die Geschichte zeigt, wie die Wissen-
schaften, welche sich auf den Menschen beziehen, in einer beständigen
Annäherung an das fernere Ziel einer Besinnung des Menschen über sich
selbst begriffen sind.
Und auch diese Tendenz greift hinüber über die Menschenwelt in die
Natur selber, und sie strebt, diese, die nur konstruiert, aber nie verstanden
werden kann, durch Begriffe verständlich zu machen, die im psychischen
Zusammenhang gegründet sind, wie das in Fichte, Schelling, Hegel, Schopen-
hauer, Fechner, Lotze und ihren Nachfolgern geschehen ist, und ihr ilireu
Sinn abzulauschen, den sie doch nie erkennen läßt.
An diesem Punkte schließt sich uns der Sinn des Begriffspaares des
Äußern und Innern und das Recht, diese Begriffe anzuwenden, auf. Sie
bezeichnen die Beziehung, welche im Verstehen zwischen der äußern Sinnen-
erscheinung des Lebens und dem, was sie hervorbrachte, was in ihr sich
äußert, besteht. Nur soweit Verstehen reicht, gibt es dieses Verhältnis
des Äußern und Innern, wie nur soweit Naturerkennen reicht, das Verhält-
nis von Phänomenen zu dem, wodurch sie konstruiert werden, existiert.
Nunmehr gelangen wir zu dem Punkt, auf dem sich eine genauere
Bestimmung über Wesen und Zusammenhang der Gruppe von Wissen-
schaften ergibt, von der wir ausgingen.
Wir sonderten zunächst die Menschheit ab von der ihr nächststehenden
organischen Natur und weiter abwärts der unorganischen. Es war eine
Trennung von Teilen am Ganzen der Erde. Diese Teile bilden Stufen,
und die Menschheit durfte als die Stufe, in welcher Begriff, Wertabschät-
zung, Realisierung von Zwecken, Verantwortlichkeit, Bewußtsein der Lebens-
bedeutung auftreten, von der Stufe des tierischen Daseins abgegrenzt werden.
Die allgemeinste Eigenschaft, die unserer Wissenschaftsgruppe gemeinsam
ist, bestimmten wir nun dahin, daß sie einen gemeinsamen Bezug auf den
Menschen, die Menschheit habe. In ihm ist der Zusammenhang dieser
Wissenschaften gegründet. Wir faßten dann die besondere Natur dieses
Der Aufbau der (jeschkMicJwn Welt in den Geisteswissenschaften. 1. 1)
Bezuges ins Auge, der zwischen dem Tatbestand Mensch, Menschheit und
diesen Wissenscliaften besteht. Dieser Tatbestand darf niclit einfach als
der gemeinsame Gegenstand dieser Wissenschaften bezeichnet werden. Viel-
mehr entsteht ihr Gegenstand erst durch ein besonderes Verhalten zur
Menschheit, das aber nicht von außen an sie herangebracht wird, sondern
in ihrem Wesen fundiert ist. Es handele sich um Staaten, Kirchen, In-
stitutionen, Sitten, Bücher, Kunstwerke; solche Tatbestände enthalten immer,
wie der Mensch selbst, den Bezug einer äußeren sinnlichen Seite auf eine
den Sinnen entzogene und darum innere.
Es gilt nun weiter, dies Innere zu bestimmen. Hier ist es nun ein
gewöhnlicher Irrtum, für unser Wissen von dieser inneren Seite den ])sy-
chischen Lebensverlauf, die Psjchologie einzusetzen. Icli versuche diesen
Irrtum durch folgende Erwägungen aufzuklären.
Der Apparat von Rechtsbüchern, Richtern, Prozeßfährenden, Ange-
klagten, wie er in einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort
sichtbar ist, ist zunächst der Ausdruck eines Zwecksystems von Rechts-
bestimmungen, kraft dessen dieser Apparat wirksam ist. Dieser Zweck-
zusammenhang ist auf die äußere Bindung der Willen in eindeutiger Ab-
messung gerichtet, welche die zwangsweise realisierbaren Bedingungen für
die Vollkommenheit der Lebensverhältnisse verwirklicht und die Machtsphären
der Individuen in ihrer Beziehung aufeinander, auf die Sachen und deii
Gesamtwillen abgrenzt. Die Form des Rechtes müssen daher Imperative
sein, hinter denen die Maeiit einer Gemeinschaft steht, sie zu erzwingen.
So liegt das historisclie Verständnis des Rechtes, wie es innerhalb einer
solclien Gemeinschaft zu einer bestimmten Zeit besteht, in dem Rückgang
von jenem äußeren Apparat zu der vom (rcsamtwillen erwirkten, von ihm
durchzusetzenden geistigen Systematik der Rechtsimperative, die in jenem
Apparat ihr äußeres Dasein hat. In diesem Sinne handelte Ihering vom
Geist des römischen Rechts. Das Verstehen dieses Geistes ist nicht psy-
chologische Erkenntnis. Es ist der Rückgang aul' ein geistiges Gebilde von
einer ihm eigenen Struktur und Gesetzmäßigkeit. Hierauf beruht von der
Interpretation einer Stelle im Corpus iuris ab bis zur Erkenntnis des rö-
mischen Rechtes und der Vergleichung der Rechte tmlereinander die Rechts-
wissenschaft. Sonach ist ihr Gegenstand nicht eins mit den äußeren Tatbe-
ständen und Begebenheiten, durcli die und an denen das Recht sich ab.spielt.
Nur sofern diese Tatbestünde d.is Reclit realisieren, sind sie Gegenstand der
PhÜ.-hisl. Klasse. 1910. Abh. 1. 2
10 D I L T II E Y :
Reditswissenschaft. Das Kinfangeii des Verbrccliers, die Kranklieiten der
Zeugen oder der Apparat der Hinrichtung gehören als solche der Patljo-
logie und der technischen Wissenschaft an.
Ebenso verhält es sich mit der ästhetischen Wissenschaft. Vor mir
liegt das Werk eines Dichters. Es besteht aus Buchstaben, ist von Setzern
zusammengestellt und durch Maschinen gedruckt. Aber die Literargeschichte
und die Poetik liaben nur zu tun mit dem Bezug dieses sinnfälligen Zu-
sammenhangs von Worten auf das, was durch sie ausgedrückt ist. Und
luni ist entscheidend: dieses sind nicht die inneren Vorgänge in dem Dichter,
sondern ein in diesen geschaifener, aber von ihnen ablösbarer Zusammen-
hang. Der Zusammenliang eines Dramas besteht in einer eigenen Be-
zieliung von Stoff", poetischer Stimmung, Motiv, Fabel und Darstellungs-
mittehi. Jedes dieser Momente vollzieht eine Leistung in der Struktur des
Werkes. Und diese Leistungen sind durch ein inneres Gesetz der Poesie
miteinander verbunden. So ist der Gegenstand, mit dem die Literargeschichte
oder die Poetik zunächst zu tun hat, ganz unterschieden von psychischen
Vorgängen im Dichter oder seinen Lesern. Es ist hier ein geistiger Zu-
sammenhang realisiert, der in die Sinnenwelt tritt und den wir durch den
Rückgang aus dieser verstehen.
Diese Beispiele erleuchten, was den Gegenstand der Wissenschaften,
von denen hier die Rede ist, ausmacht, worin infolge davon ihr Wesen be-
gründet ist und wie sie sich von den Naturwissenschaften abgrenzen. Auch
diese haben ihren Gegenstand nicht in den Eindrücken, wie sie in den Erleb-
nissen auftreten, sondern in den Objekten, welche das Erkennen schafft,
um diese Eindrücke sich konstruierbar zu machen. Hier wie dort wird
der Gegenstand geschaffen aus dem Gesetz der Tatbestände selber. Darin
stimmen beide Gruppen von Wissenschaften überein. Ihr Unterschied liegt
in der Tendenz, in welcher ihr Gegenstand gebildet wird. Er liegt in
dem Verfahren, das jene Gruppen konstituiert. Dort entsteht im Verstehen
ein geistiges Objekt, hier im Erkennen der physische Gegenstand.
Und jetzt dürfen wir auch das Wort »Geisteswissenschaften« aus-
sprechen. Sein Sinn ist nunmehr deutlich. Als seit dem 18. Jahrhundert das
Bedürfnis entstand, einen gemeinsamen Namen für diese Gruppe von Wissen-
schaften zu finden, sind sie als sciences morales oder als Geisteswissen-
schaften oder endlich als Kulturwissenschaften bezeichnet worden. Schon
dieser Wechsel der Namen zeigt, daß keiner derselben dem ganz angemessen
Der Aufbau der (jeschk-hükhen Well in den Geistemoissenschaflen. I. 11
ist, was bezeichnet werden soll. An dieser Stelle soll nur der Sinn an-
gegeben werden, in dem icli hier das Wort gebrauche. Es ist derselbe,
in welchem Montesquieu vom Geist der Gesetze, Hegel vom objektiven
Geist oder lliering vom Geist des römischen Rechts gesprochen hat. Eine
Vergleicliung des Ausdrucks mit den andern bisher angewandten in bezug
auf ihre Brauchbarkeit ist erst an einer sx)äteren Stelle möglich.
4.
Nun erst können wir aber auch der letzten Anforderung genügen,
welclie die Wesensbestimmung der Geisteswissenschaften an uns stellt. Wir
können jetzt durch ganz klare Merkmale die Geisteswissenschaften ab-
grenzen von den Naturwissenscliaften. Diese liegen in dem dargelegten
Verhalten des Geistes, durch welches hn Unterschiede von dem natm--
wissenschaftliclien Erkennen der Gegenstand der Geisteswissenschaften ge-
bildet wird. Die Menscldieit wäre, aufgefaßt in Wahrnehmung imd Er-
kennen, für uns eine physische Tatsache, und sie wäre als solche nur dem
naturwissenschaftlichen Erkennen zugänglich. Als (iegenstand der Geistes-
wissenschaften entsteht sie aber nur, sofern menschliche Zustände erlebt
werden, sofern sie in Lebensäußerungen zum Ausdruck gelangen und so-
fern diese Ausdrücke verstanden werden. Und zwar umfaßt dieser Zu-
sammenhang von Leben, Ausdruck und Verstehen nicht nur die Gebärden,
Mienen und Worte, in denen Menschen sich mitteilen, oder die dauernden
geistigen Schöpfiuigen, in denen die Tiefe des Schaftenden sich dem Auf-
fassenden öffnet, oder die beständigen Objektivierungen des Geistes in
gesellschaftlichen Gebilden, durch welche die Gemeinsamkeit menschlichen
Wesens hindurchscheint und uns beständig anschaulich und gewiß ist:
auch die psychophysische Lebenseinheit ist sich selbst bekannt durch das-
selbe Doppelverhältnis von Erleben und Verstehen, sie wird ihrer selbst
in der Gegenwart inne, sie findet sich wieder in der Erinnerung als ein
Vergangenes; aber indem sie ihre Zustände festzuhalten luid zu erfassen
strebt, indem sie die Aufmerksamkeit auf sich selber richtet, machen sich
die engen Grenzen einer solchen introspektiven Methode der Selbsterkennt-
nis geltend: nur seine Handlungen, seine fixierten Lebensäußerungen, die
Wirkungen derselben auf andere belehren den Menschen über sich selbst;
so lernt er sich nur auf dem Umweg des Verstehens selber keimen. Was
2*
12 Dil. THE y:
wir einmal waren, wie wir uns entwickelten und zu dem wurden, was
wir sind, erfahren wir daraus, wie wir handelten, welche Lebenspläne wir
einst faßten, wie wir in einem Beruf wirksam waren, aus alten verscliol-
lenen Briefen, aus Urteilen über uns, die vor langen Tagen ausgesprochen
wurden. Kurz, es ist der Vorgang des Verstehens, durch den Leben über
sich selbst in seinen Tiefen aufgeklärt wird, und andrerseits verstehen wir
uns selber und andere nur, indem wir unser erlebtes Leben hineintragen
in jede Art von Ausdruck eigenen und fremden Lebens. So ist überall
der Zusammenhang von Erleben, Ausdruck und Verstehen das eigene Ver-
iahren, durch das die Menschheit als geisteswissenschaftlicher Gegenstand
für uns da ist. Die Geisteswissenschaften sind so fundiert in diesem Zu-
sammenhang von Leben, Ausdruck und Verstehen. Hier erst erreichen wir
ein ganz klares Merkmal, durch welches die Abgrenzung der Geisteswissen-
schaften definitiv vollzogen werden kann. Eine Wissenschaft gehört nur
dann den Geisteswissenschaften an, wenn ihr Gegenstand uns durch das
Verhalten zugänglich wird, das im Zusammenhang von Leben, Ausdruck
und Verstehen fundiert ist.
Aus diesem gemeinsamen Wesen der angegebenen Wissenschaften
folgen erst alle die Eigenschaften, welche als dies Wesen konstituierend
in den Erörterungen über Geisteswissenschaften oder Kulturwissenschaften
oder Geschichte herausgehoben worden sind. So das besondere Verhältnis,
in welchem hier das P^inmalige, Singulare, Individuelle zu allgemeinen
Gleichförmigkeiten steht'. Dann die Verbindung, welche hier zwischen
Aussagen über Wirklichkeit, Werturteilen und Zweckbegriffen st<attfindet"".
Ferner: »Die Auffassung des Singularen, Individuellen bildet in ihnen so
gut einen letzten Zweck als die Entwicklung abstrakter Gleichförmig-
keiten ^<. Aber mehr noch wird sich von hier aus ergeben; alle leitenden
Begriffe, mit welchen diese Gruppe von Wissenschaften operiert, sind von
den entsprechenden im Gebiete des Naturwissens verschieden.
So ist es zunächst und zu oberst die Tendenz, von der Menschheit,
von dem durch sie realisierten objektiven Geiste zurückzugehen in das Schaf-
fende, Wertvolle, Handelnde, Sichausdrückende, Sichobjektivierende, samt
' Einl. in d. Geistesw. 33.
^ Kl)enda 33, 34.
' Ebenda S. 33.
Der Auß)au der gescJiichtlichen Welt In den Geisteswissen.'^cJiaften. J. 13
den von ihr aus sich ergebenden Konsequenzen, die uns berechtigt, die
Wissenschaften, in denen sie zum Ausdruck kommt, als GJeisteswissen-
schaften zu bezeichnen.
II. Die Verschiedenheit des Aufbaus in den Naturwissenschaften und
' den Geisteswissenschaften.
Historische Orientierung.
1.
In den Geisteswissenschaften vollzieht sich nun der Aufbau der ge-
schichtlichen Welt. Mit diesem bildlichen Ausdruck bezeichne ich den ide-
ellen Zusammenhang, in welcliem auf der Grundlage des Erlebens imd Ver-
Stehens in einer Stufenfolge von Leistungen sich ausbreitend das objektive
Wi.ssen von der geschichtlichen Welt sein Dasein hat.
Welches ist nun der Zusammenhang, in dem eine Theorie dieser Art
mit den ilir nächstverwandten Wi.ssenschaften verbunden ist? Zunächst
bedingen sich gegenseitig dieser ideelle Aufbau der geistigen Welt und
das gesell ich tliclie Wissen von dem historischen Verlauf, in dem die geistige
Welt ;dlmählich aufgegangen ist. Sie sind voneinander getrennt, aber sie
liaben in der geistigen Welt iliren gemeinsamen Gegenstand: hierin ist ihre
iiuiere Beziehung gegründet. Der Verlauf, in welchem das Wissen von
dieser Welt sich entwickelte, gibt einen Leitfaden fiir das Verständnis des
ideellen Aufbaus derselben, und dieser Aufbau ermöglicht ein tieferes Ver-
ständnis der Geschichte der Geisteswissenschaften.
Die Grundlage einer solchen Theorie ist dann die Einsicht in die
Struktur des Wissens, in die Denkformen und wissenschaftlichen Methoden.
So wird aus der logischen Theorie nur das hier P^rforderliche heraus-
gehoben. Diese Theorie selber würde unsere Untersuchung gleich an ihrem
Beginn in endlose Streitigkeiten verwickeln.
Endlich bestellt noch eine Beziehung dieser Lehre vom geisteswissen-
scliaftlichen Aufbau zu der Kritik des Erkenntnisvermögens. Indem man
diese Beziehung aufzuklären unternimmt, zeigt sich erst die volle Bedeu-
tung unseres Gegenstandes. Die Kritik der Erkenntnis ist wie die Logik
Analysis des vorhandenen Zusammenhanges der Wissenschaften. In der
14 D
I L T II E Y ;
Erkenntnistheorie geht die Analysis von diesem Zusammenhang zurück zu
den Bedingungen, unter denen die Wissenschaft möglich ist. Hier tritt uns
nun aber ein Verliältnis entgegen, das für den Gang der Erkenntnistheorie
und ilire heutige Lage bestimmend ist. Die Naturwissenschaften waren
zuerst der Gegenstand, an dem diese Analyse sich vollzog. Lag es doch im
Gang der Wissenschaften, daß sich die Naturerkenntnis zunächst ausbildete.
Die Geisteswissenschaften sind erst im vorigen Jahrhundert in ein Stadium
getreten, das ihre Verwertung für die Erkenntnistheorie möglich machte.
So kommt es, daß das Studium des Aufbaus dieser beiden Klassen von
Wissenschaften der zusammenhängenden erkenntnistheoretischen Grund-
legung zur Zeit angemessen vorausgeht: es bereitet im ganzen wie an ein-
zelnen Punkten die zusammcnliängende P^rkenntnistlieorie vor. Es steht
unter dem Gesichtspunkt des Erkenntnisproblems und arbeitet an seiner
Auflösung.
2.
Als die neueren europäisclien Völker, mündig geworden in Humanis-
mus und Reformation, seit der zweiten Hälfte des i6. Jalirhunderts aus
dem Stadium der Metaphysik und Theologie in das selbständiger Erfah-
rungswissenschaften eintraten, vollzog sich dieser Fortgang vollkommener
als einst seit dem 3. Jahrhundert vor Christus in den griechischen Be-
völkerungen. Auch dort lösten sich Mathematik, Mechanik, Astronomie
und mathematische Geographie von der Logik und Metaphysik los; sie
traten nach dem Verhältnis der Abhängigkeit voneinander in einen Zu-
sammenhang: aber in diesem Aufbau der Naturwissenschaften erhielten
Induktion und Experiment noch nicht ihre wahre Stellung und Bedeutung
und entfalteten sich noch nicht in ihrer ganzen Fruchtbarkeit. Erst in den
sklavenlosen Industrie- und Handelsstädten der modernen Nationen sowie an
den Höfen, Akademien und Universitäten ihrer großen geldbedürftigen Mili-
tärstaaten entwickelten sich zielbewußter Eingrifi" in die Natur, mechanische
Arbeit, Erfindung, Entdeckung, Experiment mächtiger; sie verbanden sich
mit der mathematischen Konstruktion, und so entstand eine wirkliche Ana-
lysis der Natur. Nun bildete sich in dem Zusammenwirken von Kepler,
Galilei, Bacon und Descartes in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
die mathematische Naturwissenschaft als Erkenntnis der Ordnung der Natur
nach Gesetzen. Und durch eine beständig zunehmende Zahl von Forschern
Der Auf hon der (jpsrhirhtlirhi'n Well in den Gris(<'sinisse)i.<ic/iaftm. I. 15
hat sie nocli in demselben Jahrhundert ihre ganze Leistungsfa]iigl<eit ent-
faltet. Sie also war der Gegenstand, dessen Analysis die Erkenntnis-
theorie des ausgehenden 17. und des 18. Jalirhunderts in Locke, Berkeh^y,
Hume, d'Alembert, Lambert und Kaut ganz überwiegend vollzogen hat.
Der Aufl)au der Naturwissenschaften ist durcli die Art bestinnnt, wi(>
ilir Gegenstand, die Natur, gegeben ist. Bilder treten in beständigem
Wechsel auf, sie werden auf Gegenstände bezogen, diese Gegenstände er-
lullen und beschäftigen das empirische Bewußtsein, und sie bilden das Ob-
jekt der besclireibenden Naturwissenschaft. Aber schon das empirische Be-
wußtsein bemerkt, daß die sinnlichen Qualitäten, die an den Bildern auf-
treten, von dem Standpunkt der Betrachtung, von der Entfernung, von der
Beleuchtung abhängig sind. Immer deutlicher zeigen Physik und Physiolo-
gie die Phänomenalität dieser sinnlichen Qualitäten. Und so entsteht nun
die Aufgabe, die Gegenstände so zu denken, daß der Wechsel der Phäno-
mene und die in diesem Wechsel immer deutlicher liervortretenden Gleich-
lormigkeiten begreiflich werden. Die Begriffe, durch welche dies geschieht,
sind Hilfskonstruktionen, welche das Denken zu diesem Zweck schafft. So
ist die Natur uns fremd, dem auffassenden Subjekt transzendent, in Hilfs-
konstruktionen vermittels des phänomenal Gegebenen zu diesem hinzu-
gedacht.
Aber zugleich liegen in dieser Art, wie die Natur uns gegeben ist, die
Mittel, sie dem Denken zu unterwerfen und den Aufgaben des Lebens dienst-
bar zu machen. Die Artikulation der Sinne bedingt die VergkMchbarkeit
der Eindrücke in jedem System sinnlicher Mannigfaltigkeit. Hierauf beruht
die Möglichkeit einer Analysis der Natur. In den einzelnen Kreisen ein-
ander zugehöriger Sinnesphänomene bestehen dann Regelmäßigkeiten in der
Abfolge oder in den Beziehungen des Gleichzeitigen. Indem diesen Kegel-
mäßigkeiten imveränderliche Träger des Gescheliens untergelegt werden,
werden sie zurückgeführt auf eine Ordnung nach Gesetzen in der gedachten
Mannigfaltigkeit der Dinge.
Die Aufgabe wird doch erst lösbar, indem zu den Regelmäßigkeiten
in den Phänomenen, welche die Induktion und das Experiment feststellen,
eine weitere Beschaffenheit des Gegebenen hinzutritt. Alles Physische hat
eine Größe: es kann gezählt werden; es erstreckt sich in der Zeit: zu
seinem größten Teil (>rfüllt es zugleich einen Raum und kann gemessen
werden; am Räumliehen treten nun meßbare Bewegungen auf, und weim
I
16 I) 1 1- T HEY:
die Phänomene des Geliörs Raumerstreckung und Bewegung nicht in sicli
schließen, so können docli solche ihnen untergelegt werden, und die Ver-
bindung der starken Schalleindrücke mit der Wahrnehmung von Erschütte-
rungen der Luft führt darauf hin. So werden die mathematische und
mechanische Konstruktion Mittel, alle Sinnesphänomene durch Hypothese
auf Bewegungen unveränderlicher Träger derselben nach unveränderlichen
Gesetzen zurückzuführen. Jeder Ausdruck wie: Träger des Gescheliens,
Etwas, Tatsache, Substanz bezeichnet nur die der Erkenntnis ti'anszendenten
logischen Subjekte, von denen die gesetzlichen, mathematischen und mecha-
nischen Beziehungen prädiziert werden. Sie sind nur Grenzbegriffe, ein
Etwas, das naturwissenschaftliche Aussagen möglich macht, ein Ansatz-
punkt zu solchen Aussagen.
Hierdurch ist nun weiter die Struktur und der Aufbau der Natur-
wissenschaften bestimmt.
In der Natur sind Raum und Zahl als Bedingungen der qualitativen
Bestimmungen und der Bewegungen gegeben und Bewegung ist dann die
allgemeine Bedingung für die Umlagerung von Teilen oder die Schwingungen
der Luft oder des Äthers, welche Chemie und Physik den Veränderungen
unterlegen. Diese Verhältnisse haben die Beziehungen der Wissenschaften
im Naturerkennen zur Folge. Jede dieser Wissenschaften hat in der vorher-
gehenden ihre Voraussetzungen; sie kommt aber zustande, indem diese Vor-
aussetzungen auf ein neues Gebiet von Tatsachen und von in ihnen ent-
haltenen Beziehungen angewandt werden. Diese natürliche Ordnung der
Wissenschaften ist, soweit ich sehe, zuerst von Hobbes festgestellt worden.
Der Gegenstand der Naturwissenschaft — Hobbes geht bekanntlich weiter
und schließt auch die Geisteswissenschaften in diesen Zusammenhang ein —
sind nach ihm die Körper, ihre am meisten fundamentale Eigenschaft sind
die Beziehungen von Ramn und Zahl, welche die Mathematik feststellt. Von
ihnen ist die Mechanik abhängig, imd indem Licht, Farbe, Ton, Wärme
aus den Bewegungen der kleinsten Teile der Materie erklärt wei-den, ent-
steht die Physik. Dies ist das Schema, das entsprechend dem weiteren
Verlauf der wissenschaftliclien Arbeit fortgebildet und durch ('omte mit
der (Jeschichte der Wissenschaften in Beziehung gesetzt worden ist. Je
mehr die Mathematik das grenzenlose Gebiet freier (Gebilde erschlossen hat,
überschritt sie innner weiter die Schranken ihrer nächsten Aufgabe, die
Naturwissenschaften zu begründen; aber dies änderte nichts an dem in
Der Auflmu der gesrhichtlichen Welt in den GeLste.twissenschaßen. I. 17
den Gegenständen selber enthaltenen Verhältnis, nacli welchem in der Ge-
setzlichkeit von Raum- und Zahlgrößen die Voraussetzungen der Mechanik
enthalten sind; es erweiterten sich durch die Fortschritte der Mathematik
nur die Ableitungsmögliclikeiten. Dasselbe Verhältnis besteht zwischen der
Mechanik und der Physik und Chemie. Und auch avo der lebende Körper
als ein neuer Tatsacheninbegriff auftritt, hat sein Studium in den chemisch-
physikalischen Wahrheiten seine Grundlage. Überall derselbe schichten-
weise Aufbau der Naturwissenschaften. Jede dieser Schichten bildet ein
in sich geschlossenes Gebiet, und zugleich ist jede von der unter ihr lie-
genden Schicht getragen und bedingt. Von der Biologie abwärts enthält
jede Naturwissenschaft die gesetzlichen Verhältnisse, welche die Schichten
von Wissenschaften unter ihr aufzeigen, in sich, bis zu der allgemeinsten
mathematischen Grundlage, und aufwärts kommt etwas, das in der vorauf-
liegenden wissenschaftlichen Schicht nicht enthalten war, in jeder darüber-
licgenden als eine weitere und von unten angesehen neue Tatsächlichkeit
hinzu.
Von der Gruppe der Naturwissenschaften, in der die Naturgesetze
zur Erkenntnis kommen, ist die andere derjenigen unterschieden, welche
die Welt als ein Einmaliges nach ihrer Gliederung beschreiben, ihre Evo-
lution im Zeitverlauf feststellen und zur Erklärung ihrer Verfassung imter
der Voraussetzung einer ursprünglichen Anordnung die in der ersten Gruppt;
gewonnenen Naturgesetze anwenden. Soweit sie über Feststellung, mathe-
matische Bestimmung, Beschreibung der tatsächlichen Verfassung und des
historischen Verlaufs liinausgehen, beruhen sie auf der ersten Gruppe. So
ist auch hier die Naturforschung vom Aufbau des naturgesetzlichen Er-
kennens abhängig.
Indem nun die Erkenntnistheorie zunächst in diesem Aufbau der Natur-
wissenschaften ihr vornehmstes Objekt hatte, entstand hieraus der Zusnm-
menhang ihrer Probleme. Das Denksubjekt und die vor ihm stehenden
Sinnesgegenstände sind voneinander getrennt; die Sinnesgegenstände haben
einen phänomenalen Charakter, und soweit die Erkenntnistheorie im Gebiet
des Naturwissens verbleibt, kann sie niemals diese Phänomenalität der ihr
hier gegenüberstehenden Wirklichkeit überwinden. In der von den Natur-
wissenschaften den Sinnesphänomenen untergelegten Ordnung nach Gesetzen
sind die sinnlichen Qualitäten durch Formen der Bewegung repräsentiert,
die sich auf diese Qualitäten beziehen. Und auch wenn die Sinnestat-
Pha.-hist. Klasse. 1910. Abh. I. 3
18 Dii-tiiey:
Sachen, mit deren Hinnahme und Repräsentation das Naturwissen begann,
zum (iegenstand der vergleichenden Physiologie werden, kann doch keine
entwicklungsgeschichtliche Untersuchung faßbar maclien, wie eine dieser
Sinnesleistungen in die andere übergeht. Man kann eine solche Umwandlung
der Hautempfindung in eine Ton- oder Farbenempfinduiig wohl postu-
lieren, aber man kann sie sclilechterdings nie vorstellen. Vis gibt kein
Verständnis dieser Welt, und wir können Wert, Bedeutung, Sinn in sie
nur nach Analogie mit uns selbst übertragen, und nur von da ab, wo
Seelenleben in der oi'ganischen Welt sich zu regen beginnt. Es folgt dann
aus dem Aufbau der Naturwissenschaften, daß hier die Definitionen und
Axiome, die seine Grundlage bilden, der Charakter der Notwendigkeit, der
ihnen eigen ist, und das Kausalgesetz für die Erkenntnistheorie eine be-
sondere Bedeutung gewinnen.
Und indem der Aufbau der Naturwissenschaften eine doppelte Inter-
})retation gestattete, entwickelten sich hieraus, vorbei-eitet von erkenntnis-
theoretischen Richtungen des Mittelalters, zwei Richtungen der Erkenntnis-
theorie, in deren jeder weitere Möglichkeiten verfolgt wurden.
Die Axiome, auf die dieser Aufbau begründet war, wurden in der einen
dieser Richtungen kombiniert mit einer Logik, welche den richtigen Denk-
zusammenhang auf Formeln fundierte, die den höchsten Grad der Abstrak-
tion vom Stoff des Denkens erreicht liatten. Denkgesetze und Denkformen,
diese äußersten Abstraktionen, wurden als das den Zusammenhang des Wissens
Begründende aufgefaßt. In dieser Richtung lag die Formulierung des Satzes
vom Grunde durch Leibniz. Indem nun Kant diesen ganzen Bestand aus
der Mathematik und Logik zusammennahm und für ihn die Bedingungen
im Bewußtsein aufsuchte, entstand seine Lehre vom Apriori. Aus dieser
Entstehung seiner Lehre zeigt sich so klar als möglich, daß dies Apriori
in erster Linie ein Begründungsverhältnis bezeichnen will. Bedeutende
Logiker wie Schleiermacher, Ix)tze und Sigwart haben diese Betrachtungs-
weise vereinfacht und umgestaltet: innerhalb derselben treten ganz ver-
schiedene Lösungsversuclie bei ihnen auf.
Die andere Richtung hat einen gemeinsamen Ausgangspiuikt in den
Glcichfcirmigkeiten, welche Induktion und Experiment aufzeigen, und der
auf sie gegründeten Voraussage und Verwertbarkeit. Innerhalb dieser Rich-
tung sind dann hier ganz verschiedene Möglichkeiten insbesondere in bezug
auf die Auffassung der mathematischen und mechanischen Grundlagen der
Der Außmu der geschiehtlü-hen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 19
Erkenntnis von Avenarius, Mach, den Pragmatisten und Poincare ausgebildet
worden. So hat sich auch diese Richtung der Erkenntnistheorie in eine
Mannigfaltigkeit liypothetischer Annahmen zersplittert.
3.
Wie die Naturwissen.schaften in einer rapiden Entwicklung in der
ersten Hälfte des i 7. Jahrhunderts sich konstituierten, .so ist auch eine Periode
mäßigen Umfangs, die Wolf, Humboldt, Niebuhr, Eichhorn, Savigny, Hegel
und Schleiermacher, Bopp und Jakob Grimm umspannt, fiir die Geistes-
wissenschaften grundlegend gewesen. Wir müssen den inneren Zusammen-
hang dieser Bewegung zu erfa.ssen suchen. Ihre große methodische Leistung
lag in der Fundierung der Geisteswissenschaften auf die geschichtlich-gesell-
schaftlichen Tatsächlichkeiten. Sie ermöglichte eine neue Organisation der
Geisteswissenschaften, in welcher Philologie, Kritik, Geschichtschreibung,
Durchführung der vergleichenden Methode in den systematischen Geistes-
wissenschaften und Anwendung des Entwicklungsgedankens auf alle Gebiete
der geistigen Welt zum ersten Male ein inneres Verhältnis zueinander bildeten.
Das Problem der Geisteswissenscliaften trat damit in ein neues Stadium,
und jeder Schritt zur Auflösung dieses Problems, der getan ist und weiter
getan wei-den muß, ist von der Vertiefung in diesen neuen tatsächlichen
Zusammenhang der Geisteswissenschaften abhängig, in dessen Palimen alle
späteren geisteswi.ssenschaftlichen Leistungen bis heute fallen.
Die Entwickhmg, die nun darzustellen ist, war vorbereitet durch das
18. Jahrhundert. Damals entsUmd die universal-historische Auffiissung der
einzelnen Teile der Geschichte. Aus den Naturwissenschaften kamen die
leitenden Ideen der Aufklärung, welche zuerst einen wissenschaftlich begrün-
deten Zusammenhang in den historischen Verlauf bi-achten: Solidarität der
Nationen mitten in ihren Machtkämpfen, der gemeinsame Fortschritt der-
selben, gegründet in der AUgemeingflltigkeit wissenschaftlicher Wahrheiten,
nach welcher diese sicli beständig vermehren und gleichsam übereinander
schichten, endlich die zunehmende Herrschaft des menschlichen Geistes über
die Erde vermittels dieser Erkenntnis. Die großen Monarchien Europas
wurden als die festen Träger dieses Fortschritts angesehen. Indem man
dann auf ihrer Grundlage Industrie, Handel, Wohlstand, Zivilisation, Ge-
schmack und Kunst zusammen mit den Wissenschaften sich entwickebi sali,
3*
20 D I L T H E Y :
wurde dieser Inbegriff von Fortschritten unter dem der Kultur zusammen-
gefaßt, der Fortgang dieser Kultur wurde verfolgt, ihre Zeitalter wurden ge-
schildert und Querschnitte durch sie gelegt, ihre einzelnen Seiten wurden
einer getrennten Untersuchung unterworfen und in dem Ganzen jedes Zeit-
alters aufeinander bezogen. Voltaire, Ilume, Gibbon sind die typischen
Vertreter dieser neuen Betrachtungsweise. Und wenn lum in den einzelnen
Seiten der Kultur eine Verwirklichung von Regeln angenommen wurde,
die aus ihrer rationalen Konstruktion ableitbar seien, so bereitete sicli
doch allmählich von hier aus bereits eine historische Auffassung der Kultur-
gebiete vor.
Denn wenn die Aufklärung zunächst jeden Teil der Kultur als durd«
einen Zweck bestimmt und Regeln unterworfen dachte, an welche die Er-
reichung dieses Zwecks gebunden ist, so ist sie dann dazu fortgegangen,
in vergangenen Epochen die Verwirklichung ihrer Regeln zu sehen. Ar-
nold, Semler, Böhmer und die Kirchenrechtsschule sowie Lessing erforsch-
ten das Urchristentum und seine Verfassung als den wahren Typus der
christlichen Religiosität und ilirer äußeren Ordnungen; Winkelmann und
Lessing fanden ihr regelhaftes Ideal der Kunst uiul Dichtung in Grieclien-
land verwirklicht. Hinter dem Studium der durch die Pllicht der Voll-
kommenheit gebundenen moralischen Person trat weiter in Psychologie und
Dichtung der Mensch in seiner irrationalen und individuellen Realität her-
vor. Und wenn in der Aufklärungszeit die Idee des Fortschritts diesem
ein rational bestimmbares Ziel setzte, wenn sie die früheren Stadien dieses
Weges in ihrem eigenen Gehalt und Wert nicht zur Geltung gelangen ließ,
wenn das Ziel des Staates von Schlözer in der Heranbildung großer Staaten
mit zentralisierter und intensiver Verwaltung, Wohlfahrts- und Kultur-
pilege, von Kant in der Friedensgemeinschaft das Recht verwirklichender
Staaten festgelegt wurde, wenn, in derselben Art, eingeschränkt durch die
Ideale der Zeit, die natürliche Theologie, Winkelmann und Lessing auch an-
deren großen Kräften der Kultur endliche rationale Ziele vorschrieben : so
revolutionierte Herder diese vom verstandesmäßigen Zweckbegriff geleitete
Geschichtschreibung durch die Anerkennung des selbständigen Wertes,
den jede Nation und jedes Zeitalter derselben verwirklichen. Damit stand
das 1 8. Jahrhundert an der Schwelle der neuen Zeit der Geisteswissen-
schaften. Von Voltaire und Montesquieu, Hume und Gibbon geht über
Kant, Herder, Fichte der Weg zu der großen Zeit, in welcher die
Der Aujltau der geschichtlirJien Welt in den Gehteswissenschaften. I. 21
Geisteswissenschaften nun neben den Naturwissenschaften ihre Stellung
eroberten.
Deutschland war der Schauplatz dieser Konstituierung eines zweiten
Zusammenhangs von Wissenschaften. Dies Land der Mitte, der inneren
Kultur, liatte von der Reformation ab die Kräfte der europäischen Ver-
gangenlieit, die griechisclie Kultur, das römische Rechtswesen, das ur-
sprüngliche Cliristentum in sich wirksam erhalten: wie waren sie doch
in dem »Lehrer Deutschlands«, Melanchthon, zusammengenommen ge-
wesen! So konnte auf deutschem Boden das vollkommenste, natür-
lichste Verständnis dieser Kräfte erwachsen. Die Periode, in welcher das
geschah, hatte in Dichtung, Musik und Philosophie Tiefen des Lebens
aufgeschlossen, zu denen keine Nation bis dahin vorgedrungen war. Solche
Blütezeiten des geistigen Lebens rufen in den historischen Denkern eine
größere Stärke und Mannigfaltigkeit des Erlebens, eine gesteigerte Kraft,
die verschiedensten Formen des Daseins nachzuverstelien, hervor. (Jorade
die Romantik, mit welcher die neue Geisteswissenschaft in so enger Be-
ziehung stand, die beiden Schlegel und Novalis voran, bildete zugleich mit
einer neuen Freiheit des Lebens auch die der Vertiefung in alles Fremdeste
aus. In den Schlegel erweiterte sich der Horizont des Genusses und Ver-
ständnisses Ober die ganze MannigAxltigkeit der Schöpfungen in Si)rache
und Literatur. Sie schufen eine neue Auffassung literarischer Werke durch
die Erforsclnmg ihrer inneren Form.
Und auf dieser Idee von innerer Form, von Komposition berulite dann
die Rekonstruktion des Zusammenhanges der platonischen Werke durcli
Schleiennacher und später das von ihm zuerst gewonnene Verständnis der
inneren Form der paulinischen Briefe. In dieser strengen Formbetrachtung
lag auch ein neues Hilfsmittel der historischen Kritik. Und eben von ihr aus
hat Schleiermacher in seiner Hermeneutik die Vorgänge der schriftstelleri-
sclien Produktion und des Verständnisses behandelt und hat Böckli sie in
seiner Enzyklopädie fortgebildet — ein Vorgang, der ftir die Entwicklung
der Methodenlelire von der größten Bedeutung war.
W. v. Humboldt steht mitten unter den Romantikern, fremdartig durch
die Sammlung und Geschlossenheit seiner Person im Sinne Kants und doch
ihnen wiederum verwandt durch den Zug nach Genuß und Verständnis von
Leben jeder Art, durch eine hierauf gegründete Philologie, durch ein Ex-
perimentieren mit den neuen Problemen der Geisteswissenschaften, dessen
22 Diltiiey:
Tendenz ebenso systematiscli war als Friedricli Schlegels Entwurf einer Enzy-
klopädie. Und in naher geistiger Verwandtschaft mit W. v. Humboldt ist
Fr. A. Wolf, der ein neues Ideal der Philologie aufstellte, nach welchem
diese, festgegründet in der Sprache, die gesamte Kultur einer Nation um-
spannt, um schließlich von hier aus das Verständnis ihrer größten geistigen
Schöpfungen zu erreichen. In diesem Sinne sind Niebuhr und Mommsen,
Böckh und Otfried Müller, Jakob Grimm und Müllenhoff Philologen gewesen,
und ein unendlicher Segen fär die Geschichtswissenschaft ist von diesem
strengen Begriff ausgegangen. So entstand eine methodisch begründete,
das ganze Leben umfassende historische Erkenntnis der einzelnen Nationen,
und das Verständnis ihrer Stellung in der Geschichte wurde damals zu-
gleich höchst lebendig durch die politischen Kämpfe, in denen die Natio-
nalitätsidee sich ausbildete.
Von hier aus erhielt nun das Studium der ältesten zugänglichen Zeiten
der einzelnen Völker erst seine wahre Bedeutung. Die schaffende Kraft der-
selben, die in Religion, Sitte und Recht wirksam ist, die Zurückfuhrung der-
selben auf den Gemeingeist, der in diesen Zeiten in kleinen politischen Körpern
bei größerer Gleichförmigkeit der Individuen sich in gemeinsamen Schöpfungen
betätigt — dies waren die großen Entdeckungen der historischen Schule:
sie haben ihre ganze Auffassung von der Entwicklung der Nationen bedingt.
Und fiir solche von Mythos und Sage orföllten Zeiten wurde die histo-
rische Kritik die notwendige Ergänzung des Verständnisses. Auch hier war
Fr. A. Wolf der Führer. Indem er die homerischen Gedichte untersuchte,
gelangte er zu der Annahme, daß die epische Dichtung der Griechen vor
der Entstehung unserer Ilias und Odyssee in mündlichem Vortrag und
sonacli aus kleineren Gebilden entstanden wäre. Dies war der Anfang
einer zerlegenden Kritik der nationalen epischen Dichtung. In den Bahnen
Wolfs ging Niebuhr von der Kritik der Überlieferung zu der Rekonstruk-
tion der ältesten römischen Geschichte fort. Zur Annahme alter Lieder
im Sinne der Ilonierkritik trat bei ihm als ein weiteres Prinzip für die
Erklärung der Tradition die Abhängigkeit der Berichterstatter von den
Parteien und das Unvermögen späterer Zeiten, ältere Verfassungsverhält-
nisse zu verstehen : ein Erklärungsprinzip, von dem dann Christian Baur,
der große Kritiker der cliristlichen Überlieferung, den fruchtbarsten Ge-
brauch gemacht hat. Niebuhrs Kritik war so aufs engste verbunden mit
dem neuen Aufbau der römischen Geschichte.
Der Aufbau der geschicktUcJien Welt in den GeiateswissemcJiaften. l. 2H
Er verstand die älteren römischen Zeiten aus der Grundanscliauung
von einem in Sitte, Recht, dichterischer Tradition der Gescliichte wirk-
samen nationalen Gemeingeist, der die spezifische Struktur des bestimmten
Volkes hervorbringt. Und auch hier machte sich die Einwirkung des
Lebens auf die Geschichtswissenschaft geltend. Zu den philologischen
Hilfsmitteln trat seine in bedeutenden Stellungen erworbene Kenntnis von
Wirtschaft, Recht und Verfassungsleben und die Vergleichung analoger Ent-
wicklungen. Savignys Anschauung der Rechtsgeschichte, die in seiner Lehre
vom Gewohnheitsrecht ihren stärksten Ausdruck fand, ging von denselben
Anschauungen aus. »Alles Recht entsteht auf die Weise, welche der herr-
schende Sprachgebraucl) als Gewohnheitsrecht bezeichnet.« »Es wird erst
durch Sitte und Volksglaube, dann durch Jurisprudenz erzeugt; überall
also durch innere, stillwirkende Kräfte, nicht durch die Willkür eines Ge-
setzgebers.« Uml damit waren Jakob (irimms große Konzeptionen von
der Entwicklung des deutschen (icistes in Sprache, Recht und Religion in
Übereinstimmung. Hieraus ergab sich nun eine weitere Entdeckung dieser
Epoche.
Das natürlicJje System der (ieisteswissenschaflen sah in Religion, Recht,
Sittlichkeit, Kunst nacJi dem Sinne der Aufklärung einen Fortschritt aus
barbarischer Regellosigkeit zu einem vernünftigen Zweckzusammenhang,
der in der Menschennatur begiündet ist. Denn in der Menschennatur
liegen nach diesem System gesetzliche Verhältnisse, in festen Begriflen
darstellbar, die überall gleichförmig dieselben Grundlinien des wirtschaft-
lichen Lebens, der rechtlichen Ordnung, des moralischen Gesetzes, des Ver-
nunftglaubens, der ästhetischen Regeln erwirken. Indem die Menschheit
sie sich zum Bewußtsein bringt und ihnen ihr Leben in Wirtschaft, Recht,
Religion und Kunst zu unterwerfen sti-eht, wird sie mündig und sie wird
immer fähiger, den Fortschritt der Gesellschaft durch wissenschaftliche
Einsicht zu leiten. Aber was in den Naturwissenschaften gelungen war,
die Aufstellung eines allgemein giltigen Hegriffssystems, sollte sich nun
als in den Geisteswissenschaften unmöglich erweisen. Die verschiedene
Natur des Gegenstandes auf den liciden (iebieten des Wissens machte sich
geltend. Und so ging dieses natürliche System an seiner Zersplitterung
in verschiedene Richtungen, die doch die gleiche wissenschaftliche Fun-
dierung — oder denselben Mangel einer solchen — iiatten, zugrunde. Die
große Epoche der Geisteswissenschaften hat nun im Kampf mit dem Be-
24 D I L T H E Y :
griffssystem des 1 8. Jalirliunderts den historischen Charakter der Wissen-
schaften von Wirtschaft, Recht, Religion und Kunst zur Geltung gebracht.
Sie entwickeln sich aus der schaffenden Kraft der Nationen.
Eine neue Anschauung der Geschichte erhob sich damit. Schleier-
machers Reden über die Religion haben die Bedeutung des Gemeinschafts-
bewußtseins und seines Ausdrucks in der vom Gemeinscliaftsbewußtsein
getragenen Mitteilung zuerst im Reiche der Religiosität entdeckt. Auf
dieser Entdeckung beruht seine Auffassung des Urchristentums, seine
Jlvangelienkritik und seine Entdeckung des Subjektes der Religiosität, der
religiösen Aussagen und des Dogmas im Gemeindebewußtsein, wie sie den
Standpunkt seiner Glaubenslehre ausmacht. Wir wissen jetzt', wie unter
der Einwirkung der Reden über Religion Hegels Begriff des Gesamtbewußt-
seins als des Trägers der Geschichte, dessen Fortrücken die Entwicklung
in der Geschichte ermöglicht, entstanden ist. Nicht ohne Einwirkung von
der philosophischen Bewegung her gelangte die historische Schule zu einem
verwandten Ergebnis, indem sie auf die älteren Zeiten der Völker zurück-
ging und hier den schöpferisch wirksamen Gemeingeist fand, der den
Nationalbesitz von Sitte, Recht, Mythos, epischer Dichtung hervorbringt
und von welchem dann die ganze Entwicklung der Nationen bestimmt
ist. Sprache, Sitte, Verfassung, Recht — so formulierte Savigny" diese
Grundanschauung — «haben kein abgesondertes Dasein, es sind nur ein-
zelne Kräfte und Tätigkeiten des einen Volkes, in der Natur untrennbar
verbunden«. »Was sie zu einem Ganzen verknüpft, ist die gemeinsame Über-
zeugung des Volkes.« »Diese Jugendzeit der Völker ist arm an Begriffen,
aber sie genießt ein klares Bewußtsein ihrer Zustände und Verhältnisse,
sie fühlt und durchlebt diese ganz und vollständig.« Dieser »klare, natur-
gemäße Zustand bewährt sich vorzüglich auch im bürgerlichen Rechte«
Der Körper desselben sind »symbolische Handlungen, wo Rechtsverhält-
nisse entstehen oder untergehen sollen«. »Ihr Ernst und ihre Würde ent-
spricht der Bedeutsamkeit der Rechtsverhältnisse selbst.« Sie sind »die
eigentliche Grammatik des Rechts in dieser Periode«. Die Entwicklung
des Rechts vollzieht sich in einem organischen Zusammenhang; »bei stei-
gender Kultur sondern sich alle Tätigkeiten des Volkes immer mehr, und
' Meine Jugendgeschiclite Hegels. Abhandl. d. Akad. d.Wiss. 1905.
' Beruf f. Gesetzgebung S. 5 ff.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den GeL^teswküemchaften. I. 25
was sonst gerneinschaftlicli betrieben wurde, lallt jetzt einzelnen Ständen
anlieiin«; der abgesonderte Stand der Juristen entstellt; er repräsentiert
das Volk in seiner Rechtsfunktion ; die Begriffsbildung wird nun das Werk-
zeug der Rechtsentwicklung: sie erfaßt leitende Grundsätze, d.h. Bestim-
mungen, in denen die übrigen gegeben sind; auf ihrer Auffindung beruht
der wissenschaftliche Charakter der Jurisprudenz, und die Jurisprudenz
wird immer mehr Urundlage der Fortbildung des Rechts durch die Gesetz-
gebung. Eine analoge organische Entwicklung hat Jakob Grimm in der
Sprache nachgewiesen. In einer großen Kontinuität liat sich von hier aus
das Studium der Nationen und der verschiedenen Seiten ihres Lebens
entwickelt.
Mit diesem großen Blick der historischen Schule verband sich dann
ein methodischer Fortschritt von der höchsten Bedeutung. Von der ari-
stotelisclien Schule ab hatte die Ausbildung der vergleichenden Methoden
in der Biologie der Pflanzen und Tiere den Ausgangspunkt für deren An-
wendung in den Geisteswissenschaften gebildet. Durch diese Methode
war die antike politische Wissenschaft zur höchstentwickelten Disziplin
der Geisteswissenschaften im Altertum erhoben worden. Indem nun die
historische Schule die Ableitung der allgemeinen Wahrheiten in den Geistes-
wissenschaften durch abstiaktes konstruktives Denken verwarf, wurde ffir
sie die vergleichende Methode das einzige Verfahren, zu Wahrheiten von
größerer Allgemeinheit aufzusteigen. Sie wandte dies Verfahren auf Sprache
Mythos, nationale Epik an, und die Vergleichung des römischen mit
dem germanischen Recht, dessen Wissenschaft eben damals emporblühte,
wurde der Ausgangspunkt für die Ausbildung derselben Methode auch auf
dem Rechtsgebiet. Aiich hier besteht ein interessantes Verhältnis zu dem
damaligen Zustand der Biologie. Cuvier ging von einem Begriff der Kom-
bination der Teile in einem tierischen Typus aus, welcher gestattete, aus
den Resten untergegajigener Tiere den Bau derselben zu rekonstruieren.
Ein ähnliches Verfahren übte Niebuhr, und Franz Bopp und Jakob Grimm
haben die vergleichende Methode ganz im Geist der großen Biologen auf
die Sprache angewandt. Das Streben der früheren Jahre Humboldts, in
das Innere der Nationen einzudringen, wurde nun endlich mit den Mitteln
des vergleichenden Sprachstudiums verwirklicht. An diese Richtung hat
sich dann in Frankreich der große Analytiker des Staat«lebens, Tocque-
ville, angeschlossen: im Sinne des Aristoteles hat er Funktionen, Zusammen-
Phil.-hist. Klasse. 1910. Abh. 1. 4
26 D I L T 11 E Y :
hang und Entwicklung der politischen Körper verfolgt. Eine einzige, ich
möchte sagen morphologische Betrachtungsweise geht durch alle diese Gc-
neralisationen hindurch und führte zu Begriffen von neuer Tiefe. Die all-
gemeinen Wahrheiten bilden nach diesem Standpunkt nicht die Grundlage
der Geisteswissenschaften, sondern ihr letztes Ergebnis.
Die Grenze der historischen Schule lag darin, daß sie zur Universal-
geschichte kein Verhältnis gevs^ann. Johann von Müllers allgemeine Ge-
schichte, die besonders an die gerade in diesem Punkt unvollkommenen
"Ideen« Herders sich anschloß, offenbarte die ganze Unzulänglichkeit der bis-
herigen Hilfsmittel zur Lösung dieser Aufgabe. Hier griff nun gleichzeitig
mit der historischen Schule, an demselben Ort wirksam, wo sie ihren
Mittelpunkt hatte, Hegel ein.
Er war eines der größten historischen Genies aller Zeiten. In der
ruhigen Tiefe seines Wesens sammelte er die großen Kräfte der geschicht-
lichen Welt. Das Thema, an welchem seine Anschauungen sich entwickel-
ten, war die Geschichte des religiösen Geistes. Die historische Schule
hatte ein philologisch strenges Verfahren gefordert und die vergleichende
Methode angewandt; Hegel schlug ein ganz anderes Verfahren ein. Unter
dem Einfluß seiner religiös-metaphysischen Erlebnisse, im beständigen Ver-
kehr mit den Quellen, überall aber von ihnen zurückgehend in die tiefste
religiöse Innerlichkeit, entdeckte er eine Entwicklung der Religiosität, in
welcher die niedere Stufe des religiösen Gesamtbewußtseins durch in ihr
tätige Kräfte eine höhere erwirkt, in der nunmehr die frühere enthalten
ist. Das i8. Jahrhundert hatte den Fortschritt der Menschheit aufgesucht,
den die Zunahme der Erkenntnis der Natur und der in ihr gegründeten
Herrschaft über sie herbeifahrt; Hegel ergriff die Entwicklung der reli-
giösen Innerlichkeit. Das i8. Jahrhundert erkannte in diesem Fortschritt der
Wissenschaften die Solidarität des Menschengeschlechtes; Hegel entdeckte
im Bereich der Religiosität ein Gesamtbewußtsein als Subjekt der Ent-
wicklung. Die Begriffe, in denen das i8. Jahrhundert die Geschichte der
Menschheit erfaßt hatte, bezogen sich auf Glück, Vollkommenheit und ver-
standesmäßige Zwecksetzung, die auf Verwirklichung dieser Ziele gerichtet
ist; Hegel war mit ihm einverstanden in der Intention, durch ein allge-
meingültiges System von Begriffen menschliches Dasein nach seinen ver-
schiedenen Seiten auszudrücken; aber vernichtender als er hat auch die
historische Schule nicht die verstandesniäßige Auffassung der menschlich-
Der Auf hau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 27
geschiclitlichen Wirklichkeit bekämpft: das Begriffssystem, das er suchte,
sollte nicht die Seiten des Lebens abstrakt formulieren und regeln: er er-
strebte einen neuen Zusammenhang der Begriffe, in welchem die Ent-
wicklung in ihrem ganzen Umfang begreiflich würde. Er erweiterte sein
Verfahren über die religiöse Entwicklung hinaus in die der Metaphysik
und von ihr aus auf alle Lebensgebiete, und das ganze Reich der Ge-
schichte wurde sein Gegenstand. Überall suchte er hier Tätigkeit, Fort-
gang, und dieser hat an jedem Punkt in den Beziehungen der Begriffe
sein Wesen. Geschichtswissenschaft ging so in Philosophie über. Diese
Umwandlung wurde möglich, weil die deutsche Spekulation der Zeit
dem Problem der geistigen Welt entgegenkam. Kants Analysis hatte
in den Tiefen des Bewußtseins Formen der Intelligenz, wie sinnliche
Anschauung, Kategorien, Schemata der reinen Verstandesbegriffe, Re-
üexionsbegriffe, tlieoretische Vernunftideen, Sittengesetz, Urteilskraft nuf-
gefundfcn, und er hatte ihre Struktur bestimmt. Jede dieser Formen der
Intelligenz war im Grunde Tätigkeit. Aber dies trat doch erst ganz her-
vor, als Fichte in Setzung, Entgegensetzung, Zusannnenfassung die Welt
des Bewußtseins entstehen ließ -- überall darin Energie, Fortschreiten auf-
deckend. Da nun Gescliichte im Bewußtsein sich realisiert, so muß nach
Hegel in ihr dasselbe Zusammenwirken von Tätigkeiten wiedergefunden
werden, das in Setzen, Entgegensetzen und in höherer Einheit im überindivi-
duellen Subjekt l]ntwicklung möglich macht. Damit war die Grundlage lür
die Aufgabe Hegels geschaffen, die Gestalten des Bewußtseins in Begriffen
darzustellen und die Entwicklung des Geistes durch sie hindurch als ein
System begrifflicher Beziehungen zu erfassen. Eine höhere Logik gegen-
über der des Verstandes sollte diese Entwicklung begreiflich machen: sie
war das schwei-ste Werk seines Lebens. Den Leitfaden für die Stufen-
folge der Kategorien entnahm er Kant, dem großen Entdecker der ver-
schiedenen Beziehungsordnungen, ich möchte sagen Strukturformen des
Wissens. Die Realisierung dieses Ideenzusammenhangs in der Wirklichkeit
hatte dann nach Hegel ihren Höhepunkt in der Weltgeschichte. So hat er
die geschichtliche Welt intellektualisiert. Im Gegensatz gegen die histo-
rische Schule hat er die allgemeingültige Begründung der systematischen
Geisteswissenschaft in dem Vernunftsystem gefunden, das der Geist ver-
wirklicht, ja mehr als das — er hat alles, was der Rationalismus des
18. Jahrhunderts als individuelles Dasein, besondere Gestalt des Lebens,
28 Dii.they:
Zufall und Willkür aus dem Vernuuftzusammenhang ausschloß, durcl» die
Mittel der höheren Logik der Systematik der Vernunft eingeordnet.
Aus dem Zusammenwirken aller dieser Momente ist Rankes Ver-
ständnis der geschichtlichen Welt hervorgegangen.
Er war ein großer Künstler. Leise, stetig, ohne Kampf entsteht in ihm seine
Anschauung der »unbekannten Weltgeschichte«. Goethes kontemplative
Lebensstimmung und dessen künstlerischer Standpunkt der Welt gegenüber
ergreift in ihm die Geschichte als ihren Gegenstand. So will er nur dar-
stellen, was gewesen ist. In reiner Treue und mit der vollendeten Technik
der Kritik, die er Niebuhr verdankte, bringt er das, was die Arcliive und
die Literatur enthalten, zum Ausdruck. Diese Künstlernatur hat kein Be-
dürfnis, in den hinter dem Gescliehenen liegenden Zusammenhang der Fak-
toren der Geschichte zurückzugehen, wie es die großen Forscher der histo-
rischen Schule getan liatten: sie fürchtete, in solchen Tiefen nicht nur
ihre Sicherheit, sondern auch ihre Freude an der im Licht der Sonne sich
))ewegenden Mannigfaltigkeit der Erscheinungen zu verlieren, wie dies Nie-
buhr geschehen war. Er bleibt vor der Analyse und dem begrifflichen
Denken über die Zusammenhänge, die in der Geschichte zusammenwirken,
stehen. Das ist die Grenze seiner Geschichtsschreibung. Noch weniger be-
hagte ihm die farblose begriffliche Ordnung der historischen Kategorien in
Hegels Auffassung der geschichtlichen Welt. «Was hat mehr Wahrheit«,
äußert er sicli, »was fuhrt uns näher zur Erkenntnis des wesentlichen
Seins, das Verfolgen spekulativer Gedanken oder das Ergreifen der Zustände
der Menschheit, aus denen doch immer die uns eingeborene Sinnesweise
lebendig heraustritt? Ich bin ftir das letztere, weil es dem Irrtum weniger
unterworfen ist«. Das ist der erste neue Zug in Ra)ike: er zuerst brachte
ganz zum Ausdruck, daß die Grundlage alles historischen Wissens und
ein höchstes Ziel desselben die Darstellung des singularen Zusammenhangs
der Geschichte ist — Ein Ziel wenigstens: denn Rankes Grenze lag darin,
daß er ausschließlich in diesem Einen sein Ziel sah — ohne doch andere
Ziele zu verurteilen. Hier schieden sich die Richtungen.
In seiner dichterischen Stimmung gegenüber der geschichtlichen Welt
hat er das Schicksal, die Tragik des Lebens, allen Glanz der Welt und
das hohe Selbstgefühl des Wirkens aufs stärkste empfunden und zum Aus-
druck gebracht. In dieser Verwebung des der Dichtung eigenen Bewußt-
seins vom Leben mit der Geschichte ist er Ilerodot, seinem Vorbild Thuky-
Der Auß)au der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 29
(lides, Joh. Müller und Carlyle verwandt. Der Blick auf das Leben wie von
einem hohen Ort aus, der es ganz überschauen läßt, war in dieser Goethe
so nahestehenden Natur notwendig verbunden mit der Auffassung des Ge-
schichtliehen von einem das Ganze desselben ül)erl)lickenden Standpunkt.
Sein Horizont war die Universalgeschichte; er faßte jeden Gegenstand unter
diesem Gesichtspunkt; darin stimmte er mit der ganzen Entwicklung der
Geschichtschreibung von Voltaire bis Hegel und Niebuhr überein; doch
lag ein weiterer ihm eigener Zug in der Art, wie er aus dem Zusammen-
und Gegeneinanderwirken der Nationen neue Einblicke über die Beziehungen
zwischen politischem Machtstreben, innerer Staatsentwicklung und geistiger
Kultur gewonnen hat. Dieser universalhistorische Gesichtspunkt reicht bei
ihm weit in seine Jugend zurück; er spricht einmal von seiner »alten Ab-
siclit, die Mär der Weltgeschichte aufzufinden, jenen Gang der Begeben-
heiten und Entwicklungen unseres Geschlechts, der als ihr eigentlicher In-
halt, als ihre Mitte und als ihr Wesen anzusehen ist«. Universalgeschichte
war der Lieblingsgegenstand seiner Vorlesungen; immer blieb ihm der
Zusamn)enhang seiner einzelnen Arbeiten gegenwärtig, sie war auch der
(iegenstand des letzten Werks, das der mehr als Aclitzigjährige unternahm.
Der Künstler in ihm verlangte die sinnliche Breite des Geschehens dar-
zustellen. Er konnte das nur, indem er an einem besonderen Gegenstand
seine universalhistorische Betrachtungsweise geltend machte. t)ber die
Wahl dieses Gegenstandes entschied dann nicht nur das Interesse, mit
dem ihn die venezianischen (Je.sandtschaftsberichte gefangennahmen, son-
dern auch sein Sinn für das ofl'en an der Sonne Zutageliegende und ein
innerer Zug der Sympatiiie zu der Epoche, die vom Machtstreben großer
Staaten und bedeutender Fürsten erfüllt war. «Es setzt sich mir allmäh-
lich eine Geschichte der wichtigsten Momente der neueren Zeit fast ohne
mein Zutun zusammen, sie bis zur Evidenz zu bringen und zu schreiben,
wird das (Jeschäfit meines Lebens sein.« So wurde der Gegenstand seiner
Erzählungskunst die Ausbildung der modernen Staaten, ihr Kampf um
die Macht, die Rückwirkung desselben auf ihre inneren Zustände, in einer
Folge von Nationalgeschichten.
In diesen Werken äußert sich ein Wille und eine Kraft zu geschichtlicher
Objektivität ohnegleichen. Da-s universale Mitfühlen der historischen Werte,
die Freude an der Mannigfaltigkeit der geschichtlichen Erscheinungen, die all-
seitige Empfänglichkeit itir alles Leben, wie sie Herder erfüllte, wie sie in
30 D I L T ir E Y :
Joli. Möller bis zur Ohnmacht dos empfänglichen (^eistes gegenüber den ge-
schichtlichen Kräften wirksam war — diese eigenste Fähigkeit des deut-
schen Geistes erfüllt Ranke ganz. Er arbeitete nicht ohne Einwirkung Hegels,
aber vor Allem doch im Gegensatz zu ihm ; hat er doch überall Mittel von rein
historischer Art ausgebildet, den unendlichen Reichtum des Geschehenen in
einen objektiven historischen Zusammenhang zu bringen, ohne doch zu
philosophischer Geschichtskonstruktion zu greifen. Hierin offenbart sich
uns der eigenste Grundzug seiner Geschichtschreibimg. Wirklichkeit will sie
erfassen, wie sie ist. Ihn erfüllte jener Wirklichkeitssinn, der allein einen Auf-
bau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften schaffen kann.
Niemand liat, im Gegensatz zu den an die Historiker oft gestellten Anforderungen,
direkt auf das Leben zu wirken, dureli Stellungnahme in dessen Kämpfen, so
erfolgreich alsRanke denCharakter der Geschichte als einer objektiven Wissen-
.schaft vertreten. Wir können nur dann eine wahre Wirkung auf die
(iegenwart ausüben, wenn wir von derselben zunächst absehen und uns
zu freier objektiver Wissenschaft erheben. Dies Ziel füiirte dann auch
in Ranke zur Ausl)ildung aller Mittel der Kritik. Der Geist Niebuhrs
lebte; in ihm fort, wie der kritische Aidiang zu seinem ersten Hauptwerk
am besten zeigt.
Neben Ranke eröffnen zwei andere große Historiker der Zeit neue
Blicke in den Aufbau der geschichtlichen Welt.
(Jarlyle zeigt denselben unaufhaltsamen Willen, in die Wirklichkeit zu
dringen, von einer anderen Seite. Kr sucht den geschichtliclien Menschen
— den Helden. Wenn Ranke ganz Auge ist, in der gegenständlichen W'elt
lebt, beruht Carlyles Geschichtschreibung auf dem Ringen mit dem Problem
des inneren Lebens; so ergänzen sich diese beiden, wie die beiden Rich-
tungen der Poesie, deren eine vom Gegenständlichen und die andere von
der Entwickelung des eigenen Wesens ausgeht. Den Kampf, den Carlyle
in sich durchgemacht hatte, verlegte er in die Geschichte. Sein selbstbio-
graphischer philosophischer Roman ist daher der Schlüssel fiir seine Ge-
schichtschreibung. Seine einseitige und ganz singulare Genialität war von
intuitiver Art. Alles Große entsteht nach ihm aus dem Wirken der ver-
bindenden und organisierenden Kräfte des Glaubens und der Arbeit. Sie
schaffen die äußeren Formen der Gesellschaft in Wii-tschaftsleben, Recht und
Verfassung. Die Epochen, in denen die verbindenden Kräfte selbständig, auf-
richtig, verknüpfend wirksam sind, nennt er positive Zeitalter — eine Bezeich-
Der Aufbau der (jeschichtlichen Welt in den Gebtenio'isftenschaften. I. Hl
iiung, in der ihm die Physiokraten voraufgegangeu waren. Nachdem die po-
sitiven Zeit-alter auf der Grundlage des Glaubens einen festen Bestand von In-
stitutionen hervorgebracht haben, löst das fortschreitende Denken diesen Gehalt
auf, und die negativen Zeiten brechen nun an. Die Verwandtscliaft dieser
Grundanschauung mit der deutschen historischen Schule und Schellings Ge-
schichtsphilosopliie ist unverkennbar. Carlyles intuitiver Geist entfaltet aber
seine größte Macht erst in der Anwendung dieser Gedanken auf die Auffassung
der großen historischen Menschen — die Gestalter dos Lebens und der
Gesellschaft aus dem Glauben. Tiefer als irgend jemand vor ihm liat er
in ihren Seelen gelesen: die Innerlichkeit ihres Willens vergegenwärtigt er
sich in jeder ihrer Mienen, Gebärden, dem Tonfall ihrer Sprache. Der
Dichter oder Denker, der Politiker oder das religiöse Genie ist nicht ver-
ständlich aus einzelnen Begabungen, sondern nur aus der einfachen Kraft,
durcli einen Glauben die Menschen zu verbinden und zu bezwingen. In
dem allen spricht sich Fichtes Einfluß auf ilin deutlich aus.
Der dritte unter den originalen historischen Köpfen der Zeit Rankes
war Tocqueville. Er ist der Analytiker unter den geschichtlichen Forschern
der Zeit, und zwar unter allen Analytikern der politischen Welt der größte
seit Aristoteles und Machiavelli. Wenn Ranke und seine Schule mit peinlicher
Sauberkeit die Archive ausbeuteten, um das ganz Europa umspannende Geflecht
diplomatischer Aktionen in der modernen Zeit zu erfassen, so dienen Tocque-
ville die Archive fiir einen neuen Zweck. Er sucht in ihnen das Zuständliche,
das für das Verständnis der inneren politischen Struktur der Nationen Bedeut-
.same : seine Zergliederung ist auf das Zusammenwirken der Funktionen in einem
modernen politischen Körper gerichtet, und er zuerst hat mit der Sorgfalt
und Peinlichkeit des sezierenden Anatomen jeden Teil dos politischen Lebens,
der in der Literatur, den Archiven und dem Leben selbst zurückgeblieben
ist, für das Studium dieser inneren und dauernden Strukturverhältnisse ver-
wertet. Er hat die erste wirkliche Analyse der amerikanischen Demokratie
gegeben. Die Erkenntnis, daß in dieser »die Bewegung«, »die kontinuier-
liche, unwiderstehliche Tendenz« bestehe, eine demokratische Ordnung in
allen Staaten hervorzubringen, erhob sich in ihm aus der Entwicklung
der Gesellschaft in den verschiedenen Ländern. Diese seine Erkenntnis
hat sich seitdem durch die Vorgänge in allen Teilen der Welt bestätigt.
Als echter hüstorisclier und politischer Kopf sieht er in dieser Rich-
tung der Gesellschaft weder einen Fortschritt noch etAvas in jeder Hin-
32 Dir, tiiky:
sieht Schädliches. Die politische Kunst muß eben mit ihr rechnen und
in jedem Lande die ihm gemäße politische Ordnung dieser Kiclitung <ler
Gesellschaft anpassen. Und in seinem anderen Buche drang Tocquevillc
zuerst in den wirklichen Zusammenhang der politischen Ordnung Frank-
reichs im i8. Jahrhundert und der Revolution. Eine politische Wissen-
schaft solcher Art gestattete auch Anwendungen auf die politische Praxis.
Besonders fruchtbar erwies sich seine Fortbildung des aristotelischen Satzes,
daß die gesunde Verfassung jedes Staates auf dem richtigen Verhältnis
der Leistungen und Rechte beruhe und die Verkehrung dieses Verhältnisses,
welche Rechte in Privilegien verwandelt, die Auflösung herbeiführen müsse.
F^ine andere bedeutende Anwendung seiner Analysen auf die Praxis lag
in der Jlrkenntnis der Gefahren einer überspannten Zentralisation und in
der Einsicht in den Segen der Selbsttätigkeit und Selbstverwaltung. So
leitete er aus der Geschichte selbst fruchtbare Generalisationen ab, und
damit entstand aus einer neuen Analyse vergangener Wirklichkeiten ein
neues gründlicheres Verhältnis zur gegenwärtigen.
Ich möchte sagen, daß sich in diesem ganzen Verlauf der Aufgang
des geschichtlichen Bewußtseins vollzogen hat. Dies erfaßt alle Phänomene
der geistigen Welt als Produkte der geschichtlichen Entwicklung. Unter
seinem Einfluß wurden die systematischen Geisteswissenschaften auf P]nt-
wickhmgsgeschichte und vergleichendes Verfahren gegründet. Indem Hegel
den Gedanken der Entwicklung zum Mittelpunkt der Geisteswissenschaften
machte, die unter dem Schema des Fortgangs in der Zeit stehen, verknüpfte
er durch diesen Gedanken den Rückblick in die Vergangenheit mit dem
Fortschreiten in die Zukunft, in das Ideal. Die Geschichte erhielt eine
neue Würde. Bis auf die Gegenwart hat das so geschaffene geschicht-
liche Bewußtsein in bedeutenden Historikern sich auf immer neue Gel)icte
und in immer neue Probleme erstreckt und es hat die Wissenschaften der
Gesellschaft umgestaltet. Diese bedeutsame Entwicklung, in welcher die
Tendenz, das objektive Wissen von der geistigen Welt sowolil in den Ge-
sellschaftswissenschaften als in der Geschichte reiner und strenger heraus-
zuarbeiten, sich emporringt im Streit mit der Herrschaft politischer und
sozialer Bestrebungen, bedarf hier keiner Darstellung, da ihre Probleme die
der nachfolgenden Untersuchungen selber sind.
Die Theorie soll den so entstandenen Zusammenhang der Geisteswissen-
schaften in Begriffen darstellen und erkenntnistheoretisch begründen. Und
Der Außmi der (jeschichlUrhen Welt in den Geixteswissenftchaßen. I. 33
wenn man von Ranke ausgeht und die historiscJie Schule mit ihm verbindet,
so entsteht ein zweites Problem. Ranke verlegt in seinen großen Gescliichts-
werken Sinn, Bedeutung, Wert der Zeitalter und Nationen in diese selbst.
Sie sind gleichsam in sich selbst zentriert. In diesen Werken Avird nie
an einem unbedingten Wert oder Grundgedanken oder Zweck die histo-
rische Wirklichkeit gemessen. Fragt man dann nach dem inneren Verhält-
nis, das in der Stufenfolge von Individuum, Gemeinsamkeit, Gemeinschaften
diese Zentrierung der Geschichte in sich sel))st möglich macht, so greifen
Jiier die Studien der historischen Schule ein. Dies ge.scliichtliche Denken
selbst will erkenntnistheoretisch begründet imd durch Begriffe verdeutlicht,
nicht aber durch irgendeine Beziehung auf ein Uid)e(lingtes, Absolutes ins
Transzendentale oder Metaphysische umgewandelt werden.
4.
So haben vom Ende des 18. Jahrhunderts ab bis in die zweite Hälfte
des 19. die Geisteswissenschaften von Deutschland aus durch die Fest-
st(!llung des wahren Zusammenhanges ihrer Aufgaben allmählicli das Sta-
dium erreicht, das ennöglichte, an das logische und erkenntnistheore-
tische Problem derselben heranzutreten. Die geschichtliche Welt als ihr
einlieitlicher Gegenstand und das geschichtliche Bewußtsein als ein einheit-
liches Verhältnis zu ihr waren nun aufgegangen. Alle weiteren Fortschritte
der Geisteswissenscliaften, so bedeutend sie waren, erweiterten nur den
von der Aufklärungszeit ab allmählich gewonnenen Zusammenhang, der
jede geschichtliche P^inzelforschung unter den universalhistorischen Stand-
pvinkt stellte, auf die so verstandene Geschichte die Geisteswissenschaften
gründete und Philologie, Kritik. (;e.schichtschreil)vnig, komparative Methoden
und Entwicklungsgeschichte zu einem Ganzen verknüpfte. So wurde die
Geschichte philosophisch, sie erhielt durch Voltaire, Montesquieu, Kant,
Herder, Schiller, Hegel eine neue Würde und Bedeutung, und durch die
historische Schule erhielt das Nachdenken über sie in dem dargelegten
großen Zusammenhang seine Grundlage. Langsam und allmählich von da-
mals bis heute h.it die Tlieorie der (rcschichte die Einsicht der histori-
schen Schule in jenen Zusammenhang verwertet, und wir stehen noch
mitten in der Lösung dieser Aufgabe. Aber welche Positionen auch in
diesem Verlauf ergriffen wurden: alle sind sie am großen Faktum des
neuen Aufbaus der (ieisteswissenschaften orientiert.
PkÜ.-Mst. Klasse. 1910. Abh. I. 5
34 Diltuky:
Schriften über das Studiinn der Gescliiclite hatten die Ilntwicklung
der Geschlclitsclireibung in der neueren Zeit immer begleitet, und ilire
ZaJd war in der Periode der Aufklärung in den verschiedenen Kulturlän-
dern beständig gewachsen. Insbesondere begann seit dem Ausgang des
17. Jahrhunderts der Kam])f der Skepsis gegen alle Klassen des Wissens, er
richtete sich auch gegen die historische Überlieferung, und liieraus sind
starke Antriebe zu methodischer Betrachtimg hervorgegangen. Neben den
so entstandenen Arbeiten zur Begründung des historischen Wissens machten
sich im Universitätsbetrieb Enzyklopädien der Geschichtswissenschaft geltend.
Aber Avelch ein Abstand ist selbst zwischen Wachsmuths Versuch einer
Theorie der Geschichte, der 1820 auf der Höhe der neuen Geschichtschrei-
bung hervorgetreten ist, und der gleichzeitigen Schrift Humboldts, die
vom Geist der neuen Geschichtsschreibung ergriffen war. Hier bestellt eine
feste Grenze.
Die neue Theorie der Geschichte hatte naturgemäß in dem deutschen
philosopliischen Idealismus und in der Umwälzung der historischen Wissen-
schaft ihre beiden Ausgangspunkte. Von dem ersteren ist auszugehen.
Ks war Kants Problem gewesen, wie ein einheitlicher Zusammenhang,
»ein regelmäßiger Gang« im geschichtlichen Verlauf aufgefunden werden
könne. Er fragt nicht in erkenntnistlieoretischer Absicht nach den Be-
dingungen des in der vorhandenen Wissenschaft bestehenden Zusammen-
hangs, sondern seine Frage geht dahin, wie aus dem Sittengesetz, dem
alles Handeln unterstellt ist, Prinzipien fiir die Auffassung des liistorischen
Stoffes a priori abgeleitet werden können. Der geschichtliche Verlauf ist
ein Glied des großen Naturzusammenhangs; dieser kann aber vom Auf-
treten des Organischen aufwärts nicht einer flrkenntnis seiner Ordnung
nach Kausalgesetzen unterworfen werden, sondern er ist nur der teleo-
logischen Betrachtungsweise zugänglich. So verneint Kant die Möglichkeit,
in Gesellschaft und Geschichte Kausalgesetze aufzufinden, er unternimmt
dagegen, die Ziele des Fortschritts, wie sie die Aufklärung in der Voll-
kommenheit, der Glückseligkeit, der P^ntwieklung unserer Fähigkeiten,
unserer Vernunft, der Kultur überhaupt aufgestellt hatte, mit dem Apriori
des Sittengesetzes in Verbindung zu bringen und so den Sinn und die
Bedeutung des teleologischen Zusammenhangs a priori festzulegen. Da-
mit vollzieht Kant also einlach eine Umsetzung der in der Wolffischen
Schule angenommenen Pilicht zur Vollkommenheit, als des teleologischen
Der Aufltau der geschichtlu^lien Welt in den Geiste.missenscJiaften. I. 35
Prinzips för den geschiclitlichen Fortschritt, in sein Apriori des Sitten-
gesetzes. Und auch der Gegensatz der empirischen und philosopliischen
Wissenscliaften bei Wolff kehrt wieder in dem Gegensatz der empirisclien.
antljropologisclien Auffassung des Menschengeschlechts und der von der prak-
tischen Vernunft geforderten apriorisclien. Die teleologische Betrachtung
der üescliichte, als des Fortschritts in der Entwicklung derjenigen Natur-
anlagen, die auf den Gebrauch der Vernunft abzielen, zur Herrschaft der-
selben in einer allgemein das Recht verwaltenden Gesellschaft, zu einer
»vollkommen gerechten bürgerlichen Verfassung« als der »höchsten Auf-
gabe der Natur fiu* die Älenschengattung«, ist der Leitfaden a priori, durcli
welchen das so verworrene Spiel menschlicher Dinge erklärbar wird. Stärker
als in der in ilirer Abgrenzung durch den Anlaß und »die weltbürgerliche
Absicht »eingeschränkten« Idee zu einer allgemeinen Geschichte« tritt es an
anderen Stellen hervoi', wie die rechtliche Friedensgesellschaft, welche die
Machtverhältnisse überwinden soll, ihre Rechtfertigung vor der Vernunft darin
hat, daß sie ein aus Pllichtanerkennung hervorgehender Zustand, nicht ein
»bloßes physisches (Jut« sein würde und sich durch ihren Bestand ein »großer
Scliritt zur Moralität« vollzöge. Kants Bedeutung auf diesem (iebiet liegt
sonacli zunächst darin, daß er den transzendentalen philosophischen Stand-
punkt, wie er und Fichte ihn begründeten, auf die Geschichte angewandt
hat und damit eine dauernde (ieschichtsauffassung inaugurierte, deren Wesen
in der Aufstellung eines absoluten, im Wesen der Vernunft selbst begrün-
deten Maßstabes, eines Unbedingten als Wert oder Norm liegt: sie hat
ihre Kraft darin, daß sie dem Handeln die bestimmte, sicii durch ihre
sittliclie Tendenz selbst rechtfertigende Richtung auf ein festes Ideal an-
wies und jeden Teil der Geschichte nach seiner Abzweckung auf die Er-
fiilhmg dieses Ideals abschätzte.
Von diesem prinzipiellen Gesichtsp\inkt aus ergeben sieh noch weitere
bedeutungsvolle Bestimumngen. Die Herrschaft der Verimnft realisiert sich
nur in der Gattung. Dieses Ziel wird aber nicht durch friedliches Zu-
.sammenwirken der einzelnen erreicht. » Der Mensch will Eintracht; aber
die Natur weiß besser, was für seine Gattung gut ist: sie will Zwietracht.«
Sie erreicht eben durch die Bewegung der Leidenschaften, der Selbstsucht,
des Widerstreits der Kräfte ilire Absicht.
Der Einfluß der Ideen Kants traf mit der Anlage und dem Lebens-
gang Friedr. Chr. Schlossers zusammen. In seiner (Jeschichtschreibung
5*
36 D
I r, T H K Y ;
gelangte dieser Standpunkt Kants zur Geltung. Kr stellte jede geschicht-
liche Kinzelarbeit unter den universalliistorischen Standpunkt: er unterwarf
die historische Persönlichkeit einem starren Moralbegrift" und vernichtete
so den Sinn für den Glanz des geschichtlichen Lebens und den indivi-
duellen Reiz der großen Persönlichkeit. So vermag sie den Dualismus
nicht aufzulösen, der zwischen diesem moralischen Urteil und der Aner-
kennung der moralfreien Tendenz der Staaten zur Macht und der skrupel-
losen politischen Größe besteht. Wie Schlosser mit Kant den Mittelpunkt
der Geschichte in der Kultur sucht, ist die kulturhistorische Betrachtung
die Grundtendenz seiner Geschichtsbehandlung, und die Geschichte des
geistigen Lebens ist die glänzendste Partie seiner Arbeiten: man kann wolil
sagen, daß auf ihnen Gervinus' Darstellung unserer Nationall itteratur im
18. Jahrhundert in ihren Grvmdzügen beruht. Schlosser bringt den Wert
der stillen tiel'en Innerlichkeit allem Gepränge der Welt gegenüber zur
Geltung und zur Anerkennung, und das Größte: Seine Historie verfolgte
den Zweck, sein Volk zu einer praktischen Weltanschauung zu erziehen'.
Der transzendentalphilosophische Standpunkt geht von dem Gege-
benen zu dessen apriorischen Bedingungen. Auch Fichte hält ihn nun der
(reschichtsphilosophie Hegels gegenüber fest: das Faktische, Historische
kann niemals »metaphysiziert« werden, die Kluft zwischen ihm und den
Ideen kann nicht durch Begriffsdichtung ausgefüllt, das Unbedingte niclit
in den Fluß der (»eschichte, als ein ideeller Zusammenhang desselben durch
Begriffe, aufgelöst werden. Die Ideen stehen wie die Sterne über dieser
Welt, die dem Menschen den Weg weisen.
Von diesem Standpunkt aus machte nun Fichte über Kant hinaus
einen bedeutenden Fortschritt in der Geschichtsauffassung. Seine Entwick-
lung verlief von der Kantischen Avifklärung bis zu den oben skizzierten Auf-
gang des geschichtlichen Bewußtseins. In der Zeit zwischen der Katastrophe
von Jena und dem Beginn der Befreiungskriege erlebte er die Verlegung
aller Interessen des deutschen Geistes in die geschichtliche Welt und in den
Staat. In dieselbe Zeit fiel in der Wissenschaft die Hinwendung der Ro-
mantik zur Geschichte, Schellings Konstruktion der letzteren, Hegels Phäno-
menologie des Geistes und der Beginn seiner Logik. Dies waren die Ver-
' Icli verweise weiter liierüber auf meine Abhandliinjj Tiber Schlosser in den Prenßi-
sclien Jalirbiiciiern, Bd. 9.
Der Auflmu der geschichtlwheii Welt in den Geisteswissenschaften. I. 37
hältnisse, unter denen Ficlite das Problem erfaßte, wie aus der ideellen Ord-
nung die Geschichte verständlich werde. Dagegen stellte er sich so wenig wie
Kant die erkenntnistheoretische Frage, wie das in der tatsächlich bestehenden
Geschichtswissenschaft enthaltene Wissen vom Zusammenhang der Geschichte
möglich sei. Er unterwari' vielmehr von Anfang an die Summe der hi-
storischen Begebenheiten dem apriorischen Wertungsgesichtspunkt seines
Moralprinzips, der den Grundgedanken in allen seinen geschichtsphiloso-
phisclien Untersuchungen bis zu ihrem letzten Schritt in der »Deduktion
des Gegenstandes der Menschengeschichte« bildet. Von diesem Gesichts-
punkt aus erscheint die Geschichte als ein durch die Freiheitstat des ab-
soluten Ich gegründeter und in der zeitlichen P^ntwlcklung des Menschen-
geschlechts verlaufender Zusammenhang, in welchem sich, dem göttlichen
Weltplan gemäß, die »Kultivierung der Menschheit« vollzieht. »Dem Phi-
losophen entwickelt sich das Universum der Vernunft rein aus dorn Ge-
danken als solchen.« Und »die Philosophie ist zu Ende«, wo »das Be-
greifliche zu Pjide ist.« Der Philosoph der Geschichte »sucht daher den
ganzen Strom der Zeit hindurch nur dasjenige auf, und beruft sich darauf.
wo die Menschheit wirklich ihrem Zweck entgegen sich fördert, liegen
lassend und verschmähend alles andere. « Sonach wird hier von dem Ge-
sichtspunkt eines unbedingten Wertes aus eine Auswahl des geschicht-
lichen Stoff'es getroften und ein Zusammenhang hei-gestellt. Der »empiri-
sche Historiker«, der »Annalist« dagegen geht aus von dem faktischen
Dasein der Gegenwart. Deren Zustand strebt er möglichst genau zu er-
fassen und die Voraussetzungen ihres Eintretens in früheren Fakten auf-
zudecken. Seine Aufgabe ist es, die historischen Fakten sorgsam zu sam-
meln, ihre Abfolge und ihi-en Wirkungszusammenhang in der Zeit aufzu-
zeigen. »Die Geschichte ist bloße Empirie; nur Fakta hat sie zu liefern,
und alle ihre Beweise können nur faktisch geführt werden.« Diese Fest-
stellungen des Historikers dienen der philosophischen Deduktion nicht zum
Beweise, sondern lediglich zur Erläuterung. In dem Bereiche dieser beiden
Verfahrungsweisen kann allein das liegen, was Fichte einmal als »Logik
der historischen Wahrheit« bezeichnet, und was also nicht eine bewußte
methodologische Analyse der Geschichtswissen.schaft bedeuten kann. Doch
ist anzuerkennen, daß sich ihm auf dem Wege seiner teleologischen Deduk-
tion bedeutende Gedanken ergaben. Er sondei-te die Physik, die das Beharr-
liche und periodisch Wiederkehrende des Daseins zu ihrem Gegenstände
38 I) I I. T II K Y :
hat, und die Geschichte, deren Objekt der Verlauf in der Zeit ist, voneinander.
Dieser Verlauf ward ihm aber von seiner Wissenschaftslehre aus Entwick-
lung: war doch auch Hegels Entwicklungsbegriff von Fichte aus konzipiert'.
Schon die theoretische und praktische Wissenschaftslehre wollte die innere
Dialektik des realen Fortganges darstellen, wie er aus dem schöpferischen
Vermögen des Ich hervorgellt; sie wollte dem Gang der Begebenheiten im
Ich nachgehen und eine pragmatische Geschichte dos menschlichen Geistes
entwerfen. Hier war der Begriff der Entwicklung in den Bestimmungen
gefunden, daß im leli alles Tätigkeit ist, jede Tätigkeit von innen be-
ginnt und ihr Vollzug die Bedingung der folgenden Tätigkeit ist. In der
Deduktion von 1813 ringt nun Fichte mit derselben Intuition der freien
Kraft im Ich im Gegensatz zur Natur, die ruhend und tot ist. Die Ge-
schichte zeigt einen teleologisch notwendigen Zusammenhang, dessen ein-
zelne (ilieder hervorgebracht sind durch die Freiheit und deren Richt-
punkt im Sittengesetz liegt. Jedes Glied dieser Reihe ist ein tatsäch-
liches, einmaliges, individuelles. Der Wert, den Kant in die Person ver-
legte, sofern in ihr sich das Sittengesetz realisiert. Hei für Fichte wie für
Schleiermacher in die Individualität; wenn die rationalistische Auffassung
nur in dem Vollzug des allgemeinen Sittengesetzes den Wert der Person sah,
und (las Individuelle ihr so zu einer empirischen, zufälligen Beimischung
wurde, so verband Fichte die Bedeutung des Individuellen nun tiefer mit
dem Problem der Geschichte: er vereinigte mit der Richtung auf den Gat-
tungszweck den Wert des Individuellen durch den tiefen Gedanken, daß die
schöpferischen Individuen jenen Zweck von einer neuen bisher verborgenen
Seite erfassen, ihm eine neue Gestalt in sich geben und so ihr individuelles
Dasein zu einem wertvollen Moment im Zusammenhang des geschiclitlichen
Ganzen erhoben wird. Fichtes heroische Natur, die Aufgabe der Zeit und
sein historisches Problem verbanden sich zu einer neuen Schätzung des
Wertes der Tat und des handelnden Menschen. Er verstand aber zugleich
das Heldentum des religiösen Sehers, des Künstlers, des Denkers. Hierin
bereitete er Carlyle vor. Das Einmalige und Tatsächliche in der Geschichte
erhält eine neue Bedeutung, indem es als die Leistung des schöpferischen
Vermögens und der Freiheit aufgefaßt wird. Und wenn er nun die Irra-
tionalität des Geschichtlichen von diesem Standpunkt aus begreift, so muß
' Meine Jugendgeschichte Hegels S. 54.
Der Auflxiu der yeschk-JitUchen Welt in den Geistesioissenscliaften. I. H9
er dem Irrationalen selber nach dessen Wesen als Tat der Freiheit und seiner
Beziehung auf Kultur und sittliche Ordnung nun einen Wert zuschreiben.
Neben diesen Theorien über Geschichte, welche den transzendental-
philosophischen Standpunkt zur Geltung brachten, haben sich zu derselben
Zeit schon solche von anderen Richtungen aus entwickelt, die ebenfalls
eine dauernde (Jeltung behauptet haben. Vom Standpunkt der Naturfor-
schung lier entstanden in Frankreich und England Arbeiten, von denen
sich die französischen vorwiegend auf die Iwolution des Universums, die
Geschichte der Erde, die Entstehung von Pflanzen und Tieren auf ihr, ferner
auf die Verwandtschaft des Tvi>us der höchsten Tiere mit dem des Men-
schen, endlich auf den gesetzlichen Zusammenhang der menschlichen (be-
schichte und die Aufzeigung des intellektuellen und sozialen Fortschritts
in ihr gründeten, die englischen dagegen die neue Assoziationspsychologie
und ihre Anwendungen aul' die Gesellschaft zur Grundlage nahmen. Ihre
Fortentwicklung in Comte und Mill wird später dargestellt werden. Eine
weitere Richtung bildeten zu derselben Zeit die deutschen Monisten,
Schelling, Schleiermacher und Hegel, aus, welche den geschichtlichen Ver-
lauf einer begrifflichen Konstruktion zugänglich zu machen unternahmen'.
Und nun folgte seit den zwanziger Jahren in Deutschland eine Zeit,
in welcher die historische Schule den Zusammenhang ihres metliodischen
Verfahrens entwickelt, der Idealismus seine verschiedenen Formen aus-
gebildet hatte und die Verbindung beider Ideenkreise die ganze geistes-
wissenschaftliche Literatur durchdrang. Damals sind aus der großen Be-
wegung der Geschichtsforsciuing selber mehrere Schriften über die Theorie
der Geschichte hervorgegangen. Wie die geschichtlichen Studien die phi-
losophi.schen Riclitungen vielfach beeinflußt haben, so machte sich umge-
kelirt auf die historischen Denker ein erheblicher Einfluß der Transzendental-
])hilosophie, Hegels und Schleiermachers geltend. Sie gingen auf die im
Menschen wirksame schaffende Kraft zurück; sie erfaßten dieselbe in dem
Genieingeist und in den organisierten (iemeinschaCten ; sie suchten über
das Zusammenwirken der Nationen hinaus einen im Unsichtbaren gegrün-
deten Zu.sanunenhang der Geschichte. Hieraiis entstand nun in den allge-
meinen Betrachtungen von Humboldt, Gervinus, Droysen u. a. der Begrifl'
der Ideen in der Geschichte.
' Vgl. in (lip.«»-!- Abhaiulliin;; S. 26 ff. und meine oben zitierte .liisendgeschichte Hegels.
40 D I LT II E Y :
Die berühmte Abhandlung Humbohlts über die Aufgabe des Geschicht-
schreibers geht von dem transzendental-philosophischen Satze aus: was in
der Weltgeschichte wirksam ist, bewegt sich auch im Innern des Menschen.
Im Einzelmenschea liegt Humboldts Ausgangspunkt. Die Zeit suchte eine
neue Kultur in der Gestaltung der Persönlichkeit; indem sie nun eine
solche in der griechischen Welt verwirklicht fand, entstand das Ideal
der griechischen Humanität; aber dieses erhielt in seinen wichtigsten
Vertretern, wie Humboldt, Schiller, Hölderlin, Fr. Schlegel in seiner
ersten Periode, durch die Transzendentalphilosophie eine neue Tiefe.
Man hatte den Selbstwert der Person in der Schule von Leibniz als
Vollkommenheit bestimmt, in der von Kant erschien er als Würde aus
dem Selbstzweck der Person und in der von Fichte als Energie der Ge-
staltung: in jeder dieser Formen enthielt dieses Ideal im Hintergrund
des individuellen Daseins eine allgemeingültige Regelhaftigkeit des mensch-
lichen Wesens, seiner Gestaltung und seines Zweckes. Hierauf beruhte
nun in Humboldt wie zugleich in Schleiermacher die Anschauung von
der transzendentalen Einheit der menschlichen Natur in allen Individuen,
auf welcher die organisierten Gemeinschaften und der Gemeingeist benilien,
die sich in Rassen, Nationen, Einzelpersonen individualisiert und die in diesen
Formen als höchste bildende Kraft wirksam ist. Und indem nun die schaf-
fende Kraft dieser sich im Individuellen verwirklichenden Menschlichkeit
mit dem Unsichtbaren in Beziehung gesetzt wurde, entstand der Glaube
an die Realisierung des der Menschheit eingepflanzten Ideals durch die
Geschichte. »Das Ziel der Geschichte kann nur die Verwirklichung der
durch die Menschen darzustellenden Idee seyn, nach allen Seiten hin, und
in allen Gestalten, in welchen sich die endliche Form mit der Idee zu
verbinden vermag. « Hieraus ergab sich Humboldts Begrifi' der Ideen in
der Geschichte. Sie sind schaffende Kräfte, die in der transzenden-
talen Allgemeingültigkeit der Menschennatur gegründet sind. Sie gehen,
wie das Licht durch die irdische Atmosphäre, durch die Bedürfnisse, die
Leidenschaften und den scheinbaren Zufall hindurch. Wir gcAvahren sie
in den ewigen Urideen der Schönheit, der Wahrheit und des Rechtes; sie
geben zugleich dem historischen Verlauf Kraft und Ziel; sie äußern sich
als Richtungen, die unwiderstehlich die Massen ergreifen, als Krafterzeu-
gung, die in ihrem Umfang und ihrer Erhabenheit aus den begleitenden
Umständen nicht abgeleitet Averden kann. Wenn der Geschichtschreiber
Der Aufhau dir (jeschk-htlichm Wdt in den Uekleswissemchaften. I. 41
die Gestalt und die Umwandlungen des Erdbodens, die Veränderungen des
Klimas, die treistesfähigkeit und Sinnesart der Nationen, die noch eigen-
tümlichere Einzelner, die Eintlflsse der Kunst und Wissenschaft, die tief
eingreifenden und weit verbreiteten der bürgerlichen Einrichtungen durch-
forscht hat, so bleibt ein nicht unmittelbar sichtbares, aber mächtigeres
Prinzip übrig, das jenen Kräften Anstoß und Richtung verleiht — die
Ideen. Schließlich haben sie in der göttlichen Weltregierung ihren letzten
Grund. Der Handelnde muß an die Tendenz, welche die Idee enthält,
sich anschließen, um zu positiven historischen Wirkungen zu gelangen.
Sie zu erfassen, ist auch des Geschichtschreibers höchstes Ziel. Wie die
freie Nachahmung des Künstlers von Ideen geleitet ist, so hat aucli der
Geschichtsclireiber über das Wirken der endlichen Kräfte am Geschehenen
hinaus solche Ideen zu erfassen. Er ist Künstler, der diesen unsichtbaren
Zusammenhang in den Begebenheiten aufzeigt. Inmitten der großen Be-
wegung der Geisteswissenschaften hat Humboldt seine Abhandlung im Be-
ginn der zwanziger Jahre verößentlicht. Sie hat, indem sie die in jener
Bewegung zusammenwirkenden Momente zum Ausdruck bringt, eine außer-
ordentliche Wirkung ausgeübt.
Im Jahr 1837 erschienen die Grundzüge der Historik von Gervinus; sie
lieferte zwar eine umfassende Kenntnis der historischen Literatur, ihrer For-
men und Richtungen hinzu: ilir Kern aber war doch noch dieselbe historische
Stimmung und dieselbe Grundansicht von den historischen Ideen, welche
»unsichtbar Begebenheiten und äußere Erscheinung durchdringen« : die Vor-
sehung offenbart sich an ihnen: ihrem Wesen und Wirken nachzuspüren,
ist das eigentliche Geschäft des Historikers. Auch Rankes Anschauungen
Ober die Geschichte, die sich Hand in Hand mit seinen Arbeiten allmählich
ausgebildet haben, sind Humboldt nocli verwandt, erfassen aber die histori-
sche Bewegung weit lebendiger und wahrer. Die Ideen sind ihm die
Tendenzen, die von der historischen Lage hervorgetrieben werden, »sie
sind moralische Energien«, immer sind sie eiiiseitig, sie verkörpern sich
in den großen Persönlichkeiten und wirken durch sie: eben auf der Höhe
ihrer Macht regen sich die (Gegenwirkungen, und so verfallen sie dem
Schicksal jeder endlichen Kraft. Sie können nicht in Begriffen ausgedrückt
werden; »aber anschauen, wahrnehmen kann man sie,« wir haben ein
Mitgefiihl ihres Daseins. Indem Ranke dann den Verlauf der Geschichte
unter den Gesichtspunkt der göttlichen Weltregierung stellt, werden sie
Phd.-hist. Klasse. 1910. Mh. I. t>
42 Dil, T II K Y :
ilim zu den »Gedanken (iottes in der Welt«. In ihnen »liegt das Geheimnis
der Weltgeschichte«. In bewußtem (Jegensatz zu Ranke und doch durch
den gemeinsamen Idealismus der Epoche ilim innerlich verwandt ist dann
die Historik von Droysen 1868 hervorgetreten. Noch tiefer als Humboldt
ist Droysen durchdrungen von der Spekulation der Zeit, von dem Begriff
wirkender Idec^ii in der Geschichte, von einer äußeren Teleologie im liisto-
rischen Zusammenhang, welche den Kosmos der sittlichen Ideen hervor-
bringt. Er unterstellt die Geschichte der sittlichen Ordnung der Dinge;
das widersprach der unbefangenen Ansicht des wirkliclien Weltlaufes; es
war der Ausdruck des Glaubens an den unbedingten ideellen Zusammen-
hang der Dinge in Gott.
Bedeutende Blicke sind in diesen Arbeiten enthalten; Droysen zuerst hat
die hermeneutische Theorie von Schleiermacher und Böckh fiir die Methodik
verwertet. Aber ein theoretischer Aufbau der Geisteswissenschaften ist von
diesen Denkern nicht erreicht worden. Humboldt lebt in dem Bewußtsein
der neuen Tiefe unserer deutschen Geisteswissenschaft, die in die Allge-
meingültigkeit des Geistes zurückgeht; so erfaßt er zuerst, daß der Histo-
riker trotz seiner Gebundenheit an den Gegenstand doch aus seinem Innern
schafft; er erkennt seine Verwandtschaft mit dem Künstler. Und alles, was
in der historischen Forschung gearbeitet wurde, ist im engen Rahmen seiner
Abhandlung irgendwie enthalten und zusammengenommen. Aber ihm ist
auch hier die Gliederung seiner tiefen Totalanschauung versagt. Der letzte
Grund hiervon ist, daß er das Problem der Geschichte nicht in Zusammen-
hang zu der erkenntnistheoretischen Aufgabe, die uns die Geschichte stellt,
gesetzt hat; diese Frage hätte ihn zu der umfassenderen Untersuchung des
Aufbaues der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften imd hier-
durch zur Erkenntnis der Möglichkeit des objektiven geisteswissenschaft-
lichen Wissens geführt. Seine Abhandlung hat schließlich zum Gegenstand,
wie unter den Voraussetzungen der idealistischen Weltanschauung Geschichte
aussieht und Geschichte zu schreiben ist. Seine Ideenlehre ist die Expli-
kation dieses Standpunktes. Eben das Rückständige in der Einmischung des
religiösen Glaubens und einer idealistischen Metaphysik in die historische
Wissenschaft wurde für Humboldt und die Denker über Geschichte, die
ihm folgten, zum Mittelpunkt der Geschichtsauffassung. Anstatt in die er-
kenntnistheoretischen Voraussetzungen der historischen Schule imd die des
Idealismus von Kant bis Hegel zurückzugehen und so die Unvereinbarkeit
Der Außmu der yeschlchtliclien Well in den Gehleswissenschaften. I. 43
dieser Voraussetzungen zu erkennen, haben sie diese Standpunkte unkritiscli
verbunden. Der Zusammenhang zwischen den neukonstituierten Geistes-
wissenschaften, dem Problem einer Kritik der historischen Vernunft und
dem Aufbau einer geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften ist
ihnen nicht aufgegangen.
Die nächste Aufgabe war, der Gescliichte gegenüber eine solche rein er-
kenntnistheoretisclie und logische Fragest(;llung geltend zu maclien und von
ihr die Versuche einer philosophischen Konstruktion des geschichtlichen Ver-
laufs, wie sie Fichte mit seinen fünf P^pochen und Hegel mit seinen
Stufen der Entwicklung unternommen hatten, auszuscheiden. Jen(! Frngc-
stelhuig mußte gesondert werden von der des Gescliicjitsphilosophen, um
die verschiedenen Stellungen, welche der Erkenntnistheoretiker und Logiker
in diesem Gebiete einnehmen können, folgerichtig durchzufüliren. Von den
letzten Dezennien des vorigen Jahrhunderts bis zur Gegenwart haben sich
die verechiedenen Standpunkte zur Lösung der bezeichneten Aufgabe ent-
wickelt. Früher eingenommene Positionen formten slcli jetzt um; neue
traten hervor: überblickt man deren Mannigfaltigkeit, so macht sich in
ihnen ein oberster Gegensatz geltend. Man versuchte die Lösung der Auf-
gabe entweder von unserem Idealismus aus, wie er sich von Kant bis
Hegel ausgebildet hatte, oder man suchte in der Realität der geistigen
Welt selbst den Zu.sammenhang der Geschichte auf.
Von der ersten Stellung aus haben sich nun vorzüglich zwei Rich-
tungen mit der Lösung der Aufgabe beschäftigt, wie dies durch den Gang
der deutschen Spekulation bedingt war. Die erste derselben beruhte auf
Kant und Fichte. Ihr Ausgangspunkt ist das allgemeine oder überindi-
viduelle Bewußtsein, in welchem die transzendentale Methode ein Unbe-
dingtes, wie Normen oder Werte, entdeckt. Die Bestimmung dieses Un-
bedingten und seines Verhältnisses zum Verständnis der Geschichte ist
im Bereiche dieser großen und einflußreichen Schule eine sehr mannig-
fache. Die beiden letzten Voraussetzungen, zu denen die transzendentale
Analyse Kants gelangt war, sein theoretisches und sein praktisches Apriori,
wurden, indem man den Weg Ficlites weiter verfolgte, zu einem Einheitlich-
Unbedingten zusammengenommen. Dieses konnte als Norm, als Idee oder als
Wert gefaßt werden. Das Problem konnte entweder der Aufbau der geistigen
Welt vom Apriori aus sein oder für den beschränkteren Kreis des individuellen
gesciiichtlichen Verlaufs ein Prinzip der Auswahl und des Zusainiiienhangs.
44 D I r, T II r. Y :
Gegenüber dieser Richtung des deutschen Idealismus ist Hegels geniale
Leistung für die Geschichte bis heute sehr zurückgetreten. Seine meta-
physische Position war der Kritik von seitcn der Erkenntnistheorie aus
erlegen. In den systematisclien Geisteswissenschaften dagegen vollzieht
sich bis auf diesen Tag eine Verbindung seiner großen Ideen mit der po-
sitiven Forschung. In der Geschichtschreibung dauert seine Wirkung
gerade auch in der Anordnung von Stufen des Geistes fort. Und die Zeit
kommt heran, in welcher auch sein Versuch, einen Zusammenhang von Be-
griffen zu bilden, der den unablässigen Strom der Geschichte bewältigen
kann, gewürdigt und verwertet werden wird.
Im Gegensatz zu dieser Theorie entstand nun eine Auffassung, welche
jedes transzendentale und metaphysische Prinzip für das Verständnis der
geistigen Welt verwirft. Diese verneint den Wert der transzendentalen und
metaphysischen Methode. Sie leugnet jedes Wissen von einem unbedingten
Wert, einer schlechthin gültigen Norm, einem göttlichen Plan oder einem
im Absoluten gegründeten Vernunftzusammenliang. Indem sie so die Re-
lativität jedes menschlich, geschichtlich Gegebenen oline Einschränkung
anerkennt, hat sie zu ihrer Aufgabe, aus dem Stoff des Gegebenen ein
objektives Wissen über die geistige Wirklichkeit und den Zusammenliang
ihrer Teile zu gewinnen. Nur die Kombination der verschiedenen Arten
des Gegebenen und der verschiedenen Verfahrungsweisen stehen ihr zur
Lösung dieser Aufgaben zur Verfügung.
In der Gruppe, welche diesen Standpunkt in seiner Folgerichtigkeit
theoretisch zu begründen unternommen hat, haben sich ebenso wie in
der anderen sehr verschiedene Richtungen herausgebildet. Am meisten ist
für die Verschiedenheit im Aufbau der geschichtlichen Welt ein Gegensatz
bestimmend gewesen, der schon die Schulen von Comte und Mill geschieden
hatte. Der Zusammenhang der geistigen Welt ist einerseits nur im psychischen
Einzeldasein und anderseits im geschichtlichen Verlauf und den gesellschaft-
lichen Zuständen gegeben. Indem nun die Forschung diese beiden Arten
von Gegebenheiten je nach ihrer Auffassung von ihrer Tragweite verschieden
kombiniert, entsteht eine Mannigfaltigkeit von Verfahrungsweisen im Auf-
bau der Geisteswissenschaften von dieser Stellung aus. .Sie erstreckt sich
von denen, die ohne Psychologie auszukommen streben, bis zu denen,
die ihr die Stellung in den Geisteswissensclial'ten zuerkennen, welche die
Mechanik in den Naturwissenschaften einnimmt. Andere Differenzen machen
Der Aufhau der gesckic.htlichen Welt in den Geistemüssenschaften. I. 45
sich geltend in der erkenntnistheoretischen und logischen Grundlegung des
Anfbaus, in der Gestaltung der Psychologie oder der Wissenschaft von
den Lebenscinheiten, der Bestimmung der Regelmäßigkeiten, die aus den
sozialen Verliältnissen zwisclien diesen Einheiten entstehen. Und von sol-
chen Difl'erenzen sind dann scldießlich die mannigfachen Lösungen der
letzten Fragen nach historischen und sozialen Gesetzen, nacli Forts(^luitt,
nach Anordnung in dem gescliichtlichen Verlauf abhängig.
5.
Ich versuche n>in die Aufgabe zu bestimmen, welche innerhalb dieser
wissenschaftliclien Bewegung die hier vorliegende Untersuchung über den Auf-
bau der geschichtliclien Welt in den Geisteswissenschaften sich gesetzt hat.
Sie schließt sich an den ersten Band meiner Einleitung in die Geisteswissen-
scliaften (i 883) an. Diese Arbeit Avar von der Aufgabe einer Kritik der histo-
rischen Vernunft ausgegangen. Sie stellte sich auf die Tatsache der Geistes-
wissenschaften, wie sie besonders in dem ^on der historischen Schule ge-
scliaffenen Zusammenhang dieser \Vissenschaften vorlag, und suchte deren
erkenntnistheoretische Begründung. In dieser Begründung setzte sie sich dem
Intcllektualisnms in der damals herrschenden Erkeimtnistheorie entgegen.
»Mich führte historische wie psychologische Beschäftigung mit dem ganzen
Menschen dahin, diesen in der Mannigfaltigkeit seiner Kräfte, dies wollend,
fühlend vorstellende Wesen auch der Erklärung der Erkenntnis und ihrer
Begriffe (wie Außenwelt, Zeit, Substanz, Ursache) zugrunde zu legen'.«
So waren ihre Au.sgangspunkte das Leben und Verstellen (S. 10, 136 f.),
das im Leben entlialtene Verliältnis von Wirldichkeit, Wert und Zweck,
und sie unternahm, die selbständige Stellung der Geisteswissenschaften den
Naturwissenschaften gegenüber darzutim, die Grundzüge des erkenntnis-
theoretisch-logischen Zusannnenhangs in diesem vollständigen Ganzen auf-
zuzeigen und die Bedeutung der Auffassung des Singulären in der Geschichte
zur Geltung zu bringen. Ich versuclie jetzt den Standpunkt meines Buches
dadurch eingehender zu begründen, daß ich von dem erkenntnistheoreti-
schen Problem aus den Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geistes-
wissenschaften untersuche. Der Zusammenliang zwischen dem Erkenntnis-
problem und diesem Aufbau liegt darin, daß die Analyse dieses Aufbaus
' Einleitung in dif? Gi'i.steswissenschaflen I, Vorrede X\'ll.
40 D
ILT H E Y :
auf ein Zusammenwirken von Leistungen fülirt, welche durch enie solche
Zergliederung nun der erkenntnistheoretischen Untersuchung zugänglich
werden.
Ich bezeichne zunächst kurz die Linie, die von dem bisher Erör-
terten zur Erkenntnis dieses Aufbmis fuhren soll, um schon hier den
Gegensatz im Aufbau von Natur- und Geisteswissenschaften sichtbar zu
machen. Die Tatsache der Geisteswissenschaften, wie sie sich in der
Epoche ihrer Konstituierung herausgebildet liaben, ist beschrieben wor-
den; es zeigte sich ferner, wie diese Wissenschaften im Erleben und
Verstehen begründet sind; so muß von hier aus ihr Aufbau, wie er in
jeder Tatsaclie ihrer selbständigen Konstituierung durch die liistorische
Schule enthalten ist, aufgefaßt werden, und damit eröffnet sich der Ein-
blick in die gänzliche Verschiedenheit dieses Aufbaus von dem dargelegten
Aufbau der Naturwissenschaften. Die selbständige Eigenheit des Auf-
baus der (ieisteswissenschaften wird so zum Hauptthema dieser ganzen
Arbeit.
Kr geht vom Erlebnis aus, von Realität zu Realität; er ist ein Sich
immer tiefer Einbohren in die geschichtliche Wirkliclikeit, ein Immer mehr
aus ihr Herausholen, Immer weiter sich über sie Verbreiten. Es gibt da
keine hypothetischen Annahmen, welche dem Gegebenen etwas unterlegen.
Denn das Verstehen dringt in die fremden Lebensäußerungen durch eine
Transposition aus der Fülle eigener Erlebnisse. Natur, so sahen wir, ist ein
Bestandteil der Geschichte nur in dem, was sie wirkt und wie auf sie ge-
wirkt werden kann. Das eigentliche Reich der Geschichte ist zwar auch ein
äußeres; doch die Töne, welche das Musikstück bilden, die Leinwand, auf
der gemalt ist, der Gerichtssaal, in dem Recht gesprochen wird, das Ge-
fängnis, in dem Strafe abgesessen wird, haben nur ihr Material an der Natur;
jede geisteswissenschaftliche Operation dagegen, die mit solchen äußeren Tat-
beständen vorgenommen wird, hat es allein mit dem Sinne und der Bedeu-
tung zu tun, die sie durch das Wirken des Geistes erhalten haben; sie
dient dem Verstehen, das diese Bedeutung, diesen Sinn in ihnen erfaßt.
Und nun gehen wir über das bisher Dargelegte hinaus. Dies Verstehen
bezeichnet nicht nur ein eigentümliches methodisches Verhalten, das wir
solchen Gegenständen gegenüber einnehmen; es handelt sich nicht nur zwi-
schen Geistes- und Naturwissenschaften um einen Unterschied in der Stel-
hmg des Subjekts zum Objekt, um eine Verhaltungsweise, eine Metliode,
Der Anflmi der (jcürhlchtlichm Welt in den Vieistcswissemchaftm. I. 47
sondern das Verfaliren des Verstehens ist saclilicli d;irin begründet, daß
das Äußere, das iliren Gegenstand ausmacht, sicli von dem Gegenstand der
Naturwissenschaften durchaus unterscheidet. Der Geist hat sicli in ilnien
objektiviert, Zwecke liaben sich in ilinen gebihlet, Werte sind in ilinen ver-
wirklicht, und eben dies Geistige, das in sie liinein gel)ildet ist, erfaßt das
Verstehen. Ein Lebensverh<ältnis bestellt zwischen mir und ihnen. Ihre
Zweckmäßigkeit ist in meiner Zwecksetzung gegründet, ihre Scliönheit und
Güte in meiner Wei-tgebung, ihre Verstandesmäßigkeit in meinem Intellekt.
Realitäten gehen ferner nicht nur in meinem Erleben und Verstehen auf:
sie bilden den Zusammenhang der Vorstellungswelt, in dem das Außen-
gegebene mit meinem Lebensverlauf verknüpft ist: in dieser Vorstellungs-
welt lebe ich, und ihre objektive Geltung ist mir durch den beständigen
Austausch mit dem Erleben und dem Verstehen anderer selbst garantiert;
endlich die Begriffe, die allgemeinen Urteile, die generellen Theorien sind
nicht Hypotliesen über etwas, auf das wir äußere P]indrücke beziehen, son-
dern Abkömmlinge von Erleben imd Verstehen. Und wie in diesem die
Totalität unseres Lebens immer gegenwärtig ist, so klingt die Fülle des
Lebens auch in den abstraktesten Sätzen dieser Wissenschaft nach.
Somit können wir nun das Verhältnis beider Klassen von Wissenschaf-
ten und die Grundunterschiede ihres Aufbaus, wie sie bis hierher erkaimt
sind, zusammenfassen. Die Natur ist die Unterlage der Geisteswissen-
schaften. Die Natur ist nicht nur der Schauplatz der Geschichte; die
physischen Vorgänge, die Notwendigkeiten, welche in ihnen liegen, und
die Wirkungen, die von ihnen ausgehen, bilden die Unterlage für alle
Verliältnisse von Tun und Leiden, Aktion und Keaktion in der geschicht-
lichen Welt, und die physische Welt bildet auch das Material für das ganze
Reich, in welchem der Geist seine Zwecke, seine Werte — sein Wesen
ausgedi-Ockt hat: auf dieser Grundlage erhebt sich aber nun die Wirklich-
keit, in welche die Geisteswissenschaften von zwei Seiten her immer
tiefer sich einbohren — vom Erleben der eigenen Zustände und vom Ver-
stehen des in der Außenwelt objektivierten Geistigen aus. Und damit ist
nun der Unterschied beider Arten von Wissenschaften gegeben. In der
äußeren Natur wird Zusammenhang in einer Verbindung abstrakter Be-
griffe den Erscheinungen untergelegt. Dagegen der Zusammenhang in der
geistigen Welt wird erlebt und nach verstanden. Der Zusammenhang der
Natur ist abstrakt, der seelische imd geschichtliche aber ist lebendig,
48 Du, T II K Y :
lebengesättigt. Die Naturwissenschaften ergänzen die Phänomene durch Hin-
zugedachtes; und wenn die Eigenschaften des organischen Körpers und das
Prinzip der Individuation in der organischen Welt bislier solchem Begreifen
widerstanden, so ist doch in ilmen das Postulat eines solchen Begreifens
immer lebendig, lür dessen Verwirklichung ihnen nur kausale Zwischenglieder
fehlen; es bleibt ihr Ideal, daß sie gefunden werden müssen, und immer wird
die Auffassung, welche in diese Zwischenstufe zwischen der anorganischen
Natur und dem Geiste ein neues P>klärungsprinzip einführen will, mit diesem
Ideal in ungeschlichtetem Streit sein. Die Geisteswissenschaften ordnen ein,
indem sie umgekehrt zu allererst und hauptsächlich die sich unermeßlich
ausbreitende menschlich-geschichtlicli-gesellschaftliche äußere Wirklichkeit
zurückübersetzen in die geistige Lebendigkeit, aus der sie hervorgegangen ist.
Dort werden fiir die Individuation hypothetische Erklärungsgründe aufge-
sucht, hier dagegen werden in der Lebendigkeit die Ursachen derselben
erfahren.
Hieraus ergibt sich nun die Stellung zur Erkenntnistheorie, welche
die nachfolgenden Untersuchungen über den Aufbau der geschichtlichen
Welt in den (ieisteswissenschaflen einnehmen werden. Das zentrale Pro-
blem der auf die Naturwissenschaften allein bezogenen Erkenntnistheorie
liegt in der Fundierung der abstrakten Wahrheiten, des Charakters der Not-
wendigkeit in ihnen, des Kausalgesetzes und in der Beziehung der Sicher-
heit der induktiven Schlüsse zu abstrakten Grundlagen derselben. Da nun
die auf die Naturwissenschaften gegründete Erkenntnistheorie sich in die ver-
schiedensten Richtungen zersplittert hat, so daß es vielen scheinen möchte,
^üs werde sie das Schicksal der Metaphysik teilen, andererseits aber schon
der bisherige Überblick über den Bau der Geisteswissenschaften eine sehr
große Verschiedenheit der Stellung des Erkennens zu seinem Gegenstande
auf diesem Gebiet erwiesen hat: so scheint zunächst der Fortgang der all-
gemeinen Erkenntnistheorie davon abhängig, daß sie sich mit den Geistes-
wissenschaften auseinandersetzt. Dies fordert aber, daß vom erkenntnis-
theoretischen Problem aus der Aufbau der geschichtlichen Welt in den
Geisteswissenschaften studiert werde ; dann erst wird die allgemeine Erkennt-
nistheorie von den Ergebnissen dieses Studiums aus einer Revision unter-
worfen werden können.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 49
ni. Allgemeine Sätze
iiber den
Zusammenhang der Creisteswissenschaften.
Drei verschiedene Aufgaben hat die Grundlegung der Geisteswissen-
schaften zu lösen. Sie bestimmt den allgemeinen Charakter des Zusammen-
hangs, in dem auf diesem Gebiet auf Grund des Gegebenen ein allgemein-
gültiges Wissen entsteht. Es handelt sich hier um die allgemeine logische
Struktur der Geisteswissenschaften'. Es gilt dann, den Aufbau der geistigen
Welt durch die einzelnen Gebiete hindurch aufzuklären, wie er sich in den
Geisteswissenschaften durch das Ineinandergreifen ihrer Leistungen vollzieht.
Das ist die zweite Aufgabe, und in ihrer Auflösung wird sich dann schritt-
weise die Methodenlehre der Geisteswissenschaften durch Abstraktion aus
ihrem Verfahren selbst ergeben. Endlich fragt sich, welches der Erkenntnis-
wert dieser Leistungen der Geisteswissenschaften sei und in welchem Um-
fang durch ihr Zusammenwirken ein objektives geisteswissenschaftliches
Wissen möglich wird.
Zwischen den beiden letzten Aufgaben besteht ein näherer innerer Zu-
sammenhang. Die Sonderung der Leistungen macht die Prüfung ihres Er-
kenntniswertes möglich, und diese zeigt, in welchem Umfang durch sie die
geisteswissenschaftliche Wirklichkeit und der in ihr bestehende reale Zu-
sammenhang ins Wissen erhoben wird: hierdurch wird dann eine selb-
ständige Grundlage der Erkenntnistheorie auf unserem Gebiete gewonnen,
und die Aussicht auf einen allgeineinen Zusammenhang der Erkenntnis-
theorie eröflfeet sich, dessen Ausgangspunkt in den Geisteswissenschaften
gelegen wäre.
Der allgemeine Charakter des Zusammenhangs in den Cieisteswissen-
schaften ist also unser nächstes Problem. Der Ausgangspunkt ist die Struktur-
lehre des gegenständlichen Auffassens im allgemeinen. Sie zeigt in allem
Auffassen eine fortschreitende Linie vom Gegebenen zu den Grundverhält-
nissen der Wirklichkeit, die hinter jenem dem begrifflichen Denken aufgehen.
Dieselben Denkformen und dieselben ihnen untergeordneten Klassen von
Denkleistungen ermöglichen in den Naturwissenschaften und den Geistes-
' Vgl. in. Abhandl.: Studien zur Grundlegung der Geisteswissenscliaften. Sitzungs-
liericlite der Berl. Akad. d. Wiss. 1905, 8. 332 fr. (S. iiff.).
Fhil.-hist. Klassf. 1910. Abh. I. 7
§0 Dilthey:
Wissenschaften den wissenschaftlichen Zusammenhang. Von dieser Grund-
lage aus entstehen dann in der Anwendung jener Deukformen und Denk-
leistungen aus den besonderen Aufgaben und unter den besonderen Be-
dingungen der Geisteswissenschaften deren spezifische Methoden. Und da
die Aufgaben der Wissenschaften die Methoden für die Lösung hervorrufen,
so bilden die einzelnen Verfahrungs weisen einen inneren, vom Zweck des
Wissens bedingten Zusammenhang.
Erster Abschnitt.
Das gegenständliche Auffassen.
Das gegenständliche Auffassen bildet ein System von Beziehungen,
in dem Wahrnehmungen und Erlebnisse, erinnerte Vorstellungen, Urteile,
Begriffe, Schlüsse und deren Zusammensetzungen enthalten sind. Allen diesen
Leistungen im System des gegenständlichen Auffassens ist gemeinsam, daß
in ihnen nur Beziehungen von Tatsächlichem gegenwärtig sind. So sind
im Syllogismus nur die Inhalte und deren Beziehungen gegenwärtig, und
kein Bewußtsein von Denköperationen begleitet ihn. Das Verfahren, welches
dem so Gegebenen als Bewußtseinsbedingungen einzelne Akte unterlegt,
welche den sachlichen Relationen entsprechend gedacht werden, und nun
aus ihrem Zusammenwirken den Tatbestand des gegenständlichen Auffassens
ableitet, enthält eine nie verifizierbare Hypothese.
Die einzelnen Erlebnisse innerhalb dieses gegenständlichen Auft'assens
sind Glieder eines Ganzen, das vom psychischen Zusammenhang bestimmt
ist. In diesem psychischen Zusammenhang ist die objektive Erkenntnis der
Wirklichkeit die Bedingung für richtige Feststellung der Werte und zweck-
mäßiges Handeln. So sind Wahrnehmen, Vorstellen, Urteilen, Schließen
Leistungen, die in einer Teleologie des Auffassungszusammenhangs zu-
sammenwirken, welcher dann in der des Lebenszusammenhangs seine Stelle
einnimmt.
1.
Die erste Leistung des gegenständlichen Auffassens am Gegebenen
erhebt das in ihm Enthaltene zu distinktem Bewußtsein, ohne daß an der
Form der Gegebenheit eine Änderung stattfände. Ich nemie diese Leistung
primär, sofern die Analyse, die vom diskursiven Denken rückwäi-tsgeht, keine
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 5 1
einfachere Leistung auffindet. Sie liegt jenseits des diskursiven Denkens, das
an die Sprache gebunden ist und in Urteilen verläuft; denn die Gegen-
stände, über welche geurteilt wird, setzen schon Denkleistungen voraus.
Ich beginne mit der Leistung des Vergleichens. Ich finde gleich,
ungleich, fasse Stufen des Unterschiedes auf. Vor mir liegen zwei Blätt-
chen von verschiedener grauer Färbung. Es wei-den Unterschied und Grad
des Unterschieds an der Färbung bemerkt, nicht in einer Reflexion über
das Gegebene, sondern als ein Tatbestand, wie die Farbe selbst ein sol-
cher Tatbestand ist. Ebenso unterscheide ich, erlebend, Grade des Wohl-
gefallens, wenn ich etwa vom Anschlagen des Grundtons und seiner Ok-
tave zu einer vollen Hai-monie übergehe. Diese Denkleistung selber, mit
der die Logik es nur ganz allein zu tun hat, ist einfach. Und ihr Ergebnis
ist in bezug auf seinen Wahrheitswert nicht verschieden vom Bemerken
einer Farbe oder eines Tons; etwas, das daist, wird merklich. Gleichheit
und Verschiedenheit sind keine Eigenschaften von Dingen wie Au.sdehnung
oder Farbe. Sie entstehen, indem die psychische Einheit sich Verhält-
nisse, die im Gegebenen enthalten sind, zum Bewußtsein bringt. Sofern
Gleichsetzen und Verschiedensetzen nur finden, was gegeben ist, so wie
Ausdehnung und Farbe gegeben sind, sind sie ein Analogon des Wahr-
nehmens selbst, aber wie sie logische Verhältnisbegriffe wie Gleichheit,
Unterschied, Grad, Verwandtschaft schaffen, die zwar in der Wahrnehmung
enthalten, aber nicht in ihr gegeben sind, gehören sie dem Denken an. —
Auf der Grundlage dieser Denkleistung des Vergleichens tritt eine zweite
auf. Denn wenn ich zwei Tatbestände trenne, so liegt darin, logisch an-
gesehen — und um die psychologischen Prozesse handelt es sich hier gar
nicht — , eine vom Unterscheiden verschiedene Denkleistung. In dem Ge-
gebenen werden zwei Tatbestände auseinandergehalten, ihr Außereinander-
sein wird aufgefaßt. So werden in einem Walde eine Menschenstimme, das
Rauschen des Windes, der Gesang eines Vogels nicht nur unterschieden
voneinander, sondern als ein Mehreres aufgefaßt. Wenn ein Ton von der-
selben Beschaffenheit, also in derselben Höhe, Klangfarbe, Intensität und
Dauer, ein zweites Mal an einer anderen Stelle des Zeitverlaufs wieder-
kehrt, so tritt in dieser zweiten Denkleistung das Bewußtsein auf, daß
der folgende Ton ein anderer ist als der erste. Ein weiteres Verhältnis wird
in einem zweiten Fall von Trennung aufgefaßt. An einem grünen Blatt
kann ich Fai-be und Gestalt voneinander sondern, und es wird dann das
52 D I L T H E Y :
in der Einheit des Gegenstandes Zusammengehörige, das real nicht ge-
sondert werden kann, doch als ideell trennbar befunden. Auch wo die
Vorbedingungen dieser Leistung des Trennens sehr zusammengesetzt sind,
ist die Leistung selbst einfach. Und sie ist ebenso wie das Vergleichen
vom Sachverhalt bestimmt, den sie zur Auffassung bringt.
Und hier entsteht nun der Durchblick in den für den Aufbau der
Logik wichtigen Vorgang der Abstraktion. Die Sonderung der Gliedmaßen
eines Körpers haftet an der konkreten Wirklichkeit des Körpers; in jedem
seiner Teile bleibt diese konkrete Wirklichkeit erhalten; wenn aber Aus-
dehnung und Farbe voneinander gesondert werden und das Denken der
Farbe sich zuwendet, dann entsteht aus einer solchen Sonderung die Denk-
leistung der Abstraktion: von dem ideell Auseinandergenommenen wird
eine Seite für sich herausgehoben.
Die Verbindung des mehreren Gesonderten kann sich nur auf der Grund-
lage einer Beziehung zwischen diesem Mehreren, Getrennten vollziehen.
Wir fassen die räumliche Lage getrennter Tatbestände auf, oder die Ab-
stände, in denen Vorgänge einander zeitlich folgen. Auch dieses Beziehen
und Verbinden bringt nur stattfindende Verhältnisse zum Bewußtsein. Es
tut das aber durch Denkleistungen, welche Relationen wie die in Raum
und Zeit, Tun und Leiden zur Grundlage haben. Ein solches Zusammen-
nehmen ist die Bedingung für die Bildung der Zeitanschauung. Wenn der
Schlag einer Uhr mehrmals hintereinander folgt, so liegt nur die Sukzession
dieser Eindrücke vor, aber erst im Zusammennehmen wird die Auffassung
dieser Sukzession möglich. Das Zusammenfassen erzeugt das logische Ver-
hältnis eines Ganzen zu seinen Teilen. Auf dem Boden der Verhältnisse
des Getrenntseins, der Abstufung der Unterschiede der im Tonsystem ent-
haltenen Beziehungen entsteht im Zusammennehmen der Töne ein so Be-
dingtes, das aber doch erst in der Zusammenfassung selbst hervorgebracht
ist — der Akkord oder die Melodie. Hier ist besonders deutlich, wie die
Zusammenfassung an dem in dem Wahrnehmungs- und Erinnerungserlebnis
Enthaltenen stattfindet und doch in ihr etwas entsteht, das ohne die Zu-
sammenfassung nicht da wäre. Wir sind hier schon an der Grenze, die
über die Feststellung des in den Verhältnissen Enthaltenen hinausfiihrt in
die Region der freien Phantasie.
Diese Beispiele — und um ein mehreres handelt es sich hier nicht
— beweisen: die elementaren Denkleistungen klären das Gegebene auf.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 53
Dem diskursiven Denken voraufliegend, enthalten sie die Ansätze zu ihm,
da in dem Gleichfinden die Bildung der allgemeinen Urteile, der Allge-
meinbegriflfe und das vergleichende Verfahren sich vorbereiten, im Trennen
die Abstraktion und das analytische Verfahren, dann in den Beziehungen
jede Art von synthetischer Operation. So geht ein innerer Begründungs-
zusammenhang von den elementaren Denkleistuiigen zum diskursiven Denken,
vom Auffassen des Sachverhaltes an den Gegenständen zu den Urteilen
über sie.
Die Gegebenheit des sinnlich Wahrgenommenen oder Erlebten geht
in eine weitere Bewußtseinsstufe in der erinnerten Vorstellung über. In
ihr vollzieht sich eine weitere Leistung des gegenständlichen Auffassens,
und dieser Leistung entspricht ein besonderes Verhältnis des neuen Ge-
bildes zu seiner Grundlage. Dies Verhältnis der erinnerten Vorstellung zum
sinnlich Aufgefaßten und zum Erlebten ist das des Abbilden s. Denn
die freie Beweglichkeit der Vorstellungen ist im Bereich des gegenständ-
lichen Auffassens durch die Intention der Angleichung an die Wirklichkeit
eingeschränkt, und alle Arten der Vorstellungsbildung bleiben durch die
Richtung auf die Wirklichkeit bestimmt. In dieser Richtung entstehen
Totalvorstellungen und Allgemeinvorstellungen und bereiten eine neue Stufe
des Bewußtseins vor.
Diese neue Stufe tritt im diskursiven Denken auf. Das Verhältnis
des Abbildens macht hier einer andern Beziehung innerhalb des gegen-
ständlichen Auffassens Platz.
Das diskursive Denken ist an den Ausdruck gebunden, vor allem an die
Sprache. Hier besteht die Beziehung von Ausdruck zu Ausgedrücktem,
durch welche aus den Bewegungen der Sprachorgane und den Vorstellungen
ihrer Erzeugnisse Sprachformen werden. Die Beziehung zu dem in ihnen
Ausgedrückten gibt ihnen ihre Funktion. Sie haben nun als Bestandteile
des Satzes eine Bedeutung, während der Satz selbst einen Sinn hat. Die
Richtung der Auffassung geht von Wort und Satz zu dem Gegenstand, den
sie ausdrücken. Damit entsteht die Beziehung zwischen dem grammati-
schen Satz oder dem Ausdruck durch andere Zeichen und dem Urteil, das
alle Teile des diskursiven Denkens hervorbringt.
Welches ist nun das Verhältnis zwischen dem Gegebenen oder Vor-
gestellten, wie es von den durchlaufenen Leistungen der Auffassungserleb-
nisse bedingt war, und dem Urteil? In diesem wird ein Sachverhalt von
64 D I L T H K Y :
einem Gegenstand ausgesagt. Darin liegt schon, daß von einem Abbilden
des Gegebenen oder Vorgestellten hier nicht die Rede ist. Ich gehe für die
positive Bestimmung des Verhältnisses vom Denkzusammenhang aus. Jedes
Urteil ist in ihm analytisch enthalten, und es wird als Glied desselben ver-
standen. Im Denkzusammenhang des gegenständlichen Auffassens bezieht
sich nun jeder Teil desselben vermittels des Zusammenhanges, in dem er
steht, zurück auf das Enthaltensein in der Wirklichkeit. Denn das ist die
oberste Regel, unter der jedes Urteil steht: es muß seinem Inhalt nach in dem
Gegebenen nach den formalen Denkgesetzen und nach den Formen des Denkens
enthalten sein. Auch Urteile, die Eigenschaften oder Handlungen des Zeus oder
Hamlet aussprechen, sind im Denkzusammenhang auf ein Gegebenes bezogen.
So entsteht zwischen dem Urteil und den bisher dargelegten Formen
des gegenständlichen Auffassens ein neues Verhältnis. Dies Verhältnis zeigt
zwei Seiten. Die Zweiseitigkeit in ihm ist dadurch bestimmt, daß das Urteil
einerseits in dem Gegebenen fundiert ist, anderseits aber das, was in diesem
nur implicite, nur als erschließbar enthalten ist, expliziert. In der ersteren
Beziehung entsteht das Verhältnis der Vertretung. Das Urteil vertritt durch
Denkbestandteile, die den Anforderungen des Wissens durch Konstanz,
Klarheit, Deutlichkeit und durch feste Verbindung mit Wortzeichen ent-
sprechen, die im Gegebenen enthaltenen Sachverhalte. Von der andern
Seite angesehen, realisieren die Urteile die Intention des gegenständlichen
Auffassens, von dem Bedingten, Partikularen und Veränderlichen aus sich
den Grund Verhältnissen der Wirklichkeit zu nähern.
Das Verhältnis der Vertretung erstreckt sich auf den ganzen diskur-
siven Denkzusammenhang im gegenständlichen Auffassen, da dieser sich
durch das Urteilen vollzieht. Das Gegebene in seiner konkreten Anschau-
lichkeit und die es abbildende Vorstellungswelt werden in jeder Form des
diskursiven Denkens vertreten durch ein System von Beziehungen fester
Denkbestandteile. Und dem entspricht in umgekehrter Richtung, daß bei
Rückkehr zum Gegenstande dieser in der ganzen Fülle seines anschaulichen
Daseins das Urteil oder den Begriff bewährt, verifiziert. Gerade für die
Geisteswissenschaften ist es besonders wichtig, daß die ganze Frische und
Macht des Erlebnisses dann direkt oder in der Richtung vom Verstehen
zum Erleben hin zurückkehrt. In dem Verhältnis der Vertretung ist ent-
halten, daß in bestimmten Grenzen das Gegebene und das diskursiv Gedachte
vertauschbar sind.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 55
Zergliedert man den diskursiven Denkzusammenhang, so trift't man in
ihm auf Arten der Beziehung, die unabhängig vom Wechsel der Denk-
inhalte regelmäßig wiederkehren und an jeder Stelle der Denkzusammen-
hang zugleich und in innerem Verhältnis zueinander bestehen. Solche
Denkformen sind Urteil, Begriff und Schluß, sie treten in jedem Teil des
diskursiven Denkzusammenhangs auf und bilden dessen Gefüge. Aber auch
die diesen elementaren Formen untergeordneten Klassen von Leistungen des
diskursiven Denkens, Vergleichung, Analogieschluß, Induktion, Einteilung,
Definition, schließlich der Zusammenhang der Begründung sind unabhängig
von der Abgrenzung einzelner Gebiete des Denkens, insbesondere der von
Natur- imd Geisteswissenschaften gegeneinander. Sie sondern sich nach den
Aufgaben des ganzen Denkzusammenhangs, welche die Wirklichkeit nach
ihren allgemeinen (jrundverhältnissen stellt, während dann durch die Eigen-
schaften einzelner Gebiete erst besondere Gestalten der Methode bedingt sind.
Der Regelhaftigkeit dieser Formen entspricht die Gültigkeit ihrer Denk-
leistung, und dieser sind wir durch das Bewußtsein der P>idenz versichert.
Und die allgemeinsten Eigenschaften, an welche in diesen verschiedenen
Formen, unabhängig vom Wechsel der Gegenstände, konstant im Kommen
und Gehen der Denkerlebnisse und ihrer Subjekte, Gültigkeit gebunden ist,
finden ihren Ausdruck in den Denkge.setzen. Wir brauchen das Verhältnis
von Vertretung oder Repräsentation nicht zu überschreiten, wenn wir von
den Wirklichkeitsurteilen zu den notwendigen Urteilen übergehen. ¥An
Axiom der Geometrie ist notwendig, weil es die überall in der Raumanschau-
ung durch Analyse feststellbaren Grundverhältnisse ausdruckt, und ebenso
ist der Charakter der Notwendigkeit in den Denkgesetzen hinreichend durch
die Tatsache erklärt, daß sie überall im Dtnkzusammenhang analytisch ent-
halten sind.
Eine wissenschaftliche Methode entsteht, indem Denkformen und all-
gemeine Denkleistungen durch den Zweck, der in der Lösung einer be-
stimmten wissenschaftlichen Aufgabe gelegen ist, zu einem zusammenge-
setzten Ganzen verbunden werden. Gibt es dieser gestellten Aufgabe ähn-
liche Probleme, dann wird die auf einem begrenzten Gebiet angewandte
Methode sich auf einem umfassenderen fruchtbar erweisen. Oft ist eine
Methode im Geiste ihres ?"rfinders noch nicht mit dem Bewußtsein ihres
logischen Charakters und ihrer Tragweite verknüpft: dann tritt dies Be-
wußtsein erst nachträglich hinzu. Wie sich der Begriff der Methode insbe-
56 Dilthey:
sondere im Sprachgebrauch der Naturforscher Jahrhunderte hindurch ent-
wickelt hat, kann auch das Verfahren, welches eine Detailfrage behandelt
und demgemäß sehr zusammengesetzt ist, als Methode bezeichnet werden.
Wo fiir die Auflösung desselben Problems mehrere Wege eingeschlagen
sind, werden sie als verschiedene Methoden auseinandergehalten. Wo die
Verfahrungsweisen eines erfindenden Geistes gemeinsame Eigenschaften
zeigen, spricht die Geschichte der Wissenschaften von einer Methode Cuviers
in der Paläontologie oder Niebuhrs in der historischen Kritik. Mit der
Methodenlehre treten wir in das Gebiet, in welchem der besondere Cha-
rakter der Geisteswissenschaften sich geltend zu machen beginnt.
Alle Erlebnisse des gegenständlichen Auffassens sind in dem teleologi-
schen Zusammenhang desselben auf die Erfassung dessen was ist — der Wirk-
lichkeit gerichtet. Das Wissen bildet ein Stufenreich von Leistungen: das Ge-
gebene wird in den elementaren Denkleistungen aufgeklärt, es wird in den
Vorstellungen abgebildet, und es wird im diskursiven Denken vertreten und
so auf verschiedene Arten repräsentiert. Denn die Aufklärung des Gege-
benen durch die elementaren Denkleistungen, die Abbildung in der er-
innerten Vorstellung und die Vertretung im diskursiven Denken können
dem umfassenden Begriff der Repräsentation untergeordnet werden. Zeit
und Ph'innerung lösen das Auffassen aus der Abhängigkeit vom Gegebenen
los und vollziehen eine Auswahl des fiir das Auffassen Bedeutsamen; das
Einzelne wird durch Beziehung zum Ganzen und durch Unterordnung unter
das Allgemeine den Zwecken des Auffassens der Wirklichkeit unterworfen ;
die Veränderlichkeit des intuitiv Gegebenen wird in einer Beziehung von
Begriffen zu allgemeingültiger Repräsentation erhoben; das Konkrete wird
durch Abstraktion und analytisches Verfahren in gleichartige Reihen ge-
bracht, welche Aussage von Regelmäßigkeiten gestatten, oder durch Ein-
teilungen in seiner Gliederung aufgefaßt. Das Auffassen schöpft so das
im Gegebenen uns Zugängliche immer mehr aus.
In zwei Richtungen sind die Erlebnisse logisch verbunden, welche dem
gegenständlichen Auffassen angehören. In der einen sind die Erlebnisse auf-
einander bezogen, sofern sie als Stufen im Auffassen desselben Gegenstandes
ihn durch das im Erleben oder Anschauen Enthaltene zu erschöpfen suchen.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 57
und in der andern verbindet die Auffassung einen Tatbestand mit dem
andern durch die zwischen ihnen aufgefaßten Beziehungen. Dort entsteht
die Vertiefung in den einzelnen Gegenstand und hier die universale Aus-
breitung. Die Vertiefung und die Ausbreitung sind voneinander abhängig.
Anschauung, Erinnerung, Totalvorstellung, Namengebung, Urteil, Unter-
ordnung des Besonderen unter das Allgemeine, Verbindung von Teilen zu
einem Ganzen — das alles sind Weisen des Auffassens: ohne daß der Gegen-
stand zu wechseln braucht, ändert sich die Art und Weise des Bewußt-
seins, in der er fiir uns da ist, wenn man von Anschauung zur Erinnerung
oder zum Urteil übergeht. Die ihnen gemeinsame Richtung auf denselben
Gegenstand verbindet sie zu einem teleologischen Zusammenhang. In dem-
selben haben nur diejenigen Erlebnisse eine .Stelle, welche in der Richtung
auf Erfassung dieses bestimmten Gegenständlichen eine Leistung vollziehen.
Von diesem teleologischen Charakter des hier vorliegenden Zusammen-
hanges ist der Fortgang innerhalb desselben von Glied zu Glied bedingt.
Solange das Erlebnis noch nicht erschöpft oder die in den Einzelanschau-
ungen stückweise und einseitig gegebene Gegenständlichkeit noch nicht
zu voller Auffassung und vollständigem Ausdruck gekommen ist, besteht
immer ein Ungenüge, und dieses fordert weiterzuschreiten. Wahrnehmungen,
die denselben Gegenstand betreffen, sind aufeinander in teleologischem Zu-
sammenhang bezogen, sofern sie am selbigen Gegenstand fortschreiten.
So fordert, eine sinnliche Einzelwahrnehmung immer mehrere, welche die
Auffassung des Gegenstandes ergänzen. In diesem Vorgang der Ergänzung
ist schon die Erinnerung als eine weitere Form des Auffa-ssens erforder-
lich. Sie steht innerhalb des Zusammenhangs des gegenständlichen Auf-
fassens in dem festen Verhältnis zu der Anschauungsgrundlage, daß sie die
Funktion hat, diese Grundlage abzubilden, zu erinnern und so dem gegen-
ständlichen Auffassen verwertbar zu erhalten. Hier zeigt sich sehr deutlich
der Unterschied der Auffassung des Erinnerungserlebnisses, welche den ihm
zugrunde liegenden Prozeß nach seinen Gleichförmigkeiten studiert, und
unserer Betrachtung der Erinnerung nach ihrer Funktion im Auffassungs-
zusamraenhang, nach welcher sie das Erlebte oder Aufgefaßte abbildet.
Die P>innerung kann an sich unter einem Eindruck oder dem Einfluß einer
GemOtslage mannigfache von ihrer Grundlage unterschiedene Inhalte in sich
aufnehmen: gerade hier haben die ästhetischen Phantasiebilder ihren Ur-
sprung : aber die in dem angegebenen teleologischen Zusammenhang auf Er-
Phil.-hist. Klasxr. WIO. Ab/,, f. 8
58 Dilthey:
fassung des Gegenstandes stehende Erinnerung hat die Richtung auf Identität
mit dem Anschauungs- oder Erlebnisinhalt der Gegenstandsauffassung. Daß
die Erinnerung ihre Funktion im gegenständlichen Auffassen erfiillt hat, be-
währt sich an der Möglichkeit, ihre Ähnlichkeit mit der Wahrnehmungs-
grundlage der Gegenstandsauffassung festzustellen. In dieser Richtung der
Auffassungserlebnisse auf einen einzelnen Gegenstand ist schon der Fortgang
zu immer Neuem gegc1)en. Die Veränderungen an dem Gegenstand weisen
auf den Wirkungszusammenhang, in dem er sich befindet, und da der Sach-
verhalt nur durch die Mittel von Namen, Begriffen, Urteilen aufgeklärt
werden kann, wird weiter ein Fortgang von der Einzelanschauung zum
Allgemeinen erforderlich. Ist hiernach in dieser ersten Richtung der Fort-
gang zum Ganzen, zum Wirkenden und zum Allgemeinen gefordert, so
entspricht dieser Aufgabe der Fortgang von den Relationen, die im Einzel-
objekt vorfindlich sind, zu denen, die in größeren gegenständlichen Zu-
sammenhängen stattfinden. So führt die erste Richtung der Beziehungen
in eine zweite über.
In jener ersten Richtung waren diejenigen Auffassungserlebnisse auf-
einander bezogen, welche denselben Gegenstand durch verschiedene Formen
der Repräsentation hindurch immer angemessener aufzufassen streben. In
dieser zweiten sind die Erlebnisse verbunden, die sich auf immer neue Ge-
genstände erstrecken und die zwischen ihnen bestehenden Relationen erfassen,
sei es in derselben Form des Auffassens oder durch die Verbindung verschie-
dener Formen desselben. Es entstehen umfassende Beziehungen. Sie liegen
besonders deutlich in den homogenen Systemen, welche Raum-, Ton- oder
Zahlenverhältnisse darstellen'. Jede Wissenschaft bezieht sich auf eine ab-
grenzbare Gegenständlichkeit, in der ihre Einheit liegt, und der Zusammen-
hang des Wissenschaftsgebietes gibt den Sätzen des Wissens in ihm ihre
Zusammengehörigkeit. Die Vollendung aller im Erlebten oder Angeschauten
enthaltenen Relationen wäre der Begriff der Welt. In ihm ist die Forderung
ausgesprochen, alles Erlebbare und Anschaubare durch den Zusammenhang
der in demselben enthaltenen Relationen des Tatsächlichen auszusprechen.
Dieser Begriff der Welt ist die Explikation des Zusammen, das zunächst
im räumlichen Horizont gegeben ist.
' Ideen über beschreibende und zergliedernde Psychologie. Sitzungsber. d. Berl. Akad.
d. Wiss. 1894, S. 1352 [44].
Der Aufbau der geschichllkhen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 59
Aufklärung, Abbildung und Vertretung sind Stufen der Beziehung zum
Gegebenen, in denen das gegenständliche Auffassen sich dem Weltbegriff
nähert. Sie sind Stufen, weil in jeder dieser Stellungen des gegenständ-
lichen Auffassens die frühere die Grundlage für die nächste Lage des gegen-
ständlichen Auflfassens bildet'.
Zweiter Abschnitt.
Die Struktur der Geisteswissenschafteil.
Indem nun dieser Zusammenhang des gegenständlichen Auffassens unter
die Bedingungen tritt, die in den Geisteswissenschaften enthalten sind, ent-
steht deren besondere Struktur. Auf der Grundlage der Denkformen imd der
allgemeinen Denkleistungen machen sich hier besondere Aufgaben geltend,
und sie finden ihre Lösung im Ineinandergreifen eigener Methoden.
In der Ausbildung dieser Verfahrungsweisen sind die Geisteswissen-
schaften überall von den Naturwissenschaften beeinflußt gewesen. Denn
' Von hier aus eröffnet sich der Einblick in die logische Aufgabe, die Formen des
diskursiven Denkens auf Ausdnicksweisen der Verhältnisse im Gegebenen zu reduzieren, wie
sie durch die elementaren Denkleistiingen herausgestellt werden. Durch die Tatsachen im
Gebiet des sinnlichen Auffassens werden wir zur Einsicht in die Immanenz der Ordnung im
Stoff unserer sinnlichen Erfahrung geführt, und die Sonderung des Stoffs der Eindrücke
von den Formen der Zusammenfassung erweist sich als bloßes Hilfsmittel dej- Abstraktion.
Der Satz der Identität besagt, daß jede Setzung unabhängig von ihren wechselnden Stellen
im Denkzusammenhang und dem Wechsel in den Subjekten der Aussage gültig ist. Der Satz
des Widerspruchs hat den der Identität zur Unterlage. Es tritt in ilnn zum Satz der Identität
die Verneinung, diese ist nur die Ablehnung einer in oder außer uns sich darbietenden An-
nahme, sie bezieht sich immer auf eine schon vorausgesetzte Aussage, mag diese nun in einem
bewußten Denkakt oder in einer andern Form enthalten sein. Nun schreibt der Satz der
Identität der Setzung konstante Geltung zu. Darum ist die .Aufhebung dieser Setzung aus-
geschlossen. Wir sind nicht iinstaiule, dasselbe zu behaupten und zu verneinen, sofern uns
das Verhältnis des Widersjiruchs zum Bewußtsein kommt. Wenn ich nun das verneinende
Urteil für falsch erkläre, so lehne ich ab, die Setzung aufzuheben, bestätige also die bejahende
,\ussage: diesen Sachverhalt spricht der Satz des ausgeschlossenen Dritten aus. So be-
zeichnen also die Denkgesetze keine apriorischen Bedingungen für unser Denken. Und
die Verliältnisse, die im Gleichsetzen, Trennen, Abstrahieren, Beziehen enthalten sind, finden
sich wieder in den diskursiven Denkoperationen wie in den formalen Kategorien, von denen
später die Rede sein wird. Die Annahme, daß das Urteil das Hinzutreten des kategorialen
Verhältnisses von Ding und Eigenschaften voraussetze, ist unnötig, da es aus der Beziehung
zwischen dem Gegenstand und dem von iiim Prädizierten verstanden wenlen kann.
8»
60 Öilthey:
da diese ihre Methoden fiTiher entwickelt haben, so hat sich in weitem
Umfang eine Anpassung derselben an die Aufgaben der Geisteswissenschaften
vollzogen. An zwei Punkten tritt dies besonders deutlich hervor. In der
Biologie sind die vergleichenden Methoden zuerst aufgefunden, die dann
auf die systematischen Geisteswissenschaften in immer weiterem Umfang
angewandt wurden, und experimentelle Methoden, welche Astronomie und
Physiologie ausgebildet hatten, sind auf Psychologie, Ästhetik und Päda-
gogik übertragen worden. Auch wird sich beim Verfahren zur Lösung
einzelner Aufgaben heute noch der Psychologe, Pädagoge, Linguist oder
Ästhetiker oftmals fragen, ob die zur Auflösung analoger Probleme in den
Naturwissenschaften aufgefundenen Mittel und Methoden für sein eigenes
Gebiet fruchtbar gemacht werden können.
Aber trotz solcher einzelnen Berührungspunkte ist der Zusammenhang
der geisteswissenschaftlichen Verfahrungsweisen schon von ihrem Ausgangs-
punkte ab verschieden von dem der Naturwissenschaften.
■ ' Erstes Kapitel.
Das Leben und die Geisteswissenschaften.
Ich habe es hier nur mit den allgemeinen Sätzen, welche für die Ein-
sicht in den Zusammenhang der Geisteswissenschaften entscheidend sind, zu
tun, denn die Darstellung der Methoden gehört der Darlegung des Auf-
])aus der Geisteswissenschaften an. Zwei Namenerklärungen sende ich vor-
aus. Unter psychischen Lebenseinheiten werde ich die Bestandteile der
gesellschaftlich-geschichtlichen Welt verstehen. Mit psychischer Struktur
bezeichne ich den Zusammenhang, in welchem in den psychischen Lebens-
einheiten verschiedene Leistungen miteinander verbunden sind.
I. Das Leben.
Die Geisteswissenschaften beruhen auf dem Verhältnis von Erlebnis, Aus-
druck und Verstehen. So ist ihre Entwicklung abhängig sowohl von der Ver-
tiefvmg der Erlebnisse als auch von der zunehmenden Richtung auf das Aus-
schöpfen ihres Gehaltes, und sie ist zugleich bedingt durch die Ausbreitung
des Verstehens auf die ganze Objektivatiou des Geistes und das immer a^oU-
ständigere und methodiscJiere Herausholen des Geistigen aus den verschie-
denen Lebensäußerungen.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 61
Der Inbegriff dessen, was uns im Erleben und Verstehen aufgeht, ist
das Leben als ein das menschliche Geschlecht umfassender Zusammenhang.
Indem wii* nun dieser großen Tatsache zuerst gegenübertreten, die für uns
nicht nur der Ausgangspunkt der Geisteswissenschaften, sondern auch der
Philosophie ist, gilt es, hinter die wissenschaftliche Bearbeitung dieser
Tatsache zurückzugehen und die Tatsache selbst in ihrem Rohzustande auf-
zufassen. ,,^ -'"
Da treffen wir denn, wo Leben als ein der menschlichen Welt eigener
Tatbestand uns entgegentritt, auf eigene Bestimmungen desselben an den
einzelnen Lebenseinheiten, auf Lebensbezöge, Stellungnahme, Verhalten,
Schaffen an Dingen und Menschen und Leiden durch sie. In dem be-
ständigen Untergrund, aus dem die differenzierten Leistungen sich erhel)en,
gibt es nichts, das nicht einen Lebensbezug des Ich enthielte. Wie
alles hier eine Stellung zu ihm hat, ebenso ändert sich beständig die Zu-
ständlichkeit des Ich nach dem Verhältnis der Dinge und Menschen zu
ihm. Es gibt gar keinen Menschen und keine Sache, die nur Gegenstand
für mich wären und nicht Druck oder Förderung, Ziel eines StreJ)ens oder
Bindung des Willens, Wichtigkeit, Forderung der Rücksichtnahme und innere
Näie oder Widerstand, Distanz und Fremdheit enthielten. Der Lebensbezug,
sei er auf einen gegebenen Moment eingeschränkt oder dauernd, macht diese
Menschen und Gegenstände für mich zu Trägern von Glück, Erweiterung
meines Daseins, Erhöhung meiner Kraft, oder sie schi-änken in diesem Bezug
<len Spielraum meines Daseins ein, sie ül)en einen Druck auf mifli, sie ver-
mindern meine Kraft. Und den Prädikaten, die so die Dinge nur im Lebens-
bezug zu mir erhalten, entspricht der aus ihm stammende Wechsel der Zu-
stände in mir selbst. Auf diesem Untergrund des Lebens treten dann gegen-
ständliches Auffassen, Wfrtgeben, Zweeksetzen als Typen des Verhaltens
in unzälüigen Nuancen, die ineinander übergehen, hervor. Sie sind im
Lebenslauf zu inneren Zusammenhängen verbunden, welche alle Betätigung
und Entwicklung umfassen und bestimmen.
Verdeutlichen wir dies an der Art, wie der lyrische Dichter das Er-
lebnis ziun Ausdruck bringt; er geht von einer Situation aus und läßt nun
Menschen und Dinge in einem Lebensbezug zu einem ideellen Ich erblicken,
in welchem sein eigenes Dasein und iimerhalb des.selben sein Erlebnisverlauf
in der Phantasie gesteigert ist: dieser Lebensbezug bestimmt, was der echte
Lyriker von den Menschen, von den Dingen, von sich selbst sieht und
fi2 D r L T H E Y :
fuisdräckt. Ebenso darf der Epiker nur sagen, was in einem dargestellten
Lebensbezug heraustritt. Oder wenn der Historiker geschichtliche Situ-
ationen und Personen schildert, so wird er den Eindruck des wirklichen
Lebens um so stärker erwecken, je mehr er von diesen Lebensbezügen
er])licken läßt. F,v muß die in diesen Lebensbezügen hervortretenden und
wirksamen Eigenschaften der Menschen und Dinge herausheben — ich
möchte sagen den Personen, Sachen, Vorgängen die Gestalt und Färbung
geben, in der vom Gesichtspunkt des Lebensbezugs aus Wahrnehmungen
und Erinnerungsbilder sie im Leben selber geformt haben.
2. Die Lebenserfahrung.
Das gegenständliche Auffassen verläuft in der Zeit, und so sind in ihm
schon Erinnerungsnachbilder enthalten. Wie nun mit dem Fortrücken der
Zeit das Erlebte sich beständig mehrt und immer weiter zurücktritt, entsteht
die Erinnerung an den eigenen Lebensverlauf. Ebenso bilden sich aus dem
Verstehen anderer Personen Erinnerungen ihrer Zustände und Existenzbilder
der verschiedenen Situationen. Und zwar ist in all diesen Erinnerungen
stets Zuständlichkeit mit ihrem Milieu von äußeren Sachverhalten, Ereig-
nissen, Personen verbunden. Aus der Verallgemeinerung des so Zusammen-
kommenden bildet sich die TiCbenserfahrung des Individuums. Sie entsteht
in Verfahrungsweisen, die denen der Induktion äquivalent sind. Die Zahl
der Fälle, aus denen diese Induktion schließt, nimmt im Lebensverlauf be-
ständig zu; die Verallgemeinerungen, die sich bilden, werden immerfort
berichtigt. Die Sicherheit, die der persönlichen Lebenserfahrung zukommt,
ist unterschieden von der wissenschaftlichen Allgemeingültigkeit. Denn
diese Verallgemeinerungen vollziehen sich nicht methodisch und können
nicht auf feste Formeln gebracht werden.
Der individuelle Gesichtspunkt, welcher der persönlichen Lebenserfah-
rung anhaftet, berichtigt und erweitert sich in der allgemeinen Lebens-
erfahrung. Unter dieser verstehe ich die Sätze, die in irgendeinem zuein-
andergehörigen Kreise von Personen sich bilden und ihnen gemeinsam sind.
Es sind Aussagen über den Verlauf des Lebens, Werturteile, Regeln der
Lebensführung, Bestimmungen von Zwecken und Gütern. Ihr Kennzeichen
ist, daß sie Schöpfungen des gemeinsamen Lebens sind. Und sie betreffen
ebensosehr das Leben der einzelnen Menschen als das der Gemeinschaften.
In der ersteren Rücksicht üben sie, als Sitte, Herkommen und in der An-
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 63
Wendung auf die einzelne Person als öffentliche Meinung, kraft des Ubei--
gewichts der Zahl und der über das Einzelleben hinausreichenden Dauer der
Gemeinschaft eine Macht über die P'inzelperson und deren individuelle Lebens-
erfahrung und Lebensmacht, welche dem Lebenswillen der Einzelnen in der
Regel überlegen ist. Die Sicherheit dieser allgemeinen Lebenserfahrung ist
der persönlichen gegenüber in dem Verhältnis größer, als die individuellen
Gesichtspunkte sich in ihr gegeneinander ausgleichen und die Zahl der Fälle,
die den Induktionen zugrunde liegen, zunimmt. Anderseits macht sich in
dieser allgemeinen Erfahrung die Unkontrollierbarkeit der Entstehung ihres
Wissens vom Leben noch viel stärker als in der individuellen geltend.
3. Unterschiede der Verhaltungsweisen im Leben und Klassen
der Aussage in der Lebenserfahrung.
In der Lebenserfahrung treten nun verschiedene Klassen von Aussagen
auf, welche auf Unterschiede des Verhaltens im Leben zurückgehen. Denn
das Leben ist ja nicht nur die Quelle des Wissens, nach seinem Erfahrungs-
gehalt angesehen: die typischen Verhaltungsweisen der Menschen bedingen
auch die verschiedenen Klassen der Aussagen. Vorläufig soll hier nur die
Tatsache dieser Beziehung zwischen der Verschiedenheit im Lebensver-
halten \md den Aussagen der Lebenserfahrung festgestellt werden.
In den einzelneu tatsächlichen Lebensbezügen, die zwischen dem Ich
einerseits und Dingen und Menschen anderseits auftreten, entstehen die
einzelnen Zustände des Lebens: differenzierte Lagen des Selbst, Gefühle
von Druck oder Steigerung des Daseins, Verlangen nach einem Gegenstand,
Furcht oder Hoffnung. Und wie nun Dinge oder Menschen, die eine Forde-
rung an das Selbst stellen, einen Raum in seinem Dasein einnehmen, wie
sie Träger von Förderungen oder Hemmungen, Gegenstände des Verlangens,
der Zwecksetzung, der Abwendung sind, entstehen anderseits aus diesen
Lebensbezügen die zu der Wirklichkeitsauffassung von Menschen und
Dingen hinzutretenden Bestimmungen über sie. Alle diese Bestimmungen
des Selbst und der Gegenstände oder Personen, wie sie aus den Lebens-
bezügen hervorgehen, werden zur Besinnung erhoben und in der Sprache
ausgedrückt. So treten in dieser Unterschiede wie Wirklichkeitsaussage,
Wunsch, Ausrufung, Imperativ auf. Überblickt man die Ausdrücke liir
die Verhaltungsweisen, für die Stellungnahmen des Selbst zu den Menschen
und Dingen, so zeigt sich, daß sie unter gewisse oberste Klassen fallen. Sie
64 Dilthey:
stellen eine Wirklichkeit fest, sie werten, sie bezeichnen eine Zwecksetzung,
sie formulieren eine Regel, sie sprechen die Bedeutung einer Tatsache in
dem größeren Zusammenhang, in den sie verflochten ist, aus. Weiter
zeigen sich Beziehungen zwischen diesen in der Lebenserfahrung enthal-
tenen Arten der Aussage. Die Wirklichkeitsauffassungen bilden eine Schicht,
auf der die Wertungen beruhen, und die Schicht der Wertungen ist weiter
die Unterlage für Zwecksetzungen.
Die in den Lebensbezügen enthaltenen Verhaltungsweisen und ihre Er-
zeugnisse werden gegenständlich gemacht in Aussagen, die diese Verhal-
tungsweisen als Tatbestände feststellen. Ebenso werden die Prädizierungen
von Menschen und Dingen, die aus den Lebensbezügen hervorgehen, ver-
selbständigt. Diese Tatbestände werden in der Lebenserfahrung durch ein
der Induktion äquivalentes Verfahren zu allgemeinem Wissen erhoben. So
entstehen die mannigfachen Sätze, die als Sprichwörter, Lebensregeln, Re-
flexionen über Leidenschaften, Charaktere und Werte des Lebens in der
generalisierenden Volksweisheit und in der Literatur hervorgetreten sind.
Und auch in ihnen kehren nun die Unterschiede wieder, die an den Aus-
drücken unserer Stellungnahme oder Verhaltungsweise bemerkbar sind.
Noch weitere Unterschiede machen sich in den Aussagen der Lebens-
erfahrung geltend. Schon im Leben selbst entwickeln sich Wirklichkeits-
erkenntnis, Wertung, Regelgebung, Zwecksetzung in verschiedenen Stufen,
deren jede die andere zu ihrer Voraussetzung hat. Im gegenständlichen
Auffassen sind solche aufgezeigt worden; aber sie bestehen ebenso in den
andern Verhaltungsweisen. So setzt die Abschätzung der Wirkungswerte
von Dingen oder Menschen voraus, daß die in den Gegenständen enthaltenen
Möglichkeiten, Nutzen oder Schaden zu stiften, festgestellt worden sind,
und ein Entschluß wird erst möglich durch die Erwägung des Verhältnisses
von Zielvorstellungen zur Wirklichkeit und den in ihr gegebenen Mitteln,
diese Vorstellungen zu realisieren.
4. Ideelle Einheiten als Träger des Lebens und der Lebens-
erfahrung.
Ein unendlicher Lebensreichtum entfaltet sich in dem individuellen
Dasein der einzelnen Personen vermöge ihrer Bezüge zu ihrem Milieu, zu
anderen Menschen und Dingen. Aber jedes einzelne Individuum ist zu-
gleich ein Kreuzungspunkt von Zusammenhängen, welche durch die Indi-
Der Aufbau der geschkMlicJien Well in den Geisleswissenschaften. I. 65
viduen hindurchgehen, in denselben bestehen, aber über ihr Leben hinaus-
reichen und die durch den Gehalt, den Wert, den Zweck, der sich in ihnen
realisiert, ein selbständiges Dasein und eine eigene Entwicklung besitzen.
Sie sind so Subjekte ideeller Art. Es wohnt denselben irgendein Wissen
von der Wirklichkeit bei; es entwickeln sich in ihnen Gesichtspunkte der
Wertschätzung; Zwecke werden in ihnen realisiert; sie haben im Zusammen-
hang der geistigen Welt eine Bedeutung und behaupten diese.
Dies ist schon in einigen Systemen der Kultur der Fall, in denen
eine ihre Glieder zusammenfassende Organisation nicht besteht, wie durch-
gängig in der Kunst und der Philosophie. Weiter dann entstehen organi-
sierte Verbände. So schafft sich das wirtschaftliche Leben Genossenschaften;
in der Wissenschaft entstehen Zentren zur Verwirklichung ihrer Aufgaben;
die Religionen entwickeln unter allen Kultursystemen die festesten Organi-
sationen. In der Familie, in verschiedenen Zwischenformen zwischen ihr
und dem Staat und in diesem selber findet sich die höchste Ausbildung
einheitlicher Zwecksetzung innerhalb einer Gemeinschaft.
Jede organisierte Einheit eines Staates entwickelt eine Kenntnis ihrer
selbst wie der Regeln, an die ihr Bestand gebunden ist und ihrer Lage zum
Ganzen. Sie genießt die Werte, die sich in ihrem Schoß entwickelt haben; sie
realisiert die Zwecke, die in ihrem Wesen liegen imd zur Erhaltung und Förde-
rung ihres Daseins dienen. Sie ist selbst ein Gut der Menschheit imd verwirk-
licht Güter. Im Zusammenhang der Menschheit hat sie eine eigene Bedeutung.
Der Punkt ist erreicht, an welchem sich nun Gesellschaft und Ge-
schichte vor uns auftun. Es wäre indes irrtümlicli, wollte man Geschichte auf
das Zusammenwirken von Menschen zu gemeinsamen Zwecken einschränken.
Der einzelne Mensch in seinem auf sich selber ruhenden individuellen Dasein
ist ein geschichtliches Wesen. Er ist bestimmt durch seine Stelle in der
Linie der Zeit, seinen Ort im Raum, seine Stellung im Zusammenwirken der
Kultursysteme und der Gemeinschaften. Der Historiker muß daher das ganze
Leben der Individuen, wie es zu einer bestimmten Zeit und an einem be-
stimmten Ort sich äußert, verstehen. Es ist eben der ganze Zusammenhang,
der von den Individuen, sofern sie auf die Entwicklung ihres eigenen Da-
seins gerichtet sind, zu Kultursystemen und Gemeinschaften, schließlich zu
der Menschheit geht, der die Natur der Gesellschaft und der Geschichte
ausmaclit. Die logischen Subjekte, über die in der Geschichte ausgesagt wird,
sind ebenso Einzelindividuen wie Gemeinschaften und Zusammenhänge.
PhU.-hUt. Klasse. 1910. Abh. I. 9
66 Dilthey:
5, Hervorgang der Geisteswissenschaften aus dem Leben
der Einzelnen und der Gemeinschaften.
Leben, Lebenserfahrung und Geisteswissenschaften stehen so in einem
beständigen inneren Zusammenhang und Wechselverkehr. Nicht begrifif-
liches Verfahren bildet die Grundlage der Geisteswissenschaften, sondern
Innewerden eines psychischen Zustandes in seiner Ganzheit und Wieder-
finden desselben im Nacherleben. Leben erfaßt hier Leben, und die Kraft,
mit welcher die zwei elementaren Leistungen der Geisteswissenschaften
vollzogen werden, ist die Vorbedingung für die Vollkommenheit in jedem
Teil derselben.
So bemerkt man auch an diesem Punkt eine durchgreifende Ver-
schiedenheit zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Dort entsteht die
Sonderung unseres Verkehrs mit der Außenwelt vom naturwissenschaft-
liehen Denken, dessen produktive Leistungen esoterisch sind, und hier
erhält sich ein Zusammenhang zwischen Leben und Wissenschaft, nach
welchem die gedankenbildende Arbeit des Lebens Grundlage fär das wissen-
schaftliche Schaffen bleibt. Die Vertiefung in sich selbst erlangt im Leben
unter gewissen Umständen eine Vollkommenheit, hinter der selbst ein
Carlyle zurückbleibt, und das Verstehen anderer wird unter ihnen zu
einer Virtuosität ausgebildet, die auch Ranke nicht erreicht. Dort sind
große religiöse Naturen wie Augustinus und Pascal die ewigen Muster
für die Erfahrung, die aus dem eigenen Erlebnis schöpft, und hier im
Verstehen anderer Personen erziehen Hof und Politik zu einer Kunst, die
hinter jeden Schein blickt; ein Mann der Tat wie Bismarck, dem seiner
Natur nach bei jedem Brief, den er schreibt, jedem Gespräch, das er fuhrt,
seine Ziele gegenwärtig sind, wird in der Kunst, hinter dem Ausdruck
Absichten zu lesen, von keinem Ausleger politischer Akten und keinem
Kritiker historischer Berichte erreicht werden. Zwischen der Auffassung
eines Dramas in einem Zuhörer von starker poetischer Empfänglichkeit
und der vortrefflichsten literarhistorischen Analyse besteht in vielen Fällen
kein Abstand. Und auch die Begriffsbildung ist in den Geschieh ts- und
Gesellschaftswissenschaften durch das Leben selber beständig bestimmt.
Ich weise auf den Zusammenhang hin, der vom Leben, von der Begriffs-
bildung über Schicksal, Charaktere, Leidenschaften, Werte und Zwecke
des Daseins beständig zu der Geschichte als Wissenschaft hinüberfuhrt.
Der Aufbau der gescMchtlkhen WfU in den GeiKteswissenscliaften. 1. 67
In der Zeit, in welcher in Frankreich politisches Wirken mehr auf Kenntnis
der Menschen und der leitenden Persönlichkeiten als auf einem wissen-
schaftlichen Studium des Rechts, der Wirtschaft und des Staats begründet
war und die Stellung im Hofleben auf solcher Kunst beruhte, gelangte
auch die literarische Form der Memoiren und der Schriften über Charaktere
und Leidenschaften auf einen Höhepunkt, den sie nicht wieder erreicht
hat, imd zwar wurde sie von Personen ausgeübt, welche von dem wissen-
schaftlichen Studium der Psychologie und Geschichte wenig beeinflußt
waren. Kin innerer Zusammenhang verbindet hier die Beobachtung der
vornehmen Gesellschaft, die Schriftsteller, die Dichter, die von ihnen lernen,
und die systematischen Philosophen und wissenschaftlichen Historiker, die
an Poesie und Literatur sich bilden. Man sieht in den Anfängen der
politischen Wissenschaft bei den Griechen die Entwicklung der Begriffe von
den Verfassungen und von den politischen Leistungen in ihnen aus dem
Staatsleben selber entstehen, und neue Schöpfungen in diesem führen dann
zu neuen Theorien. Am deutlichsten ist dieses ganze Verhältnis in den
älteren Stadien der Rechtswissenschaft sowohl bei den Römern als bei
den Germanen.
6. Der Zusammenhang der Geisteswissenschaften mit dem
Leben und die Aufgabe ihrer Allgemeingültigkeit.
So bildet der Ausgang vom Leben und der dauernde Zusammenhang
mit ihm den ersten Grundzug in der Struktur der Geisteswissenschaften;
beruhen sie doch auf Erleben, Verstehen und Lebenserfahrung. Dieses un-
mittelbare Verhältnis, in dem das Leben und die Geisteswissenschaften zu-
einander stehen, ftlhrt in den Geisteswissenschaften zu einem Widerstreit
zwischen den Tendenzen des Lebens und ihrem wissenschaftlichen Ziel.
Wie Historiker, Nationalökonomen, Staatsrechtslehrer, Religionsforscher im
Leben stehen, wollen sie es beeinflussen. Sie unterwerfen geschichtliche
Personen, Massenbewegungen, Richtungen ihrem Urteil, und dieses ist von
ihrer Individualität, der Nation, der sie angehören, der Zeit, in der sie leben,
bedingt. Selbst wo sie voraussetzungslos zu verfahren glauben, sind sie von
diesem ihrem Gesichtskreis bestimmt; zeigt doch jede Analyse, die an den
Begriffen einer vergangenen Generation vorgenommen wird, in diesen Be-
griffen Bestandteile, die aus den Voraussetzungen der Zeit entstanden sind.
Zugleich aber ist doch in jeder Wissenschaft als solcher die Forderung der
68 Di
L T H E Y ;
Allgemeingültigkeit enthalten. Soll es Geisteswissenschaften in dem stren-
gen Verstände von Wissenschaft geben, so müssen sie immer bewußter und
kritischer dies Ziel sich setzen.
Auf dem Widerstreit dieser beiden Tendenzen beruht ein großer
Teil der wissenschaftlichen Gegensätze, die sich in der letzten Zeit in der
Logik der Geisteswissenschaften geltend gemacht haben. Am stärksten
äußert dieser Widerstreit sich in der Geschichtswissenschaft. So ist sie
auch zum Mittelpunkte dieser Diskussion geworden.
Die Auflösung dieses Widerstreites vollzieht sich erst im Aufbau der
Geisteswissenschaften; doch enthalten schon die weiteren allgemeinen Sätze
über den Zusammenhang der Geisteswissenschaften das Prinzip dieser Auf-
lösung. Unser bisheriges Ergebnis bleibt bestehen. Leben und Lebens-
erfahrung sind die immer frisch fließenden Quellen des Verständnisses der
gesellschaftlich-geschichtlichen Welt; das Verständnis dringt vom Leben
aus in immer neue Tiefen; nur in der Rückwirkung auf Leben und Ge-
sellschaft erlangen die Geisteswissenschaften ihre höchste Bedeutung, und
diese Bedeutung ist in beständiger Zunahme begriffen. Aber der Weg zu
dieser Wirkung muß durch die Objektivität der wissenschaftlichen Erkennt-
nis gehen. Das Bewußtsein hiervon Avar schon in der großen schöpfe-
rischen Epoche der Geisteswissenschaften wirksam. Nach manchen Stö-
rungen, die im Gang unserer nationalen Entwicklung, doch ebenso aucli
in der Anwendung eines einseitigen Kulturideals seit Jakob Burckhardt
gelegen haben, sind wir heute vom Streben erfüllt, diese Objektivität der
Geisteswissenschaften immer voraussetzungsloser, kritischer, strenger heraus-
zuarbeiten. Ich finde das Prinzip für die Auflösung des Widerstreits
in diesen Wissenschaften in dem Verständnis der geschichtlichen Welt als
einen Wirkui)gszusammenhangs, der in sich selbst zentriert ist, indem jeder
einzelne in ihm enthaltene Wirkungszusammenhang durch die Setzung von
Werten und die Realisierung von Werten seinen Mittelpunkt in sich selber
hat, alle aber strukturell zu einem Ganzen verbunden sind, in welchem
aus der Bedeutsamkeit der einzelnen Teile der Sinn des Zusammenhangs
der gesellschaftlich- geschichtlichen Welt entspringt: so daß ausschließlich
in diesem strukturellen Zusammenhang jedes Werturteil und jede Zweck-
setzung, die in die Zukunft reicht, gegründet sein muß. Diesem Ideal-
prinzip nähern wir uns nun in den nachfolgenden weiteren allgemeinen
Sätzen über den Zusammenhang der Geisteswissenschaften.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 69
Zweites Kapitel.
Die Verfahrungsweisen, in denen die geistige Welt gegeben ist
Der Zusammenhang der Geisteswissenschaften ist bestimmt durch ihre
Grundlage im Erleben und Verstehen, und in beidem machen sich sogleich
durchgreifende Unterschiede von den Naturwissenschaften geltend, welche
dem Aufbau der Geisteswissenschaften seinen eigenen Charakter geben.
I. Die Linie der Repräsentationen vom Erlebnis aus.
Jedes optische Bild ist von dem andern, das sich auf denselben Gegen-
stand bezieht, durch den Gesichtspunkt und die Bedingungen der Auffassung
verschieden. Diese Bilder werden nun durch die verschiedenen Arten des
gegenständlichen Auffassens zu einem System innerer Beziehungen verbunden.
Die Totalvorstellung, die so aus der Reihe der Bilder nach den im Sach-
verhalt enthaltenen Grundverhältnissen entsteht, ist ein Hinzuvorgestelltes,
Hinzugedachtes. Dagegen sind die Erlebnisse in einer Lebenseinheit im Zeit-
verlauf aufeinander bezogen; jedes derselben hat so seine Stelle in einem
Verlauf, dessen Glieder in der Erinnerung miteinander verbunden sind. Ich
spreche hier noch nicht von dem Problem der Realität dieser Erlebnisse
und ebensowenig von den Schwierigkeiten, welche die Auffassung eines
Erlebnisses enthält: es genügt, daß die Art, wie das Erlebnis für mich
da ist, ganz verschieden von der Art ist, in welcher Bilder vor mir dastehen.
Das Bewußtsein von einem Erlebnis und seine Beschaffenheit, sein Fürmich-
dasein und was in ihm für mich da ist, sind eins : Das Erlebnis steht nicht
als ein Objekt dem Auffassenden gegenüber, sondern sein Dasein fiir mich
ist ununterschieden von dem, was in ihm für mich da ist. Es gibt hier
keine verschiedenen Stellen im Raum, von denen aus das, was in ihm da
ist, gesehen würde. Und verschiedene Gesichtspunkte, unter denen es auf-
gefaßt würde, können nur nachträglich durch die Reflexion entstehen und
berühren es selber in seinem Erlebnischarakter nicht. Es ist der Relativität
des sinnlich Gegebenen entnommen, nach welcher die Bilder nur in der
Relation zu dem Auffassenden, zu seiner Stellung im Raum und dem
zwischen ihm und den Gegenständen Liegenden auf das Gegenständliche sich
beziehen. Vom Erlebnis geht so eine direkte Linie von Repräsentationen
bis zu der Ordnung der Begriffe, in der es denkend aufgefaßt wird. Es
70 Dilthey:
wird zunächst aufgeklärt durch die elementaren Denkleistungen. Die Er-
innerungen, in denen es weiter aufgefaßt wird, haben hier eine eigene
Bedeutung. Und was geschieht nun, wenn das Erlebnis Gegenstand meiner
Reflexion wird? Ich liege des Nachts wachend, ich sorge um die Möglich-
keit, begonnene Arbeiten in meinem Alter zu vollenden, ich überlege, was
zu tun sei. In diesem Erlebnis ist ein struktureller Bewußtseinszusammen-
hang: ein gegenständliches Auffassen bildet seine Grundlage, auf dieser
beruht eine Stellungnahme als Sorge um \md als Leiden über den gegen-
ständlich aufgefaßten Tatbestand, als Streben über ihn hinauszugelangen.
Und alles das ist für mich in diesem seinem Strukturzusammenhang da. Ich
bringe den Zustand zu distinguierendem Bewußtsein. Ich hebe das strukturell
Bezogene heraus, isoliere es. Alles, was ich so heraushebe, ist im Erlebnis
selbst enthalten und wird so nur aufgeklärt. Nun aber wird mein Auffassen
vom Erlebnis selbst auf Grund der in ihm enthaltenen Momente zu Erlebnissen
fortgezogen, welche im Verlauf des Lebens, wenn auch durch lange Zeiträume
getrennt, strukturell mit solchen Momenten verbunden waren; ich weiß von
meinen Arbeiten durch eine frühere Musterung, damit stehen in weiter Feme
der Vergangenheit die Vorgänge in Beziehung, in denen diese Arbeiten ent-
standen. Ein anderes Moment leitet in die Zukunft; das Daliegende wird
noch unberechenbare Arbeit von mir verlangen, ich bin besorgt darüber,
ich richte mich innerlich auf die Leistung ein. All dies Über, Von und
Auf, all diese Beziehungen des P>lebten auf Erinnertes und ebenso auf Zu-
künftiges zieht mich fort — rückwärts und vorwärts. Das Fortgezogen-
werden in dieser Reihe beruht auf der Forderung immer neuer Glieder,
die das Durcherleben verlangt. Dabei kann auch ein aus der Geföhlsmacht
des Erlebens hinzutretendes Interesse mitwirken. Es ist ein Fortgezogen-
werden, keine Volition, am wenigsten das abstrakte Wissenwollen, auf
das seit Schleiermachers Dialektik zurückgegangen worden ist. In der
Reihe, die so entsteht, ist das Vergangene wie das Zukünftige, Mögliche
dem vom Erlebnis erfällten Moment transzendent. Aber beides. Ver-
gangenes und Zukünftiges, sind auf das Erlebnis bezogen in einer Reihe,
welche durch solche Beziehungen zu einem Ganzen sich gliedert. Jedes
Vergangene ist, da seine Erinnervmg Wiedererkennen einschließt, strukturell
als Abbildung auf ein ehemaliges Erlebnis bezogen. Das künftig Mögliche
ist ebenfalls mit der Reihe durch den von ihr bestimmten Umkreis von
Möglichkeiten verbunden. So entsteht in diesem Vorgang die Anschauung
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 71
des psychischen Zusammenhangs in der Zeit, der den Lebensverlauf
ausmacht. In diesem Lebensverlauf ist jedes einzelne Erlebnis auf ein Ganzes
bezogen. Dieser Lebenszusammenhang ist nicht eine Summe oder ein In-
begriff aufeinanderfolgender Momente, sondern eine durch Beziehungen, die
alle Teile verbinden, konstituierte Einheit. Von dem Gegenwärtigen aus
durchlaufen wir rückwärts eine Reihe von Erinnerungen bis dahin, wo
unser kleines ungefestigtes, ungestaltetes Selbst sich in der Dämmerung
verliert, und wir dringen vorwärts von dieser Gegenwart zu Möglich-
keiten, die in ihr angelegt sind und vage, weite Dimensionen annehmen.
So entsteht ein wichtiges Resultat fiir den Zusammenhang der Geistes-
wissenschaften. Die Bestandteile, Regelmäßigkeiten, Beziehungen, welche
die Anschauung des Lebensverlaufs konstituieren, sind allesamt im Leben
selber enthalten ; dem Wissen vom Lebensverlauf kommt derselbe Realitäts-
charakter zu wie dem vom Erlebnis.
2. Das Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit im Verstehen.
Erfahren wir so in den Erlebnissen die Lebenswirklichkeit in der
Mannigfaltigkeit ihrer Bezüge, so scheint es doch, so angesehen, immer
nur ein Singulares, unser eigenes Lebten zu sein, von dem wir im
Ijleben wissen. E.s bleibt ein Wissen aoii einem Einmaligen, und kein
logisches Hilfsmittel kann die in der Erfahrungsweise des Erlebens ent-
haltene Beschränkung auf das tlinmalige überwinden. Das Verstehen erst
hebt die Beschränkung des Individualerlebnisses auf, wie es anderseits
dann wieder den persönlichen Erlebnissen den Charakter v(>n Lebens-
erfahrung verleiht. Wie es sich auf mehrere Mens(;hen, geistige Schöp-
fungen und Gemeinschaften erstreckt, (-rweitert es den Horizont des Einzel-
lebens und macht in den Geistes Wissenschaften die Bahn frei, die durch
das Gemeinsame zum Allgemeinen fiihrt.
Das gegenseitige Verst^'hen versichert uns der Gemeinsamkeit, die
zwischen den Individuen besteht. Die Individuen sind miteinander durch
eine Gemeinsamkeit verbunden, in w(^lcher Zusammengehören oder Zusammen-
hang, Gleichartigkeit oder Verwandtschaft miteinander verknüpft sind. Die-
selbe Beziehung von Zusammenhang und Gleichartigkeit geht durch alle
Kreise der Menschen weit hindurch. Diese Gemeinsamkeit äußert sich in der
Selbigkeit der Vernunft, der Sympathie im Gefühlsleben, der gegenseitigen
Bindung in Pflicht und Recht, die vom Bewußtsein des SoUens begleitet ist.
72 Dilthey:
Die Gemeinsamkeit der Lebenseinheiten ist nun der Ausgangspunkt
für alle Beziehungen des Besonderen und Allgemeinen in den Geisteswissen-
schaften. Durch die ganze Auffassung der geistigen Welt geht solche Grund-
erfahrung der Gemeinsamkeit hindurch, in welcher Bewußtsein des ein-
heitlichen Selbst und das der Gleichartigkeit mit den Andern, Selbigkeit
der Menschennatur und Individualität miteinander verbunden sind. Sie ist
es, die die Voraussetzung für das Verstehen bildet. Von der elementaren
Interpretation ab, die nur die Kenntnis von der Bedeutung der Worte und
von der Regelhaftigkeit, mit der sie in Sätzen zu einem Sinn verbunden
sind, sonach Gemeinsamkeit der Sprache und des Denkens fordert, erweitert
sich beständig der Umkreis des Gemeinsamen, welcher den Verständnisvor-
gang möglich macht, in dem Maß in welchem höhere Verbindungen von
Lebensäußerungen den Gegenstand dieses Vorgangs ausmachen.
Aus der Analyse des Verstehens ergibt sich nun aber ein zweites Grund-
verhältnis, das für die Struktur des geisteswissenschaftlichen Zusammenhangs
bestimmend ist. Wir sahen, wie auf dem Erleben und Verstehen die geistes-
wissenschaftlichen Wahrheiten beruhen: nun setzt aber das Verstehen
anderseits die Verwertung geisteswissenschaftlicher Wahrheiten voraus.
Ich erläutere dies an einem Beispiel. Die Aufgabe sei, Bismarck zu ver-
stehen. Eine außerordentliche Fülle von Briefen, Aktenstücken, Erzählungen
und Berichten über ihn bildet das Material. Dieses bezieht sich auf seinen
Lebensverlauf. Der Historiker muß nun dies Material erweitern, um das,
was auf den großen Staatsmann einwirkte, wie das, was er erwirkt hat,
zu erfassen. Ja, solange der Vorgang des Verstehens dauert, ist auch die
Abgrenzung des Materials noch nicht abgeschlossen. Schon um Menschen, Er-
eignisse, Zustände als diesem Wirkungszusammenhang zugehörig zu erkennen,
bedarf er allgemeiner Sätze. Sie liegen dann auch seinem Verständnis
Bismarcks zugrunde. Sie erstrecken sich von den gemeinsamen Eigenschaften
des Menschen zu den besonderen einzelner Klassen. Der Historiker wird in-
dividualpsychologisch Bismarck unter den Tatmenschen seine Stelle geben,
und in ilim der eigenen Kombination von Zügen, die solchen gemeinsam sind,
nachgehen. Er wird unter einem andern Gesichtspunkt in der Souveränität
seines Wesens, in der Gewöhnung, zu herrschen und zu leiten, in der Un-
gebrochenheit des Willens Eigenschaften des grundbesitzenden preußischen
Adels wiederfinden. Wie sein langes Leben eine bestimmte Stelle im Verlauf
der preußischen Geschichte einnimmt, ist es wieder eine andere Gruppe all-
Der Außau der geschichtlicIienWelt in dm Geisteswissenschaften. I. 73
gemeiner Sätze, durch welche die gemeinsamen Züge der Menschen dieser
Zeit bestimmt werden. Der ungeheure Druck, der nach der Staatslage auf
dem politischen Selbstgefühl lastete, rief die verschiedensten Arten von Reak-
tion naturgemäß hervor. Das Verständnis hiervon fordert allgemeine Sätze
über den Druck, den eine Lage auf ein politisches Ganze und seine Glieder übt
und über deren Rückwirkung. Die Grade der methodischen Sicherheit im
Verständnis sind von der Entwicklung der allgemeinen Wahrheiten abhängig,
durch welche dies Verhältnis seine Fundierung erhält. Es wird nun klar,
daß dieser große Tatmensch, der ganz in Preußen und seinem Königtum
wurzelt, den auf Preußen von außen lastenden Druck auf besondere Art
fahlen wird. Er nmß daher die inneren Fragen der Verfassung dieses Staates
vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Macht des Staates taxieren. Und
wie er Kreuzungspunkt von Gemeinsamkeiten wie Staat, Religion, Rechtsord-
nung ist, und als historische Persönlichkeit eine von diesen Gemeinsamkeiten
eminent bestimmte und bewegte, und zugleich in sie wirkende Kraft, so
fordert das vom Historiker ein allgemeines Wissen von diesen Gemeinsam-
keiten. Kurz, sein Verstehen wird seine Vollkommenheit schließlich erst
durch die Beziehung zum Inbegriff aller Geisteswissenschaften erlangen.
Jede Beziehung, die in der Darstellung dieser historischen Persönlichkeit
herausgearbeitet werden muß, erhält die höchst erreichbare Sicherheit und
Deutlichkeit erst durch ihre Bestimmung vermittels der wissenschaftlichen
Begriffe über die einzelnen Gebiete. Und das Verhältnis dieser Gebiete zu-
einander ist schließlich in einer Gesamtanschauung der geschichtlichen
Welt gegründet.
So verdeutlicht uns unser Beispiel die zwiefache Relation, die in dem
Verstehen angelegt ist. Das Verstehen setzt ein Erleben voraus, und das
Erlebnis wird erst zu einer Lebenserfahrung dadurch, daß das Verstehen
aus der Enge und Subjektivität des Erlebens hinausführt in die Region
des Ganzen und des Allgemeinen. Und weiter fordert das Verstehen der
einzelnen Persönlichkeit zu seiner Vollendung das systematische Wissen,
wie anderseits wieder das systematische Wissen abhängig ist von dem leben-
digen Erfassen der einzelnen Lebenseinheit. Die Erkenntnis der anorgani-
schen Natur vollzieht sich in einem Aufbau der Wissenschaften, in wel-
chem die untere Schicht jedesmal unabhängig von der ist, die sie be-
gründet: in den Geisteswissenschaften ist vom Vorgang des Verstehens ab
alles durch das Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit bestimmt.
Phil.-hisl. Klasuf. I'JIO. AU. f. 10
74 Dilthey:
Dem entspricht der geschichtliche Verlauf dieser Wissenschaften. Die
Geschichtschreibung ist an jedem Punkt bedingt vom Wissen über die
in den geschichtlichen Verlauf verwebten systematischen Zusammenhänge,
und deren tiefere Ergründung bestimmt den Fortgang des historischen Ver-
stehens. Thukydides beruhte auf dem politischen Wissen, das in der Praxis
der griechischen Freistaaten entstanden war, und auf den staatsrechtlichen
Doktrinen, die sich in der Periode der Sophisten entwickelt haben. Polybios
hat in sich die ganze politische Weisheit der römischen Aristokratie, die zu
dieser Zeit auf dem Höhepunkt ihrer gesellschaftlichen und geistigen Ent-
wicklung stand, zusammengenommen mit dem Studium der griechischen
politischen Werke von Piaton bis zur Stoa. Die Verbindung der floren-
tinischen und venezianischen Staatsweisheit, wie sie in einer hochent-
wickelten und politisch lebhaft debattierenden oberen Gresellschaft sich ent-
wickelt liatte, mit der Erneuerung und Fortbildung der antiken Theorien,
hat die Geschichtschreibung von Machiavelli und Guicciardini möglich ge-
macht. Die kirchliche Geschichtschreibung des Eusebios, der Anhänger der
Reformation und ihrer Gegner, wie die Neanders und Ritschis, ist von syste-
matischen Begriffen über den religiösen Prozeß und das kirchliche Recht er-
füllt gewesen. Und endlich hatte die Begründung der modernen Geschicht-
schreibung in der historischen Schule und in Hegel dort die Verbindung
der neuen Rechtswissenschaft mit den Erfahrungen der Revolutionszeit und
hier die ganze Systematik der neuentstandenen Geisteswissenschaften hinter
sich. Wenn Ranke in naiver Erzählerfreude den Dingen gegenüberzutreten
scheint, so kann seine Geschichtschreibung doch nur verstanden werden,
wenn man den mannigfachen Quellen systematischen Denkens nachgeht,
die in seiner Bildung zusammengeflossen sind. Und im Fortschreiten zur
Gegenwart hin nimmt diese gegenseitige Abhängigkeit des Historischen
und Systematischen immer zu.
Selbst die historische Kritik ist in ihren großen epochemachenden
Leistungen neben ihrer Bedingtheit durch die formale Entwicklung der
Methode jedesmal von der tieferen Erfassung systematischer Zusammen-
hänge abhängig gewesen — von den Fortschritten der Grammatik, vom
Studium des Zusammenhangs der Rede, wie es zunächst in der Rhetorik
sich ausgebildet hatte, dann von der neueren Auffassung der Poesie, —
wie uns denn Wolfs Vorgänger, die aus einer neuen Poetik ihre Schlüsse
auf Homer machten, immer deutlicher bekannt werden — , in Fr. A. Wolf
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 75
selbst von der neuen ästhetischen Kultur, in Niebuhr von nationalökono-
mischen, juristischen und politischen Einsichten, in Schleiermacher von der
neuen Philosophie, die Piaton kongenial war, und in Baur von dem Ver-
ständnis des Vorgangs, in welchem die Dogmen sich gebildet haben, wie
es Schleiermacher und Hegel geschaifen hatten.
Und umgekehrt ist der P'ortschritt in den systematischen Geistes-
wissenschaften immer bedingt gewesen durch den Fortgang des Erlebens
in neue Tiefen, die Ausbreitung des Verstehens in einem weiteren Umfang
von Äußerungen des historischen Lebens, die Eröffnung bis dahin unbe-
kannter historischer Quellen oder das Emporsteigen großer Erfahrungsmassen
in neuen geschichtlichen Lagen. Dies zeigt schon die Ausbildung der
ersten Linien einer politischen Wissenschaft in der Zeit der Sophisten,
des Piaton und Aristoteles wie die Entstehung einer Rhetorik und Poetik
als einer Theorie des geistigen Schaffens zu derselben Zeit.
Überall war so Ineinanderwirken von Erleben, Verstehen einzelner
Personen oder der Gemeinsamkeiten als überindividueller Subjekte be-
stimmend in den großen Fortschritten der Geisteswissenschaften. Die ein-
zelnen Genies der erzählenden Kunst wie Thukydides, Guicciardini, Gibbon,
Macaulay, Ranke bringen auch in der Beschränkung zeitlose historische
Werke hervor; in dem Ganzen der Geschichtswissenschaft regiert doch
ein Fortschritt: die Einsicht in die Zusammenhänge, die in der Geschiclite
zusammenwirken, wird allmählich für das historische Bewußtsein erobert,
die Historie dringt in die Beziehungen zwischen diesen Zusammenhängen,
wie sie eine Nation, ein Zeitalter, eine historische Entwicklungslinie kon-
stituieren, und von da aus schließen sich dann wieder Tiefen des Lebens,
wie es an den einzelnen historischen Stellen bestanden hat, auf, die über
alles frühere Verstehen hinausreichen. Wie könnte mit dem Verständnis
eines heutigen Historikers von Künstlern, Dichtern, Schriftstellern irgend-
ein früheres verglichen werden!
3. Die allmähliche Aufklärung der Lebensäußerungen durch die
beständige Wechselwirkung der beiden Wissenschaften.
So ergibt sich uns als Grundverhältnis von Erleben und Verstehen
das Verhältnis wechselseitiger Bedingtheit. Näher bestimmt sich dieses als
das der allmählichen Aufklärung in der beständigen Wechselwirkung
der beiden Klassen von Wahrheiton. Die Dunkelheit des Erlebnisses wird
76 Di LT Hey:
verdeutlicht, die Fehler, die aus der engeren Auffassung des Subjektes ent-
springen, werden verbessert, das Erlebnis selbst erweitert und vollendet
im Verstehen anderer Personen, wie anderseits die andern Personen verstan-
den werden vermittels der eigenen Erlebnisse. Das Verstehen erweitert immer
mehr den Umfang des historischen Wissens durch die intensivere Ver-
wertung der Quellen, durch das Zurückdringen in bis dahin unverstandene
Vergangenheit, und schließlich durch das Fortrücken der Geschichte selbst,
das immer neue Ereignisse hervorbringt und so den Gegenstand des Ver-
stehens selber verbreitert. In diesem Fortgang fordert solche Erweiterung
immer neue allgemeine Wahrheiten zur Durchdringung dieser Welt des Ein-
maligen. Und die Ausdehnung des historischen Horizonts ermöglicht zu-
gleich die Ausbildung immer allgemeinerer und fruchtbarerer Begriffe. So
entsteht in der geisteswissenschaftlichen Arbeit an jedem Punkte derselben
und zu jeder Zeit eine Zirkulation von Erleben, Verstehen und Repräsentation
der geistigen Welt in allgemeinen Begriffen. Und jede Stufe dieser Arbeit
besitzt nun eine innere Einheit in ihrer Auffassung der geistigen Welt, indem
sich das historische Wissen des Singularen und die allgemeinen Wahr-
heiten in Wechselwirkung miteinander entwickeln und daher derselben Einheit
der Auffassung angehören. Auf jeder Stufe ist das Verständnis der
geistigen Welt ein Einheitliches — homogen, von der Konzeption der
geistigen Welt bis in die Methode der Kritik und der Einzeluntersuchung.
Und hier mögen wir noch einmal zurückblicken auf die Zeit, in welcher
das moderne historische Bewußtsein entstand. Es wurde erreicht, als die
Begriffsbildung der systematischen Wissenschaften auf das Studium des
historischen Lebens mit Bewußtsein begründet und das Wissen des Sin-
gularen mit Bewußtsein von den systematischen Wissenschaften der poli-
tischen Ökonomie, des Rechts, des Staats, der Religion durchdrungen wurde.
An diesem Punkte konnte dann die methodische Einsicht in den Zusammen-
hang der Geisteswissenschaften entstehen. Dieselbe geistige Welt wird nach
dieser Einsicht durch die Verschiedenheit der Auffassung zum Objekt zweier
Klassen von Wissenschaften. Universalgeschichte als singularer Zusammen-
hang, deren Gegenstand die Menschheit ist, und das System der selbständig
konstituierten Geisteswissenschaften vom Menschen, von Sprache, Wirt-
schaft, Staat, Recht, Religion und Kunst ergänzen einander. Sie sind ge-
trennt durch ihr Ziel und die von ihm bestimmten Methoden, und zu-
gleich wirken sie in ihrem beständigen Bezug aufeinander zusammen zum
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 77
Aufbau des Wissens von der geistigen Welt. Von der Grundleistung des
Verstehens ab sind Erleben, Nacherleben und allgemeine Wahrheiten ver-
bunden. Die Begriffsbildung ist nicht fundiert in jenseits des gegenständ-
lichen Auffassens auftretenden Normen oder Werten, sondern sie entsteht
aus dem Zug, der alles begriffliche Denken beherrscht, das Feste, Dauernde
aus dem Fluß des Verlaufes herauszuheben. In einer doppelten Richtung
bewegt sich so die Methode. In der Richtung auf das Einmalige geht
sie vom Teil zum Ganzen und rückwärts von diesem zum Teil, und in
der Richtung auf das Allgemeine besteht dieselbe Wechselwirkung zwischen
diesem und dem Einzelnen.
Drittes Kapitel.
Die Objektivation des Lebens.
1.
Erfassen wir die Summe aUer Leistungen des Verstehens, so tut sich in
ihm gegenüber der Subjektivität des Erlebnisses die Objektivierung des
Lebens auf. Neben dem Erlebnis wird die Anschauung von der Objektivität
des Lebens, seiner Veräußerliclning in mannigfaclien strukturellen Zusammen-
hängen zur Grundlage der (Teisteswis.senschaften. Das Individuum, die Ge-
meinschaften und die Werke, in welche Leben und Geist sich hineinverlegt
haben, bilden das äußere Reich des Geistes. Diese Manifestationen des
Lebens, wie sie in der Außenwelt dem Verständnis sich darstellen, sind
gleichsam eingebettet in den Zusammenhang der Natur. Immer umgibt
uns diese große äußere Wirklichkeit des Geistes. Sie ist eine Realisierung
des Geistes in der Sinnenwelt vom flüchtigen Ausdruck bis zur jahr-
hundertelangen Herrschaft einer Verfassung oder eines Rechtsbuchs. Jede
einzelne Lebensäußerung repräsentiert im Reich dieses objektiven
Geistes ein Gemeinsames. Jedes Wort, jeder Satz, jede Gebärde oder
Höflichkeitsformel, jedes Kunstwerk und jede historische Tat sind nur
verständlich, weil eine Gemeinsamkeit den sich in ihnen Äußernden mit
dem Verstellenden verbindet; der einzelne erlebt, denkt und handelt stets
in einer Sphäre von Gemeinsamkeit, und nur in einer solchen versteht er.
Alles Verstandene trägt gleichsam die Marke des Bekanntseins aus solcher
Gemeinsamkeit an sich. Wir leben in dieser Atmosphäre, sie umgibt uns
78 Dilthey:
beständig. Wir sind eingetaucht in sie. Wir sind in dieser geschichtlichen
und verstandenen Welt überall zu Hause, wir verstehen Sinn und Be-
deutung von dem allen, wir selbst sind verwebt in diese Gemeinsamkeiten.
Der Wechsel der Lebensäußerungen, die auf uns einwirken, fordert
uns beständig zu neuem Verstehen auf; es liegt aber zugleich im Ver-
stehen selbst, da jede Lebensäußerung und ihr Verständnis mit anderen
zusammenhängt, ein Fortgezogenwerden, das nach Verhältnissen der Ver-
wandtschaft von dem gegebenen Einzelnen zum Ganzen fortschreitet. Und
wie die Beziehungen zwischen dem Verwandten zunehmen, wachsen damit
zugleich die Möglichkeiten von Verallgemeinerungen, die schon in der Ge-
meinsamkeit als einer Bestimmung des Verstandenen angelegt sind.
Im Verstehen macht sich eine weitere Eigenschaft der Objektivation
des Lebens geltend, welche sowohl die Gliederung nach Verwandtschaft als
die Richtung der Verallgemeinerung bestimmt. Die Objektivation des Lebens
enthält in sich eine Mannigfaltigkeit gegliederter Ordnungen. Von
der Unterscheidung der Rassen abwärts bis zur Verschiedenheit der Ausdrucks-
weisen und Sitten in einem Volksstamm, ja in einer Landstadt, geht eine
naturbedingte Gliederung geistiger Unterschiede. Differenzierungen anderer
Art treten dann in den Kultursystemen hervor, andere sondern die Zeitalter
voneinander — kurz : viele Linien, welche Kreise verwandten Lebens unter
irgendeinem Gesichtspunkt abgrenzen, durchziehen die Welt des objektiven
Geistes und kreuzen sich in ihr. In unzähligen Nuancen äußert sich die Fülle
des Lebens und wird durch die Wiederkehr dieser Unterschiede verstanden.
Durch die Idee der Objektivation des Lebens erst gewinnen wir einen
Einblick in das Wesen des Geschichtlichen. Alles ist hier durch geistiges
Tun entstanden und trägt daher den Charakter der Historizität. In die
Sinnenwelt selbst ist es verwoben als Produkt der Geschichte. Von der
Verteilung der Bäume in einem Park, der Anordnung der Häuser in einer
Straße, dem zweckmäßigen Werkzeug des Handwerkers bis zu dem Straf-
urteil im Gerichtsgebäude auf Grund des bürgerlichen Gesetzbuches ist
um uns stündlich geschichtlich Gewordenes. Was der Geist heute hinein-
verlegt von seinem Charakter in seine Lebensäußerung, ist morgen, wenn
es dasteht, Geschichte. Wie die Zeit voranschreitet, sind wir von Römer-
ruinen, Kathedralen, Lustschlössern der Selbstherrschaft umgeben. Ge-
schichte ist nichts vom Leben Getrenntes, nichts von der Gegenwart durch
ihre Zeitferne Gesondertes.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 79
Ich fasse das Ergebnis zusammen. Die Geisteswissenschaften haben
als ihre umfassende Gegebenheit die Objektivation des Lebens. Indem
nun aber die Objektivation des Lebens für uns ein Verstandenes wird, ent-
hält sie als solches überall die Beziehung des Äußeren zum Inneren. So-
nach ist diese Objektivation überall bezogen im Verstehen auf das Erleben,
in welchem der Lebenseinheit sich ihr eigener Gehalt erschließt und den
aller anderen zu deuten gestattet. Sind nun hierin die Gegebenheiten der
Geisteswissenschaften enthalten, so zeigt es sich uns sogleich, daß man
alles Feste, alles Fremde, wie es den Bildern der physischen Welt eigen ist,
wegdenken muß von dem Begriff des Gegebenen auf diesem Gebiet. Alles
Gegebene ist hier hervorgebracht, also geschichtlich; es ist verstanden,
also enthält es ein Gemeinsames in sich; es ist bekannt, weil verstanden,
und es enthält eine Gruppierung des Mannigfaltigen in sich, da schon die
Deutung der Lebensäußerung im höheren Verstehen auf einer solchen beruht.
Damit ist auch das Verfahren der Klassifikation der Lebensäußerungen
schon angelegt in den Gegebenheiten der Geisteswissenschaften.
Und hier vollendet sich nun der Begriff der Geisteswissenschaften.
Ihr Umfang reicht so weit wie das Verstehen, und das Verstehen hat nun
seinen einheitlichen Gegenstand in der Objektivation des Lebens. So ist
der Begriff der Geisteswissenschaft nach dem Umfang der Erscheinungen,
der unter sie fällt, bestimmt durch die Objektivation des Lebens in der
äußeren Welt. Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er. Die Natur,
der Gegenstand der Naturwissenschaft, umfaßt die unabhängig vom Wirken
des Geistes hervorgebrachte Wirklichkeit. Alles, dem der Mensch wirkend
sein Gepräge aufgedrückt hat, bUdet den Gegenstand der Geisteswissen-
schaften.
Und auch der Ausdruck »Geisteswissenschaft« erhält an dieser Stelle
seine Rechtfertigung. Es war früher die Rede vom Geist der Gesetze,
des Rechts, der Verfassung. Jetzt können wir sagen, daß alles, worin der
Geist sich objektiviert hat, in den Umkreis der Geisteswissen-
schaften fällt.
Ich habe bisher diese Objektivation des Lebens auch mit dem Namen
des objektiven Geistes bezeichnet. Das Wort ist von Hegel tiefsinnig und
glücklich gebildet. Ich muß aber den Sinn, in dem ich es gebrauche,
80 D
ILTHEY ;
genau und deutlich von dem unterscheiden, den Hegel mit ihm verbindet.
Dieser Unterschied betrifft ebenso die systematische Stelle des Begriffs
wie seine Abz weckung und seinen Umfang. . n^v; Hi
Im System Hegels bezeichnet das Wort eine Stufe in der Entwicklung
des Geistes. Hegel setzt diese Stufe ein zwischen den subjektiven und den
absoluten Geist. Der Begriff des objektiven Geistes hat sonach seine Stelle
bei ihm in der ideellen Konstruktion der Entwicklung des Geistes, welche
zwar seine historische Wirklichkeit und die in ihr waltenden Beziehungen
zu ihrer realen Unterlage hat und sie spekulativ begreiflich machen will,
aber eben darum die zeitlichen, empirischen, historischen Beziehungen
hinter sich läßt. Die Idee, welche in der Natur zu ihrem Anderssein sich
entäußert, aus sich heraustritt, kehrt auf der Grundlage dieser Natur im
Geist zurück zu sich selbst. Der Weltgeist nimmt sich zurück in seine
reine Idealität. Er verwirklicht seine Freiheit in seiner Jlntwicklung.
Als subjektiver Geist ist er die Mannigfaltigkeit der Einzelgeister.
Indem in dieser der Wille auf dem Grunde der Erkenntnis des sich in der
Welt verwirklichenden vernünftigen Zweckes sich realisiert, vollzieht sich
im Einzelgeist der Übergang zur Freiheit. Damit ist die Grundlage fiir die
Philosophie des objektiven Geistes gegeben. Diese zeigt nun, wie sich
der freie vernünftige und darum an sich allgemeine Wille in einer sitt-
lichen Welt objektiviert; »die Freiheit, die den Inhalt und Zweck der
Freiheit hat, ist selbst zunächst nur Begriff", Prinzip des Geistes und
Herzens und sich zur Gegenständlichkeit zu entwickeln bestimmt, zur recht-
lichen, sittlichen und religiösen wie wissenschaftlichen Wirklichkeit'«. Hier-
mit ist die Entwicklung durch den objektiven zum absoluten Geist gesetzt^
»der objektive Geist ist die absolute Idee, aber nur an sich seiend; indem
er damit auf dem Boden der Endlichkeit ist, behält seine wirkliche Ver-
nünftigkeit die Seite äußerlichen Erscheinens an ihr"«.
Die Objektivierung des Geistes vollzieht sich im Recht, der Moralität
und der Sittlichkeit. Die Sittlichkeit verwirklicht den allgemeinen ver-
nünftigen Willen in der Familie, der bürgerlichen Gesellschaft und dem
Staat. Und der Staat verwirklicht in der Weltgeschichte sein Wesen als
die äußere Wirklichkeit der sittlichen Idee.
' Hegel, Werke, 7. Bd., 2. Abt. (1845), S. 375 (Philosophie des Geistes).
* Hegel, Philosophie des Geistes, Werke, 7. Bd., 2. Abt.. S. 376.
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 81
Damit hat die ideelle Konstruktion der geschichtlichen Welt den Punkt
erreicht, an welchem die beiden Stufen des Geistes, der allgemeine ver-
nünftige Wille des Einzelsubjekts und dessen Objektivienmg in der sitt-
lichen Welt als ihre höhere Einheit die letzte und höchste Stufe möglich
machen — das Wissen des Geistes von sich selbst als der schaffenden Macht
aller Wirklichkeit in Kunst, Religion und Philosophie. »Der subjektive
und objektive Geist sind als der Weg anzusehen, auf welchem sich« die
höchste Realität des Geistes, der absolute Geist, ausbildet.
Welche waren geschichtliche Stellung und Gehalt dieses von Hegel
entdeckten Begriffs vom objektiven Geiste? Die tief verkannte deutsche
Aufklärung hatte die Bedeutung des Staates als des allumfassenden Gemein-
wesens, welches die den Individuen einwohnende Sittlichkeit realisiert, er-
kannt. Nie hat sich seit den Tagen der Griechen und Römer irgendwo
mächtiger und tiefer das Verständnis von Staat und Recht ausgesprochen
als bei einem Carmer, Svarez, Klein, Zedlitz, Herzberg, den leitenden Be-
amten des friderizianischen Staats. Diese Anschauung vom Wesen und
Wert des Staates verband sich in Hegel mit den Ideen des Altertums von
Sittlichkeit und Staat, mit der Erfassung der Realität dieser Ideen in der
alten Welt. Die Bedeutung der Gemeinsamkeiten in der Geschichte kam
nun zur Geltung. Die historische Schule gelangte gleichzeitig zu derselben
Entdeckung des Gemeingeistes, die Hegel durch eine eigene Art meta-
physisch-historischer Intuition gemacht hatte, auf dem Weg der historischen
Forschung. Auch sie kam zu einem über die griechischen idealistischen
Philosophen hinausreichenden Verständnis des aus dem Zusammenwirken
der Individuen nicht ableitbaren Wesens der Gemeinschaft in Sitte, Staat,
Recht und Glaube. Damit ging das geschichtliche Bewußtsein in Deutsch-
land auf.
Hegel hat in Einen Begriff das Ergebnis dieser ganzen Bewegung zu-
sammengefaßt — in den des objektiven Geistes.
Aber die Voraussetzungen, auf die Hegel diesen Begriff gestellt hat,
können heute nicht mehr festgehalten werden. Er konstruierte die Gemein-
schaften aus dem allgemeinen vernünftigen Willen. Wir müssen heute von
der Realität des Lebens ausgehen; im Leben ist die Totalität des seelischen
Zu.sammenhangs wirksam. Hegel konstruiert metaphysisch; wir analysieren
das Gegebene. Und die heutige Analyse der menschlichen Existenz erfüllt
uns alle mit dem Gefühl der Gebrechlichkeit, der Macht des dunklen Triebes,
PhiL-hitt. KInsxe. WtO. AU. f. 11
82 Dilthey:
des Leidens an den Dunkelheiten und den Illusionen, der Endlichkeit in
allem, was Leben ist, auch wo die höchsten Gebilde des Gemeinschaftslebens
aus ihm entstehen. So können wir den objektiven Geist nicht aus der Ver-
nunft verstehen, sondern müssen auf den Strukturzusammenhang der Lebens-
einheiten, der sich in den Gemeinschaften fortsetzt, zurückgehen. Und
wir können den objektiven Geist nicht in eine ideale Konstruktion ein-
ordnen, vielmehr müssen wir seine Wirklichkeit in der Geschichte zugrunde
legen. Wir suchen diese zu verstehen und in adäquaten Begriffen dar-
zustellen. Indem so der objektive Geist losgelöst wird von der einseitigen
Begründung in der allgemeinen, das Wesen des Weltgeistes aussprechenden
Vernunft, losgelöst auch von der ideellen Konstruktion, wird ein neuer
Begriff desselben möglich : in ihm sind Sprache, Sitte, jede Art von Lebens-
form, von Stil des Lebens ebensogut umfaßt wie Familie, bürgerliche Ge-
sellschaft, Staat und Recht. Und nun fällt auch das, was Hegel als den
absoluten Geist vom objektiven unterschied: Kunst und Religion und Philo-
sophie unter diesen Begriff, ja gerade in ihnen zeigt sich das schaffende In-
dividuum zugleich als Repräsentation von Geraeinsamkeit, und eben in ihren
mächtigen Formen objektiviert sich der Geist und wird m denselben erkannt.
Und zwar enthält dieser objektive Geist in sich eine Gliederung, welche
von der Menschheit bis zu Typen engsten Umfangs hinabreicht. Diese
Gliederung, das Prinzip der Individuation ist in ihm wirksam. Wenn
nun auf dem Boden des Allgemeinmenschlichen und durch seine Vermitt-
lung das Individuelle im Verstehen zur Auffassung gebracht wird, entsteht
ein Nacherleben des inneren Zusammenhangs, der vom Allgemeinmensch-
lichen in seine Individuation führt. Dieser Fortgang wird in der Reflexion
aufgefaßt, und die Individualpsychologie entwirft die Theorie, welche die
Möglichkeit der Individuation begründet*.
Den systematischen Geisteswissenschaften liegt dann dieselbe Ver-
bindung von Gleichförmigkeiten als Grundlage und auf ihr erwachsener
Individuation, und sonach die von generellen Theorien und vergleichenden
Verfahren zugrunde. Die generellen Wahrheiten, wie sie in ihnen über
das sittliche Leben oder die Diclitung festgestellt werden können, werden
so die Grundlage für den Einblick in die Verschiedenheiten des moralischen
Ideals oder der dichterischen Tätigkeit.
Vgl. meine Abhandlung: -Beiträge ziun Studium der Individualität«, Sitzungsber. 1896.
Der Auf hau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 83
Und in diesem objektiven Geiste sind nun die Vergangenheiten, in
denen sieh die großen Totalkräfte der Geschichte gebildet haben, Gegen-
wart. Das Individuum genießt und erfaßt als Träger und Repräsentant
der in ihm verwobenen Gemeinsamkeiten die Geschichte, in der sie ent-
standen. Es versteht die Geschichte, weil es selbst ein historisches Wesen ist.
An einem letzten Punkte trennt sich der hier entwickelte Begriff des
objektiven Geistes von dem Hegels. Indem an die Stelle der allgemeinen
Vernunft Hegels das Leben in seiner Totalität tritt, Erlebnis, Verstehen,
historischer Lebenszusammenhang, Macht des Irrationalen in ihm, ent-
steht das Problem, wie Geschichtswissenschaft möglich sei. Für Hegel
existierte dies Problem nicht. Seine Metaphysik, in der der Weltgeist, die
Natur als seine Entäußerung, der objektive Geist als seine Verwirklichung
und der absolute Geist bis hinauf zur Philosophie als die Realisierung des
Wissens von ihm in sich identisch sind, hat dies Problem hinter sich. Heute
aber gilt es, umgekehrt das Gegebene der geschichtlichen Lebensäußerungen
als die wahre Grundlage des historischen Wissens anzuerkennen und eine
Methode zur Beantwortung der Frage zu finden, wie auf Grund dieses Ge-
gebenen ein allgemeingültiges Wissen der geschichtlichen Welt möglich sei.
Viertes Kapitel.
Die geistige Welt als Wirkungszusammenhang.
So tut sich uns im Erleben und Verstehen vermittels der Objektivation
des Lebens die geistige Welt auf. Und die.se Welt des Geistes, die histo-
rische wie die gesellschaftliche Welt, ihrem Wesen nach als Objekt der
Geisteswissenschaften näher zu bestimmen, muß nun die Aufgabe sein.
Fassen wir zunächst die Ergebnisse der vorhergehenden Untersuchungen
in bezug auf den Zusammenhang der Geisteswissenschaften zusammen.
Dieser Zusammenhang beruht auf dem Verhältnis von Erleben und Verstehen,
und in diesem ergaben sich drei Hauptsätze. Die Erweiterung unseres
Wissens über das im Erleben Gegebene vollzieht sich durch die Auslegung
der Objektiv ationen des Lebens, und diese Auslegung ist ihrerseits nur
möglich von der subjektiven Tiefe des Erlebens aus. Eljenso ist das Ver-
stehen des Singularen nur möglich dureli die Präsenz des generellen Wissens
in ihm, und dies generelle Wissen hat wieder im Verstehen seine Voraus-
setzung. Endlich eri-eicht das Verstehen eines Teils des geschichtlichen
Verlaufs seine Vollkommenheit nur durch die Beziehung des Teils zum
11'
84 Dilthey:
Ganzen, und der universal-historische Überblick über das Ganze setzt das
Verstehen der Teile voraus, die in ihm vereinigt sind.
So ergibt sich die gegenseitige Abhängigkeit, in der die Auffassung
jedes einzelnen geisteswissenschaftlichen Tatbestandes in dem gemein-
schaftlichen geschichtlichen Ganzen, dessen Teil der einzelne Tatbestand ist,
und die der begrifflichen Repräsentation dieses Ganzen in den systematischen
Geisteswissenschaften zueinander stehen. Und zwar zeigen sich die Wechsel-
wirkung von Erleben und Verstellen in der Auffassung der geistigen Welt,
die gegenseitige Abhängigkeit des allgemeinen und singularen Wissens von-
einander und endlich die allmähliche Aufklärung der geistigen Welt im
Fortschritte der Geisteswissenschaften an jedem Punkte ihres V^erlaufes.
Daher finden wir sie in allen Operationen der Geisteswissenschaften wieder.
Sie bilden ganz allgemein die Unterlage ihrer Struktur. So werden wir
die gegenseitige Abhängigkeit von Interpretation, Kjritik, Verbindung der
Quellen und von Sjaithese eines geschichtlichen Zusammenhangs anzuer-
kennen haben. Ein ähnliches Verhältnis besteht bei der Bildung der Sub-
jektsbegriffe, wie Wirtschaft, Recht, Philosophie, Kunst, Religion, die
Wirkungszusammenhänge verschiedener Personen zu gemeinsamer Leistung
bezeichnen. Jedesmal wenn das wissenschaftliche Denken die Begriffs-
bildung zu vollziehen unternimmt, setzt die Bestimmung der Merkmale,
die den Begriff konstituieren, doch die Feststellung der Tatbestände voraus,
die in dem Begriff zusammengenommen werden sollen. Und die Fest-
stellung und Auswahl dieser Tatbestände fordert Merkmale, an denen ihre
Zugehörigkeit zum Umfange des Begriffs konstatiert werden kann. Um den
Begriff der Dichtung zu bestimmen, muß ich ihn abziehen aus denjenigen
Tatbeständen, die den Umfang dieses Begriffs ausmachen, und um festzu-
stellen, welche Werke unter die Poesie gehören, muß ich bereits ein Merkmal
besitzen, an welchem das Werk als dichterisch erkannt werden kann.
Dieses Verhältnis ist so der allgemeinste Zug der Struktur der Geistes-
wissenschaften.
1.
Allgemeiner Charakter des Wirkungszusammenhangs
der geistigen Welt.
Die so entstehende Leistung besteht in der Auffassung der geistigen
Welt als eines Wirkungszusammenhangs oder eines Zusammenhangs,
der in dessen dauernden Produkten enthalten ist. Die Geisteswissen-
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. S5
Schäften haben ihren Gegenstand an diesem Wirkungszusammenhang und
dessen Schöpfungen. Sie zergliedern denselben oder den in festen Gebilden
sich darstellenden, den Arten der Gebilde zukommenden logischen, ästhe-
tischen, religiösen Zusammenhang oder den in einer Verfassung oder einem
Rechts1)uch, der räckwärts auf den Wirkungszusammenhang weist, in dem
er entstanden ist.
Dieser Wirkungszusammenhang unterscheidet sich von dem Kausalzu-
sammenhang der Natur dadurch, daß er nach der Struktur des Seelenlebens
Werte erzeugt und Zwecke realisiert. Und zwar nicht gelegentlich, nicht
hier und da, sondern es ist eben die Struktur des Geistes, in seinem
Wirkungszusammenhang auf der Grundlage des Auffassens Werte zu er-
zeugen und Zwecke zu i-ealisieren. Ich nenne dies den immanent-teleologischen
Charakter der geistigen Wirkungszusammenhänge. Unter diesem verstehe ich
einen Zusammenhang von Leistungen, der in der Struktur eines
Wirkungszusammenhangs gegründet ist. Das geschichtliche Leben schafft.
Es ist beständig tätig in der Erzeugung von Gütern und Werten, und alle
Begriffe von solchen sind nur Reflexe dieser seiner Tätigkeit.
Die Träger dieser beständigen Schöpfung von Werten und Gütern in
der geistigen Welt sind Individuen, Gemeinschaften, Kultursystemc, in denen
die Einzelnen zusammenwirken. Das Zusammenwirken der Individuen ist
dadurch bestimmt, daß sie zu Realisierungen von Werten sich Regeln unter-
werfen und sich Zwecke setzen. So ist in jeder Art dieses Zusammen-
wirkens ein Bezug des Lebens, der mit dem Wesen des Menschen zu-
sammenhängt und die Individuen miteinander verbindet — gleichsam ein
Kern, den man nicht psychologisch erfassen kann, der aber in jedem solchen
System von Beziehungen zwischen Menschen sich äußert. Das Erwirken in
ihm ist durch den strukturellen Zusammenhang zwischen dem Auffassen, den
psychischen Zuständen, die in Wertgebung sich ausdrücken, und denen, die in
der Setzung von Zwecken, Gütern und Normen bestehen, bestimmt. In den In-
dividuen verläuft primär ein solcher Wirkungszusammenhang. Wie sie dann
die Kreuzungspunkte von Beziehungssystemen sind, deren jedes ein dauernder
Träger von Wirken ist, entwickeln sich weiter in ihm Güter der Gemein-
samkeiten, Anordnungen der Verwirklichung derselben nach Regeln. Und in
sie wird nun eine Unbedingtheit der Geltung verlegt. Jede dauernde Be-
ziehung von Individuen enthält so in sich eine Entwicklung, in welcher
Werte, Regeln, Zwecke erzeugt, zum Bewußtsein gebracht und in einem
86 D I L T H E Y :
Verlauf von Denkvorgängen gefestigt werden. Dieses Schaffen, wie es in
Individuen, Gemeinschaften, Kultursystemen, Nationen sich vollzieht, unter
den Bedingungen der Natur, welche beständig Stoff und Anregung zu ihm
bieten, gelangt in den Geisteswissenschaften zur Besinnung über sich selbst.
In dem Strukturzusammenhang ist weiter fundiert, daß jede geistige
Einheit in sich selbst zentriert ist. Wie das Individuum, so hat auch
jedes Kidtursystem, jede Gemeinschaft einen Mittelpunkt in sich selbst.
In denselben sind Wirklichkeitsauffassen, Wertung, Erzeugung von Gütern
zu einem Ganzen verbunden.
Nun tut sich aber an dem Wirkungszusammenhang, der der Gegen-
stand der Geisteswissenschaften ist, ein neues Grundverhältnis auf. Die
verschiedenen Träger des Schaffens sind zu weiteren gesellschaftlich-ge-
schichtlichen Zusammenhängen verwoben; solche sind Nationen, Zeitalter,
historische Perioden. So entstehen verwickeitere Formen des historischen
Zusammenhangs. Die Werte, Zwecke, Bindungen, die in ihnen auftreten,
getragen von Individuen, Gemeinschaften, Systemen von Beziehungen,
soUen nun vom Historiker zusammengefaßt werden. Sie werden von ihm
verglichen, das Gemeinsame an ihnen wird herausgehoben, die verschiedenen
Wirkungszusammenhänge werden zusammengenommen in Synthesen. Und
hier entsteht nun aus der Zentrierung in sich selbst, die jeder geschicht-
lichen Einheit beiwohnt, eine andere Einheitsform. Was gleichzeitig wirkt und
ineinandergreift wie Individuen, Kultursysteme oder Gemeinschaften, steht
in beständigem geistigen Verkehr und ergänzt so zunächst sein Eigenleben
durch das fremde; schon Nationen leben öfter in stärkerer Abgeschlossen-
heit und haben dadurch ihren eigenen Horizont: betrachte ich nun aber die
Periode des Mittelalters, so ist ihr Gesichtskreis von dem früherer Perioden
getrennt. Auch wo die Ergebnisse dieser Perioden herüberwirken, werden
sie assimiliert in das System der mittelalterlichen Welt. Dieses hat einen
abgeschlossenen Horizont. So ist eine Epoche in sich selbst in einem
neuen Sinn zentriert. Die einzelnen Personen der Epoche haben den Maß-
stab ihres Wirkens in einem Gemeinsamen. Die Anordnung der Wirkungs-
zusammenhänge in der Gesellschaft der Epoche hat gleiche Züge. Die Be-
ziehungen im gegenständlichen Auffassen zeigen in ihr eine innere Verwandt-
schaft. Die Art zu fühlen, das Gemütsleben, die so entstehenden Antriebe sind
einander ähnlich. Und so wählt auch der Wille sich gleichmäßige Zwecke,
strebt nach verwandten Gütern und findet sich in verwandter Weise ge-
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisleswissenschaften. I. 87
bunden. Es ist die Aufgabe der historischen Analysis, in den konkreten
Zwecken, Werten, Denkarten die Übereinstimmung in einem Gemeinsamen
aufzufinden, das die Epoche regiert. Eben durch dieses Gemeinsame sind
dann auch die Gegensätze bestimmt, welche hier obwalten. So hat also
jede Handlung, jeder Gedanke, jedes gemeinsame Schaffen, kurz jeder Teil
dieses historischen Ganzen seine Bedeutsamkeit durch sein Verh.ältnis
zu dem Ganzen der Epoche oder des Zeitalters. Und wenn nun der
Historiker urteilt, so stellt er fest, was der Einzelne in diesem Zusammen-
hang geleistet hat, wiefern etwa sein Blick und sein ,Tun schon hinaus-
reichte über ihn.
Die geschichtliche Welt als ein Ganzes, dies Ganze als ein Wirkungs-
zusammenhang, dieser Wirkungszusammenhang als wertgebend, zweck-
setzend, kurz : schaffend, dann das Verständnis dieses Ganzen aus ihm selbst,
endlich die Zentrierung der Werte und Zwecke in Zeitaltern, Epochen, in
der Universalgeschichte — dies sind die Gesichtspunkte, unter denen der an-
zustrebende Zusammenhang der Geisteswissenschaften gedacht werden muß.
So wird der unmittelbare Bezug des Lebens, seiner Werte und Zwecke
zu dem geschichtlichen Gegenstand allmählich in der Wissenschaft nach
ihrer Richtung auf Allgemeingültigkeit ersetzt durch die Erfahrung der
immanenten Beziehungen, die im Wirkungszusammenhang der geschicht-
lichen Welt zwischen wirkender Kraft, Werten, Zwecken, Bedeutung und
Sinn bestehen. Auf diesem Boden objektiver Geschichte ergäbe sich dann
erst das Problem, ob und wiefern Voraussage der Zukunft und Einordnung
unseres Lebens in gemeinsame Ziele der Menschheit möglich werden.
Primär bildet sich die Auffassung des Wirkungszusammenhangs im
Erlebenden, dem die Abfolge imieren Geschehens in strukturellen Be-
ziehimgen sich entwickelt. Und dieser Zusammenhang wird dann durch
das Verstehen in fremden Individuen wiedergefunden. Die Gnmdform des
Zusammenhangs entsteht so in dem Lidividuum, das Gegenwart, Vei-gangen-
heit imd Möglichkeiten der Zukunft zu einem Lebensverlauf zusammen-
nimmt. Dieser Lebensverlauf kehrt dann in dem geschichtlichen Verlauf
wieder, dem die Lebenseinheiten eingeordnet sind. Indem von dem Zuschauer
eines Ereignisses weitere Zusammenhänge gesehen werden oder ein Bericht
sie erzählt, entsteht die Auffassung geschichtlicher Begebenheiten. Und
da nun die einzelnen Begebenheiten eine Stelle im Zeitverlauf einnehmen
und so an jedem Punkte Erwirken aus der Vergangenheit voraussetzen und
88 Dilthey:
ihre Folgen ferner in die Zukunft hineinreichen, so fordert jedes Geschehnis
einen weiteren Fortgang und die Gegenwart fuhrt daher hinüber in die Zukunft.
Andere Arten von Zusammenhang bestehen in Werken, die, von ihrem
Urheber abgelöst, ihr eigenes Leben und Gesetz in sich tragen. Ehe wir
zum Wirkungszusammenhang, in dem sie entstanden, vordi-ingen, erfassen
wir Zusammenhänge, die in dem vollendeten Werk bestehen. Im Ver-
stehen geht der logische Zusammenhang auf, in welchem Rechtssätze
in einem Gesetzbuch miteinander verbunden sind. Lesen wir ein Lustspiel
von Shakespeare, so sind hier die nach den Verhältnissen der Zeit imd
Wirkung verbundenen Bestandteile eines Geschehnisses nach den Gesetzen
der dichterischen Komposition zu einer Einheit erhoben, die sie aus dem
Wirkungsverlauf im Anfang und Ende heraushebt und ihre Teile zu einem
Ganzen verknüpft.
2.
Wirkungszusammenhang als Grundbegriff der Geistes-
wissenschaften.
In den Geisteswissenschaften erfassen wir die geistige Welt in der
Form von Wirkungszusammenhängen, wie sie sich in dem Zeitverlauf bil-
den. Wirken, Energie, Zeitverlauf, Geschehen sind so die Momente, welche
die geisteswissenschaftliche Begriffsbildung charakterisieren. Von diesen
inhaltlichen Bestimmungen bleibt die allgemeine Funktion des Begriffs im
Denkzusammenhang der Geisteswissenschaften unabhängig, die seine Be-
stimmtheit und seine Konstanz in allen Urteilen fordert. Die Merkmale eines
Begriffs, deren Verbindung seinen Inhalt bildet, müssen denselben Anforderun-
gen entsprechen. Und die Aussagen, in denen Begriffe verbunden sind, dürfen
weder in sich noch untereinander Widersprüche enthalten. Diese vom
Zeitverlauf unabhängige Geltmig, welche so im Zusammenhang des Denkens
l)esteht und die Form der Begi-iffe bestimmt, hat nichts damit zu tun,
daß der Inhalt der geisteswissenschaftlichen Begriffe Zeitverlauf, Wirken,
Energie, Geschehen repräsentieren kann.
Wir sehen in der Struktur des Individuums eine Tendenz oder Trieb-
kraft wirksam, die sich allen zusammengesetzteren Gebilden der geistigen
Welt mitteilt. In dieser Welt treten Gesamtkräfte auf, die in einer be-
stimmten Richtung sich im geschichtlichen Zusammenhang geltend machen.
Alle geisteswissen.schaftliehen Begriffe, sofern sie irgendeinen Bestandteil
Der Aufhau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 89
des Wirkungszusammonliangs repräsentieren, enthalten in sich diesen Cha-
rakter von Vorgang, Verlauf, Geschehen oder Handeln. Und da, wo Objek-
tivationen des geistigen Lebens als ein Fertiges, gleichsam Ruhendes ana-
lysiert werden, wird immer die weitere Aufgabe bestehen, den Wirkungs-
zusammenhang, in welchem solche Objektivationen entstanden sind, zu
erfassen. In einem weiten Umfange sind so die geisteswissenschaftlichen
Begriffe fixierte Repräsentationen eines Fortschreitenden, Verfestigung dessen
in Gedanken, was selber Verlauf oder Bewegungsrichtung ist. Ebenso ent-
halten die systematischen Geisteswissenschaften die Autgal)e einer Begriffs-
bildung, welche die dem Leben einwohnende Tendenz, seine Veränderlich-
keit und Unruhe, vor allem aber die in ihm sich vollziehende Zwecksetzung
zum Ausdruck bringt. Und in den historischen und systematisclien Geistes-
wissenschaften entsteht dann die weitere Aufgabe, die Beziehungen in den
Begriffen dementsprechend zu bilden.
Es war Hegels Verdienst, daß er in seiner Logik den rastlosen Strom
des Geschehens zum Ausdruck zu bringen suchte. Aber es war sein Irrtum,
daß diese Anfordenang ihm nun unvereinbar erschien mit dem Satz des
Widerspruches: unauflösliche Widerspriiche entstehen erst, wenn man di(!
Tatsache des Flusses im Leben erklären will. Und ebenso irrig war und ist
es, wenn man von derselben Voraussetzung aus zur Verwerfung der syste-
matischen Begriffsbildung auf dem gesehiclitlichen Gebiet gelangt. So er-
starrt in Hegels dialektischer Methode die Mannigfaltigkeit des geschicht-
lichen Lebens, und die Gegner der syst(>matischen Begriffsbildung auf dem
historischen Gebiet lassen in einer unrepräsentierbaren I^ebenstiefe die
Mannigfaltigkeit des Daseins versinken.
An diesem Punkte versteht man Fichtes tiefste Intention. In der an-
gestrengten Versenkung des Ich in sich findet es sich nicht als Substanz,
Sein, Gegebenheit, sondern als Leben, Tätigkeit, Energie. Und er hat be-
reits die Energiebegriffe der geschichtlichen Welt ausgebildet.
3.
Das Verfahren in der Feststellung von einzelnen Wirkungs-
zusammenhängen.
Der Wirkungszusammenhang ist an sich immer komplex. Der An-
griffspunkt fiir seine Feststellung ist eine einzelne Wirkung, zu welcher wir
— iTickwSrts schreitend — die wii'kenden Momente aufsuchen. Unter di^n
FhU.-hi.st. Klause. 1910. Abh. I. 12
90 Dilthey:
vielen Faktoren ist nun nur eine begrenzte Zahl bestimmbar und fiir diese
Wirkung von Bedeutung. Wemi wir etwa fiir die Veränderung unserer
Literatur, in welcher die Aufklärung überwunden wurde, das Ineinander-
greifen der UrsacJien aufsuchen, dann unterscheiden wir Gruppen derselben,
wir suchen ihr Gewicht abzuwägen, und wir grenzen irgendwo den un-
begrenzten ursächlichen Konnex nach der Bedeutung der Momente und
nach unserem Zwecke ab. So heben wir einen Wirkungszusammenhang
heraus, um die in Frage stehende Veränderung zu erklären. Anderseits
sondern wir aus dem konkreten Wirkungszusammenhang in einer methodi-
schen Analyse desselben unter verschiedenen Gesichtspunkten Einzelzu-
sammenhänge aus, und auf dieser Analysis beruht recht eigentlicli der Fort-
schritt in den systematischen Geisteswissenschaften wie in der Geschichte.
Induktion, die Tatsachen und Kausalglieder feststellt, Synthesis, die
mit Hilfe der Induktion Kausalzusammenhänge; aneinanderfügt, Analysis,
welche einzelne Wirkungszusammenhänge aussondert, Vergleichung — in
diesen oder ihnen äquivalenten Verfahnuigsweisen vornclmilicli bildet sich
unser Wissen von dem Wirkungszussimmenhang. Und wir wenden dieselben
Methoden an, wenn wir die dauernden Schöpfungen, die aus diesem Wir-
kungszusammenhang hervorgegangen sind — Bilder, Statuen, Dramen,
philosophische Systeme, Religionsschriften, Rechtsbücher erforschen. Der
Zusammenliang in ihnen ist verschieden nach ilu-em Charakter, aber Zer-
gliederung des Werks als eines Gajizen auf induktiver Grundlage und syn-
thetische Rekonsti'uktion des Ganzen aus der Beziehmig seiner Teile, wieder
auf Grundlage der Induktion, unter beständiger Präsenz allgemeiner Wahr-
heiten, greifen auch hier ineinander. Mit dieser Richtvmg des Denkens auf
Zusammenhang ist in den Geisteswissenschaften nmi die andere verbunden,
welche, vom Besonderen zum Allgemeinen imd rückwäi-ts gehend, Regel-
mäßigkeiten in den Wirkungszusammenhängen aufsucht. Hier macht sich
das umfassendste Verhältnis gegenseitiger Abhängigkeit der Verfahrungs-
weisen geltend. Die Verallgemeinerungen dienen der Bildimg von Zusam-
menhängen, und die Analysis des konki-eten und universalen Zusammen-
hangs in Einzelzusaramenhänge ist der fruchtbai-ste Weg zur Auffindung
allgemeiner Wahrheiten.
Indem man nun aber das Verfahren zur Feststellung von Wtrkungs-
zusammenhängen in den Geisteswissenschaften ins Auge faßt, zeigt sich
die große Verschiedenheit desselben von dem, das den Naturwissen-
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 91
Schäften ihre ungeheuren Erfolge möglich gemacht hat. Die Naturwissen-
schaften haben den räumlichen Zusammenhang der Erscheinungen zu ihrer
Grundlage. Die Zählbarkeit und Meßbarkeit dessen, was sich räumlich er-
streckt oder im Räume bewegt, ermöglichen hier die Auffindung exakter
allgemeiner Gesetze. Aber der innere Wirkungszusammenhang ist nur hinzu-
gedacht, und seine letzten Elemente sind nicht aufzeigbar. Dagegen sind,
wie wir sahen, die letzten Einheiten der geschichtlichen Welt im Erleben
und Verstehen gegeben. Ihr Einheitscharakter ist fundiert in dem Struktur-
zusammenhang, in welchem gegenständliches Auffassen., Werte und Zweck-
setzen aufeinander bezogen sind. Wir erleben diesen Charakter der Lebens-
einbeit ferner darin, daß nur das in ihrem eigenen Willen Gesetzte Zweck
sein kann, nur was ihrem Denken sich bewährt, wahr ist und nur, was zu
ihrem Fühlen ein positives Verhältnis hat, Wert für sie besitzt. Das Kori-elat
dieser Lebenseinheit ist der nach innerem Antrit^b sich bewegende und wir-
kende Körper. Die menschlich-gesellschaftlich-geschichliche Welt besteht
aus diesen psychophysischen Leb<'nseinheiten. Dies ist der sichere analytische
Befund. Und auch der Wirkungszusammenhang dieser Einheiten zeigt dann
besondere Eigen seh aflen, welche durch die Verhältnisse von Einheit und
Vielheit, Ganzem und Teil, Zusammensetzung und AV'echselvvirkung nicht er-
erschöpft werden.
Wir folgern weiter: Die Lebenseinheit ist ein Wirkungszusammenhang,
der vor dem der Natur voraus hat, daß er erlebt wird, dessen wirkende
Teile aber nicht nach ihrer Intensität gemessen, sondern nur abgeschätzt
werden können, dessen Individualität vom Gf^meinscliaftlicli-Menschlichen
nicht loslösbar ist, so daß Menschheit nur ein unbestimmter Typus ist. Daher
ist jeder einzelne Zustand im psychischen Leben eine neue Stellung der ganzen
Lebensehiheit, ein Bezug ihrer Totalität zu Dingen und Menschen, und da
nun jede Lebensäußerung, die von einer Gemeinschaft ausgeht oder dem
Wirkungszusammenhang eines Kultursystems angehört, das Erzeugnis zu-
sammenwirkender Lebenseinheiten ist, so haben die Bestandteile dieser zu-
sammengesetzten Gebilde einen dem entsprechenden Charakter. Wie stark
auch jeder psychische Vorgang, der einem solchen Ganzen angehört, durch
die Intention des Wirkungszusammenhangs bestimmt sein mag, immer ist
dieser Vorgang nicht von dieser Intention ausschließlich bestimmt. Das
Individxmm, in dem er sich vollzieht, greift als Lebenseinheit in den Wir-
kungszusammenhang ein; in seiner Äußerung ist es als Ganzes wirksam.
12*
92 Dilthey:
Die Natur ist durch die Differenzierung der Sinne, deren jeder einen
Sinneskreis von homogener Beschaffenheit enthält, in verschiedene Systeme
gesondert, deren jedes in sich gleichartig ist. Derselbe Gegenstand, eine
Glocke, ist hart, bronzefarhen, fähig beim Anschlagen einen Umkreis von
Tönen hervorzubringen: so nimmt jede seiner Eigenschaften eine Stelle tu
einem der Systeme sinnlichen Auffassens ein; ein innerer Zusammenhang
dieser Eigenschafton ist uns nicht gegeben. Im Erleben bin ich mii' selbst
als Zusammenhang da. Jed(! veränderte Lag(? bringt eine neue Stellimg des
ganzen Lebens. Ebenso ist in jeder Lebensäußerung, die uns zum Verständ-
nis kommt, immer das ganze Leben wirksam. So sind uns homogene Systeme,
welche Gesetze der Veränderung aufzufinden möglich machen, uns weder
im Erleben noch im Verstehen gegeben. Gemeinsamkeit, Verwandtschaft
geht mis im Verstehen auf und dieses läßt uns anderseits unendlich viele
Nuancen der Differenzierung gewahren, von den großen Unterschieden der
Rassen, Stämme und Völker ab bis zur unendlichen Mannigfaltigkeit der
Individuen. Daher herrscht in den Natxirwissenschaften das Gesetz der Ver-
änderungen, in der geistigen Welt die Auffassung der IndiAidualität, auf-
steigend von der Einzelperson bis zum Individuimi Menschheit, und das
vergleichende Verfahren, welches diese individuelle Mannigfaltigkeit begriff-
lich zu ordnen unternimmt.
Aus diesen Verhältnissen ergeben sich die Grenzen der Geisteswissen-
schaft sowohl in bezug auf das Studium der Psychologie als das der
systematischen Disziplinen, die später in der Methodenlehre im einzelnen
darzulegen sind. Allgemein angesehen ist deutlich, daß sowohl Psychologie
als die einzelnen systematischen Disziplinen einen vorwiegend beschreibenden
und analytischen Charakter haben werden. Und hier greifen nun meine
früheren Darlegungen über das analytische Verfahren in der Psychologie
und in den systematischen Geisteswissenschaften ein. Ich berufe mich hier
im ganzen auf sie zurück'.
' »Ideen über eine beschreibende und zergliedernde Psychologie.« Sitzungsberichte
d. Berl. Akad. d. Wiss. 1894. Vgl. in den »Studien z. Grundlegung« S. 332 ff-, »Einleitung
in d. Geisteswissensch." 1883 und dazu Sigwart, Logik 113, S. 633 ff.
Der Aufhau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 93
4.
Die Geschichte und ihr Verständnis vermittels der
systematischen Geisteswissenschaften.
Die geisteswissenschaftliche Erkenntnis vollzieht sich, wie wir sahen,
in der gegenseitigen Abhängigkeit von Geschichte und systematischen Diszi-
plinen; und da die Intention des Verstehens in jedem Fall der begrifflichen
Bearbeitung vorausgeht, so beginnen wir mit den allgemeinen Eigenschaften
des geschichtlichen Wissens.
Geschichtliches Wissen.
Die Auffassung des Wirkvuigszusammenhangs, den die Geschichte bildet,
entsteht zunächst von einzelnen Pimkten aus, an denen zusammengehörige
Reste der Vergangenheit durch die Bezielmng zur Lebenserfahrung im Ver-
stehen miteinander verbunden werden; was uns in der Nähe umgibt, wird
uns zum Verständnismittel des Entfernten und V^ergangenen. Die Bedin-
gung fiir diese Intei-pretation der historischen Reste ist, daß das, was wir
in sie hineintragen, den Charakter der Beständigkeit in der Zeit und der
allgemein-menschlichen Geltung hat. So übertragen wir unsere Kenntnis
von Sitten, Gewohnheiten, politischen Zusammenhängen, religiösen Prozessen,
und die letzte Voraussetzung der Übertragung bilden immer die Zusammen-
hänge, die der Historiker in sich selbst ei-lebt hat. Die ürzelle der geschicht-
lichen Welt ist das Erlebnis, in dem das Subjekt im Wirkungszusammen-
hang des Lebens zu seinem Milieu sich befindet. Dies Milieu wirkt auf
das Subjekt und empfängt Wirkungen von ihm. Es ist zusammengesetzt
aus der physischen und der geistigen Umgebung. In jedem Teil der ge-
schichtlichen Welt besteht daher derselbe Zusammenhang des Ablaufs eines
psychi.schen Geschehens im Wirkungszusammenhang mit einer LTmgebung.
Hier entstehen die Aufgaben der Abschätzung der Natureinflüsse auf den
Menschen und der Feststellung der Einwirkung der geistigen Umwelt auf ihn.
Wie Rohstoff in der liidustrie mehreren Arten der Bearbeitung unter-
worfen wird, so werden auch die Reste der Vergangenheit durch ver-
schiedene Prozeduren hindurch zum vollen geschichtlichen Verständnis er-
hoben. Kritik, Auslegung und das Verfahren, welches die Einheit in dem
Verständnis eines historischen Vorgangs herbeifiihrt, greifen ineinander. Das
94 D 1 1> T n E Y :
Charakteristische ist aber auch hier, daß nicht eine einfache Fundierung
der einen Operation auf die andere stattfindet ; sondern Kritik, Intei-pretation
und denkendes Zusammennehmen sind ihrer Aufgabe nach verschieden:
aber die Lösung einer jeden dieser Aufgaben fordert stets zugleich auf
den andern Wegen gewonnene Einsichten.
Eben dies Verhältnis hat nun aber zur Folge, daß die Begrändnng
des geschichtlichen Zusammenhangs immer auf ein logisch nie vollständig
darstellbares Ineinandergreifen von Leistungen angewiesen ist und daher
niemals dem historischen Skeptizismus gegenüber durch unanfechtbare Be-
weise sich rechtfertigen kann. Man denke an Niebuhrs große Entdeckungen
über die ältere römische Geschichte. Überall ist seine Kritik untrennbar
von seiner Rekonstruktion des wahren Verlaufs. Er mußte feststellen, wie
die vorhandene Überlieferung der älteren römischen Geschichte zustande
gekommen ist und welche Schlüsse aus ihrer Entstehung auf ihren histori-
schen Wert gemacht werden können. Er mußte zugleich aus einer sach-
lichen Argumentation die Grundzüge der wirklichen Geschichte abzuleiten
versuchen. Ohne Zweifel bewegt sich dieses methodische Verfahren in
einem Zirkel, wenn man die Regeln einer strengen Beweisführung anlegt.
Und wenn nun Niebuhr sich zugleich des Schlusses der Analogie aus ver-
wandten Entwicklungen bediente, so unterlag das Wissen von diesen ver-
wandten Entwicklungen ja demselben Zirkel, und der Analogieschluß, der
dies Wissen benutzte, gab keine strenge Gewißheit.
Selbst gleichzeitige Berichte müssen erst in bezug auf die Auffassmig
des Berichterstatters, seine Zuverlässigkeit, sein Verhältnis zum Vorgang
geprüft werden. Und je weiter Erzählungen von der Zeit des Gescheh-
nisses abstehen, desto mehr wird, wenn nicht durch Reduktion auf ältere,
den Geschehnissen selbst gleichzeitige Nachrichten der Wert der Bestand-
teile einer solchen Erzählung festgestellt werden kann, die Glaubwürdig-
keit sich verringern. Sicheren Boden hat die politische Geschichte der
alten Welt, wo Urkunden vorliegen, und die der neueren, wo die Akten,
die den Verlauf eines geschichtlichen Geschehnisses bilden, erhalten sind.
Mit den methodisch-kritischen Urkundensammlungen und dem freien Zu-
gang der Historiker zu den Archiven begann daher erst sicheres Wissen
von der politischen Geschichte. Dieses vermag dem historischen Skeptizis-
mus rücksichtlich der Tatsachen vollkommen standzuhalten, und auf solchen
sicheren Grundlagen baut sich mit Hilfe der Analyse der Berichte auf ihre
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geistes^wissenschaften. I. 95
Quellen und der Prüfung der Gesichtspunkte der Berichterstatter eine Re-
konstruktion auf, die historische Wahrscheinlichkeit hat und der nur geist-
reiche, aber unwissenschaftliche Köpfe die Brauchbarkeit absprechen können.
Diese Rekonstruktion gewinnt zwar niclit über die Motive der handelnden
Personen ein sicheres Wissen, wohl aber über die Handlungen und Begeben-
heiten, und die Irrtümer, denen wir in bezug auf einzelne Tatsachen immer
ausgesetzt bleiben, machen doch nicht das Ganze zweifelhaft.
Weit günstiger als in der Auffassung des politischen Verlaufs ist die
Geschichtschreibung gestellt gegenüber Massenerscheinungen, vor allem aber,
wo sie künstlerische oder wissenschaftliche Werke vor sich hat, die der
Analyse standhalten.
Stufen des geschichtlichen Verständnisses.
Die allmähliche Bewältigung des historischen Stoffes vollzieht sich
in verschiedenen Stufen, welche nach und nach in die Tiefen der Ge-
schichte eingedrungen sind.
Mannigfache Interessen führen zunächst zur Erzählung dessen, was
geschehen ist. Vor allem wird hier das ursprünglichste Bedürfnis befriedigt
— Neugier über die menschlichen Dinge, zumal über die der eigenen
Heimat. Nationales und staatliches Selbstgefühl macht sich daneben geltend.
So entspringt die Erzählungskunst, deren Muster für alle Zeiten Herodotos
ist. Nun aber tritt die Richtung auf die Erklärung in den Vordergrund.
Die athenische Kultur in der Zeit des Thukydides bot zuerst die Bedin-
gungen fiir sie. Die Handlungen werden aus p.sychologischen Motiven in
scharfer Beobachtung abgeleitet; die Machtkämpfe der Staaten, ihr Verlauf
und ihr Ausgang werden erklärt aus den militäi-ischen und politischen
Kräften derselben, die Wirkungen der Staatsverfassungen werden studiert.
Und indem nun ein großer politischer Denker wie Thukydides die Ver-
gangenheit durch das nüchterne Studium des Wirkungszusaninienhanges
in ihr aufklärt, ergibt sich zugleich, daß die Geschichte auch über die
Zukunft belelirt. Nach dem Schluß der Analogie kann man, wenn ein
früherer Wirkungsverlauf erkannt ist und sich ihm nun die ersten Stadien
eines Vorgangs verwandt erweisen, das Eintreten eines ähnlichen weiteren
Verlaufs erwarten. Dieser Schluß, auf den Thukydides die Lehren der
Geschichte för die Zukunft gründet, ist in der Tat für das politische
Denken von entscheidender Bedeutung. Wie in den Naturwissenschaften
96 Diltiiey:
ermöglicht auch in der Geschichte eine Regelmäßigkeit im Wirkungs-
zusammenhang Voraussage und auf Wissen gegründete Einwirkung. Wenn
nun schon der Zeitgenosse der Sophisten die Verfassungen als politische Kräfte
studiert hatte, so tritt uns in Polybios eine Geschichtschreibung entgegen, in
welcher die methodische Übertragung der systematischen Geisteswissen-
schaften auf die Erklärung des historischen Wirkungszusammenhanges es
ermöglicht, die Wirkung dauernder Kräfte, wie es die Verfassung, die mili-
tärische Organisation, die Finanzen sind, in das erklärende Verfahren ein-
zuführen. Der Gegenstand des Polybios war die Wechselwirkung der Staaten,
die von dem Beginn des Kampfes zwischen Rom und Karthago bis zur Zer-
störung von Karthago und Korinth die historische Welt für den europäischen
Geist bildeten, und er unternimmt nun, aus dem Studium der dauernden
Kräfte in ihnen, die einzelnen politischen Vorgänge abzuleiten. So wird sein
Standpunkt zugleich universalhistorisch, wie er selber in sich die griechische
theoretische Kultur, das Studium der raffinierten Politik und des Kriegs-
wesens seiner Heimat mit einer Kenntnis Roms verband, wie sie nur der
Verkehr mit den leitenden Staatsmännern des neuen Universalstaats ge-
währen konnte. Mannigfache geistige Kräfte werden nun in der Zeit von
Polybios bis auf Machiavelli und Guicciardini wirksam, vor allem die unend-
liche Vertiefung des Subjekts in sich selbst und zugleich die Erweiterung
des historischen Horizonts; aber die beiden großen italienischen Geschicht-
schreiber bleiben in ihrem Verfahren dem Polybios durchaus verwandt.
Eine neue Stufe der Geschichtschreibung wurde erst im i8. Jahr-
hundert erreicht. Zwei große Prinzipien wurden hier nacheinander ein-
geführt, der konkrete Wirkungszusammenhang, wie er als historischer
Gegenstand aus dem großen Fluß der Geschichte herausgelioben wird durch
den Historiker, wurde zerlegt in Einzelzusammenhänge wie die von
Recht, Religion, Dichtung, welche in der Einheit eines Zeitalters befaßt sind.
Dies setzte voraus, daß das Aiige des Historikers über die politische Ge-
schichte hinaus auf die der Kultur blickte, daß in jedem Gebiet der Kultur
von den systematischen Geisteswissenschaften her dessen Funktion bereits
zur Erkenntnis gebracht worden war, und daß ein Verständnis für das Zu-
sammenwirken solcher Kultursysteme sich gebildet hatte. Im Zeitalter V^ol-
taires begann die neue Geschichtschreibung. Und nun trat ein zweites Prinzip,
das der Entwicklung, seit Winkehnann, Justus Moser und Herder hinzu.
Dies Prinzip besagt, daß in einem geschichtliehen Wirkiingszusammen-
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 97
hang als eine Grundeigenschaft eiitlialteii ist, daß er aus seinem Wesen
von innen eine Reihe von Veränderungen durchläuft, deren jede nur auf
der Grundlage der frülieren möglich ist.
Diese verschiedenen Stufen bezeichnen Momente, die, einmal erfaßt,
in der Geschichtschreibung lebendig geblieben sind. Freudige Erzählungs-
kunst, bohrende Erklärung, Anwendimg des systematischen Wissens auf
sie, Zerlegung in einzelne Wirkungszusammenhänge und Prinzip der Ent-
wicklung, diese Momente summieren sich und verstärken sich untei-einander.
Aussonderung eines Wirkuugszusammenhangs unter dem
Gesichtspunkt des historischen Gegenstandes.
Immer deutlicher hat sich uns die Bedeutung der Zerlegung des kon-
kreten Wii'kungszusammenhangs und der wissenschaftlichen Synthese der
in ihm enthaltenen einzelnen Wirkungszusammenhänge gezeigt.
Der Historiker geht nicht von einem Punkt aus dem Nexus der Be-
gebenheiten nach allen Seiten ins Endlose nach; vielmehr liegt in der Ein-
heit eines Gegenstandes, der das Thema des Historikers bildet, ein Prinzip
der Auswahl, das in der Aufgabe der Erfassung gerade dieses Gegenstandes
gegeben ist. Denn die Behandlung des geschichtlichen Gegenstandes fordert
nicht nur dessen Aussonderung aus der Breite des konkreten Wirkungs-
zusammenhangs, sondern der Gegenstand enthält zugleich ein Prinzip der
Auswahl. Der Fall Roms oder die Befreiung der Niederlande oder, die fran-
zösische Revolution erfordern die Auswahl solcher Vorgänge und Zusammen-
hänge, die für das aufgelöst« römische Reich, die befreiten Niederlande, die
vollzogene Revolution die Ursachen, sowohl die einzelnen als die allge-
meinen, die wirkenden Kräfte in allen ihren Umformungen enthalten. Der
Historiker, der mit Wirkungszusammenhängen arbeitet, muß so aussondern
und in solche Verbindung bringen, daß der Kenner des Details nichts ver-
mißt, weil jedes Einzelne in den starken Zügen des zusammengenommenen
Wirkungszusammmenhangs mitvertreten ist. Darin besteht nicht nur seine
darstellende Kunst, sondern diese ist das Erzeugnis einer bestimmten Art zu
sehen. Wenn man diese starken, durchgreifenden Zusammenhänge unter-
sucht, so zeigt sicli auch hier wieder, wie die Einsicht in sie durch die
Verbindung fortschreitenden liistorischen Verstehens der QuelkMi mit imm(>r
tieferer Auffassung der Zusammenhänge im Seelenleben entspringt. Faßt
man dann näher die Art des Wirkungszusammenhangs ins Auge, wie er in
PhU.-hust. Klasse. 1910. Al>h. l 13
98 Dilthey:
den größten Begebenheiten der Geschichte, der Entstehung des Christen-
tums, der Refoi-mation, der französischen Revolution, den nationalen Be-
freiungskämpfen vorliegt, so kann man nun denselben als die Bildung einer
Totalkraft auffassen, die in ihrer einheitlichen Richtung alle Widerstände
niederwii'ft. Und man wird immer finden, daß zwei Arten von Kräften in
ihr zusammenwirken. Die einen sind Spannungen, die in dem Geföhl von
drängenden und durch das Gegebene nicht erfüllten Bedürfnissen, in so
entstehender Sehnsucht aller Art, in einer Zunahme von Reibungen und
Kämpfen und zugleich in dem Bewußtsein einer Insuffizienz der Kräfte,
das Bestehende zu verteidigen, liegen. Die anderen entspringen aus vor-
wärts drängenden Energien — einem positiven Wollen, Können und Glauben.
Sie beruhen auf den kräftigen Instinkten vieler, werden aber aufgeklärt und
gesteigert durch die Erlebnisse bedeutender Naturen. Und wie diese posi-
tiven Richtungen aus der Vergangenheit erwachsen, auf die Zukunft sich
hmrichten, sind sie schöpferisch. Sie schließen Ideale in sich, ihre Form
ist der Enthusiasmus, und in diesem ist eine besondere Art, sich mitzu-
teilen und auszubreiten.
Hieraus leiten wir nun den allgemeinen Satz al), daß üi dem Wir-
kungszusammenhang der großen Weltbegebenheiten die Verhältnisse %on
Druck, Spannung, Gefühl der Insuffizienz des bestehenden Zustandes —
also Gefühle mit negativem Vorzeichen und Abwendungen — die Grundlage
bilden for die Aktion, die von positiven Wertgeftihlen, zu erstrebenden
Zielen, Zweckbestimmungen getragen ist. Indem beide zusammenwirken,
entstehen die großen Weltveränderungen. In dem Wirkungszusummenhang
sind daher das eigentliche Agens die seelischen Zustände, die in Wert, Gut
und Zweck ihre Formel finden, und unter ihnen sind nicht etwa bloß
die Richtungen auf Kulturgüter als wirkende Kräfte anzusehen, sondern
ebenso der Wille zur Macht, bis ziu- Neigung, andere zu unterdrücken.
Sonderung der Wirkungszusammenhänge in der Geschichte
durch analytisches Verfahren.
I. Die Kultursysteme.
So zeigte sich, daß schon die Bestimmung des Gegenstandes eines
historischen Werkes eine Auswahl der Geschehnisse und Zusammenhänge
mit sich bringt. Aber die Geschichte enüiält ein Ordnungssystem, nach
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 99
welchem ihr konkreter Wirkungszusammenhang aus einzelnen isolierbaren
Gebieten besteht, in denen gesonderte I>eistimgen vollzogen werden, so daß
die Vorgänge in den einzelnen Individuen, die auf eine gemeinsame Leistung
bezogen sind, einen einheitlichen und homogenen Wirkungszusammenhang
bilden. Dies Verhältnis ist schon fräher von mir' erörtert worden. Auf ihm
beruht die Begi-iffsbildung, durch welclie Zusammenhänge von allgemeinem
Charakter in der Geschichtswissenschaft erkennbar werden. Die Analysis
und Isolierung, d>irch welche solche Wirkungszusammenliänge ausgesondert
werden, ist daher der entscheidende Vorgang, den die logische Zergliede-
i-ung der Geisteswissenschaften zu untersuchen hat. Die Verwandtschaft
dieser Analysis mit derjenigen, in welclier der Struktiu-zusammenhang der
psychischen Lebenseinheit gefunden wird, liegt am Tage.
Die einfachsten homogensten Wirkungszusammenhänge, die eine Kultur-
leistung realisieren, sind Erziehung, Wirtschaftsleben, Recht, politische
Funktionen, Religionen, Geselligkeit, Kunst, Philosophie, Wissenschaft,.
Ich entwickele die Eigensdiaften eines solchen Systems.
Eine Leistung wird in ihm vollzogen. So realisiert das Recht die
erzwingbaren Bedingungen für die Vollkommenheit der Lebensverhältnisse,
Die Poesie hat ilir Wesen darin. Erlebtes so auszudriicken und Objektivation
des Lebens so darzustellen, daß das vom Dichter abgesonderte Geschehnis
in seiner Bedeutung fiir das Ganze des Lebens sich wirkungsvoll darstellt.
In dieser Leistung sind Lidividuen miteinander verbunden. Einzelne Vor-
gänge in ihnen beziehen sicli auf den Wirkungszusammenhang der Leistimg
und sind ihr zugehörig. So sind diese Vorgänge Glieder eines Zusammen-
hangs, der die Leistung realisiert.
Die Rechtsregeln des Gesetzbuchs, der Prozeß, in welchem Parteien
vor einem Gerichtshof über eine Erl)scliaft verhandeln nacli den Regeln
des Gesetzbuclu»s, der Beschluß «los Gerichtshofes und die Ausfuhrung des-
selben: welch eine lange Reihe einzelner psjchischer Vorgänge liegt hier
vor; an wie viele Personen können sie verteilt sein, wie mannigfach greifen
sie ineinander, um schließlich die im Recht enthaltene Aufgabe in bezug
auf ein bestimmtes vorliegendes Leben.sverhältnis zu lösen.
Der Vollzug der Leistung der Poesie ist in viel höherem Grad an den
einheitlichen Prozeß in der Seele des Dichters gel)unden; aber kein Dichter
Einleitiiug io die Geisteswissenschnflen .S. 52 fl'.
13*
100 Dilthey:
ist der ausscliließlidie Schöpfei- seiner Werke, er emptängt ein (nreschehnis
aus der Sago, er findet die epische Fonn vor, in der er es zm* Poesie er-
liefet, er studiert die Wirkung einzelner Szenen an Vorgängern, er benutzt
ein Versmaß, er empfängt seine Auffassung von der Bedeutimg des Lebens
aus dem Volksbewußtsein oder von li ervorragenden Einzelnen, und er be-
darf der empfangenden genießenden Hörer, welche den Eindruck seiner
Verse in sich aufnehmen und so seinen Traum von Wirkung realisieren.
So verwirklicht sich die Leistung von Recht, Poesie oder einem anderen
Zwocksystem der Kultur in einem Wirkungszusammenhang, welcher aus be-
stimmten, zur Leistung verbundenen Vorgängen in bestimmten Individuen
besteht.
An dem Wirkungszusammenhang eines Kultursystems macht sich eine
zweite Eigenschaft geltend. Der Richter steht neben seiner Funktion im
Rechtswesen in verschiedenen anderen Wirkungszusammenhängen : er han-
delt im Interesse seiner Familie, er hat eine wirtschaftliche Leistung zu
vollbringen, er ü))t seine politischen Funktionen, er macht dabei vielleicht
noch Verse. So sind also nicht Individuen in ihrer Ganzheit zu solchem
Wirkungszusammenhang verbunden, sondern inmitten der Mannigfaltigkeit
der Wirkungsverhältnissc sind nur diejenigen Vorgänge aufeinander bezogen,
die einem bestimmten System angehören, imd der einzelne ist in verschiedene
Wirkungszusammenhänge verwebt.
Der Wirkungszusammenhang eines solchen Kultursystems realisiert, sich
vermöge einer differenzierten Stellung seiner Glieder. Das feste Gerüst
eines jeden bilden Personen, in denen die der Leistung dienenden Vor-
gänge das Hauptgeschäft ihres Lel)ens ausmachen, sei es nun aus Neigung
oder es verbinde sich mit der Neigung der Beruf. Unter ihnen treten dann
die Personen hervor, die in sich die Intention zu dieser Leistung gleichsam
verkörpern, welche die Verbindung von Talent und Beruf zu Reprä.sentanten
dieses Kultursystems macht. Und schließlich sind die eigentlichen Träger
des Schaffens auf einem solchen Gebiete die produktiven Naturen — die
Stifter der Religionen, die Entdecker einer neuen philosophischen Welt-
anschaimng, die wissenschaftlichen Erfinder.
So besteht in einem solchen Wirkungszusammenhang ein Ineinandei*-
greifen: aufgehäufte Spannungen in einem weiten Kreise drängen zur Be-
dürfnisbefriedigung hin; die produktiA^e Energie findet den Weg, auf dem
die Befriedigimg sich A'oUzieht, oder sie bringt die schöpferische Idee her-
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 101
vor, welche die GeseUscliaft weiterfährt, Fortarbeitende schließen sich an
und dann die vielen Empfangenden.
Wir analysieren weiter: jedes solches Kultiirsjstem, das eine Leistung
realisiert, verwii-kliclit in ihr einen gemeinsamen Wert für alle diejenigen,
welche auf diese Leistung gericlitet sind. Was der einzelne bedarf und
doch niemals verwirklichen kann, wird ihm zuteil in der Leistung des Ganzen
— einem gemeinsam geschaflfenen umfassenden Wert, au dem er teilnehmen
kann. Der einzelne braucht die Sicherung seines Lebens, seines Eigentums,
seines Familienzusammenhangs; aber erst eine unabhängige Macht der Ge-
meinschaft befriedigt sein Bedürfnis durch die Aufrechterlialtung erzwing-
barer Regeln des Zusammenlebens, welche den Schutz dieser Güter er-
möglichen. Der einzelne leidet auf den primitiven Stufen unter dem Druck
der unbeherrschbaren Kräfte um ihn, die jenseits des engen Bezirks der
Tätigkeit seines Stammes oder Volkes liegen; aber Minderung dieses Drucks
bringt ihm erst die Schöpfung des Glaubens durch den Gemeingeist.
In jedem solchen Kultursystem entspringt aus dem Wesen der Leistung,
welcher der Wirkungszusammenhang dient, eine Ordming der Werte; in
der gemeinsamen Ai'beit für diese Leistung wird sie geschaffen; Objek-
tivationen des Lebens entstehen, zu denen die Arbeit sich verdichtet hat;
Organisationen, die der Realisienuig der Leistungen in den Kultursystemen
dienen — Rechtsbücher, philosopliisclie Werke, Dichtungen. Das (iut,
welches die Leistung zu realisieren hatte, ist nun da und es Avird immer-
fort vervollkommnet.
Den Teilen eines solchen Wirkungszusammenhangs kommt nun Be-
deutsamkeit in ihrem Verhältnis zu dem (ranzen als dem Träger von
Werten und Zwecken zu. Zunächst haben die Teile des Lebensverlaufs
nach ihrem Verhältnis zu dem Leihen, seinen Werten und Zwecken, dem
Raum, den etwas in ihm einnimmt, eine Bedeutung. Dann werden liisto-
rische Ereignisse dadurcli bedeutend, daß sie Ciliedei- eines Wirkungszu-
sammenhangs sind, indem sie zu Verwirkliclnnigen von Werten und Zwecken
des Ganzen mit andern Teilen zusammenwirken.
Während wir dem komplexen Zusammenhang des geschichtlichen Gc-
scheliens ratlos gegenüberstehen und weder eine Struktur nocli Regel-
mäßigkeiten noch eine Entwicklung in ihm gewahren können, zeigt jeder
Wirkungszusammenhang, der eine Leistung der Kultur realisiert, eine ihm
eigene Struktur. Wenn wir die PliilosopJiie als einen solclien Wirkungs-
102 Dilthky:
zusJimmenliang auffassen, so stellt sie sich zunächst als eine Mannigfaltig-
keit von Leistungen dar: Erhebung der Weltanschauungen zur Allgemein-
gültigkeit, Besinnung des Wissens über sich selbst, Beziehung unseres
zweckmäßigen Tuns und praktischen Wissens auf den Zusammenhang der
Erkenntnis, Geist der Kritik, der in der ganzen Kultm- gegenwärtig ist, Zu-
sammenfassen und Begründen. Doch die historische Forschung erweist, daß
Avir es hier überall mit Funktionen zu tun haben, die unter geschichtlichen
Bedingungen auftreten, die aber letztlich in einer einheitlichen Leistung
der Philosophie gegründet sind. Sie ist universale Besinnung, die so zu
höchsten Genei-alisationen und letzten Begrändungen beständig fortschreitet.
Sonach ist die Struktur der Philosophie in dem Verhältnis dieses ihres
Grundzuges zu den einzelnen Funktionen nach Maßgabe der Zeitbedin-
gungen gelegen. Aus dieser Struktur ergeben sich gewisse Regelmäßig-
keiten. So entwickelt sich überall die Metaphysik in dem inneren Zusammen-
hang von Leben, l^ebenserfahrung und Weltanschauung. Indem das Stre-
ben nach Festigkeit, das in uns beständig mit der Zufälligkeit unseres
Daseins ringt, in deji religiösen und dichterischen Formen der Weltan-
schauung keine dauernde Befriedigung findet, entsteht der Versuch, die
Weltanschauung zu allgemeingültigem Wissen zu erheben. Femer kann
im Wirkungszusammenhang eines Kultursystems jedesmal eine Gliedenmg
in einzelne Formen aufgefunden werden.
Jedes Kultursystem hat auf Gnmd seiner Leistung, seiner Struktur,
seiner Regelmäßigkeit eine Entwicklung. Während im konkreten Verlauf
des Geschehens kein Gesetz der Entwicklung zu finden ist, eröffiiet die
Analysis desselben in einzelne homogene Wirkungszusammenhänge den
Blick in Abfolgen ^ on Zuständen, die von innen bestimmt sind, die ein-
ander voraussetzen, so daß gleichsam auf der unteren Schicht jedesmal
eine liöhere sich erhebt, und die zu zunehmender Differenzierung und Zu-
sammenfassung fortschreiten.
2. Die ä>ißeren Organisationen und das politische Ganze.
Die politisch organisierten Nationen.
1.
Auf der Grundlage der natürliclien Gliederung der Menschheit und
der geschichtliclien Vorgänge entwickelten sich nun die Staaten der Kultur-
w(;lt, deren jeder in sich Wirkungszusammenhänge der Kultursystemc vereint,
Der Aufbau der geschkhtlicfien Welt in den Geisteswissenschaften. I. 103
und vor allem die im Staat organisierten Nationen. Auf diese typische Form
der gegenwärtigen politischen Organisation beschränkt sich hier die Analyse.
Jeder dieser Staaten ist eine aus verschiedenen Gemeinschaften zusammen-
gesetzte Organisation. Der Zusammenhalt der in ihm vereinigten Gemein-
schaften ist schließlich die souveräne Macht des Staates, über der es keine
Instanz gibt. Und wer könnte leugnen, daß der im Leben begründete
Sinn der Geschichte sich ebenso im Willen zur Macht, der diese Staaten
erftillt, in dem Herrschaftsbedürfnis nach innen wie nach außen äußert,
als in den Kultursystemen? Und ist nicht mit allem Brutalen, Furcht-
baren, Zerstörenden, das in dem Willen zur Macht enthalten ist, mit allem
Druck und Zwang, der in dem Verhältnis von Herrschaft und Gehorsam
nach innen liegt, das Bewußtsein der Gemeinschaft, der Zusammengehörig-
keit, die freudige Teilnahme an der Macht des politischen Ganzen verbunden,
Erlebni.ssp, welche zu den höchsten mensddichen Werten gehören? Die
Klage über die Brutalität der Staatsmacht ist seltsam: denn, wie scliou Kant
sah, ist die schwerste Aufgabe des Menschengeschlechts eben darin gelegen,
daß der individuelle Eigenwille und sein Streben nach Erweiterung seiner
Macht- und Genußsphäre durch den Gesamtwillen und den Zwang, den er
übt, gebändigt werden muß, daß dann aber für solche Gesamtwillen im Falle
ihres Konflikts die Entscheidung nur im Krieg besteht und daß auch
im Linern derselben Zwang die letzte Instanz ist. Auf dem Boden dieses
der politischen Organisation einwohnenden Machtwillens entstehen die
Bedingungen, welche überhaupt erst die Kultursysteme möglicli machen.
So tritt hier nun eine zusammengesetzte Struktur auf. In dieser sind
Machtverhältnisse und Beziehungen von Zwecksystemen zu einer höheren
Einheit verl)unden. In ihr entsteht zunächst Gemeinsamkeit aus der Wechsel-
wirkung der Kultursysteme. Ich versuche dies zu erläutern und gehe zu
diesem Zweck zurück auf die älteste uns zugängliclie germanische Gesellscliaft,
wie Cäsar und Tacitus sie beschreiben. Hier findet sich wirtschaftliclies Leben,
Staat und Recht mit Sprache, Mythos, Religiosität und Dichtung ebenso
verbunden wie in jeder späteren Zeit. Zwischen den Beschaffenheiten der
einzelnen Lebensgebiete besteht eine Wechselwirkung, die durch das Ganze
zu einer gegebenen Zeit hindurchgeht. So entwickelte sich in der Tacite-
ischen Germanenzeit aus dem kriegerischen (ieist die Heldendichtung, die
schon den Arminius in Liedern verherrlichte, und diese Dichtung wirkte dann
wieder zurück auf die Verstärkung des kriegerischen Geistes. Ebenso cnt-
104 Dilthey:
stand aus diesem kriegerisehen Geiste die Unmenschlichkeit in der religiösen
Sphäre, wie das Opfern der Gefangenen und das Aufhängen ihrer Leichen an
heiligen Orten. Ebendieser Geist wirkte dann auf die Stellung des Kriegs-
gottes in der Götterwelt, und von da fand dann wieder eine Rückwirkung auf
den kriegerischen Sinn statt. So entsteht eine Übereinstimmung in den ver-
schiedenen Lebensgebieten, die so stark ist, daß wir von dem Zustand
eines derselben auf den in einem anderen schließen können. Aber diese
Wechselwirkung erklärt nicht A^ollständig die Gemeinsamkeiten, welche die
verschiedenen Leistungen einer Nation miteinander verbinden. Daß zwischen
Wirtschaft, Krieg, Verfassung, Recht, Sprache, Mythos, Religiosität und
Dichtung in dieser Zeit eine außerordentliche Zusammenstimmung und
Harmonie besteht, entspringt auch nicht daraus, daß irgendeine grund-
legende Funktion, wie etwa das wirtschaftliche Leben oder die kriegerische
Tätigkeit, die anderen bedingt hätte. Die Tatsache kann auch nicht ein-
fach als Produkt der Wechselwirkung der verschiedenen Gebiete in ihrem
damaligen Zustande aufeinander abgeleitet werden. Ganz allgemein ge-
sprochen: welche Einwirkungen auch von der Stärke und den Eigenschaften
gewisser Leistungen ausgegangen sind, vorwiegend stammt doch die Ver-
wandtschaft, welche die verschiedenen Lebensgebiete miteinander iimerhalb
einer Nation verbindet, aus einer gemeinsamen Tiefe, die keine Beschreibung
erschöpft. Sie ist fiir uns nur in den Lebensäußerungen da, die aus dieser
Tiefe hervortreten und sie zum Ausdruck bringen. Es ist der Mensch einer
Nation in einer gegebenen Zeit, der in jede Lebensäußerung auf einem be-
stimmten Gebiet der Kultur etwas von der Besonderheit seines Wesens
hineingibt; denn die in dem Leistungszusammenhang verbundenen Lebens-
momente der Individuen gehen, wie wir sahen, nicht aus diesem selbst
ausschließend hervor, sondern immer ist der ganze Mensch wirksam in jeder
seiner Betätigungen, und so teilt er denselben auch seine Eigenheit mit.
Und da die staatliche Organisation verschiedene Gemeinschaften bis herab
zur Familie in sich schließt, so umfaßt weiter der große Kreis des nationalen
Lebens kleinere Zusammenhänge, Gemeinschaften, die ihre Eigenbewegung
für sich haben; und alle diese Wirkungszusammenhänge kreuzen sich in
den einzelnen Individuen. Noch mehr: der Staat zieht die Tätigkeit in
den Kultursystemen an sich; das friderizianische Preußen ist der Typus
einer solchen äußersten Steigerung der Intensität und Ausdehnung der
Staatswirksamkeit. Neben den selbständigen Kräften, die in den Kultur-
Der Aufbau der geschkMlichen Welt m den Geisteswissenschaften. I. 105
Systemen fortarheiten, wirken in ihnen zuglcicli die vom Staat ausgehenden
Tätigkeiten; in den Vorgängen, die einem solchen Staatsganzen angehören,
ist Selbsttätigkeit und Bindung durch das Ganze überall miteinander vei--
einigt.
2.
Die Eigen bewegung jedes einzelnen Kreises in diesem großen Wirkungs-
zusammenhang ist von der Richtung auf den Vollzug seiner Leistung be-
stimmt. Diese Wirkungskraft hat die Duplizität der Spannung und einer
positiven Energie der Zwecksetzung in sich: alle Wirkungszusammen-
hänge stimmen hierin überein: aber jeder derselben hat doch seine eigene
Struktur, welche von der Leistung abhängig ist, die er vollzieht. Wie ver-
schieden ist die Struktur eines Kultursystems, in welchem ein gegliederter
Leistungszusammenhang sich realisiert, in welchem von diesem aus die
Vorgänge in den Einzelnen bewegt werden, in welchem aus dorn imma-
nenten Wesen dieser Leistung die ^Entwicklung der Werte, Güter, Regeln,
Zwecke bestimmt ist, von dem Wirkungszusammenliang in einer politischen
Organisation, da in dieser ein solches in einer Leistung bestehendes imma-
nentes Entwicklungsgesetz nicht existiert, da in ihr nach der Natur der
Organisationen überhaupt die Ziele wechseln, die Maschine gleichsam zur
Erfüllung einer anderen Aufgabe verwandt wird, ganz heterogene Aufgaben
nebeneinander gelöst und Werte ganz verschiedener Klassen verwirklicht
werden.
Aus solcher Zergliederung der geschichtlichen Welt in einzelne Wir-
kungszusammenhänge ergibt sich ein Schluß, der uns für die weitere
Auflösung des in der geschiclitlichen Welt enthaltenen Problems die Rich-
tung gibt. Die Erkenntnis der Bedeutung und des Sinnes der geschicht-
lichen Welt wird oft, wie durch Hegel oder Comte, aus der Feststellung
einer Gesamtrichtung in der universalgeschichtlichcn Bewegung gewonnen.
Es ist eine Operation, welche das Zusammenwirken vieler Momente in
einer unbestimmten Anschauung ineinandersieht. In Wirklichkeit ergalj
sich uns, daß die historische Bewegung in den einzelnen Wirkungszu-
sammenhängen verläuft. Und weiter zeigte sich, daß die ganze Fragestellung,
die auf ein Ziel der Geschichte gerichtet ist, durchaus einseitig ist. Der
offenbare Sinn der Geschichte muß zuerst in dem immer Vor-
handenen, immer Wiederkelirenden in den Strukturbeziehungen, in den
Phil.-hist. Klastf. 1910. Abh. I. 14
106 Dilthey:
Wirkungszusammenhängen, der Ausbildung von Werten und Zwecken in
ihnen, der inneren Ordnung, in der dieselben sich zueinander verluilten,
gesucht werden — von der Struktur des Einzellebens ab bis zu der letzten
allumfassenden Einheit: das ist der Sinn, den sie immer und überall hat,
der auf der Struktur des Einzeldaseins beruht und der in der Struktur
der zusammengesetzten Wirkungszusammenhänge an der Objektivation des
Lebens sich offenbart. Diese Regelmäßigkeit bestimmte auch die bisherige
Entwicklung, und ihr ist die Zukunft unterworfen. Die Analyse des Aufbaus
der geistigen Welt wird v(jr allem die Aufgabe haben, diese Regelmäßig-
keiten in der Struktur der geschichtlichen Welt aufzuzeigen.
Hiermit erledigt sich auch die Auffassung, welche die Aufgabe der
Geschichte in dem Fortgang von relativen Werten, Bindungen, Normen,
Gütern zu unbedingten sieht. Wir würden damit aus dem Gebiete der
Erfahrungs wissen Schäften in das Gebiet der Spekulation eintreten. Denn die
Geschichte weiß zwar von den Setzungen eines Unbedingten als Wert, Norm
oder Gut. Solche treten überall in ihr auf — bald als in dem göttlichen
Willen gegeben, bald in einem Vernunftbegriff der Vollkommenheit, in
einem teleologischen Zusammenhang der Welt, in einer allgemein gültigen
Norm unseres Handelns, die transzendental-philosophisch fundiert wäre. Aber
die geschichtliche Erfahrung kennt nur die ihr so wichtigen Vorgänge dieser
Setzungen: von sich aus aber weiß sie nichts von deren Allgemeingültigkeit.
Indem sie dem Verlauf der Ausbildung solcher unbedingten Werte, Güter oder
Normen nachgeht, bemerkt sie von verschiedenen unter ihnen, wie das Leben
sie hervorbrachte, die unbedingte Setzung selbst aber nur durch die Ein-
schränkung des Horizontes der Zeit möglich wurde. Sie blickt von da
aus auf die Ganzheit des Lebens in der Fülle seiner historischen Mani-
festationen. Sie bemerkt den ungeschlichteten Streit dieser unbedingten
Setzungen untereinander. Die Frage, ob die Unterordnung unter ein solches
Unbedingtes, die ja ein historisches Faktum ist, logisch zwingend auf eine
allgemeine zeitlich nicht eingeschränkte Bedingung im Menschen zurück-
geführt w^erden muß, oder ob sie als Erzeugnis der Geschichte anzusehen
sei, führt in die letzten Tiefen der Transzendentalphilosophie, die jenseits
des Erfahrungskreises der Geschichte liegen und denen auch die Philo-
sophie eine sichere Antwort nicht entreißen kann. Und wenn diese Frage
auch im ersten Sinne entschieden würde, so könnte das dem Historiker nicht
nützen für Auswahl, Verständnis, Zusammenhangsauflfindung, wenn nicht
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 107
der Gehalt dieses Unbedingten bestimmt werden kann. So wird der Ein-
griff der Spekulation in das Erfahrungsgebiet des Historikers kaum auf
Ei'folg rechnen dürfen. Der Historiker kann nicht auf den Versuch ver-
zichten, Geschichte aus ihr selbst zu verstehen auf Grund der Analyse
der verschiedenen Wirkungszusnmmenliänge.
^^ 3.
So kann nun eine staatlich organisierte Nation als eine individuell
bestimmte Struktureinheit von W'irkungszusammcnhängen gefaßt werden.
Der gemeinsame Charakter der staatlich organisierten Nationen beruht auf
den Regelmäßigkeiten, die in der Bewegungsform der Wirkungszusammen-
hänge, den Beziehungen derselben untereinander und, da sie wert- und
zweckschaffend sind, in der Beziehung von Wirkungszusammenhang, Wert-
erzeugung, Zwecksetzung und Bedeutungszusamnienhang innerhalb einer
politischen Organisation bestehen. Jeder dieser Wirkungszusammenhänge
ist auf eine besondere Art in sich zentriert, und darin ist die innere Regel
seiner Entwicklung fundiert. Auf der Grundlage solcher Regelmäßigkeiten,
welche durch alle staatlieh organisierten Nationen hindurchgehen, erheben
sich die individuellen Gestalten derselben, wie sie in der Geschichte um
ihr Leben und ihre Geltung ringen und zusammenwirken.
In jeder staatlich organisierten Nation unterscheidet die Analysis —
und nur diese, nicht die Entstehungsgeschichte der Nationen gehört in diesen
Zusammenhang — verschiedene Momente. Zwischen den von ihr befaßten,
in Wechselwirkung miteinander stehenden Individuen existieren Gemein-
samkeiten ihres Charakters und ihrer Lebensäußerungen; sie haben ein Be-
wußtsein dieser Gemeinsamkeiten und ihrer auf ihnen beruhenden Zusam-
mengehörigkeit; eine Richtung auf Ausgestaltung dieser Zusammengehörig-
keit ist darum in ihnen lebendig. Diese Gemeinsamkeiten können an den
Einzelindividuen festgestellt werden, sie durchdringen und färben aber auch
alle Zusammenhänge innerhalb der Nation. Die Analysis zeigt weiter in
jeder Nation eine Verbindung von einzelnen Wirkungszusammenhängeii. Die
äußere und innere Macht des Staates macht die Nation zu einer selbständig
wirkenden Einheit. Soziale Verbände sind in dieser Einheit übereinander
gelagert, und jeder derselben ist ein relativ selbständiger Wirkungszusam-
menhang. Die über die einzelne Nation liinausgreifenden Struktursysteme
treten in ihr zu den anderen Wirkungszusammenhängen in Verhältnis und
14*
108 Dilthey:
werden modifiziert durch die Gemeinsamkeiten, welche durch das Volks-
ganze hindurchgehen. Und die Kraft ihrer Wirkung wird durch die Ver-
bände gesteigert, die aus ihrer Richtung auf eine bestimmte Leistung er-
wachsen. So entsteht die zusammengesetzte Struktur der staatlich organi-
sierten Nation. Dir entspricht eine neue innere Zentrierung dieses Ganzen.
In ihm wird ein Wert für alle erlebt; das Wirken der Einzelnen hat an
ihm ein gemeinsames Ziel. Die Einheit desselben objektiviert sich in Lite-
ratur, Sitten, Rechtsordnung und in den Organen des gemeinsamen Willens.
Und diese Einheit äußert sich im Zusammenhang der nationalen Entwicklung.
Ich verdeutliche das Zusammenwirken der verschiedenen Momente in
einem staatlich organisierten Ganzen, wie sie bestimmt worden sind, zum
nationalen Leben einer Zeit in einigen Hauptpunkten.
Ich gehe dabei wieder zurück auf die Germanen der Zeit des Tacitus.
Als Tacitus schrieb, war noch immer die Verbindung von Krieg mit der
Bodenausnutzung, von Jagd mit der Viehzucht und dem Ackerbau die
Grundlage des germanischen Lebens. Die Eindämmung der Ausbreitung
der germanischen Stämme beschleunigte den natürlichen Verlauf zur Seß-
haftigkeit, und Deutschland wurde ein ackerbauendes Land. Aus diesem
Verhältnis zu Grund und Boden in Jagd, Viehzucht und Ackerbau ent-
stand die Nähe des damaligen Germanen an die Erde und das, was auf
ihr wächst und lebt. Und diese Nähe ist das erste entscheidende Moment
fär das geistige Leben der Germanen in dieser Epoche. Ebenso deutlich
ist der Einfluß des anderen erwähnten gesellschaftlichen Faktors dieser
Zeit, des kriegerischen Geistes der germanischen Stämme auf das politische
Leben, die sozialen Ordnungen und die geistige Kultur der Zeit. Die
Aufgaben des Krieges durchdrangen alle Teile des Lebens. Sie machten
sich in dem Verhältnis der Familien zu der militärischen Ordnung, in den
Hundertschaften geltend. Sie wirkten auf die Stellung der Häuptlinge und
Fürsten. Aus dem kriegerischen Geist entstand auch das Gefolgewesen,
das für die militärische und politische Entwicklung bedeutsam war. Den
Fürsten umgeben als sein Gefolge freie Leute als militärische Hausgenossen-
schaft. Nur der Krieg konnte dies Gefolge ernäliren. Es war durch das
stärkste Treueverhältnis an den Fürsten gebunden: ein Verhältnis, das im
Heldenlied und Volksepos uns in seiner ganzen eigentümlichen germanischen
Schönheit entgegentritt. Aus dem Krieg ist dann das Heerkönigtum eines
Marbod hervorgegangen.
Der Aufbau der geschkhtlichen Welt in den Geisieswissenschaßen. I. 109
Zu diesen Faktoren tritt die Individualität des Nationalgeistes hinzu.
Gemeinsamkeiten desselben machen sich in dem Ergebnis der Wirkungszu-
sammenhänge geltend. Der kriegerische Geist, der den germanischen Stämmen
dieser Zeit mit frühen Stufen anderer Völker gemeinsam ist, zeigt bei ihnen doch
eine besondere Stärke und Eigenart. Der Lebenswert der einzelnen Personen
ist verlegt in deren kriegerische Eigenschaften. Es ist nach Tacitus, als ob
die Besten von ihnen nur im Krieg wirklich voll lebten; die Sorge für Haus
und Herd und Feld überließen sie den Frauen und den Kriegsuntüchtigen.
Ein eigener Zug treibt diese germanischen Menschen, in der Ganzheit ihres
Wesens zu wirken und ganz und restlos sich aufs Spiel zu setzen. Ihr Han-
deln ist nicht durch eine rationale Zwecksetzung bestimmt und begrenzt; ein
Überschuß von Energie, der über den Zweck hinausgeht, etwas Irrationales
ist in ihrem Tun. In ihrer unverbrauchten, unbezähmbaren Leidenschaft
setzen sie im Würfelspiel auf den letzten Wurf ihre Person und Freiheit. In
der Schlacht freuen sie sich der Gefahr. Nach dorn Kampf verfallen sie in träge
Ruhe. Ihr Mythos, ihre Heldensage sind von diesem naiven, unbewußten
Wesenszuge ganz durchdrungen, nicht in der heiteren Anschauung der Welt
wie die Griechen, nicht in der gedankenmäßig abgegrenzten Zweckbestim-
mung wie die Römer, sondern in der Äußerung der Kraft als solcher ohne
Begrenzung, in der so entstehenden Erschütterung, Erweiterung, Erhebung
der Persönlichkeit, den höchsten Wert und Genuß des Daseins zu besitzen.
Dieser Zug, der in der Kampfesfreude seinen höchsten Ausdruck findet,
übt seinen Einfluß auf die ganze Entwicklung unserer politischen Ordnungen
und unseres geistigen Lebens.
Und ein letztes unter den Momenten, die ein bestimmtes nationales
Ganzes enthält und die seine Entwicklung determinieren, liegt in der Ein-
ordnung von einzelnen, kleineren Verbänden in das politische Ganze, wie
sie durch die Verhältnisse der Herrschaft und des Gehorsams sowie der Ge-
meinschaft, die in einem souvei"änen Staatswillen zusammengefaßt sind, ent-
steht. So folgen in Deutschland aufeinander das Volkskcinigtum in kleinen
Gemeinscliaften von unvollkommener DiflFerenzierung der Struktur, dann, auf
zunehmender Arbeitsteilung gegründet, Berufsgliederung, Trennung der Stände
in einem locker verbundenen nationalen Ganzen, die Ausbildung der Selbst-
herrschaft mit ihrer intensiven und ausgedehnten Staatstätigkeit in den Terri-
torialstaaten, welche allmäldich zwischen den Rechten der Individuen und
dem Machtstreben der Selbstherrscher die Gliederung nach Beiiif und Ständen
110 Dilthey:
zerreibt, und endlicli der Fortgang dieser Staaten zu beständiger Erweiterung
der individuellen Rechte der einzelnen, der Rechte der Volksgemeinschaft
im repräsentativen System, demokratischen Ordnungen entgegen, und ebenso
anderseits die Unterordnung der fürstlichen Rechte unter das nationale Kaiser-
tum. Faßt man diese Entwicklung ins Auge, so zeigt sich, daß sie über-
all zweiseitig bedingt ist. Sie ist einerseits abhängig vom veränderlichen
Verhältnis der Kräfte innerhalb des Staatensystems, sie ist anderseits be-
dingt von den Faktoren der inneren Entwicklung, des Einzelstaats, die
wir durchlaufen haben.
So zeigt sich die Möglichkeit, den Wirkungszusammenhang, der die
einzelnen Momente in der Entwicklung einer Nation und die Gesamtent-
wicklung der Nation bedingt, der Analyse zu unterwerfen und in seine Fak-
toren zu zerlegen. Die Regelmäßigkeiten, welche in der Struktur des poli-
tischen Ganzen bestehen, bestimmen die Lagen des Ganzen und seine Ver-
änderungen. Es lagern sich gleichsam Schichten von Lebensordnungen dieses
Ganzen übereinander, deren jede spätere die frühere voraussetzt, wie wir an
den Veränderungen der politischen Organisation gesehen haben. Jede dieser
Schichten zeigt eine innere Ordnung, in welcher die Wirkungszusammenhänge,
vom Individuum ab, Werte ausbilden, Zwecke realisieren, Güter sammeln.
Regeln des Wirkens entwickeln. Träger und Ziele dieser Leistungen sind
aber verschieden. So entsteht das Problem der inneren Beziehung all dieser
Leistungen aufeinander, in welcher sie ihre Bedeutung haben. Damit fuhrt
uns die Analyse des logischen Zusammenhangs der Geisteswissenschaften
zu einer weiteren Aufgabe, über deren Lösung durch die Verbindung geistes-
wissenschaftlicher Methoden der Aufbau der Geisteswissenschaften uns Auf-
schluß geben wird.
3. Zeitalter und Epochen.
Lassen sich so in einer bestimmten Zeitperiode eiiizeln<! Wirkungs-
zusammenhäüge analytisch herausheben und die in ihnen enthaltenen Ent-
wicklungsmomente aufzeigen, lassen sich ferner die Beziehungen, die diese
Einzelzusammcnhänge zu einem strukturellen Ganzen verbinden, und die
Gemeinsamkeiten in den Teilen eines politischen Ganzen bestimmen:
so vermögen wir weiter die andere Seite der geschichtlichen Welt, die
Linie des Zeitverlaufs und der Veränderungen in ihm durch Rückgang
auf die Wirkungszusammenhänge als ein kontinuierliches und doch in
Der Auf hau der geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 111
Zeitabschnitte trennbares Ganzes zu verstehen. Was zunächst die Gene-
rationen, Zeitalter, Epochen' charakterisiert, sind herrschende, große, durch-
gehende Tendenzen. Es ist die Konzentration der ganzen Kultur eines
solchen Zeitraums in sich selbst, so daß in der Wertgebung, den Zweck-
setzungeu, den Lebensregeln der Zeit der Maßstab für Beurteilung, Wert-
schätzung, Würdigung von Personen und Richtungen gelegen ist, welche
einer bestimmten Zeit ihren Charakter gibt. Der Einzelne, die Richtung, die
Gemeinschaft haben ihre Bedeutung in diesem Ganzen nach ihrem inneren
Verhältnis zum Geist der Zeit. Und da nun jedes Individuum in einen
solchen Zeitraum eingeordnet ist, so folgt weitei-, daß die Bedeutung des-
selben für die Geschichte in diesem seinem Bezug zu der Zeit liegt. Die-
jenigen Personen, welche in dem Zeitraum kraftvoll fortschreiten, sind die
Führer der Zeit, ihre Repräsentanten.
In diesem Sinne spricht man vom Geist einer Zeit, vom Geist des
Mittelalters, der Aufklärung. Damit ist zugleich gegeben, daß jede solcher
Epochen eine Begrenzung findet in einem Lebenshorizont. Ich verstehe
darunter die Begrenzung, in welcher die Menschen einer Zeit in bezug auf
ihr Denken, Fühlen und Wollen leben. Es besteht in ihr ein Verhältnis
von Leben, Lebensbezügen, Lebenserfahiung und Gedankenbildung, welche
die Einzelnen in einem bestimmten Kreis von Modifikationen der Auf-
fassung, Wertbildung und Zwecksetzung festhält und bindet. Unvermeid-
lichkeiten regieren hierin Ober den einzelnen Individuen.
Neben der herrschenden, großen, durchgehenden Tendenz, die der
Zeit ihren Charakter gibt, bestehen andere, die sich ihr entgegensetzen.
Sie streben Altes zu konservieren, sie bemerken die nachteiligen Folgen
der Einseitigkeit des Zeitgeistes und wenden sich gegen ihn; wenn dann
aber ein Schöpferisches, Neues hervortritt, das aus einem anderen Gefühl
des Lebens entspringt, dann beginnt mitten in diesem Zeitraum die Be-
wegung, die bestimmt ist, eine neue Zeit herbeizuführen. Jede Entgegen-
' Ich habe zuerst 1865 im Aufsatz über Novalis den historischen Begriff der Gene-
ration angegeben und benutzt, dann in größerem Umfang in Sclileiermacher Bd. I verwertet
und dann 1875 in dem Aufsatz über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom
Staat usw. (Philosophisclie Monatshefte Bei. Xl, 123 ff.) den liistorischen Begriff der Gene-
ration und mit ihm zusammengehörige Begriffe entwickelt. Die nähere Bestimmung der
Begriffe »historische Kontinuität-, «historische Bewegung-, »Generation«, «Zeitalter«,
■ fclpoche« ist erst in der Dai-stellung des Aufbaus d<.'r Geisteswissenschaften möglich.
112 Dilthey:
Setzung vorher bleibt auf dem Boden des Zeitalters oder der Epoche; was
in ihr sich entgegenstemmt, hat auch zugleich die Struktur der Zeit selbst.
In diesem Schöpferischen beginnt dann erst ein neues Verhältnis von Leben,
Lebensbezügen, Lebenserfahrung und Gedankenbildung.
So sind die Bedeutungsverhältnisse, die in einem Zeitraum zwischen
den historischen Kräften bestehen, gegründet in derjenigen Beziehung der
Gemeinsamkeiten und Wirkungszusammenhänge zueinander, die man als
Richtungen, Strömungen, Bewegungen bezeichnen kann. Erst von
ihnen aus gelangt man zu dem verwickeiteren Problem, den Strukturzusam-
menhang eines Zeitalters oder einer Periode analytisch zu bestimmen.
Ich verdeutliche das Problem, indem ich die deutsche Aufklärung
auf diesen inneren Zusammenhang hin betrachte. Denn indem man die
Analyse eines Zeitalters zunächst an einer einzelnen Nation vollzieht, ver^
einfacht sich die Aufgabe.
Die Wissenschaft hatte sich im 17. Jahrhundert konstituiert. Aus der
Entdeckung einer Ordnung der Natur nach Gesetzen und der Anwendung
dieser Kausalerkenntnis auf die Herrschaft über die Natur war die Zu-
versicht des Geistes auf regelmäßigen Fortgang der Erkenntnis entsprungen.
In dieser Arbeit für die Erkenntnis waren die Kulturnationen miteinander
verbunden. So entstand die Idee einer im Fortschritt geeinigten Mensch-
heit. Es bildete sich das Ideal einer Herrschaft der Vernunft über die Ge-
sellschaft; dieses erfüllte die besten Kräfte; sie waren so zu einem ge-
meinsamen Zweck vereinigt; sie arbeiteten nach derselben Methode, sie er-
warteten von dem Fortschritt des Wissens die Fortbildung der gesamten
gesellschaftlichen Ordnung. Das alte Gebäude, an dessen Bau Kirchen-
lierrschaft, Feudalverhältnisse, unbeschränkter Despotismus, Fürstenlaunen,
Priesterbetrug zusammengewirkt hatten, das die Zeiten immer umänderten,
das immer neuer Arbeiten bedurfte, sollte nun umgewandelt werden in einen
zweckmäßigen, heiteren symmetrischen Bau. Dies ist die innere Einheit,
in welcher das geistige Leben der Individuen, Wissenschaft, Religion,
Philosopliie und Kunst in dem europäischen Zusammenhang der Aufklärung
zu einem Ganzen verbunden sind.
Diese Einheit vollzog sich auf verschiedene Art in den einzebien Län-
dern. In besonders glücklicher und fester Weise gestaltete sie sich in
Deutschland. Eine allgemeine Richtung in seinem höheren geistigen Leben
machte sich dabei geltend. Indem man rückwärts geht, erblickt man,
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geistes wissensc/iaften. I. 113
bis auf Freidank hinunter, in Deutschland die Tendenz, das Leben durch
feste Regeln mit Bewußtsein zu ordnen. Wollte man diese als moraliscli
bezeichnen, so würde das die Tatsache unter einen einseitigen Gesichts-
punkt stellen und iliren Umfang zu eng bestimmen. Der Ernst der nor-
dischen Völker ist hier mit einem grübelnden Bedürfnisse der Besinnung
verbunden, das aus einer Hinwendung zur Innerlichkeit des Lebens stammt
und ohne Zweifel mit den politischen Zuständen zusammenhängt. Wie
in dem unbeweglich gewordenen Reich Rechtsklauseln, Privilegien, Über-
einkünfte die freie Lebensbewegung hemmen, so ist' auch im Einzelnen
das Gefühl der Bindung stärker als das der freien Zwecksetzung. Im
Lebensgenuß wird immer ein Unrecht empfunden. Die Starken rafifen Um
an sich, aber es ist in ihm etwas, was ihr Gewissen bedenklicli macht.
So ist in der deutschen Philosophie des 1 8. Jahrhunderts ein Grundzug,
der Leibniz, Thomasius, Wolf, Lessing, Friedrich den Großen, Kant und
unzählige Geringere miteinander vereinigt. Diese Richtung auf Bindung
und Pfliclit war dui-ch die Entwicklung des Luthertums und seiner Moral
von Melanchthon ab gefordert worden. Sie wurde begünstigt durch die Glie-
derung der Gesellschaft unter dem Begriff des Bei-ufs und des Amts, welche
Luther in die moderne Zeit hinübergefiihrt hatte. Und indem sich nun die
Tendenz zur Selbständigkeit der Person in der Aufklärinig steigert, wird
die Vollkommenheit zur Pflicht. In der Vernunft liegt ein Naturgesetz des
Geistes, welches \om Individuum die Realisierung der Vollkommenheit in
sich und anderen verlangt. Diese Forderung ist Pflicht: eine Pflicht, die nicht
die Gottheit auflegt, sondern die aus dem (Jesetz unserer eigenen Natur ent-
springt und durch Vemunftgriinde festgestellt werden kann. Erst nachträg-
lich darf dann die Vei-nunftregel auf den (irund der Dinge bezogen werden.
Dies ist die Lehre Wolfs, die rückwärts auf Pufcndorf, Leibniz, Thomasius
zurückgellt und vorwärts zu Kant liinfAihrt. Sie hat die ganze Literatur
der deutschen Aufklärung erfiillt. In dieser Lehre liegt das einigende Band,
das die Deutsclien der AufkläiTing mit denen des i 7. Jalirliunderts verbindet
und einen einheitlichen Gesamtgeist in dieser Epoche hervorruft, der als
etwas Unwägbares, überall modifiziert und doch immer dassellie, die Nation
durchdringt. Es ist eine Bestimmung des Lebenswertes, welche dem
Lebenszusammenhang der deutschen Aufklärung zugrunde liegt. Das neue
Schema des Fortgangs der Seele zu ihrem liftchsten Wert ist in dem Ver-
nunftcharakter des Menschen gegriinch't. Die ?]inzelperson realisiert ihren
Phil.-hixt. Klnssr. 10 JO Ahh. I. 15
114 Dilthey:
Zweck, indem sie, mündig durch Vernunftgründe, die Herrschaft der Ver-
nunft über die Leidenschaften in sich lierbeifiihrt, und diese Herrschaft
der Vernunft äußert sicli als Vollkommenheit. Da nun die Vernunft all-
gemeingültig und allen gemeinsam ist und die Vollkommenheit des Ganzen
dui-ch die Vern\nift höher steht als die Vollkommenheit des einzelnen, —
in dem Sinne, daß die Vollkommenheit aller einzehien einen höheren Wert
hat als die einer Person — ■, wodurch hier die höchste Bindung entsteht,
kraft deren der einzelne an das Wohl des Ganzen gebunden ist, : so ergibt
sich hieraus die nähere Bestimmung dieses Prinzips als der Vollkommen-
heit aller einzelnen, die erreicht wird durch den Fortschritt des Ganzen.
Dies Prinzip der Aufklärung hat seinen Grund nicht im reinen Denken,
und seine Herrscliaft beruht nicht auf diesem, sondern es sind alle die
Lebenswerte, welche die Menschen der ^iufklärung erfahren, die in diesem
Prinzip zu einem abstrakten Ausdruck gelangen. Daher wird diesen Köpfen,
Wolf voran, Vollkommenheit, seltsam genug, zu einer Pflicht, das Streben
nach ihr zu einem Gesetz, welches das Individuum bindet, und schließlich
wird die Gottheit fiir Wolf und seine Schüler zum Gegenstand von Pflichten,
die im Streben zur Vollkommenheit ihren Mittelpuidct haben. Die Lebens-
erfahrung selbst, in welcher diese Ideen gegründet sind, kann mau am
besten an Leibniz studieren. .Sie beruht auf dem Erlebnis des Glücks der
Entwicklung. In das Fortschreiten selber verlegt der große Denker, wie
dann Lessing, das höchste Glück des Menschen, da der Inhalt des Augen-
blicks dieses ihm nie zu gewähren vermag. Und daß dies Fortsclu-eiten
nicht auf diesen oder jenen einzelnen Zweck sich bezieht, sondern auf
die Entwicklimg der individuellen Person und alles In ilir imifaßt, alles
verbindet, das spricht Leibniz zuerst so aus — kraft seines Erlebens. Dies
Erlebnis war nllentlialben vorbereitet, weil das Individuum in der Unselig-
keit des nationalen Lebens immer wieder auf sich selbst und die gemein-
samen Kulturaufgaben zurückgewiesen wurde. Wie es von Leibniz aus-
gesprochen wurde, wirkte es überall hin. Und mit den so aus dem Leben
selbst hervorgellenden WertbegrifFen, die Leibniz aufnahm, ist nun zugleich
die Aufgabe bestimmt, die er seiner Philosophie stellte, aus dem Zusammen-
hang der individuellen Daseinswerte die Bedeutung des Lebens und den
Sinn der Welt abzuleiten.
So fölirt im Zeitalter der Aufklärung ein einheitlicher Zusammenhang
von der Form des Lebens zu der Lebenserfahrung, von den in ihr ent-
Der Aufbau <ffr geschichtlichen Welt in den Geisteswissenschaften. I. 115
haltenen Erlebnissen zur Rei)räsentation derselben in Wertbegriffen, Pflicht-
geboten, Zweckbestimmungen, Bewußtsein der Bedeutung dos Lebens, des
Sinnes der Welt. Und nun wächst in diesem Zusammenhang das Bewußt-
sein des Zeitalters über sich selbst, und in dem Fortgang zu abstrakten
Formeln erhalten diese vermittels der Demonstration aus der Vernunft einen
absoluten Cliarakter; unbedingte Werte, Bindungen, Pflichten, Güter werden
formuliert, wälirend doch der Historiker gerade hier ihre Elntstehung aus
dem Leben selbst klar durchschaut.
Sehen wir so in der Besinnung des Individuums, über das Leben in
Deutschland eine Tendenz auf dessen rationaler Gestaltung, so entwickelt
sich hier zugleich eine analoge Tendenz im staatlichen Leben auf Grund-
lage der Eigenbedingungen des politischen Wirkungszusammenhangs.
Immer eingreifender war in der europäischen Entwicklung der Neuzeit
auf den verschiedenen Kulturgebieten die Tätigkeit des Staates geworden.
In dem Beamtentum, dem Militär wesen, den Finanzeinrichtungen liegt nun-
mehr das organisatorische Zentrum aller Maclitverhältnisse, und die Tätigkeit
des Staates wird zu einer treibenden Kraft der Kulturbewegmig. In diesem
Vorgang wirken überall der Kampf der großen Staaten untereinander um
3Iacht und Ausdehnung und das innere Bedürfnis, ilire in Krieg und Erbfall
zusammengekommenen Teile zu einem einheitlichen Ganzen zu machen. In
dem Monarchen, seinem Beamtentum, seiner Armee konzentriert sich die
E^heit der neuen Staaten. Dieselben müssen zu festerer Gliederung ihi-er
Organe und zur intensiveren Ausimtzung ihrer Kräften ül)ergehen. Diese
aber wird nur möglich durcli rationaleren Betrieb der (reschäfte; der poli-
tische Fortschritt wäclist nicht, sondern er wird gemacht. Jede Tätigkeit
des Ganzen wird von rationaler Zwecksetzung bestimmt. Dieses Ganze nimmt
immer mehrere Kulturaufgaben in sich auf — das Schulwesen, die Wissen-
schaft, ja, wo es erreichbar war, das kirchliehe Leben. Die Fürsten re-
präsentieren in sicji nicht nur die Einheit, sondern die Kulturrichtung des
ganzen Staates. Die freien irrationalen Kräfte der Treue von Person zu
Person werden «•setzt durch berechenbare und sicher wirkende. So voll-
zieht sich auch im staatlichen Leben die Beziehung der Kräfte, welche dem
Zeitalter der Aufklärung seine Einheit gibt. Dem, was der Staat bedarf,
rationale Ordnung des Lebens und rationale Verwertung der Natur, kommt
nun die im 1 7. Jahrhundert begründete wissenschaftliche Bewegung ent-
gegen, und diese ihrerseits findet im Staat das Organ, alle Zweige des
116 Ö
ILTHE Y ;
Lebens einer rationalen Regelung zu unterwerfen, vom wirtschaftlichen
Betrieb bis zu den Regeln des guten Geschmacks in den Künsten.
Kein Land war nun politisch für diese innere Beziehung, in welcher
das Wesen der Aufklärung lag, so vorbereitet wie Deutschland. Seine klei-
neren Staaten waren auf Entwicklung der Kultur angewiesen und Preußen
dazu auf die Förderung der geistigen Kräfte für den Machtkampf Der
Kreislauf der religiösen und wissenschaftlichen Kräfte vom Leben der pro-
testantischen Gemeinden zu Schulwesen und Universitäten, von diesen zum
Fortschritt des religiösen Denkens in der Geistlichkeit und der Rechtsideen
bei den Juristen, dann wieder rückwärts zum Volk war nirgends so ent-
wickelt wie hier.
So sind es Kräfte von ganz verschiedenem Ursprung, Wirkungs-
zusammenhänge, die in ganz verschiedenen Stadien ihrer Entwicklung be-
griffen sind, welche in der deutschen Aufklärung zusammenwirken.
Während sich so die Einheit des Geistes der Aufklärung in der Wissen-
schaft und der philosophischen Besinnung wie im gesellschaftlichen Leben
realisiert, vollzieht sie sich zugleich durch die Wirksamkeit dieses Geistes
in allen einzelnen Gebieten des geistigen Lebens. In der Rechtsentwicklung
in Deutschland haben wir ein interessantes Beispiel hiervon an der Ent-
stehung der vollkommensten Gesetzgebung der Zeit — ■ des Landrechts.
In Halle bildet sich eine aus dem Geist des preußischen Staats ent-
standene selbständige Richtung des Naturrechts und der darauf gegrün-
deten Jurisprudenz. Thomasius, Wolf, Böhmer und viele Geringere ver-
breiten die Rechtsauffassung dieser Schule durch ihre Schriften überall-
hin. Sie bilden die Beamten aus, die nunmehr durch die Einheit imd
den nationalen Charakter ihrer Geistesrichtung geeignet sind, das lang-
stockende Gesetzgebungswerk Preußens zu vollenden. Unter der Einwirkung
dieses Naturrechts stehen der König, der das Werk fordert, und die Minister
imd Räte, die es ausfiihren. Derselbe innere Zusammenhang besteht in
der religiösen Bewegung der Aufklärungszeit. Auch sie zeigt die eigentüm-
liche Zweiseitigkeit der deutschen Aufklärung. Sie ist zugleich polemisch
und aufl)auend. Kirchengeschichte, Naturrecht und Kirchenrecht wirken im
deutschen Protestantismus zusammen zu einer Anschauung des Urchristen-
tums, die in Böhmer, Semler, Lessing, Pfaff die Kraft wird, ein neues
Ideal der Religiosität und der kirchlichen Ordnung hervorzubringen. Und
auch hier vollzieht sich die Zirkulation der Ideen, (Jie von dem UngenOge
Der Aufbau der (jeschichtlkhen Welt in den GeisteswissenscJiaften. 1. 117
am Bestehenden und der positiven Macht der allgemeinen neuen Ideen
durch die Schulen und die Universitäten, welche von der Macht der kirch-
lichen Orthodoxie unabhängig sind und mit dem allgemeinen wissenschaft-
lichen Geist in Zusammenhang stehen, hinüberfuhrt zur Ausbildung des
einzelnen Geistlichen, der nun in Stadt oder Land ein aufgeklärtes Christen-
tum zur Geltung bringt, welches eins ist mit dem Geist der Zeit. Eine so
schlichte, folgerichtige, auf die höchsten moralisch-religiösen Ideen gerichtete
und zugleich mit dem Theismus des Christenturas so einstimmige Wirkung hat
die clu"istliche Religiosität zu keiner Zeit geübt wie im Zeitalter der deut-
schen Aufklärung. Neue religiöse Werte von der größten Tragweite haben
sich so damals im kirchlichen und religiösen Leben gebildet. Auch die
deutsche Dichtung der Zeit wird bestimmt von der Umwälzung der Werte
und Zwecke, die sich in der Aufklärungszeit vollzieht. Die Aufklärung im
Staate der Selbsthen-schaft wirkt auf das poetische Schaffen. Von Frank-
reich ausgehend, wird in Deutschland im Zusammenhang mit der gebil-
deten Gesellschaft die neue Prosa gebildet. Den dichterischen Gattungen
werden ihre Regeln vorgezeichnet, und diese Regeln disziplinieren die
höhere Form der Phantasiekunst von Shakespeare und Cervantes zu der
Form streng logisch gegliederter dichterischer Gebilde. Das Ideal dieser
Dichtung wird der durch die Idee der Vollkommenheit und der Aufklärung
bestimmte Mensch. Und ihre Weltanschauung ist der Glaube an die teleolo-
gische Ordnung der Welt von der Natur aufwärts. Der direkte Ausdruck
dieses Ideals und dieser Weltanschauung wird das Lehrgedicht; Idyll und Ele-
gie schließen sich ihm an. Der tragische Zug im Leben wird nicht verstanden:
Lustspiel, Scliauspiel und vor allem der Roman werden zum höchsten poeti-
schen Ausdruck der Zeit und erhalten eine dementsprechende Struktur: ein von
optimistischen Ideen geleiteter Realismus durchdringt alle poetischen Werke.
Dieser einheitliche Zusammenhang, in welchem auf den verschieden-
sten Lebensgebieten die herrschende Richtung der deutschen Aufklärung
zum Ausdruck kommt, bestimmt nun aber nicht alle Menschen, die diesem
Zeitalter angehören, und auch wo er Einfluß gewinnt, wirken oft neben
ihm andere Kräfte. Die Widerstände des voraufgehenden Zeitalters machen
sich geltend. Besonders wirksam sind die Kräfte, welche an die älteren
Zustände und Ideen anknüpfen, ihnen aber eine neue Form zu geben suchen.
In der religiösen Sphäre trat so der Pietismus auf. Er w ar die stärkste
unter den Kräften, in denen das Alte neue Formen annahm. Er ist der
118 Dilthey:
Aufklärung verwandt in der zunehmenden (xleichgültigkeit gegen äußere
kirchliche Formen, in der Forderung der Toleranz, vor allem aber darin,
daß er jenseits der Tradition und Autoi-ität, welche die Kritik unter-
graben hatte, einen einfachen, klaren Rechtsgrund fiir den Glauben sucht.
Dieser liegt im Umgang mit Gott und der hierauf gegründeten religiösen
Erfahrung. Nur der Bekehrte versteht die Bibel: ihm eröffnet sich das
in ihr mitgeteilte göttliche Wort; er ist imstande, gleichsam Entdeckungen
im Gebiet des Christentums zu machen. Die Toleranz des Pietismus be-
steht darin, daß sie jeden auf Bekehrung gegründeten christlichen Glauben
anerkennt. Die eigene religiöse Erfahrung muß der in ihr erweckte Pietist
ergänzen durch fremde Bekehrungsgeschichten. Und so sehen wir, wie
der Pietismus der großen individualistischen Bewegung angehört, indem er
über das Luthertum mit der Ausschaltung der Kirche aus dem innerpersön-
lichen Vorgang hinausgeht. Aber zugleich setzt er sich nun doch der Auf-
klärung entgegen durcli seine Einstimmigkeit mit Lutliers Zuversicht zu
der im Umgang mit Gott entstehenden religiösen Erfahrung. Der Pietis-
mus stellt dann wieder in einem inneren Verhältnis zur Vollendung unserer
geistlichen Musik in Sebastian Bach. Wohl war Bacli kein Pietist, aber die
Gesänge der christlichen Seele, welche die Darstellung des Lebens Christi
begleiten, zeigen schon für sich allein ausreichend seinen Zusammenhang
mit der subjektiven religiösen Innerlichkeit, die in der pietistischen Be-
wegung ans Licht trat.
Dieselbe am Bestehenden haftende Riclitung äußerte sich gegenüber
den politischen Tendenzen der aufgeklärten Selbstherrschaft. Sie war
auf die Aufrechterhaltung des Reichs, der ständischen Privilegien in
den einzelnen Staaten und der Fortbildung der alten Rechte gerichtet.
Aber auch diese Tendenzen erhalten ihr liöheres Bewußtsein und ihre Be-
ginindung durcli das Studium der staatswissenschaftlichen Literatur der
Aufklärung, und die Vorschläge eines Schlosser und Moser suchen doch
auch den neuen Bedürfnissen und dem Geist der Aufklärung genug zu
tini. Die politischen Ideen der Aufklärung mußten Moser umgeben, wenn
er aus den bestehenden Zuständen sein Verständnis derselben und seine
praktischen Tendenzen cntwickehi sollte.
Und man erfaßt doch erst ganz die innere Beziehung der Richtungen,
welche die Gegensätze imd die Veränderlichkeit in einem solchen Zeit-
raum bestimmt lial)en, an dem Beispiel der deutschen Aufklärung, wenn
Der Aufbau der gesrhicJitlichen Welt in den Geistes-wissenschnften. 1. 119
man die Momente feststellt, die innerhalb der Grundi'ichtung selbst eine
Wendung in Zukünftiges ermöglichen. Gerade die Richtung der Auf-
klärung auf ein Regelhaftes rief auf verschiedenen Gebieten die Versenkung
in geschichtliche Tatbestände hervor, in welchen die Regel erfüllt zu sein
schien. So fand man im Urchristentum den Tj^jus einer freieren Reli-
giosität, und dies verstärkte die Richtung auf das Studimn desselben in
Thomasius, Bölimer und Semler. Die Regeln, welche die Kritik dieser
Zeit in der Kunst aufstellte, wurden verstärkt durch die Vertiefung in
den Typus der antiken Kunst, und dies war der Standpunkt, aus welchem
Winckebnann und Lessing die Kunst des Altertums und die Gesetze
künstlerischen Schaffens durcheinander erleuchteten. Ein anderes Mo-
ment der Wendung auf die Aufgaben der Zukunft lag da,rin, daß die
Vertiefung in die Einzelperson hinül »erführte in die Betonung der In-
dividualität des Schaffens und des Genies.
Fragen wir uns also, wie inmitten des Flusses des Geschehens, der
Deutschland umströmt und ununterbrochen, beständig Veränderungen herbei-
führend, fortgeht, eine solche Einheit abgegrenzt werden kann, so ist
die Antwort zunächst, daß jeder Wirkungszusammeidiang sein Gesetz in
sich selbst trägt, und daß nach diesem seine Epochen ganz verschieden
sind von denen der anderen. So hat die Musik eine Eigenbewegung, nach
welcher der religiöse Stil, der aus der höchsten Macht des christlichen
Erlebnisses hervorging, in Bach und Händel zu derselben Zeit seinen Höhe-
punkt erreichte, in welcher die Aufklärung bereits die herrschende Rich-
tung in Deutschland war. Und in derselben Zeit, in welcher Lessings
vollkommenste Werke entstanden, trat die neue schöpferische Bewegung
vom »Sturm und Drang i hervor, welche den Anfang der folgenden Epoche
in der Literatur bezeichnet. Fragen wir dann weiter, welches die Bezüge
sind, die zwisclien den verschiedenen Wirkungszusammenhängen eine Ein-
heit hei-stellen, so lautet die Antwort: nicht eine P^inheit, die durch einen
Grundgedanken ausdrückbar wäre, ist es, sondern vielmehr ein Zusammen-
hang zwischen den Tendenzen des Lebens selbst, der im Verlauf sich aus-
bildet.
Man kann im geschichtlichen Verlauf Zeiträume abgrenzen, in denen
von der Verfa.ssung des Lebens bis zu den höchsten Ideen eine geistige Ein-
heit sich bildet, Uiren Ilöhepmikt erreicht imd sich wieder auflöst. In
jedem solchen Zeitraum besteht eine ihm mit allen anderen gemeinsame
120 Dilthey:
innere Struktur, die den Zusammenhang der Teile des Ganzen, den Verlauf,
die Modifikationen in den Tendenzen bestimmt: wir werden später sehen,
was die Methode der Vergleich ung für eine solclie Strukturauffassung leisten
kann. — In der immerwährenden Wirksamkeit der allgemeinen Struktur-
verhältnisse ergab sich uns vor allem die Bedeutung und der Sinn der Ge-
schichte. Wie diese an jedem Punkt und zu jeder Zeit walten und das Leben
der Menschen bestimmen, das in erster Linie ist der Sinn der geistigen
Welt. Die Aufgabe ist, ganz systematisch von unten die Regelmäßigkeiten
zu studieren, welche die .Struktur des Wirkungszusammenhangs in den Trä-
gern desselben vom Individuum aufwärts ausmachen. Wiefern diese Struktur-
gesetze dann ermöglichen, Voraussagen über die Zukunft zu bilden, kann
erst bestimmt werden, wenn dieses Fundament gelegt ist. Das Unveränder-
liche, Regelhafte in den geschichtlichen Vorgängen ist der erste Gegenstand des
Studiums, und davon ist die Antwort auf alle Fragen nach dem Fortschritt
in der Geschichte, nach der Richtung, in der die Menschheit sich bewegt,
abhängig. — Die Struktur eines bestimmten Zeitalters erwies sicJi daim als ein
Zusammenhang der einzelnen Teilzusammenhänge und Bewegungen in dem
großen Wirkungskomplex einer Zeit. Aus höchst mannigfachen und vei--
änderlichen Momenten bildet sich ein kompliziertes Ganzes. Und dieses
bestimmt nun die Bedeutung, welche allem, was in dem Zeitalter wirkt, zu-
kommt. Wenn der Geist eines solchen Zeitalters aus Schmerzen und Disso-
nanzen geboren ist, dann hat jeder einzelne in ilim und durch ilm seine Be-
deutvmg. Von diesem Zusammenhang sind vor allem die großen historischen
Menschen bestimmt. Ihr Schaffen gelit nicht in geschichtliche Ferne, sondern
schöpft aus den Werten und dem Bedeutungszusammenhang des Zeitalters
selbst seine Ziele. Die produktive Energie einer Nation in einer bestimmten
Zeit empföngt gerade daraus iln-o liöchste Kraft, daß die Menschen der Zeit
auf deren Horizont eingescliränkt sind; ihre jVrbeit dient der Realisierung
dessen, was die Grundrichtung <ler Zeit ausmacht. So werden sie die Re-
präsentanten derselben.
Alles hat in einem Zeitalter seine Bedeutung durch die Bezieliung
auf die Energie, die ihm die Grundrichtung gibt. Sie drückt sich aus in
Stein, auf Leinwand, in Taten oder Worten. Sie objektiviert sich in
Verfassung und Gesetzgebung der Nationen. Von ilir erfüllt, faßt der
Historiker die älteren Zeiten auf, und der Pliilosoph versucht, von ihr
aus den Sinn der Welt zu deuten. Alle Äußenmgen der das Zeitalter
Der Aufbau der geschichtlichen Welt in den Geistesioissenschaften. I. 121
bestimmenden Energie sind einander verwandt. Hier entsteht die Auf-
gabe der Analyse, in den verschiedenen Lebensäußerungen die Einheit
der Wertbestimmung und Zweckrichtung zu erkennen. Und indem nun
die Lebensäußerungen dieser Richtung hindrängen zu absoluten Werten
und Zweckbestimmungen, schließt sich der Kreis, in welchem die Menschen
dieses Zeitalters eingeschlossen sind; denn in ihm sind auch die entgegen-
wirkenden Tendenzen enthalten. Sahen wir doch, wie die Zeit auch ihnen
ihr Gepräge aufdrückt und wie die herrschende Richtung ihre freie Ent-
wicklung niederhält. So ist der ganze Wirkungszusammenliang des Zeit-
alters durch den Nexus des Lebens, der Gemütswelt, der Wertbildung und
der Zweckideen desselben immanent bestimmt. Jedes Wirken ist historisch,
das in diesen Zusammenhang eingreift; er macht den Horizont der Zeit
aus, und durch ihn ist schließlich die Bedeutung jedes Teils in diesem
System der Zelt bestimmt. Dies ist die Zentrierung der Zeitalter und Epochen
in sich selbst, in welcher das Problem der Bedeutung und des Sinnes in
der Geschichte sich löst.
Jedes Zeitalter enthält die Rückbeziehung auf das frühere, die Fort-
wirkung der in jenem entwickelten Kräfte in sich, und zugleich ist in
ihm schon das Streben und Schaffen enthalten, welches das folgende
vorbereitet. Wie es entstanden ist aus der Insuffizienz des früheren, so
trägt es in sich die Grenzen, Spannungen, Leiden, welche das künftige vor-
bereiten. Da jede Gestalt des geschichtlichen Lebens endlich ist, muß in
ihr eine Verteilung von freudiger Kraft und von Dnick, von Erweiterung
des Daseins und Lebensenge, von Befriedigung und Bedürfnis enthalten
sein. Der Höhepunkt der Wirkungen ihrer Grundrichtung ist nur kurz.
Und von einer Zeit zur anderen geht der Hunger nach allen Arten von
Befriedigung, der niemals gesättigt werden kann.
Was sich uns aucli ergeben mag über das Verhältnis der historischen
Zeitalter und Perioden untereinander in Bezug auf die fortschreitende Zu-
sammensetzung in der Struktiu* des geschichtlichen Lebens: es ist die Natur
der Endlichkeit aller Gestalten der Geschichte, daß sie mit Daseinsverküm-
merung und Knechtschaft, mit unerftillter Sehnsucht behaftet sind. Und dies
vor allem auf Grund davon, daß Machtverhältnisse aus dem Zusammenleben
psycho-physischer Wesen nie eliminiert werden können. Wie die Selbst-
herrschaft der Aufklärungszeit ebenso Kabinettskriege, Ausnutzung der
Untertanen für das Genußleben der Höfe hervorbrachte als das Streben
PhiL-hist. Klagte. 1910. Ahh. I. 16
122 üiltjiey:
der rationalen Entwicklung der Kräfte, so ejithält jede andere Anordnung
der Machtvei'hältnisse ebenfalls wieder Duplizität der Wirkungen, und
der Sinn der Geschichte kann nur in dem Bedeutungsverhältnis aller
Kräfte gesucht werden, die in dem Zusammenhang der Zeiten verbunden
waren.
Die systematische Bearbeitung der Wirkungszusammenhänge
und Gemeinsamkeiten.
Da das Verständnis der Geschichte sich vermittels der Anwendung der
systematischen Geisteswissenschaften auf sie vollzieht, hat die vorliegende
Darstellung des logischen Zusammenhangs in der Geschichte die allgemeinen
Züge der geisteswissenschaftlichen Systematik bereits erörtert. Denn die
systematische Bearbeitung der in der Geschichte herausgehobenen Wirkungs-
zusammenhänge hat die Ergründung des Wesens eben dieser Wirkungszu-
sammenhänge zu ilirem Ziel. Ich hebe nur vorausschickend die nach-
folgenden drei Gesichtspunkte für die systematische Bearbeitung hervor.
Das Studium der Gesellschaft beruht auf der Analysis der in der Ge-
schichte enthaltenen Wirkungszusammenhänge. Diese Analysis geht vom
Konkreten zum Abstrakten, von dem wissenschaftlichen Studium der natür-
lichen Gliederung der Menschheit und der Völker zur Sonderung der ein-
zelnen Wissenschaften der Kultur und der Trennung der Gebiete der äußeren
Organisation der Gesellschaft fort'.
Jedes der Kultursysterae bildet einen Zusammenhang, der auf Gemein-
samkeiten beruht; da d(;r Zusammcnliang eine Leistung realisiert, hat er
einen teleologischen Charakter. Hier tritt nun aber eine Schwierigkeit her-
vor, welche der Begrifisbildung in diesen Wissenschaften anhaftet. Die In-
dividuen, welclie zusammenwirken zu einer solchen Leistung, gehören dem
Zusammenhang nur in den Vorgängen an, in denen sie zur Realisierung
der Leistung mitwirken, aber sie sind doch in diesen Vorgängen mit ihrem
ganzen Wesen wirksam, und so kann niemals aus dem Zweck der Leistung
ein solches Gebiet konstruiert werden, vielmehr wirken neben der auf die
Leistungen gerichteten Energie in dem Gebiet stets auch die anderen Seiten
der menschlichen Natur mit; die historische Veränderlichkeit derselben
macht sich geltend. Hierin liegt das logische Grundproblem der Wissen-
Dies ist naher beliandelt: Einleittnij? in die Geisteswissenschaften 1 S. 448".
Der Aufbau der geschichtlicJwn Welt in den Geisteswissenschafien. I. 123
Schaft von den Kultursystemen, und wir werden sehen, wie sich zu seiner
Auflösung verschiedene Methoden gebildet haben und sich befehden.
Zu dieser Schwierigkeit tritt eine Grenze, welche der Begriffsbildung
in den Geisteswissenschaften anhaftet. Sie folgt daraus, daß die Wir-
kungszusammenhänge Leistungen realisieren und einen teleologischen Cha-
rakter haben. Die Begriffsbildung ist dalier hier nicht eine einfache
Generalisation, welche das Gemeinsame aus der Reihe der einzelnen Fälle
gewinnt. Der Begriff spricht ehien Typus aus. Er entsteht im verglei-
chenden Verfahren. Ich suche etwa den Begriff" der Wissenschaft festzu-
stellen. An sich fallt unter ihn jeder Gedankenzusammenhang, der auf den
Vollzug einer Erkenntnis gerichtet ist. Da ist nun aber unter den Büchern, die
wissenschaftlichen Aufgaben gewidmet sind, vieles unfruchtbar, vieles un-
logisch, verfehlt. Es widerspricht also der auf die Leistung gerichteten
Intention. Die Begriffsbildung hebt diejenigen Züge hervor, in denen die
Leistung eines solchen Zusammenhangs realisiert ist: das ist die Aufgabe
einer Wissenschaftslehre. Oder ich will den Begriff der Dichtung feststellen.
.Vuch dies geschieht durch eine begriffliche Konstruktion, welcher nicht alle
Verse unterzuordnen sind. Die Mannigfaltigkeit der Elrscheinungen in einem
solchen Gebiet gruppiert sich um einen Mittelpunkt, den der ideale Fall
bildet, in welchem die Leistung vollständig verwirkliclit ist.
Die Erörterung über den allgemeinen Zusammenhang in den Geistes-
wissenschaften ist hiermit abgeschlossen. Die nun folgende Darstellung des
Aufbaues der Geisteswissenschaften wird die einzelnen Methoden entwickeln,
in denen der allgemeine logische Zusammenhang sicli realisiert.
Strategenk(")pfe.
Vom
IV" KEKl'LK VON STUADüNrrZ.
Phü.-hist. Klasse. I'JIO. Abh. II.
Vorgelegt in der Sitzung der phil.-hist. Klasse am 17. Mär/. 1910.
Zum Druck eingereicht am 25. August 1910, ausgegeben am 3. November 1910.
JtLunio Qiiiriiio Visconti liatte von Napoleon (l(>n Anf'ti"i.i>- erlialton, dif
Bildnisse der lii-oßen 3Iänner des Altertums zusanmienzustellen. Die Ikono-
grupliie. die er vorleiite. war eine l>e\vun(lerns\\üi'di<;<', uroße und selbständige
Gesanitleistiiny. Nui- seltene Male ist ei- \o\i seinem frühen Voriiänger
Fnlvins Irsinus aMiänyiger. als man deidsi'u sollti'. Ks sind jetzt hundert
JaJire her, seit der ei-ste Band der leonographie (;rec(iue erschienen ist,
nnd es ist nicht anders in("mlich. als daß sie zum li-uten Teil xcraltet ist.
Das ei'giht sicli schon aus der Erweiterung des archäolonisclien Materials
lind <lem X'orwärtsgehen der wissenschaftlichen Arlx'it, auch aus den
strengeren Anfordeniniicn. die wir heute zu stellen herechtigt sind, (ie-
rado in den letzten Jahrzehnten hat man sich mit Vorliehe mit den an-
tiken Porträts he.schäftiiit. Die Sorgfalt i^cn ZusamnuMistelluntfen und Inter-
suchungen von Bernoulli konnten sich hei'cits auf das unter iler. ^Mitwirkung
von Brunn hegonnene. \(»n Ai'iiill allein weitergeführte große Bruckman-
nische Tafelwei'k licziehen. und es lici;t \(in ausgez<'ichneten (Jelehrten
eine ganze Rf-ihe lehrreicher und scharfsinniyei' l'ntci-suchuniicn und Vcr-
uiutungpu vor. Alx-r nicht umsonst ist der .Miidierr der ikonogra[)hischen
Studien Fuivius Ursinus. Kr und Visconti lialien diesen Studien ihren
Stem[)el antgedrückt. Wie l'rsinus und seine (ienosscn mit heiterer Naivität
unil souveräner Willkür Kclites und rncchtes. Wahres >ind Falsches miscliten,
wie Visconti seine annmlinc. erlindunii-s- und listenreiche (ielehi'sand^eit
spielen ließ, um nur niriyliclist \ iel Bildnisse der (Jroßen des Alti'rtnms
vorzuweisen, so Ix-herrsclit <lie Frau'e »Wer ist darii'estellt V« oder ^ wenn
man das nicht wissen kann — "Ja. wer könnte denn aher möglicherweise
dargestellt sein?'« das yanze Interesse. Freilich, man ist sich IxM diesem
Raten mehr als früher der Schranken liewußt, die die kunstgeschichtlichen
4 K E K r I, F. V () N S T U A I) O N I T z :
KpocluMi setzen, und weiß den künstleriselien und kunstgeseliiclitlichen
Wert eines liochstehenden Eildnisses an sicli zu schätzen. Aber der leb-
liafte und natürliclie Wunseli. zu wissen, wie die größten Persönlichkeiten,
von denen wir hören, ausgeselien liaben, und der Wmisch, die erhaltenen
Bildnisse zu benennen, stört leiclit die ruhige Betrachtung und die Einsicht
in den kunstgeschiehtlichen Znsammeidiaiig oder Gegensatz, ohne die auch
hier nicht vorwärtszukommen ist. Wir werden uns daran gewöhnen müssen,
Avie es in der modernen Kunstgeschichte gescliieht, so auch für die an-
tike die Bihbiisse als Dokumente künstlerischer und kunstgcschichtlicher
Art anzuerkennen, künstlerisclie und knnstgeschichtliche Dokvunente, die
den Vorzug lialx'ii können, <'in l)esonderes geschichtliclies und persönliches
Interesse auf sich zu Aereinigen, die aber, sogar auch um der historischen
(lereclitigkeit sell)st Avillen, vor allem und zuerst kunstgescliiclitlich zu
betrachten sind. Mir schien innner. es komme nicht sowohl darauf an,
durch scharfsinnige Vermutungen die Mögliclikeiten der Wiedererkennung
im einzelnen zu erschöpfen, als vielmehr aus den vorhandenen Bildnissen,
gleichgültig, ob sie bekannt oder unbekannt sind, besondere Reihen und
kleine (iru[)pen zusannnenzustellen und zu verfolgen, um ein Urteil über das
Verhältnis der verscliiedenen Typen und Arten und der einzelnen P.xemplare
zueinan(l(T zu gewinnen. Auf diesem Wege möchten sicli dann auch die
Elemente zu einer wirkliclien ({escliiclite des antiken Porträts finden lassen,
die nocli Bernoulli als außerliall) der Aufgabe liegend, die er sicli gestellt
liat, ausdrücklich abweist.
Hei dem Versuche, den ich heute vorlege, gehe ich aus von einem
Aidsatz über »(n-iecliische Porträtköpfe«, den Hr. Conze in der Archäolo-
gischen Zeitung von i868 zu Tafel i und 2 veröftentlicht hat. Seitdem
hat sich das Material vermehrt, und diesellien Köpfe, die Hr. Conze seineu
Erörterungen zugrunde legte, sind mehrfach auch von anderer Seite be-
sprochen worden. Ich mach<^ aufs neue den Versuch, ihr Verliältnis zu-
einander zu liestimmen: stilistiscli, kunstgeschichtlich. Icli werde den An-
laß hallen, noch andere Vergleiche anzustellen und manche Fragen auf-
zuwerfen. Auf die vorgebrachten willkürlichen Versuche der Namengebung,
liei denen sich die Späteren weniger Zurückhaltung auferlegt haben als
llr. Conze, wird es nicht nötig sein einzugehen. Icli liegnüge mich damit,
die vorgesclilagenen Namen nebeneinanderzustellen. Der einzig sichere
Name ist der des Perikles — weil er aiif den lieiden Inschrifthermen steht.
Strategenköpfe. 5
Conze fiihrt auf: den von Visconti Miltiades genannten Kopf im Louvre,
den einzigen seiner Reihe, der den sogenannten attisciien Helm trägt, den
von Visconti Themistokles genannten im Vatikan, den auf einen Hermen-
schaft mit der Inschrift GewicTOKAfic b naymAxoc willkürlich aufgesetzten Kopf
im Berliner Museum, die beiden inschriftlicli bezeugten Periklesliermen,
den Kopf, der willkürlicli auf die Statue des sogenannten Pliokion auf-
gesetzt worden ist und geholfen liat, dieser iliren falschen Namen zu geben,
und endlich den damals in Paris bei Hrn. Pastoret befindliclien Kopf,
von dem es Conze gelungen war, einen Abguß zu beschaffen, und der den
Anlaß zu seinem Aufsatz ga)). Von dem seitdem Hinzugekommenen sind
am wichtigsten der Perikles im Berliner Museum und die Wieder! lolungen
des Pastoretschen Kopfes; aber die ganze Reilie läßt sicli jetzt sehr viel
vollständiger ausgestalten. Mit Ausnalime des Berliner Perikles, zweier
Repliken des Pastoretsclien Kopfes und eines Kopfes in Madrid liegen jetzt
alle diese den sogenannten korinthisclien Helm tragenden Köpfe in dem
großen, von Arndt bei Bruckmann lierausgegebenen Porträtwerk in Vorder-
und Profilansichten vor. Es felilt darin der von Conze als Porträt ange-
führte, von Visconti Miltiades genannte Kopf in Paris, der den attisclien
Helm trägt. Die im Kapitolinischen Museum vorliandene Wiederholung
dieses Kopfes ist bei Arndt und Amelung, Photograpliisclie Einzelauf-
nalimen antiker Skulpturen Nr. 437. 438, mitgeteilt.
Für die Erlaubnis, eine Anzahl der wiclitigsten für den gegenwärtigen
Zweck in Betraclit kommenden Lichtdrucke aus dem Arndt-Bruckmann-
schen Porträtwerk in Verkleinerung zu wiederholen, bin icli der Firma
Bruckmann und Hrn. Dr. Arndt zu Dank verptliclitet; Hrn. Dr. Arndt auch
sonst für vielerlei freundliche Hilfe. Mein Dank richtet sich ferner an
Hm. Baron Barracco in Rom, an Hrn. Dr. Jacobsen in Kopenhagen, an
Hm. Dr. Oppermann und Hrn. Wilhelm Tryde ebendort, der die neuen
Photographien des frülier Pastoretschen Kopfes aufgenommen liat, an Hrn.
H. Egger in Wien, Hrn. E. Michon in Paris und Hrn. Dr. PoUak in Rom.
a. Kopf in der Glyptothek in Münclien.
Amdt-Bruckmann, Griechische und römische Porträts, Tafel Nr. 21.22
(1891). Brunn, (Uyptotliek' S.48, Nr. 40. Furtwängler, Glyptothek ( 1 900)
S. 53, Nr. 50 (Zweite Auflage (1910) S. 56J. Friederielis -Wolters Nr. 232.
Kekul E VON Stradonitz
»Kopf eines Kriegers Parisclier Marmor. H. 0.54 Frülier
in Dodwells Besitz Die Arbeit dieses Kopfes eines spitzbärtigen
Kriegers mit korintliiscliem, nacli liinten zurückgeschobenem Helme ist eclit
altertümlich griechisch. Der Zeit nach steht er etwa den Figuren des
vorderen äginetischen Giebels gleich;
welcher Kunstschule er angehört, läßt
sich leider nicht bestimmen. Während
er in der Strenge und Sorgfalt der for-
mellen Durclibildung den Ägineten nach-
stellt, übertrilTt er sie im Ausdrucke in-
dividuellen Lebens und gewinnt durcli
die unregelmäßige Stellung des Mundes
sogar einen ganz porträtartigen Charakter.
Die Augensterne sclieinen bemalt gewesen
zu sein. Das kurzgeschnittene Haupthaar
ist noch in typisch regelmäßigen Löck-
chen geordnet; im Bart zeigt sich bei
massiger, aber richtiger Anlage des Gan-
zen ein Bestreben, zu einer naturge-
mäßeren Beliandlung der Oberfläche zu
gelangen. Eine gewisse Nachlässigkeit
"■ in der Ausführung des auch in der An-
lage zu dicken Halses dient zum Be-
weise, daß der Kopf nicht zu einer Statue geliörte, sondern ursprünglich
als Herme gearbeitet war.« Brunn.
«Es scheint, daß dieser Kopf gleicli als Herme gearbeitet war; das
führt darauf, ihn für ein Porträt zu halten, wozu der — allerdings viel-
leicht nur zufällig — etwas schief stellende Mund und das auch sonst siclit-
bare individuelle Leben paßt.« Wolters.
«l'()rtrnfko[)l' eines grieehiselien Feldherrn aus der Zeit der Perserkriege.
1820 aus (l(>r Sannnluiig Dodwell in Rom erworben: wie die übrigen Stücke
dieser in Kom gebihleten Sammlung stannnt aueh dieses ohne Zweifel aus
Italien. Der Marmor ist feinkörnig und wahrscheinlich italisch. Der Kopf
ist stark, al)er geschickt ergänzt, ganz in der Art wie die Ägineten und
nach (lern Vorbilde (lies(M-, mit künstlicher Korrosion und Färbung des
Marmors. Es sind modern die Nase, der ganze vorspringende Teil des
Strateyenköpfe. 7
Bai-tos, die untere Hälfte Ix'ider Oliren und fast der ganze Helm; antik
sind an diesem nur die beiden Nel)enseiten; der ganze obere und hintere
Teil sowie was vorne vorsi)rin,i>t, sind ergänzt: die Form war indes durch
das Erhaltene gegeben. Audi das zwischen den Augenlöchern am Ober-
kopfe ersclieinende Haar geliört zu den Plrgänzungeu. Der Hals mit einem
kleinen Stücke der rechten Brust ist antik: durch die Formgebung dieser
Teile wird es wahrscheinlicli, daß (hu- Kopf von ehier Hernie al)gebroclieii
ist. Va- ist lel)eiisgroß Der Koj)f ist durchaus nicht, wie man gemeint
liat, eine original griechische Arbeit, sondern leider nur (Miie rrmiisclie Kopie
nach einem griechischen Originale der Zeit der Perserkriege Fin
feineres Eingehen in individuelle /Äige ist <ler Kunst jener Zeit noch V(")llig
fremd; sie stellt nur die tv])isclieii allgemeinen Züge des Menschen dar
und von individuellen bringt sie nur wenige bucht faßliche Äußerlichkeiten,
wie Haar- und Barttracht. Hier sciieint indes auch in dem schräg ver-
zogenen Munde ein Versuch indi\ idueller Bildung vorzuliegen Daß der
Kopf nur Kopie ist. wird endlich auch dadurch bestätigt, daß neuerdings in
Koni eine Replik \h\ zutage gekonunen ist. die freilicli von weniger gut(M'
Kopistenarbeit ist. .\ucli eine dritte Replik |r| läßt sicli nachweisen, an
welcher nur das (lesicht völlig überarbeitet worden ist Die Tatsache
der Existenz mehrerer Kopien römischer Fpoche beweist aber, daß ein aus
irgendeinem (irunde berühnit<'s Original Norlag. Schwerlich wird die kiiiist-
lerische Eigenart <les Kopfes der (Jrund gewesen sein, viel waiirseheinlicher
war es seine Bedeutung: es wird der I)ai-gest(>llte ein berülimter !\Iaiin.
ein vir illustris, gewesen sein, dessen llernienlnld der gebildete Römer
gerne aufstellte Wir haben es mit der letzten Stufe der archaischen
Kunst zu tun. Jene Ähnlichkeit mit den Agineten geht aber durchaus
niclit so weit, daß wii- dieselbe Sciiule für das Original annehmen dürften.
Es könnte dies sehr wohl attisch gewesen sein. Wenn wii' aber nach einem
nocli in späterer Zeit berühmten Strategen jener Fi)oche suclien. fällt uns
zuallererst gewiß Miltiach's ein. Fs ist in der Tat recht möglich, daß wir
liier die Kopie eines ^Miltiades darstellenden Werkes der Zeit zwischen 490
und 480 vor uns hai)en. Miltiades" Statue befand sich in der großen, vom
Staate der Athener als Dank für die Schlacht von ^Marathon nach Del[)hi
gestifteten statuarisclien (iru[)pe. Der Kopf könnte auf diese zurückgehen:
doch mag es auch private Darstellungen des .Alannes aus jener Zeit gegeben
liaben. « Furtwän(u.er.
8
K K K U L K VON S T K A 1) O N I T Z :
h. Kopf in Rom, Museo Barracco.
Catalogo del Museo di scultura antica. Fondazione Barracco (1910),
S. 26, Nr. 79. Vgl. Furtwängler, Glyptothek, S. 55. [Zweite Auflage, S. 57.]
»Testa arcaica di guorriero con elmo corinzio. — Nel Museo di Mo-
naco se ne trova una siniile. — Ristaurati il naso e la punta della barba. —
A. 0.48. Marmo pentelico.« Barkacco.
Mir liegen durch die Güte der IUI. Arndt und Barracco Photogra-
phien vor. Danach ist der Kopf auch sonst etwas beschädigt und er sieht
verwaschen und matt aus.
c. Kopf in Villa Albani in Rom.
Indicazione antic^uaria per la villa suburbana dell" eccellentissima casa
Albani (1785), S. 11, Nr. 38 »erma di Amilcare«. Beschreibung der Stadt
Rom III, 2, S. 477. 3IorceIli, Fea, Visconti, Description de la villa Al-
bani aujourd'hui Torlonia (1870), S. 7, Nr. 30. Furtwängler, Glyptothek
S. 54. 55 [Zweite Auflage S. 57. 58].
Struteyenküpfe. U
"Guenier, liermös grand conime nature, marbre de Luni. — Ce por-
trait est coitVe du cas([ue. La chevelure, en petites toulVes rap})elant les
chevelures africaines. la tait prendre pour cehii du fameux Amilcar, et on
y a mis ce nom: iiiais il taut le tenir pour inconnu jus([u ä ce (jue Ion
ait ä ce sujet des donnees plus certaines.« Description (1870).
»Die dritte Replik |zu u und h\ mit gänzlich überarbeitetem Gesicht
ist in Villa Albani Nr. 30, ein alter Abguß davon in der Akademie der
Künste zu München.« Fi ktwänulkk.
Photographien kenne ich durch die Güte des Hrn. Dr. Arndt. Da-
nach ist der Kopf in die Herme ein.iiesetzt, aber ich kann nicht angel)en.
wie weit er antik und unberührt ist. Die t^berarbeitung scheint ebenso
wie die Ergänzung hauptsächlich die ganze Vorderseite betroffen zu haben.
Außer dem vorderen Teil des Helmes wird auch noch das Stück hinten
neu sein. Die Nase ist ergänzt und die abgebrochene Spitze wieder an-
gesetzt. Neu ist ein Teil des rechten, wie es scheint, und des linken Ohrs.
A. \\ opf in .AIü neben.
.\rndt-Briickniaiin Tafel 417.418. Brunn, (dyptl^thek^ S. 2 i 2 f., Nr. 157.
Furtwängler. (ilyptothek. S. 307 f.. Nr. 299. [Zweite .\iiflage, S. 326 C. | Ber-
noulli I. S. 9S f.
»Kopf eines griechischen Feldherrn, von pentelisehem Marmor, lebens-
groß Das llermeiistiick ist ergänzt (mit diesem Höhe 0.64I: neu sind
auch die Na.se und das vordere Ende des Helmes. Der Hals ist antik.«
Fri;rwÄN(;i,r.i;.
»Die Züge des Münchener Kopfes stimmen mit den sicheren Bild-
nissen des I'erikles überein. Eine Abweichung findet sich nur in den
Haaren, die hier nicht in kurz geschnittenen Lücken unter dem Helme
hervortreten, sondern lang und gescheitelt über die ."schlafe zurückgestrichen
sind. Die .\usfuhrung ist aus später Zeit. Die nackten Teile des (ie-
sichts scheinen allerdings durch starkes Putzen sehr üciitten zu haben:
aber auch in der Hehandhing des Haares fehlt durchaus die Frische und
Leichtigkeit der Hand.« Brunn.
>'F"s ist ein härtincr .'Mann in dei- Hlütc der .laiiri' mit dem zurück-
Ljeschobencn koi-iiitliisciieii Heime <lari>esicill. den die altisclicn Slrateii-eii
im 5. .bdiriiiindert zu trauen ptlctiteii. Nur W(t;cii dieser (Ix'i'eiiislinuuung
Phil.-hist. Klaxse. J!)JO. AU. IL 2
10
K E K U L E VON S T R A I) O N I T Z :
lijit man den Kopf Periklcs ,i>on;nint, wälircnd er sonst von dessen Porträt
total verscldcden ist. Der Mann trägt längeres Haar, das vorn gescheitelt
inid zurückgestrichen, Idnten in Kollc anfgenoninien ist. An den Seiten
des Helmes kommt ein Itreiter Lederstreif' des Futters lieraus. 0))en auf
dem Helme der Rest eines eisernen Stiftes, wolil zur Anfügung eines
leichten Busches von Bronze. Der Bart ist stark gelockt und in der
Mitte geteilt ; auch der Schnurrhart
ist lockig; er läßt die Lippen ganz
frei, die voll und lel)endig ge-
schwungen sind: der Mund er-
scheint klein und sinnlich scliön;
die Umrahnning des Bartes wirkt
ül)eraus elegant. Im Knde jeden
Bartlöckchens ist ein Bohrlocli. Die
Stiriie ist kna})i). aber reich mo-
delliert: in der Mitte ist eine tlache
llöldung. an den Seiten ist sie
stark vorgewölbt. Die Augeidider
liegen knapj) am Anga])fel an. Die
Haartracht weist in die vorjx'il-
kleische K[)oc]ie. Stilistisch ist der
Kopf nahe verwandt einem Porträt-
kopfe ausgesprochen myronischen
Stiles in St. Pet(Tsl)urg. Auch der
Münchner Kopf ist die Kopie eines
attischen Werkes der myronischen
Kuustriclitung. und^zwar der Zeit um 460 — 450 v. Chr. Da der Kopf in
röuüscher Zeit kopiert ward, stellt er wahrscheinlich eine bekannte Per-
sönlichkeit vor. Man darf bei diesem schönen eleganten ^lainie. einem
atlienischen Feldherrn jener Ejxjclie. wf)]d als naheliegende Mögliclikeit
an Khnon denken, l^s ist gut überliefert, daß dieser schön und groß
gewesen und volles dichtes Hauptliaar getragen habe: die besonders im
Peloponnes heimische 3Iode. das hinten lange Haar in eine Rolle aufzu-
nehmen, die wir an unserem Kopfe fanden, würde zu dem den Peloponne-
siern so geneigten Kimon besonders passen.«
FURTWÄXGLEK.
Strategenköpfe.
11
B. Oberer Teil einer Herme, im Vatikan.
Arndt-Bruckmanii 271. 272 (1896). Heibig, Führer' (1899) I, S. 169,
Nr.273. Friederichs-Wolters Nr.482. Bernoulli I, S. 211. Graef bei Toepffer,
Pauly-Wissowa I, 2, S. 1532. Studiiiczka, Neue Jahrbücher III 1900,8.173
Anm. 3.
»Neu: Vorderteil des Visiers (Viscontis von Friederichs-Wolters wieder-
holte Angabe, die Nase sei neu, ist nach Heibig und nach meinen eigenen
Notizen falsch). Geputzt. Augensterne
leicht eingerissen. An der Herme be-
finden sich an Stelle der sonst üb-
lichen Armlöcher runde Löcher mit
Bronzestiften und nach oben gellendem
Ablaufe.« Arndt.
»Man hat in diesem Kojife ein
Bild des Themistokles erkennen wollen,
doch ist dies mehr wie unsicher. Vor
allem ist der Stil jünger, als wir ihn
für dessen Zeit voraussetzen müssen,
ja selbst jünger als Phidias, wie ein
Vergleich mit dem Porträt des Perikles
lehrt. Aber ein Feldherr, und zwar
ein attischer Feldherr etwa des vierten
Jahrhunderts, scheint dargestellt zu
sein.« WoLTKRS.
"Nach einer Vermutung B.Graf.ks
ist der scheine, behelmte Kopf im \'a-
tikan, den Wolters bereits mit Recht wegen seines jüngeren Stiles dem
Themistokles abgesprochen liat, auf Alkibiades zu beziehen. Der Kopf stellt
einen schönen, jugendlichen Feldherrn mit langem Haupthaar dar und zeigt
nach Grakf eine so große stilistische Verwandtschaft mit Kephisodot, daß
er ihn am liebsten für ein Werk aus der Hand dieses Künstlers halten
möchte. « ToEi'i FEK.
»Diese Hennenbüste kann nicht T]u>inistokles darstellen, da
ihr Stil frühestens auf den Anfang des vierten Jahrhunderts v. Ghr. hin-
weist und es ganz unglaublich scheint, daß noch damals ein Porträt des
großen athenischen Staat.smanues geschalTen worden wäre. Vielmehr wird
2*
B
12
Kekui, K VON Stradonitz:
man sie auf eine einer späteren Zeit angehJh-ige Pers(>nlichkeit zu deuten
haben Der Ausdruck und die elegante Anordnung des Haupt- und
Barthaares erinnern an die dandyhafte Richtung, welche bald nach dem
Ende des peloponnesischen Krieges in den vornehmen athenischen Kreisen
maßgebend wurde, eine Richtung, der sich selbst der große Piaton und
seine Schüler nicht zu entziehen vennochten . « Helbig.
» Worauf Graefs Vermutung, der Kopf stelle Alkibiades dar, be-
ruht, ist mir unbekannt Furtwängler (Meisterwerke S. 275 Anm. 2)
hält diesen sowie den auf den Tafeln 275 — 280 |iii meiner Aufzählung G,
H, J] abgebildeten Typus für Werke eines dem Kresilas nahestehenden,
aber etwas jüngeren Künstlers, als welchen er Demetrios von Alopeke ver-
mutet. Meines Erachtens gehcirt der Kopf noch in das fünl'te Jahrhundert,
in dessen letzten Dezennien sich die stilistischen Analogien für Haar- und
Augenl)ehandhmg finden. Einem l)estimmten Künstler den Typus zuzuschrei-
ben, halte ich für zu gewagt. Re[)liken sind mir niclit bekannt.« .Vrndt.
Graefs Benennung stimmen bei Stidniczka und Bernotimj.
C. Perikles, Koi)f in Berlin.
Abgel)ildet im Berliner Winekel-
maimsprogramm 1 901, Tafel 1 und II
(vgl. Tafel III, I und Text S. 4, 5, 6).
Besprochen ebenda: Kekule, über
ein Bildnis des Perikles.
Der in Lesbos erworbene Kopf
ist aus pentelischem Marmor. Er
ist etwas größer als die Natur; die
Gesichtslänge von dem unteren Ende
des Bartes bis zum Haaransatz unter
dem Helm beträgt etwas mehr als
20 cm. Er war zum J^insetzen be-
stimmt, wie der große, rundliche,
nach unten sich verjüngende, rauli
gelassene Zapfen zeigt. Die Vertie-
fung vorn in dem Bruststück ist nicht
ursprünglich, sondern der Marmor
Strategenköpfe.
13
ist an dieser Stelle ausgesprungen. Der Sprung hat auf der Vorderseite
Hals, Gesicht und Helm verschont; hinten erkennt man dieselbe schwache
Schicht im Marmor an dem Riß, der von dem Helm in den Hals herabgeht.
Nase und Helm sind am meisten auf der rechten Seite des Kopfes beschädigt.
An der Rückseite sind Helm, Haar und Hals nicht genauer ausgearbeitet.
Bei der Aufstellung in Berlin ist vorausgesetzt worden, daß er, wie die Ex-
emplare im Vatikan und in London, ursprünglich der Teil einer Herme ge-
wesen sei, und er ist in ein Hermenstück aus Gips einmodelliert worden.
D
14
K r K IT L E VON S T R A D O N I T Z ;
D. Perikles, Inschriftlierme im Vatikan.
Arndt-Bruckmann 413. 414 (1898), nur mit dem obersten Teil des
Hermenschafts. Die Insc-lirift lautet TlepiKAHC iANeInnoY AeHNAToc. Es gibt
Photographien mit einem größeren Teil des Schaftes, die die Stelle der
Inschrift und den Charakter der Buchstaben deutlich erkennen lassen. Ein
Abguß mit dem obersten, aber hinten weggeschnittenen Teil des Schal'tes ist
im Berliner Museum, Inventar der Gipsabgüsse Nr. 2365. Hell)ig, Führer 1%
S. 180 f. Nr. 288, BernouUi I, S. 108 ff. Winckelmannsprogramm 1901.
»Erhalten ist die ganze Herme, die die Inschrift . . . trägt. Der Schaft
der Herme war in der Mitte gebrochen; der Penis ist verschmiert. Der
untere Block der Herme ist neu; darüber, am unteren Ende des alten, Si)uren
von roter Farbe. Der Kopf ist vom Hals, die Gesichtsmaske vom Hinter-
Strategenköpfe. 1 5
schädel einmal gebrochen gewesen. Ergänzt sind: Nasenspitze, Vorderteil
des Visiers und einige andere Stücke des Helms, die linke Schulter. Ein-
zelnes ist gellickt, das Ganze stark geputzt. Bohrerarbeit in den Locken.«
Akndt.
E. Perikles, Inschriftherme in London.
Arndt-Bruckmann 411. 412 (1898). Aul" dem Ober.stück die Inschrift
TTepiKAHc. A. H. Smith, A Catalogue of sculpture (London 1892) 1 S. 288
Nr. 549. Friederichs -Wolters Nr. 481. BernouUi I S. 106 ff. Winckel-
mannsprogramm 1 90 1 .
»Restorations: Nose, and small parts of helmet. « A. H. Smith.
F. Kopf, wohl als Perikles gemeint, bei Barracco.
Arndt-Bruckmann 415. 416 (1898). Ilelbig et Barracco, La Collection
Barracco Tafel 39. 39a. BernouUi 1 S. 1 1 7 f Winckelmannsprogramm 1901
S. 7. Catalogo del Museo di scultura antica.
Fondazione Barracco (19 10) S. 27 Nr. 96.
»Pentelischer Marmor. Herme und NaU-
ken neu .... Leider sehr schlecht erhalten.
Die Kopie scheint geschickt, aber nicht sehr
getreu gearbeitet gewesen zu sein; zur Re-
konstruktion des Originals dürfte sie kaum
in Betracht kommen.« Arndt.
G. Kopf in der Glyptothek
Ny Carlsberg in Kopenhagen.
Früher beim IMarquis Pastoret in Paris.
Abbildung nach dem Original auf Tafel 1
und II. Arndt-Bruckmann 275. 276 (nach
einem Abguß. 1896). Nach dem Original
ist die kleine photographische Abbildung- auf
Tafel XXXII in dem Bilderwerk NyCarlsl)erg y
(dyptotek Billedtavler tit Kataloget over
antike Kunstwa-rker 1907, die auch l)croits die liauptsächlichsten modernen
J^rgänzungen erkennen ließ, vor allem die Herme, in die der Kopf ein-
1 () K E K U L E V O N 8 T R A ]) ü N IT Z :
gesetzt ist. Jacobsen, Ny Carlsberg Glyj)totek. Fortegnelse over de antike
Kunstwjorker (1907) S. 157 Nr. 438. Archäologische Zeitung 1868 Tafel i
S. I f. (Conze). Friederichs -Wolters Nr. 484. Mariani im Bullettino coinu-
nale XXX (1902) 8.7!'.
»Strateg. Herme. M. — Nspsen. det 0verste af Fanden og af Hjselmen,
samt det meste af Hermestykket er fornyet. Lidt over naturlig St0rrelse.
Det characteristiske Hoved forestiller en Feltherre fra den peloponnesiske
Krigs Tid. Smukt udf0rt. Efter den tidligere Eier kaldes det ofte Pastorets
Hoved. — h. 0,42 fra Skjfpg til Hjelmtop. « Jacobsen.
»Wen dieser schöne und echt griechische Kopf vorstellt, wissen wir
nicht. Man hat ihn dem Perikles zugeschrieben, dessen Büsten aber keine
Ähnlichkeit mit ihm haben. Dem Stile nach scheint er allerdings nicht
lange nach Perikles entstanden, und auch die Deutung als Bildnis eines
Staatsmannes wird das Richtige treffen.« Wolters.
IL Kopf, in Rom, Anti(|uarium im Orto Botanico.
Aus den Grotten unter dem Quirinal. Abbildung auf Tafel III. Bul-
lettino comunale XXX (1902) Tafel I. II. S. 3 ff. (Mariani).
»La testa, poco piü grande del vero, e in marmo greco di grana
sottile e sfaldabile, molto probabilmente pentelico; r alta m. 0.50 dalla cima
deir elmo fino all" orlo del collo, intagliato in modo da essere inserito in una
statua o in un erma o busto che sia. Dalla visiera dell elmo alla estremit<ä
della barba e alta m. 0.27. Rappresenta uno stratego greco, come di-
mostra 1' elmo corinzio tirato indietro sul capo. E un uomo adulto di
circa 40 — 50 anni, barbato e con folta chioma: barba e capelli sono lanosi,
scompigliati e alquanto ricciuti. Nella fisonomia sono notevoli la faccia
hirga, con forti zigomi, gli occhi, senza indicazione dell iride, grandi ed
aperti, entro un" orbita profonda, incorniciata in alto d;il sopracciglio non
troppo folto, ma regolare e a spigolo netto; 11 naso. che e in gran parte
rotto, doveva esser grande e largo alla base; grande e la bocca e caratte-
ristico il labbro inferiore largo e spianato: i baffi folti si partono dal labbro
superiore, come la barba dal volto, con un contorno netto, come se le
guancie fossero rase al conlinc coUa barba. Barba e capelli sono divisi in
ciocche, solcate nel mezzo, che al loro nascere si partono diritte e tese,
Straleyenköpfe. 1 7
per poi attorcigliarsi in riccioli ben distiuti, ma irregolari. nei quali lo
scultore lia adoperato qua e lä il trapano per rilovai'e gli scuri piü pro-
fondi. I capclli giungono sul davanti delle oreechie sino all" altezza della
bocca, sulla iiuca sono tirati innanzi (juasi a confondersi colla barba, ma
lasciano interamente scoperti gli oreeclii: i baffi si uniscono alla barba
mediante due lunghi riccioli pcndenti ai lati della bocca Oltre ai
guasti giä enumerati, c' ('■ da notare qualche sclieggia mancante nelle spor-
genze dei riccioli e la visiera dell' elino, le cui occliiaie non sono sfondate.
La testa non poggia perpendicolare sul collo, ma e leggermente piegata
verso destra e inclinata, linea che non corrisponde esattamente colla nor-
male deir elmo, il che da al ritratto una certa asimmetria, che va d" ac-
cordo col modo in cui sono modellate tutte le parti del viso non aventi
nulla di schematico L arte cui appartiene un tale ritratto non scende
fino ai tempi ellenistici o romani 1" originale, dal quäle e copiato
deve appartenere alla prima metä del IV sec. a. C In tipo
contemporaneo ('■ effigiato nella testa Pastoret, la (|uale somiglia
molto alla nostra per essere il ritratto d" un uomo cerlaiucntc di casta non
molto eU'vata I capelli tuttavia sono piü lunghi e nascondono inte-
ramente le oreechie e il dettaglio delle ciocche della barba e altri tratti
del viso dilTeriscono in modo che non si puö asserire con sicurezza che
nei due casi trattisi d" una stessa persona in due periodi, non molto discosti
perö, della sua vita. Identica r invece la testa di Monaco, proveniente
dalla Villa Albani [./J Rallegriamoci duncjue che 1' esemplare teste
scoperto ci faccia conoscere innitcr.ita la fisonomia d" uno stratego greco,
forse attico, se il inarmo attico ö un buon argomento, il ((uale deve essere
fra i rinomati, se del suo busto esisteva piü d' una rii)roduzione.«
»II ßernoulli, a pro[iosito della testn di .F'ocioiie- |P|. nota come tutti
• luesti ritratti possono rappresentare o Cabria, o Ilicrate. o Timoteo, o altri
meno celebri generali di (|uel tempo. Per 1" etä in cui visse. per !a du-
rata della sua vita, per 1' origine volgare, pel cjirattere pieno d'energia.
il tipo d' Ilicrate parrebbc meglio degli altri incarnato nei ritratto del Qui-
rinale. Di Ificrate viene ricordata una statua di bronzo, posta all" ingresso
del Partenone, erettngli sotto 1" arcontato di Alkisthenes, nell" Oliuqiiade
I02, I (372 — I) in memoria della distruzionc da lui fatta dell" esercito
Spartano nei 392 a. ('. Nei 372 Ificrate aveva 47 anni, 1" etä che per 1' ajipunto
dimostra il ritratto del (Jiiirinale.« Mariani.
Phil.-hist. Klause. 19/0. Ahh. II. 3
18
K E K l! L E ^■ 0 N S T R A I) f) N I T Z :
" Silanion, autore di ritratti di ricostruzionc c studioso di re-
golc accademich(>. dovcva csserc mciio rcalista dcl suo piu vccchio coiitcm-
poranco Dcmctrio, al (jualc, sia per 1' ctä. sia per lo stilc, sarei propeiiso
ad attribuirc il iiostro ritratto. « Mariani.
J. Kopf in MüncJicii.
Ariidt-Bruckmaiui 277. 278(1896). Brunn, ülyptotlick Nr. 159. Furt-
wäii,n'lcr. Gly[)tot]i('k S. 311, Nr. 301 |Z\v('it(> AiiClaiic S. 330f.|. Fricdcriclis-
Wolters Nr. 483. Mariani, BuUcttino
comunalc XXX (1902), S. 8 ff.
"Porträtlicrmc eines uriedü-
sclien Feldlierrn, von [)enteliscliem
Marmor Der Hals und das
Oberteil der Herme sind antik; es
sind nur die .i>latten Vorder- und
Seitentlädien des llermenstückes
modern überarbeitet; auch ist der
untere Rand des Helmes hinten alt;
allein die ganze ol)ere Hälfte des
Kopfes von der Mitte der Nase nach
oben, ferner die Nase selbst, ein
großer Teil der ()lierllpj)e und meh-
rere Bart- und Haarenden sind er-
gänzt. P]in \ ollständigeres Exem-
plar dieses Kopfes befand sich in
Paris bei einem Herrn Pastoret |G]
und ist durcli Abgüsse bekannt. Aus
demselben erhellt, daß die kurzen Locken über der Stirne an unserem
Kopfe uiu-ichtig ergänzt sind. Der .Alann liat weiclies längeres Haar, das
in Wellen von deii Seiten über die Ohren Iierabfällt: im Nacken ist das
Haar al)er kurz abgescJniitten und gescheitelt. Der Bart legt sicli am Kinn
eng an und ist hier ein wenig gescheitelt; nach unten fließt er lose herab.
Haar und Bart sind an dem Münchener Kopfe sehr sorgfältig gearbeitet,
wälirend das vollständige Pastoretsclie Exemplar nur eine thichtige. im Detail
nachlässige Kopie ist. Die Lockenenden sind aufgerollt in der im fünften
Strategenköpfe. 19
Jalirliundort übliclieii Stilisierung. Die losen Zipfel des Haares um <lie Ohren
erscheinen wie vom Winde erfaßt. Vermutlicli stellt der Kopf einen Spar-
taner dar. indem diese gern das lange H;iar trugen, und zw;ir einen Fehl-
herrn des peloponnesisclien Krieges: denn in diese Zeit weist der Stil des
Koi)t'es. Man kann ctAva an Lysander denken (vgl. Plut., Lys. i). Der Kopf
ist waiirscheiidicli aucli cliaraktenstisch für die Kunstrichtung des großen
Portr;itl)ildners Denietrios.« Furtwänglek.
Brunn und Wolters iiatten den Kopf unriclitig,. statt mit dem Pa-
storetschcn Kopf G. mit dem von Visconti einst als Themistokles bezeich-
neten, in meiner Aufzälduny B. verglichen.
K. Kopf im Besitz des Hrn. Pollak in Rom.
Mir, durch die Güte des Besitzers, durcli Pliotograpliien liekannt.
»Replik des von Mariani aus dem Mayazzino comuiiah' pnhlizierten,
liisher unhenannten Strategen \H\. Im ganzen 46 cm hoch, pentelischer
Marmor. Das Wasser hat die i>anze Front selir zerstört, so daß, in Gips,
das Vorderteil des Helmes iiis zum Ende des Nasenscliutzes, dann die Au.^cn,
Nase und Lippen eri^Whizt werden mußti'n.« Pollak.
Die .Vugen sind hohl, und zwar ist dies, wie der Besitzer ausdrücklieh
he.stätigt, ursprünglich.
L. Kopf in Villa Alhaiii in Rom.
Arndt-Bruckmaini 279. 280(1896). Indicazione antiquaria (i 785) S.ii.
Nr. 34 oder S. 12. Nr. 5o(?). Beschreihung der Stadt Rom 111, 2 S. 477. Anm.
Morcelli, Fea, Visconti, Description ( i 870) S. 9. Xr. 40. Furtwängler, Meister-
werke S. 275. Anm. 2.
»Portrait inconnu d un i>;uerrier harhu, hernies en marliri' grec. On
a pretendu (|ue cet hermes, (jui est dune i'xecution remar([ual)le, etait le
Portrait d'Ainiil)al, dont le nom y l'ut meme grave ä Tepofjue du fondateur
de la Villa.« Description.
»Neu: die Hernie; ülter die sonstigen Kryänzunucn des Kopfes hin ich
infoltce der schon melirfach erwähnten vollständigen Unzugänglichkeit der
Villa zur Zeit nicht imstande. Genaueres anzniichi'n. Nach Ausweis des
Liclitdruckes scheinen nocli die Nasenspitze und der ohere Teil d(\s llehnes
neu zu .sein. In der \'illa 'llannihaF genannt." Arndt.
3*
20
Iv K K u I, i: ^• O N S T li a d o n i t z
»Die drei letzterwähnten Köpfe [G, I, L\ liat als Wiederholungen des-
.sel))en Typus Furtwängler a. a. 0. [Meisterwerke S. 275, Anm. 2] zusammen-
gestellt. Der .... Münehner Kopf w;ir frülier fälselilieli fiir eine Re])lik
des vatikaniselien sog. Themistokles \B\ angeselien worden. Oh die Ver-
seliiedenheiten, die ilni vom Pastoretsehen Kopfe trennen, mir auf Reehnnng
des Ko[)isteii zu s(;tzen sind, wie Furtwängler will, ist mir zweifelhaft.
So sind z. I). die llaarpartien ül)er dem linken Ohre in der Profilansieht
der Köpfe stark versehieden, und aueli in der Vorderansieht zeigen sieh
heträehtliehe Al)weicliuiigeii im Arrangement
der Bartlocken auf dem Kinn. Der Alhani-
selie Ko])f, olierfläeldieli gearheitet und stark
verriehen, stimmt in einer p]inzellieit, wie der
Locke seitlieh von) rechten Auge, mit dem
Ko[)fe Pastoret ül)ereiii, von dem ihn al)er
— vorausgesetzt, daß an Ix'iden Köpfen diese
Partien antik sind — die mangelnde Angahe
der di(> Stirn Ix'greiizenden Ilaare unter-
scheidet. Aucli in der Beliandluiig der seit-
lichen Haarpartien über den Olireii scheint er
sieh mehr zum Münclincr Kopfe zu stellen.
Nach meinem Dafürlialten müssen wir, hevor
wir nielit genau im einzelnen ülier die Ergän-
L Zungen des Pariser und des römischen Ko])fes
unterrichtet sind und l)evor wir ferner niclit
klar erkannt lialien, his zu welchem Grade ein Original im .Vltertum durch
Kopist<mhand verändert worden ist, die Frage über das Verliältnis der drei
Köpfe zueinander als offne l)etrachten. Furtwängler sclireiht das von ilmi
für die drei Köpfe vorausgesetzte Original dem Künstler des o1)en [zu
Tafel 271. 272] besprochenen, stilistisch älteren vatikaniselien Tliemistokles
|in meiner Aufzählung B\ zu; er vernmtet als diesen Künstler einen dem
Kresilas verwandten, jüngeren Genossen, den Demetrios von Alopeke. Zeit-
lich dürfte er damit das Kiclitige getroffen lial)en. Die Originale der drei
Köpfe werden um die Wende des fünften und vierten Jalirliunderts ent-
standen sein.« Arndt.
Dazugekommen ist der Kopf im Orto Botanico \H] und der bei
Dr. Pollak \K\.
Strategenküpfe.
21
M. Kopf in Villa Albaui in Rom.
Arndt-Bruclvmaiin 287. 288 (1896). Iiidicazioiic aiiti([uaria (1785) S. i i,
Nr. 39 (erma di Lcoiiida, sc noii piu tosto di Fcriclc). Besclircibujig der
Stadt Rom HI, 2 S. 477.Aiini. MorccUi, Fca, Visconti, Descri[»tioii (1870)
S. 7f., Nr. 31.
»Guorrior, licrmös graiid commc naturc, niarl)rc de Liiiii. Noiis avoiis
dans cot licmies les traits de quel([ue ccle1)rc clief" de Tantiquitc, mais ricii
n'autorisc» ä y voir le fameux Leonidas,
comnie on en eut l'idce ä repo([ue du Car-
dinal All)ani, ([ui fit memc mettrc ce noni
sur Uli cöte de lliermes.« Description.
»Sog. Leonidas. Neu: die Herme;
weitere P^gäiiziingeii l)iii icli zur Zeit iiiclit
in der Laifc anzugeben. Nacli Ausweis des
Druckes scheinen aucli größter Teil der
Nase und oberer Teil des Helmes neu.
Der i)atlictisclie Ausdruck der Augen und
ihre Bildung im einzelnen sowie die Wen-
dniig des KopCes zur Seite erinn<'rii an
Werke der zweiten attisclien Scliule.«
Arndt.
Hier wegen einer entfernten Ver-
gleichbarkeit mit G, II, J, K angefülirt. .1/
ins. IUI
Loii \ re.
mm: KojiC in P
Description des anti([iics du .'\lusee Royal coniniencee par leii .M. le
Ch' Vi.sconti, continnee par M. le ('" de Clarac, Paris (1820), S. 232. Nr. 594.
Catalogiie soniiiiaii-e des marbres anli(|ues ( i 896), S. 16, Nr. 278. Henioulli I,
S. 94. Furt wängler, .Meisterwerke, 8. I 27. Vi^l. zu MM\ Plioiogra|)hien
venlanke ii-h di'r gefälligen N'ermittluiig des Hrn. litienne Michon.
»Miltlade, heniies, inarbre pentelifpie. 11. 0.568 111. I ]). 9 p. — ('e
Portrait est cclui de Miltlade, ainsi qu'on l'a pronve dans riconogi-apliio
gi-ec(|ue pl. 13. II faut remarquer lo taureaii l'iirieux de Marathon sculptc
sur la partie t\y\ casque qui desccnd sur le cou: cet embleiiie fait allusion
au lieu oü ce capltaine athenien reniporta sur les Perses uiie victoire ä
Jamals niciiioralile. Vil|la| Alb|aiii|.'< Visconti.
22 Iv i: K U L K V O X S T K A I) < ) M T Z :
«Voici quelles sont les pnrties restaurces du buste du soi-disant Miltiade.
Je crois que vous les roconnaitrez facilement sur les reproductions avec
les indications suivantes: le cimier en a\ ant et un morceau du devant
du casque. une piece au sourcil droit (visible sur la vue de face), tout
MM'
le nez, la levre superieure avec la moustache, presque toute la barbe en
avant, une meche de cheveux sur le cnte, le bord du couvre-nuque ä
droite (visible sur la vue de profil), diverses pieces ä riiermes (vue de
lace et de profil).« Michon.
MM''. Kopf in Rom, im Kapitolinischen 31useum.
Stanza de' filosofi Nr. 68. Arndt und Amelung, Photograpische Einzel-
aufnahmen 437. 438 (1895). llelbig, Führer P, S. 327, Nr. 497.
»P>gänzt der vordere Teil der Nase und der Ilals. — Die früher geläufige
Deutung auf Masinissa, König von Numidien, ist unbegründet. Der Kopf
scheint kein Porträt zu sein, sondern einen im Kreis des Pheidias geschaffenen
Idc^altypus, etwa des Ares oder eines Heros, wiederzugeben.« Hemjig.
Sti'ateyenköpfe .
23
»Der Helmschmuck besteht aus zwei Greifen (links weiblich, rechts
männlich) auf den Seiten und einem nicht mehr erhaltenen Tiere in der
Mitte; am Nackenschutz stehen sich ein Löwe und ein Stier gegenüber.
Über der Stirn ein Stern. Furtwängler, Meisterwerke S. 122, englische
Ausgabe S. 90 und Tafel IV, woselbst Abbildung der schönen und außer-
ordentlich viel charaktervolleren Pariser Wiederholung [MM'\. Die weitere
von Furtwängler angeführte Replik in Palazzo Colonna habe icli (1891) in
Übereinstimmung mit Matz-Duhn (Nr. 1743) f"i' modern gehalten. Furt-
wängler deutet den Kopf auf einen Heros, llelbig anspiechend auf Ares.
Der Helmschmuck wird in seiner Allgemeinheit in keiner Beziehung zur
A'
Persönlichkeit des Dargestellten stehen; liöchstens der Stern, der an der
Pariser Replik wiederzukehren scheint, könnte bedeutungsvoll sein
Furtwängler will den Kopf dem Phidias selbst zuschreiben, ohne zwin-
gende Gründe; doch trifft seine Datierung in die Mitte des 5. Jalirhunderts
jedenfalls das Riclitige.« Arndt.
N. Kopf in Madrid, Königliche Sammlung.
llübner. Die antiken Bildwerke in ."Madrid (1862), S. 112, Nr. 180.
In kleiner photographisclier Aufnaiime auf einem Laurentschen lUatt, links
an der Seite. Zwei größere Pliotograpliien bei Dr. Arndt in München.
»C. 83 [460; PeriklesJ 11. 64. Griecliisciier Marmor. Bärtiger (irieche
mit Helm. Neu sind der Schirm des Helms von den Angeiilöcliern an,
24
K F. K i L i; ^■ () N S r n .\ d o n i r z :
0
die Nase und das ganze Bruststück. Die Unterlippe ist abgebrochen.
Auf dem Schirm des Helms sind zwei Widderköpfe naeli den Resten der
Hörner richtig ergänzt, üer Helm sitzt höchst ungeschickt auf dem dichten
krausen Haar. Die Benennung [Perikles] beruht wohl nur darauf, daß
der Kopf bärtig und behelmt ist, denn außerdem ist keine Spur von Ähn-
lichkeit mit der so bezeichneten vatikanischen Büste vorhanden . . . . : es
kann ebensogut ein anderer griechischer Feldherr gemeint sein. Auch den
Miltiades- und Themistoklesköpfen (Visconti, Tafel 13 und 14) sieht der
Kopf nicht ähnlicli. Die Arbeit ist roh und imbedeuteiid. « Hübner.
Sirategenköpfe.
r^v
ei /tlo-rt^f
>■• y^^^.j
Zu ()
0. Kopf in Hcrliii.
Willkürlich auf einen Hermenschaft mit der Inschrift Gemictokahc ö
NAYMAxoc aufgesetzt. Arndt-Bruckmann 273. 274 (1896). Beschreil)ung
der antiken Skulpturen (Berlin 1 89 1 ) S. 1 30, Nr. 311. Furtwängler, Meister-
werke Tafel X, S. 2 75ft".
Parischer (?) Marmor, während der llermenschaft aus pcntcliscliem ist.
Gesichtshöhe von der Bartspitze bis zum Haaransatz unter dem llelni 0.2 i m.
Am Ko])f ist ergänzt die Hälfte der Nase und der vordere Teil des Ilelm-
vi.siers. Das Gesicht ist geputzt.
Phil.-hist. Klasse. lÜlO. AOL IL 4
2(>
K i: K i L K V () N S r r a d o n i t z :
P
Der llcnueiischal't war schon i'nilier einmal willkürlicli mit einem
modernen Kopf ergänzt worden. In diesem Zustand liefand er sicli in Villa
Montalto, und so zeigt ihn eine Zeichnung aus dem Nnchlaß von Stosch,
deren Kenntnis ich Hrn. Prof. Hermann Kgger in Wien verdanke. Danach
die umstehende Abbildung.
»Das regelmäßige, wenig individuell durchgebildete Gesicht ist etwns
zur Rechten gewandt. Das Haar, mitten über der Stirn geteilt, ist ausein-
ander und wellig über die Ohren gestrichen: hinten lallt es langlockig in den
Nacken heral): im I>art liegt es kürzer in kleinen Löckchen. Den Kopf be-
deckt ein zurückgeschobener korinthisclier Helm. Der Dargestellte wird etwa
ein attischer Stratege der zweiten Hälfte des lunl'tcn Jahrhunderts v. Chr.
sein: doch h;il)('n wir keine Arbeit dieser Zeit, sondern eine Kopie vor uns.
Das Ilanr ist meln-Cach nur mit Bohrlöchern ausgeführt.« Conze.
Strategrnköpfe,
27
P. Ko[)f im V;itik;iii.
Willkürlich auf die Statue des so,i>enannteii Phokion aufgesetzt. Arndt-
Bruckmann 281. 282 (1896). llelbi.r>-, Führer I' S. 2i7f., Nr. 339. Friede-
richs-Wolters Nr. 479. BernouUi
II, S. 58.
»Ergänzt die Nase, der vor-
dere Teil des I lelmvisiers mit den
darunter hervorragenden Locken,
der o))ere Teil der llelniku[)pel.«
»Er scheint das Porträt eines
griechischen Stnitegen aus den er-
sten Dezennien des viertcMi .lahr-
hunderts v. Chr. zu sein.«
IIelhk;.
Q. Kopf im Vatikan.
Arndt -Bruckmann 283. 284
(1896). Auielung, Die Skulpturen
desVatikanisclien Museums 1 ( 1 903),
S. 661 f. Nr. 531 T;if. 70.
»II. desGanzen 0.70 m, des An-
tiken 0.27 m. Feinkörni,ii:er weißer
Q
Marmor mit schwarzen Streifen. Ergänzt: Helm bis auf den unt(>rsten R;ind
zur Seite und im Nacken, N;ise, Büste mit Fuß. Das Gesicht ist stark
geputzt. — Auf moderner Büste, h'icht nacli der linken Scludtcr gewendet,
der Kopf eines Mannes in mittleren .ialiren, mit kurzem X'ollhart, dichten,
an den Schläfen wirr gelockten Ilaar<ii, auf denen ein korinthischer Helm
sitzt. Die Gesichtszüge wenig individuell: volle, runde Wangen: leicht
geöffneter Mund, stark vors|)ringen(le Stirn: der Ausdruck hat etwas Müdes.
Der mäßig ausgeführti- Kopf ist eine Replik des besser gearbeiteten, der
(h-m sogenannten Phokion in der Sala ddla l>iga aulgesetzt ist:
der Ausdruck ist dort sehr viel lebendiger. Das Original war jedenfalls
ein idealisiertes Strategen port rät vom .\nfang des 4. .lalirliunderts v. (Jlir. «
Amki.un*;.
28
KeKUI, K VON Str A I) ONI'I'Z :
li. Kopi' in Berlin.
Arii(lt-Bruckm?uin Tafel 289. 290
( 1 896). BescJireil)ung der antiken
Skulpturen (1891) S. ißßf., Nr. 323.
1) Grobkörniger weißer Marmor.
II. 0.675. Eri>änzt von E. Wolff: Das
llermenbruststück mit dem größten
Teile des Ilnlses. die ganze Nase, ein
Teil beider Ohren und das vordere
Ende des Visiers. Die Obertläche er-
sclieint, wohl durch Anwendung von
Säuren, stum[)f'. Erworben 1827 in
Rom.«
"Der Kopf eines Mannes in rei-
ferem Alter, ein wenig links blickend,
von sehr l)estimmt individuellem Aus-
druck. Ein volles Gesicht mit kurzem
li Haar und Vollbart, der ganz natura-
listisch in kleinen Löckchen liegt. Der
Dargestellte trägt zurückgeschoben einen koriiithisclien Helm, an dessen
Visier Widderk()pfe in Relief angebracht sind, und gibt sich so als Krieger
zu erkennen. Dem ganzem Typus nach wird
man die Persönlichkeit etwa in der Zeit des
Demosthenes zu suchen iiaben." Conze.
S. Kopf in der Glyptothek
Ny Carlsberg in Kopenhagen.
Arndt-Bruckmann Tafel 285. 286 (1896):
Jacol>sen, Ny Carlsberg Glyptotek (1907),
S. 1 5 7, Nr. 440. Bilderheft dazu ( 1 907 ) Tafel
XXXllI, 440. — Marmor. H. 0.31.
»Kopf eines Strategen. Rom, ehemals
beim Kunsthändler Scalambrini. Neu: die Nase.
Uberschmiert. Auf dem Helm oben ein Loch,
wohl für den Busch. Widderköpfe als Zier
Strategenköpfe. 29
der Helmwangen. Von einer Statue. Einzelzüge, wie der geschlossene
Mund und die abwärtsgehenden Nasenfalten, verbieten, den Kopf vor der
Mitte des 4. Jahrhunderts anzusetzen.« Arndt.
Ich rechtfertige die gegebene Anordnung und fiige p]rläurerungen bei.
Den Münchener Kopf a mit seinen Repliken h und c habe ich nicht
ausgeschlossen, aber besonders beziffert, weil ich nicht sicher bin, ob er
wirklich ein Bildnis ist, wofür er, soviel ich sehe, jetzt allgemein gilt.
Ob er schon ursprünglich Hermenform hatte, wie Brunn annahm, und wo-
fiir sich Furtwängler zu entscheiden scheint, macht dafür niclits aus. Denn
auch eine spcätere Bildnislierme braucht nicht nach einer älteren Herme,
sondern konnte nach einer älteren Bildnisstatue gearbeitet sein, wie es
bei den Periklesliormen der Fall war. Nachdem einmal die Hermenform
fest ausgebildet und üblicli war, ist niciit abzusehen, warum sie nicht
früli auf Bildnisse angewendet worden sei, so sonderbar es ist, daß dafür
Insher ausdrückliche Zeugnisse zu fehlen scheinen '. Aber sollen wir glauben,
die uns in Hermenform erhaltenen Bildnisköpfe, die in ihren Grundformen
das Gepräge des 5. Jahrliunderts an sich tragen, seien jedesmal nur durcli
Übertragung aus der Statuenibrm in die Hermenform zu erklären? Das
mag, wie fiir die Perikleshennen, so auch fiir andere zutreffen; und wenn
berühmte Statuen vorhanden und zugänglich waren, so war es selbst-
verständlich, sich an sie zu wenden. Aber alle Walirsclieinlichkeit spricht
dafiir, daß wenigstens ein Teil der Vorbilder bereits in llermenlbnn vor-
lag, und zwar nicht nur in den Mustern, die in den großen Kopisten-
werkstätten vorhanden waren, sondern sclion deren Vorbilder, die Originale
selbst, nach denen diese Muster hergestellt wurden". Bei den vielen An-
' Das Bildnis des Perikles auf der Akropolis war nicht, wie Furtwängler, Meister-
werke S. 268 ff., und Micliaelis, Arx Athenanini a Paiisania descripta 1901, S. 12, 92, an-
nahmen, eine Henne, sondern eine Statue. Siehe mein Winckelmann.sprogramm von 1901,
.S. 15 ff. Bei den nacli dem Sieg des Kimon auf der Agora aufgestellten Hernien mit dem
Preis der Athener (Kirchhoff in Hermes 1871, S. 48ff. ; Wachsmuth, Die .Stadt Athen im
Altertum II, .S. 391 f.; Judeich, Topographie von Atlien .S. 69 und 329) gerät man unwillkür-
lich immer wieder auf die Frage, ob dies Porträlhermen gewesen sein könnten. Aber nach
dem Zusammenhang imd Wortlaut hei Äschines ist das ausgeschlossen. Vgl. Stenereen,
De historia variis<iue generibus statuaruni iconicarum (1877), S. 8. 9; Wilamowitz, Aristo-
teles und Athen I, S. 155 f. 159.
" Vgl. meine Bemerkungen im Berliner Winckelmannsju-ogramni 1897, S. 34.
BO Kkkule von Stradonitz:
lassen, die die Herstellung und Wiederholung von Bildnissen hervorriefen,
liegt der Gedanke zu nahe, es sei nicht Jedesmal die feierlichste volle
statuarisclie Form gewählt worden, sondern man habe sieli neben und
nach ihr auch der al »kürzenden Bildnisliermc; schon im 5. Jahrhundert oft
bedient.
Bei dem Münchener Kopf sclieint mir gerade der schief verzogene
Mund, der «ein Versuch individueller Bildung« sein soll, auf der Stufe
der Kunst, von der der Kopf auch als Kopie Zeugnis gibt, vielmclir gegen
ein Porträt, jedenfalls gegen ein ruhiges Porträt in Hermenform, zu spreclien.
V.r dcMitet vielmelir auf eine stark bewegte augenblickliclie Darstellung
etwa in der Art, wie der Gigant auf der Metope des Tempels F in Seliinis
(Benndorf. Metopen von Selinunt, Tafel V) oder der Gigant in dem
Megarergiebel (Olympia, Ergebnisse der Ausgrabungen, Band III, Tafel IV, i ,
S. 10), vielleicht auf ein Motiv der Art. wie sich Six den Hermolykos,
Sauer den A'olneratus deficiens des Kresilas dachten.
Von den beiden von Furtwängler beigebrachten Repliken weicht der
Kopf bei Barracco, h, in Einzelheiten der Formgebung ab: der Mund ist
weniger schief gezogen, der Schnurrbart kreisförmiger gebogen, der Unter-
lippenbart wulstiger und wie der ganze Bart in der Einzelzeichnung un-
bestimmt, die ganze Erscln'inung matter, der Absclduß unten am Hals
niclit recht verständlich. Das Original, das icli vor Jahren nur einmal
flüchtig gesehen, möchte einer genauen Untersuchung und Prüfung bedürfen
Der Kopf in Villa Albani, c, scheint durch die; t'^berarbeitung so selir
gelitten zu liaben, daß damit nichts anzufangen ist.
Außer den oft verglichenen Ägineten, die ungefähr in die gleiche
Epoche gehören, aber nacli der Art der Kunst verschieden sind, lassen sich
zum Vergleich noch benutzen die b<'iden Köpfe aus Olympia, Jlrgebnisse
Bändln, Tafel VI, S. agif. (Treu).
Der Müncheiier Kopf, ^l, läßt eine ziemlich gleichmäßig durcligeflihrte,
freilich ]iur ganz äußerliclie Auflockerung der strengen archaisclien Formen
seines Vorbildes erkennen, das doch schwerlich ebenso unbedeutend und
reizlos ausgesehen lialien kann. An den Schläfen gelien tlie Haare seitlich
rückwärts, wodurch Haare und Helm in ein Mißverliältnis geraten, das l)ei
der steifen Anordnung auffällig wirkt. Aber eine soh-lie etwas willkür-
liche Anordnung ist aiicli lici weit hesscr und freier gearbeiteten Köpfen
nicht selten.
Strateijenköpfr. ■{ 1
Weit liölicr stellt der Kojjf im A'atikan, B. Die k'iclitc Hcwcguii.ü;'
ist durch das erhaltene Hermenstück qcsicliert, die Arlyeit soruf'ältiii- und
sehr irescliickt. Der Kopf sieht vornehm und schön aus, fast etwas nach
der Seite des Eith'u oder Leeren liin. Aher die eh'iiante Arbeit darf nicht
ühor den strengen Cliarakter des Vorhildes täuschen. Auch liier liefen
noch archaische Formen zugrunde, die dieses Mal nicht hilflos und äußerlich,
sondern soliiständig und frei weiternchildet und umgeformt sind. In einer
Einzelheit verrät sich die archaische Gewöhnung l»esond<Ts deullicli, in d(>r
Form und Zeichnunt;- des Bärtcheiis an der Unterlippe., Lehrreicli ist der
Vergleich mit dem in Herkulanum licfundenen hronzeiien Dionysoskopf
(Friederichs-Woltcrs Nr. 1285), der clienfalls kunsty'cscliichtlich zu sjiät
an,ii:esetzt zu werden ])lle,i;t.
Das Bildnis des Pei'ikles lieiit uns in drei Fassungen vor, in dein Ber-
liner Kopf, C, und in den insciiriftlich hezeiclin(>ten Flennen im Vatikan,
IJ, und in London, E, während di'r Kopf hei Barracco, F. wenn er auch her-
zugehören scheint, nichts Icliren kann. Da icli üher das Verhältnis dieser
Köpfe zueinander ausführlich gesprochen lial)c (im Berliner Winckelmanns-
]iro,i,'rannn von 1901), so brauche ich nicht von neuem genauer darauf ein-
zugehi-n. Ich lielx- nur hervor, was für die Benrteilnm;- entscheidend ist.
Der Berliner Kopf, C, ist als citjentlicli i<ünstlcrisc]ie Leistnm;- weit geringer
als die heiden Ilermenköpfe, 1) und K. Dat;-e!;-cii yiht er durcli die unfreie
und peinlich genaue Nachiiildunii- aller ciiizeliicii Formi'U die hestc An-
sciiauuni;- von der noch alterlünilich streniicii Stiüsieiuiit;-, die wir hei dein
Original, der Broiizcstatue des Kresiias, voraussetzen müssen. Auch sieht
er am meisten lironzemäl.ui,^ ans. Die Nachwirkungen des altertümlichen
Stils sind auch bei der vatikanischen Herme, 1), zu spüren, im einzelmii
l)esonders in den Auucn. in dem kurziiclockten Haupthaar und dem llach
anliegenden Bart, auch in dem Hochstellen der Ohren. Der Charakter des
Ganzen ist fest, geschlossen, männlich und kraftvoll. Hei der Londoner
Herme ist das Bestrchcn einer idealisierenden Auffassung nicht zu verkennen.
Der Hildiiaiier hatte die Al)sicht, die Forträlzüuc so zu g<'stalten, daß sie
dem Bilde, <ias man sii-li \'oii der Persönlichkeit des Perikles machte,
möjj;lichst ,i>;ereciit würden. Kr wollte ihn schön, liest rickend, schwungvoll
darstellen. F> hat deshalb aus dem Vorbild die bcwei;te Haltung hcibe-
halten und dafür die uni;-efü,t;-e ül)erleituiit;- in die Hermenform in den
Kauf y-enommen. Sein \\'crk ist die t'reieste nml inarrnormäßigste l'bcr-
32 K E K U 1, K %• ( ) N S X' li A I) () N 1 l' /. :
Iniguiiii' aus der Bronzestatuc des Krcsilas, wie es unter den uns erlialtenen
Kopien die frülieste, der stilistisch peiidiclie Berliner Kopf die späteste
sein wird.
Zu dem früher bei Hrn. Pastoret in Paris, jetzt in Kopenhagen be-
findliclien Kopf G (Tafel I und II) ist außer dem leider verdorbenen Kopf J
in Münehen, dessen Arbeit sehr vorzüglieh g(;wesen zu sein scheint, noch
eine gute Wiederholung in Rom, H, gekommen. Icli stelle den frülier
Pasloretsehen Kopf, G, voran, weil ich ihn im Abguß und in Photographien
vor mir habe, während ich H nur aus Pliotographien kenne. Die Fonnen-
gebung von G scheint einfacher und marmormäßiger, bei H schärfer und
etwas ausführlicher, aber nicht besser, wenn auch vielleicht mehr einer
bestimmten Art der Bronzearbeit entsprecliend. Alle wesentlichen Züge
scheinen gleich oder fast gleich, die kleinen Abweichungen mehr wie zu-
fällig, zum Teil auch durch den Zufall der Erhaltiuig hervorgerufen. Noch
als Replik darf wohl gelten der nicht gut erhaltene und nicht gut ge-
arbeitete Kopf Ä", obwohl die Form tmd der Sitz des Helmes etwas ver-
schieden sind. Die Augen sind, der vorzugsweise bei Bronzen angewen-
deten Art entsprecliend, hohl. Im übrigen würden die freilich verwasche-
nen Formen den Kopf eher zu G als zu H stellen.
Anzuschließen ist der Kopf L in Villa Albani, während es schwerer
fällt, in dem rohen Kopf M, ebenfalls in A^illa Albani, eine Verwandtschaft
anzuerkennen. Genannt sein mag an dieser Stelle noch der ebenfalls rohe
Kopf in Madrid, N, weil er cnne Art t^bergang zu dem erst nachher zu
beliandelnden Kopf abgeben kann, der dnn Hermenschaft mit dem Namen
des TJiemistokles willkürlich aufgesetzt worden ist.
Als Conze den damals noch l)ei Hrn. Pastoret befindlichen Kopf in
die Literatiu- einführte, bemerkte er, alle die vfni ihm zugleich l)esprochenen
Köpfe, in denen man gewiß mit Hecht di(> Bilder athenischer Staats-
männer gesucht habe, seien f)hne Zweifel Bildnisse von wenigstens nicht
sehr weit der Zeit nach auseinander lebenden Persöiüichkeiten, und zwar,
ila einer als Bildnis des Perikles l)eglau1)igt ist. wahrscheinlich von Athenern
aus der Zeit nach den Perserkriegen und vor Alexandei-. Denn an ehie
frühere Zeit lasse die Kmistform nicht denken, und die Porträts aus der
Zeit Alexanders nähmen schon wieder einen anderen Charakter an. »Wir
bemerken in allen diesen Köpfen« — so fährt er hiernach fort — »die-
jenige Art von Familienähnlichkeit, wie sie uns lieis])ielsweise aus IJild-
Strateyenköpfe. 33
iiissou von Persönlichkeiten des Dreißitijährii^-en Krieges oder des Siecle
de Louis XIV entgegentritt. Wie Zeittnichten gibt es j;i aueh Zeitphysio-
gnomien«. Diese allgemeine Ähnlichkeit könne also nicht berechtigen, solche
einander nur insoweit ähnlichen Köpfe für Bildnisse nun auch einer und
derselben Person zu erklären, wie denn der Pastoretsche Kopf, trotz der
unverkennbaren A'erschiedenheit der beiden Köpfe in Bart und Haar und
in der Gesichtsbildung, gelegentlich einmal als Perikles benannt worden
sei, während er in der ganzen Anlage breiter und von weniger geistigem
Ausdruck sei als das Bildnis des Perikles. Aber in der Ausfuhrung steht
nach Conzes Urteil der Pastoretsche Kopf bedeutend höher als die Perikles-
porträts, die schon nach den Buchstabenformen der Inschriften nur späte
Kopien nach einem älteren verlorenen Original, vielleicht dem des Kresilas,
sein könnten, während die leliensvoUere Modelliennig der Züge des
Pastoretschen Ko[)fes in diesem mehr Anzeichen einer originalen Arbeit
erscheiiu'n lasse. Freilich, eine unvoiikonunenere Arbeit neben einer voll-
kommeneren werde leicht liir älter als diese gehalten, ohne es jedoch
immer zu sein. »Der Pastoretsche; Koi)f muß uns aber« — so schließt
(,'onze — »nicht mu' aus solchen Scheiugrüuden für jünger gelten als
das Original der Periklesk(>pfe, wenn wir diesem aucli noch melir individu-
elle Lebendigkeit in den Formen zutrauen <lürfeii. als die Ko[)icn sie; ))e-
wahrt lialien. Di<' Ilerl>igkeit und eine ;ui das Altertümliche anstreifende
Knappheit in der Formenbeliandlung kfMinen diese Kopien nur \ on dem
Originale haben, und dieses sticht inuner sehr stark ab gegen (ten weichen,
nirgends beschräiditen Fluß der Linien, nicht nur im Ilaare am Pastoret-
schen Kopfe. Hierdurch wird man veranlaßt, den Pastoretschen Ko])f
etwas später entstanden zu deid<en als das Original der PiM-iklesk()])f(S
und gesetzt, daß der Pastoretsche Kopf mit seinen Abzeichen originaler
.Arbeit ein Bild nach dem Lelien ist, so wird man auch in der darge-
stellten Persrudiclikeit sellist einen etwas nach Perikles leix'udcn Staats-
und Kriegsmann voraussetzen müssen.«
Conzes Urteil über das Verhältnis des Pastoretschen Ko[ifes zu dem
Bildnis des Perikles bleibt richtig, obgleich er ihn insofern überschätzt
lial. als er ihn für das Original sell)st halten wollte. Kr ist nur eine
sehr gute und charakteristische Kopie, der seitdem andere Fxemplare an
die S(nte getreten sind. Der so schlecht erhaltetie, \<'rdorbene Münchencr
Kopf. .7, weist in den vorhandenen antiken Teilen sorgfältiger gearbeitete,
Phil.-hist. Klasse. 1910. Abh. II. 5
H4 K E K U L E VON S T R A 1) O N I T Z :
besser vorstüiideiie, ui'sprüng-liclicrc Züge auf als der Pastoretsdic, wie
mau besoudcrs au deu Ilaarou im Nacken deutlich sieht.
Die herbe, »an das Altertümliche streifende Knai>pheit in der Formen-
l)ehandlung«, die wir für die Statue des Kresilas voraussetzen müssen,
ist durch den inzwischen hinzugekommenen Berliner Perikleskopf noch
deutlicher und schärfer hervorgetreten. Aber der so bestimmt unterschie-
dene Charakter des Pastoretschen Kopfes und des Bildnisses des Perikles
möchte nicht allein aus dem allgemeinen Wandel, den die zeitliche Ent-
wicklung mit sich l)ringt, sondern auch durch den besonderen künstle-
rischen Sinn, der sich in ihrem Gegensatz offenbart, zu verstehen sein.
Als Vorstufe für das Bildnis des Perikles werden wir uns die Stilentwick-
lung denken müssen, zu deren Veranschaulichung der freilich geringe und
flaue Münchener Kopf A dienen mag, der denn auch lange für Perikles
gegolten hat. Mit dem Pastoretschen Kopf läßt sich die aus einer Statue
zurechtgeschnittene Berliner Büste (Inv. Nr. 1502. Jahrbuch 1903, Anzeiger
S. 3 I f. Grriechische Skulptur^ S. 165) zusammenstellen. Deren Zusammen-
hang mit dem sogenannten »König« in der Münchener Glyptothek, in dem
ich einen Zeus vermutet habe, ist unverkennbar. Die Münchener Statue
A^ersuchte ich mit Polyklet und polykletischer Art zusammenzubringen.
Wie der Berliner Kopf, Inv. Nr. i 502, sich zu dem der Statue in der Glypto-
thek verhält, in demselben Verhältnis möchte der Pastoretsche Kopf zu
der für ihn vorausgesetzten Vorstufe stehen. Daß er gerade von einem
attischen oder in Attika tätigen 3Ieister gesehalfen sei, ist, so vielerlei
künstlerische Richtungen und Bestrebungen damals von allen Seiten her
in Athen zusammentrafen, gewiß nicht zu erhärten, wie es auch nicht
angeht, die Hermen form ausschließlich auf Attika zu l)eschränken. Furt-
wängler ist der Name des Demetrios, von dessen Art der Kopf eine An-
schauving geben könne, in den Sinn gekommen, freilich indem er den
Künstler zugleich als dem Kresilas nahestehend bezeichnet, was sich
doch gegenseitig ausschliel3t. Vielleicht gaben dazu die losen Zipfel des
Haares um die Ohren, die »wie vom Wind erfaßt« erscheinen sollen, mit
den Anlaß. Die Schilderung, die Lukian von der Statue des Pellichos gibt,
mag stark aufgetragen und übertrieben sein. Die ernsthafteren, zum Über-
maß oft angeführten Kunsturteile Ix'i Quintilian und Plinius »Demetrius
tanquam nimis iu veritate reprehemlitur et fuit similitudinis quam pul-
cJiritudinis amantior« und von Kresilas »fecit Olympium Periclem dignum
Strategenköpfe. 35
cogiiomine, mirumque in liac arte est quod iiol)iles viros nobiliores f'ecit«
lehren, daß der Gegensatz zwischen Kresilas und Demetrios selir stark
empfunden wurde. Diesen Gegensatz schärfer und anscliaulicher zu be-
stimmen, ist gerade el)en von Winter versuclit worden'. Nicht als Kari-
katur sei die Statue des PcUichos zu denken, sondern in einfacher, rück-
sichtsloser Wiederga1)e der Wirklichkeit. »Demetrios war ein Künstler,
dem das ,i;ew(")hnlic]ie Lclien interessanter war als das Lehen im Schön-
heitshilde und im idealen Ahylanz des Mythus. Auf ihn, als Porträtisten,
hätte einem Meister wie Kresilas ,i;ei;enüi)er dasselbe Anwendung finden
können, was von Euripides im Gegensatz zu Sophokles gesagt worden ist:
er gah den Menschen Avieder, wie er ist, Kresilas, wie er sein sollte.«
Einen hohen Grad von individueller und lebensvoller Bildnistreue,
bei der oft auch die einzelnen Zü,i;-(' stark hervortreten. Iiat sclion die
archaisclie Kunst erreicht. In der Epoche (h'S Pcrikles ist wenigstens in
Attika die Stilisierung ins Typische hinein zum Sieg gekt)nnnen. Das
Problem bleibt, wieweit die Wiedergabe der Wirklichkeit, wie sie Deme-
trios verstand, sicli in diesen allgemeinen Zui>' einordnen läßt und in ilircr
Besonderheit für uns noch faßbar ist.
Nocli ist das Verhältnis des Pastoretschen Kopfes zu dem vatikani-
schen Hermenkopf B zu bespreclien. das besondere Schwierigkeit bietet.
Die beiden Köpfe sind in der Wirkung völlig verschieden. Kraftvoll.
U'bendig, frei der Pastoretsche, vornehm, glatt, eng der vatikanisclie. Aber
eine allgemeine weitgehende Almlichkcit in der (Tesamtanlage, in der Um-
rahmung des (iesichts, in der Anordnung von Haar und Bart, ist niclit
zu verkennen. Sie tritt am meisten hervor in der Ansicht von vorn, wenn
auch beim Pastoretschen Kopf die Haare breiter und län.i>er herabt;-ehen.
Stärker wirkt die Versciiiedeniieit in den Profilansicliten. Am vatikanisclien
Kopf bleiben <lie Wangen freier, über Ain\ Ohren ist das Hauptliaar durch
einen Zwischenraum deutlich in zwei verschiedene Teile geschieden, während
es bei dem andern Kopf in überaus üppiiicr Fülle überquellend ein sehr
wesentliches Stück der (Charakteristik ist. Hierzu kommt die Verschieden-
heit der Helme in der Form und in der Art des Aufsitzens. Bei dem
Pastoretschen Kopf ist der Helm schräger aufgestülpt. Die Kappe geht
' Griechi-sclie Kunst, S. 185, in Hand II der Kinleitiinj^ zur Altertuniswissenscliaft, lieraus-
gegeben von Gei-cke und Norden.
5*
36 KeKUI. K VON S TR A I) ONITZ :
tief nacli liinten lierab, so daß nur ein schmaler Rand als Nackenschirm
bleibt. Form und Sitz des Helmes gibt dem Ganzen etwas Kraftvolles
und Kulmes, wälirend am anderen Kopf der steiler in die Hölie gescliobene
Helm sich Aveniger ausdrucksvoll in die Gesamtzeichnung einfügt und,
wie oft bei dieser Art behelmter Köpfe, weniger Avie ein Stück der Wapp-
nung als wie ein Teil der Traclit aussielit. Die liochgerückte Kappe ist
vom ausladenden Nackenscliirm durch einen hohen, scliarf abgesetzten ein-
gezogenen Streifen getrennt. Es ist dieselbe Grundform, wie sie bei den
meisten behelmten Köpfen dieser Gattung vorkommt. Die Helmform des
Pastoretschen Kopfes ist eine Ausnahme, und man könnte geneigt sein,
auch darin etwas von landscliaftlicher Eigenart zu suclien.
Bei dem vielen Gleichartigen, das die beiden Köpfe aufweisen, kann
man kaum anders denken, als daß dem Künstler des Pastoretschen Kopfes
ein in wesentliclien Zügen mit dem Hermenkopf B übereinkommendes älteres
Werk, oder auch mehrere dergleiclien, wold bekannt und geläufig war,
und daß ihn dies in seiner Scliöpfung mitbestimmt hat, so daß sicli da-
durcli die enge Verwandtscliaft erklärt. Aber Avenn der Ursprung der
ersten Ausgestaltung der beiden Köpfe nalie beieinanderliegen mag, in der
festeren Ausprägung ist die Entwicklung weit auseinandergegangen. Bei
dem Hermenkopf B bleiben auch bei der Umformung die Grundzüge der
archaisclien Strenge und Zierliclikeit, an deren Stelle bei dem Pastoret-
schen Kopf eine große und sichere Freilieit in der Gestaltung und der
Formenbehandlung getreten ist. Gegenüber der lebensvollen Kraft des
Pastoretschen Kojafes nähert sich der vatikanisclie Hermenkopf in seiner
falsclien Idealität vielmelir der freilich viel besseren vatikanischen Perikles-
herme und der in London. Von demselben Meister können der Pastoretsche
Kopf und der Hermenkopf B, oder genauer gesprochen, die Muster, nach
denen sie hergestellt w^urden, oder deren entscheidende Vorbilder Avirklicli
nicht wohl sein.
Der willkürlich auf den Hermenscliaft mit der Inschrift des Themisto-
kles aufgesetzte Kopf 0 steht an der Spitze einer kleinen Gruppe, in der
die älteren Typen wohl fortgebildet, liauptsächlich aber in der Wieder-
holung immer äußerlicher und leerer geworden sind. Einzelne Züge ließen
sich vielleicht als eine freie Weiterbildung des vatikanischen Perikles ver-
stehen, aber auch andere ältere Typen spielen mit hinein. Die Absicht
ging auf das Idealistische und das Pathetische, fast sclion in die Richtung
Strategenköpfe. 37
des Pasquill vorausdoutend. Mit Kresilas liat der Kopf nichts zu schaffen.
Das ist durcli das Berliner Exemplar des Perikles völlig klar geworden.
Leer und unbedeutend sind die beiden K(">pfe P und Q. Um so er-
freulicher ist der Gegensatz des vortrefflichen Berliner Kopfes R, aus dem
der neue Geist des 4. Jalirhunderts spricht. Nahe verwandt, al)er nicht
lii'iliii Nr. 1473
gleich gut, im Vorbild vielleicht ein wenig älter, ist der jetzt in Kopen-
hagen befindliche Kopf S.
Einmal habe ich die Reihe der K/'ipfe mit dem sogenannten korinthi-
schen Helm, die wir uns gewöhnt haben, als Strategenköpfe zu l)ezeichnen,
unterbrochen durch den Hermenkopf mit sog(>nannteni attischen Helm im
LouA're, MM', und seine Replik im Kapitolinischen Museum. MM". Visconti
hatte in dem Kopf Miltiades zu finden gemeint, (Jonze führt ihn unter
38 K i: K U LE VON StR A IJ O NITZ :
den Porträtk()pfen auf, Arndt hat ihn sowenig wie die Replik in das
Porträtwerk aufgenommen, Furtwängler einen Heros, llelbig Ares in ihm
gesehen, und Furtwängler mcünte ein Werk des Phidias wiederzuerkeimen,
was Arndt mit Recht unbegründet findet. Warum soll der Kopf kein Por-
trät sein? Das Aufgehen im Typischen geht doch nicht weiter als bei
anderen als Bildnisse gemeinten Kr)pfen der gleichen Epoche, also Werken,
die der attisclien Kunst in der zweiten Hälfte des 5. und den ersten Jahr-
zehnten des 4. Jahrhunderts angehch-en. Für dieses Aufgellen im Typischen
ist zugleich mit den besproclienen Bildnissen der Parthenonfries das große
Beispiel. Wie mächtig und lange nachlialtig das Vorbild der fuhrenden
Künstler nachgewirkt liat, lehren die attischen Grabreliefs. Mit dem
Pariser Hermenkopf bietet in dem großen Grabrelief, Berlin, Inv. Nr. 1473
(Antike Denkmäler II Tafel 36, Griechische Skulptur' S. 182), das ich hier
abl)ilde, der Kopf des Mannes einen lehrreichen Vergleich. Welchen Rang
dieser gewappnete Iloplit einnahm, weiß icli nicht zu sagen. Bei aller
uns fremden lässigen Freiheit' kramen gewisse feste Normen in den Ab-
zeichen und in der Bewaffnung nicht gefehlt haben". Al)er die Bildiiis-
kunst hat sich doch nicht auf die attischen Strategen im sogenannten
korintliischen Ih'lm beschränkt.
' Boeckh, Staatsliaushalt 1 3 S. 352.
^ Haiivette-Besnault, Les strateges Atlieniens S. 98 f.
Strateijenköpfe.
39
Ul>ilUlS S. I I
UrNilUis S. 12
Anhang.
Das Porträt des Miltiades bei Fulvius ürsinus und Statius.
Fulviiis l r.siniis in den Inianiiics et clo^i.-i \iroiuin illiisiriuiii, die im
Verhig von Lafrcri 1570 ci-scliicnen sind', giht ;iul'S. ii und 12 die lieiden
vorstehend verkleinert wicdergegclienen IJildnisheiincn. die nucli IJcrnotdli in
seiner Ikonograpliie I. S. 93 und 92 ;ni.s Ii-sItius wicderliolt hat. i)er Sclial't
der einen Ilernii' S. 11 enthält unterlialh des Namens des Mihiades ein
lateinisches und darauf folgend ein griechisches Distichon, ik'ide sind oft
angeführt. Das lateinische, dessen Lesung keine Schwierigkeit lüetet. hat hei
ßüeheler, Antliologia Latina 11. S.410. die Nr. 885 |(. 1. l..\'l. i 330 a| und lautet:
/\. .: I)„ 1 .11 . ■ :. AI 1 : :„ :
'ersas l>ello uicit Maratlmnis in aruis
ciuilms ingratis et patria interiit.
' t'ber Ursinii.s um! Statins: Iliilseii, Die llcriiieiuiiscluifteii berühmter Griechen und
die ilionograiiiiLsciieii Saininliingcn de.s X\"I. .laiiihiindeits, Römische Mitteihingen X\'I (190t),
8. i23ff. Dazu Michaelis, Die Hikhiisse des Thukydides (1877), .S. i ff., Rot)eit, Hermes XVII
(1882), S. i34ff., Stiidiiiczka, Da.s Bihlnis des Ai'istoteles (Leipzig 1908), S. 3ff.. meine Be-
nierkiiiigen, Bildnisse des Herodot (1890), S. 3iff., Bililnisse des .Sokratcs (1908), .S. 5 ff. —
Über I'ighins: O. Jahn in den Leipziger Beiiciiten 1868, S. 161 ff., 1869, S. i fV., Matz,
Monatsliericiite der Berliner .\kademie 1871, 8. 445ff., Naclirichten der Göttinger Gesell-
schaft der Wissenschaften 1872, 8. 45 ff.
40
K E K U 1> E VON S T 1! A J) O N 1 T Z
das griechische l)ei Kaibel, Inscriptiones Graecae Italiae et Siciliae S. 314,
Nr. 1185
rTÄNTeC MlATlÄAH TÄa' APAiA ePTA tCACIN
n^PCAl KAI MAPAeUN CHC APeTHC TeweNoc,
wobei Kail)el das A, das die Abbildungen aufweisen und die ersten Ab-
schreilier angeben, in A korrigiert hat, während Büclieler die Fassung tA c'
vorzielit.
Von dem Kopf der ersten Henne ist der der zweiten auf S. 1 2 völlig
verschieden. Auf dem Schaft steht nur Miatiäahc Kimunoc ÄeHNAToc (Kaibel
Nr. 1186).
In den ein Jahr vor den Imagines et elogia des Ursinus bei dem-
selben Verleger Lafreri mit der Vorrede vmd den Unterschriften des Achilles
Statins herausgegebenen Inlustrium virorum vidtus
ist die zweite 3Iiltiadeslierme des Ursinus auf Tafel II
al)gebildet mit dersell)en Benennung, nur mit kleinen
Verschiedenheiten der Zeichen am Schluß der ersten,
zweiten und dritten Zeile. Aber der Ilermenschaft
geht länger herab, und dann folgen die beiden Di-
stichen, die bei Ursinus auf der anderen Henne S. 1 1
stehen, und noch obendrein folgen sie nicht in der
Anordnung wie bei Ursinus, zuerst das lateinische
und dann das griechische, sondern diesmal zuerst
das griechische, dann das lateinische. Hier ist mit
einem Versehen des Stechers in einem der beiden
Stiche nicht auszukommen, sondern es handelt sich
um bare Willkür, und zwar ist, wie sich ergeben
wird, die Willkür in der Zusammenkoppelung der
Inscliriften auf selten der Tafel des Statins, wäh-
rend sie im übrigen auf beiden Seiten, auch bei
Ursinus, nicht fehlt. Nicht in Betracht kommt
für das Verhältnis der beiden Hermen und ihrer Inschriften zueinander
die Abbildung 92 in des Gallaeus Illustrium imagines (Antwerpen 1598).
Denn sie gibt, nur verkleinert imd im Gegensinne, den Stich aus Ursinus
S. 1 1 wieder. Nur hat es sich Gallaeus erlassen, die beiden Distichen
zu wiederholen. Kr begnügt sich mit dem Namen miatiaahc. Auch aus
MIATIAAIH\A
KIMaNDEl
abhnaid:^!
Statins 'l'af. II
Strategenköpfe. 41
seiner Unterschrift Apud Fulvium Ursinum ex marmore ist nichts zu
lernen. Denn sie bedeutet nicht etwa, die Herme sei bei ITrsinus ge-
wesen, sondern nur, daß Ursinus si(^ als Herme aus Marmor gekannt hat.
Im Verzeichnis der Nomina virorum illustrium S. io8 gibt er fiir den
Miltiades S. i i an: apud Hippol. Card. Estensem, für den S. i 2 : apud Fer-
dinandum Cardin. Medic. Unter der Tafel des Statius, die die Inschrift
mit dem Namen und die mit den Distichen vereinigt, steht: In hortis
Cardinalis de Medicis prope villam Julij III. Pont. Max. Die Herme mit
den Distichen ist, wie ausdrücklich bezeugt ist, aiif dvm Caelius gefunden.
Die mit A'Iiatiaahc KImunoc AeHNAToc stammt aus Tivoli.
Ich bes])reehe zunächst diese (Hülsen, Köm. Mitt. 1901, S. 167, Nr. 30)
und beginne dabei mit den Nachrichten des Pighius.
Die Herme gehört zu einer Reihe von Hermen, die Stephanus Vinan-
dus Pighius nach seinen Angaben dort zuerst bemerkt und bekanntge-
macht haben will. Indem 1587 erschieneneu Hercules Prodicius berichtet
er S. 539 über den Besuch, den er mit dem Prinzen Karl von Kleve auf
dessen italienischer Reise 1574/75 den Trümmern der Hadriansvilla bei
Tivoli abgestattet habe, und fährt, nachdem er die Besciireibung der Villa
durcli Spartianus angeführt hat, fort(S. 540): y<YX liaec ([uidem loca propriis
et aptis suis ornamentis, ex quibus cognosci possent, instructa quin fuerint,
non est quod dubitemus : nimirum signis, picturis, et emblematibus, atque
etiam statuis et hermis illustrium homiimm, (jui vcl praeclaris gestis vel
scriptis illa loca quondam celebrarunt; ((uae cuncta bellorum clades, bar-
barorum ac temporum iniuriae dissiparunt ati[ue perdiderunt. Equidem me-
mini, cum olim iuvenis agrum Tiburtinum haecce indagandi studio percitus
saepe percurrerem, atque etiam diligenter perscrutarer, nie non pauca
repperisse similium ornamcntorum ex eins villae ruinis extractorum prae-
clara monimenta, me quoque tum c latebris protulisse hermarum truncos
plures e villae dictae locis a Spartiaiio nominntis (ut certo colligimus)
sul)latos et in aedificia vicina translatos; in ([uibus legehantur adimc illu-
strium Graecorum nomina, quorum vultus expressenmt, cliaracteribus Graceis
insculpta: scilicet Themistoclis, Miltindis, Isocratis, Heracliti, Cai-neadis,
Aristogitonis, et aliorum: quos truncos indicio meo non diu post Julius
tertius Pontifex Max. coUigi transvehi(iue Romnm curavit, ad exornaiidos
hortos suos, quos ad Fianiiniani vi.-un cltra pontem Mul\ ium niagnis im-
pensis tunc excolebat, a Maecenate meo Marcello Ccrvino Cardinnle S. Crucis
Phil.-hist. Klasse. 1910. Abh. II. 6
42 K K K U L K XON S T R A D O M T Z :
ecrtior de his f;ictus, cui ego horiini nrgumenta quaedam peima deliiiiaram.«
Diese Entdeckuni^- der llenncu muß in die Zeit ^•on Pighius" erstem rö-
misclieu Aufenthalt fallen; 2 7 jährig war er 1547 lüngekonnnen und ist
nach dem Tode MarceUus' II. 1555 nach Brüssel übergesiedelt (Jahn, Leip-
ziger Berichte 1868, 8.16311".).
Dieselben Hermen erwähnt Pighius aucli schon in seiner 1568 er-
schienenen Themis Dea. 8.95 läßt er 3Iorillonus l)ei Besprechung einer
S. 23 abgebildeten und als Themis erklärten Herme, deren Untersuchung
zu vielen Abschweifungen Anlaß gibt, folgendes ausfüliren: »Qua propter
(ut ad Terminmn nostrvnn redeamus) honoratissimae apud Atlienienses
olim alios(|ue (liraecos fuerunt statuae illae terminales: effigiem tantum
capitc, sine manil)us, sine pedibus, et Innnanam altitudinem recta qua-
drangula colunuia al) humeris deorsum exprimentes: ut ([uae mentis in-
genii(;[ue vim (piandam divinam significent, cui nee manil)us' nee pedibus
est opus, ut (juod facere destinarit, efficiat. Nee minus lirniam ae con-
stantem designat iustitiam recta (>t aequalis ilhi forma (piadrata, propor-
tionem undi(jue iuslam et immotani sta1)ilitatem retinens. Quare nee his
statuis donabantur nisi herocs virtutis ergo, nemjye ingenio. ])ni(lentia,
doctrina, rebusve praeclare gestis conspicui, quonun vita ad legis divinae
A'el virtutis reguhnn prol)e facta (>rat, (pios Plato passim sapientes ac divincs
ajjpellat, Ilomerus A'ero eeoeiKdAOYC, kai eeoeiAeTc. Inter (pios etiam refe-
rendos censet a])ud Tullium Africanus, cpii ])raestantibus ingeniis in vita
liumana dlvina studia colunt. IIK' demio Cardinalis: Profecto verum dicis,
mi Morillone: plui'es (>nim eins generis statuas et illustriuin ducum, et
doctorum hominum adlnie videnuis, quas partim e (iraecia allatas. partim
ad imitationem (iraecarum factas arbitror. Multae enim nomina sua pec-
tori inscrlpta ])rae se ferunl, ut Miltiadis, Socratis, Piatonis, Tlieophrasti,
P. A'alerii Poblicolae, aliorunniue. Reperitur et Numae Ponq)ilü effigies
terminaH forma in denariis argenteis, cpii Numa Terminum Dcuni Romae
primus consecravit. TOI ego, Cardinalis verl)a comprobans: Rede, inquam:
vidi enim denarium illum his diebus apud humanissimum eruditissimumque
virum Acliillem Massaeum, ([ui cusus a M. Varrone fuerat, cum legatus
esset procpiaestore Cn. Pompeii Magni 1)ello Piratico et 31ithridatico. C'eterum
plurimas eins generis statuas e (iraf'cia in villam suam Ti))iu'tinam transtulisse
Iladriaiiuiii bnperatorem colligo ex fragmentis. (juae miper iljidem vidi cum
titnlis adluic suis, utpote Thcniistoclis, Cimonis. Alcil)ia(lis. Ileracliti, An-
Strategenköpfe.
43
-■7:- 4
i M1\TIAAHS
KlMQNnS
ABHNA.inS
&
docidis, Isocratis, Aeschinis, Aristotelis, (jirncadis, Aristogitonis, et Aristo-
phanis. Sed capita (quod dolendum) feir oninia teniporis iniuria perierunt:
Titiili (iraoci quadratis littoris eleyaiitissime iiiscvdpti permanent.« Daran
anschließend ergeht sieli dann ^lorillonus ausf'ülirlieh ül)er die symbolische
Bedeutung des (;e1)rauchs von litterae quadratae. DalS in di(\ser Aufzählung
der Ilcrmeninschrif'ten nur versehentlich Cimon statt ^liltiades genaiuit
ist — der Name des Kimon kam als Vatername in der Inschrift der
3Iiltiadesherme vor — . liat sclion Michaelis. Die Bildnisse des Thukydides
•S. i6, 24, bemerkt. Denn die kopflose Herme mit
der Bezeiclmung Kimun Miatiaaoy ÄeHNAToc liei l'r-
sinus S. 14 (mit (Jewandstück) und l)ei (Jallacus 46
(olme (iewandstück) i.st gefälscht (liüisen. K'öm. Mit-
teil. 1901. S. 190, Nr. 90*), und sie fehlt untei' den
Zeichnungen des Codex Pighianus.
An der einen Stelle, in der 'I'hemis dea, sayi
Pighiiis, die Köpfe seien »fere onnüa« verloren, an
der anderen, im Hercules Prodicius, nennt er die
Hermen überliaupt nur »truncos«. An dieser Stelle
spricht er auch von Zeiclinungen dieser Hermen : diese
Zeiclmungeii oder zweite Exemi)lare davon sind er-
lialten im Berliner Codex Pigliianns fol. 142. 142'.
143, und zwar tragen sie genau die Inscliriflen, die
in der Tliemis dea aufuczähll werden, und diese voll-
zählig: die Abbihlungen aber sind sämtlich ohne
Köpfe, wie die hier verkleinert wiederholte der Mil-
tiadesherme von fol. 142. Also ist das »fere omnia«
in der angeführten Stelle der Themis dea wohl nur als Redewendung auf-
zufassen, nicht etwa daraus zu folgi'rn, daß einzelne der Hennen noch Köpfe
gehabt liätten. So hat aucli Hülsen, Rom. Mitteil. 1901, S. 128 den Sacli-
verhalt aufgefaßt: er nimmt an, daß bei der dekorativen Verwendung der
Hermen in der ^'ilia di Papa (üulio ihnen sofort beliebige Köpfe aufgesetzt
worden seien. Irsinus gibt dieselben Hermen ohne Köpfe mit Ausnalime
eben des Miltiades S. i 2 und des .\scliines S. 79. Ob diese beiden Köpfe
den Hermen wirklich aufgesetzt waren und vom Zeichner des Ursinus da-
nach kopiert sind, oder ob sie Zutat des Zeichners selbst, also Buch-
fälschung, sind, läßt sich nicht bestimmt entscheiden. Aber man wird der
J
Cod. Pi-li. fol. 142'
44
K E K U L i: VON S T R A I) O N I T Z :
Aniialnne der Buchfälscliiing' zuneigen, wenn man sieht, daß derselbe Kopf
bei Statins auf Tafel YIII und IX ancli den Hermen mit den Namen des
Herakleitos und des Aristoplianes aufgesetzt ist, die bei Ursinus S. 63
inid 29 olnift Kopf gegeben sind, und zwar erstere mit einer bei Ursinus
S. 109 neben anderen nacligetragenen l^ericlitigung der Anordnung der In-
scJirift »ad vetustorum lapidum fideui«, wodurcli die Inschrift als dreizeilig
gesicliert wird, wie sie aucli Statius gibt.
Nacli dem allem ist zweifellos, daß der in Tivoli gefundene Hermen-
schaft mit der Inschrift /^iatiaahc KImunoc AeHNAToc olme Kopf war, und
HPAKAElTnS
BAT20ND2
E4^E21D2
Statins Taf. VIII
Statius Taf. IX
wenn er später mit einem Kopf versehen worden sein sollte — was niclit
walirscheinlicli ist — , dieser Kopf scliwerlich antik, keinesfalls aber zu-
gehörig gewesen ist und tiir uns nur als Buclifälschung gelten kann.
Ich wende micli ztir Bespreclnuig der auf dem CaeUus gefundenen
Herme. Die Nachrichten über den Fund stellen bei Kaibel und Hülsen,
Rom. Mitt. 1901, S. 167, Nr. 31, und besagen in der Hauptsache »In monte
Caelio statua terminalis nuper eruta, (d. X. Febr. 1553) Masius in epistula
ad Octavium Pantagatluim inter scliedas Manutii«. »In monte Caelio in
vinea Strozae, Metellus Yat. 6038 f 95, 6040 f 8«. Die Angaben des Ligorio
sind bei Hülsen abgedruckt.
Faber im Commentar zu (iallaeus (Hlustriiun imagines ex antiquis
marmoribus, nomismatibus et gennnis expressae, quae extant Romae maior
Strategenköpfc. 45
pars apud Fulvium Ui-siiium. Editio altera ali(|uo( imaginibus et lohannis
Fabri ad singulas conimcntario auctior et ilhistrior. Tlieodorus (iallaeus
delineabat Romae ex arclietypis, incidebar Antverpiae MDXCIIX, Antverpiae
ex officina Plantiniana MDCVI) nennt zu Tafel 92 in erster Linie nicht
die daselbst aus Ursinus wiederliolte Herme vom (Jaelius, sondern die Herme
aus Tivoli und fährt erst dann fort: Alius autem Hermes cum disticho
Graeco et hatino, olim in monte Caelio rep<Ttus fuit: ubi in villa (|ua(lam
inter multos alios Hermas positus erat: ut ex fragmcnto eins Herniae, (|ui
simul est repertus, apparet. Is Persei fuit: et in eo, praeter disticlion
Graecum et Latinum, haec est inscriptio nEPZEYZ typannoy. Sic enim
nominatur luppiter, ut rex Deorum. Ex eins Hermae versibus, etsi vetustate
litteri.s corrosis et evanescentibus, tabula oriiiinis Persei collisitur ex
Danae et love in aurum converso. Res gestae Miltiadis adeo copios(> ab
Herodoto, aliiscpu; auctoribus describuutur, ut minime necesse sit easdem
hie commemorare. Porro versus (iraeci et Latini, ([ui lenuiitur in illo
Herma, sunt lii, und es folgen dann die beiden Disticlien, erst das latei-
nisclie, dann das griechische.
Die Inschrift hepseys typannoy setzt Kaibel S.VIIl, Nr. 238a* unter
die falschen, und ich weiß nichts mit ihr anzufangen. Es klingt sonder-
bar, daß auch hier auf einem Hermenbruehstück griechische und lateini-
sche Verse gestanden haben sollen und bei aller Unleserlichkeit noch eine
Hinweisung auf den mythischen Perseus verständlich gewesen sei. Es
muß wohl ein Mißverständnis oder eine Verwechslung oder beides zugleicli
in die Nachricht hereingeraten sein, und man kommt fast auf den (ie-
danken, die treuere Übersetzung des auf der Miltiadesherme vorhandenen
griechischen Distichons von Gambara, die Ursinus S. 10 mitteilt, könne zu
der Verwirrung beigetragen haben. Sie lautet:
Miltiade, norunt omnes tua facta sciuntque
Virtutem Persae cum Marathone tuam.
Weim wir überhaupt etwas aus der Nachricht bei Faber schließen
dürfen, so kann es nur sein, daß auf dem Caelius zugleich mit der 3Iiltia(les-
herme noch ein anderes Bruclistück einer Inschriftherme gefunden worden
sein soll. Denn daß sie »inter multos alios« gestanden habe, ist bereits ein
Schluß von Faber aus dem zweiten Hermenbruchstück, und des Fundes hat
sich bereits Ligorio (Hülsen, Rom. 31itteil. 1901. S. 167, Nr. 31) angenommen.
46
K !■: K U L K \ ON S T K A I) () N I T Z :
Für die auf dem Caclius gefundene Herme des Miltiades ist wiederum
auf Pigliius zurückzugehen.
Auf demselben Blatt wie die kopflosen Hermen des Andokides, Alki-
biades, Aristoplianes, Codex Pigliianus fol. 143. bildet er auch eine Herme
mit bärtigem Kopf ab und mit derselben In-
schrift, wie sie die Herme bei Ursinus S. i i
zeigt. Die Schriftart ist dieselbe, die Angabe
des Namens ohne Vaternamen und Heimat-
bezeichnung ist dieseH)e, die Reihenfolge der
Distichen ist dieselbe. Also muß dasselbe Stück
gemeint sein. Aber das Aussehen des Ganzen
ist ganz verschieden. Daß bei Ursinus die
Hernie in der Art, wie es nicht immer, aber oft
QVt MMM »ILVO VI
T1»»<T'<AA»».TIA».MT1
w
bei diesen Stichen geschieht, kurz und schmal
abgeschnitten ist, während sie bei Pighius massig
und breit ist und der Schaft lang herabgeht, ver-
schlägt nicht viel. Die Willkür in den Stichen
und das Ungescliick in den Zeichnungen geht
sehr weit. Sehr seltene Male hat man den Ein-
druck, daß der ZcicJmer die Herme in dem
Zustand habe wiedergeben wollen, in dem sie
sich befand. Vielmehr dient die Angabe der
Hermenform dazu, zu zeigen, daß es eben ein
Hermenschaft war, auf dem die Inschrift, deren
Absclirifr mitgeteilt wird, stand. Es ist meist
eine enge und schmale, seltener eine breite
und massige Form gewählt, und die äußer-
liche Konv(mtion geht so weit, daß auch bei
den kopflosen Hermen die Zerstörung in der
ganz ghnchen, auswendig gelernten Weise angegeben wird. Bei der ge-
fälschten Kimonherme, die ich eben anzuführen hatte, zeigt der Stich bei
Ursinus ein Gewandstück auf d(>r linken Schulter; bei Gallaeus fehlt es
trotz der Unterschrift Apud Fulvium Ursinum in schedis ex marmore. Und
so mag denn auch diese Verschiedenheit zwischen Pighius und Ursinus hin-
gehen — sowenig sie für die Glaubwürdigkeit des Stiches oder der Zeich-
nung spricht. Aber man mag die Kunstfertigkeit des Pighius noch so
Cod. Pi.uli. fol. 143
Strategenköpfe. 47
gering', die Manioriorthoit des Stechers oder Zeichners in dem Blatt bei Ur-
sinus noch so hoch ansehlagen, man wird sich doch schwer zu der Annahme
entschließen können, daß der Kopf in der Zeichnung des Plghius und der
im Stich bei Ursinus auf ein und dasselbe Vorbild zurückgehen. Was be-
weist, daß der Kopf, der uns in so verschiedenen Formen vorgefülirt wird,
überhaupt auf der Herme aufsaß, als sie gefunden wurde? Aus den bei
Kaibel mitgeteilten Angaben ist dafiir nichts zu entnehmen, und auch die
Scheden zum C. I. L.. die auf Hrn. Hirschfelds Bitte Hr. Dessau freund-
lichst für mich nachgesehen hat, ergeben nichts Genaueres. Er sehreibt:
»Von cod. Vat. 6038 und 6040 finden sich in unseren Scheden die ge-
wohnten Exzerpte. Das Exzerpt aus Vat. 6040 trägt das Lemma .reper-
tum in monte Celio, in vinea Strozae, in termino marmoreo', also wie
CLL. und Kaibel; das Exzerpt aus Vat. 6038 Jiat .s. 1" — es ermangelt
die Inschrift also dort jeder Orts- und Fundbezeichnung — und über der
Inschrift .Busto di Milziadc. Damit hat der italienische .\manuensis, der
die Handschrift exzerpiert hat. sagen wollen, daß in der Ihuidschrift die
Büste gezeichnet ist; um festzustellen, ob diese Büste identisch ist mit
der des Ursinus, müßte man dii' Handschrift einsehen.«
Wenn wir aus der ("lierselirift Busto di Milziade schließen müssen,
daß auf dem Schaft mit den Insclirilten bereits ein Kopf üezeiciinet ist,
so lohnt es kaum, nachzusehen, ol) die Zeichnunii' mit der des Pighius
oder mit dem Stich liei Ursinus übereinstimmt. Denn weder die Zeiclmung
noch der Stich liaben Au.sprucli auf Glauliwürdinkeit. Weder so nocli so
kann ein Kopf ausi^esehen lialien, der in antiker Zeit als Miltiades nalt.
Der Widerspruch der beiden Al)l)ildunt;eii bei Pit>liius und Ursinus scheint
darauf hinzuführen, daß der Hermenschaft kopflos gefunden wurde, und
eine Hindeutunii- darauf könnte man aueli darin suchen, daß in der Tafel
des Statins die beiden Distichen auf dem freilich auch kopflos gefimdenen
Hermenschaft aus Tivoli angebraclit wurden. Jedenfalls aber stehen wir
hier wie l)ei der Herme aus Tivoli nur vor der Wahl einer — einmaligen
oder hier auch zweimaligen — willkürlichen .Vufsetzung eines nicht zu-
geh()rigen und dann vermutlich nicht antiken Kopfes oder einer — ein-
maliy:en oder auch hier zweimaligen — Buchfälseliung. Mit einem wirklichen
Bildnis des Miltiades oder auch nur mit einem im Altertum für Miltiades
' Matz, Berliner Moiiat.shericlite 1871 .S. 447 IV., 460.
48 K E K u L K V o N S T R A D o N I T z : Strategenküpfe.
geltenden Bildniskopf haben die beiden modern zurechtgemachten Köpfe
T)ei Ursinus so wenig etwas zu schaffen wie der des Pighius. Wir er-
kennen, mit welchen Mitteln man in den Tagen des Lafreri, des Statins
und Ursinus sich die Anschauung der Bildniszüge der Viri illustres des
Altertums zu verschaffen gewöhnt war. Und es ist schmerzlich, bei Visconti,
Sonographie Grecque I zu Tafel 13, zu lesen: »J'ai choisi cet Hermes de
Miltiade entre les deux que Fulvius Ursinus a publies, parce qu'il m'a
paru meriter plus de confiance, ä cause de la ressemblance qu'il a avec
les autres images de ce guerrier, reunies daus cette planche, et de la forme
carree des caractcres grecs, usitee dans ce genre de portraits. L'autre,
decouvert sur le mont Celius, ä Rome (Fabr. Imag. n. 92), soit qu'il eüt
ete degrade par les restaurations, ou que l'estampe ait ete gravee d'apres
uu mauvais dessin, n'offre qu'une tres legere resseml)lance avec le preraier. «
K. Pretiß. Akad. d. Wissensch.
PhÜ.-hist. Abh. 1910.
Kekule von Stradonitz: Strategenköpfe.
Taf. l.
K. Preuß. Akad. d. Wissensch.
Phil.-hisf. Abh. 1910.
G
Kekule von Stradonitz: Strategenköpfe.
Taf. II.
Ä'. Prniß. Äkad. d. Wissensch.
Phil.-hist. Ahh. 1910.
o
a
a>
1»
es
CQ
N
05
O ^
OQ
a
o
>
S3
Uigurica II.
Von
F. W. K. MÜLLER.
IM.-h*sf. Klwtse. 1910. Abh. HI.
Gelesen in der Sitzung der phil.-hist. Klasse am 20. Oktober 1910.
Zum Druck eingereicht am gleichen Tage, ausgegeben am I.Juni 1911.
Uie folgenden Seiten bilden die Fortsetzung meiner » Uigurica ' « vom Jahre
1908. Die übersetzten Texte gehören, wie das Inhaltsverzeichnis zeigt, den
verschiedensten Phasen der buddhistischen Literatur an. Neben philosophi-
schen Ausführungen, Fragmente aus der Erzählungsliteratur, der späteren be-
quemen Theologie, Zaubersprüche und Beichtformulare aus der praktischen
Theologie des Buddhismus.
Die Texte sind meist gut lesbar und daher nur in Transkription
wiedergegeben worden. Wo sich ein chinesisches Original oder eine Par-
allel-Übersetzung ermitteln ließ, sind sie daneben abgedruckt worden, da
Citate aus dem chinesischen Kanon jetzt nur von wenigen Bevorzugten in
einigen großen Bibliotheken nachgeschlagen werden können. Die Über-
setzungen können bei dem jetzigen Stand unserer Kenntnisse des alten
Türkisch meist nur als Übersetzungsversuche bezeichnet werden. Es ist
daher auch absichtlich die Form der Zwischenzeilen-Übersetzung gewählt
worden, trotzdem sie eine glatte, sich fließend lesende Übersetzung er-
schwert, eben um dem Leser eine bessere Kontrolle gewähren zu können.
' Abhandlungen der Berl. Akad. d.Wiss. 1908.
F.W.K. Müller;
1. Bruchstück T. n Y. 32.
(Bildet mit dem folgenden T. II Y. 21 ein Ganzes.)
Inhalt: Entwicklung der Nidäna-Reihe, aus einer Lebensbeschreibung Buddhas'.
» -ktin öngü-ü
s yol yinga'y näng bilmäz-lär 00 ap nomluy-y
des Weges Richtung durchaus kennen sie nicht. Sowohl den Gesetzes-
3 yol'in uqarlar 00 ap ymä toymaq ölmäk-ning
"Wtg verstehen sie, als auch des Geborenwerdens und Sterbens
4 {mün\in qadayin biUrlär ötrü ol oyurcl[a\ . .
Schuld kennen sie. Darauf zu der 2<eit
5 mn qamay biS azun t'inly oyl . . [ani] üzä
habe ich Ober aller fünf Existenzformen Lebewesen-Kinder
6 uluy y \rliqan6\m'i köngül turyurup kördilm iriru'.
eine große, mitleidsvolle GemQtsstimmung entstehen lassen und sah jämmerlich
7 . . . ly umuysz inaysz bu t'inly-lar muntay ämgäklig
. . . hoffnungslos, zufluchtslos diese Lebewesen in solch qualvolle
8 . . . . [yol\da tidmiS turur lar 00 inm bilrnäzlär 00
Existenzform herabgesunken sind sie, solches erkennen sie nicht.
9 bar'ir-Jfiz tip 00 öz biligsiz bilgä
gehen wir dahin. So sprechend, durch ihres wissenlosen Wissens (der Avidyä)
10 küöintä hu muntay ämgäk iöintä aytaru
Kraft in diesem, so beschaffenen Leiden befangen bald 'schnell,
' Der von Zeile 7 ab hier und im folgenden Bruchstück beigegebene chinesische
Text ist der des chinesischen Lalitavistara = ^>7 S y<C 7J± J^ »^ ' über welchen vgl.
Bunyiü Nanjiös Catalogiie of the Chinese translation of the Buddhist Tripitaka, Ox-
ford 1883, Nr. 159. Er befindet sich in unserer .\usgabe (vgl. Uigurica I, S. 11) im 9.
= T'au 9, Band f, S. 688 Rucks, oben Z. 11 ff.
Uigurica 11. 5
■I tonytaru tägzinnr-Jär oo ötrü ol oyurda mn
bald * langsam ' drehen sie sich im Kreise (des Samsära). Darauf zu jener Zeit habe ich
"... \y\mä inöä sayind say'intin mn öngrä ynl tiläyn hin
auch folgenden Gedanken gedacht: Ich zuerst einen Weg will suchen, später
13 adnayu-'ia yoWi yirii bolayn tip 00 yaria könglümtä
filr andere ein Föhrer und Wegweiser will ich werden 1 Wieder in meinem Herzen
M inöä sayinö ördi nä üdün %ar'imay ölmäk tor^ar nägü-
folgender Gedanke stieg auf: Warum das Altern und Sterben entsteh! es, wodurch
'5 -da ötkürü %ar'im(r^ ölmäk törHijür
weiter wird das Altem und Sterben her^'orgebracht?
'6 scr/'inip utyuray tuidum inöip to[y?naq-da]
Indem ich es bedachte, habe ich es vollkommen verstanden. Also . . . (durch das Geborenwerden entsteht)
Bruchstück T. n Y. 21.
Inhalt: Entwicklung der NidSna-Reihe.
' iglämäk ölmäk törilyür tcyymay üdiln %ar'iniay iglnmäk '
Erkranken, Sterben entsteht, infolge des Geborenwerdens wird Altern, Erkranken und
' ölmäk toyar . . . [o o] inöip yann indä sny'intm loymay nägü-dä
Sterben erzeugt. Darauf wiederum so dachte ich: das Geborenwerden, wodurch
3 törüyiir nä üdün toymay blgürär tip ötrü muncolayu-u
entsteht es, wanini das Geborenwerden erscheint es? Darauf folgendermaßen
4 titrü say'iriip utyuray tuidum oo bolmay-la ötkürü
genau bedachte ich es und vollkommen verstand ich es: durch das Sein weiter
' 'li. lo — II aytaru tongtaru zunächst: (ließen lassend, gefi'iercnd lassend ; vgl. ^\ ^^yi ya.
6 F.W.K. Müller:
5 . . [tÖ\rüi/ür oo bolmay ücün torimo!^ hlgürär oo ötrü holmaya^
entsteht es, infolge des Seins das Geborenwerden erscheint. Danach über das Sein
6 say'intm bolmay nägüdä törüyür nä ücün holmay
dachte ich nach: das Sein, wodurch entsteht es, warum das Sein
7 tayar tip o o indip titrü say'iriip utyuray tuidum tut. . . ^ycty]-
wird es erzeugt? Indem ich es so genau durchdachte, habe ich es vollkommen verstanden : durch das
8 -ta ötkürü bolmay törüyür tutyay^ üdün bolmay io^ar oo
weiter das Sein entsteht, infolge des Festhaltens wird das Sein erzeugt.
0 m i^ W ^n ^
9 titrü tutayayay' say'intm tutayay nägüdä törüyür nä
Genau darauf habe ich das Festhalten durchdacht, das Festhalten, wodurch entsteht es, war-
>o üöün tutayay toyar tip o o incip titrü say'intp nt . . [yu]-
um wird das Festhalten erzeugt? Da habe ich es genau durchdacht und vollkommen
«■ -ray tuidum nmranmaytn ötkürü tutayay
verstanden : durch das Lieben weiter entsteht das Festhalten
n tutayay toyar
[infolge des Liebens] wird das Festhalten erzeugt.
n %anyuda törüyür tip
wodurch entsteht (nun letzteres)
>4 inöip titrü say'intp [utyuray tuidum täginmäk-tä]
Solches genau durchdenkend, (habe ich es vollkommen verstanden, durch Erleiden)
mm m ^ m^^
15 Ötkürü gmranmay törüyür oo täginmäk üöün ainranmay ....
weiter das Lieben entsteht. Infolge des Erleidens wird Lieben
i6 toyar o o ötrü täginmäMg say'int'im yjinyu-da tö \rüynr\
erzeugt. Darauf habe ich das Erleiden durchdacht: worin entsteht
^^
' 2J. 8 tutyay. Dagegen Z. 9 — 1 2 tutayay. '
Uigurica IL
■7 tägHnmäk nä t'iltay-'in täyinmäk to^ar tip oo ind[ip] . . ■
das Erleiden, aus welcher Ursache wird das Erleiden erzeugt? Darauf
i8 titrü say'intp utyuraj tuidum bürtmäk-tä ötkürü
indem ich es genau durchdachte, habe ich es voilkoinnieii verstanden, durch das Berühren weiter
ip^ _. m. ^ mm
[Ende des Bruchstücks.]
2. T. n S. 2b.
Großes Pothiblatt.
Inhalt: Entwicklung der Nidäna-Keihe, aus dem Maitrisimit.
In der Übersetzung sind die entsprechenden indischen Termini aufgeführt.
« üki t'iltay sögüt önmiS ärür
.... die erste Ursache des Baumes Entsprossensein ist.
' andolayu ymä qartmaq iglämäk-ning
So wird ancb des Jarä- vyädhi
3 tiltayi üdünö to^maq titir oo ötrü
Ursache als dritte Jäti genannt. Darauf wird
4 bodXsvt inöä saqtnur ol ymä toy-
der Bodhisattva so nachdenken: jene nun Jäti
5 -maq nä tiltayda ötkürü blgülüg
aus welcher Ursache weiter sichtbar
6 bolur oo quduru qolulap titrü
wird sie? Vertiefend es 'festhaltend, wird er es recht
7 uqar bolmaq t'iltay'inta
verstehen: dnrch Bhava verursacht,
8 tofymaq bolur oo bolmaq ymä anl(ry
wird Jäti sein. Mit Bhava auch so
9 ärür oo azunlarty Iniru avUrdadi ätöz-
verbftlt es sich: die die Existenzen durchwandelnd kreisenden, im Körper,
■o -däki köngültäki tiltäki q'itindlar
im Sinn, mit der Zange getanen Taten,
•« ol bolmaq titir oo qUinöta ötkürü-ü
diese Bhava werden genannt. Durch die Tat weiter
r
8 F. W.K. Müller:
" agun bolur oo näng makiSvrida bolmaz
wird die Existenz, keineswegs durch Mahesvara geschieht es,
13 näng pardan-t'in bolmaz yjxlVi puranH
nicht dnrch die Weltseele (pradhäna) geschieht es, wie die Purapas
M ulaH azw^ 7iomluy-lar sözläyür-lär
und Irr- Lehrer sagen.
15 t'iltay-siz kntün blgürär Hp ohr-ning
»Ursachlos (aAeto) durch sich selbst erscheint es (»payamiAü)', wie jene
16 sözlämiä-läri tag ymä ärrnäz ädgüli
gesagt haben, ist es auch nicht. Durch die, entweder guten
17 ay'iyU iki türlüg qttincta Öt- '■■
oder bösen, beiden Arten von Taten treten im Verfolg
18 -kürü to^um azun-lar blgülüg bolur
die Wiedergeburten und Leben in Erscheinung.
>9 -lar 00 ötrü bodisvt incä saqinö
Darauf wird der Bodhisattva folgenden Gedanken
*> saqinur 00 qilinö ymä nä Ultayin
denken: Die Tat (Bhava) femer wird durch welche Ursache
" blgülüg bolur basutöM^ kirn ärür 00
sichtbar, und der (Hervorrufer?) davon wer ist?
a» ongatt köngülgärip utyurcry uqar iut-
* Verbessernd es 'durchdenkend, wird er es vollkommen verstehen: durch Upädäna
J3 -yaqta ötkürü qil'inc bolur o o tutyaq
weiter Bhava wird. Upädäna
»4 ymä munta üc ängim sansar-daqt
auch wird so durch die im drei-* teiligen ^ Samsära herrschenden
»5 riizvanilar oyfinta tört türlüg
Leidenschaften verursacht in vier Arten
a6 adfilur-lar qalt'i quruy otung i'ilta-
zerlegt. Wie durch trocknes Brennholz veranlaßt
»7 -y'tnta ot laniitur idiz kuyär ör-
das Feuer entzündet wird, hoch flammt
' Z. 21. Oder ist jktfifßtf' prsut zu lesen? Dann wäre es Fremdwort: y*J^(rl (das
Erzeugen). Vgl. die Lehnwörter in Z. 13.
* Z. 24 Jt£f''\ aus äng 4- im ::= * Anfang, * Prinzip? = VlfJ, ^"
Uigurica II. 9
ä8 -tänür ancolayu ymä tutyaq riizvarii-hj
und lodert, so werden anch durch der Upädäna Leidenschaft-
ag otungta ötrü yßtincly ot-lar ör-
BrennstofT alsbald der Taten Feuer zum Lodern
30 -tänür yalar-lar ötrü hodisvt indä
und Flammen gebracht. Darauf wird der Bodhisattva also
^^i^ saqinur ol tutyaq ntzcant ymä nägüdä
denken : Diese Upädäna-Leidenschaft auch wird wodurcli
Rückseite.
Überschrift: biä ygrmlni yiti = XV. (Abschnitt, Bl.) 7.
■ ötkürü blgürür 00 onyati köngültä
weiter sichtbar? Wenn er das * \erbessernd im Gemflt
"... \mq\in'ip adara uqar az q'ilinc t'it-
überdenkt, wird er es (weiter) zurückgehend verstehen: Durch Trsnä verursaclit
3 -foyinto ttUyaq nizvani lilgüli/g
die Upädiina-Leidensrhaft siclitbar
4 l}olur qalt'i kicig Jcui ot ööüri
wird. Sowie eines nur kleinen Feuers Erlöschen
5 yilig nsinig (sie ! lie.s äsinü/) hasutci is bulup
den Wind und den Luftzug als * Hervoirufer und Genossen erlangt hnhend
6 iikliyür Ix'idnyür ancolayu ymä
wächst und größer wird, so werden anch
7 az q'ilinc tillayinta alqu
durch Trenä verursacht alle
8 nizvanilar iikliyür aSilur-lar
Leidenschaften größer und vermehrt.
t Ötrü l)odisvt imä saq'inc saqinur
Darauf wird der Bodhisattva folgenden Gedanken denken :
•o az qihnf ymä nä baäliy'in qoyu
Ti'snri ferner, durch welchen Anfang, welchen
" ftasvtifin blgiiliig Itolur antay onga-
'Erroger wird sie sichtbar? I>anach noch 'besser
" -Ä bögüS orup utyurati uqar tägin-
»eine 'Weisheit anwendend wird er es \ollkonnncn verstehen : Durch Vedana
<3 -rnäk tiltayintd azlanmaq bolur ol
verursacht, Trsnii entsteht. Durch
Phil.-hi.tt. Klasse. lUlO. Abh. 11 1. 2
10 F.W. K. Müller:
M oq täginmäk t'ütay'inta azunlar-qa
eben diese Vedanii verursacht, entsteht das nach Leben,
15 äd taxar-qa ärkkä türkkä azlanm-
nach Hab und Gut, nach Macht und Stärke Trsnä-Empfinden.
16 -aq turur o o ötrü bodisvi inid saq-
Darauf wird der Bodhisattva folgendes
■7 -inc saq'inur 00 nä t'ilta'^tn nä iicün
bedenken: aus welcher Ursache, warum
18 täginmäk holw ärki o o ubjura^ bilgä
mag Vedanä wohl entstehen ? Durch sein vollkommen weises
19 hlligin adtrtlayu uqar qac'iy adyan-
Wissen wird er es zerlegend erkennen : das den Durchgang und des Unterscheidenmüssens
20 -yu^ törü hilig köngül hirln qaiM-
Gesetz mit dem weisen Herzen (= der Vernunft) Vereinigen
21 -ip hürtmäk titir 00 ol bürtmäk til-
wird Sparsa genannt. Durch dieses Sparsa verursacht
2> -tajinta täginmäk holur o o qalt'i ot-
Vedanä entsteht. Gleichwie durch Feuer-
23 -luy Ir quruy qavayu är-nlng dccymWi
Stein (?), trockenen Zunder, eines Mannes Geschlagenhaben
24 ösm'ifi hu HC türlüg t'iltay-da
und Angeblasenhaben, durch diese drei Arten Ursachen
=5 ötkürü ot hlgüliig bolur 00 anco-
im Verlauf Feuer erscheint, so wird
s6 -layn ymä %oc'iy yol adyanyu^ törü
auch durch den ' Durchgangs-Weg (der Sinne), durch der Differenzierung Gesetz und
27 hiUg köngül hu üctä ötkürü
das weise Gemüt (=; Vernunft), durch diese drei im Verlaufe
28 hürtmäk holur 00 hürtmäk t'iltayinta
Sparsa entstehen. Durch Sparsa verursacht
29 mängi täginmäk ämgäk täginmäk igin
wird Freude Erleiden, Sclnnei-z Erleiden, durch Krankheit
30 aeay'i täginmäk blgülüg bolur o o ötrü
Bitteres Erleiden in Erscheinung ti-eten. Daraiif
31 bod'isvt-ning incä saqtn^i bolur 00 qayu
wird des Bodhisattva Gedanke folgender sein : welches . . .
[Ende des Blattes.]
' Z. 19 und 26 = das UnterscheidenmQssen (/.wischen Ich und Nicht-Ich).
Uigurica IL 11
T.n S.2b-1.
Großes Pothiblatt.
Inhalt: Kntwickelung der Nidäna-Reihe aus dem Maitrisiniit.
> täginmäk l'iltayinta az qil . . . [und] bolur
Durch V«dana veranlaßt, wird Trsiiä liervorgerufeii,
ä az qitinc t'iltay'inta tutyaqlanrnaq
durch Trsnä veranlaßt, wird Upädäaa
3 bolur oo tutyaq t'iUay'inta qitinc höl-
hervorgemfen, durch Upädäna veranlaßt, wird Bhava hei\orgerufen,
4 -ur oo q'itinc t'iltay'inta toyviaq bolur
durch Bhava veranlaßt, wird Jati hervorgerufen,
5 toymaq tiltw^finta qar'imaq ölmäk
durch Jäti veranlaßt, wird Jarä- maraQa
6 holur oo bomS qadyu änigäk
hervorgerufen, und BetrQbnis, Kummer, Leid, {soka, parideva, du/tkha)
7 tutyaq s'iqiy tarußy uluy
Wehen, 'Angat, 'Entsetzen, gioßes
8 amgäk-lig ög-mäk blgi'di'ig
peinvollen Denkens (daurmanatya) Sichtbar-
9 bolmaqi bolur oo ötri'i ayay-qn liikini-
werden wird hervorgerufen. Darauf wird der elirwilrdige
'<> -lig bodistv sansar-ning baru äcril-
Bodhisattva des Samsara wandelnd Kreisen (= saiii-sära)
" -mäkin uqup nüri'i tärribnäkin^ ämgäk-
verstehen und duirli 'Unikehrung [der Nidaiia-Entwickelung] das leid-
■» -siz u6uz uqar oo toymaq bolmasar qar'i-
lose Ziel erkennen : wenn Jäti nicht ist, ist auch Jara-
>3 -maq ölmäk bolmaz oo q'itinö bolmasar
marana nicht; wenn Bhava nicht ist,
M toymaq bolmaz oo tutyaqlanmuq bolmasar
ist Jäti nicht; wenn Upädäna nicht ist,
•5 qttind bolmaz oo az ö/wr (sie!)* bolmasar tut-
ist Bhava nicht; wenn Ti'snä nicht ist, ist Upädana
' Z. II vielleicht zu lesen: märü dävrilmäkin'-!
' Z. 15 Siehe folgende Seite, Anmerkung.
12 F. W. K. MüLLKu:
"6 -yaq bolmuz oo täginmük bolmasur az al-
niclit; weiin Vedanä nicht ist, ist Trsiiä
■7 -m«r (sie!)' holtnuz oo hürtmäk hohnusar täyinmük
nicht; wenn Spiir^^a nicht ist, ist Vedanä
i8 holmaz o o ata qai^vy orunlar bobnasor
nicht; wenn die Sad- ayatana niclit sind,
19 bürtinäk bolmaz oo at öny bolmasar
ist Sparsa nicht; wenn Nama-rüpa nicIit ist, dann sind die
20 alt'i qaöiy orunJar holniaz-lm o o bil-
Sad- äyatana nicht; wenn
2' -ig köngül bolmasur at öny bolmaz o o
Vijnäna nicht ist, ist Nänia-rüpa niclit;
2j taoranmaq bolmasar bilig känyiil bolmaz oo
wenn Saiiiskära nicht ist, ist Vijfiäna nicht;
»3 biligsiz bilig bolmasar tavranmaq bolmaz oo
wenn Avidyä nicht ist, ist Saiiiskära nicht.
S4 biligsiz bilig öcsär tavranmaq ö^är oo
Wenn Avidya erlisclit, wii'd Saiiiskiira eiiösclieii ;
2 5 tavranmaq öcMr bilig könyill öcär oo
wenn Saihskära erlischt, wird Vijnäna erlösclien;
26 bilig köngül öcsär at öny öcär oo
wenn Vijnäna erlisclit, wird Näma-rnpa erlöschen;
=7 at öng öösär alt'i qaciy orun-
wenii Näma-nipa erlischt, werden die Sad- äyatana
=8 -lar öcär o o alt'i qaciy orun-lar öc-
erlöschen; wenn die Sad- äyatana erlöschen,
29 -sär Inirtmäk öcär o o amr'ilur o o bi'irtmäk
wird Sparsa erlöschen und zur Ruhe kommen : wenn Sparsa
3° Öcsär täginmük öcär o o tägimidik öcsär
erlischt, wird Vedanä erlöschen; wenn Vedanä erlischt,
31 az bilig öCär amr'ilur oo az
wird Ti'snä erlöschen und zur Ruhe kommen; wenn Trsnä
' Die Wörter in Z. 15 — 17 almr, almir sehen wie Verlesung (von amranmaq?) aus.
Uigurica II.
13
Rückseite.
Überschrift: [biS\ ygrmnc [d\n — XV. (Abschnitt, Bl.) lo.
■ hilig .... [ödsä]r amfilsar tutyaq öcär
eriischt und zur Ruhe kommt, wird Upädäna erlöschen und
» amrilur oo az bllig ödsär amfiba/-
zur Ruhe kommen; wenn Trsnä erlischt und zur Ruhe kommt, wird
3 tutyaq öcär amrilur oo tutyaq öcsür
Upädäna erlösclien und zur Ruhe kommen; wenn Upädana erlisclit
4 amr'ilsar qili/u} öcär amrilur o o qilinc
und zur Ralie kommt, wird Bliava erlöschen und zur Rulie kommen ; wenn Bhava
5 Ödsär amrtlsar toymaq öcär amrilur o o
erlischt und zur Ruhe kommt, wird Jäti erlöschen und /.ur Ruhe kommen ;
« toymaq öösär amfilsar qafimaq
wenn Jäti erlischt und zur Ruhe konmit, wird Jara-
7 ölmak ödär amrilur oo usw.
roarana erlöschen und zur Ruhe kommen.
[Bis hierher die Nidäna-Entwicklung.]
Aus diesen vier Texten läßt sicli die Nidäna-Reihe lückenlos und, wie
man sieht, sogar mit gleichbedeutenden oder umschreibenden Ausdrücken
wie folgt herstellen:
Sanskrit:
Chinesisch:
I . avidya (Nichtwissen) flffi ^ (Unklarheit)
2. samskära (Gestaltung)
3. tijMna (Venmnft)
4. näma-riipa (Name und
Form)
5. sad-äyaluna (die sechs
Statten)
6. sparia (Berührimg)
7. vfdanS (Empfindung)
ff (wandeln)
^ (Erkenntnis)
i^^ (Name und
Farbe)
/>; y^ (die sechs Ein-
gänge)
^ (stoßen)
^ (empfangen)
Uigiiriscli :
bUigsiz hilig (wissenloses
Wissen)
tavranmaq (sich bewegen)
hilig köngül (weises Gemüt)
at öng (Name und
Farbe)
alti qacity orunlar (die sechs
Durchgangs-Stellen)
biirtmäk (* stoßen)
täginmäk (entgegen-
nehmen, erleiden)
14
F.W. K. Müllkk;
Sanskrit:
8. trmä (Durst)
9. upädänu (Haften)
10. bhava (Werden)
1 1 . jäti (Geburt)
1 2 . jara-vyädhi-marana
(Alter, Krankheit,
Tod)
Chinesisch:
^ (lieben)
^ (ergreifen)
^ (dasein)
^ (geboren werden)
y^^M (altern, er-
kranken, sterben)
Uigurisch:
amranmaq (lieben) ; az bilig
(Irrtums- Wissen) ; az g'i-
Pinc (Irrtums-Tat); az-
lanmaq (irren)
tutyaq[-lanmaq) (* packen)
holmaq (sein); qil'inc (Tat)
toymaq (geboren werden)
qarvnaq iglämäk ölrnäk (al-
tern, erkranken,
sterben)
Es ergibt sich aus dieser Liste, daß die türkischen Ausdräcke sich
eng an das Chinesische, nicht an das Sanskrit anschließen, vgl. besonders
Nr. 2, 4, 5, 7 und 8. Da die vorliegenden Texte (Maitrisimit) aber auch
im Toeharischen vorhanden waren und teilweise noch sind, so erhebt sich
die Frage, ob nicht überhaupt die chmesischen, vom Sanskrit so sehr ab-
weichenden Übersetzungen erst im Anschluß an mittelasiatische Über-
tragungen entstanden sind.
3.
Bnichsttick T. II T. 10.
Inhalt: Die ^^ Erscheinungsformen des Avalokitesvara '. Bruclistiick aus dem Kap. 24 des
"Lotos des guten Gesetzes«. Vgl. Beal, Catena S. 392 (Samantamukhaparivarta Avalokitesva-
ra-vikurv.na-nirdesa) = y^^p^-/^^i^$l^iä:^^g^p^jJ^p^r.+ Eg
T'au 9 Bd. 3 S. 297 vorn oben Z. 18.
yjutadmts hüdi ärdämi anlaq uluy ämr oo am
beglückende Kraft und Macht derartig groß ist. Des-
%uanSi 'im pusar-ning
"... Kuan-si-yin p'u-sas
üöün qatnay yahigquqlar ayayu ayrlayu tutmü krgäk kirn tünlä
wegen alle Menschen ihn hochachten, eliren und behalten müssen. Wenn jemand Nacht
mw^^mm-kw^mi^m^ li ^mm^.
^ M ^ 's-
o
[küntüz
[und Tag
' Vgl. u.a. das japanische buddhistische Wörterbuch ^^^ l/^ /> ^^ÄBukkyS
iroha jiteii, Nagoya 1900, s. v. Kvvanzeon S. 79 ^^ -4-* '^^ !^ .
Uigurica II. 15
3 unttmasar o o tayi ymä kirn qayu tiSl fintylar ur'i . . . [oyu\l tiläsär
ihn nicht vergißt, so wird femer auch, wenn irgendeines der weiblichen Lebewesen einen Sohn wünsclit
^WicAic^^J^^ [yjianit-im
[und dem Kuan-si-yin
4 jmsar-qa tap'inu udunu täginip anl'in iizüksüz atasnr ötrü köngül-
p'u-sa Verehrung demütig darbringt, und ihn darauf unaufhörlich anruft, alsbald jener dem im Herzen
5 -täki lag körklü qutluy ülüglüg iir . . \'t\ oyul kälüri'ir hirök qiz tiläsär
gehegten (Wunsche) entsprechend einen schönen, Gh'ickcs teilhaftigen Sohn bringen. Wenn sie eine Tochter
^ m m ^ m z^. $^ '^ '^ :k. [^"=" ""'"^^'^''
6 ymä körklä q'iz käliiriir o o ärtingii öküS ädgü qiUm qazyanr qazyanur
(so wird er) auch eine schöne Tochter schenken. Sehr viele gJite Taten wird sie sich erwerben,
7 oo alyu kiMkä nmraq boluroo kirn qayu kiii yjiaiiMtiii pusar-qa tapvnmaaq{s\e\)
allen Menschen lieb wird sie sein. Weim irgendein Mensch, um Kuan-si-yin p'u-sa zu dienen
s udunumy tägürgäli ämgäk nmgänsär ol . . . [? iölü]ki näng yojsuz bolmaz o o
und /.u folgen ehrerbietig, sich quält, so wird seine .\iistrengung(?) keineswegs vergeblich sein.
[Darum
\^^
9 qamay yalnguqlar nlqwßm '^^uanit im puaar at'in atams krgäk o o
alle Menschen insgesamt des Kuan-si-yin p'u-sa Namen aussprechen mflssen.
>o tacfi ymä alqinc^iz köküzlng hodi-sct siz incä hiling kirn qayu
Ferner auch, o Aksaya- niati Bodhisattxa, du folgendes wisse: wenn irgendein
mm ;t, 3^WA
>> ttnh^ altm'ü iki kuti sarii käng ögilz icintäki qum saninea bod'i-svt
Lebewesen die 62 Kotis an Zahl, den im Ganges-Strom befindlichen Sandkörnern an Zahl gleiclien Bodhisattva-
" at'in atayu lapinu udunu %ataylansar ölütn künkätägi atayu tapay'iu
Namen rezitiert, sie zu verehren »ich befleißigt, bis zum Todestage hin sie rozitiert und in der Verehrung
•3 uduyin äysütmäsär asin ickütiin lonin lonanyu.s'in tükäti tugiirsär
und Befolgung nichts ermangeln läßt, Speise und Trank, Kleidung und Gewand, voIIstSndic darbringt,
16 F.W.K. Müller:
14 ol ädgü yjilinc ärüs mu titir alqincxtz kökijz bodi-svt ol
(köniiün dann) diese guten Taten zahlreich genannt werden?« Aicsaya- mati Bodhisattva sagte: »Diese
#^A) ^j fi ^ r^ mm m t.
\ädgü (filind
[guten Taten
15 ärtingü öküS titir tip ötünti tngri hur%an yana incä tip yrlyqadi birök
sind sehr viele !■■ So sprach er ehrerbietig. Dor göttliche Buddha wieder geruhte so zu sprechen : »Wenn
m ^, WM #u H, *
■6 taqi bir kiSi tag bir yjuanSi 'im pusar at'in atayu tag bir ödüa taptnu
ferner ein Mensch z. B., einen von Kuan-si-yin p'u-sas Namen ausspräche /.. B., eine Zeitlang verehrte
17 udunu atayu iäginsär ol kisi o o ädgilyjilinri öngräki kiiiädgii yjriruH bir-
und nussfrUcheehveiViotig, so ist ']enes Menschen gate Tat des ersteren guter Tat
mm^.m ^ :=-a m
■8 -lä töz titir bu iki kiäi ning ädgü qtltn£i bir tag adruqsuz titir o o
gleich zu nennen, dieser beiden Menschen gute Taten sind wie eine und werden unterechiedslos genannt.
iE# m^. ;i^WT [min..{g]
[In tausend
'9 türnän klp öd nomlasar alqinmaqai %uani'i im pusar at'in ata-
uiid luuiderttausend Kalpa-Zeiten, wenn man sie predigt, wird sie nicht erschöpft. Kuan-si-yin p'u-sas Namen
Hiiii;, ^ PTH^, mm.m:i '^^nW^^m^^. [auszusprechen
20 -mis o'^rinta ädgü yjil/incly asty'i tusus't antay titir
wird darum sein mit guter Tat verbundener Nutzen und Vorteil genannt.» (Darauf)
n ia ^ m M. m m m m z %k
=■ alqincs'ls k'öküz bodi-svt tngri burx,an-qa indä tip
Akfaya- mati Bodhisattva zu dem göttlichen Buddha .ilso
mm M ^^gi ö #
" ölük ötünti tngrim bu yjiaiiS'i 'im pusar ruicüki}i nä atin
elirerbietig spracli : »Mein Gott! dieser Kuan-si-yin p'u-sa, wanun und welches Hilfsmittels (upäya)
W, WM mW^ "Wm 5-^ [sich bedienend
23 nä cävisin bu cmbudvip (sie) yir suvda yor'iyur t'inlylarqa asy tusu
in welcher * Umwandlung auf dieser Jambudvlpa- Welt wandelt ei', den Geschöpfen Vorteil
mat'^'^w^.^nmi^ m^
'^ q'ilur nom nomlayur alt cävisi nätäg ärki tngrim
bringt er, predigt er? Sein Mittel u. s. 'Umwandlung mag wohl welcher Art sein? 0 mein Gott! »Der
Wf^ ^\^Z:h^^^^^ [tngri bur%an inrä
[göttliche Buddha so
Uigurica II. 1 7
tip yrly-qad'i aly'incstz kökiiz hodtsot siz Incä biling hu yirtinMl
ließ sich vernehmen: »Ak^aya-mati Bodhisattva! solclies wisse: wenn in dieser Welt
.üb.
a
UMM ^t:, (#^^j ^m m±
'6 yir suvdaq'i t'inlylar birök bur/ßn körkin körü qurtulyu ärsär yjuanM
Erd- und Wassergeschöpfo durch einer Buddhagestalt Einblicken zu erretten sind, dann läßt Kuan-si-
m^ a« ##. n^^\ iiiö:
»7 im pusar ol finly-qa bur%an körkin körlkürür nomlayur qurrtyarur (sie)
yin p'u-sa jene Greschöpfe eines Buddha Gestalt sehen, predigt (ihnen) und befreit (sie).
28 prtikabut körkin qurtulyu t'inlylar ärsär yp,nmi 'im pusar ol
AVenn es durch eines Pratyekabuddha Gestalt zu erlösende Geschöpfe sind, so läßt K. jene
m.\<X^-^\% #, t#;g=i\ iO V'inly-
[Geschöpfe
»9 -lar-qa prtikalmt körki'm (sie) körtki'triip nomlayur qutyarur o o hlrök
eines Pratyekabuddha Gestalt sehen, predigt (ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch
[der Srävakas
30 körkin qurlulyu t'inlylar ärsär quanSi im pusar ol t'inlylar-qa
Gestalt zu errettende Geschöpfe sind, «o läßt Kuan-si-yin p'u-sa jene Geschöpfe der
31 srcklär körkün (sie) laufgekleht : körtküri'i nomkiyu qutyarur birök äzrua
Srävakas Gestalt sehen, predigt (ihnen) und befreit (sie). Wenn es durch Brahmas,
[des Gottes,]
3> körkin qurtulyu t'inlylar ärsär quansi im pusar ol t'inly-lar-qa äzrua
Gestalt zu errettende Geschöpfe sind, so läßt Kuan-si-yin p'u-sa jene Geschöpfe Brahmas, des
33 tngri hu körkin körtküri'i nomlayur qutqarur birök ^/jurmuzta tngri
Gottes, Gestalt sehen, predigt (ihnen und) befreit (sie). Wenn es durch Indras, des Gottes,
34 körkin '/jurtv.lyu t'inlylar ärsär yjuanSi im pusar • • \ol\ l'inly-hr-qa
Gestalt zu errettende Geschöpfe sind, so läßt Kuan-si-yin p'u-sa jene Geschöpfe
35 myßvar uluy
(Indras Gestalt sehen usw.). (Wenn es durcli) Mahe-svaras, des großen
' Z. 35. Chinesisch noch : Ü J^ || ^ :^ #, t# Jg i^", g|l ig g ^Ö^ %- #,
iffi ^ ^ '/^ — durch Isvara.s, des Gottes, Körpei- usw.
Phil.-M.it. Kla.w. 1910. Abh. IIJ. 3
18 F.W. K. Müllkr:
36 pusar ol t'inly
(Gottes Gestalt zu errettende Geschöpfe sind, so ISßt Kuan-si-yin p'u-sa) jene Geschöpfe
37
(die Gestalt Mahesvaras sehen usw.).
w 00 bu hirök
T. II Y. 18 und T. U T. 10.
(so läßt K. sie die Gestalt)
> suu baSi tai mngun körkin körtkürü nomlayur qittyarur o birök o o
eines Heerfflhrers, Tai tsiang-kün, Gestalt sehen, predigt (ihnen und) befreit (sie.) Wenn es durch
2 bisawn Ingri körkin qurtulyu t'inlylar ärsär yjxanSi 'im pusar ol
Vaisrauianas, des Gottes, Gestalt zu erlösende Geschöpfe sind, so läßt Kuan-si-yin p'u-sa jene
3 t'inlylar-qa bisamn ingri körkin körtkürü nomlayur qurtyarur birök
Geschöpfe Vaisramana, des Gottes, Gestalt sehen, predigt (ihnen und) befreit (sie). Wenn m
4 kicig kicig iliglar körkin qurtulyu t'inlylar ärsär %uan^t im
durch kleiner Könige Gestalt zu erlösende Geschöpfe sind, so läßt Kuan-si-yin
5 pusar ol tinly-qa kicig kicig o
p'u-sa jene Geschö])fe kleiner
iliglär körkün (sie) körtkürü nomlayu (sie) qutyarur birök uluy ämränclär
Könige Gestalt sehen, predigt (ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch der Srefthis>
7 atly-lar körkin qutrulyu Vinly-lar ärsär %uanä Um pusar oo ol t'inly-
iind Vornehmen 2 Gestalt zu erlösende Geschöpfe sind, so läßt Kuan-si-yin p'u-sa jene Geschöpfe
8 -lar-qa uluq (sie) ämränc-lär körkin körtkürü nomlayur qutyarur birök
der großen SresihTs Gestalt erblicken, predigt (ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch
6
' Z. 6. So ist nach den Paralleltexten ämränc zu übersetzen.
2 Z. 7. Wenn 01^-/7:=: nam-haft ist, vgl. ^i^^J-
Uicjurka II. 19
9 iffil tlmöi qari törüci qanqtlibilyäk'irkörkim(sic)qut7-ulyut'inlylar
der ..." Doliiietsclier, der alten Gesetzeskundigen, dei' alten . . . Weisen Gestalt zu erlösende Wesen
»o .... [nrsär] %uanM 'im ptcsar ol t'inlylar-qu igil bilgä törii&i körkin
sind, so lißt Knan-si-vin p'a-sa jene Wesen eines . . weisen Gesetzeskundigen Gestalt
" körkürfi (sie) nomlayur quiyarur oo birök llci hiJgälär körkin qwiulyu
sehen, predigt (ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch eines Staatsmannes Gestalt zu erlösende
[Wesen
'» ärsär yjjuinä'i im pusar ol t'inlylar-qa ilci bilgäUir körkin körtkiirür noml-
sind, solSfit Kuan-si-yin p'u-sa jene Wesen eines Staatsmannes Gestalt erblicken, predigt
'3 -ayur qutyarur birök fjramnlar körkün{sic)qurtulyu tinlylar ärsär %uanSi 'im oo
(ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch Brahmanengostalt zu erlösendeWesen sind, so läßt Kuan-si-yin
'* pusar o o ol t'inty-lar-qa bramnlar körkin körtküri'i nomlayur qutyarur o o Mrök
p'u-sa jene Gesciiöpfe eine Brahnianengestalt erblicken, predigt (ihnen und) erlöst (sie). VVenn
'5 toyun (sie) smnml upast upasanclar körkün(^\c)iiurtulyu tinlylar ärsär yjxan-
es durch Mönchs-, Nonnen-, Laienbnider- oder -scli" cster-Gestalt zu erlösende Wesen sind, so zeigt Kuan-
'« a 'im pusar ol t'inlylar-qa toyun (sie) smnanr upas'i upasunclar
si-yin p'u-s« jenen Wesen .Mönchs-, Nonnen-, Laienbruder- oder Laienschwester-
•^ körkin körtküri'i nomlayur qut^/arur birök ad'in adin iigä
Gestalt, predigt (ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch der verschiedenen rulimvollen,
.8 bilgä ally ytizlüg är ici körkin qurtulyu t'inly-lar ärsär yjiani'i
weisen, vornehmen u. geehrten ' Männer u. Frauen Gestalt zu erlösende Wesen sind, so zeigt Kuan-si-
,9 im pusar ol t'inly-lar-qa ad'in ad'in iigä bilgä atly yüzlüy är
yin p'u-sa jenen Wesen der verschiedenen ruhmvollen, weisen, vornehmen n. ijeehrten Männer u.
m.
' Z. l8. Wenn ;/üz hier = Gesicht, vgl. thine-s. )^ ii. |g( = Gesicht und Ehic.
3"
20 F.W. K. Müller:
»o ici körhin körtkürü nomlayur qut'^arur o o birök känö ur'i kdnc qizlar
Frauen Gestalt, predigt (ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch Jünglings- oder Jungfrauen-
2' körkin qurtul'yu ttnl<y (sie) ärsär %uanSt im pusar ol t'inly-lar-qa känd
gestalt zu erlösende Wesen sind, so zeigt Kuan-si-yin pu-sa jenen Wesen Jünglings-
#, nm^. mm M
" ur'i känö q'iz-lar körkin körtkürü nomlayur qui'^arur o o birök tngrilär yäklär
oder Jungfrauen - Gestalt, predigt (ihnen und) erlöst (sie). Wenn es durch Deva-, Yak^a-,
"3 lu-lar kntr-lär asurlar taPim qra %uS-lar ma%aruklar kiäili kiSi ärmäz-li
Näga-, Gandhapva-, Asura-, Garnda-, Mahoraga-, Manusya-, Amanugya-
M körkin qurtulyu
Gestalt zu erlösende Geschöpfe sind- usw.
#^. #JS^, USW. <-;
[Ende des Bruchstücks.]
Auf der Rückseite Bemerkung von anderer Hand in Pinselschrift:
I yßcoda hädiz-ci il toz o
in Chotscho der Maler
= käbunzun 6u tutuq
3 hägim {bilgäm?)
4. T.n Y.52,1.
Großes Pothiblatt. ^"
Inhalt: Prinzessin Bhadrä, Tochter des Königs Mahendrasena, wählt König
Brahinadatta als Gatten.
1 qunöui bolup yangalar bägingä qi'in q'izqut
•'.... Prinzessin (Königin) geworden, will ich dem Elefanten- Fürsten Pein und Zwang
2 tägüräyin oo hu munta'y saqintp anta oq batra-
bereiten.« Indem sie so dachte, redete darauf Bhadrä,
' Z. 23. Chinesisch noch SSß-^ = Kinnara.
Uigurica II, 21
3 qtz atas'i bägkä incä tip . . . \ti\di o o qantßm iduy
die Jungfrau, ihren Vater, den Fürsten, so an: «Mein Vater, der große
t ilig bosuSluy sagMöhy bohtiazun oo birök
König, möge nicht betrübt und nachdenklich sein! Wemi ■ j- ■ ■ i'
5 tna .... yirtinöüdäki bäglärkä krgäk
den in der Welt befindlichen Ffli-sten es sich ziemt ...'. ■'
t". . . . . lar JKirda haru kdlzimlär uluy
(dir zu gehorchen), alle mögen sie herkommen, der groß-
7 türlüg \stayain\l)ar yf^ng'i kirn ' qitip
artigen Gattenwahl (svayamvara) neuen Tag wollen wir festsetzen und
8 mn känt ....[«] [öz\-üm ök bäglig taplayai-
idi selbst auch einen fürstlichen (Mann) wählen will
9 mn oo bu saiyiy ääidip mkintrasini .. ;,
ich.- Dieses Wort vernahm Mahendrasena,
o . . \il\ig artuqraq . . . [ög]rünöülü{/ Mü tipditi (sie) oo
der König, und hocherfreut folgendes sprach ei-:
■ ai mäning qizvn bilgä biligin mintada (sie) utdung
•O meine Tochter! Durch Weisheit hast du so den Sieg
> yigädting oo ata amranmaqin ögründ sävinö
davongetragen. Dorch die Liebe zu (deinem) Vater ist Freude und Fröhlichkeit
3 köngülümtä tö oo sn sözlärniS tag
in meinem Herzen entstanden; so wie du gesagt hast,
4 ök yang'i kün kntü özüng bäglig
aoU ein neuer Tag (festgesetzt werden) und da selbst mögest einen fürstlichen
5 är tapkr/il oo mu .... ol bäglär ymä manga
Mann wählen! So (werden) jene Fürsten auch mir
« yvlay sa\v-\ anta ötril
böse Worte (nicht mehr sagen können).- Darauf nun,
7 mkintrasini ilig tört yingaq . . . [-t'in\ kälmü
nachdem Mahendrasena, der König, die von den vier Himmelsriclitungen gekommenen
8 arqU yalavaö-lafiy oqtp üc ai-ta kin
Karavanen und Boten gerufen hatte, teilte er die drei .Monate spiter
9 stayambar yangi kün qilquluq savlariy barca
für den Svayamvara einen neuen Tag festsetzenden Worte alle
K> olar-qa tözü tükädi sözlädi o o an . . [i] [ä\S^idip
ihnen ausführlich mit. Als sie das gehöH hatten.
22 F. W. K. Müller:
äi ol yalava&lar ymä . . \tr\kin ök öz öz ulus-
die Roten auch eilends jeder in sein Land
2> -inya bardi-lar oo ölrü anta üc ai ärtmäkin-
begaben sich hin. Nachdem darauf drei Monate vergangen waren,
»3 -gä cambudivip-daq'i bäglär qafistz vqid .... ulus ....
kamen die auf JambudvTpa vorhandenen Fürsten ohne Ausnahme zu dem Videha (?)-Reiche
»4 kälti-lär oo svayambar yanyi kim qilq .... \uluqf\ orun-
her. Svayamvara
'5 -ta oo öz öz köründJäijülüy qati<y-l-
>6 -lar oo slrayastriS tngri yirintäki inyr\i\
Den im Trayastrimsat-Götten-eiche lebenden Göttern
»7 tag Ifir iklntikä yigädmäkläSü yirin
gleich einer mit dem andern auf dem Wettstreitsplatze
>8 üinöülädi-lär o o anta ötrü yo-ngi \küri\
ergötzten sie sich. Darauf also, an dem neuen Tage, an der (Wahl-)
Rückseite.
Überschrift: iUünc hir ottiz = III (Blatt:) 21.
1 orunta sagi qatun tag batra qiz yofiyu
Stätte, Sa('i (Indras Gemahlin), der Fürstin, gleich, kam Bhadrä, die Jungfrau, einher-
2 kälti 00 täkräki tapv^dt-lafinga incä tip ay'itdi
geschritten. Ihre sie umgebenden Dienerinnen also fragte sie:
3 tüziinlärim hr . . . [^nialdati ilig ning körüncliigi
"Ihr, meine Edelen ! Brahmadatta, des Fürsten Abzeichen (?), wird wohl
4 qayu ärki 00 kamini -atly ärinc tap'iyct-st incä
welches sein?« Ihre Kämint genannte Lieblings- Dienerin gab ihr so
5 iip iidi o o qatunum br%madati ilig-niny -/
Antwort: »Meine Fürstin! König Brahmadattas
« una iraqtan közünü turur 00 b- \-u oyur-dä\
folgend von weitem sichtbar steht da... [Zu dieser Zeit]
7 batra qiz ärdini-liy qangl . . . \i-da\ olurup
Bhadrii, die .Jungfrau, auf edelsteingeschmücktem Wagen sitzend
8 'iy'in käzikcä yofi- bfr/jnadati
nach ihrem Belieben der Reihenfolge nacli kam daher. Brahmadatta,
9 iUg-ning köriinc . . . [fng]i tö\ r\mint(i
des Königs Abzeichen (?) nacli Vorschrift
Uiguricn IL
23
o kälti o o ptum tinyji-a täy t tüz sävOclig
kam (herbei). Mit ihrem der Padmablnme gleichenden lieblichen
■ közin bryjnadati ilig tapa titril körmäk-
Ange auf König Brahmadatta geradezu einen Blick-
j -Hg yamqin idtt oo täv . . \kiir] . . . yv/aq saqinc
-Strahl entsandte sie. In ihrem Trug und Böses hegenden
3 könyülintä yaSum kit- turur ärdi o o öngrä
Sinne heimlich war sie. Weil .sie in einem früheren
4 aguntaqi öd^ käk özn- .... | /i!|//a7ii'rt/fl br^/jnadati
Leben Rache und Haß gehegt hatte, (hatte sie) Brahmadatta,
5 iligiy artuqraq t- yortyu barip
den König noch mehr Einhersehreitend ging sie hin
6 « . . \u\pusup otl[y\ -n psakin'
ond mit der Supuspa genannten (Bhimcn-) Krone
7 br/jnadali iligig aldi oo antn oq br/jriadati
den König Brahmadatta warf sie. Darauf nun Brahmadatta,
8 ilig batra qiz-'iy yjitin quvrccy arasinta
der König, die Prinzessin Bhadrä in der dichten Schar Mitte
9 üstünki yiy qun&ui-i qilt'i oo anta iKiia
zur obersten Hauptgemahltn machte er. Darauf wiederum die
jo tört y'ingaqdaqi iliglär bägUir barca öz öz
in den vier Himmelsrichtungen wohnhaften Könige und Fi\rsten sSmtlich ein jeder
11 ultis-lafingn bardilar oo ötri'i ol batra qatun
in ihr Land gingen sie. Danach die Königin Bhadrä infolge ihres
»» Öngrä azuntaqi \,'^,^n. ytlaq\ saqind ttltajinta inunlay
in einem früheren Leben gehegten bösen Sinnes eine so
»3 osuyluy ögrätig qilt'i oo qunmi-lar-niivg isiz
beachaflene Übung vollfilhrte sie.
»4 yac'iz nin oo uziin turqaru Ix'iyi l>r/jiriaäati
lange 2^it beständig
>5 yalqanliirur <irdl oo birök özinyü
täuschte sie. »Wenn gegen mich
36 tag nä näyii iä i^lägäli fr^jrasar
(dem?) gleich irgendwelche Tat zu tun \'eranlassen würde
/. 14: öd nicht
iXÜK . sondern
(o<xf) geschrieben, wohl um es von
.XSK iic (= 3) zu unterscheiden, wie in ähnlichei- Weise in manchen Handschriften
ot {= Feuer) von -^
» Z. 16. Vgl. S. 40, Anm. 3.
ot (= Gras) in der Schrift geschieden wurde.
I
24 F.W.K. Mülleh:
27 [ol oyu]rda hu muntivy tili tiWiynr^-'mn tip :■'.
zu der Zeit diesen derartigen Traum träume ich«, so :; ■
»8 ärdi 00 anta ötrü batra qatun
Darauf die Königin Bhadrä
•^■i. ■ [Ende des Blattes.]
T.n Y.52,2.
' ■ "' Großes Pothiblatt.
Inhalt: Kampf zwisclieri Bimbasena |=^ Biiimasena] und dem DSnion Hidiinba.
I yindkä bil . . [m] utiriip tolqaräp öziin
. . . ihre zarte Hüfte drehend und wendend ....
> yumsaq oylayu adar/j.n aquru aqurn mang'in
sanft . . . mit jdem Fuße leise auftretend, mit (derartigem) Gange,
3 yor'iyur 00; äzuk sögütnüng but'iq'i lapa
schreitet sie einher. Zu eines Asoka- Baumes Zweig (?) hin
4 tltrü cinqaru körüp bi/diyü qol'in sala
geradeaus sehend ..... mit dem Arm den Säla(baum)
5 qa dfözi . . [n\d . : [ä]ki itlgläri barda
...ihre an ihrem Körper befindlichen Schmucksachen alle ■'■ '•
6 yangqi . . [ra?J turur 00 arduni tonga indä tip
hallten wieder. Arjuna, der Held, also
7 tidi . ..... M kilinibi yäk-ning qiz'i
sprach: "Hidimbas, des Dämonen Tochter
» ol 00 k sasip turur
ist das.
9 tcocayu qunup
wegführen und * raubend
^o il 00 b\u\ . . yirtinen yir suvda dr atly
in dieser Welt, auf der Erde ein Mann zu nennender
" kirn bolyai birök . . . muz-tn ö . . . ip
wer wird sein? Wenn
" turdaci 00 birök atasi kilimbi ...,.•... yäkkä
wenn er ihrem Vater, Hidimba dem Dämon
' Z. 27. Im Original: iüsäyäk-mn.
Uiguriea II. 25
«3 yaqtn käkär o o ol oyur-da t \ölükin\ Mein
nahe kommt, dann zu der Zeit werden wir unsere Kraft
'4 öntürgüi-biz oo gnta sözläp arcuni longa
anschwellen lassen.- So sprechend Arjuna, der Held, ließ
15 uzun saöin kidin arqas'inta it'ip biläkin
sein langes Haar hinten auf seinen Rücken fallen, seinen Unterxrm
■6 siqanip anVng aras'inla bäling lag kilimhi
•beugend, darin wie in einer Schaukel Hidimbas,
17 yäk qizin %oymla kötiiril atip nilapvJiup
des Dämonen, Tochter an seiner Bi-ust hob er hoch und zu des Nilapuspa
■8 athj wgüt alt'in iliil Imrdi oo ötrü
genannten Baumes Fuß trug er sie hin. Als nun
'9 atasi kilimhi . . . \yäli\ öz pata ordus'inga
ihr Vater, Hidimba, der Dimon, !n seinen Palast
»o kälip amraq qizin bulmadin incä tipditi (sie) o o
trat und seine geliebte Tochter nicht fand, sprach er so:
»I mäning qiz'im qan6a baryuq ol tip täkräki
• Meine Tochter, wohin Ist sie gegangen?« Die sein Gefolge bildende
" liri yüklär incä tip tidi-lär oo yäklär uluyt
Schar, die Dämonen antworteten: »O, Dämonenfiirst
'3 a sizing qizing'iz-ni aröuni longa qunup
! Eure Tochter hat Arjuna, der Held, 'geraubt
»4 ildü bardi oo Im sac'iy äSidip kilimhi yäk
und weggetragen." Als er dieses Wort vernahm, wurde Hidimbas, des Dämons,
"5 öpkäsi tölükintä ögsijz lag boll'i oo incü
Zorn in seiner Stärke einem Sinnlosen gleich. So
=6 qlfi tämirlig tay^-din . . . örl yatin
wie wenn vom eisernen Berge her eine Fenersbrunst
»7 önär ärsär oo nntar^ osujluy kilimhi yäklär
sich erhöbe, solcher Art war Hidimba, dem Dämonen-
Rückseite.
Überschrift: loquzunr üliiS yiti olMiS = IX (Blatt:) 57.
' körkin/ä öpkä köngül-in hüdiyü ilgin
Aussehen nach, indem er mit zornigem Gemüt mit Hand und
' adnqin arfuni longay ölürgülüg är'uj
PnJB ein den Helden Arjuna mit Tod bedrohendes 'Gebahren (Kommen
' Z. 26. Wohl: Calci aväla ^|S|1|.
PInl.-hist. Klasse. 1910. Ab/,. III.
26 F.W.K. Müllkr:
3 hafiy qilip kimacant tay qMtinta kirip
und Gehen?) zeigte, in die Himavant-Berg-Schlucht ging er
4 Ixzrifi oo ötrü arruni longa Mlimhi yäk-
liinein. Darauf nun der Held Arjuna mit des Dämonen Hidimba
5 -ning qizi birlä . . . yjiaUy cäcäk-lig . . . \!/ir]d[ä] . . .
Tochter vereint an blumengeschmückter (Stelle)
6 oinayu ilinöüläyü^ olur . . -di oo traqd\in] . . . oq
spielend und sich ergötzend verweilte. Da von ferne
7 kUnnhi yäk öpkäsi . . [hi]rlä
den Dämon Hidimba mit Zorn
8 kälmiS-in kördi oo öril
herbeikommen sah er.
9 ymä turmudin -/
Ohne aufzustellen [Bimbasena|
10 tongwy oqip imä tip tidi oo n\ä]
den Helden rief er und sprach so: »Was
11 yig . .d . . q sn ärür sn oo ol kilimbi yäk
bist du? Mit dem Dämon Hidimba
12 birlä .s söngüSgil o o birök säning kücüng
streite du! Wenn deine Kraft
•3 yitmäsä . . .{r\ ant . . [a] oq mini untäkil vz'ir-ti'y
nicht ausreichen sollte, dann mir rufe zul Mit dem mit einem Vajra versehenen
14 nqin tv^quru t . . [o]q'ip . . [o]l yäkkä qin q'izqut
Pfeile ihn treffend, will ich jenem Dämon Pein und Qual
15 biräyin o o anta ütr . . \il\ inisi blmbasini-i
bereiten«. Darauf hob sein älterer Bruder Bimbasena,
i6 longa r2'ii--liy lurzi-sin kölnrüp oo l'idr^-
der Held, die Vajra- * Keule hoch und unbekümmerten
17 -SU köngül-in kilimbi yäk ulru Ixird'i oo
Herzens Hidimba, dem Dämon, entgegen ging er.
is anta oq ol kilimbi yäk uluy bädük
Darauf nun jeuer Hidimba, der Dämon, einen großen, holien
■9 sög/ilüg lübitidäbaru qu . . . [ngar\up bimlxisini
Baum bis ziu" (mit der) Wui-zel riß er heraus und Bimbasena,
' Da oin- doch wohl mit dem in den sanskrit-türkischen Brähmi-Texteu belegten cac'in-
(?ncn»TR<7^= dlc^nl) zusammenzustellen ist, so ist die Grundbedeutung der beiden Verba
des »Spielens» : oina- und il-in-cii-lä- wohl =^ sich jagen und fangen, vgl. av =: Jagd, aw -~ Netz
(Krm.), iL- ^^ hängen, (Tar. Sag.) = stoßen (von Raubvögeln), Hin- := sich anhängen, ümcek
— Schlinge (Kar. T.). \'gl. Radi off, Wörterbuch, s.w.
Uigurica II. 27
3o totigay baSya urdi o o antu. oq bimbasini
den Helden, aufs Haupt schlug er. Da aus Binibasenas,
" tonga-niny iki közintm bwntnt'in Itarca
des Helden, beiden Augen und Nase überall (alles)
" qan alnp önti oo ötrü bimbasini longa
Blut 'spritzte heraus. Alsbald Held Bimbasena
»3 ymä o o cztrtvy lurzi-si üzä kilimhi
auch mit seiner Vajra- 'Keule Hidiniba,
»4 yäkig tölükin urup oo anla oq yirdä
den Dänton, mit Kraft schlug er, und darauf zu Boden
35 qaniti o o braman-lar-niny sastr-'inta incä tip
'schleuderte er (ihn). In der Brahiiianen Lehrbuch also
»6 tiyür-lär o o bim .... \basini\ longa vstr-l'i'y lurzi-
sagen sie: «Als Held Bimbasena mit seiner Vajra- 'Keule
>7 -.«»■ Üzä urmi^-ta kilimbi yäk ögsüz
ihn geschlagen hatte, da wurde der Dämon HiHimba bewußtlos
[Ende des Blattes.]
5. T. m M. 185.
Blockdriick mit (liier nicht berücksichtigten) IiriihmigIo<;.sen, ebenso die folgenden Stücke.
Alqu ay'iy yavtz yol-lar'iy artuqraq uz ar'itdaci . . . uSnisa vicai atly darni.
Uigurische Übersetzung der Bannforinel :
Sarva-durgati-pariSodhana-uitni^a-vijayU-dhäranl ' .
% m M m "^ m. ^ u
[Chinesische Seitenzihlung:] ] 1 [== II].
■ abfu buryßn-lar bodistt-hr \ Text Nr. 349: (^1^ — ^^)
Vor aller Baddhas und Bodhisattvas '
I
3 yjut-lar-inga yükünürmn 00
Majestäten verneige ich mich!
' Diese DhSrani kommt im chinesischen Kanon, Bunyiü Nanjiö's Catalogue of the
Buddhist Tripitaka zufolge, siebenmal vor, nämlich als Nr. 348 — 35a, 796, 871. Die beiden
letzten Nummern haben nichts mit unserm Text zu tun, 871 hat außerdem eine andere Einleitung,
796 ist nur Transkription einer Sanskritformel. Von den anderen Texten .schließt sich bald
der eine, bald der andere genauer an unsern uigurischen Text an. Im allgemeinen ist hier
der Text 348 abgedruckt worden und 349 nur an den Stellen, die besser zum Uigurischen
paßten. — In unserm Exemplar: T'aii XI, Bd. i, S. 30 ff.
4*
28
F.W.K. Müller:
3 anöolayu ärür mäning äs'tdmis-im
Solcher Art ist mein von mir Vernommenes:
4 ytnä bir ödün adt kötrülmis
Wiederum zu einer Zeit (befand sich) der Alter-Erliabeiiste
5 strayastris tngri yir-intä sudaram
in der Trayastririisat-Götter-Welt, an der Sudharma-
6 sal atly tngri-lär-niny yiqüqulw^
sälä genannten, zur Götter- Versammlung
[bestimmten [Stätte]
[Lücke.]
Text Nr. 348: ^0;^^^
Zu einer Zeit Bhagavän befand sich
in Srävasti. Zu der Zeit imter
H + H % Vk ^"^s
den 33 Göttern in der Su-dliarma-
sälä- Versammlung
\M - %^ ^
gab es einen Göttersohn. Sein Name
lautete Wohl-wolmend = Snpratifthita.
T.m M.207a.
Blockdruck.
[Von der Göttermädchen Schar]
%ursadilu %avsadilu tngridäm visai-
umgeben (mit ihnen) vereint der Götter Siniies-
-Ä7' mänyi-lärig qlt'i tapinia
Freuden nach Herzenslust
täginür ärti o o munH mundolayu tngridäm
genoß er. Während er solcher Art der Götter
visai-fiy mängi-lärig täginür-tä
Sinnesfreuden genoß,
tünUi bir ün äsidilH o o
ließ sich in der Nacht eine Stimme vernehmen:
supiratisdit tngri ur'i-s'i-ntng
•Füi- Supratisthita, den Göttersohn
yiiinc küntä ölgüliig öd-i
ist am siebenten Tage die Todesstunde
8 ärür 00 ol ölüp
yma
öambudivip
gekommen. Nach dem Tode wird er wieder in der Jambudvipa-
• visai, Lehnwort aus dem Sanskrit: foJCJJJ'.
Uigurica IL
29
i6
yirtincü-tä toqyai o o anta ymä
weit geboren werden. Dort wieder wird er
^yiti a§un-lar'iy täginip o o tamu-
sieben Existenzen durchmaclien und darauf in der Hölle
-ta toymay-t holqai o o hirök qnyu-
wiedergeboren werden. Wenn er auch irgendwo und
-ta %aöan yalangw^j azun-'inta
irgendwann in der Menschenexistenz
tojmay-'i bolsar ymä o o anta
wiedergeboren werden sollte, so wird er dann
irindf diqai bolup toya tägliig
bejammernswert und arm sein und der Kranklieit unterworfen
ymä bolyai tip o o anta ötrü
auch sein.- Als darauf
ol tngri tiri-si ol ilnüg äsidip
jener Göttersohn diese Stimme vernommen liattc,
%oryup ürküp batinglap tuu
geriet er in Schrecken, angstvoll wälzte er sich hin und her, seine
{tiik^ tüb-
Haarwui'zeln
-läri yoqaru turup tya taya
standen zu Berge, zitternd und
tavranu y^ayu-t'in singar tngri-lär
bebend nach derjenigen Himmelsrichtung, wo der Götter-
iligi %ummzta tngri ärsär o o
könig Indra, der Gott, sich befinden mußte,
ant'in stngar yaqHn bar'ip o o tngri-
nach dieser Himmelsrichtung begab er sich und vor des Götter-
-Jär iligi yjmrmuzta tngri-ning
königs Indra, des Gottes
aday-lar-'inta töpüsi üzä
Füßen, mit dem Haupte
yükünüp iya laya-a ämgäk-ä o o
sich verneigend, zitternd und -o Schmerz!
wiedergeboren in Arnuit und
Niedrigkeit
und vom Mutterleibe an blind.
mm
s jsL >ii»» äse
IJU
t^
• Zu Z. 10—14. Besser paßt hierzu der Text in Nr. 352: -tl jS :^ ^ f^t ^^ Ei
Ä^^^-
ao
F. W. K. MüLLEu:
[Chinesische Seiteiizälilang:]
[= m-
'5 ä ämgäk-ä lip o o ultyu siqdayu
o Scliineiz!" rufend, unter Jammern und Sehluchzen
26 tnyri-lär iliyi yjurmuz-ta tngri-
zu dem Götterkönig Indra, dem Gotte,
"7 -kä inM dp sözläli o o tngri-lär
so sprach er: »0 Götter-
28 iligi-y-a ! äsldü yrtvyazun o o nm
liöiiig! Zu liören geruhe du. Während ich
»9 incip tngrl yjz-lai'i-lr^ tirin
also \on der Göttermädchen Begleitung
3u yjuvray vzä %ursndilu %avsadilu
und Schar umringt und mit ihnen vereint
31 tngridäm c'isai-tvy mängi-lärig %lt'i
der Göttüchlieit Sinnesfreuden nacli
32 tap'im-öa täginür-üm-tä o o incä
meinem Belieben genoß, ließ sich so
33 tip im äsidilü o o supiratusdit
eine Stimme vernelmien: »Supratisthita,
34 (ng7'i ur'i-st yitinc kiln-tä
der Göttersohn wird am siebenten Tage
35 ölüp o o cambudivip-ta toqmay-i
sterben und auf JambudvTpa (wieder)geboren
W i3 M^ WS
^mm
T.m M.207an.
Blockdruck.
36 bolyai o o anta ymä yiti azun-
werden. Dort wird er auch sieben Leben
37 -lar-'iy täginip tamu-ta toqmay-'i
durchleben und in der Hölle (wieder)geboren
38 holqai o o birök %ayu-ta %a6an
werden. Wenn er auch irgendwo und ii'gendwann
i^-brtßiP
^mmn\
\^
Uigurtca II.
31
yalanyuy azun-tnta togniay-'i
in der Menschen-Existeiiy. wiedergeboren
holsar ymä o o anta ymä irinc
werden sollte, wird er dort anch bejammernswert
diqai bolup o o toqa täylüg ymä
und arm sein, dem Siechtum unterworfen auch
Mqai tip o o tngri-lär iligi-y-a
wird er sein.« 0 Götterfilrst!
anya mn nätäy yjUiy'in ärkif
Dagegen ich wie soll ich handeln?-
tip o o anta ötrii tngri-lär ilk/i
So sprach er. Als daranf der Götterköni;;
%urtriuz-ta tngri supiratisdil
Indra, der Gott, des Supratisthita,
tnyri ufi-si-iiiruj ol sat-'in
des Göttei'sohnes Rede
äsidip ärtingü ad'inu miinyadu o o Im
veniommen hatte, wurde er sehr verändert (?) und geängstigt. «Dieser
tngri ufi-^i "Aflyu yiti azun-
Göttei-sohn wird welche sieben Leben
jChinesische Seitenzählung:] ^J (=; IV].
-lariy täginür ärki tip sayinu o o hir
dnrchleben müssen?- so dachte er und, wenn es einen
ödün ki-ä nägü ärsär timädin
Augenblick anch nur sein mochte, ohne zu sprechen
siik l/olup körti yiti azun-
verharrte er, da eiblicktc er seine sieben Existen/.form-
-/a?"t« o o torujuz-nung o o it-ning o o
-en : eines Schweines, eines Hundes,
tükil-nihig o o biöin-niny o o aqu-
eines Fuchses, eines Affen, einer gift-
-/«7 y'ilan-n'iny o o %ara yjui-nuny o o '
igen Schlange, eines Adlers
wiedergeboren in armer, niedriger
! und blind
' %%
itb#tt
mm
Rabe,
.Vdicr
' Z. 54 schließt .sich genauer an Nr. 349 iin: ^^^A'^^^'^^
U.'M'M]
^n^mu^^M^^
32
F.W.K. Müller:
55 %arya-nmg bu yiti afiy-siz
und eines Raben, (daß er in) dieser sieben, Unreines
56 yitädi-lär-ning azun-'inta
Fressenden, Leben
57 toqar-m körüp o o tngri-lär illgi
wiedergeboren werden würde, sah er, und der Götterfilrst
58 %urmuz-ta tngi'l ol yiti azun-
Indra, der Gott, (über) diese sieben Leben
59 -lar'i'^ köngül-intä incä saqint'i o o
in seinem Gemöt so dachte er:
60 hu tngri ur'i-si munta^i osuy-lwi
»Wenn dieser Göttersohn derartigen
6i uluy türlüg oncsuz särinösiz
großen, unangenelimen (?), unerträglichen
62 ämgäk-lärig tägingülüg bolsar
Leiden
63 munga
so ist für ihn ■
unterworfen sein soll,
anöolayu kälmis ayny-ya
von dem »So-Gekommenen« (Tathägata), Verehrungs-
64 täkimlig köni tözüni tuimis
würdigen, vollkonimen verstanden habenden (Saniyaksanibnddha)
65 huryßn-t'in
ongt
umuy
may
Buddlia abgesehen — ein anderer Hoffnung- und Zuflucht-
66 holtaci kirn ärsär yoy ärür tip o o
seiender, wer es auch sei, nicht vorhanden.«
[Indra begibt sich zu Buddha und
trägt ihm diese Angelegenheit
vor. Der Buddha erividert ihm :
.0 Götter-]
[Lücke.]
T.m M.238.
Block druck.
I iligi-y-a usnis-a viöai atly
Fürst! Es ist eine Usiiisa-vijayä genannte,
= ancolayu kälmis-ning töpü-fä
auf des »So-Gekommenen» (Tathägata) Haupt
3 abisik %iMnns o o alyu ay'iy yav'iz
geweihte, alle schlechten, schlimmen
(sarva- dnr-
Uigitrica 11.
33
4 yol-Uir'iy artuyray uz ar'itdac/i o o
Wege (Existeiiiibrmen) zunehmend recht reinigende,
g^ali pnri-sodhnnn)
5 örtük tit'iy-/orty alyti ämyäk-
Verdeckung und Hindernisse nnd alle Leiden
6 -liy toqum-lariy hosdaci' artadtaci o o
und Wiedergeburten vernichtende nnd /.erstörende,
7 tamu-l'i ythfi-ti nrkliy' yßn
die Hölle und die Tier{existenr), des mächtigen (nöllen)hr.rrscher8
8 yirtinöü-sin alyu-ni afitdaci o o
Welt alle diese reinigende,
9 ädgü yol-ya udustaöf darni l>ar
anf den guten Weg (Existenz) befördernde Dhirinii vor-
lo (iri'ir o o tngri-Uir iliyi-y-a anin
handen. O GölterfQrst! Daher
■■ Im itsnis-a vifai ath/ dornt alqu
di«se Ufnisa-vijayä genannte Bannformel, alle
" oyty yac'iz yol-lariy artuyray uz-
■>ösen, schlimmen Wege mehr und mehr recht [reinigende] . . .
(CWnesiache SeltenzShlnng:] J( [= VI].
[Lücke.]
(ich flbergeb« dir diese Formel]
T,m M.207.
Blockdruck.
I (TfiqU'ya sarit yßyU'ya o o
zum Lesen, zum 'Recitieren,
> saqinqu-ya o o pisrunqU'ya o o ökü-
zum Ube;-denken, ijim Üben, zum Verstehen,
[
it.
a
^'^^mit
.S>'lt#^1i4^
■ 2.6 = 60«..
* Z. 7. Aus ärklig yan ist der Name des Höllenkönigs bei den Mongolen: Ärlik ^än
(»Erlik chän.) entstanden.
' Z. 9 =- udiz-.
PhiU-Ust. Elaste. 1910. Abh. III. b
34
F.W.K. Mülles;
3 M o o tap'inqu-ya o o tutqu-ya o o
zum Vereliren, zum Festhalten,
4 bosqunqu-ya o o muntay-in olqu tngri
zum Lernen, auf solche Weise, um aller in den Götter-
5 yirlär-intä ärtäöi tngri uri-
welten weilenden Göttersöhne
6 -lar'i birlä (famlmdivip-taq'i t'iidy-
und der auf Jambudvipa befindlichen Lebewesen
7 -lar-ning as'iy-tiy-i mängiligl
Nutzen und Seligkeit
8 üdi'in hu darni birlä o o nnidur-nt [!]
willen mit dieser Bannfprmel zusammen eine Mudra
9 tudusur^-mn oo ant ücün tngri-lär
übei'gebe ich. Daher, o Götter-
10 iligi-y-a sini üzä tutquluy
först! durch dich festzuhalten ist
11 ol o o tngri-lär iligi-y-a bu darni-ni [!]
sie. 0 Götterfilrst! Wenn man diese Bannformel
" bir yjxta äsidsär o o yüz ndng k{a)lp-
einmal hört, so findet der in hunderttausend Kaipas
13* -lärtä y'iqnns yjasyanrnis^ yß'incUy
angehäuften und erworbenen Tateii-
14 örtük-läri-ning afimay-'i bolur o o
Verhüllungen (^= Hindernisse) Reinigung statt.
15 apin-lar sayu tamu-ta o o y'ilqi
In allen Existenzformen: in der Hölle, in der Tier-
i6 apxn-'inta o o ärklig yßn-riing
Existenz, in des mächtigen (Höllen)königs
■7 yirtindü-sintä o o prit yirtinöü-
Welt, in der Preta- Welt,
i8 -sintä o o asuri oyus-'inta o o incä
im Asura- Stamme, so
m-
M mM-sK
Mj
M..
' Z. 9 = tuduz-,
* Z. 13—17 schließt sich genauer an Nr. 349 an: ^ ^^ P.^ )^f=^'^ ^ ^ I
' Z. 13 = yßz^an-. ; v
Uü/urica IL
35
[Chinesische SeitenzälJung:] -l- 1 [= XI].
yjti o o yäk o o raksaz o o huti o o pisaöi
wie als Yaksa, Räksasa, Bhüta, Pisäca,
pudani o o katapudani o o npasmari^ o o /;
PüUna, Katapütaiia, Apasmära, Hund,
müyüz baya o o y'ilan o o %at'ir yarluy
Gehörntes (?), Kröte, Schlange, als bösartiges
aäy-tiy t'iiiyray-tiy t'in/y o o y^uS o o
mit ZShneu und 'Klauen versehenes Geschöpf, als Vogel,
sinyäk o o titär o o cöinäli ypnguz-ta
Fliege, *Maiiti8(?), Ameise, K&fer
ulaVi hu hu ttnly-lar azun-'inla
und in deraitiger Geschöpfe Existenzform
näny %ac(m ärsär toyinay-'i bohnaz
findet niemals ein (Wieder)gel>orenwerden statt.
tip hilgülily ol o o adin-ta miöolayu
Uas muß man wissen. Anderseits mit den »So-
kälmis'lär hirlä tumsmuy-'i
Gekommenen« l'l'ath^gatas) zusammenzutreffen
holur o o bodistc oqus-luy bolmay-'i
wird stattfinden, zu der Bodhisattvagemeinitchaft zu gehören
holur o o uluy tüz-tä oqus-la
wird stattfinden, in lioher Sippe oder Stamm
toymay-'i holur o o anfa uluy tüz
wiedergeboren zu werden wird stattfinden. Wenn es so eine hohe Sippe
ayus ärsär o o inöä yjt'i o o uluy
oder Stamm sein soll, z. B. in einem großen,
sal sögüt-kä oqsnl'i hraman
dem Sälabaum gleiclieudeu Brahmaneu-
oqus-'inta ärsär azu uluy sal
Geschlecht oder in einem dem großen ääla-
söyüt-kä oysat'i ksatirik
bäum gleichenden R.^atriya-
oyus-'inta ärsär o o azu uluy sal
Geschlecht, oder in einem dem hohen Sala-
^XH^i
•^ ist n ^^ m^
^
■Ty» Kh7* li-tl pBi rSri. /XT
Z. 20: .Nr. 349 ilhcr.sctzt apasmära (w\cr \ iclinelir a/xifiiitari = Fallsüchtiger):
n
F.W. K. Müller:
36 sögüt-M oysat'i siristi
baiiiii gleichen aresthT- und
37 hai/ayui-lor oyvs-'infa toymay-'i
' Begüterter-Geschlecht wird er wiedergeboren
38 holur tip mn sözläyür-mn o o tngri-
werden. Solches sage icli. 0 Götter-
39 -lär iligi-y-a anin bu darnt-nüng
filrst! Daher, bis er durch dieser Formel
Ao küdi küsüni üzä hodimant
Kraft und Stäike bis zum Bodhiniancja,
41 nomluy orun-ya täggindä munung
der Gesetzesstätte, liingelangen wird, wird er in diesei-
42 ikin aras'inta afiy toqum az-
* Zwischenzeit (?) eine reine (Wieder)geburt und
[Chinesische Seitcnzählung:] 4— ] 1 [= XII].
43 -un-uy buhriay-'i tapmay-'i bolur o o tängri-
Existenz erlangen und finden. 0 Göttei'-
44 'lär iligl-y-a anin bu darni ärsär
fürst! Datier, wenn es sich um diese Formel handelt,
45 uluy liüclüg Imsünliig ärib- o o
(so muß man sagen), groß, krSftig und mächtig ist sie,
46 iduy as'iy-tiy tusu-luy ärür o o yjutluy
großen Nutzen bringend und vorteilhaft ist sie, Glück
47 %w-tiy ad-l'iy manggal-tiy ärür o o
und Ansehen bringend, ruhmreich, Segen bringend ist sie.
48 tngri-lär digi-y-n Vinly-lar-iüng
0 Götterfürst! Um ihrer für die Lebewesen vorhandenen
49 asty-fiy-'i ikHtn tisnis-a viöai
Nützlichkeit willen, lege ich die UsiiTsa-vijaya
50 atly alyu ay'iy yamz yol-lar-'iy
genannte, alle schlechten, schlininien Wege
51 grtuyray uz afitdaüi bu darrii-n'i\^.\
nielir und mehr vollkommen reinigende Bannforniel
52 yjidar-mn o o incä %lti adUi-a-
iiieder. So wie das Äditya-
m.
m^aü
Uigurka 11.
37
53 -karhi atly kkir'-sü ariy kök
garbha genannte, fleckenlose, reine, dem blauen
54 yßPiy-ya oqsat'i ariy miznk
Atber gleich reine, lautere
55 1/ruy yasuy mani monduy ärdini inöip
Glanzschimnier- Mani- Perlen-Kleinod. so
5« öz yruy-i üzä yaltriyu yamyu
mit seinem Glänze funkelnd und schimmernd
57 turmus tä(j o o tngri-lär iligi-y-a
ist gleichsam, o Götterfili'st,
58 andolayu oy ol Muy i'inly-'iy (sie) yyru'i
80 eben ist jenes heilige Geschöpf auch
59 yoqlunmay-stz ärür tip hUyiilmj ol 00
* unveniichtbar, das muß man wissen.
60 yana ymä indä 7,/rt o o i^amhumit'
Weiter aucli so wie das Jambünada-
*■ alhm inöip ärtingü kkir'-,siz lapcmiz
gold 80 sehr fleckenlos, * weich (?),
6a ärtingü ariy mziik ärtingü gmramHy
sehi' rein und lauter, sehr beliebt und
«3 ärtingü säriklig ärür o o tngriUir iligi-
sehr lieblich ist, o GötterfOrst,
»4 y-a anfolayu oy ol iduy tinly-iy [sie) ymä
so eben ist jenes heilige Gescliöpf auch
*5 nrtuyray ariy süzük ärür tip bilgülüg
sehr rein und laoter , das muß man
««0/ 00 adin azun-Iar-ta (.sie) ymä
wissen. In anderen Leben ancli
«7 ant(ty 07 toymaij-i Itolur o o Ingrilär
wird demgeniiß auch die Wiedergebui-t sein. 0 Götter-
68 iligi-y-a %ayu onin-la hu
först! An welchem Orte aucli immer ein diese
^^JIZ
' Z. 53 und 6i. Diese Orthogi'aphie ß^MH) ist auch in das Mongolische ülicrgegangen.
' Z. 6o; cam6una< ent.spriclit sH?^»^ -- Gold. Die chinesische Transkription setzt
eine fehlerhafte Form jambwian voi'aus.
38
F.W.K. Müm-er:
69 dai'nt-ni\\] körkitdäÖi 00 angayu hüidtäöi
Formel Zeigender, verständig Abschreibenlassender,
70 tutdaöi o o oqidact o o saril %iltadt
Haltender, Lesender, * Recitierender
71 tapindaSi o o hosqundaSi o o äsidtäöi bar ■
Verehrender, Lernender, Hörendei' vorhanden
7» ärsäi' o o ol orun-taqi alyu t'inly-
sein wird, dort werden alle Geschöpfe
73 -lar-Tiiny artuyray afiy siizük
in höherem Grade rein und lauter
74 bolmay-i bolur o o tamu-ta toydac'i
werden. Für die in der Hölle wiedergeboren werdenden
75 t'inly-lar-'nXny üzülmäki bolur o o
Geschöpfe wird ein Ende gemacht werden.
76 tngri'lär iligi-y-a bu durni-rii [!J
0 Götterfilrst! Diese Bannformel
77 pätik^-tä büidip tuy uc-
sollte man in Versen abschreiben lassen und auf der Fahnen-Spitze
78 -inta orqu-luq ol o o azu idiz o o
anbringen lassen. Oder wenn auf einem hohen
.r. [Chinesische Seitenzählung :] 4— I ] 1 [= XIII].
79 tay-ta ärsär o o azu idiz äv-tä
Berge es wäi-e, oder einem hohen Hause
8° ärsär o o azu stup-nung icintä
es wäre, oder in eines Stüpa Inneren,
8- oiyiduy ol o o tngri-lär iligi-y-a
man sollte sie anbringen lassen. 0 Götterfürst!
82 toy'in smnanc upasi npasanc
Wenn es (dann) ein Mönch oder Nonne, Laienbruder oder -scliwester
83 ärsär o o azu olar-t'in ad'in töz-
wäre oder von diesen abgesehen, edler (Menschen)
«4 -ün-lär oyti ärsär ymü o o tözün-
Sohn es auch wäre, ' edler (Menschen)
85 -lär %iz-'i ärsär ymä o o kiin-lär birök
Tochter es auch wäre, wenn solche die auf der
^ 3E w ^
m
(^
)^'^^A
^^■
Uiyurira IL
39
«« tw/ uc-'inta ormis-iy nai
Fahnen- Spitze angebrachte jene (Fonnel)
«7 körsär o o azu anga yaqin tursar
sähen oder ihr sich näherten, (oder)
S8 angmintin ariing köligä-sl
'sogar nnr ihren Schatten
89 läf/sär o o azu animj tooz^-i topray-'i
berilhrten, oder ihren Staub, ihre Erde,
90 yiil' ihn toqiditip täysär ymä
vom Winde getroffen, berührten auch:
91 ingri-lär iliyi-y-a ol l'inbi-ya
O Götterfürst ! daß jenes Geschöpf (dann)
9a rmng ay'iy yjtiiic buhpthiy ay'iy
je eine böse Tat venlhcn und die bösen,
93 ynciz ijol-larqa bai-yuluy yj>ryinc
schlimmen JTade betreten würde, l)rauclit nicht besorgt und
94 ay'inc l>olmm o o tamu-tci ytlyt ag-
befllrclitet zu werden. In der Hölle, Tier-
95 -un-'intn o o ärkUij %(m yirUiidü-
welt, in des mächtigen (Höllen)königs ^^'clt
96 -sintä prit azun-'inta (sie) o o
in der Pretaexistenz,
97 asuri oqus-'into nän;/ loqinaz
in dem Asura-Geschlecht nie worden sie (wicdcr)geboren.
9« tip bilgülüg ol o o tngrilnr iligi-
Daa muß man wissen. 0 Götterfilrgt !
99 y-a ol t'inly-iy incip nhfu
Jenem Lebewesen ist so von allen
100 andolayu kälmis-lär üzä viynkrif
■ So-Gekommenen- (Tathägatas) prophezeit
■Ol yjMtn'is ärip o o üznllksiz könl
worden und ein von der allerhöchsten, wahrhaften
(anattara-samyak-
J:
' Z. 89. So toc (Staub) von A/i (Snlz) unterschieden. Vi;l. oben S. 23 w;, «d; o< (Kraut),
ot (Feuer).
' 2.90. Ebenso i/il (Wind) von yt/ (Jahr) graphiscli getrennt.
* Z. 100: vit/akril =z oi|(c^f| . Dies ist das Ori;,'inaI zu dem verlesenen mongolischen
vinanggirit, nicht vyäkarana, wie Kowalewski in seinem mongolischen Wörterbüche angibt.
4Ö
F.W. K. Müller:
tüz tuimay bur/ßn %ut'in-t'in
Erleuchtung«- Buddha- Würde
sambodhi)
[Chinesische Seitenzählung:] -j- S [= XIV].
yanmay-s'iz ävrilmäh-siz ärür tip
nicht Wanljender und nicht Weichendei' wird er sein. Solches
hlhjüUlg ol o o ayamay aq'ir/amay tap'intnay
muß man wissen. (Wenn jemand) Ehrenbezeigungen, Verehrung
vdnnmay yjitip yji-a yar'isqu o o küsP
und Befolgung vollzieht, Blumengirlanden, ^^'eilirauch-
tütsük o o yu-a-Tiy psak'- türtüngil
Räucherstäbchen, Blnmenkrone, Salbe
sitip o o tuy ucruy o o töpü iart'iy-ta
einreibt und mit Fahnenspitze (?), Kopfzierrat (?)
uJat'i idiy tümäk-Jär üzä
nnd mit Schmuckgehängen (?)
[Lücke.]
mm
^#*
[Der HölIenfOrst Yania erscheint,
macht Pfijä vor Buddha und ver-
spricht seinerseits, den diese For-
mel Besitzenden oder Recitie-
renden beständig zu beschQtzen
usw.]
T. m M. 185.
Blockdruck.
Von den neun ersten hier weggelassenen Zeilen fehlt das mittlere Drittel.
[ich, Yama, werde dem diese Formel Besitzenden] !
iy'in idarip küyü köz . .{dd]ü ^*^|^^^^
nach seinem Wunsch zu folgen, ihn zu schützen, und zu behüten, j
iäginür- ,
übernehmen.
-mn alyu tamu-lar-t'in yanturu
Aus allen Höllen ihn zurückschicken
-^^^^^m^^m
' Z. 105: küsi für küzi. Vgl. moogol. Icüji,
^ Z. 106: psah, iranisches Lehnwort. Vgl. soghdisch«»#iACkArt '" llandschriften-
reste usw. II S. 98 (Anhang zu den Abhandlungen 1904) und armenisch «^uu/^ psaJc = Krön«.
Utgurica II.
41
" täginür-rnn o o adi kötrülmis-a
will ich auf mich iietinien. Aller Erhabenster!
[Chinesische Seitenzählung:] J— |^ [— XV|.
'3 mn iniip utti biltäil bohi täijiniir-
ich weide so ein Dankbarkeit Kennender sein elircrbietig,
utti bihnädäci äruiäz '
III] ^g t{is\ -^
■4 -inn o o nariff
W^-
itü^B*^^
nie ein die Dankbarkeit nicht Kenneitder.-
tip o o anta ötril tört nr/ßrac
Dai-auf begannen die \-ier Mahäräja-
tnyri-Ulr adi kölrü/mis-iy üö
götter den Allererhabensten drei-
i/ol-'i ongaru tägsininäk" (fi/ip o o
mal nach rechts zu zu umwandeln (pradaksina) und
adi kötrülmis-kä inöä tip
den Allerorhabentiten folgendermaßen
ötündi-lär o o adi kötrülm/'j^-a hu
anzureden: -Ailererhabenster ! dieser
damt-nim^ inckä yam/i omy-'i
Formel genaue Art und Weise
birlä o o yjl^ufuy dökä i/aivfin
dazn der zu tuenden Kniebeugung Art gemäß ihrer
kimßrii-simä nomloyu yrti^jazun Ü fß; t^ [J^ ü /^L '/ir
ausfBhrlicheren Weise möge (der Buddha) zu verkünden geruhen !-
tip o o anta ötrü adi kötrü/mis
Darauf begann der Allererliabenste
inöip o o tört m%oraö tngri-Iärkä
alsbald vt den vier Mahäräja- Göttern
indä tip yrtiyadi o o hu darm-ning
»o tu reden: -Dieser Formel
bir kün-lüg '/jilyuluy cökä yang-
aa einem Tage zu vollziehende Kninhengnngsart
'M^f^
^m%i.
'ik^nm^tnik
^ÄjituenÄ'/i
> Zu Z. IO-I4 paßt teilweise besser Text Nr. 349: ^ ^D # /©# ^^11-© ^'S'-
' Z. 17 = täffzin:
Pka.-hiet. Klasse. 1910. Ahh. III. 6
42
F. W.K. Müli,kh:
27 -'in siz-lärkä nomlay'in o o yßsqa
will ich euch verkünden. Der kurz-
s8 öz-lüg yas-lty t'inly-hr-/üng
lebigen Gescliöpf'e
»9 üdün o o tözün-lär oyM ärsär
halber, ob es nun eines Edelen Sohn sei
30 ymä o o tözün-lär %iz'i imip
auch, (ob es) eines Edelen Tochter (sei), solche niflssen an
3- ai-niny bis yyrnii-slntä ofiy
des Mondes fünfzehnten (Tage) sich rein
32 yunup arit'imp o o afiy ton kädiiu-
waschen und säubern und reine Gewänder und Kleider
33 -lärüj kädip hacay-ta turup
anziehen, im Fasten verharren
34 miny yßta hu dami-ni\^\ sözläsär
tausendmal diese Formel hersagen; wenn sie das tun,
35 anta kin özl yas-'i aly'inm'is
so wird danach des Lebens Dahingeschwundenes
36 0/ t'inly-ning yana özi yas-'i
für jene Lebewesen wieder eine Lebens-
I Chinesische Seitenzählung:] -i- •iC i= XVI].
T.m M.207.
Blockdruck.
Die hier weggelassenen Zeilen i — 6 entsprechen Z. 31 — 36 des voi-aufgehenden Blatt«':'
airriing . . . yasi. . . ;. ■• . _.
7 usamay-'i ' bolur o o ig-intin käm-
verlängerung werden. Von seiner Ki'ankheit und seinem Leiden
8 -intin öngi ötrülür o o alyu
getrennt, wird er vyerden. Aller
9 örtilk t'it'iy-lari-ning ar'imay-'i
Verdeckungen und Hindemisse Wegräumung
»»in .<6
s^
' Z. 7 = uea-.
Uigurica IL
43
o holur o o tamu-ta ulat't alyu yav'iz
wird stattfinden. Aus der Höile und allen schlechten
yol-lartin artuyray osmaq-'i^
Existenzformen wird er immemiehr erlöst
%utrulmay-'i bohr o o angminttn y'ihß
und befreit werden. Wenn man 'auch nur etwas die In der Tier-
3 azun-'inta (.sie) harnfis %us-lar-ning
existenz
wandelnden
Vögel
(oder)
4 käyik-lär-ning yjiilqär^-lar-'inta
wilden Tiere mit ihi'en Ohren
5 ymä hu dwni-n'iny ün-in
auch von dieser ßannformel Laut
« iisidtürsär o o ania-ta kin aning
hören läßt, so wird später für jene
7 ayiV yol-t-rämj hu 07 üzlüncü-
schlechte Existenzform das eben ihre Beendigung
8 -si ärür tip bilgiUüy 0/00 kim-lär
sein. Das muß man wii^sen. Irgendwelche,
9 birök uluy ig kam üzä
wenn sie durch schweres Leiden
o tutulup otafi-lar üzä adirtlanip
gepackt, von den Ärzten getrennt (?),
fittriis yjUtnm ärsär ymä 0/ nnlay
verwehrt und aufgegeben (?) auch wären, so würden (doch) der-
> osuy-luy ay'ir ig-tin ymä
artige von der schweren Krankheit aucli
3 osmay-'i^ %utrulma^-i bo/ur o o ani/ig
erlöst and befreit werden. Fflr einen solchen
4 alyu yaniz yol-lurta toymay-'i-
wflrde es in allen schlechten Existenzformen für seine Wiedergeburt
5 -rüng ymä üzülmäki bolur o o ät'öz
auch die Beendigung sein. Nach seines Leibes
mmmm
' /. 1 1 iiiiii Z. 23
44
F.W. K. Müller:
'« %utduy-'inta ymä sukavati aßy
Niederleguiig (s. Tode) wird er auch in der Sukhavati f^eiiaiintoii
=7 yirtindü (r^us-inia to'^may-'i bolur o o
Welt wiedergeboren werden.
a« ol oy aning öy %ar'in-ta
Das eben \viid seines aus dem Mutter- Leibe
^9 toyiiiay-Tiing iizlünön-si äi'iir tip
(Wieder)geborenworden9 Ende sein. Das
30 bilgülüg ol o o ol yjiyv, yßyu apxn
muß man wissen. Jener in welchem Leben
3" -lar-ta toysar o o anta anta yniä
er auch wiedergeboren werden sollte, jeweilig wird er auch
3^ llnyji-a-n'ing ösün-intin^ ök
aus einer Lotosblume 'Innerem eben durch
33 högi'm käligin toymay-'i bolur o o
Zauber-Erscheinung'' wiedergeboren werden,
34 azun-lar (sie) sayu ymä azun-'in
in allen Leben auch wird er sicli der (übrigen) Leben
(ein Jäti-
35 ödüöi bolur o o klm yßyu ay'iy %iTinc-
orinnei'n können. Wenn irgendwelche böse Taten
smara sein)
36 -iy yjiUac'i t'inly-lar ölsär o o ol t'inly
tuende Lebewesen stürben und man dieser Wesen
37 -lar Müll Im darni-iViY.\ yürüng
halber diese Formel zu den weißen
38 yqüst-ya hir otuz %ata söz-
Knochen ^ eimmd/wanzig Mal sprechend
39 -läp o o ol Vinly-lar-ning küidnng
auf jener Wesen *Leib (und)
10 dt'özi iizä sacsar o o olar incip
Köi-per (Erde) streuen würde, so würden sie also, möge es
:m^'
' /. 32 :=: ÖZäll-.
- Z. 32 — 23: also durch übei'natiirliclnt Geburt 'fP /t = upapäduka. Vgl. Schiefner,
Buddhistische 'IViglotte, S. 26, Kiickseit«: i^MM^'Hg ="- F^"^'^'''|— nwngoVi&ch: ^ubiljii tö-
rökil, und Jäsclike, A Tibetan-English dictionary, v,. v. sky^-ba, S. 29.
' Z. 38. Lehnwort .tus dem Chinesischen: H^Hp kai-tn, hai-txi.
Uiyurlca IL
45
41 tamu-ta ärsär azu y'ihfi azun- (sie)
in der Hölle seia, oder in der tieriächen
<» -Hnta ärsär o o azu ärklig %an-
Existenz sein, oder in des Erlik Klian (Uöllenricliters)
[Chinesische Seiteniählung:] 4- A^ [= XVII].
« -Tang yiründü-sintä ärsär o o azu
sein,
oder
Welt
44 prit apm-'infa ärsär o o azu
in der Preta-Existenz sein, oder
45 olartin adtn %<tyu aznn-lar- (sie)
von diesen abgesehen, in welchen Existenzformen
4» -ta toymis ärsär ymä o o olar
sie wiedergeboren wären auch, (so würden) sie
47 indip hu darn'i-nHiig kii^i lilsiini
also durch dieser Formel Kraft und Stärke
48 üzä ol yuviz t/ol-lar-t'in osinny-'i'
ans jenen schlimmen Existenzformen erlost und
49 yjutrultnay-'i Itolur o o olar ant'irdiii (sie)
befreit werden. Sie werden \on dort (?)
50 osup^ %utrulup ymä tnyrl yir-inlä
hinObergehen und befreit werden und in der (iötterwelt
s> to^mcrf-'i bolur o o kim-Uir birök Im
(wieder)geboren werden. Wenn irgend jemand diese
i> darni-niC[\] kün kiin sayu birär
]!annfonnel Tag filr Tag je ein-
53 otuz '/ßto sözläsär o o ol ituHp
nndzwan/.ignial hersagt, so wird er
54 ulxty yirHncü-li'Kjlär üzä ai/aqali
durch die groflen die Welt Haltenden (Lokapälas?) ein Verehrungs-
55 täkiniliy bolur o o özi yas-'i iisun^
würdiger werden, »ein Leben wird verlängert
56 bolur o o ig-siz kätn-siz Itolur o o viängi-
werden, olnie Krankheit und leidensfrei wird er werden, glQcklich
' Z. 48 OZ-.
» Z. 55 - . uzun.
n
^
(= 37-38)
^^mji ^=37)
:=•+— ^ (=38)
tiCÜ^-f-h <=39bis
40)
in fl^^ (-50-5.)
mm ^A
46
r.W. K. Müi.i.kr:
37 -lig tonga-liy holur o o turyaru
und iiiaclit\ oll wird er weiden, beständig wird er im ., ■.'.
58 %inmay %atv'lanmay'ja tükäl-Ug
Festwerden und Krstarken vollkonunen . ; , • -;
59 bolup uluy nirvan-ly bulmay-i bolur o o
sein und das große Nirväna erlangen.
60 äföz yjatduy-'inta ymä sukavati
Nach Ablegung des Leibes wird er in der Sukhavatl
6" atly yirtincü oyus-'inta toymaq-i
genannten Welt (wieder)geboren
62 bolur o o anta ymä anöolayu kälmis-
werden und dort auch mit den "So-Gekommenen. (Tathagatas)
«3 -lär birlä tumsmay-'i bolur o o alyu
zusammentrefien. Von allen
64 andolayu kälmis-lär üzd t'inturulmaq-'i
»So-Gekonnueneu" (Tathagatas) wird er beseelt'
6s bolur o o alyu anöolayu kälmis-lär-tin
werden, \on allen »So-Gekonuneiien« (Tathagatas) wii'd er
66 ymä viyakrit nly'is-'iy Inilitiay-'i
auch die Prophezeiniigs-Segiiunsj: erlangen.
[Chinesische Seitenzäliluiig:] J— r^ [_- XVIII|.
67 bolur o o alyu Imr/jin-lar ulus-lar-
in allen Buddha-Kseti'as
68 -iitta ymä yirtlncikj yruimay
wird er auch die Welt leuchtend
69 yaltfidmay-iy yjilmay-'i bolur o o munung
und glänzend machen. Wenn es sich um
70 mudur-% ärsär Iki ay-n-lar-ni\\\
die Mudrä dafür handelt, so muß man die beiden Handflächen
71 %avsurup 00 iki suy a7iffräk'-lär-ni[\] .
aneinanderlegen, die zwei * Zeige- Finger
:■■!-
iM: 'Ö- sä /b.
lä^WmJ (=55-56)
^f0'|'J^^(=56 -57)
^i^M± (=67)
— ^ (-62^63)
— tTJIftlillS [lies:
t^]Ä|B(=66)
— ^T\M± (=67-69)
usw.-, Fortsetzung siehe
neben Z. 73 j^
^tm
' Z. 64: Im Cliinesischen »wird iliui beständig die abstrtise Bedeutung (der Lehre)
ausfiilirlich erklärt werden«; tin-tur-ul- zunäch.st wohl >(neu)belebt werden-.
" Von hier ab Umstellung im Chinesischen. Hier sind die chinesischen Sätze dem
lligurischen entsprechend angeordnet worden.
' Z. 7 1 sie: Mi^ßiH . \'^gl. dazu das m<inichäische «uriV^W^ = «^''"^ö/t.
Uiff urica 11.
47
7» ägip iki uluy a/igr(ik-Iär-nl[\] yapsurup
krOmmen, die zwei großen Finger (Daumen) sicli gegenseitig bedeckon
73 anta basa bu darrii-ni \\\ ögiilw/
nnd darauf wieder dieser Foi-niel sicli eriniieni,
74 saytnyu/uy o/ a o törtkil mnntal yinii
sie überdenken. Kin viereckiges Zaubergeliege (raanHala) auch
75 yjtip o o tiisrük yju-<i cäMk-lär-
muß man marhen, wohlriechende Blumen
7* -üf tizä nfip o o ömj'i ömji
aneinander reihend hinlegen, alle Arten
77 kÜM tiUsük-lär'uj tiHi'isiip
Ränclierstäbchen nnd Räucherwerk räuchern, mit dem
78 oiuj tizm fökUlp o o nlryu
rechten Knie niederknien mit aller
79 andolayu külmis-lär-niiuj sainadi
• So-Gckommenen« (Tathägata«) Samädhi nnd
«o dyan-lari ilzä sayi/iu yiiküiüip
Dhyäna nachdenken und sich verneigen und
«■ anta basa dar/rt-m[!] säkis yüz
darauf wiederum die Formel acht- Imndert-
8' yßta oy'iqultey 0/00 mu//fay h/r yjita
mal mnß man lesen. Solelieran wird man mit einmaligem
83 oytmay üzü kuÜi nayut yüz
Lesen die Kofis, Nayutas, Hujidert
«4 .... {miny\ säkiz on säkiz käng ögüz-
(und Tausend«), achtqndaclitzig Gangesstrom-
l'nrtsetzung s. neben Z.79 ■)
f^^f^ 74-75)
(= 74)
'^t^^# (=77)
>ll^'^;tt#) (=79) •••
(Fortsetziings.o. neben Z.7 1 #)
^Ol^i(Z.3-4f"lK-Text)
#-#A-hA (=84)
m)l&l^t*0'd^^< = 83-84)
M)^^^ (=83)
T.m M.207b.
Blockdruck.
•täki yjum saninca a^u anöolayv
-Sandkörnern entsprechenden, sämtlichen -So-
kälmis-Uiriy ayamts ay'ir-hmts o o
Gekommenen« (Tathagatas) geehrt, geachtet
tapinmis udunmls o o tapiy vduy-luy
und verehrt haben, mit der Verehrungs-
#
4g
F. W. K. MÜM, KR
bul'it ilzä tapinin'is bolur o o olar
Wolke' verehrt haben. Jene (Buddhas)
alyu-yun ymä sadu^ tiniäk-luj
insgesamt werden auch das »trefflich!« ausdi-Ockende
sav'iy sözlämäkl bolur o o ol l'inly-'iy (sie)
Wort aussprechen: -Dieses Lebewesen
indip alyu anöolayu kähnis-lär-
demnach ist der aus aller »So-Gekommenen« (Tatliagatas)
-riing käntü öz-lär-'intin toqni'is
eigenem Wesen eneugte
oyli ärür tip bllgülvg ol o o
Sohn.« Solches muß man wissen.
örtük-silz t'ü'iy-siz bikjä
In der nnverhrdlten, unbehinderten, weisen
büiff-kä tükäl-li/j hoJup o o uluy
Erkenntnis vollkommen wird er werden und ein mit der großen
bod'istv-lar-ning köngiÜ-'i birlä
Bodhisattvas Gemüt überoin-
tämj kömjül-iUj bulmay-i bolur o o
stimmendes Gemüt wird er erlangen.
anta Im dnrni-ning yanfj-'i
Daher mit dieser Formel Art und
osuy-'i al-'i altay-i ilzä tngri-
Weise, Mittel und Kunstgriff, o Götter-
-lär iligi-y-a alyu t'inly-lar ymä
fürst! werden alle Lebewesen auch
tamu-ta uht'i yamz yol-lnr-t'iu
aus der Hölle und den schlechten Existenzformen
grtuyray osmay-f xutrulmay-'i bolur o o
immemiehr erlöst
und befreit
[Chinesische Seiteniähluug :]
werden.
4-^ [^XIX].
olar alyu finl^-lar ymä ariuyray
Jene Lebewesen werden auch immermehr
#^ (=5)
6)
^
-^^ii*
' Z. 3— 4 = qslltly. VgL Annales du musee Giiimet II, S. 322, Nr. 43.
'- z.5=:5ng.
' Z. 18 := 0Z-.
Uitjttricd 11.
49
jo arh/ ho/may-i bohir o o öz^i yas-i
rmn werden, ihr Leben wird
ä> MSW7«' bolur o o tngri-lär iligi-y-a
lange dauern. O Götterfürat !
'» sn Äa/y)? supiratisdll ( 0 ) /?«;///
Du nun gehe liiu und den Snpratisihita, den Oötter-
>3 urt-s'inga Im r/örrti-m[!] iij'in
söhn, laß diese Bannforrael nach Wunsch
'4 körliidip äsidlärgil o o tuyri-lär
sehen nnd hören. O Götter-
»5 iligi-y-a ani üzä ol tngri
fiirst! Dadurch werden in jenes Götter-
36 uri-si-nirig yiti kün-tä"
Sohnes sieben Tagen
>7 fl^ ayiy yav'iz azun-lar-'i (sie)
alle seine sclilechten Lebensläufe
»8 grtuyray ariyu kilip öz-i ya.s-'i
imnicrmehr reinwerdend vergehen und sein Leben wird
»9 usun* bolur o o antn ötrü tnyri-
lange dauern. Als darauf der Götter-
30 -lär iligi '/jurmuzla tngri incip o o
fürst Indra, der Gott, solchergestalt
3i anöolayu kälmis-tin hu öd-
von dem -So-Gekonimenen- (Tathägata) diese Lehren und
3» -\l\ärig sav-lafiy ctli'p tnginip o o
Reden entgegengenommen hatte, begab er sich in
33 antng orun-'inga bafip
sein Reich hin und
34 supiratisdit tngri uri-s'inga
dem Snpratisthita, dem GSttersohn,
[Abweichend im Chinesisclien:]
Nach Verlauf von jenen sieben
J'agen du mit Su-prati.5thita
zusammen komme und
besuche mich !
Ä"/i^
^%^
' Z. J I = usun.
' ZuZ. 26 paßt besser Text 351 (am Schlüsse der Erzählung; niclit die eigentliche Parallel-
stelle .u Z.26-.9) -bö^ÖÄilfß-^^Öäcll^R^^^W^M-
Phil.-hüt. Klasse. IflW. Abh. ITT. 7
50
F.W.K. Müller;
35 bu darrii-rii [!] hirti o o anta ötrü
diese Baiinformel übergab er. Darauf, als
3« ol tngri ufi-st yitinc kün-
jener Gottessohn bis zum siebenten Tage
37 -Mdägi o o alt'i Mm alt'i tun
hin, sechs Tage und sechs Nächte
38 hu darni-ta %at'i'^lanip o o ariing
in dieser Formel sich übte, seine
39 alyu-s'i tolu bolt'i o o incä
Gesamtheit völlig .... wurde. So . . .
40 ^It'i
(Rest fehlt.)
(Fortsetzung nach dem Chinesischen: So wurden seine Wünsche sämtlich erfüllt, von dem
ihm bestimmt gewesenen Leiden aller bösen Existenzformen wurde ej' erlöst. Er verweilte auf dem
Bodhi-Wege und erfreute sich eines unermeßlichen Alters. Schluß : Supratisthita preist Buddha nnd
verehrt ihn zusammen mit Indra und den andern Göttern usw.)
6. T. m M. 225.
Blockdruck. Doppelblatt in roter Schrift.
Alqu anöolayu Mlmis-lär-ning usnir-laksan-lar-intm önmis adi kötrülmis sita-
. -. -tapadra atly utsuqmaqs'iz dorm.
Uigurische Übersetzung der Bannformel:
Ärya\sarva-\tathägata-usrüsa-Sitätapatra-näutaraparäjitS-dhäranP. —
-^-^^fiffi g||^||,:f^ = T'au 16, Band 3, S. 225, Rückseite oben.
Vor Beginn des Textes in Rotdruck zwei Abbildungen : links Buddha, predigend mit
zwei Mönchen, wohl Käsyapa und Ananda, rechts die Göttin Sitätapaträ mit drei Gesichtern.
Attribute in den drei Armen links (von vorn gesehen und von oben nach unten), Haken,
Pfeil, Donnerkeil; — rechts: Rad. Bogen. Schlinge. Das Schirm- Attribut schwebt iiber der
' Chinesische Transkription dieses Titels in »hidischer Spraciic« (^^po")- PÖS l'p
^(eP^*)'|fl^iiP^.^^|i*lTl§B|^(^!=g«dehnt).|a^|j}|:Rij:^jg
P^^PlPiP'lfiBl^PlIi-
Uigurica 11. 51
Göttin und dem Heiligenschein. Nebenfiguren: zwei Bodhisattvas. — Im Texte sind die
Sanskritwörter von Glossen in Brähini-Sclirift hegleitet, die aber, als den Zweck der vor-
liegenden Arbeit nicht wesentticii fördernd, hier übergangen werden.
» namo bud oo namo dann oo namo ^jfls§_t.^^
Vemeigung vor Buddha! Veriieiguiig vor dem Gesetz! Vemeigung
sang o o
vor der Gemeinde!
» yükünürmn alqu buryßn-lar bodistc-lnr \
Ich verneige mich vor aller Buddha» und Bodhisattvas
3 qut-lar-'inga o o yükünürmn alqu pratlka-
Majestit. Ich verneige mich \or aller Pratyeka-
4 Imd-lar tözün sracak-lar qut-lar-inga o o
baddhas and der edelen Srävakas Majestät.
5 yükünürmn alqu ada-lariy yanturdafi adin-
Ich verneige micli vor der alle (iefaliren umwendenden, von anderen
' -lar-qa utsuqmay-stz o o adi kötrülmis sita-
unhesieglichen. sehr erhabenen Sitä-
7 -tapadri qutmya o o anfolayu ärür mäniny "k^^^
tapaträ Majestät. Also ist mein
« äsidmis-im o o ymä bir ödün adi kötrül- ^ — "HlflljW^'
Vernommenes : aucli zu einer Zeit befand sich der Allererhabenstc
' Z. 8. Der rätselhafte .\usdruck HJ ■^ ^^ ixt die wörtliche Übersetzung des tibeti-
schen q^«<"^5|'(^^«l {^ HildH), wobei [f| dem Q^«;^', ^ dem (^3i' und ^ dem q^*l'
entspricht, das Ganze also bedeutet »sieghaft hervorgegangen«. So scheint mir diese Formel
— gegen Ilarlez, Vocabulaire bouddhi(|ue sanscrit-chinois (T'oung-Pao VII, S. 360) — ein-
fach zu erklären zu sein. Diese sonderbaren, nur aus dem Tibetischen zu verstehenden
chinesischen Übersetzungen finden sich übrigens schon in den Inhaltsangaben auf den .Stirn-
flächen der Kand.schin--ßände vom Jahre 14 10, Kgl. Bibliothek, Berlin. — Vielleicht sind
beide Übersetzungen, die uigiirisclie wie die chinc'iische, der .Sitätapaträdiiärani schon mit
Benutzung der tibetischen Vei-sion hergestellt. Daß das tatsächlich vorkam bei diesen späten,
in ungenauer Orthographie geschriebenen Blockdrucken, beweist der folgende, auf einem
losen Blatt eines Blockdrucks erhaltene, an die bekannten Siitra-Titel im Kandschur erinnernde
Titel, der auch sonst wegen seiner Transkription des Tibetischen bemerkenswert erscheint:
(Blatt 56).
namo buday-a o o ... [namo] drmay-a o o namasanggay-a ( i^^^fnäiÄ^fä^jL^ j o o
Verehrung dem Buddha I Verehrung der Lehre ! Verehrung der Gemeinde I
änätkäk til-in-cä ari-a aparimiti
(Titel) in indischer Sprache: ärya aparimita
52 F.W.K. Müllkr:
9 -ntis strayastrk tngri yir-intä sudaram- ' 'fj: ^ -|-* ^ ^ ^ '^
in der Trayastriiiisat- Götterwelt, in der Sudliarma-
(guten Gesetzes
.o -saUa (#) triyri-lär-ning yiqilqu-[l]uy-m ifif^^^^Jx B ^^
salä, der Götter Versaniiiilnngshalle . . .
Halle)
[Lücke.]
T. IHM. 225. Blockdruck. (23.)
I Chinesische Seitenzählung:] ||| [r= III].
(Ich verneige mich)
' yirtincü-täkl an/ßnt-lar-qa ärtniis ^fa^WIttf^^
\or den in der Welt befindlichen Arhants, vor den in Vergangenheit, ^^ ' ^^
2 Mlmädük közilniir üö ötdäki-lär-hä o o
Zukunft und Gegenwart, (diesen) drei Zeiten lebenden,
i yüküniirmn surtapan-lar-qa o o yükümirmn ^jfla^WSlJtfe^^
icli verneige mich vor den Srotäpannas, ich verneige mich jjjffl jjC ^fe'
(in den Strom Eingetretenen)
4 sakartakam-lar-qa o o ynki'mürmn anakam-lar- — '^^^J^ißJx-^^
vor den Sakrdägäniins, ich verneige mich vor den Anäganiins, i^ S&
(noch einmal Wiederkehrenden) (nicht mehr Wiederkehrenden).
5 -qa 00 yfikünnnnn yirtincü-tä könin ^JÜs^Wiftl^ÄÄ
Ich verneige mich vor den in der Welt wahrhaft
T. m M. 225. Blockdnick. (24.)
1 hirjn'is-lar-qa 00 kön-in qat . . [iy]landaci-lar- ;@^^^f§^'^>\.
Dahingegangenen, den wahrhaft sich Bestrebenden. ö^ ^^ S^-
2 -qa 00 yükünürmn tngri-lär 'irzi {sie) -lafinya i^)|ig^'f(ljPJi p^^^
Ich verneige niicli vor den Götter- Rsis j -lift S/- -tt Äfc ^&
ayumama m'/jiyan-a sudur-a o o iiiböt
-tit/ur näma mahöyämi sijfra. In tibetischer
tit-m-cä paqispa ( ' jyj**^^ ) si ( ^4f ) irjiaqdu ( -^ t\£fi''*i ) fnitpa ( ' ^fitj^f )
Sprache: 'p'aga-pa Is'v ilptig-tu metl-pa
.s/z ( AJk^ ) biyau-ii ( (dOäi^ ) tlkpa ( L.^fiP'^ö ) c'mpo ( flff-**^) yl ( Ji^ ) imUi ( rt^^ t< ) oo
£p» " byii-ru t'eg-po cen-po i tiido.
' Z. I. Auch dieser .\usdnick :^^ entspricht wörtlich der tibetischen Volksety-
ar/ia?it: ^^'^^^^'^ (Keiiulevernichter), wobei ^^' = 3^, q^*|' ~ ^r^.
inologie von
Uifjurira IL 5B
i yükünilrmn piitmis v'ityadar'i grz'i (sie) -lar-qa oo ^fliä^^ti^^^^^ B)ii
Ich verneige mich vorden vollendeten Vidhyadhara-Rsis,
4 ynkünürmn sp alq'is öz yas-ta ulat'i- •;;..'..;.
Ich verneige mich vor den 'Siddhi-Segen, Leben und anderes
5 -lany oo bulm'is-larqa oo yükünürnm sp alqiK ^ ^ j^ ^ ^ v
Erlangthabenden. Ich verneige mich vor den mit ihrem * Siddhi-Segen
T. m M. 225. Blockdruck. (25.)
I üzä asiy q'ilqah uta^-larqa 00 yükünür-
Nutzen zn bringen Vermögenden. Ich verneige mich
a -wm ahfu v'ityadafi-iar-qa ynkünürmn ^fiw -.• -•
vor allen Vidyadharas, ich verneige mich
3 äzrua tngrirkä yükünvrmn %urmuzta 1^^ i^fB*^^
vor Brahma, dem Gotte, ich verneige mich vor Indra,
* tngri-kä o o yükünnrmn ädyülwj uma ^ ifls ^ M Ä ^ il^ ^
dem Gotte. Ich verneige mich vor der gütigen Uma, JjH BS-^t^T "^ i ^'
5 <yjat...\un\ bägi makisvari birlä hirgärü-kä ^ .. :" .
der Königin, ihrem Fürsten: Mahesvara dazu vereint ...
T.in M. 225. Blockdruck. (15.)
I varuni-qa o o ynkünürmn ädgülwj
vor V^aruna. Icli \enieige mich vor dem gütigen
> naraya[n\-qa 00 bis uluy niudur-lar nzü /'iit iflä Ä ^ i^ iS^ ^ J^J
Naräyana, \ot dem mit fünf großen Mudrüs -jj^ S^ JjC. -Jr fiC föi ^tt-
3 yüküntiirühnis-kä 00 ynkünürmn ögrünc ^'^ f H :^ §^ hI -1^^
(dnrch Verneigen) Verehrten. Ich verneige mich vor dem Freuden-
(Samkara, Samvara?)'
4 ärklig nur/ßkadi-qa tiripur hatiy-iy hoz- E£^'^'^
Herrscher Mahakala, dem Tripura-Stadt-Zerstörer ('l'ripuraghna,
s -dad'i-qa ... sin .^uburqan arns . . . .\'inta\ "tfe >i^ Ä ^^ ^ '-j^
Tripwäntaka usw.), dem in Sti'ipa- Mitte
' \';»l. l'aiiilur, tlu.s i'uiitlieoti des 'l'-schniigtsciia lliitiiktii Nr. 63 und die laniaislisclien
Tonpakten aus der Zeit de.s Kaisers K'ien-liing: h. ^ "t f^ ; inongoli?<che Transkription:
cakra-sanMtara (daneben noch: sambara, sambar).
54 F.W. K. MCm.er:
T. III M. 225. Blockdruck. Doppelblatt. (i6.)
• ärig ornaq tapladaö'i ana-lar %uvrayt — ' "^ ^ ^ J^/f ^
durch die [an] mächtiger 'Stelle ... verehrende Mütter- Schar'
inatr- gana
» üzä yüMlntnrülmis-kä oo yükünürmn adt ^}^ ^Ws.
Angebeteten [mäti-nandij. Ich verneige mich vor dem Aller- ' •jrri'i.i
3 kötrülmis andolayu kälmis oqus- luy-qa j {ij^^^B^^^'^
erhabensten, dem Tathägata- Stamm Angehörigen,
4 yükünürmn ad'i kötrülmis linqu-a oqus- ^1^.^^^'^
Ich verneige mich vor dem AUererhabensten, dem Lotos- Geschlecht
5 -luy {y\ükiinürmn ad'i kötrülmis vöir ^J^^W\^^
Angehörigen . . . Ich verneige mich vor dem AUererhabensten, dem Vajra-
(17.)
t [oqits-luy-qä] 00 yükünürmn ad'i kötrülmis ^ jjj^
geschlecht Angehörigen. Ich verneige mich vor dorn AUererhabensten,
' monöuy \ärdin]i oqus-luy-qa o o yükünürmn ^ ^ ^ ^
dem Perlen-Kleinod-Geschlecht Angehörigen. Ich verneige mich vor '
roani- ratiia- kulaka.
3 ad'i kötrülmis il qan oqus-luy-qa 00 [Der chinesische Text deckt sich
dem AUererhabensten, dem Ueichs-Königs-Geschlecht Angehörende« ^■<'° '''«'" »^ "'•■^" ■"'' <*«'» »'g""
rischen.J
4 yükünürmn od'i kötrülmis is oqus-luy-
Ic'h verneige mich vor dem AUererhabensten, dem Freunde-Geschlecht
[Allgehörenden,
5 -qa o o yükünürmn ad'i kötrülmis ärdini ■
Ich verneige mich vor dem allererhabensten Ratna ...
[Lücke.]
T. IHM. 225. Blockdruck. Dopp(;ll)latt. (6 b.)
[Chinesische Seiten/.äldung:] lö [= Vj.
I mn adÄ kötrülmis andolayu kälmis ayay- W^Ws.
Ich (verneige mich) vor des allererhabensten Tathägata, des verehnings-
» -qa täkhnlüj köni tözüni tuirnis abi- 1 ffi^ M 3u
würdigen, vollkommen erleueliteton Amitiibha-
' Die acht Begleiterinnen Si\ US (iTIrt^ij. Vgl. auch .Vnuale.s du musee (iuinet Jl, S. 434,
s. V. mdfri.
4
Uiffuria/ IL 55
3 ta bur%an qut'inya o o ynkünürrnn adt ^ ^ jj)^
Baddhas Majestät. Ich verneige mich vor des aller-
kötrillniis ai/ay-qa täkimlig köni töz-
erhabensten, verehiiingswürdigen, vollkommen
-üni tuhriis ah<obi Imr/jin qut'inga o o ^Wj"^
erleuchteten Aksobhya-Bnddhas Majestät.
(7 b.)
yükünürmn adi kötrülmis ancohyu kälnm
Ich verneige mich vor des aliererhabensten -So-Gekommenen«
ayay-ya täkimlig köni tözüni tuim'is [(Tathagata),
des verehrangswflrdigen, vollkommen erleuchteten,
vöir tut-dad'i taloi öyüz-ilg üvätäii
Donnerkeil haltenden, das Meer 'erregenden (anblasenden)
hur/jan qut'inga o o yükünürmn ud'i kölrül- ^fg
Buddbas Miyestät, Ich verneige mich vor des allererliabensteii
-mis anöoUiyu kälrnis ayay-qa täkimlig
• So-Gekommenen< (Tathagata), des ehrwürdigen
T. m M. 225. Blockdruck. Dopprlhlatt. (2.)
« köni tözüni tuimis vaituri ärdini ^trßJ^J^
(ich verneige mich vor) dem vollkommen erleuchteten, »Beryll-Kleinods
(vaidürya-ratna-
» yrnq-lw^ odaSi-lar iligi tngri Imrqan ^^ ^
Glanz besitzenden Ärzte- Fürsten ", (vor seiner) göttlichen Buddha-
prabhä bhaiMJya-räja)
3 '/jtiVinga ( ^ ) o o yükünürmn adi kötrülmis
Majestät. Ich venieige mich vor des allererhabensten
4 andolayu kälmis ayay-qa täkimlig köni
• So-Gekommenen- (Tathagata), des ehrwOrdigen, vollkommen
5 tözüni tuim'is amogasiti bur/ßn qut-
erleuchten Amoghasiddha- Buddhas Majestät.
(3-)
' -inga o o yükünürmn adt kötrülmis anöolayv ^jji^
Ich verneige mich vor des allererhabensten -So-
» kälmis ayay-qa täkimlig köni tözüni
Gekommenen" (Tathagata), des ehrwürdigen, volikonunen
56 F.W. K. Müi.i.kk:
tuinäs uz aiilmis cäcäk-Uy sal söyiU- ^^Ü-
erleuchteten, "VoU erblühte Hluinen besitzender säla- Uaiim- •'■ ■•'-•
3
4 -lär iligi yjan-'i Imiyßn %utinga o o yükünür- ^
König" (genannten) Buddhas Majestät. Ich verneige
5 -mn adi, kötrnlmis ancolayu kälmis ayay
mich vor des allererhabensten -So-Gekonnneiien" (Tathägata), desehr-
T.in M. 225. Blockdmck. (14.)
[Chinesische Seiten^älilung:] -C [= VIJ.
I -qa iäkindUj köni tözi'mi tuim'is yig
würdigen, vollkommen erleucliteten, "gut«n
" mfünki linqu-a cäöäk iUyl qan-'i
oberen Lotos- Blumen- Königs»
3 bur%an %ut'inga ( ^' ) 00 yükünürmn ad'i kötriil-
(dieses) Buddhas Majestät. Ich verneige mich vor des allererhabensten
4 -mis aniohyu kälmis ayay-qa täkimlig
"So-Gekommenen» (Tathagata), des ehr\vürdigen,
5 köni tözüni tubins vipasi bur%an qul-
vollkonimen erleuchteten Vipasyi- Buddhas Majestät.
[Lücke.]
T.IIIM. 225. Blockdruck. Duppelblatt. (6a.)
[Chinesische Seitenzählung:] -jJ [=; V1I|.
1 tuim'is sakimuni Jmryßn qut'inga 00 yi/küni/r- ^ jji^ ^ iÖS ^ Ä "^
(vollkommen) erleuchteten Sakyamuni-Buddhas Majestät. Ich verneige • .
2 -7nn ad'i kötrülmis ancolayu kälmis ayay-
mich vor des allererhabensten »So-Gekommenen» (Tathagata), des ehr-
3 -qa täkimlig köni tözüni tuim'is ärdini
würdigen, vollkommen erleuchteten Ratna- ' ■•'■
4 -lig al tngri hw%an qut'inga o o yükünür- J
candra-deva- Buddhas Majestät. Ich verneige '' " '
5 -mn ad'i kötrülmis ancolayu kälmis ayay-
raich vor des allererhabensten "So-Gekommeneu" (Tathagata), des ehr- ....ä; :.- :.' .' ;
• -qa täkimlig köni tözüni tuim'is ärdini- ^fa^
würdigen, vollkommen erleuchteten -Kleinodien-
2 -% ucuruy-kir iligi hur%an qut'inga 00 Jl 3: 'W
Gipfel- König- (dieses) Buddhas Majestät. j
Uigurica IL 57
■m
3 yükünürmn ad'i kötrülmis ancolayu Mlnm
Ich verneige mich vordesallererliabensten .So-Gekoinmenen"(Tathagat!i),
4 ayarj-qa täkimliy köni tözüni tuimis Mc^
des ehrwürdigen, vollkommeii erleuchteten
5 saniantahadiri hur-/ßn quttnya o o yükünürmn W W '^ ^ fa
tjamantabliadra- Buddha Majestät. Ich venieige micli
T. m M. 225. Blockdruck. (4.)
■ ad'i kötrülmis anMayu käbnis aya'y-qa
vor des allererhabeusteii •So-Gekonimeiien> (Tathiigata), des elir-
2 täkimlig köni tözüni tuimis vairocuna 5^ ^
würdigen, vollkommen erleuchteten Vairoi'ana-
3 hur%an qutinga 00 yükünürmn adi kötrül- 3£ filj} ^jjig
Buddhas Majestät. Ich verneige mich vor des aliorerhabensten
4 -mis anöolayu kälmis ayay-qa täkimlig
• So-Gekommenen. (Tathägata), des ehrwilrdigen
5 köni tözüni tuimis a^ihnis utpul linf^i- W jfl V® »^ G ^
vollkonimeu erleuchteten, -dem aurgebiflhten Utpala- Lotos
T. IHM. 225. Blockdmck. (5.)
■ -« köz-lüji y'it ucruy-hr iligi bur//m f^J' BE'^
gleiche Augen besitzenden.Wohlgeruchs-Oipfel-König" (dieses) Buddhas
» qutinga o o yükünürmn alqu huiyjin-lar o o •^^
Majestät. Ich verneige mich vor aller Buddhas und
3 bodtstc-lar qut-lar-'inga o o köni töz-
Bodhisattvas Majestät. Vor den vollkommen
4 -üni tuim'is-lar-qa o o onttn singar %aliy- j^
Erleuchteten, in den zehn Himmelsrichtungen sich
5 -landaci-lar-qa olar-qa yükünüp mwii ah/u ^fs B ÜJ W^"©'
Anstrengenden, vor diesen mich verneigt habend, will ich Jene aus aller 4-7|
T. ni M. 225. Blockdruck. Doppelblatfc. (6.)
[Chinesische Soitenzählung:] t^ [= VIII].
> anöolayu kälmis-lär-ning usnir lakxan- ^B^T^^
•80- Gekommenen" (Tathägatas) UsijTja- Abieichen
> -lar-int'in önmis ad'i kötrülmis sita- 4^ 91 Ö
heraus hervorgegangene allererhabenste Sitä-
nu-hitt. KUute. 1910. Abh. III. 8
58
F.W. K. Müller:
3 -tapadiri atly utsvqmaqsiz uluy yanturda-
-tapaträ genannte, unbesiegliche, große, abwehrende
4 -Gi-ni sözläyür-mn o o alqu qor ay'iy
[l'ormel] aussprechen. Die allen * Schimpf und böse
5 tüdm käris qarisinaq-'iy am'irtqurdaö'i
'Zwietracht, Streit und Widersetzlichkeit 'Besänftigende
(7.)
1 ärür o o alqu huti yak idkäk-lärly
ist sie, die alle Bhütas, Yaksas und Vampire
2 t'itdnci o o adin-lar-riing alqu türlüy
Abwehrende, die anderer alle Arten von
3 arms-lafin käsdäcl alqu ödsiiz ölihn- o o
Magie Zerschneidende, die in allen unzeitigen Todes-
4 -lärdä urnuy may boltaci o o alqu t'inly-lar-
arten Hoffnung und Zuflucht Seiende, die alle Lebewesen
5 -riing hay-hfin-t'in ozqurdnci^ o o nlqu
aus ihren Banden Befreiende, alle
mm
-^jimm
T. in M. 225. Blockdruck. Doppelblatt. (8.)
bulqanmis yav'iz tül-läriy yanturdac'i o o alqu
verwirrten bösen Träume Abkehrende, alle
yäk raksaz huti-hfiyi arladtaci o o säkiz
Yaksas, Räksasas, Rhütas Vernichtende, die acht
tümän tört ming buti-hr'iy bozdaci
Myriaden und \ ier- tausend Bhütas Verderbende,
säkiz otuz yultuz-lar %uvray-tn ögirün-
der achtundzwanzig Gestirne- Schar Erfreuende
-türdäci o o säkiz uluy kan// -hfiy artadtaci o o
die acht großen Sternbilder Zerstörende,
(9-)
alyu yay'i-lafiy yanturdac'i o o qadir (sie) yavlay-
alle Feinde Zurückweisende, die Harten, Bösen
-lafiy hulqanmis köngül-lüg-lärig alqu yav'iz
und verwirrte Herzen Besitzenden und alle schlimmen
• Dagegen S. 59, 11, Z. 3 = os-.
' 8, Z. 5 ^ 51^.
Uigurica II.
59
3 tül-lärig yoqatdurtaci alqu türlüg
Träume Znnichtemachendc, alle Ai'teii
4 aqu ■ bi ln£qu not suv-ta ulat'i ada-
Gift, Messer, Feuer und Wasser und Nöte
5 -fan'7 tttda&i o o alqu üc yavlay yol-luy
Abwehrende, ans allen, den drei sclilechten Existenzen eigenen,
T. m M. 225. Block Jiuck.
[Chinesisch« Seitenzählnng:] -^ [== IX].
yflrytnö-lardtn tartdad'i o o säkiz türlüg
Schrecken Herausziehende, in den acht Arten
ödsüz ölüni-tä uht'i-lurta umuy
des nnzeitigeo Todes and so weiter Hoffnung
■«■«07 boUaffi ärür o o jnunt munöolayu ad'in-
und Zuflucht Seiende ist sie. Derartig also (ist sie) die von anderen
-qa utsuy7nay-stz uluy qal'ir (sie) yaclay uluy
unbesiegbare, große, heftige, schlimme, große,
(krodlia)
küölüg küsün-lüg o o uluy 6oy-luy yatin-
starke, mächtige, große, stralilcnde, glänzende
T. m M. 225. Blockdruck.
•U^ o o uluy yavlay o o uluy yüri'my o o uluy yati-
große böse, große weiße, gmße glänzende
(maha-krodhä) (Pändurä) (Alarld)
-nadad'i 00 uluy ('-oy-luy uluy psak-tiy o o uluy
große strahlende, große gekrönte, große
yürüng ton-lw^j o o tözün osqurdaci tük-
weißgekleidet«, edle Erlöserin, gerunzelte
(äryä) (-Tärä)
-tnis atin-tiy yinä o o utitiis cacXqmis
Stirn habende aui-h, siegreiche, mächtige,
(Bhrökuti, Bhrkuti)
v^ir psak-tiy o o linqu-a blgülmj o o
eine Vajrakrnne tragende, eine Lotosblume als Konnzeichoii habende,
{oc'ir
[mit dorn Vajra-
(10.)
[Z. I — 3 fehlen im Chinesischen,
1 darauf folgen einige Verse.]
(II.)
^mm^.m. mm
«0 F.W. K. Müller:
T. in M. 225. Blockdruck. Doppelblatt. (21.)
laksan-My adi . . \ri\-qa utsuqmaqsiz psak- ig te ^ ^| ^ ^ ^
abzeiclien veiseheiic, von anderen nnbe^il^gbare, mit dem Diadem Öt
-/«7 ymä ök o o vc'ir tunimy-luy khuj köväz ^ l^l] i^ ^ ^ ^ f^'
geschniüc'kfe aucli, mit Vajra- Schnabel versehene , Vajra-Mauer (!)
ymä o o ämrilinis t kä incip ayat'i- ^ ^ ^^ ^- |it ^ f]J-
ancli friedliche, \on den also geehrte, !
-Im'is o o ämrilinis alt k-Ti'y 00 ulw^ ^ Ä M ^ Ä 3^ f^-
friedlichen ' große
yürüng öngliig tö . . [zn]n yiirüny ton-lwy \
hellfarbige, edle, hellgekleidete, ]
(22.)
tözün qiitqardaci uluy küclüg kümn-lilg S ^^ j^ "Q^ 3^ ^ "il^
edle, befreiende, große, starke, kräftige,
(Tara)
öliim-süz vc'ir s'i'nc .... [iq? -li]y ymä 00 vc'ir-I'iy >T* ^ ^ P*]lJ ^ M ^
unsterbliche Vajra- 'Hacke' auch, den Vajra-besif/.endcn unsterbliche Vajra -Eisenhacken-
(vajra- Mutter,
ufi-ning oqus-'i .... -\tu\-t'inda(^'i o vc'ir ilig- ^WI'^'m.'^^:^^
Jnnglings-Stamni haltende, Vajra-Hand- '^Hll-^-^S
kumära- kulan- dharl) (vajra-pani)
-lig vcir arv'is- tiy svhuy altun psak- ^j^^..
besitzende, Vajra- Zauber- besitzende (=^ ?) Gold- Krone-
(vajra- vidyä- dharl) _L HK ä tä $g i^t -iq.
-% kuswnba qu-a onglmj cairocana große rotfarbige und Ratna-mai..i-
besitzende, Kusuma- Blunicnfarbige, Vairocana- Mutter.
[Lücke.]
T. ni M. 231. Blockdiuck. Vier noch znsaiiimenliängende Blätter.
[Chinesische Seitonzählung:] ^ g[ |= XIV]. %^^M^
[siksil qundcicn-hir 00 qafin-taqi känc-ig\ ^^'^IM./^
[1] die die ... . Raubenden, [II] die die Embryonen -^ ^ 'o* ÖÖ [^ II]
yjmdan-lar ( #' ) 00 y^an ictäc'i-lär 00 müncig us-tiy- ^j^^ß^ [= Ul]
•Raubenden, [III] die Blut- Trinker, [IVJ die * Uterus- FresM'i. '«• H^J H'^^ Ö^ |r=lVn
-lar ät as-l'iy-lar 00 yaqr'i as-Tiy-lar 00 -b* 1^ ÖÖ [=^'1
|V| die Fleisch- Fresser, f\'I| die I'<!tt- Fresser,
' 21, Z. 3 und 4. Wie uiuy qaltr, ulw^j yactay (.S. öo) die ./ürnige- Er.silii-iiiungslorni
der Göttin, so sclieiiit ämriimis die -.sanfte» Form derselben zu bedeuten = a\\'r\\ > ^f^/jl^-
^ Vgl. Radioff, AVörtei'buch, s. v. .sinjiq (Sag.) == »ein hölzerner Keil«.
Uigurim IT.
61
r
3 yilik as-Ny-hr oo toqm'is-'iy qundaci-lar oo
[VII] die Knochenmark-Fresser, [Vni] die Geborenes *Ranl)enden,
4 isig özily qwndafi-lar o o i/aqts as-fiy-
pX] die das Leben 'Raubenden, [X] die 'Fettiges Fressenden,
5 -lar o o psak qundaöi-lar o o y'id as-Uy-lar oo
f XI] die Kranz. * Ranbendeii, [XIIj die Wohlgenich-Fresser,
« tütsnk as-tiy-lar o o qu-a ^äöäk as-tiy-
[XIIIJ die Räucherwerk-Fresser, [XIV] die Blumen- Froser,
7 -hr o o tils yimis as-tiy-lar o o i tafiy as-
[XVJ die Früchte- Fresser, [XVIJ die Saaten-Fresser,
8 -tty-lar o o oot-qa (^öklämis-'uj yitä6i-
[XVnj die das ins Feuer 'Geschüttete Essenden,
9 -lär o o yiriiuf as-tiy-lar o o ayty as-tiy-lar oo
[XVUIJ die Eiter- Fresser, [XIX] die ' Tränen- Fresser,
"> sül as-tiy-lar o o yar as-tiy-lar o o lisip
[XX] die • Eiter-Fresser, [XXI| die Speichel-Fresser, [XXII] die ' Ruhr-
>■ as-tiy-lar o o yinu as-tiy-lar o o qusuy as-
Fresser, [XXIII] die .. . -Fresser, | XXIV] die Erbrochenes
[Fressenden,
la -tiy-lar o o ötmis-iy yitäci-lär o o afiy-s'iz
[XXVJ die 'Gpiergaben Essenden, [XW'IJ die Unreine>
13 as-tiy-lar o o qatincu as-tiy-lar o o qasan'iy i6-
Fressenden, [XXVITj die »Kot- Fresser, [XXVUIJ die 'Harn-Trinkei .
>4 -tädi-lär o o nä näyn as-tUj-lar o o köiigül-iUj
[XXIX] die alles Keliebige Fressenden, [XXX] die den Sinn
■5 qundaci-lar o o mund.olnyu o o Imlar-nincj alqu
'Raubenden. Alsn dieser aller und
(uianohara)
■* %aiitay Irntt-lar-m/uj q'ilm'is yai-ahn'is arc'is-
säuttlicher Gespenster (bhüta) ausgeübte Zauber-
17 -larin %itif, iizd käsdr-mn vcir iizä
künste mit dem Schwerte zerhaue ich, mit dem Donueikeil (vujni)
i8 qasquq ioqiyw-mn o o yprmuzla nzä yniä
uagle ich fast (banne ich). l)ie mit Indra auch
^%%
= VI]
ÄhI^
= VII]
:fea^55cm
= X]
M^%
= IX]
ÄHiflf^
z= XXIV]
ÄASm
= XXVII]
'kA-\^%
= XXVIIl]
-k^ms^
= XXII]
'k^%
== XXIX?]
^m^
= XXI]
k%%
= X1X]
Äfc^^
= XXI]
Äm^
— XVIII]
-km^^
L= XXV 1
k%%
= XI]
^#Mm
= XII]
k^%
= XIII]
^Em.
= XXX]
km%
= XIV]
k^%
= XV]
k1S^
= XVI]
k-mm^
— XVII]
mz^
Inmitten dieser (D
ämoncn)
wünsche ich Frieden und Glück zu
erlangen (vgl. S. 64 T. III M. 182
Z- 9),
Jener aller und
siimtlichor Dämonen ausgeübte
Zauberkunst hiermit
62
F.W. K. Müller:
yßilmls arryis-'in Msär-mn qasquq toq'i-
verübte Ziiulierkunst zerliaue idi, ich nagle sie fest,
•yur-mn o o taliadakini-lar-tiing qtlmis arv'is
der Däkas' und Dakinis ausgeübte Zauberkunst
zerschneide ich und mit dem
Stößel • schlage ich sie.
T.ni M. 225. Blockdruck. (59.)
.... [in] käsär-mn qasquq toq'ii/ur-[mn] :
haue ich durch und nagle ich fest. Der
.... [ni]>i(/ qiJmis arv'is-m käsär-mn qasq-
vollzogene Zauberhandlung zerhaue icli und nagle
... [uq tö\qiyur-mn 00 pnrivaracaki-lar-riing qil- 5§^^^jS:
ich fest. Der Parivräjakas vollzogene Umherschweifenden
. . . \rnis\ arv'is-lar-'in käsär-mn qasquq toyiyur- ^WjJ.j^jtt^^^l'^
Zanberhandlungen zerliaue ich und nagle ich fest. f^ -J^
narayani-rCing yßnäs arms-'in käsär-mn 00 ^^^^^f^ usw.
Den von Naräyana vollzogenen Zauber zerhaue ich und . . . [= Z. 20 oben]
[Lücke.]
T. m ]y[. 225. Blockdruck. Doppelblatt. (26.)
qikms arviS-larin käsärmn qasquq . . . [toqiyur-] (Von hier ab hat der chinesische
vollzogene Zauberhandlungen durchhaue ii'li und nagle sie fest.
-mn tört singil-lär-ning qtlmis arv'is ....
Der vier Schwestern verübte Zauber-
{oqiyur-i)in\
fest.
-lartn käsär-mn qasquq t .
handlungen durchliaue ich und nagle sie
karuH-riing qtlmis arvis ....
Die von dem Ganula vollzogene Zauberhandlungon (durchhaue icli|
qasquq toqiyurmn o o
und nagle sie fest.
Text eine andere Heihenfolge.)
]^mkmww'm
zr
m ^)
(Äther-Flieger = tibet.
mk'a- Iding)
[Lücke.]
' Z. 19. Mit '}f^ und qasquq (lies qazquq :~- ijjjl») ist der Zaiiberdolch (^'5 oder
^\^ =-- Pflock, Nagel) gemeint: Jäschke, Tib. dict., s. v.: sa-p'vr 'de/>.i-pa to stick such a
dagger into tlie groiind, whereby tlie subterranean demons are kept ort".
Uigurwa 11.
(27-)
« matukari-ning dti qiltaci
Des Madhukara, des SiddhivoUiiehers , den von dem
> pütmis as'iy-tiy-ntng q'ilm[is\ ....
vollendeten Vorteil Erreichthabenden vei-übten Zaubci-
3 käsär-mn qasquq toqti/[in'-inn] biranggi . . .
duiflihaue ich und nagle ich fe^t. Des Bhrngiriti
4 -nim/ qilmU arms-tn käsär-mn qasquq . .
verübten Zauber dnrchhaue ich und
5 toqiyur-mn o o ögirihidä . . \ci\ ärkliy kar- . . .
nagle ich fe.st. Des erfreuenden Herrschers (s. S. 53 Anm.)
T.m M.225. Blockdruck
[Chinesische Seitenzlhlung:J ^ t^ [^= XVIII].
t \({\ucray-'i-nin(j q'ilm'is arcis-lafin
(der von der ) Schar vollzogene Zauberhandlnngcn
2 . . . . \käsär-mn\ qasquq toqtiyur-mn o o alfu ay'iy
(zerhaue ich und) nagele ich fest. Aller bösen
3 . . . . [-la]r-ning qilirm arcis-lafin käsär-
vollzogene Zanberhandlungen /.crhaae ich
4 . . , . \-mn qasquq] toqiyur-mn o o 00m adt kötrül-
und nagele ich fest. Gm! Sehr Erhabene!
6^
des Jayakara, Madhukara und der
Sar\ arthasadhakas
Z)
Bhr- n- gi- ri- ti
-g-3E)
mwmZomi
.... \-mis-a köz\ädzün mini oo közädzün alyu t'inly-
HeschOtze mich! Beschütze alles Lebendr
der Vita-rägas
des (iuliya- pati Vajra- päni
ilil
Ich verehre die
Bhagavatr sar\ a-tathagata
iisni^a- sitatapaträ
Buddliamutter.
üeschütze micli ! lieschfltze
mich !
[Lücke.]
64 F.W. K. MüLLKu:
T. III M. 231. Loses Blockdruckblatt mit Dhärani.
[Chinesische Seitenzälilung:] ] 1 -^ | 1 [= XXIIJ.
t pt o o nai irtiyi pt o o varuni yi pt maru-
phat, nairrtlye phat, varuiilye phat, maru-
2 -üyi pt o o mayß maruti yi pt o o soomiyi
tlye phat, inahä- marutiye phat saumyeyi
i pt o o isaniyi pt o o pukasiyi pt o o atarvani
phat, Isäniye phat, pulckaslye phat, atharvani-
4 yi pt o o saharai yi pt o o karsna sabari yi
yc phat, säbareyi phat, kisiia- sabariyc
5 pt o o yamatudi yi pt o o nisi tiu-a caribi
phat, yamadütlye phat, cäni (?)
[Lücke.]
T. in M. 182. Blockdruck. Neun nocli zusammenhängende Blätter.
1 -t'in cai-a tutmw^-t'in o o osdaraki tnt/nay-
vor der Jaya Griff, vor des Austraka Griff,
2 -t'in o o irivati tutmay-t'in o o carnika
vor des Revafa Griff, vor der .Tämikä(?)
3 tutmay-t'in o o snkuni tuimay-t'in o o matar-
Griff, vor des Sakuna Griff, vor des Mätr-
4 -nanti tutmay-t'in o o knnhika tutmay-t'in o o
nandl- Griff, vor der Lambika Griff,
5 samika tutmay-t'in o o alamhana iidmay-
vor der Samikä Griff, vor der Älambhanä Griff,
6 -t'in o o takini tutmay-t'in o o kadatakini tutmay-
vor der Däkinl Griff, der KatadäkinT Griff,
7 -tm o o katangkada mali-ta ulat'i-lar-n'ing
des Kataökatamäli und vor den durcli der übrigen
8 tutmay-liy ada-lar-'int'in alyu tutdaci-
Packen hervorgerufenen Nöten und \or allen Fängern
9 -lar-t'in ine äsän qilzun mini oo Imu (MSfe^t^"^^^
Ruhe und Frieden schaffe mir! [I] Diese, die =^ S 6i 1
10 siksil qundaffi-lar qar'in-taqi känö-ig
'Raubenden, [IIJ die im Leibe befindlichen Jungen |
Uigurica IL 65
[Von hier ab identisch mit T. III M. 231, vgl. S. 60 — 61.]
[Chinesisciie Seitenzählung:] 1 | -f" S [= XXIV].
" %undaci-lar o o yßn ictäöi-lär o o mnncig as-lty-
• Raubenden, [EEI] die Blut-Trinker, [IV] die 'Uterus- Fresser,
" -lar o o ät as-liy-lar o o yaqfi as-tiy-lar o o
[V] die Flei.sch- Fresser, [VI] die Fett- Fresser,
«3 1/ilik as-tiy-lar o o toqm'is-'iy qunda&i-lar o o
[VII] die Marie- Fresser, [VIII] die Geborenes Raubenden,
■4 isig özüy qunda^i-lar o o yaqis as-lty-
^ [IX] die das Leben 'Raubenden, [X] die 'Fettiges Fressenden,
■5 -lar o o psak qunta^i-lar o o y'id as-tiy-lar o o
(sie)
[XI] die Kran/.-' Raubenden, [XII] die Wohlgeruoh- Fresser,
'(> iiltsük as-tiy-hr [o oj qu-a cädäk as-tiy-
[XIII] die Räuelierwerk- Fresser, [XIVj die Blumen- Fresser,
■7 -lar o o tils yiinis as-tiy-lar o o i tariy as-
[XV] die Früchte- Fresser, [XVIj die Saaten-Fresser,
■8 -tiy-lar o o oot-ya ööklämis-ig yiirkH-
[XVII] die das ins Feuer 'Geschüttete Essenden,
>9 -lär [o o] yiring as-tiy-lar o o aqiy as-tiy-lar \o o]
[XVIII] die Eiter- Fresser, [XIX] die 'Tränen- Fresser,
'° sül as-tiy-lar o o yar as-tiy-lar o o lisip
[XX] die Eiter- Fresser, [XXI] die Speichel- Fresser, [XXH] die 'Ruhr-
j' as-tiy-lar o o yiny as-tiy-lar o o %usuy as-
Fresser, [XXIII] die... Fresser, [XXIV] die 'Erbrochenes Fressenden,
" -tiy-lar o o ötmis-ig yiUUVi-lär o o afiy-siz
[XXV] die Opfergaben Essenden, [XXVf] die Unreines
23 as-tiy-lar o o qatinöu as-tiy-lar [o o] qasaniy
Fressenden, [XXVIIJ die 'Kot- Fresser, [XXVUI| die 'Harn-
'4 i6tü6i-lür o o nä nägii as-tiy-lar köngül-üg
Trinker, [XXIXj die Beliebiges Fressende», [XXX| die den Sinn
>5 qundaii-lar o o muncolayu Imlar-ning alqu
' Raubenden. Also von diesen alle
»6 köngül-lüg-lär ayiy ögü-lär o o ay'iy ögli
mit Sinn versehenen, Bü.ses Sinnenden, ein böse gesinntes
27 köngül-lüg-lär o o olar qajtiayu (sie) mini alqu ttnly-
Herz Besitzendon, diese alle mögen mir und allen I.ebe-
PhU.-Mst. Klasse. 1910. Abh. III. 9
66 F.W.K. Müller:
"8 -larvy ymä o o közdtmäk qilzun-lar o o yasatz-
wesen auch Schutz angedeihen lassen! Sie mögen uns am
29 -un-lar o o hiz-ni yüz y'il tükäl körkitzün-
Leben erhalten! Uns hundert Jahre voUkonnnen sehen lassen!
30 -lär yüz küz öd-lär-ig o o kim-lär .... \c[ayu\-lar
Und hundert Herbst- Zelten. Was auch immer
[Chinesische Seitenzählung:] ] j ^ ^f^ [= XXV].
3> hirök yäk-lär buii amanizi (.sie) ärsär-lär o o
für Dämonen, Bhütas, Amanusyas es sein mögen,
3» hau siksil qundaci-lar qafin-taqi kän6-ig »
[I] diese * Raubenden, [II] die im Leibe befindlichen Jungen
33 %undaci-lar o o qan ictäöi-lär o o mündig as-tiy-
* Raubenden, [HI] die Blut-Trinkenden, [IV] die * Uterus-Fresser,
34 -lar o o ät as-lty-lar [o o] yaqri as-lty-lar o o
[V] die Fleisch- Fresser, [VI] die Fett- Fresser,
35 yilik as-tiy-lar o toqurmis-'iy yitmi-
[VII] die Mark-Fresser, [VIU] die Geborenhabendes Essenden (s. o.),
36 -lär o o isig özüg ^undaffi-lar o o yaqis as-
[IX] die das Leben 'Raubenden, [X] die 'Fettiges Fressenden,
37 -tiy-lar o o psak as-tiy-lar [o o] yid as-tiy-lar [o o]
[XI] die Kranz-Fresser (s. 0.), [XII] die Wohlgeruch-Fresser,
38 qu-a as-tiy-lar o o tütsük as-tiy-lar 00 tüs
[XIV] die Blumen-Fresser, [XIII] die Räucherwerk-Fresser, [XV] die Früchte-
39 yimis as-tiy-lar 00 i tariy as-tiy-lar o o 00t-
Fresser, [XVI] die Saaten- Fresser, [XVII] die das ins Feuer
40 -7a Göklämis-ig yitäci-lär 00 Tiä iiägü as-
* Geschüttete Essenden, [XXIX] die Beliebiges Fressenden,
41 -tiy-lar 00 ögüg köngül-üg %undaci-lar o o yiring
[XXX] die Verstand und Horz Raubenden, [XVIII] die Eiter-
4» as-tiy-lar o o aqiy as-tiy-lar o o sül as-tiy-
Fresser, [XIX] die 'Tränen- Fresser, [XX] die Eiter-Fresser,
43 -lar o o yar as-tiy-lar o lisip as-lty-lar [o o] ying
[XXI] die Speichel- Fresser, [XXII] die < Ruhr- Fresser, [XXEl] die
44 as-tiy-lar o o qnsuy as-tiy-lar o o ötmis-ig
Fresser, [XXIV] die Erbrochenes Fressenden, [XXV] die Opfergaben
45 yHäöi-lär o o afiy-siz as-tiy-lar o o %atindu
Essenden, [XXVI] die Unreines Fressenden, [XXVII] die *Kot-
Uigurlca II.
67
T.m M.225. Blockdruck.
as-tty-lar o o qasaniy as-fiy-lar o o arta?m[s] . .
Fi-esser, [XXVIIIJ die 'Hwn- Fresser, die verderbten
köngül-liig-lär o o qattr kmgül-lng-lär o o yavlay
Gemütes, die harten Gemütes, bösen
köngül-lüg-Iär o o bulqanmis köngül-lüy-lär o o
Gemütes, die verwirrten Gemütes, die
ay'iy ögli köngül-liig-lär o o ingri yäk-läri o o
bös gesiimte Herzen Besitzenden, die Götter-Dämonen,
luu yäk-läri oo rakmz yäk-läri oo kantarvi yäk-
die Drachen-Dämonen, die Raksasa-Dämonen, die Gandharven-Dämonen,
T. m M. 225. Blockdruck.
[Chinesische Seitenzälilung:] "^^ [= XXIVI].
-läri asuri tutdad'i-lar'i o o karuti tutdaö't-lafi o o
die Asura- »Haltenden- ', die Garuda- -Hakenden-,
kinori tutdaci-lafi mu -i tutdad'i-lar'i oo yalangu^
die Kinnai-a-"Haltenden", die [Mahoraga-]»Haltenden -, die Meuschen-
tutdaö'i-lar'i o o amamizi . . . [tut]dact-lar'i o o maruti
»Haltenden-, die Nicht-Menschen- «Haltenden-, die Marut-
[tutdaci-
[ -Haltenden-,
-lan 00 prit tutdaöi-l . . . [afi] oo . . [p i]saiU tutdadi-lar'i oo
die Preta- -Haltenden«, die Pisäia- -Haltenden-,
iökäk tutd(i&i-hr'i o o kutnhanti tutdacTi-lar't oo pudani
die Vanipir--Haltcnden", die Kumbhända- -Haltenden", dio Piitana-
fLücke.]
(42.)
(13)
I
vighna
T. in M.225. Blockdru.-k. (20.)
tutdaöi-lar'i o o inntar-nanti tutdaci-lnr'i o o kanlahim- ^^'%'^^,^'
■Haltenden-, die Matrnandi- -Hultonden-, die Gandhakäniinl-
-ini tutda&i-lar'i o o alamlxini tutdad'i-lar'i o o kadatak'i-
"Haltenden-, die Älanibhana- -Haltenden«, die Kata-Däkinf-
-ni tutdaci-lar'i o o katanggada-niali-ta ulat'i o o
-Haltenden-, den Kaiahkata-nnli und dazu die
' 13. Z. iff. 7J^ in der Bedciitmip; Dümoii r ^>^'- oder = inongol. totyur, totyj
9*
68
F.W.K. Müller:
4 alyu tutdaö'i oqus-lafin-t'in tördimis isi-
aus aller »Haltenden« Sippen entstandene Fieber-
5 -mäk-llg . . . [Mzig igig o o hir\ kün-lüg
Periode-Krankheit, die einen Tag und eine
-0^
tün-lüg
Nacht dauernde
T. m M. 225. Blockdruck.
isimäk-lig käzig igig
Fieber- Periode-Krankheit,
iki kün-lüg tün-lüg isi7näk-lig
die zwei Tage und Nächte dauernde Fieber-
käzig igig o o üc kün-lüg tün-lüg
Periode-Kranklieit, die drei Tage und Nächte dauernde
isimäk-lig käzig igig o o iört kün-
Fieber- Periode-Krankheit, die vier Tage und
-lüg tün-lüg isimäk-lig käzig igig o o
Nächte dauernde Fieber- Periode-Krankheit.
(44-)
r-0^
i-tBrn)
-lüg ig-lärig o o safiy tüz-lüg lisip tüz-
Krankheiten, die durch die * Galle verursachten, durch *Ruhr
T. ni M. 225. Blockdruck. Doppelblatt. {45).
uzadu isimäk-lig ig-lärig o o yiil tüz- \ fW 'ffii' ^ ^
die lange Fiebeins- Krankheiten, die durch den Wind %erursac]iten ^ l-jj -^ /jh 13 ip ^e
-lüg oo sanipat tüz-lüg ig-lärig oo alyu i^^^^^ — -^
verursachten, durch Sariinipäta verursachten Krankheiten, alle
isimäk tüz-lüg ig ayriy-lafiy ' ^^^^^
das Fiebern zum Ursprung habenden Krankheiten und Leiden j§5 ,^ ^^ |J4;
[kiddrz-
[möge sie entfernen!
-Ü7i oo has aqrty igig kidärzün o o yafim . . . \ 3C ^
Die Kopf-Schmerz-Krankheit möge sie entfernen ! Die einseitige j
(46).
■ ät'özi aqfimnq-tiy igig o o tapsiz bolm . . . \oq-]
Körper- Schmerz- Krankheit, die Kßunlust-
2 -l'iy igig o o köz ayi'iy igig o o bwun nyr'i . . [7]
Krankheit, die Augen-Sclimerz-Krankheit, Nasen- Weil-
Uiyurica II.
69
3 igig ay'iz ayrty üjiy o o bayuz ayr'iy igig
Krankheit, die Mand-Schmerz-Krankheit, die Hals-Schmeiz-Kraiiklieit,
4 yüräk ayr'iy igig oo öngüö ayr'iy igig oo qulqq(s'ic)
die Herx-Schmerz-Krankheit, die Kehl-Schmerz-Krankheit, die Ohren -
5 ayr'iy igig o o yüräk ayrtmay'iy rnar'im ayr'iy
Schnierz-Ki-ankheit, des Herzens Schmeraen, deu 'Rippen- Sclunerz
[Lücke.]
T. in M. 225. Blockdruck. Drei nocli zusammouliängende Blättfu-. (39.)
I ara-tiy ärxär ymä o o arv'ü hayur-mn ^^- — " ^ ^ '% ^ "^
was auch immerdarunter sein möge, (seine) Vidyä- binde ich. ffiS^Ä
> kiic'm küsi'in-in hayurmn . . [a]din-lar-ning
Seine Kraft and Stärke binde ich (sie). Der anderen
3 alyu arv'is-lar'in hayurmn o o sim-'in ymä
sämtliche Vidyä« bindeich, •Fest(?) aacli
t darni-stn bayur-mn o o kök qatiy-taqi-ni
seine Dhäranl binde ich. Die im Äther Befindliche
5 hayurmn o o adin-lar-ning suu-sin cärik-
binde ich. Für der Obrigen Heer und Truppe
(40.)
-in t'itmaq särkürmäk qilur-mn o o
Verhinderung und Zurückhaltung mache ich (nämlicli)
tatyada 00m anali anali 00 aöali adali 00
folgendermaßen (tadyathä): -orii anale anale! acale acalel
\^-^m
*0 in kleincrerl
Si-hrift J
3 kakami kakami o o vi^ßti visati o o viri viri
khagame khagame! visade visadel vire vire!
4 vairi vairi o o .»oomi nooml o o mnti santi o o
vaire vaire! sanmye saumye! sänte sante!
5 tanti o o tanti o o v6ir-a-tara banti o o
dänte! däntel vajra-dliara bandha!
ta- d
ya- tlia oiii a- na- le ming-(!)
na- le
bi- >a- de
bi- sa- de
•^ (^1) m
bT- |geileliiit| re
va- j- ra- illia- re
*'(±if) m Mm
bau- [am (Jaiimoii| dlia baii-dlia
70
F.W.K. Müller:
(4I-)
1 vcirapani pt oom %uny .... %irisdorom.
vajrapäni phat oiii hüiii hristroih
2 p/ o o sva%a o o oom vcirapani banta hanta o o
phat! svähä! oiii vajrapäni bandha bandlia!
3 vcir-a-pasina sarva tusdai vikna vina-
vajrapäsini sarva tuste vighna- vinä-
4 -yakam %ung %ung pt pt o o raks-a raks-a o o
yakam hüih hüiii phat phat raksa raksa!
5 man sarva satvanöa sva%a o o Mm yß.yu
maiii sarva sattvanca svahä!
Wer auch immer
va- j- ra- pä- ni pha-t
11^ Pt ^ ['Ifi '"s^him
hüih huiii pha-t
^ ['IS. '"s'^SX'lo
pha-t
hüih d- roiig [eine Silbe]
ban-dha pha-t
sva- ha
T. in M. 225. Blockdruck. Acht noch zusammenliängende Blätter. (31.)
[Chinesische Seitenzählung:] | ] .^ tx;^ [z= XXVIH]. j
' munt alyu ancolayu kälmis-lär-ning usnir
diesen -aus aller ,So- Gekommenen' (Tathägatas) usijisa-
2 laksan-lar-intin önmiS sitadapatiri athj
laksanas entstandene Sitätapaträ« genannten,
3 utsuqinaqsiz uluy yanturdaci tiluy arv'is-lar
unbesieglichen, großen, abkehrenden, großen Vidya-
4 iligin toz-ta yap'irqaq-ta kägdä-tä
raja auf Birken(rinde) auf ein (Baum)-Blatt, auf Papier', auf I auf Birkenrinde oder Baum-
wolle* oder Baumrinde
5 höz-tä han-ta ärsär ymä bitip ät'öz \ ^ ^ EL y^ ^ :^
Baumwolle'', auf eine Tafel ^ schriebe und, wenn auf dem Körper |
' 31, Z. 4. Zu kägdä vgl. koibalisch Ar<?^rfä = dickes Papier bei Radioff, Wörter-
buch, s. V. und JLC-D kä^aS, käfyiS.
^ 31, Z. 5. !)öz ist wohl identisch mit K'^Oa byssus.
' 31, Z. 5. Wohl Lehnwort: )^/^- Vgl. Chavanues, Les livres cbiuois avant
Fiiivention du papier, Journal asiatique 1905, S. 14, 28.
" Giles, Dictionary s. v. ^| Heh: »a soft wliitisii clotli, called Q g|, woven froni a
coeoon-like fruit, and brouglit froui ^ ^ Ivarakliodjo.« Diese Erklärung geht wohl auf
die folgende Stelle in dem Nau-si des Li Yen-sou (7. Jahrhundert n. Chr.) zurück:
Uigurica II.
71
(32.)
-intä ärsär ymä boquz-'inta ärsär ymä
es wäre auch, am Halse es wäre auch,
tutsar-lar oqisar-lar o o ol finly-Icr-yß {0)
trüge. oder läse, jene Lebewesen wird
bir azun-ta näng aqu tägmäkäi o o nöng
im ganzen Leben kein Gift berühren, keine
bi I/i&yu Uiginäkäi 00 näng is^ig ig tägmäkäi 00
schneidende Waffe berühren, keine hitzige Krankheit berühren, |
näng artuq ämgak ada kälmäkäi o o näng
nie mehr wird Leiden und Gefahr herbeikommen, keine
IM Tic T^hI^I 1-33,1]
in-)
00t suv adast tägmäkäi o o näng alyu ay'iy
Feuers- oder Wassersnot berühren, nie der sclileclit
qitilmU is küd-lär tägmäkäi-lür o o näng
getanenen Taten Wirkungen berühren, kein
yilvi kömän tägmäkäi o o näng yac'iz yarat'iy
Zauber und Täuschung berühren, keine schHinme Zurflstung
tägmäkäi 00 näng ödsüz ölümin ölmäkäi-
berOhren, nie werden sie durch nnzeitigen Tod sterben,
lär o o ah/U buti amanusi-lar-qn o o alqu vikni
für alle Bhntas, Anianusyas, die Vighna-
(34.)
vinayiki-larqa 00 amraquluq bolqni 00 köngiil j^^^^^^^-t^
-vinäyakas werden sie liebenswert werden und ihr Herz
[yitkü- I %nl\B.M'&
Izu erreichen imstande
-lüg ymä o o säkiz tümän tört ming kuldi
auch. In acht Myriaden und viertausend Kutis von
^mAnm=f
riicksichtigt man dazu die vorangeliende .Stelle: ^ gg ^ ^ ^ Isll tU ^" M ?£ 4* ^ö
Km ^t •rffl ■^^m^^ ^ ■?}] ' '**" ^^''S^" *''*^ Vergleiche mit ■.Seidenwurnikokon.S" imd »üänse-
daiinen«, daß es sich bei beiden nur um die Ba 11 iinv ollen fruchte handeln kaiiu. T'u-su-
72
F.W. K. Müller:
3 klp-larta azun apin sayu toqum-in
Kaipas werden sie Leben für Leben jeder Wiedergebuit
4 ötäcl catisimarl bolqai o o säMz tümän tört
sich entsinnende [d. h.] .lätismaras werden, acht Myriaden und vier-
5 ming kuldi nayut sarii v6ir oqus-luy
tausend Kofis und Nayutas an Zahl werden die Vajra-kula-
^nmm
(35.)
[Chinesische Seitenzählung:] ] i. -f^ [= XXIX].
arv'is tngri-läri o o örük uzat'i turqaru ol
vidyä- räjas fortdauernd und beständig jenes
t'inly-'iy kümäk közünmäk qtlqai-lar o o
Wesen behüten und beschützen
tört säkiz on vöir oqus-lwy yumtts-ffi
die vierundsiebzig Vajra- kula- Beauftragten
tap'iy-ffi-lar turqaru küyü közädil tutqai-
und Diener werden beständig sie schützen und behüten.
(ar oo olar-%a ( 0 ) ymä amraquluq bolqai köngül
Bei jenen auch wird er l)eliel)t werden und ihr Herz
Jätismara
m^ mm
Vighnakara Räksasa
(36.)
yitkülüg ymä 00 näng qacan ärsär yäk az-
zu erreichen imstande auch, nie, wann es auch sei, in der Yaksa-Existenz, j
-un-'inta o o jiäng raksaz azun-'inta o o näng '
nie in der Räksasa- Existenz, nie
Jmti azun-'inta 00 näng prit azun-'inta 00 j
in der Rhüta- Existenz, nie in der Preta- Existenz, ,
näng pisaöi agun-'inta o o näng pudani azun-
nie in der Pisäca- Existenz, nie in der Pütana-Existenz,
-intd 00 näng katapudani azun-inta toqma-
nie in der Katapütana-Existenz werden sie (wieder)geboren
(37-)
-qai-lar o o näng yalonguy azun-'inta 6'iqai %.yf>^ \^ ^^Z
werden. Nie werden sie in der Menschen-Existenz das Arm- |
bohnaq'iy tägimnäkäi-lär 00 kanggavaluk kang
sein erleiden. Der Gaiigavaluka [d.h.] den im Ganges-
Preta
Pntana
Katapntana
Uigurica II.
73
ögüz iöin-däki quin saninda sanayuluqsuz
Strom befindlichen Sandkörnero an Zahl gleichen, unzählbaren,
ölgü-lägülüg-süz buryfln ad'i kötrülrnis-
unendlich vielen Buddhas und Allererhabensten,
Uir-ning huyan-lvi öhnäk-läri birlä tüz
verdienstvollen Preiswürdigkeit gleich
(38.)
qilmts buyan-tiy bolqai-lar o o kirn qayu mun'i
\erdienstvoll werden sie werden. Wenn irgendwer diese
alr/u anöolayu kälmis-lär-ning usnir laks-
(Dhärani, mit Namen:) «Aus aller Tathägätas Ufni^-laksana
-an-lar-'inta önmis süadapatiri atly
entspnmgene Sitätapaträ,
ulsuqmaqsüz uluy yanturda^i o o ulrig arins-
der onbesiegliche, große Abwehrende, der große Zauber-
-lar ilig-in tutsar-lar iltinsär-lar
fQrst- festhalten und mit sich tragen,
[Lücke.]
T. m M. 225. Blockdruck.
vyßr-ta sangram-ta arariinda sar
wenn sie im Vihära und Sanghäräma . . .
ymä 00 bu utsuqmaqm'z uluy yanturda&i 00 . . . [atl])'
diesen "der unbesiegliche, große Abwehrende- genannten
arcis-lar üigin uluy türlüg aqir ayay
Zauberkünste Fürsten mit großer Ehrerbietung
üzä kögürsär-lär o o anta q'i-a 07 il
ausbreiten, so wird naoh ganz kui'zei- Zeit des Reiches
{kingüriär-lär ?)
ulm ada-si-riing amfilmaq'i bolqai o o alqu
imd Stan)mes Not beschwichtigt werden. In jeder
;i2.)
T.m M. 225. Blockdruck. (61.)
[Chinesische Seitenzihlang:] ] { | -|- 1= XXXJ. i
kikän-intä y'ilq'i qara kikän .
Seuche, in der schwarzen Viehseuche . ,
ig kam siqi.'i langt'' cida tuda .
Krankheit, in allen Ängsten, Schädigungen
PhH.-hist. Klwise. 1910. Abh. m.
[inlä]
^#?Äil
10
74
F.W.K. Müllee:
tolqaq-lar-'inta o o ad'in-lar ti\n] ....
und Bedrängungen, bei Fremder
alyu türlüg suu öärik-lärdä
aller Arten von Heeren und Truppen
-mis aya'^-qa täkimllg köni t [özüni]
Die ehrwürdigen, vollkommen (verstanden habenden)
[Lücke.]
T. in M. 225. Blockdruck. (48.)
[Chinesische Seitenzählung:] ||[^||[ [= XXXIIIJ.
tatakada usnis-a sitadapatri %ung pt svayß o o
tathägata- usnisa sitätapatre hüni phat svähä!
oom raks-a raks-a man sarva saivanda o o yjing
oih raksa raksa mäm sarva- sattvanca! hüih
ipt svayß o o tatyada oom anali anali adali
phat svähä! tadyathä oih anale anale acale
aöali o o kakami kakami o o viri viri valri cair-
acale! khagame khagame! vire vire vaire vair-
-i o o soomyi soomyi mama sarva huda aiis-
-e saumye saumye mama sarva- buddha adhi^-
om! sa- r- va-
ta- tha- ga- ta u- s- lü- sa
hürii pha-t pha-t sva- ha-
ta- d ya- tha : oiii a- na '-
le a- na- le
kha- sa(I)-me kha-sa- me bl-
[gedehnt] re bi- [gedehnt] re
sa- r- va bud-dba a-
mm
dhi- s-
T. m M. 231. Blockdruck.
-dani athditi sarva
-thäna- adhisthite sarva
sitadapatri sarva tusda
sitafapatre sarva- tusta
thä- na a- dhi- s- thi- t«
sa- !•- va ta- thä- ga- ta u-
si- tä- ta- pa- t- re hiirii pha-t
Bl. 48, Z. 3 lies JÄ na, so auch im folgenden.
Uigurica II.
75
3 svaqa {£) o o hu darnt-lafiy buy . . .
svähä! Diese Dharaiils '■ . . . .
4 alyu ada-larta üc
b allen Gefahren drei(mal zu sprechen ist)
5 krgäk o o munt äsidip ol
nötig. Als sie das gehört hatten, (wurden jene
T. m M. 225. Blockdruck.
-lar bodistc-lar o o ah/u tngri yalanyu-y asuri
(Bnddha«) und Bodhisattvas, alle Götter, Menschen, Asuras,
karuti kinari kantarci-ta ulati yirtiniü
Garudas, Kionaraa, Gandharvas, dazu (alle in) der Welt
y birgdrü öyirti-lär säcinü-lär öydi-
zusaninien wurden fi-oh und erfreut und priesen
-ntUar o o tözün alyu ancolayu käl-
(diese Lehre). Die aus der edelen, sämtlichen -So-Gekommenen-
{mis-lär\-ning usnir lak§an-lar-'inta ön-
(Tathägatas) U.snTsa- laksanas entsprossene
^^
svä- hä.
(43-)
:Z,
T.m M. 225. Blockdruck.
■ -mis sUadapatri a . . [i]ly utsuqmaq-siz ul . . [uy]
Sitätapaträ genannte, der unbesiegliche, große
" yanturdadi atty arvis-lar iligi tükädi ->
Abwendende genannte Vidyä- raja ist zu Ende,
fpratyangira]
3 oom sUadapatri aparaöiti sarva kiray^-a
Odi sitätapatre aparäjite sarva- grahä
4 anundirasay-a %ana ( 0) qana ( £) torom torom yjing
anuträsaya hana hana troiii troiii hürii
5 %ung pl pt sva%a o o nama sitadakatay-a
hfim phat phat svähä! Namas- Tathägatäya!
[Ende.]
Anmerkung. Dem chinesischen Text der Sitätapatiadhärani geht eine Einleitung
mit einer Anweisung zum Citieren der Gottheit (sädhana) vorauf. Darin wird u. a. gesagt,
daß beim Aussprechen der drei Zauberworte -oni älj hüm« beim Darbringen der Opferspeise
diese sich wunderbarerweise in Ambrosia {amfta) verwandelt (^ J^^^^P^D^IIt* ^
^'Ä'^^^^'M^®)- ^'S'- Jäschke, Tibet, dict., s.w. nan-m6'6d und 'ö-'a-hüm.
Der tiljetische Text dieser Dhärani wird vorau.ssiclitlich in Kürze von Hrn. Dr. Beckli
herausgegel>en und bearbeitet werden.
10*
76 F.W.K. Müllee:
7. T. n Y. 48.
Ende einer Rolle, deren Anfang fehlt.
Inhalt: Sündenbekenntnis der buddhistischen Laienschwester (upäsikdi) Uträt.
(Wenn ich)
• talip quna käsip qap'iy ac'ip sosin söküp
•plündernd, 'raubend und abschneidend, das Tor öffnend, seine 'Kette abreißend
' qiznaq-qa kirip ay'i-bar'im-qa tägip bay'in säsip busin atip
in die Schatzkammer eingedrungen bin und zum Schatze gelangt bin, dessen Band aufknüpfend, die Opfergabe
[nehmend,
3 angin yükin yütä oo arqa yükin kötürü ünzüzin (= ünsüzin) önüp tavU-stz'in
vorn die Last tragend, hinten die Last emporhebend, lautlos hervorkommend, geräuschlos
4 toMqip ad/inlar-ning äd tvar üzäki isig özin üzüp kntü ät'öz-
hinausschleppend, anderen das auf Hab und Gut beruhende Leben abgeschnitten, meinen eigenen Leib
5 -ümin igültim ärsär oo äv yutuz'inga yaz'indim ärsär oo tilin azuk (lies äzük) ylyan
gepflegt haben sollte, wenn ich gegen das Hausgesinde gefehlt habe, wenn ich mit der Zunge
[ein falsches, lügnerisches
6 sav sözlädim ärsär o o öasut yongay qilt'im ärsär o o ävrik sar^y
Wort geredet habe, 'Heimlichtuerei und Verleumdung ausgeübt habe, ein 'verkehrtes, 'albernes
sav sözlä-
Wort geredet
7 -dim ärsär o o aSyunculad'i?n ärsär oo köngülin ad'in kM-(s\c)ning ädgüsingä küni
habe, wenn ich mich 'überhoben habe, im Herzen gegen anderer Leute Wohl Neid-
8 saqinc iuryurdum ärsär oo öpkä üz hoz köngül tutdum ärsär oo trs körüm
gedanken habe entstehen lassen, Zorn und zerstörende Gesmnung bewahrt habe, verkehrte Ansicht
9 öritdim ärsär o o bu on krmaptlafiy sip hozup on ay'iy qttindiy
gehegt habe, diese zehn Karmapathas zerbrochen und zerstört habe, die zehn bösen Taten
«° tükäl qilt'im ärsär o o ärnti arii baröa alqu ökünii bilinü käanti qilu-u (Zeilenfailer)
vollkommen ausgeführt habe, so will ichjetzt das alles bereuen, erkennen und bekennen
<■ täginür-mn tsui-da yazuqdaboS bolay'in tigit kSanti bolzun oo oo
demütig. Von der Sünde und dem Vergehen frei möchte ich werden! Dista (?) -Bekenntnis soll dies sein!
«» taqt ymä mn üträt ilki üki apinta nä ymä bu agun-ta
Femer auch, wenn ich, Üträt, in jeder früheren Existenz, und was auch immer ich in dieser Existenz
'3 dt'özin qilu yanöt'im ärsär o o tilin sözläyü yandt'im ärsär o o köngülin
mit dem Korper handelnd 'gefehlt habe, mit der Zunge sprechend 'gefehlt habe, im Gemflte
M saqmuyanöt'imärsär o o az Öpkä blligsiz bilig küni köcänckörüm-dm (Zeilen-
denkend 'gefehlt habe, und durch Iirtum, Zorn, unwissendesWissen, Neid, Hochmut, Auschauungs- [füller)
Uigurlca IL 77
■5 sizik-tä ulat'i odun riizvani-lar oyfinta buryßn-qa norn-qa bursong
Zweifel und die anderen lasterhaften Leidenschaften veranlaßt gegen den Buddha, die Lehre und derGeistlichkeit
i6 dintar-larqa yazdim yang'ilt'im drsär o o ögM qangqa bayßilarqa yazd'im
Frommen gesündigt und * gefehlt habe, wenn ich gegen Mutter und Vater und die Lehrer gesündigt
17 yang'ild'im özüm-tn uluy-qa utruhtum tudat'im
und 'gefehlt habe, in meinem Leben dem Großen mich widersetzt habe, ihn verletzt und
üznädim ärsär o o ät'özüm-
ihm widei'sprochen habe, in meinem Körper
18 -tä kiöig-lärig uötiz yinik lutdum ärsär . . ayay-qa ciltäkkä iäkimlig
kleine gering geschätzt habe, ehr- und *achtmigswflrdige
>9 tinly-lariy ayaystz tod uöuz qilt'im ärsär o o ämÜ qilmi& quvratmtS
Lebewesen als ehrlos und ganz geringwertig behandelt habe, so will ich jetzt alle meine verübten
• [und angesammelten
simtlichen
ao ayiy qitinö-larimin ökünü bilinü käanti qilu täginür-mn iiglt Mnnti
bösen Taten bereuen, erkennen und bekennen demütig. *DLsta-ksänti
" bolzun o o taqi ymä mn üträt ilki agunt'in baru bu agun-
möge es sein! Dazu auch, wenn ich, Ütrit, von der ersten Existenz her bis zu dieser Existenz
»a -qatägi vr/ßr-ta sangram-ta linta prian-ta ^ prcan-ta\ ar'iy ioruy yirlärdä
hin wandelnd im Tempel und Kloster, in und in , an reinen und lauteren Stätten
(vihära) (tanghäräma)
>3 sävig amraq köngüUn ovutsuz biligin qilmayuluq [st. qtr-\ qitinc-lafiy qilt'im-m
mit verliebtem Herzen und schamlosem Gewissen die nicht zu tuenden Taten getan
M ärsär o o vr%ar sangram santiy äd tcnr-'iy atip Ulätip yanq'isin yantut'in
habe, wenn ich als Tempel- und Klostergut anzusehende Habe genommen habe, habe arbeiten lassen,
[ohne daß ich Ersatz und Vergütung
25 birmädim ärsär 00 azu sat'ty yuluy (r^r'tnta tdngin trazukin r/iy'in tsuriin
dafür gegeben hätte, oder bei Verkauf- und 'Kauf-Gelegenheit mit Wage und Libelle, 'Fuß und 'Zoll,
»6 singin qav'in kürin kürlügin afip yuyup (yuvup?) az birip öküä
* ScheSel und * Metze, mit 'List und 'Uberlistung reinigend und abwaschend wenig gegeben, viel
aÜ'im ärsär o o
genommen habe,
»7 azu ymä yir suc bay horluq 'i lar'iy tafimaq oyfinta suoday'i t'inly-
oderauch bei Grundstücks-, Weingarten- D. Acker-Bepflanzungs-Gelegenheit dieimWasser lebenden Geschöpfe
18 'lariy quryay-ta kämiSip ölnrtüm ärsär o o quryay yirdäki
aafs Trockene geworfen und dadurch getötet habe, und die auf der trockenen Erde
tinly-lariy suvda
lebenden Geschöpfe ins Wasser
78 F.W. K. Müller:
=9 kämisip ölürdüm ärsär o o ad'inayu-nung isig özin üzüp kntü Özümin
geworfen und dadurch getötet habe, wenn ich anderen das Leben abgeschnitten habe und mich selbst
3° igdiläntim ärsär o o azu ymä suu suuläp yariq kädip yarfi
'gepflegt habe, oder auch ein Heer befehligend, einen Panzer anlegte und den Feind
sanötp yti qitincin
erstach und mit scharfem Schwert
31 biffip y-a qurup oq ad'ip ad'inayu-nung isig öz-lärintä adirtim ärsär oo
zerhieb, den Bogen spannte, den Pfeil abschoß und so andere von ihrem Leben getrennt habe,
3> irinc yrly yazuqsuz kiSi-lär-ning oytin qiz'in bulyndtm ärsär amraqinta
wenn ich miglücklicher, schuldloser Menschen Sohn und Tochter verwirrt habe, unter Lieben
33 adirt'im oo ärsär tözilnyavaäädgiiköngillilgifi\c)t'inly-lnriy küng qul qttip
Trennungvenirsachte,wennichedle, sanfte, gutherzige Geschöpfe zu Sklavin und Sklave machte,
34 ucuz yinik tutup ämgädip irintürdüm ärsär o o azu ilig törüg bulyadim
sie geringschätzend gepeinigt und elend gemacht habe, oder Land und Gesetz verwirrt
35 ärsär o o il bulyay'inga qatitip t-duq qutluy tinly-lar-ya trs yangluq
habe, in die Staats- Verwirrung mich eingemischt, gegen heilige, majestätische Personen, verkehrte und
pn-tümliche
3* saqtnc saq'int'im ärsär ulusuy haliqiy iki yart'im qüt'im ärsär batiy-t'in
Gedanken gehegt habe, Reich und Stadt in zwei Teile gespalten habe, von Stadt
37 haUq-qa ulus-t'in ulus-qa iltin ilkä tingöi payjuaiöi bolup yofit'im
zu Stadt, \'on Stamm zu Stamm, von Land zu Land als * Spion und 'Zerstörer gewandert
38 ärsär o o bu muncohyu öküS türlüg inösrtmäk tsui irindü ay'iy qUinc-lar
bin und derartige viele Arten der Unruhestiftens-Sünde und erbärmliche böse Taten
39 q'ilt'im qu[v]ratd'tm ärsär o o ämti alqurii baröa ökünürmn büinür-mn
getan und angehäuft habe, so will ich jetzt alle insgesamt bereuen mid bekennen.
ddgü %ilmadim
Gutes habe ich nicht getan,
40 yamz qtlt'im ämti mn ütrdt qihriiS ay'iy qiUnc-lar'iimn bükünki burU
Böses habe ich getan. Jetzt will ich, Üträt, die von mir verübten bösen Taten am heutigen, diesem
4' qutluy küntä ökünür-mn bilinür-mn tamu ärkligläri ögümin köngülämin
glücklichen Tage bereuen und bekennen. Damit die Höllen- Herrscher meinen Verstand, mein Hera
42 sa6maz-qan tamu-day'i ort yalin utru önmäz-kän ört-lüg yirlärdä
nicht verwerfen, die in der Hölle befindliche Flammenglut mir nicht entgegenschlage, in die feurigen Regionen,
43 taqi aqt'inmaz-qan ämti ökünür-mn bilinür-mn incip bur%an-tiy qang'im'in
auch ich nicht 'versinke, bereue ich jetzt und bekenne ich. So meinen Buddha- Vater
44 körür-mn nomluy yrliy'in äsi-dürmti bursong qucray-inga ymä taptnur-mn
sehe ich, die Gesetzespredigt höre ich, vor der Geistlichkeit Schar auch verneige ich micli.
Uigurica II. 79
45 arntt-qan ökünsär ol yig bolya'i o o aviä tamu iöintäki örtlüg yalin-
Jetzt gerade lu bereuen wird gut sein. In der Avi6i- Hölle flammende und glühende
4« -tiy yir-lär-dä nqdinmiS-ta anta tning ökünsär tümän yrcakar-mn nä
Stätten • hinabgestürzt, wenn ich dann tausend(mal) bereute und zehntausend(mal) mich demütigte, was
47 tusu bolyai oo ani üöi'm ämti öMinür-mn biUnür-mn qarnay iic ödki
würde das nützen? Deswegen jetzt bereue ich und bekenne ich! Nach aller, den drei Zeiten angehörigen,
kang
wie die im Ganges-
48 ögüz iöintäki yjum sariinda haryjin-lar ödintä ayay-qa täkimlig pintola
Strom befindlichen, wie Sandkörner so zahlreichen, Buddhas Lehre, nach des ehrwürdigen Pindola-
49 brtvaöi-da ulat'i alt'i ygrmi m%siravik nr%int-lar ödintä tuzit
bharadväja und der sechzehn Mahäsrävaka- Arhants I^ehre, und in des im Tusita-
so tngri yirintäki maitri bodistv-ta ulnt'i tört yüz tor^uz on altt
Götter- Lande weilenden Maitreya- bodhisattva und der vierhundertundsechsundneunzig
5> örki bdraklpiki bodistvlar iiskintä qanny bü azun t'inly oylan'i
erhabenenBhadrakalpikabodhisattvas Angesicht will ich um aller in den fünf Existenzformen lebendenGeschöpfe
5> üöün ylvara ötünür-mn tsui-da yazuqda bo§ bolatim kSanti bolzun o o
willen mich demütigen. Von Sünde und Vergehen mögen wir frei werden. Bekenntnis sei dies!
53 kSanti qitip qttindiin arit/iad'i al^/tnmadin ( 0) qatir ärsär
Wenn nach Ablegong dieses Bekenntnisses meine Tat nicht gänzlich vernichtet, sondern noch ein Rest
,.,,. .. . rda sein sollte,
adistit uza
so will ich an der Segnung (Gnadenerweisung, Wuuderki'aft)
54 tMta täginür-rnn 00 qa^an qayu kün tiikäl hihjn maitri tngri tngrisi ImryßU
demütig festhalten : Wenn eines Tages der vollkoninion weise Maitreya, der Götter Gott Buddha
55 bu yirtinöü yir suc-ta blgürü yrliqasar o o ol oyurta bu adiStit ilzä
in dieser Welt und Gegend zu erscheinen geruhen wird, zu der Zeit möge icli, die an dieser Segnung
56 tutmU ayty qttinöimin anta kSanti ötünüp bu sansar ämgäkindin ozmaqvn
Festhaltende, meine bösen Taten dort bekennen und nus dieses Samsära- Leiden erlöst
dann
57 bolzun Manti q'ilmay nom biiig bir tägzinö tükädi
werden ! — Zu Eude ist die eine Rolle (umfassende) Bekenntnisschrift.
58 n^nno but 0000 namo dnn nanio sang
Verehrung dem Buddha! Verehrung dem Dhaniia! Verehmng dem Sangha!
(\'on hier ab in kleiner Schrift:]
59 mnga tökvlti yazuy bolmazun
Mir, dem Tökülti, möge Sünde nicht .sein! [OIFeriliar Benieikung des Abschreibers.]
80 F.W.K. Müller:
60 ymä alqatmU ai-qa kösänöig kün-kä ötrülmü ädgü öd-kä qutlnrj qolu-ya
Im gesegneten Monate, an einem erwünschten Tage, zur ausgewählten guten Zeit, an einem glück-
[bringenden Zeitpunkt (Stimde?)
yjULtlw^ qoin y'il üöünc ai üc ohiz-ya
im glückbringenden (cyklischen) Jahre »Widder-, im dritten Monat, am 23. (Tage) habe
6> mn üc ärdäni-kä pk qat'iy süzük kirtgünö könyülüy (sie) upasanö üträt
ich, die für die drei Kleinodien eine feste, lautere, gläubige Gesinnung hegende Laienschwester Üträt
buryßn-larvy öp saqtriip bu bizing ät'özüg
der Buddhas mich erinnert und ihrer gedacht, und, daß dieser unser Leib ?
6> ärtimlig ärmü qaz^anmis dd tcar qaltaöi ärmiS tip bilip uqup o o
*\'eniichtungswert ist, und (nur) ein gewonnenes Gut bleibt, dies erkannt und verstanden,
artamaqsiz bozulmaqsiz äd tavar buyan ädgü q'ilind-ta
und da es unvernichtbaren, unzerstörbaren Besitz von der verdienstlichen guten Tat
63 adin yoy tip 00 antJi bu alqu ay'iy qitinö-lafiy antdad'i käanti norn
(sie)
abgesehen nicht gibt, deswegen habe ich dieses alle bösen Taten reinigende Bekenntuis-Schrift-
ärdinig bitidü tägindim o o bu buyan ädgü qtlinöty
kleinod abschreiben lassen ehrfurchtsvoll. Diese verdienstliche, gute Tat will ich als
64 öng ülüg avüra ötü täyinär-mn üstün kök-däki alt'tn yay'iz-tayi tüi
ersten (vorderen) Anteil zuwenden ehrerbietigst den oben im blauen (Himmel), unten auf der braunen
[(Erde) befindlichen Frauen und
irkäk nom aStiy naivaziki tngri-lär-kä
Männern, den das Gesetz als Speise habenden guten Geistern (-den hochseligen«) undGöttern (Füi-stlichkeiten)
65 yar/uyta taiyßn %an kümsä %atun tngrim miäan %an iaisi wang
dem Taichanghan (?) ( äl "^ S '')
unter den Nahestehenden: dem Tavghanchan(?), Kümsä, der Chanin, Mischan-Chan, Tschaisi-wang-
bäy ulat'i tngri-lärkä hu buyan ädgü qitinc kücintä
Beg und den anderen Göttlichen (Personen). Durch dieser verdienstlichen guten Tat Kraft möge
«' tngridäm kücläri küsün-läri parioar quvray-lar'i aS'itip üsiälip
ihre göttliche Kraft und Stärke, ihre Pai'ivära- Schar sich vermehren und vergrößern,
iötin »ingar nomuy saziriiy o o taSt'in singar ilig idusuy
nach innen mögen sie Gesetz und * Lehre (?), nach außen Staat und Stamm
*7 küyü közädü tutmaq-lafi bolzun 00 00 yana bu buyan ädgü qitin-
schirmen, schützen und ei-halteu! Weiter will ich diese verdienstliche gute Tat
-ciy avirar-nm citung sali-kä o o ay'itjn'iäqa tnyai
zuwenden dem Tschitung- Sali, dem Aitmlsch, dem Taghai-
Uigurica IL 81
68 longa sanyun-qa bu buyan ädgüyßUndkncmtä közünvr-dä igsiz
Tonga-Sangun. Durch dieser verdienstlichen guten Tat Kraft mögen sie in der Gegenwart krankheitslos
bolup kinintä sansar ämgäkindin ozmaqlafi bolzuii
sein und in der Zukunft aus des Saihsära- Leiden errettet werden 1
69 antabaSa hu huyan ädgü qitin&t^ nv'irar-rmt ' ärtmiä aradin
So weiter will ich diese verdienstliche gute Tat zuwenden der Majestät des hingegangenen, in die Zwischen-
aipin-qa harmü qonirn du vapSi sali häg qut'inga
Existenz gegangenen QonTni Du- Fapschi- Sali- Beg,
70 j7 ongurt qarcuqt-ya %utluy üzük-kä atatn bai äpä cangSi-qa anavi
dem Il-Ongnrt- QarcnqT, dem Qullny- Üzük, meinem Vater Bai Apa- TschangschT, meiner Mutter
kösät-kä bu huyan ädgü qitinö kücintä o o yalnguq
KösSt. Durch dieser verdienstlichen guten Tat Kraft mögen sie in der menschlichen
7' azuriinta torpnaq o^r'inta yvlay %ttinölarya yalM'ip yarays'iz
Existenzform wiedergeboren, wenn sie an schlimmen Taten sich beteiligt habend in unwürdigen
orun-larta toyTHt^-lari bar ärsär ant'in ....
Gebieten wiedergeboi-en werden sollten, daraus
7> ozup ilstün tngri yirintä bur%an-lar ulns'inta taymaq-lafi
erlöst werden und in der oberen Götter- Welt, in der Buddlias Reiche wiedergeboren
bolzun sadu sadu ädgü iki sadu bir ädgü
werden 1 Sädhu! S.tdhul Gutl Zwei Sadhu, ein gut!
[Ende.]
Erläuterungen.
Z. 1 . tati- lialte ich fiir eine Nebenform zu iaki-, davon wäre dann
"abzuleiten tatim = Raub, Beute, tatim qra qua, womit Garuda übersetzt wird
(z. B. S. 20), bedeutet demnach zunäclist Raub-Adler. — tatim, nicht tälim,
ist brieflicher Mitteilung von Villi. Thomsen zufolge zu sprechen, auf
Grund eines köktürkischen Manuskripts der Sammlung M. Aurel Stein.
so ist wohl Lehnwort aus dem Chinesischen: ^ (korean. soa, Japan, sa).
Z. 6. Zu dasut vgl. jaz'it, jazü in Radioffs Wörterbuch.
Z. 8. trs kiyrüm entspricht dem /ff^^ »heterodoxe Anschauung« der
chinesischen Beichtforaiulare.
Z. 1 1 . tüü vielleicJit — dista.
Z. 13. yani^,- wird ungefähr »fehlen«, »sündigen» bedeuten. Radioff
zufolge -— »siegen«, was aber hier nicht paßt. Sielie Alttürkische Studien
von Radi off, II, Bulletin Akademie Petersburg 1910, S. 228.
Phü.-hüt. Klasse. 1910. Abh. HJ. 1 1
82 F.W.K. Müller:
Z. 14. >Me^ liier, nicht wie gewölinlich köni, sondern küni zu lesen
= osman. güni (mündliche Mitteilung Vilh. Thomsens).
Z. 22. Bei lin liegt es nahe, an ein chinesisches, bei pr'tun, prvan
an ein persisches Lehnwort zu denken.
Z. 25. yul- wird »kaufen« bedeuten. Bisher in den buddhistischen
Texten immer nur in der stehenden Verbindung sat'i'^ yulwy »Verkauf und
*Kauf« vorgekommen. So auch in der Polyglotte Hua-i-yi-yü überliefert;
vgl. Klaproths Uigurisches Vokabular S. 28: sadich yulucJi »Handel und
Wandel« = Hua-i-yi-yü (Hirth Ms. i, Bd. 5, S. 99b: /liaiua, /ii»^.A^ = ^
Ö'xl^^ kantonesisch : sät-tik yü-luk) = ^ ^ »kaufen und verkaufen«.
p]benda. ciy und tsun sind Lehnwörter aus dem Chinesischen = /^ 6'ik
und tJ" ts'ün (Kantonesische Aussprache). Desgl. Z. 26 sing und qav = ^ iiny
und ^ köp. Die genauere Übersetzung wäre Liter und Deciliter. — Mit
«reinigend und abwaschend« ist oifenbar eine betrügerische Handlung beim
Abmessen oder Abstreichen des Eingemessenen gemeint. Vgl. das Sütra
mMil^W&- ^4» S. 798 vorn unten: ,^ l^fÄtf^t fiPiÄ TJl ^||#
ii^^al # ^lJ^n:^#P4^^'l^'l^ =^ wenn ich beim Feilschen tmd
Handeln in Läden und auf Märkten mit (zu) leichter Wage und (zu) kleinem
Scheffel verminderte und abschnitt, Geld und Münzen ergaunerte, mit fal-
schem Gemäß betrog, Grobes eintauschte gegen Gutes, Kurzes einwechselte
gegen Langes, an allen Ecken und Enden schlau betrügend nach dem aller-
kleinsten Nutzen ausschaute, so bekenne und bereue ich jetzt alle solche Sünden.
Z. 37. tingci wohl Lehnwort aus dem Chinesischen: f^^. Zur Si-
tuation vergleiche noch den synonymen Ausdruck j^'f^ »umherziehend
spionieren « .
Ebenda. pa%uai, Lehnwort aus dem Chinesischen: ^^- Letzteres
kommt als Übersetzung von hoz-{ulur) vor auf Blatt T. 111 M. 84. 52. Noch
jetzt bedeutet die Verbindung ÄaZ,-wfl/-/ö (^:^^) »Anarchisten« in Japan.
Vgl. Gubbins, Dictionary of Ghinese-Japanese words, s. v.
Z. 38. Die Erklärung der Formen il-sir-ät-, qoyan-si'r-af-, urw^-sir-at-
bei Vilh. Thomsen, Inscriptions de l'Orkhon 1896 S. 32, aus il-siz-, qayan-
s't'%-, uruy-s'iz-, also: »land-los, könig-los, nachkommen-los machen«, erweist
sich durcli das neue Beispiel inc-s{i)r-{ä)t- --= »ruhe-los machen« als richtig
gegen Kadioffs Erklärungsversuche, Alttürkische Inschriften, Neue Folge
Uigurica IT. 83
S. 163: »als El einrichten« (s. v. äkirät), S. 167: »die Khanschaft stärken,
befestigen« (s. v. qayans'irat).
Z. 46. yrval- ist wohl nur verschrieben aus ylvnr-, vgl. Z. 50.
Z. 64, 67, 69. avüra- ist ersichtlich die Übersetzung von [o] [hJ hui-hüiny,
= »sein religiöses Verdienst {puiiyu, daraus uigur. buyan) jemandem zu-
wenden, zukommen lassen«. Da dies wohl meist fiir Verstorbene geschieht,
erklärt sich die japanische Bedeutung dieses Ausdi'ucks »Totenmesse«, vgl.
die Lex., s. v. e-kU ([pl[RiJ)- — Vgl. hierzu die Ausführungen Schlegels
im T'oung-Pao VIII S. 501 : En pratique le Hoei-hiany est donc absolu-
ment la möme chose que la messe ou les messes lues pour retirer les
ämes damnees du purgatoire . . dans le culte catholique Na-
turellement le bon effet de ces ^ ffi ou » oRuvres meritoires « revient sur le
defunt qui en profite $!lf^ ■ • • • ^^ ""'- signification rituelle specifique:
»rites performed for the dead, to get them out of Hades, or get their conditions
improved« (Douglas, Dictionary of the Amoy vernacular S. 484 B). Was
Schlegel a. a. 0. sonst noch beibringt, erscheint nicht immer einwandfrei.
Z. 64 nakaziki halte ich für identisch mit niwasiki ^ »guter Genius«
bei Klaproth, a.a.O. S. 17. Im Hua-i-yi-yü 5 S. 37b aber: ^'%M^0t 1 W =
TjT |HJ ^ /L nai-ica-si-ki ■-- jfi^. Beides aus dem mittelpersischen mr rnyjiy.
Z. 64 und 65. tnyrilär bedeutet hier nicht Götter schlechthin, sondern
ist wie tnyrim (= mein Gott) Titel.
Z. 69. aradin a?un (die Zwischenexistenz) ist offenbar die Übersetzung
des Terminus: jyH^IVT^. cfl ^ oder P^ ^, mongo\. jayura tu, ja'-jurttu, ^z;«c^.
fSo wird die Zwischenzeit genannt, oder der Zustand, in welchem sich
der Mensch oder ein Wesen nach dem Tode bis zu der Zeit befindet, wo
es wiedergeboren wird.« Wassiljew, Der Buddhismus S. 266. •"'^'iXbar-äo
also q3v'*<^ bar-ma-do the intermediate state between death and re-birth, of
a shorter or longer duration, ordinarily under 49 days« usw. Vgl. Sarat
Chandra Das, A Tibetan-English dictionary S. 867. — Vgl. noch Japan.
ei? ^ chü-in, a period of mourning lasting 49 days. Gubbins, Dict. s. v.
Ebenda. vap§i ist die alte Aussprache, noch im Annamitischen und Hakka
(fap-si) erhalten, der T'ang-Zoit von '/^^jß (^ dharmahhäaakd).
Z. 70. Hier in der Nachsclirift heißt Vater nta, Mutter ami. In dem
eigentlichen Bekenntnis, das altertümliche Ausdrücke aufbewahrt, heißt Vater
qang (Z. 16, 43), Mutter ög (Z. 16).
84 F.W. K. Müller:
8. T. n Y 42.
Ende einer Rolle, deren Anfang fehlt.
Sündenbekenntnis der Laienschwester Qutluy nebst Tochter und Sohn.
I 'inüqa ada cfilt'im
(wenn ich) dem . . . Schaden zugefilgt habe
3 bäglärdä afiy-lar
(wenn ich) an den Fürsten und Reinen
3 ärsär bu tcrjuz t
getan liabe, diese neun
4 yßt'im ärsär ämt\i\
wenn ich getan habe jetzt
5 -in boS bolay'in k{s\c) tizit
so möchte ich davon frei werden. Dista-[ksänti sei es!]
6 tlwy qiz'im qudat birlä
/wenn ich) [Qujtlu;/ und meine Tochter Qudat dazu
7 asravay atly tsui ay'iy qUinö
die äsrava genannte Sünde und böse Taten (getan habe),
8 in<}ä ölürgüöi tuzi boltam ärsär taqiyu
(wenn ich) so ein Töter ganz und gar geworden bin, wenn ich ein Hühner-
9 . . [ölürgüc]i boltum ärsär tonguz ölürgüöi boltum ärsär käyikci angöi
(töter) geworden bin, ein Schweinetöter geworden bin, ein Hirschjäger, Wildjäger
10 . . . boltum ärsär t qadi quäöt uduyma t'inlylaray
geworden bin, als ein Vogelsteller ein die fliegenden Lebewesen
11 . . . \ölürgüd\i boltum ärsär it ätin satytcdt boltum ärsär anöakarm
{racakarm ?)
Tötender geworden bin, ein Hundefleisch-Verkäufer (+ svapaca) geworden bin, ein *rajakranla-
■^ y'ihn ölürgüöi boltum ärsär luu öntürgüci yadöi (sie) boltum
Schlangentöter geworden bin, ein Nägas aufsteigen machender Zauberer' geworden
' Z. 12. Dem Zusammenhange nach ist wohl nicht an einen »mit dem Regenstein {yada
Ul, »Jj) die (Gewitter)drachen heraufTührenden Wettermacher« {yada-ci t^bl, ^^»Jv) zu
denken. Vgl. u. a. F. von Andrian, Über den Wetterzauber der Altaier, Korrespondenz-
blatt d. deutsch. Ges. für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, .\ugust 1893, S. 57
und Tomascheks Ausführungen ebenda S. 62. Gemeint ist anscheinend ein Schlangen-
beschwörer = ahigunthika der Jätakas. Vgl. R. Fick, Die soziale Gliederung im nord-
östlichen Indien zu Buddhas Zeit, 1897, S. 154, 190.
I
XJigurica II. 85
«3 ärsär boyayudt boltum ärsär i . . . [ort put]luy ttnlylaray q'inayu&i
bin, ein Fesseler gewoi-den bin, für die vierfüßigen Lebewesen ein Quäler
M ärngälgüöi boltum ärsär kiSi ölürgüci cantal boltum ärsär hu
and Peiniger geworden bin, ein Menschen tötender Candäla (= Scharfrichter) geworden bin, diese
15 iki ygrmi türlüg asravrkt . . . i üin iSlägüci bolup irinö yrly
achtzehn Arten äsrava- Taten Vollfahrender geworden bin und die jämmerlichen, elenden
■« t'inlylaray yartiyanö^z kö [ngültä] isig özlärintä ad'irt'im
Lebewesen in unbarmherziger Gesinnung von ihrem Leben gelrennt habe,
'1 dim ölürdüm ärsär ämti anX baröa billnür-mn ökünür-mn
sie getötet habe, so werde ich mir jetzt alles dessen bewußt, ich bereue es,
■8 yazuqumta bilinür-mn bursong quvray-ya kkmti ötünür-
meine Sünde erkenne ich. Der Geistlichen Schar bekenne ich (sie),
'9 -mn irinöüdä boS bolay'in tizit Manti bohun tay'i ymä mn
von Jämmerlichkeit möchte ich frei werden. Möge (das) Dista ksäiiti seini Ferner auch wenn ich
■"> . \cj\utluy an . . \t\ürlüg krmbut . . . {t^sui ay'iy cßinc qilt'im ärsär o o
Qutluy die zehn Arten Karmapatha . . ., Sünde und böse Tat getan habe,
" inö Iti yinin ölüm \ö\lürdim ärsär atnayu tavar'in o o
die getötet habe, anderer Habe
" oyurladim ärsär äonng (sie) yutuz-inga yaz'indim ärsär tilin äzüg
gestohlen habe, gegen das Hausgesinde gesündigt habe, mit der Zunge trügerische
»3 sav sözlätim ärsär fayurdum äcrik sarsay sav sözlädm
Worte geredet und gerufen habe, 'verkehrte, 'alberne Worte gesprochen
»4 ärsär nsqan&ulad'im köngüUn atnayu-nung ädgüsingä köni say'inö
"habe, mich überhoben habe, im Herzen zu anderer Wohl rechte Gedanken
>5 turyurmat'im ärsär övkä üz boz köngül tutdum ärsär trs körilm
nicht entstehen ließ, Zornes-Zerstörungs-Gesinnung festhielt, eine verkehrte Anschauung
•s örtdüm ärsär bu on krmabut s'idim ärsär on türlüg ay[i\r
gehegt habe, diese zehn Karmapatha gebrochen habe, die zehn Arten schwerer
»7 uy'iy . . [gjj/ . . inj] tükäl . .[qi\U'im ärsär ani baröa alyurii m' (Zeilenfiiller)
böser Taten vollkommen getan habe, dieses alles insgesamt
»8 ökünür-mn bilinür-mn yazuqwntu boä bolay'in tizit
bereue ich, erkenne ich an, von meiner Sonde frei werden möchte ich. Dista
»9 käanti bohun tayi ymä %utluy ilkisiz dabaru ilki ilki
ksänti tei es! Femer auch [was ich] Qutlu/ in der anfangslosen [Zeit] wandelnd, in allen früheren
30 azunlarda nä bu azunda ät'özin yjilu yand/il'im tilin
Existenzen und was ich in dieser Exi^^tenz mit dem Körper handelnd 'gefehlt habe, mit der Zunge
86 F.W.K. Müller:
3« sözläyü yancdtm kimgülin saqinu yamäim ärsär az övkä biligsiz
redend 'gefehlt habe, im Herzen durch Denken * gefehlt habe, durch Irrtum, Zorn, wissenloses
32 bilig küni kövänc sizik k. . . [ör]üm mzcarii-lar cr^ufinta nonvya
Wissen (avidyä), Neid, Hochmut, Zweifels-Anschauung, diese Leidenschaften veranlaßt gegen die Lehre
33 bursong vr%arqa yazt'im ärsär ögkä qangqa hnyßi-larqa
gegen der Geistlichlieit Kloster gesündigt habe, gegen Mutter, gegen Vater und gegen Lehrer
34 yazdtm yang'ildim ärsär öz-dä ulwylarya utrundum ät'öz-dä
gesündigt und gefehlt habe, wenn ich im Leben den Großen mich wideraetzt habe, im Körpei'
35 kidig-lärkä ucuz yinik tutdum ärsär aya'yqu öiltäkä täkimlg
die Kleinen für geringwertig gehalten liabe, die Ehre und Achtimg (?) verdienenden
36 t'ifitiylara'^ uyaysitz toi uduz qilt'im ärsär ämti ahju yazufurnuz
Lebewesen zu ehrlosen und ganz verächtlichen gemacht habe, so erkenne ich jetzt alle meine Sünden
37 bilinür-mn ökünür-mn Isuida yazuqda bos bohy'in tizU
an, bereue sie und wünsche von Sünde und Vergehen frei zu werden. Dijta-
38 kSanti bolzun tayi ymä qutluy qiz'im yßitada (sie) ( « ) birlä ilki
k§änti sei es! Ferner auch wenn ich, Qutlu;/ und meine Tochter Qutad in allen ersten
39 ilki azunta baru vr%ar sangram-ta linta pryanta afiy
(früheren) Existenzen wandelnd, im Vihära und Saughärama, im . . . und . . ., den reinen
40 yir-lärtä sävig köngülin ootsuz (sie, lies ovutsuz) biligin qilmaqu qilinölar
Stätten in Liebesgesinnung mit schamlosem Wissen die nicht zu tuenden Taten
41 yßt'im ärsär vr%ar sanlay sangig tavaran yidim yungaldim ärsär 00
getan habe, den zum Vihära gerechneten Schatz und seine Habe verzehrte und . . . -te,
4» azu sat'iy yuluy oyufinta tängin tarazukin ciy'in tsunin
oder bei Verkaufs- und ' Kaufs-Gelegenheit, mit Wage und Libelle, *Fuß und *Zoll,
43 sinngin yßv'in küriti küriligin arttm yutdum az birip
'Scheffel und *Metze, List und Huiterlist zerstörte und verschluckte, wenig gebend,
44 öküS aÜ'itn ärsär azu yir suv bay borluy i tafiq tafimaq o o
viel genommen habe, oder beim Land-, Garten-, Weinberg- luid Acker- Bebauen
45 oyufinta suvday'i tintiy-laray quryayda kämiSip ölürdüm ärsär
zu dieser Zeit die im Wasser befindlichen Lebewesen aufs Trockene geworfen und dadurch getötet habe,
46 yjurqaqdayi t'intiylaray suvda kämiSip ölürtüm ärsär atnayu
und die auf dem Festlande lebenden Lebewesen ins Wasser geworfen und dadurch getötet habe, wenn ich
[andern
47 özin ilzüp kntü özümin igtülädäm (sie) ärsär azu suu suuläp
das Leben abschneidend mich selbst gepflegt habe, oder ein Heer befehligend,
48 yarty kätip sucri söngün sanötp yiti yßMin läcip ya qurup
den Panzer angelegt, mit spitzer Lanze gestochen, mit scharfem Schwert gehauen, den Bogen gespannt^
Uigurica II. 87
49 oy at'ip atnayti isig özintä at'irt'im irind yarly yazuq-
den Pfeil abgeschossen habe und dadurch andere vom Leben getrennt, niiglüekliche, schuld-
50 -suz t'intiy-laray oytin '/jizin holulyot'im (sie, lies bulyat'im) gmrayytnta at'ird'im
lose Lebewesen, Sohn und Tochter, verwirrt habe, von ihren Lieben getrennt
51 ärsär töziin yuvaä ädgü kiäi-lärig küng ^ul ■/j.lt'im ucuz
habe, edle, sanfte, gute Menschen zn Sklavin und Sklave gemacht, für gering-
5» yinik tuttum ämgättim irintürtüm ärsär az (sie, s. azv) ilig törüg bulyadm
wertig gehalten, gequält und elend gemacht habe, oder Reich und Gesetz verwirrt
53 ärsär Im bulyay tilngäng-kä %atiltim 'iduy %utluy-larya
habe, in diese Verwirrung und Eri-egung mich eingemischt habe, gegen Heilige und Majestätische
trs yrfily (sie, lies yrtiy)
verkehrtes Wort und
54 yang^iluq say'in^ sayiniim ärsär uluLsuy hfittq'iy iki yarlam
fehlerhafte Gedanken gedacht habe, Stamm und Stadt in zwei Teile
55 yßlu turqurtum ärsär hatiyt'in batiqqu iltin ilkä tägürgüöi
spaltend einen Aufstand erregt habe, von Stadt zu Stadt, von Reich lu Reich als Überbringer (Spione ?)
56 yor'it'im ärsär bu munöolayu öküS iürlüg tinttylaray iiicsirätinäk
gegangen bin, wenn ich diese so beschaffenen vielfältigen, die Lebewesen ruhelos machenden
57 tsui irincü ay[i\y -/ßtinö ^ilt'tin ärsär ämti nlquni ökünür-mn
SQudeu und erbärmlichen bösen Taten getan habe, so jetzt alles bereue iclt,
58 bilinür-mn yazuyurnin köriinür-mn ädgü xilmafün yaviz
erkenne es an, meine SOnde erschaue ich; da^ Gute habe ich nicht getan, das Schlechte
59 qilt'im hilip qilmatim ärinö(NB. !) bilmätin uymat'in %ilt'im, ärsär
habe ich getan. Wenn ich wissend etwas nicht getan, ohne es zu wissen und verstehen etwas getan habe,
60 ämti otilnür-mn hnnu ärkligi ögiimin köngülümin saömaz-yan
jetzt bereue ich es. Uaniit der Hölle Herrscher meinen Verstand und mein Gemüt nicht verwerfe,
61 lamutaqi ort yatin fay'i önmäz-käa örtli'tg yaUnhrtu
der Hölle Flamme auch nicht emporsteige, in die feurigen Flammen wir
«> tar/t uyunmuz-yan ükünäUm inöip Imiy/in qang'imiz-ni köri'ir-
auch nicht * hinabstOrzen, wollen wir unsere Reue äußern. Sc» Buddha, unsern Vater, sehen
63 -biz /lomin üdü (sie) täginür-biz bursong quoniy'in tapinurbtz
wir, sein Gesetz hören wir ehrerbietig, seiner Geistlichen Scliar \erelnen wii-.
64 amti-yan ökünsär ol yig bolyai avis tainuday'i ort yatinta
Jetzt 'gerade zu bereuen, wird vortrefiflich »ein. Wvnn in der AvTci- Hölle Flammenglut
65 uyuntuyta antu öküiisär nä lusu bolyai am ildün ökünür-
* versunken dort (erst) ich liereuen wcillt^'. welchen Nutzen winde das l)ringen? Daher bereue
88 F.W. K. Müller:
66 -mn biünür-mn yßtna'i ü6 ödki kang ögüz löintäki qum
ich und bekenne ich. Aller drei Zeiten, wie die im Ganges-Strom befindlichen Sand-(körner)
67 saninöa buryßnlar ödintä ayayya täkimlig pintolahardvöidä
so zahlreichen Buddhas Lehre' gemäß und in des ehrwürdigen Pindolabharadväjas
68 ulat'i all'i ygrmi ma%a Sraviklar üskintä tuzit ordu-dayi
und der sechzehn Mahä- srävakas Gegenwart, des im Tusita-Palast lebenden
69 maitri hodisvt-da ulat'i tört yüz toyuz on alt'i bodisvtlar
Maitreya-Bodhisattvas und der vierhundertundsechsundneunzig Bodhisattvas
70 Üskintä yamay bi§ azun t'inliy-lar üskintä yahrla
Gegenwart, aller fünf Existenzformen Wesen Gegenwart mich demütigend,
71 ötünür-mn yürünü boSunu kSanti qolu täginür-mn mini irindkäyü
bitte ich, i'ein und frei zu werden, Vergebung ei-flehe ich ehrerbietig. Meiner sich erbarmend,
7» irinckäyü yartiyancuci kongülin yazuyumin boSuyu birzün
sich erbarmend mit gnädigem Gemüt meine Sünde möge er vergeben.
73 tizit kSanti bolzun %av%ast vr%arday'i sinandu satt tägindm
Dista- ksänti sei es! Der im .... Vihära befindliche STnandu Sali ich habe es übernommen.
74 namo but o o namo drrn o o namo sang o o
Verehrung dem Buddha! Verehrimg dem Gesetze! Verehrung der Gemeinde!
75 üc ärdäni-kä päk qatay kirtgünölüg cintamani ärdäni yüräkindä
(Ich), die an die drei Kleinodien ganz fest glaubende, eine in dem Cintamani-ratna-Herzen
76 tutmß süzük köngül-lüg upasanö qutluy q'iz'im qutad
festgehaltene, lautere Gesinnung hegende Laienschwester Qutlu)', meine Tochter Qutad,
77 oylum turmiS indä say'inö say'indim baya q'i-a toym'iS
mein Sohn Tm-mTsch haben folgenden Gedanken gedacht. Der ' vorübergehend (?) aufgegangene
kün tngri
Sonnen-Gott
78 ämti sün^ önäti tingürki-ä toyiniS özümz ämti sün^
jetzt *eben steht hoch, unser *für ganz kurze Zeit geborenes (?) Wesen (wir selbst) hat jetzt *eben
79 y'itimz yaSimz yitdi ärdimlig ät'özüm tcyinsar-mn
unser Jahr, unser Lebensalter erreicht. Wenn ich meinen vei'gänglichen Leib verliere
yinä yjiyu
wieder — an welchem
' Z. 78 sün scheint ein Suffix wie q'i-a, ki-ä, qan (aus qaiia = qiiia •.= qya?) zu
sein, vgl. Uigurica 1 S. 23: öngrä-siin iidün t=t. in früherer Zeit (^iE^^)> ebenda S. 5 unten
q'i-a, ki-ä (so !).
Uiyurica IL 89
80 kün bolyai rnum lag tükäl-lig kiSi ät'özin bulyum
Tage wird es sein? einen dem gleich vollkommenen Mengchen-Körper werde ich zu erlangen haben.
ämti
Jetzt lasset uns
8< üstün tngri yirintä aÜ'in kiSi azuninta toyyuluy
eine oben in der Götter- Welt imten in der Menschen- Existenz eine Wiedergeburt bewirkende
8> buyan ädgü %itinc alatim tip bir kün tsunsing-ki bir kün
verdienstliche gute Tat unternehmen ! So denkend, habe ich einen Tag das Tsunsing-king, einen Tag
83 alyurya öz birdäöi %vanSi om (sie, lies im) pusar nomi bir kün kSanti
des für alle sein Leben gebenden Kuansi- im p'u-sa Sütra, einen Tag die Confessio
84 bititkäli ötündüm bu buyan ädgü xiltnö %amay Ü6 yüz altmi(§) . .
abschreiben zu lassen mich unterfangen. Diese verdienstliclie gute Tat möge flSr alle dreihnndertundsechzig
85 tngrirlärkä (mg ülüS bolzun
-Odtter« (a. o.) der erate Anteil sein 1
(2 Zeilen leer.]
86 tarf'i buyan ädgü yjtinc ärtmiS bägim yäti bur/ßnhr ulminda
Femer möge (durch) die verdienstliche gute Tat mein verstorbener Fürst in der sieben (?) Buddhas Reich
87 tirzün
leben'I
.\ nuicrkiiDg. Zur Würdigung dieser Confe.ssioues ist die folgende Erklärung Ja sc hke.s
in seinem tibetischen Wörterbuche S. 566 von Wichtigkeit, ffl^tjj'tj to confess, sdig-pa, nyis-pa,
Itung-ba, to confess a sin, and tkus to exjyiate it, which two, according to the views of a
Buddhist, »re always united, at least as it regards lighter traiisgressions. Hence sdig-pa
hiags frq. means: the sin is atoned for, is blotted out, and gieg-pa is the usual word for
*to forgive' usw. Der rituelle Name dieser Bekenntnisse bei den türkischen Buddhisten (und
Manichäem) ist kianti (== t^llrl) nicht Afawiö ("j^)^) wie das Fan-yi ining-yi tsi (sfe
pt] S. 35 ed. Tokyo 1881) und danach B. Nanjiö bei seinen Rückübersetzungen des Aus-
dnicks 'Hw'IM (Nr. 1090, 1 106 seines Catalogue) angibt. — In den Versen des chinesischen
Suvarnaprabhäsottama-räja-sütra ^^ ZL, |jp fy (B. Nanjiö, Catal. Nr. 126) und des von
Qarat Chandra Das, Kalkutta 1898, herausgegebenen Suvarnaprabhä-sütra, Kapitel 4: Da-
.sanSma, entsprechen sich äp. "tOTlS ""d päpakam desayisyämi, pSpam
deiayämy-aham. Vgl. dazu oben tizit kianti. Die Manichäer haben Begriff und Wort von
den Buddhisten übernommen, wie schon zeitlich sich ergibt: die älteste Übersetzung des
buddhistischen Sünden bekenntnisses Triskandhaka (B. Nanjiö Nr. 1106) ist schon hundert
Jahre vor Mäni von dem Arsacidenprinzen An Si-kau in den Jahren 140 — 170 n. Chr.
angefertigt worden. Aber auch inhaltlich ließe sich die Abhängigkeit der Manichäer von den
Buddhisten erweisen, wozu anderen Ortes sich Gelegenheit erweisen wird.
Phü.-hitt. Klasse. 1910. Abh. lll. 12
90 F.W.K. Müller:
", Nachträge und Verbesserungen zu den Uigurica (I, Abh. 1908).
S. 8, Mitte. Statt qai ist qaya zu lesen, wie Radioff, Alttürkische
Studien I S. 1220 richtig bemerkt. Er übersetzt »sahen sie sich um«.
Vgl. Radioff, Wörterbuch II S. 89 unter »yayö«.
S. 1 1 . Von zwei Seiten bin ich schriftlich auf den angeblichen Irrtum
aufmerksam gemacht worden, ü6 (3) ygrminö (20'') bedeute nicht der drei-
zehnte, sondern der dreiundzwanzigste. Die schöne Entdeckung
W. Bangs (Vorrede zu J. Marquarts Chronologie der alttürkischen In-
schriften 1898), die die Chronologie der Inschriften befriedigend erklärte
und u. a. dem Rätsel der 37 Tage des 9. bzw. 7. Monats des Schafs- und
Affenjahres ein Ende machte, scheint demnach doch nicht so bekannt ge-
worden zu sein, wie sie es verdient.
Ebenda. Der Titel »Suvarna-prabhäsa-uttama-sütra-indra-räja« ist von
Franke (Hamburg) angezweifelt worden, s. Archiv für Religionswissen-
schaft, Bd. 13, Heft I, S. 141 : »ich weiß nicht, woher M. den Titel Suvarna-
prabhäsa-uttama-süti'a-indra-räja hat«. So heißt er aber tatsächlich im Kan-
dschur, wie eine Vergleichung der von mir S. 1 1 unten citierten Stelle der
Annales du Musee Guimet II S. 315 zeigt'. Ferner in den Unterschriften
des von Qarat Chandra Das herausgegebenen Textes »Suvarna Prabhä«,
Fase. I, Kalkutta 1898 am Ende der einzelnen Kapitel (iti suvarnaprabhä-
sottamasütrendraräja- parivartto näma dvitiya, trtiya usw.), Kap. 2,
3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, II, 12, 13, 14, 15 (soweit ediert). — »Daß unter
den Mönchen, die auf Befehl des Kaisers Kubilai (13. Jahrhundert) bud-
dhistische Schriften übersetzten, auch solche gewesen seien, die Uigurisch
verstanden«, diese zuletzt von Laufer wiederholte Notiz geht auf Stan.
Julien (Journal asiatique 1849, S. 366 oben) zurück, der a. a. 0. die letzte
' Vgl. auch Schmidts Kandjur-lndex. Oder meint derRecensent die nicht ausgeführte
Zusammenziehung? Das ist aber bei den tibetischen Angaben von Sanskrittiteln ganz gewöhnlich.
Vgl. u. a. Schmidt und Böhtlingk, Verzeichnis der tibetischen Handscliriften, z. B. Nr. 258.
Auch der Zusatz: »Ob auch diese uigurische Übersetzung nach dem chinesischen Text an-
gefertigt ist oder nach dem Sanskrit, wird sich er.st dann entscheiden lassen, wenn man das
Datum der Übersetzung kennt» ist mir nicht verständlich. Die S. 13 — 14 mitgeteilte Original-
unterschrift erklärt doch, der Text sei aus dem »Indischen« in das Chinesische und aus
dem Chinesischen in das Türkische übersetzt worden. Ob nun gerade aus den im Chinesi-
schen Kanon erhaltenen Versionen, ist natürlich eine andere Frage. Bekanntlich haben meh-
rere chinesische Übersetzungen dieses Textes existiert. Vgl. B. Nanjiö, Catal. Nr. 130.
r
Uigurica II. 91
Vorrede vom Jahre 1306 des M 7t '^ § ^ |5l ^, if (B. Nanjiö, Catal.
Nr. 1612) bespricht: »Vingt-neuf savants verses dans les langues thibetaine,
oigoure, sanskrite et chinoise, qui furent charges, comme on le voit dans
la preface de i 289, de comparer les textes entre eux, de coUationner les tra-
ductions, et de les revoir et arreter definitivement pour la reimpression ge-
nerale. Leur travail, commence en 1285, fut termine en 1287. Parmi ces
savants, on remarque un Samaneen, du departement de Pe-thing
et un academicien, appele To-in-tou-tong, qui reQut la commission de tra-
duire les mots oigours (Wei-ouo-eul-ya).«
S. 13 unten. Statt »rastlos« (qotis'iz) lies »restlos«.
S. 14 oben. Zu dem unerklärt gebliebenen öu kälyük bulyani/uq
biä cöbik y{a)vlaq öd ist zu bemerken, daß die Formen auf -yük und
-yuq Erweichungen von -diik und -duq darstellen, wie durch mehrere Bei-
spiele belegt ist. Also kälyük —- käUlük, bulyanyuq = Imlyanduq. Die Er-
klärung zu bis ööbik fand ich in dem Sütra pf?^ ||f: 29 ^ 5^ (ß- Nanjiö,
Catal. Nr. 696 = T'au 14, Heft 10, S. 34a, unten Z. 8): j^^ ^
^ ;^ ^ jtfc i^ 5l ySÜ = »Buddha sprach: ... Die Zeit nach meinem Hin-
gang heißt die fünf Trübungen«. Vgl. ferner das Sütra [^Üt-b^lS
(B. Nanjiö, Catal. Nr. 718 = T'au 15, Heft i, S. 5a, oben Z. 11): 'S'^i
V^^itil ^- "1^^ zukünftige schlechte Zeit der fiinf Trübungen«, was also
einer türkischen Form * kin käii</7nä biä ööbik yvlaq öd«- oder -»kälinä-
dük bis ööbik yvlaq öd» entsprechen würde. Obige Stelle (S. 14) ist dem-
nach zu übersetzen : » . . [von dem] in dieser lierbeigekommenen [^ gegen-
wärtigen] verwirrten [= unruhevollen], bösen Zeit der fünf Trübungen
[lebenden Bischbaliker Singku Sali Tutung|« usw. — Zur Ableitung
von ööbik vgl. dschagat. ööp = Mist. — Nachträglich fand ich noch bei
Watters, Essays on the Chinese language, Schanghai 1889, die mir jetzt
erst zugänglich wurden. S. 491 folgende Zusammenfassung: »a Cho-shi
(J§1ft) ''^ ä'^ ^8^ of utter degeneracy when vice, ignorance and false
teachings prevail, when man's life is shortened, and the world is hastening
to destruction. « Watters zitiert das Fa-yüan-cu-lin chap. XCVIII (^ 1 17),
woselbst eine Reihe von Sütra-Stellen angeführt werden, die den Ausdruck
jEi^ behandeln. — • Vgl. endlich noch das Bukkyö iroha jiten (^j}^ V^
h lii^%\ s. V. go-joku aku-se {-j^Ji^MW)-
S. 15. ada-s'iz muß lieißen »unversehrt, unbeschädigt«. Vgl. die zu-
treffenden Bemerkungen Radioffs zu nda tuda (im »Tisastvustik« 19 10 S.66.
Vi*
92 F.W.K. Möller:
Ebenda Anm. Der Name Dharmaraksa beiß. Nanjiö, S. 391 (so statt
341 zu lesen) ist wohl besser in Dharmaraksit(a) umzuändern, denn die för
die letzte Silbe gebraucbten Zeichen enden in der alten Aussprache auf t:
#*lSt5^:^ \t'äm-mo-lo-6'ät (Kanton), t'am-mo-lo-ts'at (Hakka),
-^}^t^.^ ( don-ma-ra-sat{su) (Japan) ;
ö^l^m^il {t'5m-mo-lo-ö'ät (Kanton), t'am-mo-lo-sat (Hakka),
^*=*"^* '^"* \ do7i-ina-ra-set{su) (Japan).
S. 19 oben. Lies kösüi-lüg (Nr. 27), yigig (29), S. 20 Blitz-Glanz (45).
S. 21 unten, k'^u-r-pu (^_^ \*)-
S. 23 unten, sizig ist mit ^ »Zweifel« übersetzt auf Blatt T.Il M. 1 2 — 7
{käanti nom). Die Übersetzung »Weh« ist demnach zu tilgen.
S. 33 oben. Lies dundubhi-svara (Korrektur Leumanns). Diese Form
stimmt dann mit dem Chinesischen überein: Pauken-Ton ^^•
Ebenda unten. ^''*— *\ , lies statt divini vielmehr devyai.
S. 39 unten, bältir.
S. 41. osuyluy ist, wie aus anderen Texten hervorgeht, Synonym von
yangtvy. singirkälir osuyluy also »nach Art«, »als ob sie auf ihn ein-
dringen wollten«.
S. 43. Das Wort s'iöyanaq wiU Radioff, Alttürkische Studien II,
S. 226 übersetzen »,das Mäuschen', offenbar hier ,die Hoden'«, und dem-
gemäß übersetzt er die fi-agliche Stelle »indem ... sie [die Dämonen] auf-
schrien und brüllten, preßten sie die Handflächen zusammen (oder: ballten
sie die Hände), drückten sie die Hoden fest an sich, warfen ihre
. . . Haare nach hinten, die . . . Dreizacke, Standarten und die . . . Keulen
in den Händen haltend, machten sie sich bereit, den Fürsten Tsch. zu
durchbohren und niederzuschlagen« usw. Ist es aber nicht eine merk-
würdige Vorbereitung zum Kampfe und eine zwecklose dazu, »die Hoden
an sich zu drücken«? — »Sich mit beiden Händen das Gemächt festhalten«
(^•^P-y") bedeutet in einer sprichwörtlichen chinesischen Redensart —
allerdings in einer anderen Situation, beim Flußübergang — »übertriebene
Vorsicht« (vgl. Arendt, Einfiöhrung in die nordchinesische Umgangs-
sprache S. 530). Wenn si&^anaq wirklich Mäuschen bedeutet, so kann man
zwar an einen Bedeutungsübergang wie gq^ — g'^ denken, aber ebenso-
gut an den von mv^, myc — mus-culus. Daß die Dämonen sich ihre Muskeln
drücken oder kneten als Kampfesvorbereitung, paßt eher in den obigen Zu-
sammenhang.
Uigurica II. 93
S. 46. iaidan stammt vielleicht aus dem chinesischen ^^ öai-t'an
(alte, aus der Intonation zu erschließende Form: öai-dan), wörtlich »Fasten-
Platz« oder »Fasten-Halle« (Giles, Lex., gibt die Bedeutung »altars
of abstinence«, — »Taoist temples or halls«).
S. 48. Zu dem Ausdruck ymki »sitzen« (olur-) sind die chinesisch-
buddliistischen, mit ^ tso »sitzen« zusammengesetzten Ausdrücke zu
vergleichen :
^fl^ to retreat during the twelfth moon, W. Williams, Dict;
^^^ip to meditate in a retreat, ebenda;
^^Jg rester en retraite (St.-Julien, Ex. prat. S. 169) sc. retraite re-
ligieuse, ebenda;
^g 6tre sedentaire dans la retraite d'ete, ebenda S. 191.
Ebenda, tngrim war tatsächlich eine Titulatur, denn unter den Fres-
ken der Turfanexpedition n (A. von Le Coq) befindet sich die Abbildung einer
uigurischen Prinzessin mit der Beischrift ,^*iet ^tjJKtü ^ ^£f*0 f-^jß'^
ögründ tigin tngrim körki — das Bild der Prinzessin ögrünc (Freude). Vgl.
auch den Titel tngrilär im Bekenntnis der Üträt, S. 80 Z. 64.
Ebenda. ^0£ß<n jui^ [nach Radi off El ökäsi und ihm zufolge »Volks-
mutter« zu übersetzen] ist nicht // ögäsi auszusprechen, sondern // ügäsi, wie
die chinesische Umschreibung beweist. Auf einem Fragmente des Kara Bal-
gassun-Denkmals findet sich nämlich der Titel
p^ ^ n m "f- w m.
aus dem Schlegel (Chinesische Inschrift auf dem uigurischen Denkmal in
Kara Balgassun S. 11) einen »inneren Minister, Kit-kan ka-su« oder
» Kirkhan-ka§ « (ebenda S. 11, 12) herausliest. Schlegel hat eigen-
mächtig -J-- (m) in ^ [kan) verändert, da nach seiner Meinung die Bücher
der T'ang-Dynastie maßgebend seien, nicht die Steininschriften! Umgekehrt
vielmehr sind die durch Büchertradition überlieferten Titel
der Premicrmiuister II ü- gä- si der innere Minister II ü- gä- si
ZU restituieren. II ügäsi »Ruhm des Reichs« (ungefähr liUil J>6) wird
(wie kiUH fll*) ein Titel gewesen sein, nicht ein Name. Damit entfallt
auch die sachliche Schwierigkeit, den II ügäsi, der schon a. 781 erster Mi-
nister war, noch 60 Jahre später, a. 841, fast am Ende der Glanzzeit des
94 F.W. K. Müller:
Uigurenreichs, noch erwähnt zu finden. Dieser Titel ist uns auch durch
die manichäischen Texte erhalten, z. B. M. i , wo er «^^^H^^i^*- - 'H-
ügäsii geschrieben ist. Durch diese Umschreibung ist anderseits auch die
Aussprache des Zeichens ^^ festgelegt, die Schlegel Verlegenheit bereitet
hatte. Vgl. a. a. 0. S. 136. Daraus ließ sich nun weiterschließen, daß auch
die andern mit ^^ zusammengesetzten Titel das Wort il enthalten müßten,
nämlich (a. a. 0. S. 18, 4 und T'oung Pao VII S. 187).
alte rekonstruierte Aussprache etwa:
il-lii= di)-bar,
il-tir-i-Si,
il-tut-te{ng)-mi-Si.
Zu dem ersten Worte, aus welchem Schlegel ein kilhat rekonstruierte,
ist zu bemerken, daß die Gleichsetzung von li und di keine Schwierigkeit
bietet. |^, jetzt /o^, können wir, da es noch im Koreanischen pal ausge-
sprochen wird, unbedenklich mit bar gleichsetzen. Dazu kommt, daß ein
mit soghdischen Lettern transkribiertes chinesisches, buddhistisches Text-
bruchstück unter unseren Turfanfunden die jetzt in den südlichen Dialekten
auf -/ auslautenden Wörter regelmäßig mit -r am Wortende wiedergibt'.
Neben der koreanischen und soghdischen Überlieferung wird diese -r- Aus-
sprache aucli von tibetischer Seite her unterstützt, da ^ (= Buddha) mit
^ p' hur wiedergegeben ist. Vgl. Annales du Musee Guimet II S. 287'.
NO
Ferner vgl. noch oben S. 14 ff. pusar für pusat.
Jenes *il-di-bar wird also die Wiedergabe des türkischen Titels «7-
täbir sein, denn so wäre es nach Vilh. Thomsen, Inscriptions de l'Orkhon
S. 182 korrekter gewesen zu umschreiben statt des gewöhnlich gebrauchten
» ältäbär « .
Auch *il-tir-i-Si, nach Schlegel ^>kidir-i.§ {?)<i, kann, da für ^ tit
aus dem gleichen Grunde, wie bei fat ausgeführt, tii- gelesen werden kann,
' Vgl. auch die manichäische Wiedergabe von ^ durch ' ir, Sitzungsber. d. Berl. Akad.
d. Wis.s. 1907 8.464(7).
* Der dort gegebene transkribierte Titel läßt sich nämlich mit Hilfe des tibeti.schen
Nebentitels leicht folgendermaßen wiederherstellen:
de'i päd (lies p'äng) byana (lies hyan), p' hur po'u in kyeng
^ ^ fH # # -® u
und entspricht somit der Nr. 431 in B. Nanjios Catalogue.
Uigurim IL
95
sicher mit illiris (Thomsen, a. a. 0. S. 145, 196), Radioffs "ältäräs'^
gleichgesetzt werden. Ilteris (i. e. -iz) hat schon Klaproth, Uigurisches
Wörterverzeichnis S. 4 1 .
Eben weil jetziges tut in damaliger Zeit tur gesprochen wurde, war
es nötig, die Aussprache tut durch zwei Silben, gewissermaßen tü-te, wieder-
zugeben. So möchte ich die Schreibung |l{lj^ auffassen, bei der der Nasal
h von teil nicht stört, denn er kann dem darauffolgenden m assimiliert worden
sein, oder er war überhaupt nicht sehr hörbar, denn die uigurischen Um-
schreibungen chinesischer Wörter auf h (vulgo = ng) ignorieren diesen Nasal
gewöhnlich (vgl. ki für king j^ usw.), obgleich sie ihn in der eigenen
Sprache durch n + y wiedergeben. Ist diese Erklärung richtig, so muß
der Name des Khans auf der Kara Balgassun-Inschrift, unter dem der
Manichäismus bei den Uiguren eingeführt wurde, folgendermaßen gelesen
werden :
täng- ri- da qut bul- mi- S il tu- t- mi- S al/> kü- li'ig
[dazu im Pien-i-tien, vgl. Schlegel S. 4:
der durch Tapferkeit und Gerechtigkeit sich Verdienste erworben habende bil- ^i. ^-yan.
Das wäre dann der in dem manichäischen Bruchstück T. 11 D. 135 genannte
ulwy ilig tängridä qut. bulm'is ärdämin il tutniis
der große König, der vom Himmel (Gott) die Majestät erlangt habende, durch sein Verdienst das Reich
[gehalten habende
alp qutluy kiilüg bilgä uvyur "x/iyan zahag 'i mäm
heldenhafte, majestätische, ruhmvolle, weise Uigur- chagan, die Emanation Mänis.
' Radioff macht etwas zu reichlichen Gebrauch von dem ä. Das Chinesische ist
gerade in die.sem Worte unzweideutig. •^ ist i in der T'ang-Zeit, wie jetzt, gewesen, das
bezeugeu auch die jaj)anischen Transkriptionen aus
dieser Zeit. Vgl. ferner die Syllabare dieser Sprache.
So geht auch die Form Türyäsch auf seine .\utorilät
zurück. Thomsen drückt sich voi-sichtiger aus,
a.a.O. S. 70, und läßt auch die Form Tiirgis,
Türgii zu. Auch hierbei ist die chinesische Wieder-
gabe des Namens ganz unzweideutig: ^vi®Jtf&
Tur-gi-Ü. Dazu kommt jetzt noch eine Münze
(a. Figur) mit der Aufschrift: turgü 'yayan hai ßyi
Bro ,/,1'käsch ciiu'
(lediTiilcii in ilcr Uuiiin A' '
Zweite Turfaii-l'! p "
Ttirgiseh f'Ii;i^;iii
orRuii;eii!.la.lt l'liotscli
(oder vielleicht ßr/i \-
alte Aussprache: hak-ga] tnrgh- yji'^/an bai). \'gl. Chavannes,
Documents sur les Tou-kiue occidentaux 1903, s. v. mo-ho.
m F.W. K. Müller:
Erst nachdem ich die obigen Gleichungen festgestellt hatte, habe ich
aus Hirths Nachwort zur Inschrift des Tonjukuk 1899 ersehen, daß Hirth,
von anderen Gesichtspunkten ausgehend, schon festgestellt hat, daß ^^
»alter Laut: Aj^« = il (a. a. 0. S. 108, 109) und pjj^^lj^ y>hit-Ht-li-scht» =
ilteres ist (S. 53). Zu ^^T^IJl^ {^hit-li-fat'^ S. 1 10) zieht Hirth noch -^t^J
1^ oder '^7Jt|J'f3s "i-U-fat*, vermutet aber (statt des obigen iUähir) dahinter
ein türkisches Wort wie » älpat oder ilbat « (S. 1 10 luiten). Unser il tut(m'iS)
erklärt Hirth (S. 109) ebenso abweichend durch » ältör* oder » ilter» (=?).
Seit der Drucklegung meiner »Uigurica (I)« sind eine ganze Reihe auf
das »Alttürkische«' bezüglicher Abhandlungen Radioffs erschienen, die er
so freundlich war, auch mir zu übersenden. Ich kann nicht allen darin vor-
getragenen Übersetzungen meine Zustimmung geben, möchte alier hier jetzt
nur einiges von grundsätzlicher Bedeutung erörtern :
1. Auf die aus den relativ späten Blockdrucken mit schwankender
Orthographie abstrahierten Gesetze^ großes Gewicht zu legen, halte ich
nicht für angezeigt oder doch wenigstens verfrüht.
2. Zur Lexikographie wäre zu bemerken, daß unsere Aufgabe
jetzt nur darin bestehen kann, die in einer bestimmt umschriebenen Lite-
raturgattung herrschenden festen Wortbedeutungen zu ermitteln. Der ety-
mologische Gesichtspunkt muß dabei etwas zurücktreten, ähnlich, wie wenn
man Ausdrücke des heutigen Deutsch wie »Kind und Kegel« etymolo-
gisch wörtlich in eine andere Sprache übersetzen wollte: eheliches und
außereheliches Kind. So, meine ich, sind Ausdrücke wie isig öz, ät'öz,
fiir die uns im Chinesischen und Sanskrit feste Übersetzungen = »Leben«
bzw. »Körper« im buddhistischen Stil vorliegen, immer so zu übersetzen
und nicht in ihre etymologischen Bestandteile aufzulösen, amraq isig öz ist
also nicht in amraq -\- isig = »ruhig und warm« (Radioff, Tisastvustik
S. 52) 4- 02" (»selbst«) aufzulösen und zu übersetzen: »euch selbst, auf daß
ihr friedlich und im Wohlsein lebet« (ebenda S. 35), sondern: amraq isig
+ öz = (euer) liebes {amraq) Leben {isig öz). Ebenso ist für ^07 yalin die
feste Bedeutung »Würde, Majestät« durch die Chinesen gegeben. Ich glaube
' Nach Analogie des Persischen : Altpersisch, Mittelpersisch, Neiipersisch können wir
eigentlich nur von einem Mitteltürkisch oder älteren Türkisch reden. Das Alttürkische ist
uns unbekannt.
' Vgl. z.B. »TiSastvustik. S. 115, Anm. 2.
Uigurica IL 97
dalier auch, daß die »glühend flammenden« {coy-luy yatin-Uy) Yaksas bei
Radioff, S. 36 u. ö. nur »glänzende, majestätische« sind und dem mongo-
lischen ioq-tu jiby^ulang-tu (worin 6oq wohl Entlehnung ist) entsprechen.
Ebenso (S. 36) heißt küyü közädü yrl'iqad'i nicht: »er befahl zu behüten«,
sondern: »er geruhte zu behüten«. Der Buddha hat auch (S. 44) keinen
»Bücherbefehl erlassen« {nomluy yrlty-iy yrltqa-tuq), sondern »geruht, einen
Lehrausspruch zu tun«.
3. Zur Grammatik des älteren Türkisch möchte ich bemerken, daß
das Suffix -üngüz-lär nicht gleichzeitig ihr (vos) und euer {vester) bedeutet.
Das soll es aber Radioff zufolge in den beiden wie ein Refrain durch
das ganze »Tisastvustik« gehenden Sätzen:
ayi + bafim äd+tacar ärk + tiirk-üngüz-lär asilmaqi bolzun^
alqu öoy + yalin-tiy is -{- km-ünyüz-lnr pütmäki bolzun.
Radioff übersetzt dies:
»ihr, die durch Schätze, Besitz und Reichtum mächtigen Türken {türk-
üngüz-lär~\\ möget gedeihen!
eure wichtigen und glänzenden Geschäfte [b^-küd-üng iiz -lär\ und Anstren-
gungen mögen Erfolg haben!«
Es bedeutet aber:
» euer Schatz undBesitz, Hab und Gut, (eure)Machtund Stärke möge zunehmen,
alle eure prächtige, glänzende Kraft und Anstrengung möge vollkommen sein!«
Damit verschwinden die Türken endgültig aus diesem Sütra,
und die daraus gezogenen Schlüsse" des Hrn. v. Stael-Holstein sind hin-
fällig geworden.
4. Was die buddhistischen Realien anbetrifft, so stimme ich auch
hier nicht immer mit Radloffs Auffassung des Textes überein. Beispiels-
wei.se fasse ich die folgende Stelle aus dem »Tisastvustik« ganz anders auf:
' S. 46 übersetzt aber Radloff ärk-lig türk-lüy richtig: »der Mäclitigste und der
Gewalthaber«. Zu ärk- türk v<i\. noch die foljiende Stelle aus dem Maitrisiuiit (T. II S.32):
ilifflär bäglär buiruq-lar piilräklär Die Könif^e, Fürsten, Befelilsliaher, 'Vollstrecker,
qundui qatun-lar tigit-lär inal- die KöiiiKinnen, Prinzen, Minister ('N'ertrauten),
•lar uluy bai haya-/ut-lar kntii kntii die großen, reichen Siesthis, verließen jeder einzelne
. . lär]klärm lürklärin idalap toyin ihre Macht und Stärke, wurden Mönche
dindar bolup aryant qut'in bulti-lar. und Froiiune und erlangten dit; Arhatwürde.
' S. 91 (u. 122): -der uigurische Bearl)eiter ... bezeichnet Tra])usa und Bhallika
inehifach al« ,durcii Schätze, Besitz und Keiciituui mächtige Türken'..
PhU.-hüt. Klasse. l<Jl(). Abh. II l. 13
98
F.W.K. Müller;
»Tiäastvustik« S.45 unten bis 46.
Radioffs Übersetzung.
Meine Zusätze in [ ].
. . . (böse) Pipicqu-Formeln wer-
den nicht in den Körper dieses We-
sens tief hineingehen, Gift wird in
keiner Weise in ihn eindringen, Feuer
wird ihn nicht verbrennen . . usw.
(49 b) Mit Hilfe des Edelsteins
dieses Tisastvustik Sütra können sie
die durch Beschädigung ver-
dorrte Weide wieder für sich brauch-
bar machen. Die Japi-javis-Vögel
[quS'i] dieser Weide, ihre Blumen, ihre
Blätter, ihr Fruchtertrag, ihre Ä ste und
Zweige können insgesamt grünen
[NB. die Vögel!] und sichtbar werden.
Man muß auch bedenken', daß, da
sie Menschen sind, sie mit Hilfe (50a)
des Edelsteins dieses Sütra ihre
eigenen Körper behüten und be-
wahren, wenn dabei alle ihre aus-
geführten Taten keinen Erfolg haben,
wenn alle ihre Wünsche nicht er-
füllt werden und wenn sie anderes
bringen (?) als die Erlangung des
Vorteils der in früheren Welten (?)
ausgeiührten Taten, so leset [oqunc/]
ihnen dieses, o Gott Chormuzda!
Ich möchte übersetzen:
. . . das Messer {In iMqu) wird gar
nicht {afit'i) in den Kör2)er dieses
Wesens eindringen, scliarfes Gift
wird auch nicht (weit) vordringen, im
Feuer wird er nicht verbrennen . . usw.
Sogar wenn man mit diesem Di-
Qasvästik-Sütra-Kleinod einen dürren
Baum reinigen würde, so würde jenes
Baumes Rinde iyap'i), sein * Blätter-
dach {yavU^ju-s'i), seine Blume, sein
Blatt, seine Frucht, sein Ast und
Zweig, alles (wieder auf-(leben)
und sichtbar werden.
Man muß auch (folgendes) be-
achten: wenn jemand Mensch ge-
worden (d. h. als Mensch wieder-
geboren) ist, und wenn alle mit
diesem Sütra-Kleinod zum Schutze
des eigenen Leibes unternommenen
Taten erfolglos sind, wenn alle
Wünsche nicht in Erfüllung gehen,
wenn es anders ausfällt: (so ge-
schieht dies) durch das Reifen (pi§-
maqin = vipäka) der Frucht {tüSi
=^ phala) von Taten (q'il'inö =^ kar-
rna) aus einer früheren Existenz
(Wiedergeburt) . . Auch das ver-
stehe wohl [uqung), o Gott Indra!
■ «ajiwmii Ar (/öÄ: hier (S.45 unten) richtig übersetzt *"i'i° muß bedenken«. Auf
der folgenden Seite im Satze hu nom ärdinig ymä muncolayu ok ömii saqinmiS krgäk über-
setzt Radioff »(Buddha) muß diesen Biiclier-Edelstein in dieser Weise erdacht und er-
sonnen haben • ; statt: dieses Sfitra-Kleinods muß man auch also gedenken und es bedenken.
Uigurica II.
99
- — Nachdem also dieser Zauberformel alle möglichen Wunderwirkungen
zugeschrieben worden sind, folgt hier für den Fall des Versagens dieser erwar-
teten Wirkungen eine Erklärung: es liegt dann nicht an der Formel, sondern
an den bösen Taten des betreffenden Individuums in einem früheren Dasein. —
Vgl. noch Schotts Auszug aus dem Tsing-t'u-'wen (Verzeichnis der
chinesischen und mandschu-tungusischen Bücher und Handschriften, Berlin
1840, S. 118): »Buddha sprach: Wenn jemand hier Gutes tut und doch
in die Hölle wandert, so ist das Gute seines Lebens hienieden noch nicht
reif, wohl aber das Böse, so er im vorigen Leben getan« usw.
Nachtrag zu Nr. 3. Die 33 Erscheinungsformen des Avalokitesvara, S. i4ff.
Während dieser letzte Bogen im Druck war, ist eine neue Veröffent-
lichung Radioffs erschienen: Kuan-si-im Pusar, Petersburg 1911, die
sich auf einen vollständigeren und besser erhaltenen Text stützt, als unser
in schwarzen und sehr verblaßten roten Lettern geschriebenes Bruchstück
ist. Zur Erklärung des von Radioff in Beilage IV mitgeteilten Amuletts
möchte ich bemerken, daß dort nicht yuusi (nach Ivanov: ^^ »eine
wahrhafte Bedeutung habend«) zu lesen ist, sondern vuu-s'i = sein Amu-
lett. YjS handelt sich nämlich um das chinesische Wort /« ^', wie die
Rolle T. II Y. 5 1 mit Amulettzeichnungen lehrt. Einige der besser les-
baren Beischriften lauten:
Im cu (fu) ät'öztä
tutsar ad mangal
bulur qop kösüä
qanar
HSi tntiy bu vu
Wenn ein weibliches Wesen dieses Amulett
äiözintä tutsar
am Körper trägt, so wird sie
uduz toyurur
leicht gebären.
ögrün<' säcinö
Wenn man dieses Amulett am Körper
trägt, so wird man Ruhm imd Glück
erlangen. Alle Wünsche
werden befriedigt werden.
o
O'
o
o
o
o
(im Original
rot)
Frende und Fröhlichkeit wird sie ,
bulur \
eiiangen. 1
' Vgl. Morrison, Dictionary of the Chinese laniu;iiage 1819, II i, s. v./oo.
13*
100
F.W.K. Müller
qayu kiSl ha§ ayr'iy
Wenn ein Mensch Kopf-Schmerzen
hulsar hu vu hor-qa
bekommt, soll er dieses Amulett in Wein
toq'ip iözün
tauchen und trinken.
bars y'ilan Mii
bu vu tutsar
tisadii [= tizat'i] mngalig
bolur
0
0
(rot)
Wenn ein (im) Tiger- (oder) Schlangen(jahr ge-
borener) Mensch
dieses Amulett bei sich trägt,
so wird er lange glücklich
qayu kiäi-ning y'ilqsi
Wenn eines Menschen Vieh
öküä ölsär
zahlreich stirbt, soll er
hu vu qap'iy-ta
dies Amulett an die Tür
yapSurzun
kleben.
PPPP
^ ^
(rot)
Nachtrag zur Sitätapatra-dharani, S. 50 — 75.
Einige zu sehr zerstörte Blätter sind hier nicht mit abgedruckt worden,
da sie überdies nichts Neues für das Uigurische ergaben. Dafür möge als
Ergänzung die Umschreibung eines Bruchstücks in tibetischen Lettern', das
offenbar zu unserm Texte gehört, folgen, weil es, mit der darunter abge-
druckten chinesischen Umschreibung verglichen, für die sonderbare chinesi-
sche Transkription der Mongolenzeit von Interesse ist. Zu diesen Um-
schreibungen indischer Wörter, die, um zauberkräftig zu bleiben, in der
Ursprache hergebetet werden mußten, reichte der gewöhnliche Zeichen-
bzw. Silbenschatz des Chinesischen nicht aus. Es mußten daher neue Zu-
' Es ist ein zufällig in meine Hände gelangtes tibetisches EInzelhlatt kleinen länglichen
Formates mit der Seitenzählung ^'0(|^*<'= :::::^ -p ::^ (XXXlll). Diese Dliärani kommt aber
nicht in der tibetischen \>rsion (p'ags-ma gtxug-tor dkar-moi hzlog-hsgyur mi-mt'un pyul-las
mam-rgyal ies bi/a-va), die ich 1901 für die Kgl. Bibliothek erwarb, vor.
Uigurica II.
101
sammensetzungen von chinesischen Zeichen' gebildet werden, die gewöhnlich
am Ende der Texte nach der »Fan-ts'ie« -Formel x — y — z erklärt werden.
Bei einigen solcher Neubildungen wußte der Kommentator unseres Textes
aber nicht, wie sie auszusprechen seien, so ^^ J;^. Diese fraglichen Werte
ergeben sich nun mit Sicherheit aus der folgenden Zusammenstellung, in der
das fehlerhafte Sanskrit so, wie es im Original steht, wiedergegeben ist.
Blatt in tibetischer Schrift.
Vorderseite.
Die chinesischen Zeichen in Klammern sind im Original in kleiner Schrift gedruckt.
phat ( sarva- u-pa- sd- rke-bhyah phat i sarva- kri- tya- Jcarma- ni- ka-
khor- te-hhyah phat ke- ra- iia- be- tn- ta-bhyah phat I' ci- ccJia- pro- sa-
ka-sarva- dus- car- dl- te-bhyah phat |j sarca-dur- bhukte- hhyah phat |j
sarva- tirthi- ke-'bhyah phat ' sarva- ira-ma- ne-bhyah phat '\ sarca- pd-
Rückseite.
-ta-ke-bhyal), phat || sarva- vidyä- dha- re- hhyah phat j| ja-ya-ka-ra- ||
(Fehlt im Chinesischen.) ^{^^^ bI^ (FÜ) || ^('|ä) \%M^W
ma-dhu-
•ka-ra- '! sarva- artha-
vidya- (xirye-bhyah pfwt co-dur-
sa-dha-ke-hhyo^ ||
m tä t. II m (fs)i
' Es sind dies Zeichen von der -sich seltist zeilejjenden«, ..selbst die .\ussj)rache
angebenden« (Ö -BJ ^ W^ ^:S') n*^"a""'''^n ""d von Watters. Kssays on the Chinese
janguage 1889, S.46 beschrielienen .Xit, die im 6. Jahrhundert durch die Buddhisten verbreitet,
aber vorbiiddhi.stisch sein soll.
' Vgl. S. 62 Bl. 59 Z. 3, denn ^S^K^' i-st .sowohl ^-- qf^ClTSl^ als =- (Wf^-
• Vgl. S. 62 Doppelblatt (27) Z. 1,2.
102
F.W.K. Müller:
3 -hhyo- hha-gi- ni-^ye-hhyah pfiat j| vajra- ku- ma- ri-vajra-ku-
sa- r- va k- u- ma- ri- ye-bhyah
-landha-ri-
mm]
pha- t
4 vidyn- earye- hhyah phat || sarva-mnhä- pra- tyah- yirp- hhyah, phat ||
vi- da- ra- ni- ye- bhyah pha- t
IKnde.]
Zu S. 62 qazquq:
Einige der von der zweiten Turfanex])edition (A. v. Le Coq) in Chotscho gefundenen
hölzernen qazquq, von der Seite und von unten gesehen.
Nr. I beschrieben mit den magischen tibetischen Zeichen ma-ra-ya-sa.
• 2 - « . » uigurischen » pt {^^^^ phat) \\ s<xdanu mai-a.
•■3 • » » » tibetischen • (»na-ra-) {| ya-sa || so'Sa.
' Vgl. 8.62(26) Z. 2 : »die vier Schwestern-
Xligurica II.
103
Verzeichnis der wichtigeren Wörter.
Abkürzungen: M. = Manuskript. B. = Blockdruck. Große Zahl = Seite. Kleine Zahl = Zeile.
ab-, qan alnp M. 27" arvU B. 58 (7)'
ada B.Öl'
adar-, -a M. 9"
aday^ M. "24 '
adyanyu M. 10'*
advn-, -u B.31*'; adinu
mungadu
adnayu {ad{i)nayu) M.
5"
ayan-maz M. 87 '*, -tuq
8785
aylaru M. 4"*; ayiaru
tongtaru
aqtin-maz M. 78 "
aquru aquru M.24'
a/ M. 16", 16», B.
48"; al altay
aHn-tiy B. 59(11)«
alrßn-, -rms B. 42 "
almr(i) M. 11"; az
almr; az almir M.
12"
almir M. 12"; az al-
mir; az almr M. 11"
altay; al a. B. 48"
amirtqur-, dadi B. 58 (6)'
anaB.54(16)',M.81'°
anöolayu kälmis B. 32 ",
B.32» u. ö.
anga-, -yu B. 38"
angöi; käyikSi o. M. 84 '
angräk (ämgäk'i); .suy
a. B. 46"; uluy a.
B.47"
asitt (für äsin) M. 9 ',
yil asiti
asyundula-dim M. 76';
asqancula-dim M.85'*
aiil-, -ur (ükliyür asi-
lur) M. 9»
at M. 12", 12"; at
iing 12»«, 12"
ata M. 25", M. 21'
awr- M. 7 »,80 «*,•',«»
atdin- 26 (Anm.)
aya(Han(inäche) B.46"'
aya- (ehren) M. 14'
M. 13»; azqilinöM.
\\\ IP
az M. 9', 9'; az qilinc
azay M. 8"
azvy-liy B. 35"; a. tin-
gra-^j-tvy
azlan- M. 9", M. 10"
äg-, -ip ß. 47 "
ägsüt-, -mäsär M. 15"
ämgiik; ämgäk tutyaq
M. 11«,'
ängim M. 8 '*
ämränö; amrand (^) M.
18«, 18*
aya^; ayay-qa iäkimlig | är; bäglig ä. M. 21'
M. 11», B. 32" (ehr-
würdig jg :^).
NachRadloff, -Ti-
§astviistik.S.49 »un-
bedingt ,der Schale
zukommend, der
Schale angehörend,
zurSchalepassend'..
ayoy*ü (ehrlos) M . 86".
würde nach Rad-
ioff und Ivanov
bedeuten: . schalen-
los-. Ebenda S. 50.
«TM. 19 'S, 19'»; ärici
qradin; a. azun M. 81"*
ärig 54(16)', M. 25';
ärig bariy
ärinö M. 22*. — 87"
ärk; iirk türk M. 10",
97
ärk/ig y[ßn B. 33 '
ärki; nätäg ä. M. 16'*,
B.31*'; nä iiciin ä.M.
\0"';qayuä. M.22*
ärtingüMAh'^, M. 16",
B.31*', B.37"',", 83
Übrigens .sind eine ! ärt- M.22"; anta ii£
mongolische Schale 1 ai ärtmäkingä; ärt-
miS (\ergangeti, ver-
storben) 81«»
(ayaya)nnA eine chi-
nesische Opfervase
^ä ZV? ei sehr ver- äriU M. 16'*
schiedene Dinge. | ät 60(231)'
an^mm-AnB.39»», 43" ayinc B. 3»»*; yj,r-
j yinö a.
antirdin B. 45 *»
ap — ap M . 4 '. •
arqü M. 21'»
az; az almr M. 11";
avtr-, s. avir-
ävrik, ävrig(?) M. 76';
ä. sarsay M. 85'*
az övkä 86"; az bilig \ ävril-, -mäk M. 1 1 ">
ävril-, -mäk siz B. 40 '"^
äzrua tngri M. 17 3', M.
17", B. 53(25) ä
äzüg M. 85"
i-ya B. 29'«, B. 29";
iya taya
i tariy B. 6 1 '
icyin-sar M. 88'"
idar-, -ip B. 40'"
inay B. 32'"; umuy i.
iraq ; iraqtan M. 22 "
iyin B. 49", B. 40'»,
M.22»
ici M.19", 20'»; är
i6i
idiz M. 8'", B. 38",
38"
1% (Schmuck) B. 40'»»
ig kam B. 43"
ig B. 42 '; ig kam
igdilän-tim M. 78 '"
igid-tim M. 76 '
igil llmri M. 19»; igil
bilgä törüci M. 19'»
iglä-, -mäk M. 5'
igtülä-däm (sie) M.86*'
ikin ; i. araxinta B. 36 *'
il M.78", »=
il qan B. 54(17)' (da-
von das aus Persien
bekannte jIäJLI II-
chan)
ilci ; ilöi bilgälär M. 1 9 "
üd-, -ü M. 25'*
ilig (König) M. 22 ^
M, 21«, M. 18«
104
F.W.K. Müllkr:
ilig (Hand); ilyin ada-
qin M. 25'
ilki M. 7'
ilincülä-, -ya M.26^
oinayu i., -dilär M.
22''«
ilt-, -ü M. 25'»
iltin-sär B. 73 (38) '■
-imlig; -im-lig (würdig
des . . . ; täk-imlig
(würdig zu erlan-
gen), vgl. ayay; ärt-
imlig (untergehens-
w ert) ; kör - ümlük
(worthy of l)eing
seen), Shaw S. 170
ma>ü(l') M. 11 Anin.
ine B.64(182)°; i. äsän
incsirätmäk M. 87 " ;
in6srt-mäkU.l%^'',%2
ini M. 26''
ir (Stein!'); otlw^ ir M.
irinc M. 4«, B. 29",
B. 31*°; iciqai
irinikä-yü M. 88", "
mntür-dtim M. 78'*
is B. 54(17)*; is oqus
isiz; i. yamz M. 23**
is (Genosse) M.9'; ha-
suti'i is
it B. 3P^
itig M. 245
uc B. 38"
uörw^ B. 40"" to7
uörwy', B.57(5)'; yU
uörwf-lar iligi
uöuz; II. yinik M. 86'*;
tot u. 86 '° ; M. toyur-
99
umzM. 11'^ (verschrie-
ben aus ucuy ?)
odaii (für otoÄ) B. 56
(2)^
udyurati M. O''''
Mffo'y M. 15'^; topo-y
uduy
udun-maq M. lo-*, -u;
tapinu udunu M. 15*
udun-, -may B. 40'"^
udus- (udiz), -taö'i B.33 "
oylayu M. 24 '
oyra-, -sar M.23''
oysa-, -ti B. 35'*
nyur; ol oyurda M.
25 "; ol oyurda M.
4*, 5"; at'in atamis
oyr'inta M. 16'°; niz-
variüar oyr'inta M.
§25
oyurla-dim M. 85 "
oyus B. 34'ä, B. 35»°;
tüz oyus
oina-, -yu M. 26" ; oinayu
ilincüläyü
ulat'i M. 8'* u. ö.; -tau.
uli- B. 30 '^ ; uliyu siq-
dayu
ulin-, -ip M. 24'
ulus M. 22"
umuy tnay*)
un-, -a M. 22«
oncsuz B. 32"; o. sä-
rinösiz
ongali M. 8", M. 9',
M. 9"
uriit-, -masar M. 15'
oq (eben, auch) M. 10"*,
M.20''
oq (Pfeil) M.26'*
uq-, -ar M. 7', M.4'
oqi-,-pm.2V'', M.26"'
oqsa-, -ti B.35" (oysa-)
oqus B. 35 '" ; oqusluy
8.35"« (07«.?)
or-, -up M.9"; or-miis
B. 39**; or-qu-liiq
B. 38 " ; or-yu-lvr^
B. 38»'
ordu xM. 25'»
uri B. 29'«, M. 28«, M.
15 ', 15 *; uri oyul;
känö uri M. 20*»,
20*',"
omaq B. 54 (16)'
orun M. 22". M. 22'
o«-(oc-)B.43", M.81«9;
os-qur-daCi 8.58(7)*
«Ä«- (uza), -may B. 42 '
osuy B. 41*°; osurjluy
M. 23 *', M. 25 *'
usun (uzuri) B. 49*', B.
49*», M. 25'»
ot (Feuer) M. 8*', M.
9*
ut-, -düng; u. yigädting
M.21'*
utyuraq M. 5'«, M. 5*
Ulli B.41"
utru M.26"
utrun-dum M. 86 »* ;
utruntum M. 77 "
utsuq-, -maq B. 51*
otung M. 8*«
uz B.33*, 56(3)'
««a/iB.72(35)'(örM^M.)
ö-däci B. 44"; (>-<ä<Jj
B. 72(34)*; 0-^^/« B.
65**; ö-giilügBA7''^;
ö-kü B.33*
öc-, -Äär M. 12**,*',",
12*S 12'°; -är 12",
2S 1« 18 29
> » »
öc M. 23"; öJ A-ä*
öcür M. 9 *
öd (Zeit) B. 28 '-, öt
52*
<W(«d? Lehre) B. 49",
M. 88 *'
ög (Verstand) B. 66*'
(ö. köngül)
öpi (Mutter) B. 44**; ög
yßrin •,ngqangy\..l'i^^
(ig- (denken) M. 11"
ügä M. 19", 93
ögirün-däcH?) B.63(27)'
ögiriin-tür-däci 58(8)*
ögrät M.23*'
ögsüt (sinnlos) M. 25 *%
27*'
ögäz M. 15"
ök- B. 73(37)'
ök M. 21«, M.22*'
ükli- M. 9'*; ükliyür
bädüyür M. 9*; ükli-
yür aSilur M. 9 '
öl-gü/üg B. 28 ' ; ölgülüg
öd
ülüglüg M. 15*
ölür-gülüg M. 25'
*) Nach Radioff, «TiSastvuätik« S.55 .^'erwandte und Freunde«. F,s ist aber B. 32*'
gleichgesetzt mit ^ 'de saranam gacckämi »ich nehme meine Z\iflucht.. Ebenso wird
umun-up inan-ip in der chinesischen Version des großen, hier aus Raummangel nicht mehr
abgedruckten Gemeindesündenbekenntnisses wiedergegeben. Vgl. auch folgende Stelle aus
T. 111 84 — 2, Rückseite: hu asci är manga inanip yüziim tapa umuyluy közin cinyaru körär
= dieser (zum Tode verurteilte) Koch auf mich vertrauend, blickt starr auf mein Gericht
mit hoffnungerftilltem Auge.
Uiff urica IL
105
ÖH-, -H 27"; -ar M.
25"; -OTwM.7'; im-
tür-ffäiii\.2ö^*; önä-
M.88»«
önp; at öng M. 12",
12", 12»», 1-2"
öngi B.42», B.32"
öngrä M. 5"; dngrä-
fein
öngü M. 4'
öngüd B. 69(46)«
untä-, -Ml M. 26"
öpkä M. 25', M.25*';
s. (ivkä
ör-, -dt M.5"
öril-dim M. 76"; ort-
dum M.85"
ürk-; qorqup ürküp B.
29"
ort M.25"; ö. !/alin
örtän-, -ür M. 8"
örtük B. 33', 43*; ö.
füiy B. 34'«
örflAr(firäA)B.72(35)';
ö»-, -i»w({ M. 10»«
ösän (özän) B. 44"
ii««»i<aM.79",88««,'<>
öt, s. öc^
ötkür-, -ü M. 5'''
ö<mM B. 61"
ÖA-S/-, -ür B. 42 "
öäA: M. 16"
öoä-, -täci B. 55(7")^
övkä M. 85''; s. öpkä
öz yas B. 49»", 41'»
özlüg B.42"; ö. yas-
üz; ü.bo: M. 85"
üzäUksit B. 39""
üzlmcü B. 43", 44"
üznä-dim M. 77"
ü!ül- B. 38", 43'»
ba-(yur) B. 69 (39)'
baya B. 35"
6a/in^/a/)(besser: bäling-
läp •aufschreckend«)
B. 29"
6a» B. 70(31)'
bar-, -yuq M. 25";
bar-yu-kiy B. 39»»;
bariy M. 26»
barim M. 76'
baium M.8", M. 9';
bastUdi ii
I bai-a 81 ••
I Aaya yto 88"
^ bayayut B. 36»', M.97
, iMs-di M. 20 (Mitte)
', bädü- M. 9'; ükliyür
bädäyür
I bädük M. 26"
' bäling M. 25"
bälinglä- B. 29"
to-i/> M. 78"
6i itdyu B. 59(9)*; 6«
6t<!7u B. 71(32)«
biäin B. 31 "
bil M. 24'
ftiÄä* M. 25'»
bilyä M. 19"; yori ipli
bilgälär M. 19»; liri/
bilgä törüdi M. 19'«;
I üii bilgälär M. 19"
Wfty-ip B. 38'"; bitid-
täci B. 38«»
bo'^ar/uii M. 85 "
%«? B. 71 (32)'
buiruij M. 97 Anm.
btd-; b.tapmay B.36«»;
bul-quluq B. 39"
6^/707 M. 78 Ȋ; 6. rt/n-
jrräf^ 87'»
bulqan-mis B. 58(8a)',
58(9)'
6«won9M.77'5('^fg'.
Vgl. a. A. V. Staei-
Holstein im »Ti-
Sastvustik« S.142 zu
buryßn, nicht •pur-
yau', vgl. A. V. La
Coqs Liste Nr. 163,
Sitzungs-Ber. 1908.
5. 407.)
6t«/n al'ip
6o«-(6o^-), -rfarf»B.33»;
6. artadtadi
bosqun {boh/un-) B. 34 «
! bosui; bosui qadyu M.
11«; Äo«»^i/tt7M.21«;
bostisluy saqiniliy
I Au/üy M. 24 »
' Äoi. «;; b. .M. 85"
I iSrfiy« M.24«, M.25'
j bögü B. 44 »» ; b. kälig
! bögüi M. 9"
I bürt- M. 7", M. 10",
! 10'», M. 12'»
I böz*) B. 70(31)'
\ pa'/uaiö'i M. 78", vgl.
, auch 82
i piirunqu B. 33 '
\psak B. 40. 59, 60 (22)«.
61'
i pütriik M. 97 Anm.
j öay-, -mii M. 10"
cayur-dum M. 85 "
öasul M. 76 «
iaviq-mis B. .">9 (11)«
; c»y M. 86 *", vgl. auch
i 82
diltäk; ayayqa ö-kä tä-
kiml(i)g M. 77 '\8a^'
c'inqaru (geradeaus) M.
24«
dvy M. 77"
6iqai B. 72 (37) ', B.
29'«, B. 31«';in>M5rf.
därik B. 69 (39)'; suu
i. B. 74 (61)«
iävis M. 16", M. 16»«
iävril- M. 1 1 Anm.
dökä B. 41"
cökit-, -ip B. 47 "
öök-lämis B. 61 »
cömäli B. 35 '^
yai-tsi B. 44 »*
-yan; gmt'i-yan M.87"
-yan, -kän (-gän) ; sa6-
maz-yan M. 87 '"; im-
mäz-kän 87 "; ayan-
maz-yan 87"
qaöiyU. 10", M. 12",
12'°; alii qadiyorun-
lar 12", 12"
qaday M. 4«; mün qa-
day
qad'ir B. 58 (9 a) ' ; qatir
B. 59(10)«
qadyu M. 11°; bomih
qadyu
qal-taöi M. 80 "
qaliniu B. 61 '^
ja^ijü M. 22'»
qamayu B. 65 "
5an(Blut)M.27";-gara
(Partikel) M. 79*',
88
-jan, -kän; sacmaz-qan
M. 7S«'; önmäz-kän
78 «' ; aqt'inmaz-qan
78«»
) Zu iöj und [^ Sf vgl. noch .St. Julien, Exercices pratiques 1842, S. 214
bis 216 (pe-thie — cotoii) und Chavannes. Tou-kiuc litOS, S.102 (ältester Beleg: dus Hon-
han-&u Kap. 116), 8.352: l'identification avec le cotorniier e-st incertaine.
PhU.-hi.ot. Klasse. 1910. Abh. III. 11
106
F.W. K. Müller;
qania M. 25''
qang {ög q.) M. 77",
M. 2P
qanytii?) M. 22'
qam-; yirdä qamt'i M.
27 S5
qari; q. töruii M. 19';
q. qili hilgälär M. 19°
qari- M. 7^
qafis- B. 58 (8) '
qasquq (qazquq) B. 61 ",
102
qasamy B. 61"
qatay; päJe qaiay M.
88"
qav (chines.) M. 77'"
qavayu M. 10"*
qavU-, -ip M. 10'"
qayit M.9"'; y^.yanyu
qazyan-, -ur M. 15'
qazyanä M. 15'
qin M.26'*; q. qizqut;
qixn M. 20'; qiin q'iz-
qut
qUi; qari q. bilgälär
M. 19°
qisil M. 26»
qizqut M. 20>, M. 26'*
qiznaq M. 76'
quansi im pusar M.
17ä», ä«
qudur-, -u M. 7 '
qoin M. 80"'
qul M. 87 "; küng q.
qolula-, -p M. 7 '
qum M. 15"
qun-, -a M. 76'; -up M.
24°, M. 25"; -daci
B. 61', < usw.
quniui M. 20'; üsiünki
yig q. M. 23'°
qu\ngar]; -up M. 26"
qor B. 58(6)«
qur-up M. 78", 86"
quryay M. 77'«, 86";
yjjrqaq 86*°
qurrtyar-, -ur M. 17"
qurtr^rur M. 18»
qurtulyu M. 17", 17",
173», 17»', M. 18'
qusuy B. 61"
qutyar-, -ur M. 17'°, M.
18'; qutqar-, -ur M.
17"
'/ßcan (qacan) B. 29",
B.30»', B.35''^;»äw^
%aöari
yßSiy (qaöiy) M. 10"
Xaliy (qaliy); kök %.
B. 37 "
%alin (qatin) M. 23"
Xalt'i (qalti) M. 8"
Xan (qan, Blut) B. 60
(231)'; (Herrscher)
B.33'
yßnyu (qayu) M. 6 ",
M. 6"
%ara %«i B. 3P* (qa-
ra qui)
yßrya (qarya) B. 32 '*
%ari- (qari-) M. 5 '*
yßfin (qarin) B. 44"
yjisyan-, -niis (qazyan-)
B. 34"
yata (qata) B. 34"
yßtaylan- (qatiylan-),
-sar M. 15"
Xaiir (qatir) B. 35"
yßvsadil- (qaväadil-) B.
28', 6.30»"; %urm-
dilu Xr
ynavsur- (qavsur-) B.
46"
Xayu (qayu) B. 30"
%av (chines.) M. 86*'
yjin- (qin-) B. 46 "
%ü<:qa (qi-iqa) B. 42"
y}vliy (qiviiy) B. 36*';
yjitluy yivtiy
yuanii im pusar (quan-)
M. 14'
X^ua (chines.) B. 40'"'
y^o^o M. 20 (am Ende
von 3)
yndar- (qudar-) B. 36 "
yulqay (qulqaq) B. 43'*
yun-daSi (qun-) B. 60
(231)'
ypnguz (qonguz) B. 35"
ypryind (qorqind) B.
39"; %. ayinö
yurmuzta tngri M. 17",
B. 29 '», B. 29 ", B.
30", 31", B. 32",
B.49, B. 53(25)»
yursadil- (qursadil-) B.
28',B.30»";%.xaf-
sadilu
yuriulyu (qurtulyu) M.
17»*
yus (qui) B. 35"; tatim
q{a)ra yjus M. 20"
yjä-(qud-), -nns B.43"
yutad- (qutad-), -niis
M. 14'
käd-, -ip B. 42"
kädim B. 42»'
kägdä B. 70(31)*
käk M. 23'*; ö6 käk
kälig B. 44»»; bögü k.
kam B. 42 ' ; ig kam
kämi^-ip M. 77 ^\ 86*='
Ä-änc M. 20'», 20", 64
(182)°; känö uri
känß q'izlar
^äm;/ürfüsAr.B.58(8)»
kät-(käd-)-ip M. 86 *'
A:äy*B.43'*;-ÄM.84»
käzig M. 68 (44)», *, '
(k. ig); -iä M. 22»
kkir B. 37", 37"
ki-ä B. SP"; kidig ki-ä
M. 9*
kidin M. 25"
kikän B. 73(61)'
kin M. 5"; öngrä-kin
Ä-w^B. 60(21)»; Ä-.*ö-
väz (köyäz'i)
kingür-ü B. 41"; kirt-
gär-sär B. 73 (12)*
kir-, -ip M. 26»
kam km ärmäz-U M.
20"
kit-, -ip B. 49 "
k(,6-, -äyü M.24°
kögür-sär B. 73(12)*
köküz M. 16", 17";
köküzläg M.15'",M.
16'* (alqindsiz Ar.)
köligä B. 39 «»
Ä-ömä«B. 71(33)»(yiZw
k.)
küng; k. qul M. 87"
köngülgär-, -ip M. 8**
köni B. 39""
küni; k. kövänc sizik
M. 86»»
küntiiz; tünlä küntüz
-M. 14'
kür M. 77"; k. kürlüg
86 " (k. kürilig)
kork M. 17", ••",",'»,
31) 31 32 33 34
* » » »
körkit-, -däci B. 38'»
kirrklä M. 15', 15'
körkür-, -ü M. 19"
körtkür-, -ür M. 17"
körüm M. 76», '*, 85"
kärünclägülüg M. 22 "
körünölüg M. 22», M.
22»
küsi (küsi) B. 40'»»;
küsi B. 47 "
küsün (kösün) B. 36*';
kü6 k.
kötür-, -u M. 25"
kövänc M. 76'*. 86"
köväz(köyä2)B.eO(21)*
küy-, -är M. 8"
küidung B. 44'»
-lä; tünlä M. 14 »
-li; ädgüli, a,ji*yft"M.8",
"; tamuti; yilyiü;
Uigurica II.
107
kmii; kiii ärmäzli;
. kiUli km ärmäe-K
M. 20"; tamu-R B.
33'; t. yilyUi
tinyju-a {chines. ) M.23 '"
lin-ta pryan-ta (prvan-
ta) M. 86"
Usip (cliines.) B. ei'"
lu M. 20"
/«r«jM.26".27",27"
mang M. 24 '
mangyal-tiy B. 36*'
nuuii mnnduy B. 37 "
marim B. 69 (46) '
mantal B. 47 '*
Tnäncfi M.\0",B.2H\*
mängiliy B 34'; mngi-
lig (so 100 zu lesen)
-WIM M. 16'*
monöuy B. 54 (17)';
mani m. ärdini B.
37"
mundtila-, -yu M. 5*
mungad; -u B. 31 *';
adinu m.
mün M. 4*; mün qaday '•
müncig B. 60(231)' 1
müyüz B. 35" (müyüz
btr^/a wolil »Schild- 1
kröte»)
naivaziki M. 80'*; vgl.
aucli 83
nOdükin M. 16"
nä nägii M. 23"
nägü B. 31'»; nägü-dä
M. 5'*
näng M. 8", '*, 15»
närü{.') M. 11"
nizvani M. 8"
saö M. 25'»
sal sögüt B. 35 "
smnand 51. 19 " ; xmnni
M, 19"; toi/un s.
San M. 15"
sarday; s. sang M. 86*'
sani-ip M. 78»", 86*»
sang M. 86*'
sangun (chines.) M.18',
81«»
sarit B. 33'
sarsay; ävrig s. M 85";
sarsiy 76»
sasip (säsip?) M. 24»
satiy («. yuluy) M . 77 ",
86«'
«ayttB.34",44»*, 45"
sazin M. 80"
sär- ; sär-kür-mäk B.
69(40)';*dWndrirB.
32"; ondsuz s.
säs-, ip M. 76'
siqan-, -ip M. 25"
siqda-, B. 30 "; uliyu s.
supr/; siqhj tang'iy M.
lI';«yJ«B.73(61)»
(s. tangis)
siti.,-p\iAO'<";=:sila-
(oder sil-ip'i)
nm-in B. 69 (39) '
sin suburqan ü.53(15)'
»•|nÄg'-Ä7(;') B. 60(22)'
singar B. 29'»
*iyl-«(7B.64(182)'»,66"
sing (cliines.) M. 77'»
singäk B. 35 "
singil B. 62 (26)»
sinng M.86*»
sizik M. 77", 86"
so M. 76' (sDsin sökiip)
subuy B. 60 (22) *
suburqan vrI. sin
stiy B. 46 " ; suy angrälc
sögülM. 7', 26"';oitt*
Ä. 24 ' ; nilapusup atly
s. 25", '»; sal s.
sük R. 31 <■'
sök-iip M. 76'
sül H. 61'"
sün; ämti sün M. 88'»
söngü M. 86*»
suu B. 69 (39) S 74
(61)* (s. därik); suu
baii M. 18'; suy-
lä-p M.86*'
«MW« M. 86 *»
stup B. 38»°
fa-ya B. 29'», B. 29";
iya t.
tai sangun (chines.) M.
18'
tati-, statt tatip M. 76'
lies tälip. von täl- =
osinan. däl- •durch-
löchern, durchboh-
ren« mit Rücksiciit
aufdieParallelstcIlen
in den chine.sischen
Beiciitformnlaren So
in dem S. 82 Mitte
zitierten Sütra: ^
^i^lg "Löcher
durch die Wände
brechen • .
tatim ; /. q{a)ra y^us
(qui) M. 20 "
faloi iigüz B. 55 (7 b)»
tamit; -ur M. 8 "
tamu B. 33 '
tang'iy; s'iqiy tangiy M.
11'
tap; tapim-ia B. 30";
tapinca B. 28'; tap-
siz B. 68(46)'
laj)- 15.36'»; bulmafy
tapmay
iap-a .M. 23", 24*; ta-
pa titril
tapay M. 15", tapay
udur^/; iapiyci M. 22'
tapcas'iz B. 37""
tapin-maq M. 15'; -u;
tap'inu-uduiw M. 15*;
tapUnqu B. 34 »
tapla-, -yai M. 21»; -yil
M. 21"; -daöi B. 54
(16)'
taqiyu M. 84 »
tarazuk M.86*'
tart-daßi B. 59(10)'
tartiy B. 40""
tavar-an M. 86*'
tavii-siz M. 76'
tavran-, -« B. 29 " ; -maq
M. 12", 12", 12'*,
! 12"
I tidiy M.26"; füiry B.
j 33'; örtük t.
j fingraytiy'B.Zh";aziy-
\ % t.
\ tinturul- B. 46«*
i tizä B. 47"
! torfM. 77"; tot; t.uiuz
\ 86"
tudus- (tnduz-), -yir B.
I 34»
tuy B. 38", 40""
toya B. 29'*
toyum M. 8'»; toqum
B. 33«
toqa B. 31*'
I toqi-yur B. 61"; -J9 M.
26'*, 100
toqidit-, -ip B. 39»°
tolqan-, -ip M. 24'
I ^4«'? B. 74 (61)»
tumsuy-luy B. 60(21)'
} ton M. 15'»
I tonanyti M. 15"
i to«^aM.24«, 25'*,26",
I 27'», ", ", '«; tonga-
lirj B. 46 "
tmguz B. 31", M. 84«
tooc (Staub) B. 39»»; t.
topray
tdjyray; tooz t. 6.39»»
titsji; asiy tusu M. 16'»
tiisus- B. 35 "
tvsqur-, toiquTr loiquru
M.26'*
108
F.W.K. Müller:
tutaya'^ M. 6», G'", 6"
iuiyaq; ämgäk tutyaq
M. 11'
tutqu B. 34*; tutqvlvrj
B. 34'»
ttituq; du tutuq M. 20
(am Ende von 3)
tutyay M. 6', 6'; tutyaq
M. 8", 8", 9», 9",
9»M3S \Z^;tutyaq-
lan-, -maq M. 11',
11'«
foyun; t. srnnnc M.19",
19'=; to^n B. 38»"
töz (Birke) B. 70(31)«
iäg-lüff B. 29"
täJc-imlig (würdig zu
erreichen, Anspruch
habend auf); s. o.
aywy. Vgl. noch 5'«?-
qa täkimlig »des
Gliicltes würdig«.
(V ä m b e ry , Kudat-
kubilikS.231 »dem
Glücke zugänglich' .)
Vgl. noch -imlig.
tägür-, -äyin M. 20 ' ;
-gäli M.15'; -sär M.
15'ä
täkräJc M. 22 2, 25";
täkräki tiri
tägsin- (tägzin) B. 41"
täl-ip M. 76'; vgl. tali-
tämirlig Rl. 25"=; t. tay
täng (gleich) B. 48";
(Wage, a. d. Chines.
f^) M. 77='^8ti"
t(ä)ngri(iäm B. 28 ', B.
30"
täv [kür^] M. 23'"
tävril-(^) M. 11"
i;(7(Zunge), -töHM.?'»
iilä-, tiläy{i)n M. 5'";
-fiär M. 155
tüär B. 35 -^
tUkü B. 31 "
tlmci M. 19»
tilngäng M. 87 ^'^ ; 6W-
<ya<y /.
tingci M. 78''; vgl.
82
lingürki-ä M. 88 "
ftr M. 25"; täkräkt
tiri
tüi M. 15', M. 99
Htrü M. 5*, M. 23",
M. 24*; tap-a t.
tiz (Knie) B. 47'«
<a6 B. 29"; tübindäharu
M. 26'»
förfÜÄ B. 58 (6) "> (t.
käris)
(ük- B. 59 (11)'
tükädi; tözü t. M. 21"";
tükäti M. 15"
ml B. 58(8)', M. 24"
tül tilsäyür
tölük; t. küc M. 25",
M. 25", 27"
tümäk B. 40""*
tünlä B. 28 ' ; tiinlä kün-
tüz M. 14»
töpü B 29"', ß. 32"
iöröi-mü B. 68(20)*
TürgiS 95. Zu ßrfi vgl.
noch Marquart.
Chronologie d. alt-
türkiscii. Inschriften
S. 39, 85.
lürk; ärk türk M. 10'^
M. 97
törtkU B. 47"
türtüngü B. 40'"=
täril-, -yür M. 5'*
lörü M. 10"»
törüci M. 19'; qari t.;
igil hilgä t. M. 19'"
tüh- (fallen) M. 4*
tüi (Frucht) 98; tüs
yimin B. 6 1 '
tusä-, -yür M. 24"
tüsriik B. 47 "
tütsM B. 40'»', 61«
iütüs-, -üp B. 47 "
tuu B. 29"
töz, täzi;/) M. 16", M.
23'"
tüz (Sippe) B. 35"»;
tüz oqus; tüz oyus
B. 35'"
tnzi M. 84 =
tüzlüg B. 68(45)», "
usw.
tözü tükädi M. 21 "»
Irazttk M. 77 "
trkin M. 22"
trs M.76'
tsun M. 77 »S 82, 86"
ü« (chines.) M. 99, 100
ya M.78"; ya qur-up
M. 86"
yadci M. 84'"
yayi M.78'"
yayuy M. 80 •*
ya^n M. 25 "
yaqis B. 61 *
yaqfi B. 60(231)»
yal; -ar M. 9"
yalmguy B. 29'", B.
31'"
yö:ZarffcM.21"'.M.22"'
yalc-tt-ip M. 81 "
y(ä)lrfin M. 76 ■*
yaÄ« ; ör< y. M. 25 "=
yatmadaSi B. 59(11)'
yalnguq M. 15»; yalng-
quq M. 14"
yalqantur-, -ur M. 23"
yaltrir, -yu B. 37"; y.
yaavyu ; yaltrtd- B.
46="
y(a)lvar-a M. 79"; yal-
trrla M. 88'»
yati; -maysiz B. 40''^'
yonJ- (81); vgl. dazu
T" u yang = seit-
wärts, schief; yan6-
dim M. 86"; yand-
tim M. 76"; yanrft-
«OT 85'"
yang (Art) B. 4P',48'«
yanga M. 20'
yanyi; y. kün M. 21'
yang'üuq M. 87 '*
yangqi{r-a?) M. 24'
yanqi (y. yantut) M.77"
yantut {yanqi y.) M.77**
yapirqaq B. 70 (31)*
yapsur-, -up B. 47";
-zun M. 100
yar B. 61'»
yaray-siz M. 81"
yariy; y. kätip M. 86*»;
yony M. 78 "'
yarim B. 68 (45) '
yarl'iy, yrly hat offen-
bar beide Bedeutun-
gen von -^ 1. Be-
fehl, 2. Schicksal.
Letzteres z. B. in
«rmc y. M. 78'", 87*«
yar tarn M.87^*; yartim
M.78"
yrval-sar M. 79*«, 83
yas B. 49"", 49*»; dz
yas; yasl'iy B. 42'*
yaäur-, -u M. 23"
yamyu B. 37"; yoAHk
y« y-
yaguy B. 37"; y(a)ru7
y-
yatjoi M.87"
yamsqtt B.40'"'; %«ay.
98
yactz M. 87 '=
yäk M.20», B. 35"
yid M. 61'; s. yU
yiq-, -niis B. 34"; iß-
qilquhty B. 28 =
Uiyurira IL
10!)
yilan B. 3F«, 35 2', •yj
84", M. 100
1/ilyi B. 43"; ^0/^1 B.
73(61)', M.100(yi7-
q[t]si) ; yilyiti B. 33 '
yinffaq M. 4 '
yt-< B.r,7(5)'
yi-tä6i B. 32»«
yii, B.5(i{14;'
yigäd-, -tiny; udtung y.
M. 21"
yigädmäklääü ; y. yjr M.
22"
yi7M.9 ■';yi7<Mwj((Tirä«m)
y(M B. 6P
yjfoj B. 71(;53)' {ykö-
män)
yinä M. SS'"
yinckä M. "24 '
yiil (yil) B. 39 »»
yrnj; B. 61"
yinik (leicht); uthiz y.
M.86»''
yinin M. 85"
yirci M. 5"; yolci yin'i
yiring B. 61°
yit-, -mäsär M. 26";
-di M.88'»
yiti (spliarf) ; y. '/ilinn
bieip M. 86«»; yti
M. 78^»
yoysnz M . 15"
yoqaru B. 29"
yoqat-dvr-taci B. 59 (it) ^
yoqlunmaqsiz B. 37 ■''
yo/ M. 4^ 4', 4\ 5",
10"; •x,a«7 W; ö.
33*
yo/c't M.5"; yolci yirci
yii-, yuyup M. 77 ''',
yu-tum (ytt-dum) M.
86*', \vi) t und f/ in-
einaiiflergesclirieben
sind, lies: ar\i\iim
yu-tum und vgl. M.
7728. yun-up B. 42'2
yubiy {sat'vy y.) M.772^,
86*2
yumus-ci B. 72 (35)'
yonyay M. 76 °
yungal-dim M. 86*'
yM^ M. 76"
yi/te M. 76', JM.8')22
y«r««(7B.44", 59(1 1)'
60(21)»
yiidiig M. 19"
PhU..hii,t Klass>^. 1910. Abh. III.
15
110 F. W. K. M ü L L E R : f U(juri(:a IL
Inhaltsverzeiclmis.
Seite
111.2. Die Nidänareihe uach zwei Versionen 4, 7
3. Die a Erscheinungsformen des Avalokite.svara 14
4. Die Gattenwalil der Bhadrä 20
Der Kampf zwischen Bimbasena und dem Dämon Hidimba 24
5. Die Bannformel Sarva durgaii parisodharia-rismsa vijayä-dhäram ; uigur. : alqv. ay'iy
yaviz yolrlariy artuqraq uz afitdaci .... usnisa vicai atly darrii 27
6. Die Bannformel Ärya-{sarva-^tathägata-uimisa-sitätapaträ näma aparSjitä-dhäram ;
uigur.: alqu aniolayu kälmis-lär-ning usnir-laksan-tar-intin nnmis adi kötrülmis sitata-
padri atly uisuqmaqsiz darni 50
7. Sündenbekenntnis der buddhistischen Laienschwester {upäsikä) Üträt .... 76
8. Sündenbekenntnis der l)uddliistischen Laienschwester Qutluy nebst Tochter und
Sohn 84
9. Nachträge und Verbesserungen zu den Uigurica 1 (Abh. 1908) 90
10. Verzeichnis der wiclitigei'en türkischen Wörter 103
K. Preuß. Akad. d. Wissensch.
W'-m^jr
Titelblatt der Sität
F. W. K. Müll
Phil.-hist. Abh. 1910.
mlhärani (vgl. S. soft".).
ünirieaH. Taf. I.
K. Preu/.!. Akad. d. Wissensch.
4 J
9 10 II 12 13 14
15 16 17
H.-T ; . !•.
.■^' . «:pr'-
Sündenbekenntnis der buddhistischen Laier
F. W. K. Müllei
'.«8 1 9
20 21
Biil.-hist. Abh. 1910.
'' '' "^ 30 3. 3. 33 34
m m
ster üträt. Erste Hälfte (vgl. 8. 76-78).
rica U. Taf. IL
■i^:
^1
K. Preiiß- Akad. d. Wissensch.
36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51
Sündeiibekenntnis der buddhistischen Lai<
F.W. K.MülI(
53 54
56
58 59
Phil.-hist. Abh. 1010.
6o 6i 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72
ti 1' ff f|:^
ester TTträt. Zweite Hälfte (v-1. S. 78— Si).
rurica II. Taf. III.
ANHANG.
ABHANDLUNGEN NICHT ZUR AKADEMIE GEHÖRIGER
GELEHRTER.
Die Münzen von Pergamon.
Von
Dr. HANS VON FRITZE.
PhU.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. 1.
Vorgelegt von den HH. Conze und Dressel in der Sitzung der phil.-hist. Klasse
am 13. Januar 1910.
Zum Druck verordnet am 10. Februar 1910, ausgegeben am 9. Juni 1910.
Uie Münzprägung von Pergamon, welche um die Mitte des V. Jahrhunderts
V. Chr. beginnt, umfaßt einen Zeitraum von rund siebenhundert Jahren und
gehört entsprechend der schnell und in die Weite wachsenden Bedeutung
des Gemeinwesens zu den wichtigsten der kleinasiatischen Griechenstädte.
Ein Umstand hebt Pergamon aber noch Ober viele von ihnen heraus, nämlich
daß hier neben der städtischen Münze reiche Immissionen von Königsgeld
ihren Ursprung fanden. Wie anderen Zentren des hellenischen Ostens, so
verdanken wir der Stadt ferner eine glänzende Reihe von Kaisergeprägen,
die für das Studium des politischen, religiösen und künstlerischen Lebens
dieses auch nach der hellenistischen Periode hervorragenden Kulturmittel-
punktes ein umfassendes, fast un verwertetes Material darbieten. Denn trotz
des Interesses, das die numismatische Wissenschaft seit mehr als einem
Jahrhundert literarisch an Pergamon betätigte, besitzen wir nur sehr wenige
brauchbare Vorarbeiten. Neben Aufsätzen, die einzelne Typen behandeln,
und verstreuten Notizen in anderem Zusammenhange ist es nur eine Mono-
graphie, die einen ersten, wirklich erfolgreichen Vorstoß zur Ordnung und
Ausbeutung eines Teiles des umfangreichen Stoffes unternimmt, Imhoof-
Blumer's grundlegende Abhandlung: »Die Münzen der Dynastie von Per-
gamon« (Abh. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1884). Aber auch diese bedarf heute
einer Revision, da seitdem in der planmäßig für das Corptis nummorum
angelegten Abdrucksammlung ein wesentlich größeres Material zu Gebote
steht. Ebenso ist es mit den übrigen Serien. Für die vorliegende Arbeit
konnten etwa zweiundeinhalbtausend Münzen in Originalen und Abdrücken
benutzt werden. Das Ziel der nachfolgenden Abhandlung soll aber nicht
so weit gesteckt sein, daß allen Problemen, welche sich hieraus ergeben,
bis ans Ende nachzugehen wäre; sie soll vielmehr dem augenblicklichen
Stande der Forschung entsprechend die wesentlichen Fragen aufwerfen und
nach Möglichkeit beantworten. Soweit der Verfasser mit eigenen Studien
vorgedrungen ist, werden deren Ergebnisse hier teils unter Hinweis auf
1*
4 H. vonFritze:
die erfolgte Veröffentlichung zusammengefaßt, teils kurz begründet. Sie
erstrecken sich u. a. auf die Chronologien der vorchristlichen und der nicht
durch Kaiserportraits datierten Gruppen nachchristlicher Zeit, auf das auto-
nome städtische sowie auf das königliche Geld und auf verschiedene Kaiser-
prägungen. Die Typen aller dieser Emissionen sind entweder einzeln be-
handelt oder in Kategorien vereinigt. Den Schluß bilden Kapitel über die
Beamtennamen und -titel sowie über die Homonoiamünzen.
Die vorkaiserlichen Münzen.
A, Die autonome städtische Prägung. ' ' '
Für alle Untersuchungen, soweit sie vorkaiserliche Münzen angehen,
muß zunächst eine Basis durch die Feststellung ihrer Chronologie ge-
wonnen werden. Bezüglich des städtischen Geldes von Pergamon ist das
in der Corolla Numismatica {Oxford 1906), S. 47 — 62 geschehen. Daher be-
darf es an dieser Stelle nur einer kurzen Rekapitulation der dort nieder-
gelegten Resultate ohne Begründung: um die Mitte des V. Jahrhunderts
V. Chr. tritt Pergamon mit einer beschränkten Silberemission kleinasiatischer
Währung in die Münzprägung ein. Das größte Nominal ist im Gewicht
von ca. 1,50 g ausgebracht (Taf. I, i) und von diesem kennen wir Hälften
(vgl. Corolla Numism., Taf. II, 2) und Drittel (hier Taf. I, 2). Ihre Ausgabe
fällt unter die Herrschaft des Gongylos, die auch der ideale Satrapenkopf
mit persischer Mütze auf der Rückseite der beiden größeren Stücke andeutet
(Taf. I, 1 ). Die Kupferprägung setzt gleichfalls mit einem kleinen Nominal
ein, und zwar um 400 v. Chr. (Taf. I, 3. 4. 5). Eine etwas jüngere Gruppe,
welche zum Teil die alten Silbertypen wiederholt, dürfte dem Anfang des
IV. Jahrhunderts v. Chr. ihre Entstehung verdanken (Taf. I, 5 ; vgl. Corolla
Numism., S. 49, Taf. II, 6. 7).
Nach einer längeren Pause, anscheinend erst unter der Oberhoheit des
Lysimachos ', findet in Pergamon wieder eine selbständige Geldemission statt
' P. Gardner schließt sich in seiner wertvollen Studie 'The Geld Coinage qf Asia hrfore
Alexander (he Great< {Proceed. of ihe Brit. Acad. Vol. III, January 2p, 1908, S. 30) der von Six
{Num.Chron. 1890, S. I99f.) vorgeschlagenen Datierung dieser Münzen in die Zeit des jugend-
lichen Herakles, Sohnes Alexander's und der Barsine an, deren Unwahrscheinlichkeit schon
{Corolla Numism., S. ^o f.) hervorgehoben wurde.
Die Münzen von Pergamon. 5
und nun, im Einklang mit der gesteigerten Bedeutung der Stadt, gleich-
zeitig in den drei Metallen. Während in Gold ein Stater von ca. 8,60 g
(Taf. I, 7) sowie dessen Viertel von 2,21g (Taf. I, 9) die durch das Alexander-
geld verbreitete attische Währung repräsentieren und an dieses auch mit
dem Heraklestypus ihrer Vorderseiten anknüpfen, ist ein Drittelstück mit dem
Athenakopf im Gewicht von 2,85 g (Taf. I, 8) wohl als ein lokalen Verhält-
nissen entgegenkommendes Ausgleichsnominal mit anderen einheimischen
Systemen zu betrachten. Entsprechende kleine Silber- (Taf. I, i o) und Kupfer-
münzen (Taf. I, 6. 1 1 ) schließen sich diesen Goldprägungen an. Über das
Palladion als Rückseitenbild des Gold- und Silbergeldes vgl. unten S. 3 5 ff.
Stilistische Beobachtungen stellten nunmehr den nicht unwichtigen
Umstand fest, daß auch im Laufe des III. Jahrhunderts v. Chr., also zur
Zeit der ersten Attaliden, autonome städtische Scheidemünze gescliaffen
wurde, eine Bestätigung der schon aus den Inschriften bekannten Tatsache,
daß das Volk von Pergamon, offiziell wenigstens, als souveräner Faktor
neben dem Könige galt. Das hieraus entspringende Hoheitsrecht der
eigenen Prägung beschränkt sich freilich fast ausschließlich auf die Emission
von Kupfergeld (im III. Jahrhundert v. Chr. stets mit dem Athenakopf auf
der Vorderseite; Taf. I, 13. 14) für den Markt- und Lokal verkehr. Das
in Tetradrachmen bestehende Kurant behält die königliche Vormacht für
sich. Das II. Jahrhundert v. Clir. bringt in Typen und Zahl eine Vermeh-
rung für die städtische Kupferprägung (Taf. I, 12. 15 — 17. 19. 22. 23), der
sich später ganz seltene kleine Silbermünzen ' zugesellen (Taf. I, 21). Neben
der noch den Vorrang behauptenden Athena treten hier zuerst Asklepios
und seine Attribute hervor, vereinzelt auch Hygieia und ApoUon. Ein
Kupferstück mit Athenakopf und Eule im Kranz (Taf. I, 19) findet in-
folge seines Rückseitentypus eine bestimmtere Datierung, da es sich als Fest-
prägung gelegentlich der Neugründung der Nikephoria 183 v. Chr. erweist.
Mit größter Wahrscheinlichkeit dürfen ferner alle mit den Aufschriften AeHN Ar
NiKH*oPOY (Taf. I, 20. 2 1. 25 — 27) und aikahhioy znTHPOZ (Taf. 1,12.
15. 18. 24) oder AZKAHniOY kai ytieiaz (Taf. I, 23), seil, nömicma, kömma,
versehenen Exemplare als zum Zweck der Bewältigung des Messenverkehrs
.' Die von mir (CoroUa Numism., S. 54, Anm. 4. 55, Taf. II, 23) veröffentlichte Silbermünze
mit Asklepioskopf und Schlangenstab ist, wie ich mich überzeugt habe, nach einem
Bronzestück gegossen, so daß an autonomem Silber der Zeit nur der Typus: Athenakopf
und Eule (ebenda Taf. U, ^y, hier Taf. 1, ai) übrigbleibt.
6 H. vonFritze:
ausgegebene Festmünzen angesehen werden. Von den Geprägen dieser Zeit
tragen einige auf den Vorderseiten ausgeschriebene Beamtennamen, und zwar:
AeHNAlOY (Berlin), ahmhtpioy (Taf. I, i 2 ; Brit. Cat. Mysia\ Taf. XXVI, 9),
AiOAnPOY(Taf.I, 22)'^ Mi0PAAATOY(JSn/. Ca^., S.127, i29ff.), eni nEPrAMOY
(vgl. Corolla Numism., Taf. 11, 18), zeaeykoy (vgl. Brit. Cat., Taf. XXVII, 2),
XOPEIOY {Brit. Cat., S. 128, 143).
Der letzten Königsperiode fällt ebenfalls autonomes Stadtgeld zu, und
zwar von weit schlechterem Stil, als in der Epoche des Eumenes II. (Taf. I,
20. 21. 24 — 27). Gewisse Eigentümlichkeiten der weiblichen Haartracht,
welche auch die spätesten Tetradrachmen charakterisieren, geben hierdurch
volle Gewißheit über diese zeitliche Ansetzung (vgl. Corolla Numism., S. 57
und 59) und angesichts der Traditionen des Attalidenhauses in seinem Ver-
halten zum Demos ist auch der Fortbestand des städtischen Münzprivüegs
bis zum Ende der Königsherrschaft von vornherein zu erwarten. Ob sich
Serien dieser allein übrigen Scheidemünze vielleicht noch in die Zeit der
Provinz Asia, also nach 133 v. Chr., hineinziehen, ist nicht zu entscheiden,
aber unwahrscheinlich. Will man annehmen, daß Rom in der oft befolgten
klugen Politik der Anpassung an bestehende Zustände auch das Prägevor-
recht von Pergamon respektierte, so liegt an und für sich freilich kein
Grund vor, warum nicht wenigstens bis zur Invasion des Mithradates VI.'
pergamenisches Stadtgeld ausgegeben sein sollte. Für so lange Zeiträume
reichen aber die vorhandenen Varietäten nicht mehr aus, wenn auch der
Stil von Stücken wie Taf. I, 28 nicht gegen eine Heruntersetzung ins I. Jahr-
hundert V. Chr. spricht. Deshalb drängt sich die Vermutung auf, daß mit
der Errichtung der Provinz die autonome Stadtprägung von Pergamon ein
Ende fand.
' Wo es sich im folgenden um den Band 'Mysio' des Catalogue of the greek coins in the
Brit. Mus. handelt, ist nur zitiert: Brit. Cat.
' Hepding (Athen. Mitt. 1907, S. 243) nimmt die Identität des AIOAQPOC HPfllAOY
riACriAPOC der Inschrift Nr. 4 mit dem obengenannten Diodoros der Münzen als wahr-
scheinlich an. Das wird aber dadurch wenig glaubhaft, daß die Inschrift vermutUch den
ersten Jahren nach 133 v. Chr. angeliört, während jene aus den ersten Dezennien des
II. Jahrhunderts v. Chr. stammen.
' Einen übersichtlichen Abriß dieses Zeitabschnitts gibt Hepding, Athen. Mitt. 1909,
S. ZU ff-
Die Münzen von Pergamon. 7
B. Das attalisehe Silbergeld.
In seinen »Münzen der Dynastie von Pergamon« hat F. Imhoof- Blumer
die Aufeinanderfolge der sich über anderthalb Jahrhunderte erstreckenden
Tetradrachmenausgabe im ganzen unwiderleglich festgestellt. Das mir vor-
liegende, mehr als dreimal so große Material bringt zwar eine Anzahl neuer
Stempel, die aber wiederum nur die Richtigkeit seiner Anordnung beweisen
und seine Reihen im wesentlichen unberührt lassen. Anders steht es mit
der Verteilung der Typenserien auf die verschiedenen Attaliden. Hier
hat sich für die Emissionen der ersten drei Herrscher eine abweichende
Gruppierung ergeben, deren Begründung in kurzen Zügen vorgetragen wer-
den soll:
1 . Philetairos prägt mit dem Kopf des vergöttlichten Seleukos I. (Taf. II,
1.2), da er zwar Souverän von Pergamon, aber von der Macht der Seleukiden
abhängig ist. Mit dem Tode des Philetairos im Herbst 263 v. Chr.' schließt
diese Gruppe ab.
2. Eumenes I. nämlich erhebt sich 262 v. Chr.'^ im zweiten Jahr seiner
Regierung, gegen Antiochos I., den Sohn und Nachfolger des Seleukos I.,
den er in einem Treffen bei Sardes aufs Haupt schlägt. Es würde der
antiken Tradition widersprechen, wollte man annehmen, daß angesichts
dieses Momentes, der Abschüttelung der syrischen Vorherrschaft, Eumenes I.
noch eine Weile mit dem Bilde des in seinem Sohne getroffenen Seleukos I.
gemünzt habe. Vielmehr ist dies der Augenblick, wo mit Notwendigkeit
das Portrait des vergöttlichten Dynastiegründers Philetairos erscheinen mußte,
welches das Silber des nunmehr unabhängigen Staates schmückt (Taf. II,
3. 4) und ihn dadurch als solchen kennzeichnet (vgl. Hill, Historie, gr. coins,
S. 1 2 5 f.). Ja, es ist sehr wohl denkbar, daß Eumenes I. mit der Prägung
dieses revolutionären Typus seinen Abfall von Antiochos I. inauguriert und
offiziell kundgetan habe. Die untere Grenze für die Gruppe wird durch
das Auftreten des mit einer Binde umwundenen Lorbeerkranzes auf dem
Kopf des Philetairos bestimmt (Taf II, 5). Die bisher genannten Serien
zeigen sowohl bei dem Seleukosportrait, als auch bei dem Philetairosbilde
auf den Münzen des Eumenes I. eine runde, strickartig gedrehte Binde,
* Vgl. Droysen, (Jesch. des Hellenismus*, Bd. III, i, S. 377, Anm. 3.
' VgL Droysen, a.a.O. S.378, Anm. i, Staehelin, Gesch. der kleinas.6alater*, (1907),
S. 18 f.
8 H. vonFkitze:
die dort (Taf. ü, i. 2) ohne, hier (Taf. II, 3. 4) mit fliegenden Enden er-
scheint. Anders wird es bei dem nunmehr eingeführten Lorbeerkranz mit
umgeschlungener Binde, einem Kopfschmuck, der in Zusammenhang steht
mit dem Regierungsanfang des Attalos I. (vgl. Taf. II, 5).
3. Dieser nimmt bald nach Beginn seiner Herrschaft im Anschluß an
den großen Sieg über die Gallier den Königstitel an'. Auf beide Ereig-
' Das früheste Datum für den ersten großen Galatersieg ist nicht mit Bei och (Gr.
Gesch., Bd. III, 2, S.46if.), demCardinali {11 regno di Pergamo, S.arff. 115) undStaehe-
lin, Gesch. d. kleinas. Galater^, S. 23f. ) folgen, bis mindestens 237, wahrscheinlich sogar
ca. 230 V. Clir. herabzu rücken. Zunächst ist Beloch's Annahme, daß der erste Sieg Ober die
Galater zeitlich eng mit den Kämpfen gegen Antiochos zusammenhängt, durch nichts zu be-
weisen. Die Funde in Perganion haben nicht nur nicht das geringste dafür, sondern viel-
mehr das Gegenteil ergeben, da eine besondere, dem Kaikossiege geltende Anathem-Inschrifl
zutage kam. Dies deutet auf eine zeitliche Trennung der Schlachten an den Kaikosquellen
und am Aphi'odision hin, da nur eine längere Kampfespause jene Weihung erklärt und
Attalos Gelegenheit geben konnte, die Großtat künstlerisch, und zwar in einem Denkmal
von großem Umfange, zu verewigen (Inschrift bei Fränkel, Inschr. v. Perg., Nr. 20 =
Dittenberger, O.G. LS., Nr. 269). Dazu paßt aufs beste, daß, wie Cardin all (a. a. 0. S. 2if.)
erkannt hat, der i)ergamenisch-galatische Kampf gar nicht mit dem seleukidischen Bruder-
kriege in Verbindung stand. Erst als Antiochos die Hände frei bekommt, erheben die Galater,
die sich ohne den Bundesgenossen zu schwach fühlen, ihre Waffen gegen Attalos. Ebenso-
wenig überzeugend ist aber auch Beloch's unbegründete Behauptung (a.a.O., im Anschluß
an U. Köhler), daß Attalos erst durch den Sieg über Antiochos die Herrschaft über Klein-
asien »und damit die Berechtigung, den Königstitel anzunehmen», gewonnen habe. Mit
größerer Wahrscheinlichkeit ist dem vielmehr entgegenzusetzen, daß der geeignete Augen-
blick, sich BACiAe-fc zu nennen, für ihn der war, als er, der erste kleinasiatische Herrscher,
das Joch der Abhängigkeit durch Verweigerung des drückenden Tributes abschüttelte und
sich nach Besiegung der Galater vom Vasallen zum König aufschwang. Dieser Machtzuwachs
der Freiheit war in erster Linie Vorbedingung zum bacia6'»'C, nicht Landerwerb. Und wenn
Beloch meint, daß Attalos auf seinem Siegesmonunient die Erfolge über die Galater und
Antiochos zusammen verherrlicht habe, so gilt das eben nur für das spätere Gesamtanathem.
War der Sieg über die Tolistoagier allein an den Kaikosquellen nicht der entscheidende, so
muß Beloch beweisen, daß Attalos auch nachher tributär, also abhängig blieb. Dies wird
ihm aber angesichts der Siegesinschrift (a. a. O. Nr. 20) schwer fallen. Die Niederlage am
Aphrodision beendet nur einen Rachezug und sichert das bereits gewonnene Königtum.
Damit gewinnt die alte Datierung, daß der erste Galatersieg bald nach dem Regierungsantritt
des Attalos 1. stattfand, wieder ihren Platz, der das kai TÖTe nPWTON bei Polybios (XVIII,
41, 7, ed. Büttner -Wobst) durchaus nicht widerspricht. Hiermit allein ist auch die von
Staehelin (a.a.O., i.Aufl., S. 28) hervorgehobene Tatsache zu vereinen, daß auf allen er-
haltenen Siegesinschriften des Herrschers der Königstitel steht. Wie sein Vorgänger Eumenes 1.
sich sogleich gegen die seleukidische Vormacht erhebt und damit den ersten Schritt zur
Selbständigkeit unterniimnt, so krönt Attalos I. das Befreiungswerk durch eine sofortige Ab-
werfung des galatischen Joches.
Die Münzen von Pergamon. 9
nisse deutet die Kombination des Kopfschmucks. Der Ix>rbeerkranz als
Symbol des Sieges ist bekannt. Die mit ihm vereinigte Binde ist das
Königsdiadem, das wir sonst bei den Portrait« der hellenistischen Fürsten
als einzigen Schmuck finden. Vergleicht man nämlich diese Königsbinden'
mit der ebengenannten pergamenischen, so wird die volle Übereinstim-
mung der Form deutlich : sie bestehen aus einem breiten und flachen Band,
das an den beiden Rändern mit einem schmalen Galon oder eingewebten
Paspel versehen ist, und dessen Enden häufig in Fransen auslaufen^. Eine
interessante Nachricht bringt uns nun die Bestätigung für die Richtigkeit
der oben gegebenen Erklärung. Die bekannte Szene bei dem römischen
Luperealienfeste, als C. lulius Caesar das Königsdiadem angeboten wird, er-
gänzen die Quellen durch die Mitteilung, daß auf dessen Statuen eine
unbekannte Hand gesetzt habe cornnain lauream Candida fascia praeliyata
(Sueton, Caesar, 79, ed. Ihm). Sogleich verfugen die Tribunen die Ent-
fernung der fascia, lassen den Lorbeerkranz aber an seiner Stelle. Denn
jene koimten die römischen Behörden als königliches Abzeichen nicht auf
seinem Bilde dulden. Daß es sich um die Königsbinde handelt, ergibt der
Zusammenhang, und wird ausdrücklich von Plutarch {Caes. 61 ed. Sintenis)
bezeugt, der kürzer von den XNAPiÄNxec aiaai^macin ANAAeAew^Noi ba.ciaikoTc redet
und vorher von Antonius berichtet, daß er dem auf dem Forum thronenden
Caesar angeboten habe aiAamma cre^ÄNO) aX*nhc nepinenAerw^NON^. Der kom-
binierte Kopfschmuck war also nichts Neues, sondern hatte sein Praeredens
in hellenistischer Zeit, wie unsere Tetradrachmen dartun'.
' Z. B. Brit. Cat. IhnlM usw., Taf. VIII, 2 ff., Taf. XXXVIII, 10, XXIX, i ff.; Brit. CcU.
Ptolemie^, Taf. II, 4ff., III, 8; Brit. Cat. Seleucifl King.i, Taf. III, 2 ff., VIII, i.
* Vgl. Darembei-g-Saglio, Dictionn., Bd. II, i. S. 120: un ruban bordS en haut et en bas
cPtm Jeff er galon et ßrangS ä aes extrAnitSs.
* Dem Umstände, daß nach Hiesem Wortlaut im Gegensatz 7.11 den Miinzbildern imd zu
Sueton (a.a.O.) der Kranz um die Binde und dicht die Binde um den Kranz geschlungen
ist, wird man keinen Wert beizumessen haben; es liegt wolil ein Flüchtigkeitsversehen vor.
* Hier haben wir eine äußere Bekräftigung fiir die Anschauung, daß Caesar nicht mehr
und nicht weniger erstrebt habe, als »eine griechisch-römische baciagia ... im Westen ein-
zurichten«. .So Kornemann (Beitr. z. alt. Gesch. {K'lio], Bd. I, S. 95), der hinzufügt, daß er
sich eigentlich in allem an die In.«itutionen des hellenistischen Ostens anlehnte, imd 8. 96
noch besonders betont, wie Caesar's göttliche Verehrung, die er in Rom duldete, genau helle-
nistischen Kulten entspreche. Kr zitiert gei-ade <len j)ergamenischen, der sieh im Kult der
römischen Procf/umtUs fortsetze. Vielleicht lag in dem mit der Künigsbinde lunwundenen
Lorbeerkranz eine bewußte Anknüpfung an den Uöiiigliciien Kopfschmuck der Attaliden.
PluL-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. I. 2
10 H. vonFritze:
4. Die Verbindung von Siegeslorbeer und Königsdiadem bleibt fiir die
Silberprägung der Attaliden bis zum Ende ihrer Herrschaft bestehen, mit
Ausnahme einer Gruppe, in welcher der einfache Lorbeerkranz an ihre Stelle
tritt (Taf. II, 7 — 10). Diese Serie ist übereinstimmend im Anschluß an
Imhoof in die Zeit des Attalos I. gesetzt worden. Nur waren die Mei-
nungen geteilt, ob sie gleich nach seinem Regierungsantritt oder erst nach
den großen Siegen der zwanziger Jahre des HI. Jahrhunderts v. Chr. aus-
gegeben sei. Durch unsere oben unter Nr. 3 begründete Datierung wird
der zweite Termin festgelegt. Zugleich nämlich mit dem Erscheinen des
einfachen Lorbeerkranzes auf der Vorderseite findet der Typenwechsel auf
der Rückseite statt. Athena hat nicht mehr den Schild vor sich stehen,
sondern lehnt den linken Arm auf ihn und bekränzt mit der Rechten den
vor ihr angebrachten Namen <t>iAETAiPOY (Taf. II, 7. 9). Die Festfeiem,
welche Attalos nach Besiegung der Gallier und des Antiochos Hierax ver-
anstaltete, galten — das lehren uns die Inschriften — den sämtlichen
Kriegstaten seiner Regierung (vgl. H. Gaebler, Erythrä, S. 45f., 5of.).
Athena erhält den Beinamen nikh4>opo5:, ihr werden die Nikephorien in
dem neugegründeten Nikephorion gestiftet. Zur Verherrlichung der könig-
lichen Feldzüge entstehen zahlreiche Denkmäler, Skulpturen, Gemälde, In-
schriften. »Sieg« und wieder »Sieg« tönt es nach 226 v. Chr. nicht nur
in Pergamon, sondern weit hinaus in die griechische Welt. Unter diesen
Umständen ist es wohl begreiflich, daß Attalos I. den Schritt wagte, den
bereits Kredit besitzenden Typus der Tetradrachmen zu verändern, freilich
nicht so sehr in die Augen fallend, daß es seinem klugen Geschäftssinn
als bedenklich hätte erscheinen können'. Die Siegbringerin Athena mit
dem Kranz in der Hand ersetzte die ruhig mit ihren Waffen thronende
Göttin der bisherigen Emissionen. Und daraus erklärt sich auch ohne
weiteres die Einführung des einfachen Lorbeerkranzes auf der Vorderseite.
Das Bild des Philetairos erhält denselben einfachen Siegeslor-
beer, mit welchem Pallas auf der Rückseite seinen Namen be-
kränzt. Demgegenüber konnte das königliche Abzeichen in dieser Zeit der
' Schon Imhoof hat (a. a. O. S. 37 f.) das Festhalten an dem Philetairoskopf aus dem
Bestreben der Attaliden erklärt, nach Analogie der Alexander-, der Ptoleinäer- und der Lysi-
machosprägungen »die Philetairosinünzen zu einer weithin akkreditierten Verkehrsmünze« zu
stempeln, zu deren Eigenschaft in diesem Sinne auch »das gänzliche Fehlen silberner Teil-
münzen« stimme.
Die Münzen von Pergamon. 11
alles beherrschenden Siegesstimmung zurücktreten und mußte es sogar, wenn
man die Siegesprägung, um sie scharf als solche zu kennzeichnen, von den
vorhergehenden Serien äußerlich unterscheiden wollte. Denn diese tragen
den Lorbeer nur als Beiwerk neben dem Diadem, jene sollte durch ihn
allein den Sieg zu voller Anschaulichkeit bringen. Somit erhalten wir die
lange Reihe der Tetradrachmen mit einfachem Lorbeerkranz für die zweite
Hälfte der Regierung des Attalos L, während der zu ihr leitende Über-
gangstypus (Taf. II, 6) etwa in die Mitte seiner Herrschaft fallt.
5. Hat sich für die ersten drei Regenten des Hauses nun mit genügen-
der Sicherheit die Zuweisung des Silbergeldes vornehmen lassen, so wird
die Teilung des Münzbestandes zwischen Eumenes U. und Attalos II. nicht
über eine gewisse Wahrscheinlichkeitsrechnung hinauskommen. Imhoof
schreibt Eumenes II. die Serie mit den wechselnden Monogrammen und
Beizeichen zu (a, a.O. Taf. I, 1 2 ff. ; hier Taf. II, i 2. i 5), und wir schließen uns
ihm darin an. Innerhalb dieser Gruppen bemerkt man eine Änderung in
der äußeren Erscheinung der Tetradrachmen : der Perlkreis der Vorderseite
verschwindet und eine allmählich fortschreitende Vergrößerung des Schröt-
lings, die mit seiner Verflachung zusammengeht, wird bemerkbar (vgl,
Imhoof, a. a.O. S. 19, Taf. II, 16—24; vgL hier Taf. II, i3ff., III, i. 2. 4).
Daß diese Eigentümlichkeiten in der Tat der Epoche angehören, lehrt die
Vergleichung mit den Großsilberprägungen der pontischen und bithynischen
Könige, die — auch politisch in Verbindung mit Pergamon — hier gut
herangezogen werden können. Bei den pontischen Tetradrachmen fallt jener
Wechsel in der Gestalt des Metallstücks in die Zeit des Mithradates III.
(ca. 220 — 185 V. Chr.), aber die eigentlich flachen Serien werden allgemein
erst unter Phamakes I. (ca. 185 — 169 v. Chr.; vgl. Babelon und Reinach,
Recueil general des Monn. gr. d'Asie min., Bd. I, i, Taf. I, 2 — 6 und 7 — 10).
Ähnlich ist es in Bithynien: unter Prusias I. (238? bis ca. 183 v.Chr.)
überwiegt noch der kleinere Schrötling, während das Silbergeld des Prusias II.
(183? — 149 v. Chr.) bereits durchgehends breit und flach geformt ist (vgl.
Babelon und Reinach, a. a. O. Bd. I, 2, Taf. XXIX, 10—13. '4 — ^6,
Taf. XXX, I — 6). Für Pergamon ergibt sich aus dieser gleichartigen Ent-
wickelung femer, daß das Unikum mit dem Bilde des Eumenes IL (Taf. II, 1 4),
falls es aus den Werkstätten von Pergamon hervorging, erst gegen Ende
seiner Regierung entstanden ist, wie auch eine Vergleichung mit den an-
dern Prägungen der Reihe, z.B. Taf. II, 15, sofort erkennen läßt.
12 H. VON Fritze:
Was die ersten Münzen Eumenes' II. angeht, so werden sie nicht mit
voller Sicherheit zu bestimmen sein. Wenn die Möglichkeit auch nicht zu
bestreiten ist, daß innerhalb der pergamenischen Tetradrachmenserie ein
neuer Regent mit den ganz unveränderten Typen seines Vorgängers weiter-
prägt, so wird man doch nach den bisherigen Erfahrungen zunächst an-
nehmen, daß sich der Regierungswechsel in irgendeiner Äußerlichkeit kund-
tut. Eine solche liegt hier in dem Aufgeben des einfachen Lorbeerkranzes
zugunsten seiner Kombinierung mit dem Königsdiadem vor (vgl. Taf. II,
1 1 — 13). Sucht man nach einem Grunde dafiir, so liegt der Gedanke nahe,
daß Eumenes II. keine Ursache hatte, sich bei seiner Thronbesteigung mit
dem einfachen, Sieg bezeichnenden Lorbeer zu zieren, wie ihn sich Attalos I.
durch seine Taten erworben hatte. P]r kehrt deshalb unter Betonung des
königlichen Abzeichens zu der von seinem Vorgänger nach Annahme des
Titels BACiAe-»'c gewählten, bereits weit und breit bekannten Kombination des
Kopfschmucks zurück, die nun bis zum Ende der Silberprägung beibehalten
wird. Bei dieser Annahme gewinnen wir die von Imhoof (a. a. 0. S. 27,
Taf. I, 10. 11) zweifelnd Attalos I. oder Eumenes II. zugewiesene Gruppe A. V
(hier Taf. II, 1 1) fär den letzteren. Auch eine in den beiden Serien Imhoof 's
(A. V und A. VI; vgl. ebenda Taf. I, 1 1. 12) nachweisbare gleiche Künstler-
hand könnte vielleicht unter den genannten Umständen für ihren nicht durch
einen Thronwechsel gestörten Zusammenhang sprechen.
6. Der Beginn der Münzprägung des Attalos II. ist von Imhoof (S. 35f.)
mit dem Erscheinen der großen, flachen Tetradrachmen in Verbindung ge-
bracht worden, dem zugleich ein starker Verfall des Stiles zur Seite geht
(Taf. U, 15; III, I. 2. 4). Wenn sich auch in den Details der Rückseite bei
den spätesten Geprägen des Eumenes IL bereits eine zunehmende Nach-
lässigkeit der Arbeit ausspricht, was besonders augenfällig in der Form des
Löwenbeines am Stuhl zu erkennen ist (vgl. Imhoof, a. a. O. S. 19, Taf. II,
19. 20), so beginnt mit dem letzten Abschnitt eine fast zur Karikatur
werdende Verschlechterung des Stils. Das gilt vor allem für die Rück-
seite (vgl. hier Taf. III, 4); aber auch der zunächst noch sorgfaltiger be-
handelte Philetairoskopf zeigt schon vielfach eine flache und harte, mecha-
nische Wiedergabe (vgl. Taf. II, 15; III, 4) , die schließlich zu völliger
Verwilderung ausartet (vgl. Brit. Cai., Taf. XXV, 2). Wenn wir fast aller-
orten etwa von der Mitte des II. Jahrhunderts v. Chr. an eine starke
Abnahme künstlerischer Leistungsfähigkeit wahrnehmen, so ist dabei die
Die Münzen von Pergamon. 13
politisclie Dekadenz als Hauptfaktor bestimmend. Denn z. B. die Tetra-
draehmen des Mithradates VI. stehen größtenteils noch auf einem weit
besseren Niveau, als die letzte Gruppe der mehrere Dezennien vorher ent-
standenen pergamenischen Stücke (vgl. Babelon und Reinach, a. a. O.
Taf. II). Inwieweit an diesen noch Attalos III. beteiligt ist, läßt sich nicht
sagen. Man wird jedoch nicht ohne weiteres seiner Regierung jede Emissions-
tätigkeit absprechen wollen. Eine Zuteilung bestimmter Münzen in die tiinf
Jahre seiner Herrschaft würde aber für unsere Zwecke keinen nennenswerten
Gewinn bedeuten. Doch liegt es nahe, die wenigen letzten, ganz rohen
Stempel (vgl. Brit. Cat., Taf. XXV, 2) für Attalos III. heranzuziehen, dessen
Vernachlässigung aller Staatsangelegenheiten zu den sehr unerfreulichen Tat-
sachen gehört, die uns die Tradition über ihn aufbehalten hat.
Haben wir somit eine im großen feststehende zeitliche Anordnung
der königlichen Silbermünzen erzielt', so muß noch mit einem Worte auf
die Zahl der bekannten Stempel und ihre Verteilung auf die einzelnen
Regenten eingegangen werden, wie sie das Studium von 287 in Originalen
oder Abgüssen vorliegenden Exemplaren ergeben hat. Diese entstammen
141 verschiedenen Stempeln, die sich nunmehr folgendermaßen gruppieren:
Anzahlder
Regi
erungsjahre
Stempel
Exemplare
Philetairos
17
7
24
Eumenes I.
22
9
24
Attalos I.
44
63
iiS
Eumenes 11.
38
44
94
Attalos IL, III.
26
i8
27
Zusammen
147
141
287
Wenn sich Exemplare und Stempel auch andauernd vermehren werden,
so ist das jetzt vorhandene Material doch ausreichend, um das numerische
Verhältnis im ganzen als maßgebend anzusehen. Daraus ersieht man fol-
gendes: dem geringen Umfang des Reiclies und seinem unbedeutenden
handelspolitischen Einfluß gemäß ist unter den beiden ersten Herrschern
' Nach Gewinnung der dargelegten Ergebnisse fand ich in einem Aufsatze von A. J.
B.Wace (Joum. 0/ hell. Stud. 1905, S. 100) eine für die drei ersten Attaliden im ganzen gleiclie
Verteilung der Typen, freilich nur vermutungsweise und olme Begründung. Die neuerdings
von rardinali (a. a. O. S. 117) versuchte Gruppierung bedarf als jeder Wahrscheinlichkeit
entbehrend keiner Widerlegung.
14 H. VON Fritze:
die Zahl von Stempeln und Stücken nur klein. Die unter Attalos I. statt-
findende, zeitweise ungeheure Ausdehnung des Landbesitzes, eine Folge
glücklicher Feldzüge, bedingt eine entsprechende Erweiterung des Kredits
und Geldverbrauchs. Es nimmt daher nicht wunder, daß die Menge der
Stempel um das siebenfache anwächst, wenn man gleichzeitig bedenkt,
daß die Regierung des Attalos I. doppelt so lange währt, wie die seines
Vorgängers. Die nur um 6 Jahre kürzere Periode des Eimienes IL bringt
einen Rückgang von 63 auf 44 Stempel. Das müßte angesichts des Um-
standes überraschen, daß sich erst unter ihm die Verhältnisse des Reiches
konsolidieren und der hierdurch gesicherte Handel und Wandel ein wesent-
lich gesteigertes Geldbedürfnis voraussetzt. Es erscheint dagegen ganz
natürlich, wenn man weiß, daß die Cistophorenprägung augenscheinlich
gerade unter Eumenes IL beginnt und weiteste Verbreitung findet, worauf
wir sogleich (S. 16 ff.) zurückkommen. Cistophoren kursieren auch unter
den letzten beiden Attaliden, deren Königssilber in Übereinstimmung mit
dem Rückgang des Reiches nicht nur, wie wir sahen, stilistisch rapide
sinkt, sondern auch auf nur 18 Stempel in 27 Jahren fallt.
Einer p]rwähnung bedürfen hier einige subärate Stücke, welche in bar-
barischer Ausfährung die pergamenischen Typen imitieren. Schon Imhoof
(a. a. 0. S. 36, Taf. III, 23) hat ein solches aus dem Berliner Kabinett ver-
öffentlicht, das freilich auf der Vorderseite den Alexanderkopf mit Widder-
horn der Lysimachostetradrachmen kopiert, auf der Rückseite aber den
älteren Athenatypus des Attalidengeldes verwendet. Diesem Stücke schließen
sich drei weitere an: a) Samml. Gaudin-Smyrna 12,64 g, b) Samml. Wace-
Stony Stratford 14,56 g, c) Rollin und Feuardent in Paris (1905) 16,26 g.
Bei ihnen erscheint auf der Vorderseite der Kopf des Philetairos, auf der
Rückseite der spätere Typus, die Kranzspenderin, und zwar gehören b und c
in die frühe Zeit des Eumenes IL, a in seine letzte oder in die seines Nach-
folgers, wie der Typus und die Form des Schrötlings beweisen. Diese
nachahmenden Gepräge oder, wenn man will, antike Fälsclmngen sind die
gewöhnliche Begleiterscheinung einer kreditfähigen Münze, zu deren ge-
nauerer Kenntnis sie in diesem Fall nichts beitragen.
Die langen zur Verfiigung stehenden Reihen ermöglichen auch die
Feststellung des Durchschnittsgewichts, dessen Höhe unter Übergehung
weniger, stark abgenutzter oder sehr übergewichtiger Stücke, wie folgt, ge-
wonnen wurde :
Die Münzen von Pergamon. 15
Philetairos 24 Stücke ergeben im Mittel 16,897 g
Eumenes I. 24 » » » » 16,876 »
Attalos 1. 108 » » ,. » 16,877 "
Eumenes II. 92 » <> » » 16,845 "
Attalos IL, ni. 22 » » » » 16,670 »
Hier beobachtet man eine im ganzen nur unbedeutende Verminderung
des Gewichts, das unter Philetairos mit 1 6,90 g einsetzt, sich unter Eumenes I.
und Attalos I. auf fast derselben Höhe (16,88 g) hält, unter Eumenes 11.
eine kaum bemerkbare Abnahme (16,85 g) zeigt und unter den beiden
letzten Königen auf 16,67 g fallt, eine Ziffer, die unter Hinzurechnung
zweier etwas abgenutzter Stücke noch auf 16,57 g sinkt.
C. Die Cistophoren.
E^s unterliegt keinem Zweifel mehr, daß diese Münzsorte einen Aus-
gleich mit den kleinasiatischen Währungen bezweckte, indem sie sich dem
rhodischen System anschloß. Ihren Ursprung in Ephcsos (um 200 v. Chr.),
aus dessen Geldverhältnissen sich diese Neuerung entwickelte, hat Imhoof
(a.a.O. S. 33) nachgewiesen. Daß Pergamon sich alsbald das bequeme
Verkehrsmittel zunutze machte und seinerseits Cistophoren ausgab, war die
natürliche Folge. Man hat mit Recht hervorgeho1)en, daß die Cistophoren
prägenden Städte sämtlich innerhalb der Einflußsphäre des Attalidenreiches
liegen (vgl. Babelon, Tratte des monn. gr. et rom., Bd. I, i, S. 512), dessen
Initiative augenscheinlich die Ausbreitung und P.inbürgerung der neuen
Geldsorte zuzuschreiben ist. Dies gelang in dem Grade, daß Rom nichts
besseres tun konnte, als der Provinz Asia das bewährte Zahlungsmittel zu
erhalten, welches außerdem zur Verrechnung mit den römischen Denaren,
von denen drei auf den Cistophor gingen (vgl. z. B. G. F. Hill, Haiidhook
of gr. and rom. Coins, S. 39), günstige Gelegenheit bot. Wann etwa seine
Ausgabe in Pergamon begann und wie die verschiedenen, in sich ge-
schlossenen Reihen zeitlich zu verteilen sind, kann nur durch eine um-
fassende Untersuchung der Cistophoren aller Emissionsstätten präzisiert
werden. Gewisse Gesichtspunkte aber lassen sich auch abgesondert für
die pergamenischen Stücke aufstellen. Eine ohne weiteres datierte Gruppe
16 H. VON Fritze:
ist die letzte mit den Namen der proronsules^ . Von diesen werden auf den
Münzen genannt: u" .. s;''
T. Ampius T. F. Baibus 58/57 v. Chr. (vgl. Taf. III, 1 1)
C. Fabius M. F. [Hadrianus] 57/56 » » '
C. Septumius T. F. 56/55 » » ( » » IH, 10)
C. Claudius Ap. F. Pulcher 55/53 " " und endlich
Q. Caecilius Metellus Pius Scipio 49/48 » » (als Imperator).
Die große Masse der Prägungen bildet drei Serien, die sich folgender-
maßen unterscheiden:
1 . Auf der Rückseite findet sich außer dem Stadtmonogramm TTE (im
Feld links) ein wechselndes Beizeichen (im Feld rechts, Taf. III, 5.6). Ver-
einzelt treten Monogramme zwischen den Schlangenköpfen auf (Taf. III, 8).
2. An Stelle des wechselnden Beizeichens auf der Rückseite erscheint
im Feld rechts konstant der Schlangenstab', während das Stadtmonogramm
seinen Platz im Feld links behauptet. Zwischen den Schlangenköpfen über
dem Gorytos sind zwei (seltener drei) Buchstaben oder auch Monogramme
(Taf. III, 7) angebracht.
3. Die Ausstattung entspricht Nr. 2, nur daß unter den Buchstaben
bzw. Monogrammen das die Prytanie bezeichnende Ttl (Taf III, 9), vereinzelt
auch mit dem Zusätze A, beigefügt ist.
Imhoof (a.a.O.) kommt nun zu dem Sciüuß, daß die Cistophoren-
prägung in Pergamon vermutlich schon unter Attalos I. begonnen habe, und
zwar auf (xrund nachstehender Beobachtungen : einige seltene, in Thyateira
(Imhoof Taf. IV, i), ApoUonis (ebenda Taf. IV, 2. 3) und Stratonikeia (ebenda
' Die, Datierung ihrer Amtsjahre nach B. V. Head, Brü. Gat. Lydia, Introd. S. 29; vgl.
F. Münzer bei Pauly- Wissowa, Bd. 111, i, Sp. 1226, Bd. III, 2, Sp. 2856, Bd. VI, 2, Sp.
1745, wo er den C. Fabius 57/56 ansetzt und als Nachfolger des T. Ampins im Amte bezeichnet.
Im Jahre 50/49 v. Chr., als infolge des Bürgerkrieges kein Proconsid in der Provinz fungierte,
wurden vom Quaestor L. Antonius in Ej)hesos und Pergamon Cistophoren geprägt mit einem
Monogramm zwischen den Scidangenköpfen, einem Q (für Quaestor) im Feld links und dem
Stadtsj'mbol (Fackel oder Schlangenstab) im Feld rechts (vgl. Taf III, 12; Wroth, Numism.
Chron. 1893, S. 10, 17).
^ Daß wir es hier trotz des dickeren Knopfes nicht mit einem Thyrsos, den man zweifelnd
genannt hat, sondern mit dem Stab des Asklepios zu tun haben, lehrt schon das Vorkommen
des letzteren mit wenn auch llacherem Knauf auf dem autonomen Stadtgelde (Taf I, 12. 18;
Brit. Gat., Taf XXVII, 3). Auch hat der auf den Cistophoren als Beizeichen erscheinende
Thyrsos eine ganz andere Form (vgl. Imhoof, a.a.O. Taf. IV, 11 mit IV, 12).
Die Münzen von Pergamon. 17
Taf. IV, 4) ausgegebene Exemplare' tragen neben einer auf König Eumenes 11.
weisenden Aufschrift ba ey die Daten B oder A. Diese bezieht er (S. 32)
auf eine mit 189 v. Chr. beginnende Ära »des vergrößerten pergamenisclien
Reiches«, so daß die in Rede stehenden Stücke den Jahren 188 und 186
v.Chr. angehören würden (vgl. zuletzt Hill, Historie., yr. coins, S. 138 f.).
Er folgert weiter, daß sie dem Stil nach später sein müßten, als die älteste
Gruppe pergamenisclier und ephesischer Cistophoren, wie sie seine Tafel IV,
5. 6. 9. 10 aufweist (vgl. hier Taf. III, 5. 6). Dieser Ansicht wird man nicht
gern beistimmen, da der rohe Charakter von Geprägen, wie bei Imhoof
Taf. IV, 4 (Stratonikeia) und besonders ebendort Taf. IV, 3 (ApoUonis), hier
aus dem Grunde nicht ein Kennzeichen späterer Entstehung sein kann, weil
die aus denselben Jahren stammenden Münzen a. a.O. Taf. IV, 2 (Apollonis)
und vor allem Taf IV, i (Thyateira) unvergleichlich besser gearbeitet sind
und den obenerwähnten ältesten Cistophoren von Pergamon recht nahe-
stehen, was auch betreffs der Größe und Flachheit des Schrötlings wenig-
stens bei Taf. IV, i und 3 zutrifft. Für den Beginn der Emission schon in
der Zeit des Attalos I. kann nun aber auch der Umstand nicht sprechen,
daß auf einzelnen Exemplaren noch Efeublatt und Weintraube als Bei-
zeichen vorkommen, die, wie Imhoof hervorhebt, auf dem königlichen
Silber des Eumenes II. nicht mehr anzutreffen seien. Abgesehen nämlich
von ihrer abweichenden Form und Stellung im Felde zeigen z. B. andere
Stücke auch das Athenabrustbild mit korinthischem Helm als Beizeichen
(hier Taf. III, 6), das in gleicher Ausstattung, doch in anderem Stil, auf den
Königsmünzen erscheint (hier Taf. II, i ), aber nur auf solchen aus der Re-
gierungszeit des Philetairos, in die doch keinesfalls auf Grund dieses Sym-
bols der Anfang der Cistophorenprägung hinaufgerückt werden könnte.
Anderseits kennen wir das Efeublatt ja auch schon auf pergamenischem
Stadtgelde des IV. und III. Jahrhunderts v. Chr. (vgl. Taf. 1, 14). Die gröbere,
unsichere Ausfährung der obengenannten Prägungen ist also doch wohl
nur der ungeübten Hand des Verfertigers zur Last zu legen. Für die Da-
tierung des Beginns der i)ergamenischen ('istophorenausgabe überhaupt um
190 V. Chr. spricht auch die breite, flache Form des Schrötlings in den
' Daß diese Cistophoren nicht alle aus Thyateira stammen, wie Imhoof zuerst (a. a. O.
S. 3if.) annahm, indem er ÄnoA . . . . und Ctpa . . . . als Magistratsnamen ansah, sondern
auch aus den obengenannten Städten, hat er später selbst erkannt (Lyd. Stadtmiinzen, S. 25 f.
28 f. 147; vgl. Ilead, Brit. Cal. Lydia, Introd. S. 34. 116. 121).
Phil.-hist. Klasse. WIO. Anhang. Ahh. I. 3
18 H. vonFritze:
ältesten Gi"uppen von Ephesos und Pergamon (Taf. III, 5. 6). Denn dieselbe
Eigentümlichkeit zeigen gerade erst in dieser Zeit geschaffene Silberprä-
gungen einer Reihe von Gemeinwesen vorzugsweise des westlichen Klein-
asiens', wie auch innerhalb der Attalidentetradrachinen gerade aus der Epoche
des Eumenes II. herrührende Stücke (vgl. oben S. 11).
Leichter läßt sich der Anfang der zweiten Cistophorenserie fixieren.
Diese trägt in Ephesos Daten, die sich, wie man längst erkannt hat, auf
das Jahr der Errichtung der Provinz Asia beziehen. Während bei der
ältesten ephesischen Gruppe im Felde rechts wechselnde Symbole zu be-
merken sind, tritt seit 133 v. Chr. als ständiges Beizeichen an dieser Stelle
die Fackel auf. Da der Übergang zu einem konstanten Beizeichen, dem
Schlangenstab, ebenso bei den pergamenischen Cistophoren, die keine Daten
tragen, stattfindet (Taf. III, 7), ist der Schluß zwingend, daß auch hier die
zweite Gruppe mit demselben Jahre einsetzt. Fast gleichzeitig beginnt
bei diesen noch eine andere Neuerung, die Einführung der Buchstaben
oder Monogramme zwischen den Schlangenköpfen. Solche erscheinen schon
auf vereinzelten Stücken mit wechselnden Beizeichen (vgl. Taf. III, 8), die
also den Übergang von der ersten zur zweiten Serie darstellen. Ferner ist
auch eine Verkleinerung des gleichzeitig dicker werdenden Schrötlings zu
beobachten, die im Laufe der letzten Dezennien des II. Jahrhunderts v. Chr.
allgemein wird.
Die dritte pergamenische Gruppe, der zweiten in den Beigaben ähn-
lich, zeigt, wie bemerkt, außerdem die Angabe der Prytanie (Taf. III, 9).
Wann diese Änderung vorgenommen wurde, ist bisher nicht untersucht
worden, und nur eine Aufarbeitung des gesamten Cistophorenmaterials aller
hierhin gehörigen Münzstätten vermöchte vielleicht sicherere Anhaltspunkte
zu gewinnen. Auf Grund einer stilistischen Vergleichung mit den datierten
Emissionen von Ephesos möchte man för die Entstehung der Gruppe mit
"Ttt etwa die neunziger Jahre des I. Jahrhunderts v. Chr. in Anspruch nehmen
(vgl. Taf. m, 9 mit Num. Chron. 1880, Taf. IX, 1). Wir kennen kein Er-
eignis in der Geschichte von Pergamon, mit dem der Beginn der dritten
Serie in Beziehung zu setzen wäre, wenn man nicht vielleicht das Auf-
' Z. B. von Abydos (vgl. Brit. Cai. Troas usw., Taf. 11, 10—13); von Ilion (vgl. bei Dörp-
feld, Troja und Ilion, Bd. II, Beil. 61, Nr. 16. 17—19); von Kyme (vgl. Bril. Cat. Troas usw.,
Taf. XXI, 4-9); von Myrina (vgl. Brii. Cat. Troas usw., Taf. XXVII, 1-6); von Magnesia (vgl.
Brit. Cat. lonia, Taf. XVIII, 9— n) usw.
Die Münzen von Pergamon. 19
hören der mithradatischen Herrschaft als fiir innere Reformen geeignet an-
sehen will. Eine genauere chronologische Abfolge innerhalb der einzelnen
Gruppen aufzustellen, wird kaum möglich sein und verspricht auch keine
nennenswerte Förderung in numismatischer Hinsicht. Daß auch Halb- und
Viertelstücke (vgl. Taf III, 3) geprägt sind, bedarf nur einer kurzen Er-
wähnung.
Das Gewicht des pergamenischen Cistophors verringert sich im Laufe
der Zeit zwar nicht bedeutend, doch stärker als das königliche Silber. Das
Mittel der ersten Serie betrug (von 77 Exemplaren) 12,43 g» ^^^ zweiten
(88 Stück) I 2,36 g, der dritten (233 Stück) 12,17 g "»<! der vierten (50 Stück)
11,90 g.
Noch weiter vermindert sich das Gewicht bei den als Fortsetzung
der Cistophorenprägung geltenden kaiserlichen Silbermedaillons, die zuerst
M. Pinder (Abh. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1B55, S. 572 ff.) zusammenfassend
behandelt hat. Er konstatiert (S. 576) für ihre ersten Emissionen ein Mittel
von 11,70 g, das später bis auf 10,20 g herabgehe. Unter die wenigen
Münzstätten, die mit Sicherheit für einzelne der hierher gehörigen Stücke
zu bestimmen sind, ist auch Pergamon zu rechnen, wenn auch nur fiir
einen Typus. Dieser zeigt den Roma-Augustustempel, olme die Kult-
bilder auf den Geprägen des Augustus (vgl. Pinder, a. a. 0. Taf. IV, 4)
mit den Statuen auf denen des Claudius (hier Taf. IX, i), Domitianus,
Nerva und Traianus (Pinder, Taf. IV, 5 — 8; vgl. darüber unten S. 83).
Wenn Pinder (S. 628f.) auch fiir Medaillons mit einem Adler, einer
stehenden Athena und dem Asklepios in seiner bekannten Gestalt unter
Berufung auf ähnliche Münztypen von PcTgamon diese Stadt gleichfalls
als Prägeort in Anspruch nimmt, so sind solche Bestimmungen zwar in
das Bereich der Möglichkeit zu ziehen, aber mangels jeder sonstigen Be-
gründung zunächst ganz aus dem Spiel zu lassen.
D. Das Geld mit Alexander- und Lysimaehostypen. Mithradatisehe Emissionen.
Imhoof stellt, nachdem er (a.a.O. S. 15,1; vgl. S. 26) mit Recht
die Möglichkeit, aber völlige Unsicherheit der Zuteilung von Prägungen
mit Lysimaehostypen an Pergamon hervorgeho))en hat, (S. 1 5 ff. II, III, IV)
eine Reihe von Münzen mit Alexandertypen nach L. MüUer's Tabellen,
der selbst in seiner Numi.<<in. d'Alex. le Gr. (Kopenhagen 1855) der Stadt
20 H. VON Fritze:
keine Gepräge gibt, zusammen und meint, daß sie nach ihren Beizeichen
und Monogrammen, weil in Übereinstimmung mit solclien des Attaliden-
silbers, Pergamon zugehörten. Da man zu der Voraussetzung gezwungen
ist, daß die Bezeichnung der Ausgabeorte auf den städtischen Alexander-
münzen nicht einheitlich, sondern in verschiedener Weise zu geschehen
pflegte, d. h. daß man dazu bald ein Symbol, bald ein Monogramm oder
auch beides zugleich verwandte, so ist ohne die systematische Bearbeitung
des ganzen Materials bei deren Erklärung nur selten ein befriedigendes Er-
gebnis zu gewinnen. P^ine Bestimmung der Münzstätte aber auf Grrund von
Beizeichen und Monogrammen, welche nicht die Stadt, sondern Magistrate
bedeuten — imd so wäre es hier bei Pergamon — , ist noch wesentlich
schwankender. Will man solche nur auf diese Weise, ohne weitere Hilfs-
mittel erreichen, so sollte wenigstens eine der beiden folgenden Bedin-
gungen erfüllt sein: entweder muß das Monogramm so außergewöhnlich,
das Beizeichen so charakteristisch sein, daß deren Wiederkehr auf dem
sicheren Stadtgelde die Zuteilung des Alexanderstücks allein aus solchen
Gründen gestattet, oder wenn es sich um Monogramm und Beizeichen bzw.
um zwei Beizeichen oder zwei Monogramme handelt, so müssen beide zu-
sammen sowohl auf dem Stadtgeld als auch auf der Alexandermünze vor-
kommen, um die Bestimmung der letzteren anzubahnen.
Von diesen Forderungen erfüllt sich zunächst bei den unter II. (S. 1 5 ;
vgl. S. 26) genannten Prägungen mit Alexandertypen und der Aufschrift
des Seleukos keine so unzweideutig, daß man deren Zuweisung an Per-
gamon mehr als eine Möglichkeit einräumen möchte. Der Athenakopf als
Symbol ist hier kaum, wenigstens nicht für die Zeit des Philetairos, als Be-
sonderheit in Anspruch zu nehmen — denn wir finden ihn z.B. auch auf den
pergamenischen Cistophoren des II. Jahrhunderts v. Chr. (Taf. III, 6) — ,
vor allem dann nicht, wenn er, wie bei Imhoof, a.a.O. Taf. III, 19. 20, so-
wohl in der Richtung (nach rechts statt nach links), als auch im Stil von
dem ebenda auf Taf. I, i wiedergegebenen abweicht. Stilistisch überein-
stimmend sowie gleichfalls nach links ist er dagegen a. a. 0. auf Taf. III, 2 i .
Hier besteht jedoch das zweite Symbol aus zwei einander gegenüber be-
findlichen Mondsicheln, und zwar ist es unter dem Sitzbrett des Stuhles
angebracht, während das Philetairosstück (a. a. 0. Taf I, i) nur eine Mond-
sichel und diese im Abschnitt aufweist. Auf Taf. III, 20 ist nun freilich
auch nur eine Mondsichel, aber mit der Höhlung nicht wie auf Taf. I, i
Die Münzen von Pergamon. 21
nach rechts, sondern nach links. Femer zeigt das auf Taf. III, 19 abge-
bildete, sicher zu III, 20 gehörige Stück statt des Mondes sogar einen
Stern, der als Symbol dem pergamenischen Königssilber vor Eumenes II.
fremd ist.
Aber auch die von Imhoof (a. a. 0. S. 16, III.; vgl. S. 27) erwähnten
Exemplare entsprechen keiner der oben formulierten Bedingungen, und 9 der
unter IV. aufgezählten 1 5 Typen fallen aus demselben Grunde von vorn-
herein fort. Beide Beizeichen, bzw. das Beizeichen und das Monogramm
der Stücke bei Müller Nr. 927a. 1023. 1250 kommen allerdings auf dem
königlichen Silber vor, aber jedes in anderer Kombination. Die Symbole
von Nr. 250 (Efeublatt), 927 (Stern), 1058 (Keule), 1251 (Thyrsos), 1257
(Stabkreuz) wiederliolen sich zwar auf dem Attalidengeld, dagegen finden
sich hier die sie dort begleitenden Zeichen (Nr. 250 tzs^, nicht t=f; 927
Efeukranz; lOsStaf; 1251 I7P; 1257 IXI , nicht M) überhaupt nicht; ebenso
fehlt hier das bei Nr. 1020 vorhandene Zeichen o, während Symbol und
Monogramm beiderseits in gleicher Weise zusammen erscheinen. Aus
der Zahl der sechs noch übrigen wird Nr. 1059 (Müller) ausscheiden, da
zunächst die Stellung von Monogramm und Keule auf beiden Geldsorten
verschieden ist. Während auf dem Attalidentetradrachmon beide im Feld
links erscheinen, kommt auf dem Alexandersilber die Keule auch im Ab-
schnitt vor und ist außerdem völlig abweichend in Größe und Stil, was
wohl Müller (a. a. 0. S. 250) veranlaßte, sie nicht als Beamten-, sondern
als Stadtwappen anzusehen.
Wie sich aus dieser Beobachtung ergibt, ist das Vorliegen der ein-
zelnen Stücke im Original oder in photographischer Reproduktion uner-
läßlich, um Stil, Form und Anbringung im Feld nachprüfen zu können.
Das ist im Augenblick bei Nr. 925. 926. 1022 (Müller) nicht der Fall.
Betreffs der beiden noch übrigen Exemplare (Bunbury, Numisin. Chron.
1883, Taf. II, 6 und Müller, Nr. 1019, bei Imhoof, a.a.O. Taf. III, 22)
würde man an und für sich keinen Anlaß haben, ihre Zuteilung an Per-
gamon abzulehnen, da bei ähnlichem Stil Beizeichen und Monogramme
zusammen auf beiden Münzarten auftreten. Aber es muß doch hervor-
gehoben werden, daß die Symbole und Buchstabenverbindungen der fünf
letztgenannten Stücke so überaus gewöhnlich sind, daß man ihr gleich-
zeitiges Auftreten auf den entsprechenden P^xemplaren kaum als ausreichend
zur sicheren Bestimmung Pergamons als ihres Entstehungsortes bezeichnen
22 H. vonFeitze:
kann. Diese Annahme wird auch nicht wahrscheinlicher, wenn man sich
vergegenwärtigt, daß in derselben Epoche, in die man das in Rede stehende
Geld mit dem Namen Alexander's zu setzen hätte, in die Zeit des Eumenes IL,
gerade die reiche Ausprägung des königlichen Silbers fallt, ein Bedürfnis
zur Ausgabe weiterer Tetradrachmen desselben attischen Systems also kaum
bestanden haben kann. Gerade in der Periode war der Kredit der Atta-
lidenmünzen in Kleinasien auf seinem Höhepunkt, und für besondere Handels-
zwecke gab es außerdem noch die Cistophoren, so daß also mit diesen um-
fassenden Geldemissionen in attischer und rhodischer Währung offenbar
allen Anforderungen auch in einem solchen Kulturzentrum, wie es Per-
gamon damals war, genügt werden konnte.
Ein kurzes Wiederaufleben des alten Königtums brachten die Jahre
88 — 85 V. Chr., als Mithradates Eupator Herr Kleinasiens geworden war
und seine Residenz in Pergamon aufgeschlagen hatte. Hier ließ er wäh-
rend dieser Zeit Goldstatere mit seinem Kopf und Wappen prägen. Auf
der Rückseite sind außer dem von den Cistophoren und dem autonomen
Stadtgeld her bekannten Monogramm TTE, als Andeutung der Münzstätte,
die Buchstaben A, B, r, A angebracht, die von Th. Reinach (Trois Iloyaumes,
S. 1 95) richtig als Zahlen einer pergamenischen Ära erklärt sind (vgl. Bab elon
und Reinach, a. a. 0. Bd. I, i, S. 8. 13, Taf. II, 2. 3; Hill, Histor. gr. coins,
S. 162). Mit dem Ende der mithradatischen Periode, 85 v. Chr., verschwand
diese Zeitrechnimg, die sich allem Anschein nach auch auf Tetradrachmen
des Mithradates Eupator, aber ohne das Stadtmonogramm, nachweisen läßt
(vgl. Babelon und Reinach, a. a. 0. S. 16, Nr. 16).
E. Die königliche Scheidemünze.
Von entscheidender Bedeutung fiir die Datierung des attalischen Kupfer-
geldes ist neben der Stilbeobachtung im allgemeinen ein äußeres Merkmal,
die Haarbehandlung, wie sie sich bei den zahlreichen Athenaköpfen be-
obachten läßt. Den Ausgangspunkt bilden hierfür die Rückseiten der Tetra-
drachmen. Diese zeigen die Göttin während der Regierung der ersten vier
Könige mit langem, gewelltem, lose über die Schulter herabfallendem Haar
(Taf. II, 2. 3. 6. 7. 9). Nur bei der letzten, Attalos U. (und III.) zugeschrie-
Die Münzen von Peryamon. 23
benen Gruppe mit dem tlachon, großen Sclirötling findet sich statt dessen
eine gerade, steif gedrehte Locke, während das übrige Haar entweder lose
herabhängt oder in eine zweite steife Locke zusammengefaßt ist (Taf. \\, 1 5
und besonders 111,4; s. obenS. 6; CorollnNu7nism., S. 57.59). Dieses Kenn-
zeichen im Verein mit anderen stilistischen Beobachtungen sichert die An-
setzung der Hauptmasse der königlichen Scheidemünze in die Mitte des
II. Jahrhunderts V. Chr. Hierher gehören folgende Typen:
1. Vonlerseite: Athenakopf nach rechts mit verschiedenen Rück-
seiten, und zwar: a) sitzender Asklepios nach links [Brit. Cat., Taf. XXV, 9;
Nomismall, Taf. III, 2), b) Thyrsos (Brit. Cat., Taf XXV, 8), c) Schlange
nach rechts (Taf. I, 38), d) Bogen (Brit. Cat., S. 119, 59), e) Efeublatt
(Taf 1,39), f) Stern (Taf I, 36), g) Gorytos mit Bogen (Taf L 37)-
2. Vorderseite: Apollonkopf nach rechts. Rückseiten: a) Tliyrsos
(Taf I, 40), b) Biene (Taf I, 35).
3. Vorderseite: Asklepioskopf nacli reclits mit folgenden Rückseiten :
a) Schlange nach rechts und daneben Tempelschlüssel (Taf. I, 42),
b) Schlange nach rechts und daneben Weintraube (Taf. I, 41).
Diesen Münzen steht eine Serie älterer gegenüber, die bis auf eine
(Nr. 2) nur solche Darstellungen aufweisen, welche sicli in den jüngeren,
eben angeführten wiederholen, und zwar:
1. Vorderseite: Athenakopf nach rechts mit den Rückseiten: a) Askle-
pios nach links sitzend (Taf. I, 29; vgl. Noin'wnia 11, Taf III, i), b) Thyrsos
(Taf I, 30), c) Schlange nach rechts (Taf I, 32), d) Bogen (Taf I, 31).
2. Vorderseite: Apollonkopf nach rechts, Rückseite: Dreifuß
(Taf. I. 34).
Die frühere Entstehung dieser Typen ist nicht nur im allgemeinen
durch den bei weitem besseren Stil bewiesen, sondern auch durch Einzel-
heiten, wie die präzisere Struktur des Helmes, die schon erwähnte Haar-
tracht und das seltene, auf i c (Taf. I, 32) nacli weisbare Vorkommen des
Beamtennamens Aio^nPOY, den wir schon auf einer Anzahl von autonomen,
der Epoche des Eumenes II. zugeteilten Stadtmünzen bemerkten (vgl. Carolin
nnmism., S. 54 und oben S. 6). (ranz vereinzelt ist der sonst stets ver-
wendete anschließende Helm der Athena in der älteren Gruppe durch den
korinthischen ersetzt (auf zwei Exemplaren mit dem Bogen, und zwar eines
kleineren Nominals; vgl. Taf I, 2,1), was nur die sowohl bei dem auto-
24 H. vonFritze:
nomen Stadtgelde von Pergamon, als auch andernorts häufig bemerkbare
Gleichzeitigkeit beider Helmformen aufs neue bestätigt.
Was die Schaffung des königlichen Kupfergeldes überhaupt und die
starke Ausprägung um die Mitte des II. Jahrhunderts v. Chr. insbesondere
veranlaßte, ist nicht überliefert. Jedenfalls wird die Ausgabe meist kleinerer
und kleinster Stücke momentanen Bedürfnissen des Lokalverkehrs abgeholfen
haben, dem die autonome städtische Emission nicht genügte. Daß diese
nicht verdrängt, sondern nur ergänzt werden sollte, beweist der Umstand,
daß sie sicher bis in die letzte Königszeit hineinreicht (vgl. Corolla nurnisin.,
S. 5 8 ff.).
Ein bisher einziges Exemplar (Taf. 1,43), das von Imhoof (a.a.O.
Taf. III, 16) abgebildet und (S. 3 8 f.) besprochen ist, trägt auf der Vorder-
seite den Asklepioskopf, auf der Rückseite Schlange und Terapel-
schlüssel, also die schon bekannten Prägbilder (vgl. Taf. III, 42), jedoch
statt 4>iAETAiPOY die Legende AiriNH. Imhoof sieht hierin eine Münze,
welche in Pergamon für die 2 i i v. Chr. durch Kauf von den Aitolern an
Attalos I. gelangte königliche Domäne Aigina geprägt ist (Polyb. XXII,
8, 10 ff., ed. Büttner -Wobst). Der mit dem typengleichen Philetairoskupfer
übereinstimmende Stil des Stückes weist es in die letzte Epoche nach ca.
150 V. Chr. Ob wir in der Anbringung des Namens »Aigina« aber nicht
doch vielleicht ein königliches Privilegium zu sehen haben, das der Insel
den Rest einer, wenn auch nur beschränkten Autonomie zugestand, ist der
Erwägung wert'. Möglich auch, daß das Recht auf eigene Münze nur für
einen bestimmten Fall verliehen wurde, so daß man in dem vereinzelten
Exemplar eine Gelegenheitsprägung zu sehen hätte. Die Identität der Typen
mit denen der königlichen Scheidemünze würde auch dann zur Genüge ge-
zeigt haben, wessen Gnade dieses sporadische Geld seine Entstehung ver-
dankte.
F. Das Portrait des Philetairos.
Das Portrait, welches die Vorderseiten der ältesten unter Philetairos
geprägten Tetradrachmen schmückt, ist das des Seleukos I. Nikator, unter
dessen faktischer Oberhoheit die neugegründete Dynastie von Pergamon
' Cardinali (a. a. O. S. 102) nimmt freilich auf Grund der Inschrift bei Dittenberger
(0. G. I. S., Nr. 329) strengste Abhängigkeit Aiginas von Pergamon an. die aber die Möglichkeit
gewisser Vorrechte nicht auszuschließen braucht.
Die Münzen von Pergamon. 25
stand (Taf. II, i. 2), das andere dagegen, auf der langen Reihe der späteren
Emissionen, stellt deren Begründer Pliiletairos dar (Taf. II, 3 — 13. 15; Taf. III,
I. 2. 4). Diese Benennungen hat Imhoof (a. a. 0. S. 2oflF.) unwiderleglich
bewiesen. Die einzige Ausnahme bildet das schon S. 1 1 erwähnte Londoner
Exemplar mit dem Bilde des Eumenes II. und den Dioskuren (Taf. II, 1 4) '.
Jüngst hat nun A. J. B. Wace (Journ. intern. 1903, S. 1431!"., Taf. VII, 8 und
Journ. of hell. Sind. 1905, S. 98 ff., Taf. X, 5) auf einem in seinem Besitz be-
findlichen Stück (Taf. II, lo)' den Kopf des Attalos I.' erkennen zu müssen
geglaubt, indem er sich auf dessen angeblich dem Philetairosportrait nicht
entsprechende Gesichtsformen beruft. Einen hierin konstanten Typus aber
gibt es für dieses so wenig wie fxir andere Bildnisse. Es besteht aus einer
Reihe zwar indivi<lueller Züge, die jedoch von den einzelnen Stempelschnei-
dem in zum Teil sehr voneinander abweichender Behandlung bald mehr,
bald weniger hervorgehoben werden. Unter den zahlreichen uns vorliegen-
den Werken verschiedener Hände sind nicht wenige, die, oberflächlich be-
trachtet, so auseinandergehen, daß man in ihnen kaum dasselbe Original
zu finden meint. Daß dies dennoch der Fall ist, zeigt Imhoof (a. a. 0.
S. 24) auf Grund anderer Beobachtungen. Wace hebt fiinf Punkte hervor,
durch die der Kopf seiner Münze von den übrigen unterschieden sei, und
zwar 1. das große offene, tief eingebettete Auge mit dem aufwärtsgerich-
teten Blick unter stark modellierter Braue, 2. die harte Wangenbehandlung,
3. den magereren Hals, 4. die eingezogenen Lippen, 5. das Weniger vor-
springende Kinn. Keines dieser Kennzeichen ist nun aber etwa nm- diesem
Stempel eigentümlich; sie lassen sich vielmehr bei verschiedenen Typ^ii
vereinzelt und in anderen Kombinationen ebenfalls nachweisen. Man ver-
gleiche fiir die Augenbildung z. B. Imhoof, a. a. 0. Taf 11, 16. Einen
dem Waceschen verwandten Typus bietet ein Tetradrachmon der neuen
Sammlung Imhoof (Taf. II, 9) dar*. Auch dieser hat den etwas mehr ge-
schlossenen Mund mit weniger geschweifter Oberlippe und straffere Wangen;
' Syros als Prägeort der Münze ist nicht erweisbar, ebensowenig, ob sie in Pergamon
oder außerhalb entstanden ist (vgl. Zeitschr. f. Numisin. Bd. XXIV, S. ii8ff.).
' Ein zweites, stempelgleiches Kxemplar befindet sich in Modena.
* Die von Svoronos (Journ. intern. 1900, S.330, 134 zu Taf. IH' Nr. 19) ausgesprochene
Vermutung, auf der Vorderseite einer Bleimnrke mit dem Monogramm der Pliyle Attalis sei der
Kopf de.s Attalos dargestellt, kann bei der rohen Arbeit nicht zur Sicherheit gebracht werden
und keinesfalls für ikonographische Zwecke in Frage kommen.
* Ein stemjjelgleiches Stück sah icli 1905 bei Rollin und Fcuaident in Paris.
Phil.-hisl. Klasse. 191Ü. Anhang. Abk. I. 4
26 H. VON Fritze:
aber in der Modellierung des Halses findet sich schon die bei dem sogenann-
ten Attalos (aber nicht hier allein, vgl. z. B. Taf. II, 8) unterdrückte Stärke
des Nackens kräftiger angedeutet. Die harte, d. h. magerere, Wangenbehand-
lung erkennt man auch bei mehreren Geprägen der Tafel II bei Imhoof,
und ein noch weniger vorspringendes Kinn als der angebliche Attalos I.
zeigt z. B. dort Taf. II, 21. Es kann kein Zweifel sein, daß wir es nicht
mit einem Portrait des Attalos I., sondern nur mit einem der besten Phile-
tairosbildnisse zu tun haben, wie der Gesamteindruck lehrt'. Aber noch
mehr: aus der obigen Untersuchung (S. 7 ff.) geht hervor, daß die Nach-
folger des Philetairos die Symbole der von ihnen gewonnenen Würden und
Siege dem Portrait ihres Ahnherrn auf den Münzen anfligten, die Königs-
binde, deren er selbst nie teilhaftig war, und den Siegeslorbeer. Die Über-
tragung dieses Lorbeers auf Philetairos illustriert ja eben die Bekränzung
seines Namens auf der Rückseite des unter Attalos I. eingeführten neuen
Typus mit der Athena Nikephoros (Taf. II, 7.9; s. oben S. 10). Schon dadurch
ist bewiesen, daß innerhalb dieser Reihe kein anderer Kopf als der des
Philetairos erscheinen kann, um so weniger, als das Unikiun mit dem des
Eumenes II. diesen abweichend im Schmuck der einfachen Königsbinde
darstellt (Taf. II, 14), was doch wohl auch bei einem Bilde des lebenden
Attalos I. geschehen wäre. Aus dem Vorhergehenden aber muß nun auch
die Bedeutung der einfachen strickartigen Binde ohne und mit Enden auf
dem Haupt tles Seleukos I. (Taf. II, i. 2) und des Philetairos der Münzen
des Eumenes I. (Taf. II, 3. 4) hervorgehen. Sie allein bezeichnet die Ai)o-
theose, die beiden Herrschern zuteil geworden war.
6. Die Buchstaben, Monogramme und Beizeiehen. Festmünzen.
Schwierige Fragen, deren Beantwortung noch nicht überall mit Sicher-
heit gelungen ist, betreffen die Bedeutung der im Felde angebrachten Bei-
zeichen, Buchstaben und Monogramme. Besonders verwickelt erscheinen sie
bei den Geprägen von Pergamon, wo sie gemeinsam für das königliche,
städtische und Cistophorengeld zu behandeln sind. Unbestritten ist die Auf-
lösung des auf den Cistoi)horen (Taf. III, 5 — i i ) und einigen Stadtmünzen
' Auch die von W. Wroth (Classic. Review 1903, S. 475) ins Auge gefaßte Möglichkeit,
daß in das Antlitz das Philetairos Züge des regierenden Attaliden hineingetragen seien, wird
bei der Mannigfaltigkeit der Formen kaum in Betracht kommen dürfen.
Die Münzen von Pergamon. 27
(Taf. I, 2 1. 25) vorkommenden Monogramms TTE als Kombination aus den
ersten Buchstaben des Stadtnamens, ebenso die Erklärung der Monogramme
auf den Tetradrachmen des Eumenes IL und seiner Nachfolger, die auf der
Rückseite unter dem rechten Arm der Athena angebracht sind, als Ma-
gistratsnamen (vgl. Taf. II, 12; Taf. 111,4). Solche sind ferner angedeutet
durch die zwischen den Schlangenköpfen auf den Cistophoren der zweiten
Gruppe befindlichen Buchstaben oder Monogramme (Taf. III, 7 — 9. 12), denen
in der dritten Serie das die Prytanie bezeichnende Ttl (Taf III, 9) hinzu-
gesetzt wird. Keineswegs befriedigend aber sind die bisherigen Interpreta-
tionen der im Abschnitt oder im Feld links bzw. am Thronsitz auf den
Rückseiten des ersten Königsgeldes von Philetairos bis einschließlich Atta-
los I. verwendeten Monogramme oder Buchstaben ® (vgl. Imhoof, Taf. 1,3.4),
A (hier Taf II, 2. 3. 6. 7. 9), A (Imhoof, Taf. I, 10. 11). Imhoof lehnt
(S. 2 7 f.) mit Recht deren Auffassung als Initialen des Namens » Attalos "
ab und schließt sich der Meinung von J. P. Six an, daß A9 bzw. A eine
Abkürzung fiir AeHNAl nikh<«>opoy darstelle, mit deren Heiligtum vermut-
lich die Münzstätte verbunden gewesen sei. Abgesehen davon, daß die
Grändung des Nikephorion und die Benennung der Göttin als » Siegbringerin «
nicht vor Attalos I. stattfand, also auf dem Gelde der ersten beiden Re-
genten nicht vorhanden gewesen sein kann, verbietet das einmal an Stelle
des ® erscheinende l^ (vgl. Imhoof, a. a. 0. S. 4, 6) die Beziehung auf den
Namen der Athena, und wir sind deshalb gezwungen, auch diese Zeichen
als Beamtensignaturen anzusehen. Wenn wir das A bzw. A ca. 80 Jahre
lang auf Attalidentetradrachmen bemerken, so liegt darin noch kein Grund,
von diesem Gedanken abzustehen. Es ist bekannt, daß gewisse Ämter in
bestimmten Familien erblich waren', und man braucht höchstens drei"' Gene-
rationen anzunehmen, deren gleichnamige Mitglieder als Aufsichts- oder
Prägebehörde fungierten'. Nicht ganz ohne Einfluß für die Deutung kann
es sein, daß auch die seit Eumenes II. auftretenden wechselnden Mono-
gramme dieselbe Stelle des Münzfeldes einnehmen, wie das A und A seit
' Vgl. die während des ganzen H. Jahrliundei'ts n. Chr. auf pergamenischen Münzen
signierenden Magistrate namens »luhus Pollio« (siehe unten 8.43).
' Diese würden sich eventuell sogar auf zwei vermindern, wenn man in dem A einen
ganz anderen Namen sehen wollte, als in A und ® .
' Daß einzelnen Beamten die ^niM^AeiA für das Münzwesen auf längere Zeit übertragen
wurde, lehrt z.B. auch die Menas-Insclirift von Sestos (vgl. Nomisma 1, S. 11 f.).
4*
28 H. VON Fritze:
den letzten Dezennien des Attalos I. (vgl. Taf. II, 12. 15, III, 4), daß also
von da an eine Kontinuität zu bemerken ist, die nunmehr bis zum Ende
des Königtums reicht. Um die einzelnen Emissionen, die etwa unter der
Aufsicht verschiedener, aber mit gleichem Monogramm zeichnender Männer
ausgegeben wurden, voneinander zu unterscheiden, bedurfte es nur der Auf-
bewahrung von Kontrollexemplaren aus jedem Stempel mit den betreffen-
den Angaben.
In welche Namen sich die Monogramme auflösen lassen, ist nur selten
mit einiger Sicherheit zu sagen. In ^ (Taf. 111, i 2) und 1^ (Imhoof, Taf. I, 1 3)
darf man wohl die Signatur eines »Eumenes« sehen, ein Name, der damals
naturgemäß häufig gewesen sein muß. Hier hat vermutlich die verschiedene
Form des Monogramms, wie etwa ® und A, zwei gleichnamige Personen
unterscheiden sollen. Wenn wir ferner zur Erklärung des unter Eumenes II.
vorkommenden Z^ (Imhoof, Taf. II, 19) mit allem Vorbehalt einen »Dio-
doros« heranziehen möchten, so liegt das deshalb nahe, weil ein solcher
ausgeschrieben auf gleichzeitigem städtischen und königlichen Kupfergeld
zu finden ist (Taf. I, 22. 32).
Eine Erkenntnis von weittragender Bedeutung wird durch die P>klä-
rung von Buchstabenverbindungen auf einer späten Kupferserie des auto-
nomen Stadtgeldes von Pergamon gewonnen (vgl. Corolla nwnism., S. 60,
Taf. II, 35): Vorderseite: Athenakopf mit korinthischem Helm nach rechts.
Rückeite: ein aus Panzer und Helm bestehendes Tropaion zwischen der
von oben nach unten laufenden Aufschrift aghnaz rechts, NiKH<t>OPOY links.
Auf einigen dieser Gepräge erscheint hier im Feld rechts unten das be-
kannte Stadtmonogramm TTE (Taf. I, 25); andere dagegen zeigen an derselben
Stelle die Buchstaben E* (vgl. Brit. Cat., S. 131, 178). Trotzdem Personen-
namen mit diesen Initialen nicht selten sind, lag die Vermutung nahe, hier
an die Abkürzung des Stadtnamens »Ephesos« zu denken, und weitere
Nachforschungen machten sie zur Gewißheit. Ein Exemplar der Sammlung
Hunter in Glasgow (Macdonald, Cat., II, S. 281,48) bringt statt der ge-
nannten Signatur die Kombination AAO, welche ebenso als Stadtmonogramm
auf den Cistophoren von Laodikeia vorkommt (vgl. Brit. Cat. Phrygia, Taf. I,
7 — II. 13. 14). Ein gleicher Parallelismus ließ sich fiir S feststellen (vgl.
Exemplare in Berlin und München), nur daß auf dem Cistophorengelde von
Sardes noch der dritte Buchstabe P in .§ einbegriffen ist (vgl. Brit. Cat.
Lydia, Taf. XLII, 4. 5). Auch auf einer anderen Gruppe pergamenischen
Die Münzen von Pergamon. 29
Festgeldes ist das sardische Monogramm anzutreffen. Vorderseite: Athena-
A f^ H N A 5!
köpf nach rechts. Rückseite: iMiKH<t>OPOY Eule, Flügel schlagend, von vorn.
Diese Stücke haben entweder keine Buchstaben bzw. Monogramme im Feld,
oder solche erscheinen rechts und links unter den FJügeln der Eule und
bedeuten vermutlich Magistrate. Bei einigen wenigen Exemplaren bemerkt
man nun neben dem links befindlichen Buchstaben noch jenes Monogramm ^
(vgl. Taf. I, 26). Man wird annehmen dürfen, daß an seiner Stelle noch
andere Ortsbezeichnungen auftauchen werden, welche also diese Münzgruppe
in Übereinstimmung mit der Tropaion-Serie auf andere Städte ausdehnen.
Angesichts der besprochenen seltenen Buchstabenverbindungen bei letzterem
Typus darf man weiterhin vielleicht das gewöhnlichere W (auf zwei Münzen
der Sammlung Gaudin in Smyi-na), wiederum den Cistophoren entsprechend,
auf Apameia beziehen (vgl. Brit. Cut. Phryyia, Taf I, 1. 2).
Während die Stadtbezeichnungen bei dieser Gruppe bisher im Feld
rechts unten anzutreffen waren, gibt es hier auch Stücke mit im Feld links
in der Mitte zwischen Legende und Bild angebrachten Monogrammen. Daß
man sie ebenso erklären darf, ist deshalb wahrscheinlich, weil in diesem
Falle das Monogramm rechts unten fehlt. Daher wäre vielleicht bei ^
(vgl. Mionnet, Descr. de MM. ant. yr. et rom., Snppl. Bd. V, S. 424, 896) an
Thyateira zu denken, von dem wir ebenfalls Cistophorengeld, freilich bisher
nur solches mit der Signatur evA, kennen (vgl. Imhoof, a. a. 0. Taf. IV, i).
Dafür spricht auch noch ein anderes: die Kupfermünzen von Pergamon mit
dem Asklepioskopf und dem Schlangenstab zeigen zum Teil auf der
Vorderseite Beamtennamen. Statt ihrer liest man jedoch auf einem Lon-
doner Exemplar (Brit.Cat., S. 129, 153) oyatei (Taf 1, 18). Die Ergänzung
zu eYATEi{PHNßN) ist hier gesichert'. Wir haben also wiederum einen perga-
menischen Münztypus, der in einer anderen oder für eine andere Stadt des
pergamenischen Machtbereiches geprägt wurde (vgl. unten S. 3 1 f.).
Die Interpretation von Monogrammen kann leicht zur Spielerei werden.
Aber die Begleitumstände lassen es doch geboten erscheinen, eine Hypo-
these nicht zu unterdrücken, die sich an weitere Buchstabenverbindungen
knüpfl. Auf einigen Stücken der Tropaion-Gruppe nehmen im Feld links
' Daß anstatt der Beamtensignaturen auch sonst an derselben Stelle Stadtnanien vor-
kommen, beweisen die Münzen mit Athenakopf und Nike, auf deren Vorderseite sich die
Legende nEPrAMHN((ioN) findet (vgl. Brit. Cat., S. 128, 139).
30 H. VON Fritze:
die Stelle des Q zwei augenscheinlich dasselbe Wort bezeichnende Kom-
binationen, AI {vgl. Brit. Cat., S. 131,179) und AI, ein, die sich in aion(Y)
auflösen lassen. Einmal auf dem Wege, hierin Anfange von Stadtnamen
zu suchen, gerät man leicht auf »Dionysopolis«. Dieses, in der Nähe von
Apameia gelegen, gehört nicht zu den bisher bekannten Cistophoren prä-
genden Kommunen. Aber wir sind ja auch keineswegs genötigt, uns liier
auf solche zu beschränken. Nun sagt eine Notiz des Stephanos von By-
zanz u. d. W. aion^coy nÖAic: oPYriAC, kticma Attaaoy kai G-r-MeNovc söanon
e-Y-pÖNTCüN AioNYCOY nepi toyc töhoyc. Head (Brit. Cat. Phrygia, Introd. S. 54)
sieht I]umenes II. und Attalos II. in den königlichen Gründern, was damit
zusammenstimmt, daß die ältesten Münzen der Stadt frühestens dem II. Jahr-
hundert V. Chr. angehören. Da nun erwiesen ist, daß die pergamenische Tro-
paion-Serie aus der letzten Königsepoche stammt (s.oben S.6; Corolla nu7nism.,
S. 60), so wird die Einbeziehung von Dionysopolis in den Kreis der diese
Kupfermünzen ausgebenden Städte sehr wahrscheinlich. Für ein oder zwei
der noch übrigbleibenden vier Monogramme ließen sich wohl Auflösungen ver-
muten, die aber mangels sonstiger stützender Begründungen ohne Wert sind.
Die um der Legende 0YATEI willen herangezogenen Prägungen mit
dem Asklepioskopf und dem Schlangenstab weisen ferner zwei Exemplare
alif, deren Rückseiten ein o (Berlin, vorm. Imhoof) bzw. ^ (Oxford, Bibl.)
zeigen. In Verbindung mit dem ausgeschriebenen Namen auf vorgenanntem
Stück wird man möglichenfalls auch diese Zeichen oder wenigstens das
letztere mit Thyateira in Zusammenhang bringen dürfen. Endlich ist an-
zuführen, daß unter den gleichzeitigen pergamenischen Stadtmünzen mit
dem Asklepioskopf und einem von der Schlange umwundenen Omphalos —
gewöhnlich ohne Monogramme — seltene Stücke sowohl eine dem auf Thya-
teira bezogenen ® ähnliche, aber etwas verquetschte, Buchstabenverbin-
dung (im Handel), als auch W aufweisen (Wien Nr. 16381), wodurch wir
wieder an Apameia erinnert werden.
Wie es sich aber auch mit den einzelnen Erklärungen verhält, das
Gesamtergebnis steht fest, daß verschiedene, bisher ausschließlich Pergamon
zugeschriebene Kupfermünzen anderen Städten ihren Ursprung verdanken,
darunter meist solchen, von denen auch Cistophorenemissionen bekannt sind'.
' Nach Fertigstellung dieses Manuskripts fand ich zufälhg bei Head {BrU. Cat. Lydia,
Introd. S. 98) in beziig auf das im Kat. Walcher, Nr. 2704 unter Sardes beschriebene Stück
mit der Aufschrift A0HNAI NIKH<t>OPOY folgende Bemerkung: Bronze coins mth the same
Die Münzen von Pergamon. 31'
Gibt es Analogien fiir dieses Vorkommnis? Man könnte in erster Linie
an das Geld der achäischen und lykischen Liga denken. Innerhalb der
letzteren ist jedoch gerade bei der Scheidemünze hinsichtlich der Typen-
wahl den einzelnen Städten ziemliche Freiheit gelassen. Das ganze Ge-
fuge des achäischen Bundes aber als der Vereinigung einer Reihe gleich-
berechtigter, demokratisch regierter Kommunen ist viel strafl'er und völlig
politisch gefärbt, so daß man seine Münzprägung nicht wohl als Parallele
benutzen darf, wo es sich um mehr oder weniger von einer königlichen
Dynastie abhängige Städte handelt. Übereinstimmend ist bei jenen Bun-
desmünzen und unseren Kupferstücken, daß sicli ihre Typen bzw. Auf-
schriften auf führende Gottheiten beziehen. Ein wesentlicher Unterschied
liegt aber darin, daß wir es dort mit dem üblichen städtischen Kurant,
hier dagegen mit Festmünzen zu tun haben (vgl. Corolhi NumLsin., S. 56. 6of.).
Es ist nichts Ungewöhnliches, daß sich eine Anzahl von Städten zu ge-
raeinsamer Festfoier vereinigt. Wir lernen z. B. aus einer ilischen Inschrift,
vermutlich vom Jahre 77 v. Chr., ein solches Übereinkommen in Hinsicht
auf das Heiligtum der Athena llias kennen, in dem die sich dem Kultur-
verband anschließenden Orte zu einer finanziellen Beteiligung angehalten
waren. Hier galt es einen Vertrag über gemeinsame Tragung der Kosten
des großen Athenafestes (cymounon kaI ÖMÖAoroN taTc nÖAeciN Yuip thc hanh-
rVpeojc. Vgl. Brückner bei Dörpfeld, Troja und llion, Bd. II, S. 454f.,
Inschrift Nr. XV.). Solche Zahlungen konnten in verschiedener Weise ge-
leistet werden, je nach Höhe der Beiträge und der näheren oder entfernteren
Lage der betreffenden Städte. Wo größere »Summen in Frage standen,
werden die weit verbreiteten Alexanderprägungen, fiir Pergamon vor allem
die Attalidentetradrachmen und die Cistophoren in Betracht gekommen
sein. Anderseits konnten sich aber die finanziell partizipierenden Ge-
meinden auch an der Ausgabe der dem 3Iessenverkehr dienenden Scheide-
münze beteiligen. Dies wird bei der nANHrvpic der ilischen Athena durch
Einfuhrung des jeweiligen Stadtgeldes geschehen sein, das in eng benach-
legend teere issued at severalmints mithin Ihe Kingdrim nf Pergamon (cf. B. M.Cat Mysia pp. 130. 131),
though the only ones, which can he identififd with certainty are. (hose with die mint Initials of Per-
gamon, Ephesos, Sardes. Die gleiclie, iinabliäiif^ift auf verschiedenen Wegen gein<Tchte Beob-
achtung .sichert die Richtigkeit des Resultats, das Jedoch, wie die obigen Ausführungen zeigen,
noch weitere Konsequenzen zu ziehen gestattet, als Head in seiner nur nebenher gegebenen
Notiz andeutet.
32 H. VON Fritze:
harten Orten wie hier den Funden nach proml^cue in Gebrauch war.
Anders augenscheinlich in Pergamon. Hier wurde der Modus befolgt, daß
eine gemeinsame Emission gelegentlich der Hauptfeste erfolgte, jede der
Städte ihre Quote bezahlte und daför ihr Stadtmonogramm als quittierendes
Unterscheidungsmerkmal auf den typengleichen Festmünzen angebracht fand.
Dieses Vorgehen mußte sich besonders bei räumlich weiter Trennung der
dem Verband zugehörenden Kommunen empfehlen, deren eigene Scheide-
münze nicht an dem Festorte Kurs hatte. Abzulehnen wäre die Annahme,
daß etwa jedes der erwähnten Gemeinwesen für lokale Panegyrien zu Eliren
der Athena Nikephoros bzw. des Asklepios Soter bei sich diese Prägun-
gen veranlaßt habe. Denn abgesehen davon, daß uns diese Götterkulte
für keine der genannten Städte bezeugt sind, lehrt die Zusammensetzung
der bei den Ausgrabungen gemachten Funde, daß in Pergamon nicht nur
Stücke mit TTE, sondern auch mit anderen Stadtmonogrammen zutage ge-
kommen sind.
Große Schwierigkeiten stehen einer Erklärung der Beizeichen entgegen,
wenn man hier eine auf jeden Fall zutreffende Regelmäßigkeit voraussetzt.
Eine solche ist aber nicht anzunehmen, wie folgende Beispiele ohne weiteres
ergeben: im Feld rechts, wo die erste Cistophorengruppe (Taf. III, 5. 6)
und eine kleine Zahl von Übergangsstücken zur zweiten (Taf. III, 8) wech-
selnde Symbole haben, erscheint in allen folgenden konstant nur eines,
der Schlangenstab (vgl. Taf III, 7. 9 — i 2). Jene Beizoichen, welche ohne
Zweifel Magistratswappen darstellen, werden nunmehr ersetzt durch die
zwischen den Schlangenköpfen angebrachten, gleichfalls wechselnden Buch-
staben oder Monogramme (vgl. Taf III, 7. 8). Die Annahme, daß der
Schlangenstab als Stadtwappen aufzufassen sei, spricht zunächst nicht an,
da schon das gleichzeitig voi-handene Monogramm Mb die Münzstätte ge-
nugsam andeutet (vgl. Taf. III, 5 — 11). Wenn wir jedoch eine analoge
Tautologie nicht selten bei dem Alexandergeld gerade des II. Jahrhunderts
V. Chr. bemerken', so wird man den Schlangenstab auf den pergamenischen,
wie die Fackel auf den ephesischen Cistophoren unbedenklich als städtische
Wahrzeichen zu erklären haben.
• Vgl. ABY und Adler (Abydos; Slg. Weber-London), EPY und Keule sowie Gorytos
mit Bogen (Erythrai), E<t>E und Biene (Ephesos), MA und Mäander (Magnesia), PO und Ba-
laustium (Rhodos); vgl. L. Müller, Numism. d'Alex. le Grand, Nr. 999 f. 10150". 1068. 11548".
Die Münzen von Perganion. 33
Anders ist es mit dem Bogen im Felde rechts auf den Rückseiten
des Königssilbers. Abgesehen von einem die Reihe eröffnenden Stück
ohne Beizeichen an dieser Stelle (Taf. II, i) und dem P'xemplar mit dem
P^umenesportrait (Taf. II, 14) findet er sich stets bis zum Ende der Tetra-
drachmenprägung (vgl. Taf. II, 2. 3. 6. 7. 9. 12. 15, III, 4). Hier kann man
nur vermuten und seine Beziehung auf Apollon und vielleicht dessen Tempel
annehmen, sei es, daß in ihm die Aufsichtsbehörde zu suchen ist, sei es,
daß er als Münzstätte diente. Jedenfalls bedurfte es auf dem Königsgeld,
soweit es in der Residenz selbst zur Emission gelangte, nicht der Angabe
des Stadtwappens. Als solches hätte aber auch der Bogen um diese Zeit
schon deshalb nicht gelten können, weil nach Ausweis der Münzen Athena
seit dem Ausgang des IV. und im 111. Jahrhundert v. Chr. die unbestrittene
Vorherrschaft in Pergamon zugefallen war, welche Apollon im V. Jahr-
hundert V. Chr. innegehabt hatte. Vielleicht besaß letzterer als Schutzgott
der Seleukidendynastie noch eine spezielle Bedeutung für den von ihr
abhängigen Philetairos.
Zunächst im Abschnitt, dann im Felde links auf den Rückseiten der
pergamenischen Tetradrachmen bemerkt man nun zahlreiche, wechselnde
Beizeichen', neben vereinzelten anderen schon früh und lange Zeit hin-
durch das Efeublatt (vgl. Taf. II, 2. 3. 6. 7). Dieses erscheint bereits auf
Münzen des Phileüiiros und bleibt bis in die spätere Epoche des Attalos 1.
konstant, wenn auch nicht ganz so lange, wie das gleichzeitige A , das
noch auf der chronologisch folgenden Serie mit der Weintraube (vgl.
Taf. II, 9) vorkommt. Auch diese Symbole haben wir als Beamtensig-
naturen anzusehen. Denn nichts kann veranlassen, in ihnen eine andere
Bedeutung zu suchen, als in den mannigfachen, sowohl vor- als auch nach-
her verwendeten Beizeichen. Ob Symbol und Monogramm auf derselben
Münze eine oder verschiedene Personen bezeichnen, ist ungewiß. Für
ersteres könnte der Umstand ins Gewicht fallen, daß vereinzelt imr das
Beizeichen und kein Monogramm (vgl. Imhoof, a. a. 0. Taf II, 18), einmal
' E.S finden sich Athenakojif in Verbindung mit einei- Mondsichel, Hernie,
Efeiiblatt, Weintraube, Falnizweig. Füllhorn, Biene, auch zugleich mit Blitz
oder Knie, Stern. Eule, Thyrsos, auch mit Schiffsvordertei](?), Keule, Iland-
fackel, lange Fackel und Stabkreuz (vgl. zu letzterem E. Assinann, Zeitschr. f. Nuniism.
Bd. XXV, S. 215 ff.; andei-s E. Babelon, Rn: numi.im. 1907. S. i ff.). Dabei ist zu beachten,
daß einzelne dieser Beizeichen unter der Kegicrung verschiedener Attaliden auftreten.
Phil -hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. 1. 5
34 H. VON Fritze:
ein solches allein, ohne Symbol (vgl. ebenda Ta f. 11, 17), auftritt, hier also
nur ein Magistrat signiert. Auch käme vielleicht eine Buchstabenverbin-
dung wie fcl, in der als Bestandteil hpakahi zu erkennen ist, mit einer
Keule (s. oben S. 21 und Imhoof, a. a. 0. Taf. II, 20) als stützendes
Moment hinzu, obwohl eine Zufälligkeit nicht ausgeschlossen wäre. Gegen
die Beziehung von Monogramm und Beizeichen auf dieselbe Person spricht
aber die Existenz zweier Symbole nebeneinander ohne Monogramm, wie
bei Imhoof, a. a. 0. Taf. II, 16, wenn man hier nicht annehmen will, daß
außer einem persönlichen auch ein väterliches oder Familien wappen an-
gebracht ist. Diese Frage ist mit dem vorhandenen Material nicht zu
lösen; genug, daß wir in den Monogrammen wie in den im Abschnitt
oder im Feld links erscheinenden Beizeichen Beamtensignaturen zu sehen
haben, ebenso wie auf einem Teil der gleichzeitigen autonomen Stadt-
münzen.
J]ine weitere Schwierigkeit bringt das königliche Kupfergeld. Hier
finden wir zu dem Athena-, Apollon- oder Asklepioskopfe der Vorderseiten
auf den Rückseiten Bogen, Efeublatt, Stern, Thyrsos, Schlangenstab und
Weintraube bzw. Tempelschlüssel, Dreifuß, Schlange und den thronenden
Asklepios (s. oben S. 23 f.). Verschiedene dieser Typen sind uns bereits als
Beizeichen von dem königlichen Silber, der städtischen autonomen Münze
und den Cistophoren her, und zwar mit Ausnahme des Bogens und des
Schlangenstabs als Magistratswappen, bekannt. Als solche aber auch die
eben genannten Rückseitenbilder der königlichen Scheidemünze aufzufassen,
ist unmöglich. Das beweist allein schon das Vorhandensein von Mono-
grammen (vgl. Taf. I, 30. 35. 38), Buchstaben und Beizeichen (vgl. Brit. Cai.,
Taf. XXV, 3) auf Rückseiten eben dieser königlichen Scheidemünze. Die
natürliche p]rklärung ist vielmehr folgende: die Rückseite des Attaliden-
kupfers wurde in gleicher Weise wie die autonome Stadtmünze mit Gestalt
oder Symbol einer Gottheit geschmückt, wie seine Vorderseite mit einem
Götterkopf. Durch die im ganzen Altertum verbreitete Sitte, daß auch der
einzelne Bürger sein Wahrzeichen von der Gottheit und ihren Attributen ent-
lehnt (vgl. jüngst Macdonald, Coin Ti/pes, S. 43fl".), ist die Tatsache erklärt,
daß sich die Privatwappen vielfach mit den offiziellen städtischen decken.
In Pergamon handelt es sich vorzugsweise um die Kulte des Apollon, der
Athena, des Dionysos Kathegemon und des Asklepios, aus deren Kreisen
naturgemäß sowohl die Haupttypen als auch die ßeizeichen großenteils
1
Die Münzen von Pergammi. 35
entnommen wurden. Damit ist aber auch gegeben, daß dasselbe Symbol
verschiedenen Personen eigen sein kann und eventuell auch als Familien-
wappen Verwendung findet.
H. Die Münztypen.
Unter den Typen, welche die vorkaiserlichen Gepräge von Pergamon
tragen, sind einige von besonderem religions- und kunstgeschichtlichen
Interesse'. Während nämlich, wie gewöhnlich, die Götterköpfe der Vorder-
seiten einen idealen oder konventionellen Charakter verraten und hier an-
scheinend nicht auf ein bestimmtes, dem lokalen Kult angehörendes Bild-
werk zurückgehen, ist dies bei den Rückseiten zum Teil anders. Da ist
zunächst das auf dem Gold und Silber der lysimachischen Periode erschei-
nende Athenabild.
I. Das Palladion.
Dieses, auf dem Goldstater (Taf. I, 7) in seinen Einzelheiten am deut-
lichsten, ist eines jener Idole, in denen sich verschiedene, ja heterogene
Wesenseigenschaften verbinden. Seine nächste Verwandte hat das Palladion
von Pergamon in der Athena Ilias (vgl. bei Dörpfeld, Troja und Ilion, Bd. II,
S. 5ioff. ; Beil. 61, 3 —13. 16. 18 — 23 usw.). Beide tragen auf dem Haupte
den Kalathos, beide den Speer; aber während diese ihn ruhig schultert und
durch die in der Linken gehaltene Spindel noch prägnanter ihren friedlich-
werktätigen Charakter bekundet, hat jene ihn zu Stoß oder Wurf gezückt
und deckt ihre Seite durch den mit einem Stern geschmückten Schild, von
welchem eine geknotete Wollbinde herabhängt. Athena llias wird stets im
Profil, die pergamenische Göttin ganz von vorn dargestellt. Jene ist auf
den ältesten Münzen von Ilion (a. a. ü. Beil. 61,3) von durchaus altertüm-
lichem Kunstcharakter; das pergamenische Bild dagegen macht — und
darauf ist bisher nicht geachtet worden — einen ausgesprochen archaisti-
' Es bedarf hier nicht im einzelnen der Aufzählung gewöhnlicher Typen des städtischen
Geldes, wie der Rinds- (Taf. 1, 5. 13. 14) und Kberköpfe (Taf. 1, 3.4), eines Gorytos mit
der Keule (Taf. I, 9), des Zeuskopfes und des Adlers (Taf. I, 16), der Nike (Taf. I, 22),
Kule (Taf. I, 19-21. 26—28), des Tropaions (Taf. 1, 25) usw. Zum Teil ist ihre Bedeutung
klar, zum Teil ihre Benennung und Beziehung zu Pergamon unsicher, wie z. B. hei dein
weiblichen Kopf (Taf. I, 3. 4); nachlmhoof, Jo«r». «nferra. Bd. XI, S. 108: Nymphe. Die
vorkaiserliclien StadtprSgungen sind zusammengestellt in der Corolla Numism., Taf. II, i — 19.
25-36.
5*
36 H. VON Fritze:
sehen Eindruck. Diesen ruft schon der schalartig um die Schultern ge-
legte und mit schwalbenschwanzförmigen Enden nach vorn fallende Mantel
liervor, der, im Verein mit der Gewandbehandlung, keine Analogien in
archaisclien Werken findet. Unterhalb des Gürtels ziehen sich nämlich rechts
und links von einem in der Mitte zusammengefaßten Bausch nach hinten
abwärts und parallel zueinander schematische Faltenreihen, deren manie-
rierte Anordnung keinen Zweifel über die archaisierende Tendenz des Bildes
läßt. Der Verfertiger des Typus hat sich an die ältere Palladionform an-
gelehnt, die sich durch die festgeschlossene Beinstellung von der späteren
unterscheidet (vgl. Furtwängler bei Röscher, Myth. Lex., Bd. I, i,Sp. 691).
Die Gewandbehandlung folgt einem archaischen Vorbild, von dem sie sich
jedoch durch die in solchen Fällen gewöhnliche Übertreibung unterscheidet.
Zu vergleichen sind für die Entstehung des Motivs eine der weiblichen
Akropolisfiguren (Cavvadias, Mus.d'Athenes, Taf. V; Lermann, Altgriech.
Plastik, S. 92, Fig. 89), für die Ausfährung die Athena aus dem Westgiebel des
Tempels von Aigina (vgl. Brunn, Denkm. griech. und röm. Sculptur, Nr. 23).
Während hier der Bausch mit seiner symmetrisch übereinandergelegten und
sich nach unten verbreiternden Fältelung die ganze archaische Zierlichkeit
spielender Technik verrät, sind die durch jene zusammengezogene Gewand-
masse bedingten, sich seitlich abwärtsziehenden Falten in wenigen, dem natür-
lichen Fall entsprechenden Zügen angegeben. Bei der archaistischen Dres-
dener Athenastatue (vgl. Brunn, a. a. 0. Nr. 149) werden sie dagegen wesent-
lich vervielfacht mit einem deutlichen Streben nach ParaUelismus, und diese
Tendenz ist bei dem pergamenischen Palladion so gesteigert, daß hier von
einem natürlichen Fall der Falten überhaupt nicht mehr die Rede sein kann.
Aber das Archaistische ist nicht etwa dem Geschmack des um 300 v. Chr.
arbeitenden Stempelschneiders zuzuschreiben; er kopierte vielmehr getreu
die ihm vor Augen befindliche Kultstatue. Vergleicht man nämlich das
älteste Bild der Athena Ilias auf der Kupfermünze von Ilion (a. a. 0. Bd. II,
Beil. 61,3; dazu S. 502. 511), die etwa derselben Zeit entstammt, wie unser
Goldstater und das große, allerdings ältere Silberstück von Assos mit der-
selben Göttin (vgl. Babelon, Inv. Waddington, Nr. 655, Taf. I, 7), so er-
kennt man, daß die Reproduktion eines archaischen Skulpturwerks ganz
anders ausfiel, als bei dem pergamenischen Gepräge. Hiergegen kann auch
der Umstand nicht verwertet werden, daß z. B. auf einem ilischen Tetra-
drachmon aus dem Verlauf des II. Jahrhunderts v. Chr. archaisierende Züge
Die- Münzen von Pergamon. 37
zu bemerken sind (vgl. a. a. 0. Bd. II, Beil. 6i, i6 und S. 5iof.). Denn diese
Epoche liegt nicht nur um etwa anderthalb Jahrhunderte später, sondern
wir wissen auch, daß damals gar kein archaisches Kultbild der Athena
mehr in Ilion bestand, sondern ein neues, aus der Zeit des Lysimachos
(vgl. a. a. 0. Bd. 11, Beil. 61,4 und S. 5 1 1). Vor allem aber haben wir es in
Pergamon nicht wie hier mit einer Ausnahme innerhalb einer längeren,
anders gearteten Reihe, also mit einer rein individuellen Geschmacksrich-
tung zu tun, sondern mit einem feststehenden Typus, der sich auf zwei
Goldnominalen und der Silberprägung in derselben Weise ständig wiederholt.
Über das Alter des Athenakultes in Pergamon besitzen wir keine Kunde.
Die Bauformen des aufgedeckten Tempels sowie die an den Säulen gefun-
denen Inschriften deuten nur allgemein auf das IV. Jahrhundert v. Chr.
(vgl. R. Bohn, Altert, v. Perg., Bd. II, S. 24). Von den Münzen sind die
eben besprochenen die frühesten mit ihrem Bilde; die ältere Prägung der
Stadt zeigt dagegen als Archegetes den Apollon (vgl. Corolla Numism.,S. 47. 49).
Wenn man nun weiß, daß Athena als Schutzgottheit Alexanders des Großen
dessen Siegeszug durch Kleinasien und weiter begleitete, so darf man die
damalige Einführung, zum mindesten aber Belebung ihres Kultes in den
von dem Könige abh<ängigen Gebieten als die natürliche Folge ansehen'.
In Anbetracht des Umstandes, daß ihr Bild erst nach der Anwesenheit
Alexanders im westlichen Kleinasien, und noch dazu als Rückseitentypus
zu dem durch sein Geld verbreiteten unbärtigen Ilerakleskopf (Taf. I, 6. 7.
9. 10), auf den pergamenischen Geprägen erscheint, gewinnt die archaistische
Wiedergabe des Palladions eine besondere Bedeutung. Die Vermutung ist
nicht abzuweisen, daß die vor Alexander in Pergamon entweder noch nicht
oder doch wenigstens bild- und tempellos verehrte Göttin nun eine Kult-
statue erhielt, die in Ermangelung eines altertümlichen Vorbildes archaistisch
ausfallen mußte, wenn hierdurch, einem begreiflichen Wunsche des Volkes
entsprechend, der Hinweis auf einen frühen Ursprung des Athenadienstes
' Ein solcher Vorgang spielte sich z.B. in Priene ab. Nach H. Dressel (Sitziingsber.
d. Berl. Akad. d. Wiss. 1905, S. 469 ff.) ist hier sogar die Stiftung des Athenakultbildes durch
Alexander selb.st äußerst wahrscheinlich. \'gl. auch die Weihinschrift des Königs an die
Göttin an der südlichen (linken) Ante iiires dortigen Tempels bei Hill er von Gaertringen,
In.schr. v. Priene, Nr. 156 — Daß Alexander in Ilion das schon vorher bestehende Athena-
heiligtum bei seinem Aufenthalt ausschmückte, berichtet ausdrücklich Strabon (XIII, 593, 26
ed. Meineke).
H8 H. VON Fritze:
in der Stadt gewonnen wurde. Daß solche Tendenzen in der Tat bestan-
den, sclieint eine Inschrift der Königszeit zti beweisen, in der Auge als
Stifterin des Kultes in Pergamon genannt ist (Fränkel, Inschr. v. Perg. Bd. I,
Nr. 156, Z. 23). Wenn H. Schrader (Jahrb. d. Inst. 1900, S. 123), der auf Platte
Nr. 1 1 des Telephosfrieses (Winnefeld, Altert, v. Perg. Bd. III, 2, S. 168,
Taf. XXXI, 5) diese Tapycic dargestellt sieht, mit der Erklärung Recht hat,
so wäre das eben nur die Illustration zu der durcli die Inschrift überlieferten
Anschauung der Königsepoche, die für ein tatsädilich hohes Alter des Athena-
kultes nichts beweist. Über das Aussehen des sehr fragmentierten Athena-
idols auf der Friesplatte ist nur wenig zu sagen. Keinesfalls repräsentiert
es einen arcliaischen Typus, wie die freie Gewandbehandlung zeigt. Da-
gegen könnten die festgeschlossenen Füße eines Athenabildes auf einer
anderen Platte (Winnefeld, a. a. 0. S. 177, Taf. XXXI, 7) wohl eine archai-
sierende Wiedergabe andeuten. Bei dem Fehlen des Oberkörpers und der
dadurch bedingten Unkenntnis der Armhaltung und Ausrüstung ist jedoch
kein sicherer Schluß zu ziehen, inwieweit eine Ähnlichkeit mit unserem
Palladion besteht.
2. Die thronende Athena.
Die thronende Göttin, und zwar in verschiedener Haltung, schmückt
das Attalidensilber. Daß in der älteren Form (Taf II, i — 3) eine Anleh-
nung an das Bild der Lysimachostetradrachmen zu spüren ist, hat man
lange erkannt (vgl. Imhoof, S. 37); auch darf man vermuten, daß dies ge-
schah, um dem neuen Gelde Anschluß an die Handelsgebiete zu erleich-
tern, in denen das lysimachische Kredit besaß. Die wesentlichste Abwei-
chung zwischen beiden Darstellungen besteht darin, daß auf dem letzteren
die Göttin auf der Rechten eine Nike trägt, während sie auf dem Silber
des Philetairos und in der Folge für eine gewisse Zeit den vor ihr stehen-
den Schild hält. Wie oben (S. 10 f.) bemerkt, bringen jedoch nach einem
seltenen Ubergangstypus (Taf. II, 6) die Siege Attalos' I. (226 — 223 v. Chr.)
eine Änderung des Athenabildes: der Schild ist hinter ihr angebracht als
Stütze für den linken Ellenbogen, und mit der Rechten bekränzt sie den
nunmehr vor ihr befindlichen Namen des Philetairos (Taf II, 7 ff".). Wie
wir sahen, ist diese Umwandlung der mit den Wafl^en in der Hand zum
Kampf gerüsteten Göttin in die ausruhende Siegbringerin mit der Stiftung
des Nikephorions in Verbindung zu bringen. Da läge es nahe, in dem
Die Münzen von Pergamon. 39
neuen Typus die Kopie eines neuen, dorthin geweihten Kultbildes zu sehen.
Eine solche Annahme wäre jedoch unbedenklich abzulehnen. Der mögliche
Einwurf freilich, daß altem Sinn gemäß nikhoöpoc als Epitheton eines Gottes
nur »die Nike tragend« bedeuten könne (vgl. Furtwängler bei Röscher,
M. L., Bd. I, I, Sp.679), ähnlich Wörtern wie kpiooöpoc, kanhujöpoc usw., kann
hier nicht stichhaltig sein. Denn schon lange vor dieser Elpoche ist das
Beiwort auch übertragen in Gebrauch als »Sieg verleihend«. Es ist an
sich also sehr wohl denkbar, daß Athena Nikephoros ebensogut durch den
Kranz wie durch die Nike charakterisiert werden konnte. Gegen die Auf-
fassung der thronenden Athena als Kopie eines Kultbildes spricht vielmehr
nachdrücklich schon der Umstand, daß der ursprüngliclie Rückseitentypus
der königlichen Tetradrachmen, wie bemerkt, bedeutsame Änderungen durch-
macht, für die dann konsequenterweise ebenfalls statuarische Vorbilder an-
genommen werden müßten. Ferner findet selbst innerhalb der Nikephoros-
serie ein das Motiv nicht unwesentlicli alterierender Wechsel in der Speer-
haltung statt, den man kaum der Initiative des Stempelschneiders zutrauen
möchte.
3. Asklepios.
Die Frage nach der Zeit der Einführung des Asklepioskultes in Per-
gamon ist mehrfacli erörtert und als das irüheste Datum die erste Hälfte
des IV. Jahrhunderts v. Chr. mit guten Gründen in Anspruch genommen
worden (vgl. zuletzt K. Pill in g, Pergamen. Kulte, Naumburg. Progr., Ostei-n
1903, S. 24). Wenn wir nun bedenken, daß auf den Münzen, die auch hier
den Wechsel in der Vorherrschaft der verschiedenen Gottheiten bezeugen,
Asklepios und seine Symbole niclit vor der Königszeit, und zwar der späteren,
erscheinen, so ist dadurch bewiesen, daß die offizielle Bedeutung des Kultes
in dieser Periode liegt. Das Heiligtum des Gottes tritt fiir uns zuerst mit
dem Bericht des Polybios (XXXII, 15, i ed. Büttner-Wobst) über die In-
vasion des Prusias II. von Bithynien in der Tradition auf. Dieser ver-
anlaßte nach seinem Siege über die pergamen ischen Söldner die Fortfüh-
rung der Kultstatue des Asklepios aus dem Temenos. Nach v. Urlichs'
überzeugender Darlegung (Pergamen. Inschr., S. 15. 22) arbeitete Phyroma-
chos, der Schöpfer des Bildwerks, für Eumenes II., als dieser auf dem Gipfel
der Macht war und seine Residenz glänzend aus.stattete (vgl. Strabon
XIII, 624, 2 ed. Meineke; s. Nomisma II, S. 19(1'.). Wir dürfen hier wohl
40 H. VON Fritze:
auch das Asklepieioii einschließen und annehmen, daß Asklepios erst jetzt
seine hervorragende Stellung innerhalb der Stadtkulte erhielt. Diese Vor-
aussetzung wird dadurch gestützt, daß wir auf Grund rein stilistischer
Beobachtungen die ersten pergamenischen Gepräge mit seiner Figur bzw.
mit seinen Attributen gerade in die Regierungszeit des Kumenes II. zu setzen
Anlaß hatten (vgl. Cornlla Nuniism., S. 54!}".). Da liegt nun der Gedanke
nahe, in einer der beiden hier vorkommenden Asklepiosgestalten die Nach-
bildung der Phyromachosstatue zu suchen. Die Frage ist erörtert in No-
misma II, S. igff. Hier das Ergebnis: W. Wroth (Num.Chron. 1882, S. i4ff.)
hat den sitzenden Gott des königlichen (Taf. I, 29), W. Amelung (Rom.
Mitt. 1903, S. 8 ff.) den stehenden des autonomen städtischen Geldes (Taf. 1, 1 7)
als Reproduktion jenes Werkes in Anspruch genommen. Die Gründe, welche
Amelung gegen den sitzenden zu sprechen scheinen, sind ebensowenig durch-
schlagend, wie die, welche er zugunsten des stehenden vorbringt. Man
wird vielmehr geneigt sein, mit Wroth, wenn auch an der Hand anderer
Beobachtungen, den thronenden Asklepios des Königsgeldes als Kopie nach
Phyromachos anzusehen (so auch Collignon bei Collignon-Pontremoli,
Pergame, S. 47). Ein sicherer Beweis ist mit unseren Mitteln bisher nicht
zu führen. Jedoch lassen sich folgende allgemeine Erwägungen anstellen:
die Quellen (Polyb. XXXII, 15, 4 ed. Büttner-Wobst und Diod. XXXI,
Fr. 46 ed. Bekker) reden nur von dem Raube des Asklepiosbildes durch
Prusias II. von Bithynien, nicht aber von seiner Rückerstattung. Wenn
man auch erwarten dürfte, daß bei einem so berühmten Bilde ebenso wie
die Fortschaffung, auch die Restituierung gemeldet worden wäre, falls sie
wirklich erfolgt ist, so könnte ein solcher Schluß ex silentio allein doch
nicht bindend sein. Unleugbar ist jedenfalls, wie schon Bursian (AUgem.
Encykl., Sect. I, Bd. 82, S. 482, Note8i) hervorhebt, daß das Operieren mit der
Hypothese einer Rückerstattung der Statue nach Pergamon auf schwachen
Füßen steht. Man hat zunächst nur mit der Nachricht vom Raube zu
rechnen. Dem entspricht der Umstand, daß der thronende unbärtige Gott
nur auf der genannten königlichen Scheidemünze und später niemals mehr,
weder auf autonomer noch auf kaiserlicher Prägung bekannt ist, der stehende
Asklepios dagegen sowohl auf jenem Stadtgeld, als auch während der
ganzen römischen Periode bis hinab zu Gallienus erscheint. Es kommt
hinzu, daß Phyromachos im Auftrage des Eumenes IL an den Gallierfiguren
arbeitete. Wenn man nun glauben darf, daß sich derselbe König auch
Die Münzen von Pergamon. 41
die Hebung des Asklepioskultes angelegen sein ließ, so ist die Vermutung
nicht abzuweisen, daß das Bild der doch wohl auf seinen Befehl ausge-
fiihrten Statue des Gottes zur Bekundung der fürstlichen Munifizenz eher
königliche, als städtische Prägungen zu schmücken geeignet war. Endlich
spricht für eine besondere Bedeutung des sitzenden Asklepios, daß auf den
Rückseiten des königlichen Kupfergeldes nur diese eine Götterfigur vor-
handen ist und sonst ausschließlich Attribute als Wahrzeichen verwendet
werden.
Von den weiteren auf Asklepios bezüglichen Typen der vorkaiser-
lichen Münzen, der Schlange(Taf. 1,32.38), demSchlangenstab(Taf.I, i 2),
TempelschlOssel (Taf. I, 42f.), dazu W. Wroth, a. a. 0. S. i 7), und Om-
phalos (Taf 1, 15. 23), fordert nur der letztere eine Erklärung. Wenn wir
den Dreifuß zwischen der Legende askahhioy | znx HP oz sehen (Taf. I, 24),
so ist er dadurch noch nicht als Attribut des Asklepios gekennzeichnet, da
zu der Aufschrift ein Wort wie nömicma oder kömma zu ergänzen ist und
überdies jenes Prägbild als Rückseite zu dem Kopf des ApoUon erscheint
(vgl. auch Taf. I, 34). Anders schon, wenn sich zu dem Asklepioskopf der
Vorderseite der Omphalos, von der Schlange umwunden, auf der Rückseite
findet (Taf. I, 15). Dieses Vorkommnis im Verein mit der Beobachtung, daß
der sonst dem ApoUon heilige Kultgegenstand auf pergamenischen Kaiser-
münzen geradezu neben Asklepios erscheint (vgl. Brit. Cat., Taf. XXXllI, 4),
läßt vermuten, daß hier ein engerer, nicht nur mythischer, sondern auch
kultlicher Zusammenhang beider Götter, des Vaters und des Sohnes, be-
stand, worauf auch der Beiname des als KAAAixeKNOc verehrten Apollon hin-
deutet (vgl. Wroth, a. a. 0. S. 24 und unten S. 60).
IL
Die Münzen der Kaiserzeit.
A. Die Münzen ohne Kaiserportrait.
Nur für eine im Verhältnis zur Gesamtmasse kleine Gruppe von Münzen
bedarf es hier einer chronologischen Untersuchung. Sie betrifl't diejenigen
Exemplare, welche auf der Vorderseite nicht das Bild des Kaisers, sondern
meist Götter- und Heroenköpfe aufweisen (Taf III, 13 — 30, IV, i — 3). Solche
Prägungen verdanken ihre Entstehung besonderen Privilegien, die dem Ge-
Phii.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. I. 6
42 H. VON Fritze:
meinwesen gewisse autonome Rechte verliehen, zu denen die Münzemission
mit eigenen Wappen in erster Linie gerechnet wurde. Es ist natürlich, daß
diese Konzession nur die Ausnahme bildet und sich vorzugsweise auf kleinere
Nominale beschränkt.
Eine reiche Serie (vgl. Taf. III, 17. 18) umfaßt die in Legende, Symbolen
und Monogrammen vielfach variierten Stücke mit den meist durch Beischrift
bezeichneten Brustbildern des unbärtigen Senates (Vorderseite) und der
Roma mit Turmkrone (Rückseite). Sie tragen keinen Stadtnamen, doch
ist ihre Zuteilung an Pergamon schon durch die Provenienz gesichert (vgl.
Brit. Cat., S. 134, Anm.). Ihre Datierung in die Zeit vom Ende des I.Jahr-
hunderts n. Chr. bis etwa Mitte des II. Jahrhunderts n. Chr. bestimmt sich
durch verschiedene Anzeichen. Einen ersten Fingerzeig ergibt die Tat-
sache, daß ein Gepräge des Traianus den Romakopf (Taf. VI, 24) und ein
anderes des Hadrianus das Senatsbildnis (Taf. VI, 23) in analoger Ausstattung
tragen. Da diese Typen sich in der langen Reihe pergamenischer Kaiser-
münzen sonst nirgends wiederholen, darf man den Umstand als beachtens-
wert ansehen. Ferner kommt hinzu, daß beide Gepräge stilistisch manchen
der in Rede stehenden Gruppe ohne Kaiserkopf nahestehen. Letztere kann
man unbedenklich als Ganzes behandeln, da die Stücke trotz gewisser Ab-
weichungen zeitlich zusammenhängen. Endlich lassen sich Parallelen in
Beamtennamen feststellen. Ein Stratege Kephalion signiert. Münzen des
Augustus (vgl. Taf. IX, 13), die des Stils wegen hier nicht in Frage kommen,
des Domitianus (vgl. Taf. IX, 1 4) und des Hadrianus (Taf. IV, 8, V, 8. 2 2 , VI, 3).
Zwischen diesen könnte man schwanken, da auf Domitianus eventuell auch
ein auf dem Senat-Romagelde vorkommendes seltenes Monogramm 151 zu
beziehen wäre (Exemplare in Mailand, Paris, Parma). Aber wenn wir sehen,
daß sämtliche Münzen des Typus, der nicht nur in Pergamon, sondern auch
in ApoUonis, Germe, Hermokapelia, Julia-Gordos, Nakrasa und Stratonikeia-
Hadrianopolis vorkommt, aus der Zeit des Hadrianus stammen (vgl. Im-
hoof, Lyd. Stadtmünzen, S. 76; vgl. S. 30. 34), so wird man dasselbe auch
für einen großen Teil der pergamenischen Gepräge anzunehmen haben. Daß
aber diese Serie hier schon unter Traianus ihren Anfang nahm, lehrt nicht
nur der obengenannte Stempel mit seinem Portrait und dem Romabrust-
bild, sondern auch das auf Münzen ohne (Taf. III, 1 8) und mit Kaiserkopf
(Taf. VI, 19) erscheinende Monogramm /VE. Seine Auflösung bringen andere
Exemplare, auf denen neben der Homonoia ausgeschrieben meiaatoy zu
Die Münzen von Pergamon. 43
lesen ist. Dieser Meilates fungierte wiederholt als Beamter unter Traianus,
da seinem Namen TO B (auf Exemplaren in München, Paris) imd sogar TO A
(auf Exemplaren in München, St. Petersburg, Wien) zugesetzt ist.
Die übrigen Gepräge ohne Kaiserkopf zeigen großenteils Typen oder
Symbole der Athena und des Asklepios, vereinzelt au6h Köpfe des Hermes
und Herakles sowie den Dreifuß. Sie gehören sehr verschiedenen Epochen an,
die sich mehr oder weniger genau fixieren lassen. Hilfsmittel bieten in
erster Linie, wenigstens für einige Serien, wiederum die Beamtennamen.
Der schon erwähnte Kephalion verweist eine Münze mit dem Kopfe des
Pergamos und dem Schlangenstab (Taf. 111, 14) augenscheinlich gleich-
falls in die Zeit des Hadrianus, da der Stil gut zu dem der Senat-Roma-
gruppe paßt.
Weniger leicht sind die durch lulius PoUio signierten Gepräge fest-
zulegen. Denn Männer dieses Namens haben während des ganzen II. Jahr-
hunderts n. Chr. als Münzbeamte gezeichnet, und zwar unter Traianus, Ha-
drianus (Sabina), Pius, M. Aurelius (Faustina iun.), Commodus und Severus.
Man darf also hier wie für andere pergamenische Beamtendynastien eine
durch mehrere Generationen in derselben Familie fortbestehende Verwaltung
desselben Amtes annehmen. Zu genauerer Bestimmung kann nur der Stil
fuhren. Zunächst gibt es nun eine Anzahl von Münzen mit dem Athena-
brustbild und dem Telesphoros, die in Fabrik und Stil den hadria-
nischen Stücken mit derselben Rückseite so entsprechen, daß man ihre
gleichzeitige Entstehung nicht in Frage ziehen kann (vgl. Taf. III, 1 6 mit
Taf.V,8). Von dieser Gruppe aus sind andere auf- wie abwärts anzuordnen.
Das Gepräge mit Athenakopf und einem nackten Knaben (Taf. III, 13)
weicht in der Flächenbehandlung von dem eben besprochenen insofern ab,
als der Kontur schärfer, die Ausfuhrung aber trockener und flacher erscheint.
Hierfür findet sich ein Analogon in der Art der Wiedergabe des Zeuskopfes
auf der Münze des Traianus (Taf. IV, 5); man wird also den Typus Taf. III, 1 3
dem erst angeführten hadrianischen (Taf. III, 1 6) zeitlich voranstellen. Das
Vorkommen eines lulius PoUio unter Traianus und Hadrianus braucht jedoch
keineswegs das Vorhandensein von zwei Personen des Namens vorauszu-
setzen. Und in der Annahme desselben Beamten unter beiden Kaisern wird
man dadurch bestärkt, daß die ältei-e Münze, die wir der traianischen Epoche
zuschrieben (Taf. III, 13), nur die Legende CTP(ATHroY) i(oyaioy) nnAAinNOC
aufweist, während die jüngere, hadrianische (Taf. III, 16) den Zusatz TO B
44 H. vonFritze:
zeigt, also die zweite Amtsperiode eines Pollio andeutet. P"s bleibt end-
lich ein Typus mit demselben Namen, und zwar bei dem Heiligtum der
paphischen Aphrodite auf der Rückseite und mit dem Kopf des in-
schriftlich bezeugten pergamenischen Heros Eurypylos auf der Vorderseite
(Taf. III, 15). Dieses Stück wird man kaum in eine andere Periode setzen
können, als in die hadrianische, der eine noch sorgfältige, feine Modellie-
rung eigen ist, was besonders bei der Vergleichung mit dem späteren Per-
gamoskopfe (Taf. III, 1 9) auffällt. Ist die Datierung richtig, so wäre die
Münze zwischen die beiden obengenannten Typen mit dem Namen des Pollio
(Taf. III, 13 und III, 16) einzuschieben, da auf ihr noch keine Iteratio der
Amtsführung angegeben ist.
Einer späteren Epoche gehören drei durch ihre stempelgleiche Vorder-
seite (Athenakopf nach rechts) verbundene Typen an. Die Rückseiten,
welche die Aufschrift der Vorderseite wiederholen, zeigen den nackten
Knaben (Taf. III, 21), Telesphoros (Taf. III, 20) und einen Dreifuß, aus
dessen Kessel sich eine Schlange erhebt (Taf. III, 22). Obgleich der Stil
diese Exemplare noch dem II. Jahrhundert n. Chr. zuzuweisen scheint, wür-
den wir auf eine genauere Datierung verzichten müssen, brächte nicht eine
Stempelvariante mit dem nackten Knaben an Stelle des Stadtnamens auf
der Rückseite den eines Beamten, und zwar des Diodoros (Taf. III, 21). Ein
solcher spielte schon zur Königszeit in Pergamon eine Rolle auf Inschriften
(vgl. Hepding, Athen. Mitt. 1907, S. 243) und Münzen (vgl. Corolla Numism.,
S. 54. 58, s. oben S. 6. 23). In der Kaiserzeit kommt ein Diodoros nur einmal
vor, und zwar unter Commodus. In dessen Regierungsperiode, also in die
letzten Dezennien des II. Jahrhunderts n. Chr., gehören wohl auch dem StU
nach die obigen drei Prägungen, wie eine Vergleichung mit den eingangs
dieses Abschnitts in die ersten Jahrzehnte des II. Jahrhunderts n. Chr. ge-
setzten Serien (Taf. III, 13 -18) wahrscheinlich macht. So sehr jene schon
in Feinheit und präziser Technik gegen diese zui-ückstehen, so überlegen
sind sie hierin wie auch in der Sorgfalt der Arbeit den Stempeln des III. Jahr-
hunderts n. Chr., welchem die nunmehr noch übrigen Münzen ohne Kaiser-
kopf angehören.
Die Mehrzahl von ihnen kennt keine Beamtennamen. Nach Stil und
Typen lassen sieh jedoch Gruppen bilden. Die stempelgleichen Vorderseiten
zweier Gepräge zeigen das Brustbild des Asklepios nach links und im
Feld vor ihm eine Schlange (Taf. III, 25). Auf den dazugehörigen Rück-
Die Münzen von Pergamon. 45
Seiten erblickt man die sich in vielverschlungenen Windungen aufringelnde
Schlange (Taf. III, 25) oder dieselbe, sich um einen Baum windend
(Taf. III, 26). Beide ermöglichen den zeitlichen Anschluß dreier weiterer
Typen. Die in allen p]inzelheiten entsprechende, augenscheinlich stempel-
gleiche Schlange zweier Rückseiten ist einerseits mit einem Athenabrust-
bild (Taf. in, 23) und anderseits mit Telesphoros (Taf. III, 24) verbunden.
Um den Baum geringelt ist sie, vermutlich aus demselben Stempel wie
III, 26, als Rückseite mit einem Hermesbrustbild kombiniert (Taf. lll, 27).
Noch später ist eine zweite Serie entstanden, die sich durch flaches
Relief und gesteigerte Roheit des Stiles kennzeichnet. Wiederum erscheinen
zwei verschiedene Rückseiten typen bei stempelgleichen Vorderseiten (mit
dem Athenabrustbild), und zwar i. Telesphoros (Taf. III, 28), 2. die
um den Baum geringelte Schlange (Taf. III, 29), aber in charakteristisch
von der obigen (Taf III, 26. 27) abweichenden Windungen. Dieses Wappen
findet sich ganz ähnlich als Rückseite zu einem stiernackigen, kurzhaarigen
und bärtigen Kopf, den man trotz mangelnder Attribute wohl als Herakles
auffassen darf (Taf. III, 30). Ihm stehen wieder die stempelgleichen Vorder-
seiten zweier Gepräge sehr nahe, die einen Asklepioskopf nach rechts,
davor im Feld die Schlange darstellen (Taf. IV, 2). Auf der *inen Rück-
seite sehen wir Telesphoros (Taf. IV, 2), auf der anderen die Schlange,
aber in einfacherer Verschlingung als bei der vorigen Gruppe (Taf. IV, i).
Eine genauere chronologische Bestimmung dieser zwei Serien ließe sich ver-
mutungsweise vielleicht auf Grund der Tatsache gewinnen, daß die um den
Baum geringelte Asklepiosschlange als alleiniges Münzbild Geprägen des Ela-
gabalus (Taf. IX, 9), des Alexander und der Mamaea eigen ist. In diese
Epoche würde auch der Stil der Serien passen.
Einer etwas früheren Periode, vielleicht der Zeit Caracalla's, könnte man
die Münze mit dem Kopfe des Pergamos als ktIcthc und einer stehenden
Athena mit Schale, Schild und Speer zuschreiben (Taf III, 19). Der Be-
amtenname »Sokrates« ist zeitlich nicht zu fixieren. Keinesfalls wird man
der Datierung im Brit. Cat., S. 136, 224 folgen können, wo das Stück in die
Periode des Domitianus, Traianus, Hadrianus gesetzt wird. Die große Ver-
schiedenheit des Stils der beiden Pergamosköpfe (Taf 111, 1 4 und Taf III, 1 9)
sowie die rohe Ausführung des Athenabildes rechtfertigen die zeitliche Her-
abrückung der letzteren Münze. Endlich ist noch ein Exemplar mit dem
Senatsbrustbild und einer der eben genannten im Typus gleichen Athena
46 H. vonFritze:
zu nennen (Taf. IV, 3). Der Zusatz r NenKOPn bringt als terminus post
quem die Regierung des Severus. Aber man hat die genaue Bestimmung
durch das Vorkommen der stempelgleiclien Rückseite auf einem Gepräge
des Saloninus (Petersburg).
B. Die Münztypen der Kaiserzeit.
Die überaus große Zahl von pergamenischen Prägbildern aus der Kaiser-
zeit erfordert eine zusammenfassende Gruppierung nach bestimmten Gesichts-
punkten. Es gibt im wesentlichen drei Typenkategorien : i. konventionelle
Darstellungen, vt^elche sich über die ganze griechisch-römische Welt ver-
breitet finden, 2. solche mit lokaler Bedeutung und 3. Bilder, die bestimmte
Ereignisse illustrieren sollen. Während die den ersten beiden Gruppen zu-
gehörigen Typen kurz als »konventionelle« und »lokale« bezeichnet werden,
hat B. Pick (Österr. Jahresh., Bd. Vll, 1904, S. 14) für die dritte den
prägnanten Ausdruck »aktuelle« gefunden. Wie aber alle derartigen syste-
matischen Einteilungen, so bieten auch diese nicht genügend feste Grenzen,
um ein Ineinanderfließen zu verhüten; so bei den »lokalen« und »aktuel-
len« Wappen. Wenn Pick z.B. (a.a.O.) meint, daß das Tempelchen in
der Hand von Gottheiten kein »regelmäßig örtliches Attribut« sei, viel-
mehr erscheine es auf den Münzen nur bei einem bestimmten Anlaß, so
wird man sich kaum entschließen wollen, von dem Tempel als Ortsbezeich-
nung abzusehen. Und umgekehrt ist es sehr wohl möglich, daß ein Kult-
bild, welches Pick für seine »lokale« Gruppe in Anspruch nimmt, unter
Umständen auch nur zur Charakterisierung eines besonderen Falles auf der
Münze zur Darstellung kommt. Nicht anders ist es mit dem Vorschlage
Macdonald's (Coin Types, S. 72), die Typen in »dekorative«, »imitative«,
» kommemorative « und »religiöse« zu teilen (vgl. Wochenschr. f. klass.
Philol. 1906, Nr. 30/31, Sp. 821). Man wird daher am besten tun, die
Gruppen von FaU zu Fall nach den Gesichtspunkten zu bilden, welche
die größtmögliche Übersichtlichkeit ergeben.
Mit Ausschluß oder nur gelegentlicher Erwähnung der »konventio-
nellen« Typen sollen in folgendem die in Kategorien zusammengefaßten
Prägbilder aufgeführt werden, und zwar, soweit angängig, unter Verzicht
auf eingehendere religions- und kunstgeschichtliche Untersuchungen, was
über die Grenzen dieser Abhandlung hinausgehen würde.
J
Die Münzen von Pergamon. 47
I. Asklepios' und sein Kreis.
Asklepios wird deshalb an die Spitze gestellt, weil sein Kult in dem
Maße alle anderen Götterdienste während der Kaiserzeit verdunkelt, daß
er geradezu als Stadtpatron angesehen werden kann, wie mit Sicherheit
aus den zahlreichen Homonoiamünzen hervorgeht. Allerdings erscheint er
erst zur Zeit der Flavier (unter Domitianus, vgl. Mionnet, Svppl. V, S. 432,
951), während auf dem Gelde der iulischen Kaiser mit Ausnahme einiger
noch zu besprechender Prägbilder wesentlich Portraits von Mitgliedern des
Herrscherhauses auch auf den Rückseiten angetroffen werden'. Damit ist
freilich nicht gesagt, daß der Asklei)ioskult, welcher, wie wir sahen, schon
im II. Jahrhundert v. Chr. zu großer Bedeutung gelangt war, unter den
ersten Kaisern eine Vernachlässigung erlitten hätte'. Die Münzdarstellun-
gen des I. Jahrhunderts n. Chr. zeigen vielmehr in Pergamon, wie auch
andernorts, nur verhältnismäßig wenig ]\r;umigialtigkeit und eine gewisse
Zurückhaltung in der Auswahl der Typen, auch vorzugsweise nur kleinere
Nominale. Erst von Traianus ab beginnt eine schnell zunehmende Be-
reicherung des Bilderschatzes und durch die Ausgabe größerer Gepräge
auch die Wiedergabe von Szenen mit mehreren Figuren, welche ihren Höhe-
punkt auf den Großbronzen der Antonine findet.
Asklepios erscheint hier wie auf den vorkaiserlichen Münzen (vgl.
oben S. 40), sitzend und stehend, ferner in verschiedener Situation und
Haltung. Die Frage liegt nahe, ob und welche dieser Stempel eventuell
auf in Pergamon vorhandene Kunstwerke zurückgehen. Das ist nur in
einzelnen Fällen mit Sicherheit zu entscheiden. Von Pius bis zu Gallienus
kommt der stehende Asklepios im Innern eines Tempels, also siclier
als Kultstatue in Pergamon vor (vgl. Nomi'^ma II, S. 22: hier Taf. Vlli, 10,
Pius; Taf. IX, 16, Commodus; Taf. VIII, 9, Caracalln). Er repräsentiert den-
' Soweit es sich um Asklepios und seine Bilder in Pergamon handelt, werden hier
ohne nähere Begründung kurz die Ergebnisse des Aufsatzes -Asklepiosstatuen in Pergamon «
{Nomisma II, S. 2 2ff.) wiederholt.
• Vgl. Livia und lulia (Brit. Cat., Taf. XXVIII, 6); C. und L. Caesar (vgl. Mionnet,
II, 8.595,543); Livia sitzend (hier Taf. VII, 3); Drusus und Gcrnianicus (vgl. Mionnet,
Suppl.y, S. 430, 944; Inilioof, Kleinasiat. Münzen, Bd. I, 8.31); Nero und Britannicus
(I nihoof, a. a. O.).
^ Dagegen spricht .schon die Notiz des Tacitus (Ann. 111,63) ^'i^ev die Verleihung
des A.sylrechts an den Asklepiostempel von Pergamon durch Tiljerius und den Senat.
48 H. VON Fritze:
selben Typus wie auch das autonome Stadtgeld (Taf. I, 17): bärtig, von vorn
gesehen, den Schlangenstab unter der rechten Achsel, die Linke im Mantel,
ein Schema, das, vermutlich im V. Jahrhundert v. Chr. entstanden, sich über
die ganze antike Welt verbreitend, konventionell geworden ist. Derselbe Gott
findet sich nicht nur als Gegenstand der Verehrung seitens des Kaisers
auf hohem Pfeiler (Taf VII, 1 4) oder auf dem Boden stehend (Taf. VIII,
I. 2.4), sowie von Kentauren getragen (Taf. V, 10), auch zwischen ihnen
auf einem Postament (Taf. V, 9), oder als Attribut auf der Hand einer Stadt-
göttin (Taf. VII, 1 3), eines Mannes, vielleicht Priesters (Taf. VIl, 1 5), in langem
Gewand, neben Zeus (Taf. IV, 10) oder Hermes (Taf. VI, 4) usw., sondern auch
als Vertreter der Stadt auf Homonoiamünzen mit den Repräsentanten anderer
Gemeinwesen zusammengestellt (vgl. Imhoof, Griech. Münzen, Taf. VII, 12,
mit der Artemis von p]phesos). Ob dies dieselbe Statue ist wie auf dem
autonomen Stadtgelde (Taf. I, 17) oder eine andere desselben Typus, ist
nicht zu entscheiden. Die Vermutung ist jedoch nicht abzuweisen, daß
der stehende Gott den durch Prusias II. geraubten (vgl. oben S. 40) sitzen-
den des Phyromachos zu ersetzen bestimmt war und dann bis mindestens
in die Epoche des Gallienus hinein erhalten blieb. Anderseits ist es aber
auch möglich, daß beide Statuen schon nebeneinander zur Königszeit in
Pergamon bestanden. Als sicher darf gelten, daß seit Pias das stehende
Bildwerk den Asklepios darstellte, welchem in der Kaiserzeit der Hauptkult
der Stadt galt.
Derselbe Typus des bärtigen Gottes erscheint aber auch mit anderer
Kopfhaltung. Statt nach vorn schauend stellte man ihn im Profil teils
nach rechts (Taf. IV, 20; VII, 1 7 ; IX, 2 i . 24), teils — und zwar häufiger —
nach links dar (vgl. Nomismn II, S. 23 ; Taf II, 10; hier Taf V, 7. 16; VI, 2 i ;
IX, 15. 17). Daß dies vielfach in der Absicht geschah, ihn mit den neben
ihm stehenden Figuren in eine innere Verbindung zu bringen, wie beson-
ders bei den Homonoiamünzen, liegt auf der Hand. Hier an ein Vorbild
irgendeiner Art zu denken, ist unstatthaft. Daß anderseits Kompositionen
bestanden, die den nach links blickenden Gott aufwiesen, lehrt unzweifel-
haft seine typische Zusammenstellung mit Hygieia (vgl. Taf. V, 12. 13),
wo es doch anders liegt als bei den Allianzmünzen (vgl. Nomisma II,
S. 24). Ob aber ein malerisches oder statuarisches Werk gerade dieser
Art in Pergamon existierte, können wir nicht wissen, da das konven-
tionell gewordene Schema keine lokalen Anknüpfungspunkte zu haben
Die Münzen von Pergamon. 49
braucht'. Beide Figuren erscheinen in unveränderter Haltung auch einzeln,
haben also in diesem Falle aus der Gruppe herausgelöst Verwendung gefunden.
— Es gab jedoch sicher eine nach links schauende Asklepiosstatue in Perga-
mon, in der Stellung der eben erwähnten gleich, aber unbärtig. Eine solche
zeigt nämlich ein Prägbild des M. Aurelius, wo sie auf hohem Pfeiler
zwischen den gelagerten Flußgöttern Seleinus und Keteios steht (Taf.VI, 15).
Bequemlichkeit des Stempelschneiders ist nicht gut als Ursache für die
Kopfwendung anzunehmen in einer Münzreihe, wo der Gott so häufig en
face vorkommt. Man wird also zu dem Schluß veranlaßt, hier ein anderes
statuarisches Bild des Asklepios vorauszusetzen. Daß den ihm zu Füßen
angebrachten Flußgöttern keine topographische, sondern nur eine allgemein
geographische Bedeutung eigen ist, beweist eine ähnliche Münze von Ephesos
(vgl. Nomisma II, S. 2 3 f.).
Eine Abwandlung der eben genannten konventionellen Gruppe des
Asklepios und der Hygieia bringen zwei analoge Großbronzen des M. Aurelius
und des L. Verus. Schon H. Gaebler (Zeitschr. f Num. Bd. XXV, S. 38)
hat die bei Hygieia nicht zu erklärende Schleiertracht als Kennzeichen für
eine mit ihr identifizierte Kaiserin, hier also Faustina iunior, in Anspruch
genommen, an deren Heiligtum auf der Burg er erinnert. Auf dem besser
erhaltenen Stück des Verus (Taf. V, 14) treten sogar Portraitzüge des
M. Aurelius bei dem Gott hervor. Das von dem gewöhnlichen Typus ab-
weichende Halten des Schlangenstabes nach Art eines Zepters legt es nahe,
dies vielleicht als Eigentümlichkeit für den vergöttlich ten Kaiser zu be-
trachten. Dementsprechend sind zwei weitere identische Medaillons der-
selben beiden Herrscher dahin zu erklären, daß M. Aurelius-Asklepios auf
einem von zwei Kentauren gezogenen Wagen vielleicht bei seiner Umfahrt
als Gott gedacht ist (Taf. V, 1 1 , Verus). Endlich käme eine Homonoia-
münze von Pergamon und Ephesos mit dem Portrait des Commodus in
Betracht, auf welcher Asklepios in gleicher Stellung wie oben, aber nicht
' Daß ans pergamenischen Münzbildern irgendwelche Schlüsse auf das Werk des
Nikeratos (Plm. N. h. XXXIV, 80) auch n\ir mit eini<>;er Wahrscheinlichkeit gezogen werden
könnten, i.st im Gegensatz zu A. .I.-Rei nach (Rev. arch. 1909, f^. 167) zu bestreiten. Denn
zunächst ist die Annahme, daß seine Gruppe des Asklepios und der Hygieia im Concordia-
tempel zu Rom aus Pergamon stamme, bisher eben nur Hypothese, nicht weniger aber auch
deren Zusammenliang mit den vatikanischen Statuen (vgl. Amelung, Skul|)t. de.s \'at. Mus.,
Bd. II, Nr. 399; Taf. 51) sowie des Nikeratos eventuelle Urheberschaft der letzteren.
Pkil.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abk. l. 7
50 H. VON Fritze:
der Hygieia, sondern einer matronalen Artemis mit Köcher an der Schulter
und langer Fackel — ein sonst für Ephesos unbekannter Typus — gegen-
übersteht (Taf. IX, 19). Ob man diesen Asklepios als Commodus ansehen darf,
steht dahin. Es wäre notwendig, eine Reihe von Bedenken zu heben, bevor
man eine solche These aufstellen könnte (vgl. darüber Nomkma II, S. 26f.).
Es bleibt von den stehenden Asklepiosdarstellungen noch ein völlig
nackter, unbärtiger Typus: der Gott stützt die Rechte in die Seite, den
Schlangenstab unter die linke Achsel und reicht mit der Linken der Schlange
Nalirung (Taf. V, 1 8). Es ist bei der Roheit des Gepräges nicht zu ent-
scheiden, ob hier Portraitzüge des Severus Alexander vorliegen, dessen
Bild die Vorderseite trägt. Daß bei dem unbekleideten Gott an die bei
Kaiserstatuen sonst häufige heroische Nacktheit zu denken wäre, wird an-
gesichts des eben erwähnten, mit dem Mantel umhüllten Aurelius- Asklepios
(Taf. V, 14) nicht wahrscheinlich. Auch die Frage nach einem etwaigen
statuarischen Vorbild in Pergamon, das der Stempelschneider vor Augen
gehabt habe, bleibt offen. Das Motiv des die Schlange in der beschriebe-
nen Weise fütternden Heilgottes ist allerdings statuarisch bekannt (vgl.
Nomisma II, S. 2 7 f.).
Haben wir demnach mit Hilfe der Münzen von zwei in Pergamon
vorhandenen stehenden Asklepiosfiguren die eine mit Gewißheit als Kult-
statue bestimmen können, so ist derselbe Nachweis auch für ein Sitzbild
zu führen, das sich im Tempel auf Großbronzen des Caracalla findet (vgl.
Nomisma II, S. 2 9 ff.). Abweichend von dem gewöhnlichen Schema des
thronenden, die sich vor ihm erhebende Schlange aus der Schale tränken-
den Gottes hält er hier das ihm heilige Tier auf der vorgestreckten Rechten.
Der diese Figur bergende Tempel erscheint einerseits allein (Taf. VIII, 7. 8),
anderseits zwischen zwei ähnlichen Heiligtümern, die teils ohne Kultbilder
(Taf. VIll, 16), teils mit je einer Kaiserstatue im Innern (Taf. VIII, 19) dar-
gestellt sind. Auch abgesehen von den beweiskräftigen, die drei Giebel
füllenden Legenden AYr(oYCTOY). A N (TUNeiNOY). tpa(iänoy) (Taf . VIII, 19) würde
man an die Neokorietempel der Stadt denken, die ihr durch Augustus,
Traianus und zuletzt durch Caracalla bewilligt waren'. Während längst
feststand, daß Augustus neben Roma und Traianus neben Zeus Philios einen
' Auf dein Gepräge mit den zwei kultbildlosen Tempeln (Taf. VIII, i6) liest man nur
im Giebel des darüber befindlichen dritten mit dem sitzenden Gott im Innern eine Legende,
A N (TUNeiNOY), welche aber genügt, alle drei als die Neokorietempel zu erweisen.
I
Die Mümen von Pergamon. 51
Tempel innehatte, war man über den Namen des im dritten Neokorie-
heiligtum thronenden Gottes, dessen cynnaoc Caracalla wurde, bisher im un-
klaren. Fränkel (Inschr. v. Perg., Bd. 11, S. 228) dachte an Zeus, undConze
(Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1895, S. 1060) nahm der Schlange wegen
Asklepios an ', wurde infolgedessen aber, ohne die Giebelin'schriften der Tempel
auf den Münzen zu kennen, an der Deutung als die Neokorietempel irre.
Neuere Untersuchungen haben jetzt ergeben, daß es das von Aristides (II,
335» 5 und 437, 3 ed. Keil) bezeugte Hieron des Zeus Asklepios war, in
den Caracalla als göttlicher Mitbewohner aufgenommen wurde (vgl. Nomisma
II, S. 3 2 f.). Wir kennen nun aber das Caracallaheiligtum in Pergamon;
es ist der sogenannte »ionische Tempel« auf der Theaterterrasse. Zwar
hat man von den Metallbuchstaben der Architrav-Inschrift nichts mehr ge-
funden, aber ihre Einzapfungslöcher sind erhalten, aus deren Stellung zu-
einander, teilweise mit Erfolg, eine Ergänzung versucht worden ist. Eine
Nachprüfung an den im Berliner Museum befindlichen Abgüssen der be-
treffenden Platten ergab das Resultat, daß das erste Wort wirklich, wie
schon Borrmann und Fabricius herausfanden, aytokpatopi gelautet
haben muß. Da Caracalla der einzige lebende Kaiser war, dem man außer
Augustus und Traianus in Pergamon einen Tempel errichtete, so muß ihm
dieser ionische Bau geweiht gewesen sein, weil die Dedikationsformel an
einen verstorbenen Herrscher mit dem Worte eeni zu beginnen hätte. Die
übrigen Wiederherstellungsversuche von Fränkel (a. a. O. Bd. II, zu Nr. 299)
sind, wie Nomisma II, S. 34 f. nachgewiesen wurde, unrichtig. Daß in der
Tat der aus den Brandtrümmern eines Heiligtums der Attalidenzeit um die
Mitte des II. Jahrhunderts n. Chr. restaurierte ionische Tempel dem Zeus
Asklepios gehörte, scheint auch eine nur in wenigen Fragmenten erhaltene
Inschrift zu beweisen, die in ihm gefunden ist (bei Fränkel, a.a.O. Bd. II,
Nr. 300). Denn der erste Buchstabe A wird in diesem Zusammenhange nur
zu All ergänzt werden können. Nach alledem darf man es als sicher an-
sehen, daß der thronende Gott im Tempel auf den Großbronzen des Cara-
calla als Kultbild des Zeus Asklepios zu gelten hat.
Zwei weitere Typen des sitzenden bärtigen (rottes zeigen ihn nach
links mit der Schale in der ausgestreckten Rechten, einmal, um die sich
• Ohne Oberhaupt auf die Münzen Riicksiclit zu nehmen, glaubte v. Prott (Athen.
Mitt. 1902, S. 161 ff.) in dem »ionischen Tempel- das Hieron des Dionysos Kathegemoii sehen
zu können, eine, wie sich nun ergibt, haltlose Hypothese (vgl. Nomisma 11, S. 32).
52 H. vonFritze:
vor ihm erhebende Schlange zu tränken (Taf. V, 17), das andere Mal ringelt
sie sich um den Stab, auf den sich seine Linke stützt, in die Höhe (Taf.V, 15).
Aus diesen Geprägen allein schließen zu wollen, daß sich in Pergamon Vor-
bilder in Rundskulptur, Relief oder Malerei oder gar entsprechende Kult-
statuen befanden, ist nicht angängig'. Der erste der beiden Typen repräsen-
tiert ein schon von Epidauros her bekanntes Schema und bei dem zweiten
wird die Möglichkeit zuzugeben sein, daß er freie Erfindung des Stempel-
schneiders war. Denn derselbe Gott erscheint in gleicher Gestalt und Hal-
tung auf einer Commodusmünze, nur daß er statt der Schale das Bild der
ephesischen Artemis auf der Rechten trägt (vgl. Mionnet, Suppl.Y, S. 451,
1061), eine Komposition, die unter Benutzung des konventionellen Typus
des sitzenden Asklepios ausschließlich für die Darstellung der Homonoia mit
Ephesos erfunden war. Eine ähnliche Situation zeigt eine andere Münze
desselben Kaisers (Taf. IX, 20), nur daß die Schlange sich nicht um den
Stab, sondern vor dem Gotte emporwindet.
Ein Kreis verschiedener Heilgottheiten schließt sich in Pergamon um
Asklepios (vgl. Pilling, a. a. 0. S. 3off.). Auf Münzen der Stadt finden
sich drei von ihnen. Über Hygieia ist bereits oben S. 48 f. bemerkt worden,
daß sie sowohl in einer Gruppe mit Asklepios, als auch in derselben Hal-
tung wie dort, mit Schlange und Schale in den Händen, allein auftritt (vgl.
Brit. Cat., Taf. XXVIII, 14). Mit einer Ausnahme, auf einer Großbronze des
Verus (Taf.V, 13), wo der Körper der Göttin von vorn gesehen ist, wird
sie stets im Profil nach rechts wiedergegeben. Nächst ihr spieltTelesphoros
die bedeutendste Rolle im Kult, stets in der bekannten Verhüllung mit der
spitzen Kapuze auf dem Kopf von vorn (Taf. III, 16. 20. 24. 28; IV, 2;
V, 7. 8; VIII, 4. 5. 13). Ein Gepräge des Hadrianus (Taf.V, 8) gibt Auf-
klärung über seine Armstellung: er hält beide, anscheinend geballte Hände,
die sich hier unter dem Mantel abheben, vor dem Körper etwa in Brust-
' In einem bei den Ausgrabungen in Pergamon gefundenen Marmorfragment, dem
köpf- und armlosen Oberkörper eines vermutlich sitzenden Gottes, erkennt P. Jacobsthal
(Athen. Mitt. 1908, S. 42if. zu Taf. XXIV, i) den Rest einer Kultstatue des Asklepios, die
er dem II. Jahrhundert v. Chr. zuschreiben zu können glaubt. Er sieht in ihr gewisse Ähn-
lichkeiten der Haltung mit einem der eben genannten Miinzbilder. Doch wird man aus dem
sehr kärglichen Kest keine weitgehenden Schlüsse ziehen dürfen.
Die Münzen von Pergamon. 53
höhe. Wenn Aristides (S. 418, 21 ed. Keil) von einem Neue des Teles-
phoros in Pergamon redet, so sind wir hier in der Lage, die rhetorische
Übertreibung auf die Wirklichkeit zurückzuführen. Dieser neüjc war ver-
mutlich nichts als ein naTckoc, den uns Münzen des Pius (Taf. VIII, 13) und
Commodus zeigen. Ganz ähnlich wie wir das Kultbild des Asklepios als
Mittelpunkt größerer Szenen nicht im Tempel, sondern scheinbar im Freien
sahen (vgl. oben S. 48), so auch Telesphoros. Auf Großbronzen des Cara-
calla steht er einmal auf einem Postament neben Asklepios ' (Taf. VIII, 4),
das andere Mal allein vor einem von der großen Tempelschlange umwun-
denen Baume '" (Taf. VIII, 5). Richtiger wird man ohne Zweifel in diesem
Falle von dem im Asklepiosbezirk gelegenen Telesphorion sprechen können,
welches aus einem Temenos mit dem in einem Naiskos befindlichen Götter-
bild bestand.
Ein anderer Heildämon wird als solcher bezeichnet durch sein Er-
scheinen neben Asklepios (Taf. V, 16) oder zwischen ihm und Hygieia
(Taf. V, 13). Er ist durch seine Kleinheit als Knabe charakterisiert, nackt,
von vorn dargestellt, den Kopf leicht nach links gewendet, mit der Rechten
ein kurzes messerartiges (?) Instrument' bis fast in Kopfhöhe erhebend, in
der vorgestreckten Linken einen Gegenstand, in dem man auf einigen Stücken
ein liegendes Tier zu erkennen meint. Sollte man dieses als Gans oder
Ente bezeichnen dürfen, so hätte man hier augenscheinlich eine Variaute
des bekannten Motivs (vgl. die Zusammenstellung bei S. Reinach, Rep.
de la stat. gr. et rom., Bd. II, S. 464 f.), dessen Beziehung zu Asklepios so-
eben von J. N. Svoronos (Ephein. arch. 1909, Sp. 1340". nachgewiesen ist,
der in dem »Knaben mit der Gans« laniskos, einen jüngeren Sohn des
Gottes und der Epione, sieht. Freilich findet sich nirgends bei den in Rede
stehenden Figuren jenes Instrument in der Rechten des Knaben. Ähnlich
in der Armhaltung ist eine Bronzestatue des Museums in Konstantinopel
' Bald rechts (Taf. V, 7), bald links (Brit. Cat., Taf. XXVIII, 17) von Asklepios, aber
nicht auf einem Postament, treffen wir ihn auf Geprägen des Pius und Aelius; zwischen
jenem und Hygieia auf Münzen des M. Aurelius (vgl. Mionnet, II, 602, 584, München),
Alexander (London) und Maximinus (Holischek-Wien).
' Vgl. auch denselben Baum mit Schlange als Einzeltypus auf Kaisermünzen ohne
Kaiserkopf (Taf. III, 26. 27. 29. 30) und auf solchen mit dem Bilde des Elagabalus (Taf. IX, 9),
des Alexander sowie der Maesa.
• Dieses, bisher noch nicht bemerkt, ist am deutlichsten auf einem kleinen Nominal
ohne Kaiserkopf (Taf. III, 13), aber auch auf anderen Stücken zu sehen.
54 H. V o N F R I T z E :
(vgl. Joubin, Reo. arch. 1899, 2, S. 206 f.; Taf. XIX). Doch möchte man
liier in der viel weniger erhobenen rechten Hand eher ein dem Vogel hin-
gehaltenes Nahrungsmittel voraussetzen (vgl. S. Reinach, a.a.O. S. 465,8).
Ob man bei dem pergamenischen Typus an ein Spiel, wie z. B. auch bei
dem ApoUon Sauroktonos, oder vielleicht an einen mit dem Kult des Heil-
gottes in Beziehung stehenden Vorgang zu denken hat, steht dahin und
wird bei den geringen Dimensionen der Objekte aus diesen selbst kaum
erklärt werden können.
Im Anschluß an diese Gottheiten sei ferner die Darstellung der Mutter
des Asklepios, der Koronis, erwähnt. Der Umstand, daß sie nur einmal,
und zwar auf einer Münze der Sabina (Taf. V, 1 9), vorkommt, legt die Ver-
mutung nahe, daß sich die Gattin des Hadrianus in dieser Gestalt in Per-
gamon verehren ließ, wie wir für andere Kaiserinnen ähnliche göttliche
Identifizierungen nachweisen können (vgl. oben S. 49). Die Figur ent-
spricht in ihrer Haltung, nur mit vertauschter Stellung der Arme, der
sogenannten Pvdidtui, in der man gleichfalls die Statue einer vornehmen
Römerin zu sehen glaubt (vgl. W. Heibig, Führer', Bd. I, S. 8, Nr. 8;
Amelung, Sculpt. des vatican. Mus., Bd. I, S. 36). Daß endlich auch die
Schlange als das heilige Tier des Asklepios allein als Münztypus ver-
wendet wird (Taf. III, 23 — ^25, IV, i), kann nicht verwundern. Sie kommt
auch auf einem Altar oder Postament auf Münzen des M. Aurelius (Taf. IX, 1 2)
und Commodus vor — und hier wird man vielleicht an die Wiederholung
eines im Asklepieion befindlichen Bildwerks denken können — oder in
zahlreichen Windungen sich aufrichtend (Taf. IX, 10. 11) und endlich, wie
wir S. 45. 53 sahen, um einen Baum geringelt.
2. Zeus.
Inschriftlich sind verschiedene Kultbeinamen für ihn in Pergamon be-
zeugt (vgl. Pill in g, a. a. 0. S. 6 ff.). Sicher auf den Münzen nachweisbar
ist das Kultbild des Zeus Philios', dem in Gemeinschaft mit dem Kaiser
' Von diesem sind bei den Ausgrabungen keine Überreste zutage gekommen (vgl.
Stiller, Altert, v. Perg., Bd. \, 2, 8. 54), sondern nur Teile von Ivolossalbildern des Traianus
und des Hadrianus. Daraus zu schließen, daß keine Kultstatue des Zeus Philios vorhanden
war, ist angesichts der Münzen unmöglich, da freie Erfindung der Stempelschneider in solchem
Falle unerhöi't wäre und viele Möglichkeiten zur Erklärung des Fehlens von Fragmenten
erdenklich sind. Bis also mit unanfechtbaren Gründen das Gegenteil erwiesen werden kann,
muß die Autorität der Münzen entscheiden.
Die Münzen von Pergamon. 55
der bei den Ausgrabungen wieder zutage geförderte Tempel des Traianus
geweiht war. Dieser findet sich auf Geprägen des letzteren (Taf. VIII, i 2 )
und des Decius (Taf. VIII, 18). Im Inneren thront neben dem stehenden
Kaiser der einmal durch Beischrift gekennzeichnete Gott. Auf kleineren
Stücken des Traianus ist sowohl der sitzende Zeus Philios allein (Taf. IV, 4)
als auch sein Kopf (Taf. IV, 5) dargestellt. Wo er in ganzer Figur erscheint,
unterscheidet er sich nicht von dem weitverbreiteten konventionellen Typus;
er hält in der Rechten die Schale und stützt die Linke auf das Zepter.
Die angeführten Münzbilder liefern ein deutliches Beispiel fiir die oft in
Kleinigkeiten unzuverlässige Wiedergabe des figürlichen und architektoni-
schen Details. Daß die Zahl der Säulen nicht der Wirklichkeit entspricht,
ist bereits von H. Stiller hervorgehoben worden (vgl. unten S. 84). Die
mittleren sind vielmehr fortgelassen, um die innen befindlichen Kultbilder
sichtbar zu machen. Aber auch die Statue des Gottes selbst mußte eine
Veränderung erfahren, insofern sie infolge Raummangels auf den Tempel-
darstellungen die Rechte mit der Schale eng vor dem Körper hält, wäh-
rend sie nach Ausweis des anderen Gepräges vorgestreckt war. Der Kopf-
typus (Taf. IV, 5) zeigt das über der Stirn aufstrebende und seitlich herab-
fallende Haar, aber weder Lorbeerkranz noch sichtbare Binde und hinten
nur bis in den Nacken reichende Locken. Finden wir ferner in der Münz-
reihe von Pergamon denselben thronenden Zeus mit Sehale und Zepter
ohne Beischrift, sowohl allein auf einer Großbronze des Verus (Taf. IV, 6),
als auch in Verbindung mit anderen Gottheiten auf Geprägen des Maximinus
(Taf. IV, 10) und des Etruscus (Taf IV, 9), so dürfen wir den an sich farb-
losen Typus in diesem Zusammenhange wohl gleichfalls als Zeus Philios
ansehen.
Um bei dem sitzenden Gott zu bleiben, so ist unter Pius (Taf. IV,
12) und M. Aurelius ein Zeus mit der Nike zu nennen, in konventionellem
Schema. Er erhält jedoch auf einem Gepräge des Münchner Kabinetts
mit dem Bilde des M. Aurelius durch Hinzufugung eines gelagerten Fluß-
gottes eine lokale Färbung (vgl. Mionnet, II, S. 602, 585). Daher wäre
hier wohl zu erwägen, ob dieser Zeus vielleicht ein speziell pergamenisches
Vorbild zur Anschauung bringen sollte, von dem wir näheres nicht wissen.
Der stehende Gott tritt in zwei verschiedenen Gestalten auf, der eine
— nur auf Geprägen des Hadrianus bekannt — erscheint nackt, mit langen
Locken von vorn, den linken Arm mit darüberliegender Ghlamys in die Seite
56 H. VON Fritze:
gestemmt, in der gesenkten Rechten den Blitz; im Feld zu seinen Füßen,
bald rechts (Exemplare in Berlin und München), bald links (vgl. Taf. IV, 8 ;
Overbeck, Kunstmythol., Bd. I, i, Münztaf. II, 2 3 , S. 163), der flügelschla-
gende Adler. Vielleicht ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß, wie
man annehmen zu müssen glaubt, ein Kult des Zeus Olympios zur Zeit des
Hadrianus in Pergamon gestiftet wurde (vgl. Pilling, a.a.O. S. 8f.). Es
mag als Vermutung geäußert sein, daß in dem Gott der Münze, dessen
statuarisches Motiv deutlich ist, und der später nicht wieder auf pergameni-
schem Gelde vorkommt, die derzeitige Yapycic eines Bildes des Zeus Olympios
verewigt werden sollte. Der zweite stehende Typus, zunächst auf einer
Großbronze des Commodus (Taf. IV, 7), zeigt ihn gleichfalls nackt und von
vorn, den Kopf nach links, mit kurzem Haar und leichtem Bartwuchs"; er
hat in der ausgestreckten Rechten den Blitz, im linken Arm das Zepter;
vor ihm, zum Teil die Beine verdeckend, der flügelschlagende Adler; rechts
und links am Boden zwei einander gegenübergelagerte weibliche Figuren ;
die links befindliche, mit Krebsscheren über der Stirn (Thalassa), hält im
rechten Arm das Steuerruder, die andere (Ge) nach links, im linken Arm
das Füllhorn. Im Feld links und rechts von Zeus der Kopf der Selene in
einer Mondsichel nach rechts, und ihr zugewendet der des Helios mit Strahlen-
krone nach links. Eine in vielfacher Hinsicht entsprechende Komposition
bringt ein Unikum (aus der Sammlung Prowe in Moskau, Taf. IV, 1 1) mit
dem Bilde des Geta. Hier sind Thalassa und Ge stehend dargestellt, jene
mit entblößter linker Bnist und den Krebsscheren auf dem nach rechts ge-
wandten Haupt erhebt mit der Linken das Steuerruder, das zum Ted durch
ihren Kopf verdeckt ist; diese trägt im Haar einen Ährenkranz (?) und im
linken Arm das Füllhorn. Auch bei ihr läuft das Obergewand von der
rechten Schulter zur linken Hüfte, doch ist die frei bleibende Brust nicht
nackt, sondern mit einem Untergewand bekleidet. Beide Personifikationen
halten mit den freien Händen die Figur des Zeus. Dieser, unbärtig, mit
kurzem Haar und nackt, schwingt mit der Rechten den Blitz und hat in
der gesenkten Linken ein kurzes Zepter mit Knopf; unten in der Mitte steht
der flügelschlagende Adler von vorn, mit einem Kranz in den Fängen. Dieser
Zeus trägt unverkennbar Portraitzüge, und zwar des Geta. Eine in Einzel-
' Die Bartspuren sind auf dem gothaisclien Exemplar (Taf. IV, 7) erkennbar, und
danach ist die Beschreibung im Brit. Cat,, S. 151, 307 zu verbessern.
Die Münzen von Pergmnon. 57
heiten abweichende Szene zeigt eine Großbronze des phrygischen Laodikeia
(vgl. Brit. Cat. Phnjgia, S. 3 i6, 226; Taf. XXXVII, i 2). Auch hier erscheinen
Ge und Thalassa stehend, aber in ihrer Stellung rechts und links vertauscht,
erstere mit Schleier und durch neben ihr aufsprießende Ähren, letztere durch
einen an ihrer Seite befindlichen Delphin charakterisiert; auf ihren Händen
der stehende Caracalla mit Strahlenkrone, Panzer, Schale und Speer. Wir
lernen daraus einmal, daß diese Figurenverbindungen keine lokale Be-
deutung besitzen, sondern nur die Macht des Herrschers über Land und
Meer, auf unserer Commodusmünze (Taf. IV, 7) auch über den Himmel, zum
Ausdruck bringen sollen. Wir erfahren ferner, daß in Pergamon dem Geta-
Zeus oifenbar ein Commodus-Zeus entspricht, worauf schon das kurze Haar
und der mit der Vorderseite übereinstimmende leichte Bartwuchs deutet,
dieser Kaiser hier also vielleicht in zwei göttlichen Assimilierungen vor-
kommt (s. oben S. 50 über den Commodus-Asklepios). Von dem in der
Stadt und, wie wir mm wissen, auf der Theaterterrasse verehrten Zeus
Asklepios ist oben S. 5 1 die Rede gewesen.
3. Sarapis.
Kurzer Erwähnung bedarf ein unter Pius (Taf. IV, 1 3) und Commodus
nachweisbarer bekannter Typus, der auf hohem Thron sitzende Sarapis, mit
dem Kalathos auf dem Haupt, die Rechte, wie gebietend, vorstreckend, die
Linke am Zepter; zu Füßen der dreiköpfige Kerberos. Auf einen Kult des
Gottes in Pergamon lassen wohl die Inschriften bei Frank el, a.a.O. Bd. II,
S. 248, Nr. 336. 337 schließen.
4. Athena.
Im Vergleich zu ihrer Bedeutung in den letzten Jahrhunderten v. Chr.
tritt Athena nach Ausweis der Münzen in der Kaiserzeit zurück. Sie findet
sich hier jedoch in verschiedenen Kompositionen; zunächst in einem kon-
ventionellen Schema unter Augustus: die Göttin in korinthischem Helm und
langem, gegürtetem Gewand mit Ül)erschlag steht nacli links, in der Rechten
die Schale, die Linke auf dem rechts befindlichen Schild ; vor ihr zu Füßen
die Eule und auf einigen Stücken hinter ihr der Speer (vgl. Taf. IV, 17).
Verwandt ist ihr Bild mit denselben Attributen auf Münzen des Commodus,
nur insofern abweichend, als die Linke den Speer hochgefaßt hält und die
Eule fehlt (vgl. Brit. Cut., S. i 50, 304). Athena, statt mit der Schale mit
Phil.-hi.1l. Klasse. 1910. Anhang. Ahh. I. 8
58 H. vonFritze:
der Eule auf der Rechten, zeigt ein Gepräge des Aelius (vgl. Mionnet,
Suppl. V, S. 437, 984). — Ein Temenos fuhren Münzen des M. Aurelius und
des Severus (Taf. IV, 1 4) vor Augen. Hier steht Athena, diesmal ausnahms-
weise in anschließendem Helm, nach links und berührt mit der Rechten
den Zweig eines vor ihr befindlichen Baumes, um dessen Stamm sich eine
Schlange aufwärts windet, die Linke stützt sie in die Seite. Daß man es
hier etwa mit der Asklepiosschlange zu tun habe, ist unwahrscheinlich,
trotzdem sie, um einen Baum geringelt, gerade auf pergamenischen Münzen
als Attribut dieses Gottes mehrfach zu beobachten ist (vgl. oben S. 45. 53).
Da von kultlichen Beziehungen zwisclien ihm und Athena nichts verlautet und
die Schlange auch ihr heilig ist, so wird man den Baum als Olive und das
Ganze als Athenaheiligtum zu bezeichnen und an ihren Kult auf der atheni-
schen Akropolis zu denken haben. Dafür spricht das Vorkommen analoger
Szenen an anderen Orten, z. B. auf Geprägen von Markianopolis und Niko-
polis in Thrakien'. — Eine andere Situation im Heiligtum bieten Münzen des
Commodus und des Severus (Taf. IV, 16): Athena, mit dem Speer im linken
Arm, nach links stehend, hält mit der Rechten den auf einen Pfeiler ge-
stellten Schild. Zwischen Pfeiler und Göttin befinden sich nebeneinander
Baum und Schlange, die sich vor ihr emporwindet. Diese bisher scheinbar
unbeachtete Gruppe ist weder durch Monumente noch durch Tradition zu
deuten. Vermutlich handelt es sich um die Weihung eines Schildes. Waften-
weihe ist an sich etwas Gewöhnliches. Da es sicli hier aber wohl um den
Scliild der Athena handelt und diese selbst augenscheinlich die Weihende
ist, so wird man einen besonderen, uns noch unbekannten mythischen oder
kultlichen Vorgang voraussetzen müssen. Athenische Einflüsse in Pergamon
sind zahlreich nachweisbar. Jedenfalls gehört dieser Typus ebensowenig
speziell hierhin wie der vorhergehende. Denn ganz ähnlich erscheint er
auf einer Münze des kilikischen Kolybrassos (vgl. Imhoof, Kleinas. Münzen,
Bd. II, S. 460, 7, Taf. XVII, 22).
Auch die thronende Athena findet sich unter den Geprägen von Per-
gamon, und zwar mit der Nike in der Rechten. Auf einer Münze des
M. Aurelius (Taf. IV, 15) dient ihr ein Cippus als Sitz; sie hält die Linke
' Vgl. Pick, Die ant. Münzen Nordgriechenl., Bd. I, i, Taf. XV, 23; S. 225, 669;
S. 507, 2053; die Göttin .sitzend vor dem Baum mit der Erichthoniosschlange, ebenda
Taf.xV,28 (Markianopoli.s) und S. 482, 19211'. (Nikopolis); H. Gaebler, ebenda Bd.IH.i,
Taf. IV, 21 (Makedonia); vgl. Sabatier, Rev. Belye 1865, Taf. XVII, 7 (Serdike).
Die Münzen von Pergamon. 59
hoch am Speer, an den sich im Hintergründe der Schild lehnt, neben dem
wieder ein Baum, die Olive, steht. Ein unter Commodus auftreten<ler Typus
zeigt dagegen volle Übereinstimmung mit den Rückseiten der Lysimachos-
tetradrachmen : Athena sitzt wie hier auf dem Marmorthron mit Löwenfuß;
sie lehnt den linken Ellenbogen auf den hinter ihr stehenden Schild und
hält auf der Rechten die schwebende Nike (vgl. Lenormant, Tresor de num.
[Gall. mythoL], Taf. XXIX, 3).
Unter Commodus kommt auch Nike allein vor, als Lenkerin einer Biga
von Pferden (Taf. IV, 19), ebenso unter Severus, hier ein Tropaion bekrän-
zend (Taf. IV, 1 8).
5. Apollon.
Eine in mehrfacher Hinsicht merkwürdige Münze des Pius bringt die
Zusammenstellung des in seiner bekannten Haltung stehenden Askle])ios
mit Apollon (Taf. IV, 21). Dieser ist ganz von vorn gesehen, mit lang
herabfallenden Locken, unbekleidet bis auf den über die linke Schulter ge-
legten Mantel und hält in der Rechten die Schale, in der Linken den Bogen.
Die geschlossenen Beine sowie die I)ei anliegenden Oberarmen vorgestreckten
Hände deuten auf ein archaisches Kultbild, das schon W. Wroth {Nittn.
Chron. 1882, S. 39) richtig erkannt hat. Es ist Apollon Smintheus, wie
wir ihn ähnlich auf Münzen von Alexandreia Troas sehen (vgl. Brit. Cat.
Troas usw., Taf. V, 4. 13). Man ist deshalb versucht, hier an eine Homonoia-
münze dieser Stadt mit Pergamon zu denken. Dem widersj)riclit jedoch
die Fassung der Umschrift, in der man — in dieser Zeit sicherlich — die
Namen beider Städte erwarten müßte; aber nur Pergamon ist genannt (vgl.
auch Wroth, a.a.O.). Da nun der Kult des Smintheus nicht etwa allein
auf die Troas beschränkt, sondern auch in Aiolis sowie auf Keos imd Rhodos
bezeugt ist (vgl. Preller-Robert, Griech. Myth., S. 255, Anni 2), so sehen
wir uns genötigt, auf Grund der Münze denselben, Avenn auch anderweitig
hier nicht überlieferten Kult für Pergamon anzunehmen. Dafür könnte weiter
der Umstand sprechen, daß auf einem Gepräge des Verus (Taf V, 16) zwi-
schen Asklepios und dem nackten Heildämon ein sehr kleiner Vierfüßler
dargestellt ist, dessen runde Ohren und langer Schwanz die Deutung als
Maus sichern. Diese (ö CMiNeoc), die den Beinamen »Smintheus« hervor-
gerufen hat, war eben dem Apollon heilig und erscheint zu seinen Füßen
auf dem autonomen Gelde von Alexandreia Troas (vgl. ßrit. Cat. Troas usw.,
60 H. VON Fritze:
Taf. III, 6). Deshalb darf man wohl, trotzdem der Gott selbst auf der Verus-
münze fehlt, seine Verbindung mit Asklepios im pergamenischen Kult als
gesichert betrachten (vgl. Wroth, a.a.O.).
Noch einen zweiten Apollontypus weisen die Münzen der Stadt auf,
wieder neben dem Asklepios. Völlig nackt hält er in der gesenkten Rechten
einen Lorbeerzweig und in der herabhängenden Linken den Bogen. Zwischen
beiden befindet sich ein Altar, vielleicht zur Andeutung ihrer Kultgemein-
schaft (Taf. IV, 20). Damit stimmen die Angaben des Aristides (S. 469, 4
und S. 398, 18 ed. Keil), aus denen auf räumlich eng beieinanderliegende
Heiligtümer von Vater und Sohn geschlossen werden muß (vgl. Pilling,
a. a. O. S. 31). Ihr nahes Verhältnis drückt der gleichfalls von Aristides
überlieferte Beiname des pergamenischen Apollon KAAAixeKNoc aus, der zu-
gleich erklärt, daß er nur als Vater des schönen Sohnes verehrt wurde,
also eine bescheidenere Rolle in dieser Epoche spielte. Man wird vermuten
dürfen, daß der Apollon unserer Gepräge den KAAAixeKNoc darstellt, um so
eher, als sie der Zeit des C^ommodus und Severus angehören, also jener
Kult bereits sicher in Pei-gamon bestand. Der fiir die Stadt durch In-
schriften (vgl. Fränkel, a.a.O. Bd. II, Nr. 285. 309) bezeugte Apollon Pythios
kommt kaum in Betracht, da wenigstens für ihn keine Beziehungen zu
Asklepios bekannt sind, wie sie doch die Münzbilder vorauszusetzen scheinen.
6. Dionysos und sein Kreis.
Die Bedeutung des Dionysoskultes ist fiir Pergamon durch Inschriften,
Münzen und Literatur überliefert. Der Gott trug nach Ausweis der epi-
graphischen Denkmäler schon in der Königsepoche den Beinamen »Kathe-
gemon«, und denselben finden wir auf Inschriften der Kaiserzeit. Dionysische
Symbole, wie Thyrsos (Taf. I, 30. 40), Weintraube (Taf. I, 41), Efeublatt
(Taf. I, 39), sahen wir auf Rückseiten des attalischen Kupfers. Vom IL Jahr-
hundert n. Chr. bis zum Ende der Prägung erscheint der stets jugendliche
Gott in gegürtetem Chiton und Stiefeln nach links stehend, mit der Rechten
den Kantharos ausgießend, die Linke hoch am Thyrsos. Diese durchaus
konventionelle Gestalt ist mehrfach variiert. Bald trägt sie den lang über
den Rücken herab wallenden Mantel (Taf. V, 3), bald sitzt zu ihren Füßen
der Panther (Taf. IV, 23; V, 3. 6). Der Thyrsos ist meist mit der Tänie
geschmückt. Auf Münzen des Decius steht Dionysos neben dem Kaiser,
Die Münzen ton Pergavion. 61
den er mit der Rechten bekränzt (Taf. IV, 22; vgl. V, 24). Taf. IV, 22 zeigt
ihn anstatt mit dem Chiton mit einem schräg um den Oberkörper ge-
schlungenen Tierfell, dessen lange Enden rechts und links herabfallen. Diese
nicht unwesentlichen Verschiedenheiten in der Traclit des stets dieselbe
Figur repräsentierenden Gottes machen den Gedanken an ein allen gemein-
sames lokales Vorbild nicht gerade wahrscheinlich. Wenn freilich z. B.
das Fehlen der Tänie, ja selbst des Panthers, nicht dagegen zu sprechen
brauchte, so wäre doch kaum zu erklären, daß auf den Münzen einmal der
den ganzen F^indruck verändernde Mantel fortgelassen, das andere Mal aber
vorhanden ist. Man wird also hier einen je nach Vorlage oder (jcschmack
variierten Dionysostypus des konventionellen Schemas oime örtliche Be-
ziehung erblicken dürfen.
Eine Großbronze des Verus (TafV, 2) stellt den Gott mit nacktem
Oberkörper sitzend dar auf einem nach links schreitenden Pantherweibchen,
mit dem ThjTsos in der Rechten; er stützt die Linke auf das Hinterteil
des Tieres. Auf einem Gepräge des C'ommodus (Taf. V, i ) steht er auf
einem von zwei Panthern im Schritt nach links gezogenen Wagen, die
Rechte am Thyrsos ; ob die gesenkte Linke ein Attribut hält, ist nicht fest-
zustellen. Über den Panthern, im Hintergrunde gedacht, erscheint eine
bewegte Figur mit fliegendem Gewände, in der man wohl eine Mänade zu
sehen hat. Auf beiden Münzbildern finden wir Dionysos in festlichem Auf-
zuge; die Mänade deutet auf den ihn umgebenden Thiasos hin, aus dem
herausgelöst man sich auch den auf dem Panther reitenden Gott der an-
deren Münze denken kann. Hier haben wir es augenscheinlich mit male-
rischen Kompositionen zu tun, wie sie die bakchischen nownAi der Vasen-
bilder und Reliefs von den Anfängen attischer Kunstübung an bis zu den
römischen Sarkophagen in großer Menge darbieten. Man wird annehmen
dürfen, daß den Stempelschneidern auch hier, wenn nicht Vorbilder in
einer Pinakothek an Ort und Stelle, so doch Vorlagebücher für ihre Arbeit
zur Verfügung standen.
Dasselbe war wohl der Fall bei einer anderen Szene aus dem diony-
sischen Sagenkreise, bei der Auffindung der schlafenden Ariadne durch den
Gott (Taf. V, 5). Die gelagerte Heroine der aus der Zeit des Severus stam-
menden Münzbilder entspricht in allem Wesentlichen dem vornehmlich durch
die Statuen in Dresden und im Vatikan repräsentierten Typus. Sie ruht
auf felsigem Gestein, das sich auf dem Pariser Exemjjlar (Mionnet, SyppLN,
62 H. vonFritze:
S. 456, 1090) aucli über ihr zur Grotte wölbt. Hinter dieser werden hier
die Oberkörper zweier durch Korrosion stark zerstörter Figuren sichtbar.
Doch wird man an den Gesten der links und tiefer Stehenden eine Mänade
erkennen können, welche die Linke in Überraschung hoch erhebt und im
rechten Arm den Thyrsos hält. Die andere Gestalt ist ein Satyr des bakchi-
schen Gefolges (vgl. das Berliner F^xemplar, Taf.V, 3, und dazu H. Dressel,
Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV, S. 74f., Taf. III, 13). Die Mänade zeigt sich
in derselben Haltung, aber wesentlich deutlicher, auf dem Berliner Stück.
Ihr Gewand wallt bis zur Hälfte der Unterschenkel herab. Der bärtige,
nackte Begleiter aber hat, zu ihr zurückschauend und mit staunend er-
hobener Rechten, abweichend von dem Pariser Exemplar, mit der Linken
das Gewand der Schlafenden erfaßt, um ihre entblößte Schönheit zu be-
wundern. Alle diese Motive zeigen sich mehr oder weniger genau auf
figurenreichen kampanischen Fresken, und es darf als gewiß gelten, daß
Gemälde, und zwar aus der hellenistischen Epoche, die Vorbilder, sowohl
für die kampanischen Kompositionen, als auch für Reliefs, Münzen und
Rundskulptur abgegeben haben (vgl. Heibig, Wandgem. Campan., Nr. i 235
bis 1240).
Eine anmutige Genreszene auf Gejirägen des M. Aurelius (Taf. V, 4)
und des Gommodus wird sich hier am passendsten anfügen lassen: auf
einem Cippus, an dem eine Flöte (?) hängt, sitzt nach links ein nackter
jugendlicher Hirt, dem von der Schulter die Nebris herabfällt. Er faßt
mit beiden Händen die Unterarme eines nackten Knaben, den er auf seinem
erhobenen rechten Fuße tanzen läßt. Am Boden liegt das Pedum. Daß
hier Satyrn gemeint seien, ist möglich, aber nicht durch Kennzeichen an-
gedeutet, also auch Drexler's Erklärung als Faun mit dem jugendlichen
Dionysos (Zeitschr. f. Num. Bd. XIII, S. 277) ohne Begründung. Doch
erinnert die Situation an das Wald- und Feldmilieu dionysischen Wesens.
Fügen wir endlich als Symbol des Dionysos, wie es auf Münzen des Gom-
modus, Severus (Taf. IX, 8) und Saloninus vorkommt, die sich aus der halb-
geöfineten Ciste ringelnde Schlange hinzu, die auf den Geprägen des P>st-
genannten durch den beigegebenen Thyrsos (vgl. Mionnet, Suppl.Y, S. 446,
1036) als diesem Gotte zugehörig bewiesen wird, so sind die auf ihn be-
züglichen Typen erschöpft.
Die Münzen von Pergamon. 63
7. Demeter.
Demeter erscheint auf einer Großbronze des Maximinus (Taf. IV, 2 3 ;
die Vorderseite ist abgeschliffen) neben Dionysos. Sie trägt in der gesenkten
Rechten Mohnkopf und Ähre und hält in der Linken eine lange, flammende
Fackel. In ähnlich konventionellem Schema findet sie sich allein auf einer
Münze der Maesa (vgl. Imhoof, Griecli. Münzen, S. 618, 183) und wohl des
Pius (auf einem schlechterhaltenen Unikum in München). Der Kult der
Demeter als Karpophoros ist für Pergamon schon länger durch eine In-
schrift (Fränkel, a.a.O. Nr. 291) bekannt. Die letzte Ausgrabungskam-
pagne (1909) hat ihr Temenos, den Altar und Tempel sowie Stoen und
einen Zuschauerraum zutage gefordert und die Bedeutung der Göttin schon
für die erste Königszeit nachgewiesen. Über den Altar (Taf. IX, 5) vgl.
unten S. 8 7 f.
8. Hermes, Kabiren und Dioskuren.
Von einem Hermeskult in Pergamon wissen wir durch die Inschriften,
die nicht nur ein'GpwAToN (Fränkel, Nr. 256, Z. 8 und Z. 13), sondern auch
ein Fest'GpMATA (Nr. 252, Z. 13; Nr. 256, Z. i 1 und 19) bezeugen (vgl. Conze,
Sitzungsber. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1884, S. 10; Drexler bei Röscher,
Lex., Bd. I, 2, Sp. 2354). Aber auch die Münzen treten als Quellen hinzu.
Der Gott, dessen Brustbild auf einem Gepräge ohne Kaiserkopf vorkommt
(vgl. Taf. III, 27), erscheint nämlich zunächst unter Commodus (Taf. VI, 2),
Etruscilla und Etruscus in einer auch sonst auf antiken Monumenten be-
kannten Situation: er schleppt das Tier, hier einen Widder, zum Opfer
heran, indem er es, mit der Rechten die Vorderbeine packend, nach sich
zieht; in der Linken hält er Kerykeion und Chlamys. Vor ihm auf einem
Pfeiler liegt ein Widderkopf. Dieser spielt auch in einer anderen Komposi-
tion eine Rolle. Der eine von zwei nackten, einander gegenüberstehenden
Jünglingen trägt ihn auf der Hand, wohl im Begriff, ihn dem anderen zu
übergeben (Taf. VI, i). Daß man hier die Kabiren zu erkennen hat, ist an
anderer Stelle gezeigt worden (Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV, S. 1 20 ff.). Ferner
sieht man auf einem ( jepräge des Decius (Taf. VI, 4) neben Asklepios wiederum
Hermes mit dem Widdei-kopf auf der Rechten, im linken Arm Kerykeion
und Chlamys. Der Kopf des Opfertieres muß demnach im Kult von be-
64 H. vonFritze:
sonderer Bedeutung gewesen sein'. Die Zusammenstellung der eben be-
sprochenen Münztypen beweist aber ferner, daß in Pergamon, wie häufig
andernorts, Hermes mit den Kabiren verbunden war (vgl. u. a. Drexler bei
Röscher, Lex., Bd. 1, 2, Sp. 2352; Bloch, ebenda Bd. IT, 2, Sp. 2525;
Preller-Robert, a. a. 0. S. 387. 858). Da kann es nicht wundernehmen,
wenn der Gott in der Dienstleistung beim Opfer erscheint, da er ja selbst
unter dem Namen Kadmilos oder Kasmilos als Kabir auftritt (vgl. Preller-
Robert, a. a. O. S. 850). Auf unseren Münzen unterscheidet er sich aber
von dem Kabirenpaar nicht nur durch das Kerykeion, sondern auch durch
die längeren, in den Nacken herabfallenden Haare. Daraufhin wird man
auch die Einzelfigur auf der Münze des Hadrianus (Taf. VI, 3) Kabir be-
nennen dürfen. Wenn man im Gegensatz zu den Kultstätten mit mehr als
zwei Kabiren, wie z. B. in Samothrake, in Pergamon nur das jugendliche
Paar kennen lernt, so liegt der Grund dafür in ihrer hier schon in helle-
nistischer Zeit nachweisbaren Verschmelzung mit den Dioskuren (vgl. Zeitschr.
f Num. Bd. XXIV, S. 1 1 8ff.). Letztere sind offenbar auf einem leider schlecht
erhaltenen Unikum (der Kopenhagener Sammlung, mit dem Bilde des Severus)
dargestellt, und zwar nackt, nebeneinanderstehend, mit Speer und Chlamys,
die Köpfe der Mitte zugewendet.
9. Meter Megale.
In Anbetracht der Verbindung der Kabiren mit Hermes wird es nicht
überraschen, gleichfalls in Übereinstimmung mit der samothrakischen Legende
auch diegroße Göttermutter inPergamonzufinden'"(C. I.G.Nr. 3538 = Fränkel,
' Über den Widder als Opfertier im Kabirenkiilt vgl. Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV,
S. Ulf. Das von B. Schroeder (Athen. Mitt. 1904, S.i52ff.) veröffentlichte Ehrendekret
eines Gymnasiarchen aus Pergamon spricht Z. 6 von mycthpiun kata ta hatpia toTc «erÄAOic
eeoTc KABeipoic und Z. 27 von kpioböaia, welche auf Betreiben des Gymnasiarchen von den
Epheben veranstaltet wurden. Dem Herausgeber erscheint die Beziehung dieser Kriobolien
auf die obengenannten Kabirenmysterien fraglich wegen der räumlichen Trennung der
Stellen. Angesichts unserer Münzbilder, die nicht nur die Kabiren, sondern auch den Hermes
mit dem Widderkopf in Verbindung bringen, muß man jene Zusammengehörigkeit vielleicht
doch in Betracht ziehen. Hermes ist hier wohl wesentlicii in seiner Funktion als Gott der
Gymnasien aufzufassen.
^ Daß O. Kern 's Anzweiflung ihrer kultlichen Verbindung mit den Kabiren den
Zeugnissen gegenüber nicht genügend begründet erscheint, ist schon betont worden (vgl.
Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV, S. 1 24).
Die Münzen von. Pergamon. 65
a.a.O. Bd. n, S. 239, Z. lyff.; Preller-Robert, a.a.O. S. 859; vgl. auch
S. 649, Anm. 2 ; Thraemer, Pergamos, S. 263ff.). Wenn sich auf den Münzen
auch nicht wie bei Hermes der mythisclie Zusammenhang der Kabiren mit
der Meter Megale dokumentiert, so ist doch ihre enge Beziehung zu Pergamon
gesichert. Der auf kleinasiatischen Geprägen häufige Typus der thronenden
Kybele, die, mit der Mauerkrone geschmückt, in der Rechten die Sehale hält
imd den linken Arm auf das Tympanon stützt, kommt in Pergamon auf ver-
schiedenen Münzen der Kaiserzeit, bald mit, bald ohne den oder die zu ihren
Füßen sitzenden Longen vor (Taf. V, 2 i). Ob ein dementsprecliendes Bildwerk
in der Stadt vorhanden war, was bei dem monumentalen Cliarakter der Figur
durchaus möglich wäre, ist niclit zu sagen. Dafür könnte sprechen, daß
ein Prägbild des Commodus (Taf. V, 20) die (jöttin auf einem hohen, von
zwei Löwen gezogenen Wagen zeigt, begleitet \^on einer im Hintergrund
siclitbaren Gestalt, einer Kultgenossin, die in bewegter Haltung das Tym-
panon schlägt. Es handelt sich hier vielleicht um die Ilauptszene einer
noMHhi, die fast den Eindruck macht, als ob es sich um die Umfahrt der
Kultstatue handelt.
Für das Vorhandensein eines Dienstes der großen Göttin in Pergamon
zeugen aber ebenso die Funde imd die Literatur. Denn es kamen Weih-
inschriften an die mit ihr identisclie Meter BasiU'ia (vgl. Diod. III, 57, 3)
und die Korybanten zutage (Fränkel, a.a.O. Bd. I, S. 53!'. zu Nr. 68,
Bd. II, S. 323 zu Nr. 481 — 483; Ath. Mitt. 1902, S. 92, 78; Jacobstlial,
ebenda 1908, S. 403, 32) und Varro {De Uny. lal. VI, 15) erwähnt ein Mega-
lesion in der Stadt; zudem ist die nahe Verbindung der Attaliden mit Pessi-
nus hinlänglich bekannt. Ferner wissen wir durcli Strabon (XIII, 619, 6)
von einem bei Pergamon auf scliwer zugänglicher Höhe, dem AcnÖPAHNON öpoc,
gelegenen Heiligtum der Meter Aspordene (vgl. Schuchardt, Sitzuugsbcr.
d. Berl. Akad. d. Wiss. 1887, S. 1212). Ein noch ungcdeutetes, auf perga-
mcnischen Münzen nachweisbares Idol (Taf V, 23. 24; IX, 23) ist nun für
eine der beiden Göttinnen zu beanspruchen. In langem Gewand mit Kalathos
und einem von dessen oberem Ran<le bis zu den Füßen reichenden Scldeier,
von vorn gesehen, hat es in beiden Händen, von denen Wollbinden herab-
hängen, bis jetzt unerkannte Attribute, die auf schleclit erhaltenen Stücken
Flammen gleichen und in Verbindung mit den steifen WoUtänien als Fackeln
erklärt wurden. Darauf gründete Imhoof {Rt'v. Suisse de num. Bd. XIll,
S. 221) mit Vorbehalt die Benennung »llekate«. Daß der Grundtypus
Phü.-hist. Klas.se. 1910. Anhang. Abh. 1. 9
66 H. vonFritze:
mit vielen ähnlichen, als Artemis, Aphrodite usw. verehrten Bildern auf
die große Naturgöttin zurückgeht, ist bekannt'. Das pergamenische Idol
weicht von dem gewöhnlichen Schema nur in den Attributen ab, die nach
einem gut erhaltenen Gepräge des Decius (Taf. V, 23) sicher als Zweige zu
bezeichnen sind. Eine Münze des lydischen Philadelpheia (vgl. Imlioof,
Kleinas. Münzen, Bd. I, Taf. VI, 1 1) bietet eine in allem wesentlichen über-
einstimmende Darstellung, nur daß sich rechts und links noch je ein sitzen-
der Löwe befindet, wodurch die Erklärung als Göttermutter gesichert wird.
Eine im Standmotiv und in der Schleiertracht leicht differierende Vari-
ante bringt nun eine Münze des Hadrianus (Taf. V, 22), die sich aber vor
allem dadurch von dem obigen Bild unterscheidet, daß sie nur in der Linken
den hier besonders deutlichen Zweig, auf der Rechten dagegen eine Nike
trägt. Daß diese dieselbe Statue wie die erstgenannte ist, beweist ein Ge-
präge des Pius, ebenfalls sicher mit der auf anderen Stücken undeut-
lichen Nike, aber in Standmotiv und Schleiertracht wieder vollkommen dem
anfangs beschriebenen Typus gleich (vgl. Lenormant, Tresor de num. {Galt.
7nyth., Taf. L, 2). Es bleibt hier nur die Erklärung, daß die vielleicht nach
einem besonderen Ereignis der Göttin beigegebene Nike später, d. h. nach
Pius, durch einen zweiten Zweig ersetzt wurde. Solche Veränderungen an
Kultbildern, wenigstens in der Tracht, kennen wir z. B. bei dem Mantel
der Parthenos in Athen und dem Schleier der Athena Ilias in Ilion (vgl.
bei Dörpfeld, Troja und Ilion, Bd. II, S. 502f.). Nun steht auf einem
in Pergamon gefundenen Altärchen die Weihinschrift: AcKAHniAKÖc iatpöc|
MÄ|ANeiKHTui (Athen. Mitt. 1904, S. 169, Nr. 12). Dieses der Ma auch sonst
gegebene Epitheton besagt zwar nicht dasselbe wie nikhoöpoc. Doch wird
auf einer im Zentrum der Ma-Verehrung, dem kappadokischen Komana,
entdeckten Inschrift eine nikh4>öpoc ee[Ä] genannt und mit ihr identifiziert
(vgl. W^addington, Bull. Corr. hell. 1883, S. 127; Drexler bei Röscher,
Lex., Bd. II, 2, Sp. 2219). Angesichts unserer Münzen wird man hier nun
nicht mehr zu der als Notbehelf herbeigeholten Enyo zu greifen brauchen
(Imhoof, Griech. Münzen, S. 708 f.), sondern einen Zusammenhang mit dem
pergamenischen Idol in Erwägung ziehen dürfen. Ob es uns das Bild der
' Vgl. Drexler in Roscher's Lex., Bd. II, 2, Sp. 2890; Schreiber, ebenda Bd.I, i,
Sp. 591 und Wernicke bei Pauly-Wissowa, Bd.II,i, Sp. 1372 (letztere beide für Artemis
Ephesia), ferner die von Puchstein, Pseudohethit. Kunst, S. 21 als Ma erklärte Göttin auf
dem Löwen (Abbild: G. Hirschfeld, Felsenrel., Abh. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1886, S. 24).
Die Münzen von Pergamon. 67
Aspordene oder, was wahrscheinlicher ist, der Meter Basileia als nikh*öpoc
eeÄ vorführt, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls spielte es zuzeiten eine
bedeutende Rolle in der Stadt, da es auf dem Gelde nicht nur von einem
Kaiser (Decius) besondere Verehrung empfangend dargestellt ist (Taf. V, 24),
was sonst nur Asklepios und Telesphoros zuteil wird,, sondern auch auf
einer Homonoiamünze mit Mytilene (Taf. IX, 23)' den sonst auf allen
Allianzgeprägen die Stadt repräsentierenden Asklepios vertritt.
10. Lokal-Heroen und Gottheiten.
Gemäß einer vielfach während der Kniserzeit erkennbaren Tendenz
wurde auch Pergamon durch einen eponymen Gründer personifiziert (vgl.
Fränkel, a.a.O. Bd. II, S. 220, zu Nr. 289) und dieser als Prägbild ver-
wendet. Die Benennung des bärtigen Kopfes mit breiter Binde im herab-
fallenden Haar, der auf der Vorderseite von Münzen ohne Kaiserportrait er-
scheint (s. oben S. 43.45, Taf. III, 14. 19), als Pergamos ist gesichert. Daß
er mit Asklepios verbunden auftritt, ist bei dessen vorherrschenden Stellung
als Stadtpatron nur natürlich. So bekränzt Pergamos ihn auf einem Ge-
präge des Pius (Taf. VI, 21) und eine Homonoiamünze mit Ephesos aus
Commodus' Zeit zeigt ihn mit «lern Kultbild des Gottes auf der Rechten
(Taf. IX, 17). Sein Heroon in der Stadt bezeugen Pausanias (I, 11, 2) so-
wie eine zwar fragmentierte, aber dem Sinne nach wohl riclitig ergänzte
Weihinschrift (Fränkel, a.a.O. Bd. II, Nr. 289).
Die angeführten Darstellungen des eponymen Heros lassen durch die
Art seiner Verbindung mit anderen Figuren erkennen, daß die Komposi-
tionen nd hoc zusammengefugt sind, (jhne sich an Vorbilder anzulehnen.
Freie Erfindung wird sich vermutlich aucii an dem Kopfe des ktIcthc be-
tätigt haben. — Den Pergamosszenen hat schon Cavedoni {Ann. deW Inst.
1835, S. 269 ff".) zwei Münzbilder mit je einem kämpfenden Heroenpaar an-
gereiht: auf einem Gepräge des Commodus (Tai. VI, 12) erblickt man einen
nackten, behelmten Helden in bewegter Stellung nach links, Überkörper
von vorn, Kopf nach rechts, am linken Arm den Schild und mit der er-
hobenen Rechten den Speer zum Todesstoß zückend gegen einen vor ihm
' Im Brit. Cat. Troas usw., 8.215, ^35 (Taf- XLIII, 4) ist die Göttin iri'tümlicli als
Artemis von Perge bezeichnet und als Wappen dieser Stadt angesehen (vgl. aucli Imhoof,
Rev. Stiüse de num. Bd. XIII, S. 221).
9*
68 H. VON Fritze:
niedergestürzten Feind. Dieser, nach Verlust seiner Waffen ins Knie ge-
sunken, streckt die Rechte abwehrend gegen seinen Gegner aus. Cavedoni
sah in dem Sieger Pergamos, in dem Besiegten Areios, den teuthrantischen
Dynasten (Paus. I, ii, 2). Es gab noch einen anderen berühmten Zwei-
kampf in diesem lokalen Sagenkreise, den des Achilleus mit Telephos
(Paus. VIII, 45, 7). Aber bei dem ersteren handelt es sich um die Besitz-
ergreifung des Landes, und die Wiedergabe dieser Szene würde man des-
halb hier eher voraussetzeen. Die sogenannte Namensbeischrift zwischen
den Beinen des stehenden Heros, die Cavedoni, beeinflußt durch Mionnet's
Lesung \^CO (Suj)]il.\, S. 451, 1058), die größten Schwierigkeiten bereitete,
lautet vielmehr NEO und bezieht sich auf die städtische Neokorie. Wollte
man etwas gegen diese Interpretation des Bildes anfuhren, so könnte es
der Umstand sein, daß der siegreiche Held augenscheinlich unbärtig, Per-
gamos aber, wie wir sahen, sonst bärtig dargestellt ist.
Die zweite, gleichfalls von Cavedoni (a. a. (). S. 27 i f.) herangezogene
Gruppe auf einer Großbronze des Elagabalus (vgl. Mionnet, Suppl.Y, S. 467,
1140) aus der Pariser Sammlung ist so schleclit erhalten, daß man kaum
mehr sagen kann, als daß zwei bewegte männliche Gestalten aufeinander
loszugehen scheinen, und zwar vermutlich bewaffnet, in feindlicher Absicht.
Wollte man aucli diese Situation auf die Monomachie zwischen Pergamos
und Areios beziehen, so wäre ein dem obenerwähnten Moment vorangehen-
der gewählt, als das »Schicksal des letzteren noch niclit besiegelt ist. Aber
auch hier kommt man über Möglichkeiten nicht hinaus.
Telephos findet sich auf den Münzen nur als Kind, worauf noch ein-
zugehen sein wird (s. unten S. 69). Der Kopf seines Sohnes Eurypylos
mit dem weichen Antlitz des Jünglings und langem, lose herabhängendem
Haar sowie der Beisehrift evPYnYAOC HPnc schmückt die Vorderseite eines
autonomen Gepräges der Kaiserzeit (Taf. III, 15), der Tempel der paphischen
Aphrodite, über dessen Beziehung zu Pergamon wir sonst nichts wissen,
die Rückseite (zu diesem vgl. zuletzt G. F. Hill, Brit. Cat. Cyprus^ Introd.
S. i27ff.). Eine merkwürdige Nachricht überliefert Pausanias (III, 26, 10),
man habe im Asklepieion in Pergamon bei den Hymnen mit Telephos be-
gonnen, jedoch nichts von Eurvj)ylos hinzugefügt, überhaupt im Tempel
von ihm geschwiegen, da er nach der »Kleinen llias« den Asklepiaden
Machaon im Kampfe getötet habe. Wenn diese Legende in Pergamon ge-
glaubt wurde, so würde sie nur beweisen, daß Eurypylos hier keinen Kult
Die Münzen von Pergariion. 69
besaß. Dann wäre sein Bild auf der Münze, wie vermutlich das des Per-
gamos, nur freie Erfindung in einer Zeit, als man sich im Zurückgehen auf
die Anfänge der Stadt und in Konstruktionen ihrer mythischen Gründer'
zu betätigen liebte (vgl. Pilling, a.a.O. S. 25).
Wenn auch nicht im eigentlichen Sinne zu den Lokalheroen von Per-
gamon gehörend, so doch als Ahnherr mit ihnen verbunden, ist Herakles
als Vater des Teleplios. Dieses Verhältnis ist hervorgehoben auf der be-
kannten Großbronzc des Commodus (Taf. VI, 6), welche die Auffindung des
von der Hindin gesäugten Kindes im Partheniongebirge darstellt und viel-
fache Behandlung erfahren hat, auf die hier im einzelnen nicht eingegangen
werden kann. Während Weizsäcker (Arch. Ztg. 1882, S. 259ft".) ein in
Pergamon vorhandenes plastisches Vorbild für die Münze annehmen zu
müs.sen meint, lehnt P'urtwängler (bei Röscher, Lex., Bd.l. 2, Sp. 2247;
vgl. Thraemer, Pergamos, S. 242 f.) dies mit vollem Recht ab, indem er
die ärmliche Erfindung hervorheben, die sich in der Komposition ausspricht.
Läge nicht der Eindruck einer aus einzelnen Motiven ungeschickt zusammen-
gestoppelten Gruppe klar zutage, so würde man überdies viel eher an ein
malerisches, als an ein statuarisches Original denken müssen (vgl. auch
Stephani, Der ausruh. Herakles, S. 184). Mit dem Typus der Auffindung,
wie sie am Telephosfriese ausgeführt ist (vgl. Collignon-Pontremoli,
Pergame, S. 94; Winnefeld, Altert, v. Perg., Bd. IH, 2, Taf. XXXI, 6), hat
unser Münzbild nichts zu tun. Über die Einzelheiten, das von dem Tier
gesäugte Kind und den Adler, die sich auch auf anderen Monumenten mit
Wiedergabe derselben Szene, z. B. auf kampanischen Wandgemälden, wieder-
holen, vgl. Heibig, Unters, üb. d. Campan. Wandm., S. 152 ff.
Daß Herakles aber auch außer seiner Verknüpfung mit der Lokalsage
den pergamenischen Prägbildern vielfachen Stoff geboten hat, zeigt eine
Serie von Münzen aus der Zeit von Pius bis zu Gallienus. Der Held bei
der Vollbringung seiner Taten erscheint in vier Situationen, un<I zwar: i . wie
sich Eurystheus vor dem den P^ber auf den Schultern herantragenden Heros
in den Pithos versteckt hat (Taf. VI, 8); 2. im Begriff, den von ihm um-
schlungenen und in die Höhe gehobenen Antalos auf die Erde zu schmettern
(Taf. VI, 5); 3. auf dem zu Boden geworfenen Hirsch kniend, mit den Händen
' Daß Pergamos als ktIcthc jedoch .schon um die Mitte des 1. Jahrliiinderts v. Chr.
eine Rolle spielte, beweist die Inschrift des Mithradates von Pergamon (vgl. Hepding,
Athen. Mitt. 1909, S. 329 ff.).
70 H. VON Fk
ITZE ;
das (rehörn packend ('raf. VI, 7); 4. im Kampf mit dem um einen Baum
geringelten Drachen, dem Wächter der Hesperidenäpfel (Taf. VI, 1 1). Keine
dieser Szenen bringt tj^pengeseliiclitlicli Neues; sie sind nur den von Furt-
wängler (bei Röscher, Lex., Bd. I, 2, Sp. 2224. 2227f. 223of. 2243) hin-
reicliend charakterisierten Denkmälergruppen beizulügen. Aber auch Mo-
mente der Ruhe aus dem Leben des Heros finden sich als Prägbilder: das
eine Mal hat er, auf einem Felsen sitzend, auf den er die Linke stützt,
mit der Rechten das Gewand einer vor ihm stehenden weiblichen Figur
gefaßt, um die schon halb entblößte völlig zu entkleiden (Taf. VI, 10). Auch
dieses Motiv ist nicht vereinzelt. Unter Ablehnung der Deutung auf eine
bestimmte Geliebte, etwa lole, sieht Furtwängler (a.a.O. Sp. 2250) hier
nur eine Nymphe, deren Reize den Helden anziehen. Wenn man in dieser
Situation schon einen Anklang an den im Altertum so beliebten Typus des
trunkenen Herakles zu sehen glaubte, so ist letzterer endlich beim Becher
lang hingestreckt zuerst unter Pius, dann unter M. Aurelius (Taf. VI, 9) und
noch unter Gallienus anzutreffen. Er lagert auf dem Löwenfell, stützt die
Rechte auf eine Keule und hält die Trinkschale in der Linken. Furt-
wängler (a. a. O. Sp. 2217) zitiert als vielleicht vorbildlichen dichterischen
Ausdruck der Komposition Pindar's Worte (Nein. 1 70 ed. Christ): hcyxIan
KAMÄTUN WerAAUN nOINAN AAXÖNt' ^iAiPGTON I ÖABIOIC eN AüJMACI.
Einer Erwähnung bedürfen in diesem Zusammenhange noch die Stadt-
göttin und die Flüsse. Erstere sieht man auf einem Stuhl mit hoher Rück-
lehne thronend, mit der Mauerkrone, in der Rechten die Schale, die Linke
am Zepter {vgl. Brlt. Cot., S. 160, 342). Der nichts Bemerkenswertes dar-
bietende Typus wird auf einem Medaillon des Elagabalus (Taf. VI, 13) er-
weitert durch eine große, sich links vom Thi'on erhebende Schlange. Man
wird kaum fehlgehen, wenn man diese hier als Repräsentantin des Askle-
pios ansieht, wie sie, um einen Baum geringelt, nicht nur auf einem das
Telesphorion bezeichnenden Prägbilde mit Telesphoros und Caracalla, son-
dern ebenso auch allein wiedergegeben ist (s. S. 53). Die Szene darf als
eine Art abgekürzter Darstellung gelten . welche vollständiger dort zur
Wiedergabe gelangt ist, wo die stehende Stadtgöttin mit dem Kultbild des
Asklepios auf der Rechten vor Caracalla erscheint, der ihnen gemeinsam
seine Verehrung bezeugt (Taf. VII, 13). Daß solche Typen wie der letztere
durchaus keine lokale Bedeutung besitzen, läßt sich auch hier nachweisen,
insofern als eine analoge Auffassung derselben Gruppe z. B. auf einem
Die Münzen von Pergamon. 71
Caracallamedaillon von Tliyateira (vgl. Brit. Cat. Lydia, Taf. XXXI, 8) vor-
kommt, nur daß hier statt des Asklepios der ApoUon Tyrimnaios als Stadt-
gott fungiert.
Von den Flußgöttern ist schon mehrfach die Rede gewesen. Sie sind
stets durch Beischrift bezeichnet, und zwar triflFt man zunächst auf einer
Münze des Traianus (Taf. VI, i8) den Kaikos an. Er ist bärtig, stützt den
Kopf auf die Linke und liält, abweicliend von dem sonstigen Schema, auf
der vorgestreckten Rechten das Füllhorn, während das Sclii'frohr im Hinter-
grund sichtbar wird. Auch Keteios und Seleinus finden sich einzeln, und
zwar jener auf zwei verschiedenen Stücken des Aelius (Taf. VI, i6. 1 7), dieser
einmal unter demselben Kaiser (vgl. Mionnet II, S. 599, 566). Ferner lagert
er zu Füßen des thronenden Zeus Nikeplioros (vgl. oben S. 55). Keteios
und Seleinus, in der bekannten Stellung, sehen wir auf zwei Prägbildern des
M. Aurelius, das eine Mal (Taf. VI, 15) rechts und links vom Standbild des
Asklepios (s. oben S. 49), das andere Mal (Taf. VI, 14) sich die Hände reichend.
Auf oder über diesen steht die konventionelle Figur der Tyche mit Kalathos,
Steuerruder und Füllhorn nacli links. Wenn die Attribute der Flußgötter
vielfach wechseln, Füllhorn, Ruder, Schilfrohr und Wassergefäß bald vor-
handen sind, bald fehlen, so wird das wenig befremden. Eigentümlich ist
dagegen, daß auf dem einen der letztangeführten Gepräge des M. Aurelius
(Taf. VI, 14) beide bärtig sind, auf dem anderen (Taf. VI, 15) der eine ohne
Bart dargestellt ist. Dieser wäre, wenn man annimmt, daß die Namens-
beischriften unter den durch sie bezeichneten Figuren stehen, Keteios, der
auf den Münzen des Aelius (Taf. VI, 16. 17) bärtig ist. Daraus scheint her-
vorzugehen, daß solclie Personifikationen keine feststehenden Typen besaßen,
sondern daß je nach Belieben die Musterbücher von dem Stempelschneider
für die Darstellung der Lokalgötter in frei zu komponierenden Szenen be-
nutzt wurden.
II. Kaiser als handelnde Personen.
Daß die römischen Cäsaren als Götter oder cynnaoi von diesen auch
auf den Prägungen von Pergamon figurieren, und zwar von der ersten
Kaiserzeit an, ist bereits betont worden (vgl. S. 50 f.) und wird nochmals
(S. 74f.) erwähnt werden. Hier gilt es, die Kaiser als handelnd auftretende
Personen zu besprechen, wie sie seit M. Aurelius auf den Münzen erscheinen,
und zwar kommen vor allem zwei Formen in Betracht, je nachdem sie in
72 H. VON Fritze:
militärischen oder sakralen Situationen fungieren. Freilich ist hierin keine
strenge Scheidung vorzunehmen, da beide sich auch berühren. Doch ergeben
sich die verschiedenen Gruppen ohne Schwierigkeit. Auf der Rückseite einer
Münze des Elagabalus (Taf. VIII, 3) erscheint dieser allein in ganzer Figur
mit Lorbeer, Panzer, Mantel und Stiefeln, in der Rechten die Schale, die
Linke hoch am Zepter; links von ihm ist ein flammender Altar. In Klei-
dung, Haltung und Attributen analog sieht man Caracalla auf einer seiner
Grroßbronzen (Taf. VII, 8); doch ist hier beiderseits noch je ein von einem
Adler bekröntes Vexillum. Diese ganz übereinstimmend auch auf einer kyzi-
kenischen Münze desselben Kaisers (Venuti, Mus. Albani, Bd. I, Taf. LI, 3)
nachzuweisende Komposition stellt den Imperator offenbar bei einer zu dem
Heere in Beziehung stehenden Opferhandlung dar. Caracalla und Geta,
einander gegenüberbefindlich, mit Schale und Zepter, zeigt ein Gepräge des
Severus (Taf. VII, 10). Auf einem Unikum (in der Petersburger Sammlung)
mit dem Bilde des Commodus (Taf. VII, 4) erblickt man den Kaiser auf
einem sich im Schritt nach links bewegenden Zweigespann, in der Rechten
anscheinend einen Kranz, im linken Arm das Zepter.
Commodus mit der Kultstatue des Asklepios auf der Rechten vor einem
brennenden Altar, bekränzt durch eine von rechts heranschreitende Nike
(Pellerin , Recucil, Suppl. Bd. II, Taf.V, 3), eröffnet eine Reihe ähnlicher Szenen
mit dem siegreichen Kaiser als Mittelpunkt. Eine genaue Wiederholung,
nur ohne den Altar, bringt ein Medaillon des Severus (Taf. VII, 1 1 ). Dieser,
nur mit der Schale statt des Kultbildes in der Rechten, läßt sich von der
Siegesgöttin bekränzen (Exemplar in München). Zwei fast identische Groß-
bronzen des Commodus und des Caracalla (Taf. VII, 7) zeigen den Kaiser
in Waffen zu Roß, im Schritt nach rechts, den Speer in der Rechten; vor
ihm ein Tropaion, neben dem sich zwei (auf dem Commodusstück nur einer)
gefesselte Gefangene befinden. Von links her naht Nike mit dem Kranze.
Ein Gepräge des Caracalla (Taf. VII, 5) verändert diese Situation dadurch,
daß hier die Göttin fehlt und der Kaiser nicht den Speer faßt, sondern
die Rechte erhebt, wohl im Moment der Adlocuüo gedacht. P^ine analoge
Situation, aber nach links, bietet ein Unikum des M. Aurelius (in London;
Taf. VII, 6) unter Fortlassung auch des Tropaions. Den Abschluß dieser
Serie mit dem siegreichen Triumphator und zugleich den Übergang zu den
folgenden Typen bildet ein Medaillon des Commodus (Taf. VII, 16): der Kaiser
steht auf der unteren Stufe einer breiten zweistufigen Basis, mit der Linken
1
Die Münzen von Pergamon. 73
ein auf der oberen errichtetes Tropaion bekränzend, vor dem ein Gefangener
kauert. Im Vordergrund zu ebener Erde fällt ein Buckelrind unter dem Beil.
Damit sind wir zu den sakralen Vorgängen gelangt. Wenn an dieser
Stelle nicht die obenerwähnten Szenen angereiht sind, in denen der Kaiser
mit der Schale in der Hand, eventuell auch vor dem Altar, figuriert, so
ist das deshalb nicht geschehen, weil hier wesentlich das militärische Moment
für die Zusammenstellung maßgebend war und erst in der nun folgenden
Gruppe die Gottheit auftritt, der die Opferhandlung gilt. Hierfür liefern
Münzen des Severus, des Decius und vor allem des Caracalla das Material.
Mit zwei Ausnahmen ist es stets Asklepios oder Telesphoros, denen die
Verehrung des Kaisers zuteil wird. Neben der Spende (Taf. Vll, 1 7), die
über dem Altar (Taf. VIII, i) oder dem Thymiaterion (Taf. VIII, 2) statt-
findet, kommt auch das einfache Gebet vor, das durch die adorierend er-
hobene Rechte angedeutet ist. Dies geschieht z. B. bei den Einzugsszenen.
Hier sind zwei verschiedene Momente wiedergegeben : erstens wie Caracalla
zu Roß, von einem Knappen begleitet, auf die Kultstatue zureitet, sich
aber noch zu jenem umwendet (Taf. VII, 14), dann wie er, ebenfalls reitend,
zu dem von der Stadtgöttin (Taf. VII, 13) oder dem Priester (?) (Taf. VII, 15)
gehaltenen Asklepiosbild betet. Zu Fuß erscheint der Kaiser mit dem
Gestus der Adoration vor Asklepios und Telesphoros (Taf. VllI, 4) oder vor
diesem allein (Taf. VIII, 5).
Aber auch ein Zebuopfer wird in Caracalla's Gegenwart veranstaltet.
Ein Prägbild zeigt Stadtgott und Kaiser, diesen mit Schale und Globus, ein-
ander gegenüberstehend, und zwischen beiden das Opfertier (Taf. VII, 1 7),
eine dürftige, abgekürzte Komposition. Anders bei den entsprechenden
Szenen, die vor den in ihren Tempeln befindlichen Statuen, sowohl des
stehenden Asklepios (Taf. VIII, 9), als auch des sitzenden Zeus Asklepios
(Taf. VIII, 7. 8) vor sich gehen (vgl. oben S. 50 f.). Während der Kaiser bi.s-
her stets in kriegerischer Tracht auftrat, ist er hier als Pontifex mit der
Toga bekleidet; er ersetzt also selbst den amtierenden Priester, liält in der
Rechten die Schale, in der Linken eine Rolle. Vor ihm erkennt man den
das Beil schwingenden Opferdiener, im Begriff, das mittels Ring imd Seil
an den Boden gefesselte Zebu niederzuschlagen. — Mit Caracalla, dem en-
thusiastischen Verehrer des Asklepios, hören Darstellungen des opfernden
Kaisers fast ganz auf. Nur zwei Großbronzen des Decius sind aus der
Folgezeit noch hinzuzufügen. Dieser Kaiser, wiederum in Waffen, steht
Phü.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. I. 10
74 H. V O N F R I T Z E :
hier mit der Schale in der Rechten zunächst vor dem ihn bekränzenden
Dionysos (Taf. IV, 2 2), dann aber auch vor dem weiblichen, als Meter Megale
erklärten Idol (Taf. V, 24; vgl. oben S. 66). Abgesehen von Decius kommen
also nur Antonine als Opfernde angesichts der Gottheit auf den Münzen
vor. Die noch übrigen beiden Rückseitenbilder mit Kaiserdarstellungen zeigen
wiederum Caracalla, das eine Mal (Taf. VII, 12) mit der im Gestus der
Adlocutio erhobenen Rechten auf einem vielstufigen Bema in Kriegstracht
zwischen zwei auf ebener Erde befindlichen Figuren, und zwar erscheint
vor ihm die Stadtgöttin, mit der Rechten das Asklepiosbild tragend, hinter
ihm ein behelmter Krieger (Ares?), in der Hand die nach links über dem
Globus schwebende, Caracalla bekränzende Nike. Welchen offenbar bedeut-
samen Moment diese feierliche Situation bildlich festhalten sollte, ist nicht
zu entscheiden. Möglichenfalls galt es die Verkündigung einer Gunstbe-
zeugung, eines für die Stadt wichtigen Privilegs. — Die zweite Szene (Taf.
VII, 9) führt, vielleicht in Anknüpfung an den von ihm gern zitierten Alex-
ander den Großen, Caracalla auf der Löwenjagd vor Augen. Der im Galopp
nach rechts sprengende Kaiser hat noch die geöffnete Rechte nach rückwärts
erhoben, aus der eben der Speer entsandt ist; dieser traf sein Ziel und steckt
in dem Rücken des unter oder neben dem Pferd zusammengebrochenen Löwen.
12. Der Kaiser als Gegenstand des Kultes. Die Neokorie.
Im Verlauf der Untersuchung ist dieses Thema schon mehrfach be-
rührt worden, sei es, daß es sich um die Identifizierung von kaiserlichen
Personen mit Gottheiten handelte (vgl. 8.49!'. 561".), sei es, daß es den Kult
des lebenden Kaisers selbst betraf (vgl. S. 51). Über diesen letzteren, soweit
er Pergamon als Besitzerin mehrerer Neokorien angeht, muß kurz berichtet
werden. Wenn für Buechner {De neocorla [i888], S. 98 und 109) nur die
Wahrscheinlichkeit bestand, daß die Stadt die zweite Neokorie unter
Traianus, die dritte unter Caracalla erhielt, indem er bei letzterer nicht
bestreiten wollte, daß sie schon durch Severus verliehen sei, so standen
diese Tatsachen für Fränkel (Insclir. v. Perg. [1896], S. 226; vgl. S. 338)
schon fest und es bedurfte kaum der oben (S. 5of.) besprochenen Großbronzen
des Caracalla mit den drei durch Giebelaufschriften bezeichneten Tempeln
(Taf. VIII, 19), um volle Gewißheit zu haben'. Von der Art und Weise,
' Diese Großbronzen waren sclion mehrfach publiziert, aber die Legenden nur teil-
weise richtig gelesen und daher unverwertet geblieben (vgl. i. Patin, Thes. num. Fat.,
Die Münzen von Pergamon. 75
wie sich die drei Kaiser mit neugeschaffenen oder schon bestehenden Kulten
verbanden, indem sie sich ihnen als cynnaoi gesellten, ist schon die Rede
gewesen (vgl. oben S. 5of. und Nomisrna II, S. 31 f.). Während in Pergamon
der Neokorie auf Inschriften schon unter Traianus Erwähnung getan wird,
und zwar sowohl der ersten, als auch der durch ihn, zwischen 106 und 1 14
n. Chr., verliehenen zweiten, kommt der Titel auf Münzen überhaupt erst
unter M. Aurelius vor. Das ergibt sich unzweifelhaft aus allen Geprägen,
die in Original oder Abguß kontrolliert werden konnten. In älteren Publika-
tionen sind allerdings drei Exemplare beschrieben, welche die Angabe der
Neokorie schon auf Geprägen des Pius zu bezeugen scheinen; alle gehen
jedoch auf den äußerst unzuverlässigen Vaillant (Numism. imp. ijr., S. 45)
zurück und lassen sich teils durch Vergleichung mit entsprechenden Stücken
als verlesen, teils als vermutlich unrichtige Zuteilung oder als Fälschung
erkennen. Wenn man das Fehlen der Neokoriebezeichnung auf dem per-
gamenischen Gelde des Traianus, unter dem ein heftiger Titelstreit zwischen
verschiedenen rivalisierenden Städten entbrannt war (vgl. Gaebler, Zeitschr.
f. Num. Bd. XXIV, S. 337), als auffallend empfindet, so braucht dies des-
halb nicht zu befremden, weil statt jener Legenden beide Neokorietempel die
häufigsten Typen auf seinen Münzen und die innen befindlicTien Kaiser-
statuen durch die Beischriften deutlich charakterisiert sind (Taf. Vlll, 12. 17;
vgl. die ephesische Münze des Elagabalus mit den vier Tempeln ohne Nen-
nung der Neokoricn im Brit. Cat. lonia, S. 92, 306).
Die Angaben der Neokorieziffern auf den in großer Zahl zur Nach-
prüfung vorliegenden Münzen von Pergamon stehen in vollem Einklang mit
dem, was über die Verleihung der Neokorien bekannt ist und verursachen
keine Schwierigkeiten. Freilich fehlt es in älteren Beschreibungen nicht
an Inkongruenzen. Doch sind diese ausnahmslos, sei es mit Hülfe typen-
gleicher Originale, sei es wegen der am Wortlaut deutlich erkennbaren
schlechten Erhaltung der Stücke oder auf Grund von Anzeichen offenbarer
Fälschung als nicht vorhanden abzutun, wie die Behandlung im Corpus
S. 118. 2. F atin , Thes. Maurocen., ü. T 2 ; Vaillant, Num. imp. gr., 8. io8, daraus: Mioniiet,
Suppl. V, S. 461, 1109. 3. Wiczay, Bd. I, Nr. 4731; Sestini, Mus. Hfderv., Bd. II,
S. 120, 62, daraus: Mionnet, Suppl. V, S. 460, 1108. 4. Cappe; Waigel, Cat. (1860),
S. 2, 10). Im Februar 1903 fand ich das Exemplar Morosini im 3Iuseo archeologico zu V^enedig
auf, wo bereits die Lesart der drei Aufschriften als AYT, AN, TPA mit Sicherheit festzu-
stellen war. Später kamen noch unedierte Stücke aus den Sammlungen Loebbecke (jetzt
Berlin), Leake (nicht im Katalog) und der Ermitage in Petersburg (Taf. VIII, 19) hinzu.
10*
76 H. VON Fritze:
nwnmorum im Einzelfalle zeigen wird. — H. Gaebler hat (a. a. 0. S. 259ff.)
übersichtlich und knapp die Frage nach der Entstehung der Neokorie in den
Kommunen der Provinz Asia von dem Gesichtspunkt der Rivalität der Städte
untereinander aufgerollt und den munizipalen Charakter der Neokorie er-
wiesen', so daß man diese Ausfuhrungen fiir alle Details einzusehen hat.
Die Ergebnisse sind kurz folgende: während Ephesos auf einer Münze des Nero
und fortan auch in den epigraphischen Urkunden als erste diesen Titel
führt, der, wie Gaebler (a.a. 0. S. 261 fl".) überzeugend begründet hat, auf
Claudius zurückgeht, konnte das eifersüchtige Pergamon unter Berufung auf
seinen Augustustempel sich die Bezeichnung Ö ahmoc tön npürooN NecjKÖPUN
TTeprAMHNCüN erstreiten und die Rivalen Ephesos und Smyrna dadurch über-
flügeln, daß es schon unter Traianus die zweite Neokorie gewann (zwischen
106 und 114 n. Chr., vgl. Fränkel, a. a. 0. S. 306), die jenen erst
durch Hadrianus zuteil wurde. Die dritte Neokorie, welche allen dreien
unter Caracalla zufiel, erhielt nach Ausweis einer Münze zuerst wiederum
Pergamon, das sich hier tpic neuköpoc hpcüth tun CeBAcruN nennt {Brit. CaL,
S. 153, 318). Pick {Corolla numism., S. 24of.) glaubt, daß die Annahme
dieses Titels hier zu Unrecht geschah, da Ephesos die dritte Neokorie schon
2 1 1 n. Chr. für Caracalla und Geta zusammen erhielt, also vor Getas Er-
mordung 2 1 2 n. Chr. Ein solcher Schluß erscheint ohne bündigen Beweis
bei einem offiziellen Denkmal wie der Münze unmöglich, um so mehr, als
der Gedanke nicht a priori abzuweisen ist, daß Caracalla schon vor 2 1 1 n. Chr.
als Mitregent zu Lebzeiten des Severus Pergamon seinen Kult gestattete.
Dafür spricht mit allem Nachdruck die Tatsache, daß in der langen Reihe
von Caracallamünzen der Stadt nur ganz wenige die zweite, sonst sämtlich
die dritte Neokorie anführen und von letzteren einige den Kaiser mit leichtem
Bartwuchs auf der Vorderseite zeigen, also nicht in dem vorgeschritteneren
Alter, wie ihn diejenigen Gepräge darstellen, welche 215 n.Chr., in dem
Jahre seines Aufenthalts in Pergamon (vgl. Fränkel, a. a. 0. S. 342) und
später ausgegeben sind.
Die Wiedergabe von Opferhandlungen des Kaiserkultes vermittelt nun
eine Gruppe von Münzen aus der Zeit des Severus (Taf. VIII, 15) in zwei
Nominalen. Veröflentlicht ist, abgesehen von einer ungenügenden Beschrei-
' B. Pick {Corolla numism., S. 234) hält, ohne zu Gaeblers Begründung Stellung lu
nehmen, die ältere Auffassung fest, nach der die Neokorie durch den «Besitz eines städtischen
Tempels für den provinzialen Kaiserkultus- bedingt sei.
Die Münzen von Pergamon. 77
bung bei Mionnet (II, S. 609, 617 und 618), nur eine Großbronze von
Macdonald {Cat. Hunter, Bd. II, S. 283, 62 ; Taf. XL VIII, 19). Hier ist die
im Hintergrund sichtbare Kaiserstatue, vor der die Tötung eines Zeburindes
stattfindet', zwar nicht wie bei Mionnet a.a.O. als »Mars«, aber doch
auch unter Verkennung des Lorbeerkranzes als i>Jtelmded figure in military
attirei- bezeichnet. Daß es sich in der Tat um einen Kaiser mit Lorbeer-
kranz, Panzer, Mantel und Stiefeln handelt, der in der Rechten die Schale,
in der Linken den Speer hält, ist auf besser erhaltenen Exemplaren un-
verkennbar". Wen stellt dieses Bild dar? Das Fehlen des Bartes schließt
Severus, dem ja auch kein Kult bei Lebzeiten zuteil wurde, aus, und man
würde zunächst an Caracalla denken. Dies wird jedoch unmöglich durch
die Aufschrift B NeoKOPJlN. Denn wenn hier der Kult dieses lebenden
Kaisers gemeint sein sollte, so müßte mau auch den so heiß begehrten Titel
der dritten Neokorie erwarten. Also bliebe wohl Augustus oder Traianus,
da diese sonst in erster Linie für Pergamon in Betracht kommen. Die Bevor-
zugung des einen vor dem anderen wäre jedoch zunächst nicht zu erklären ;
so muß die Frage auf eine Beantwortung mit anderen Mitteln harren.
Etwas weiter führt vielleicht ein hier anzureihendes Problem. Ein Ge-
präge des Commodus (Taf. IX, 2) zeigt nämlich zwischen zwei mit den
Fronten einander zugekehrten, perspektivisch wiedergegebenen Tempeln,
möglicherweise des Augustus und des Traianus, einen auf hoher Säule
stehenden Kaiser mit Panzer von vorn, Kopf nach rechts, die Rechte am
Speer, in der gesenkten Linken das Parazonium, ein Schema, das älmlich
auch anderswo, z. B. auf Münzen des makedonischen Koinon, erscheint (vgl.
Gaebler, Zeitschr. f. Num. Bd. XXV, Taf. I, 12; Die antiken Münzen Nord-
griechenl., Bd. III, i, Taf. V, 9). Während aber hier die Statue leicht ihre
Erklärung als Alexander der Große findet (vgl. Gaebler, Zeitschr. f. Num.
Bd. XXIV, S. 322; Bd. XXV, S. 9), ist diese Benennung dort unmöglich.
Nun kommt ein sehr ähnliches Säulenbild in gleicher Kleidung und Hal-
tung auf einer Homonoiamünze von Pergamon und Ephesos, ebenfalls unter
' Die mit geschwungener Doppelaxt herbeieilende Figur macht in ihrem halblangen
Gewand mit Überschlag fast einen weiblichen Eindruck, um so mehr, als auf einigen Exem-
plaren die Haare am Hinterkopf in einen Knoten aufgebunden zu sein scheinen (vgl. auch
Taf. VH, 16). Doch wird an weibliche Opferdienerinnen in solcher Funktion kaum zu
denken sein.
* Vgl. eine Opferhandlung vor der im Tempel stehenden Kaiser (i')-Statue auf einer
ephesischen Münze des Macrinus (Brü.Cat. lonia, S. 89, 293 f., Taf. XIV, 4).
78 H. VON Fritze:
Commodus, diesmal aber zwischen den Tempeln der beiderseitigen Stadt-
patrone vor (Taf. IX, 1 6). Und weiter ist auf der Rückseite eines kleineren
Nominals desselben Herrschers (Taf. VIII, 6) der Kaiser allein, und zwar nicht
auf der Säule, sondern auf der Bodenlinie stehend dargestellt, weicht aber
insofern von den genannten Säulenstatuen ab, als im linken Ann außer dem
Parazonium noch der Mantel liegt. Daß diese Figur einen anderen als
Commodus bedeuten könnte, ist in Ermangelung jeder Beischrift schwer
denkbar. Trotz schlechter P^rhaltung der beiden allein bekannten Exem-
plare (HoUschek-Wien und München) darf er wohl als bärtig angesehen
werden, was dem Portrait der Vorderseite entspricht; bei den vorher an-
geführten Typen verbietet die Kleinheit des Kopfes ein Urteil. Nach den
Vorderseiten müßte die Statue, ihre Benennung als Commodus vorausgesetzt,
auf dem erstgenannten Stück unbärtig sein, ebenso auf der Homonoiamünze
bei der Annahme der Identität beider Bildsäulen. Dann würde der auf der
Bodenlinie stehende Commodus nicht auf diese oder wohl auf gar kein
statuarisches Vorbild zurückgehen. Jedenfalls macht die Homonoiamünze,
wo die Figur sich zwischen den Tempeln des pergamenischen Asklepios
und der ephesischen Artemis befindet, die Bezeichnung als Commodus zur
Gewißheit. Natürlich handelt es sich dabei nicht um einen Kult des Kaisers.
Auf den Münzen von Pergamon begegnen wir einer weit verbreiteten
Gewohnheit entsprechend noch einer anderen Art, die Kaiser und ihre
Familienmitglieder zu ehren, als durch bildliche Darstellungen, nämlich durch
die Form der Namensbeischriften. Im Gegensatz zu dem überwiegenden
und in Pergamon von Anfang an nachweisbaren Brauche, in der Legende
Namen und Titel des Kaisers im Nominativ, also als erklärende Beischrift
des Bildes, anzubringen, werden diese vielfach auch im Akkusativ gegeben.
Man hat längst erkannt, daß sie dann durchweg abhängig zu denken sind
von einem Verbum des Verehrens (vgl. z. B. F. Lenormant, La monnaw
dans rant.', Bd. II, S. i68). Eine Reihe von pergamenischen Münzaufschriften
enthält aber auch das Subjekt des so entstehenden Satzes, nämlich den
Stadtnamen im Nominativ. So haben wir um den Tempel des Augustus
— aber nur auf seinen Münzen — die Aufschrift AYTOKPATOPA KAICAPA
(V.s. neprAMHNOi) und ähnlich (vgl. Brit. Cat., S. 137, 236; Mionnet,
Die Münzen von Pergamon. 79
II, S. 593. 534), ferner unter ihm und den folgenden Kaisern bei dem-
selben Typus häufig die Foi-mel (oeoN) seBAZTON neprAMHNOi' (vgl.
auch riABANON neprAMHNOi, Taf VIII, 11). Wie man in dem Falle zu
interpretieren hat, wenn an Stelle des Stadtnamens der eines Beamten im
Nominativ neben dem kaiserlichen im AkkusatiA^ steht, ist nicht nach einer
einheitlichen Regel zu entscheiden. Treffen wir z. B. die Legende mhno-
reNHr zebazthn neprAMHNnN neben dem Sitzbild der Livia-Demeter
(Taf. Vn, 3; vgl. Brit. Cai., S. 140, 250; Taf XXVIII, 7), so wird man Meno-
genes als denjenigen ansehen dürfen, welcher der Kaiserin Verehrung zollt,
vielleicht durch Stiftung ihrer Statue, besonders wenn auch von der
Vorderseite kein als Subjekt zu verwendender Nominativ heranzuziehen ist,
wie z. B. hier, wo man taion aeykion bei deren Köpfen liest. Ander-
seits ist es unwahrscheinlich, aus Aufschriften wie Vorderseite: r kaicapa
neprAMHNOi, Rückseite: a kaicapa AHMO^nN (vgl. Waddington, Rev.
num. 1867, S. 118, 2), oder Vorderseite: iiabanon neprAMHNOi, Rück-
seite: ZEBAITON AHMO^nN (Taf VIII, 11), zu folgern, daß die Pergamener
dem einen, Demophon dem anderen Verehrung bezeugen. Dieser von Mac-
donald (Coin Types, S. 161) geäußerten Vermutung glaube ich die Interpre-
tation vorziehen zu müssen, daß durch die letztere Foi-mel sowohl die Va'-
bauung des Augustus-Romatempels, als auch eine Kranzverleihung an Silva-
nus, und zwar beides durch den Demos, illustriert werden sollte (vgl Wad-
dington, Faftes, S. 690 f., Nr. 64). Unverbunden steht daneben der Beamten-
name (AHMO<l>IiN) im Nominativ, ein Verfahren, fiir das unter den perga-
menischen Münzen, gerade aus Augustus' Zeit, sichere Belege beizubringen
sind (vgl. Taf. VIII, 14; VI, 25 ; Imhoof,Kleinas.Mzn., Bd. II, S. 506, i). Wenn
es auch durchaus nicht zu den Seltenheiten gehört, daß Beamte oder Privat-
personen Aufwendungen aus eigenem Vermögen zum Besten Einzelner oder
der Gesamtheit machen — man denke an die in Pergamon durch I. Qua-
dratus hervorgerufenen Stiftungen — , so wird man doch als Subjekt zu
den Akkusativen des Kaisernamens für gewöhnlich die Stadt zu ergänzen
haben, was unzweifelhaft durch die zahlreichen Legenden mit dem Kaiser
im Akkusativ, aber überhaujtt oime irgendeinen Nominativ bewiesen wird
(vgl. Mionnet, Suppl.Y, S. 435, 965 [Traianus]). .Vusnahmefälle, wie bei
Menogenes (siehe oben), sind eben dadurch ganz deutlich gemaclit, daß
' Vgl. Brit.Cat., 8.140, 253ff. (Tiberius); ebenda 8. 141, 257 (flaiidiiis); Babelon,
Inv. Wadd., Nr. 958 (Doinitianas).
80 H. vonFritze:
der Stadtname, wie gewöhnlich, im Genitiv zur Bezeichnung des Besitzers
des Geldes dabei steht. Kaisernamen im Akkusativ finden sich in Pergamon
bis zu Hadrianus einschließlich und später nur noch einmal in der Umschrift
lOYA MAMeAN CGBACTHN (vgl. Brit. Cat., S. 159, 337).
Bei weitem seltener sind Name und Titel im Dativ anzutreffen. Doch
auch dies kommt in der Münzreihe von Pergamon vor, so fiir Augustus in
der Legende: ZEBASxni kaieapi BOYAAini^ (vgl.Mionnet, H, 8.593,537^).
Andere Belege bieten Gepräge des Traianus (vgl. Brit. Cat., S. 142, 263 ff.)
und des Severus (vgl. Mionnet, II, S. 607, 609, 610). Wenn nun Lenor-
mant (a. a. 0.) in solchen Fällen ein Verbum der Dedikation ergänzt (etwa
AN^eHKEN, Iaocan USW.), SO ist tatsächlich doch kein Unterschied zwischen
einem solchen und dem Zeitwort des Verehrens mit dem Akkusativ beab-
sichtigt. Das beweist die eben zitierte Münze des Traianus (Taf. VIII, 12).
Die eine Seite mit dem Augustus- und Romatempel, der, wie wir oben
S. 78f. sahen, sonst oft von der Umschrift cesACTON neprAMHNOi (vgl.
Brit. Cat., S. 137, 236; S. 141, 257) begleitet ist, hat hier die Legende eeA
pjiMH KAI een cesACxn. Die Vorderseite desselben Stückes mit dem Hieron
des Traianus und des Zeus Philios trägt die einfach erklärenden Beischriften
beider c-t-nnaoi im Nominativ. Man erkennt daraus die völlige Freiheit im
Ausdruck, die an kein Schema gebunden war. In den dativischen Formeln
kann man wohl eine Anlehnung an die Weihinschriften von Tempeln und
Statuen vermuten. Endlich ist zu bemerken, daß, Avie oben S. 79, eine nicht-
kaiserliche Persönlichkeit (Sil van us) im Akkusativ genannt wurde, so auch
hier eine solche in dativischer Konstruktion, imd zwar der Prokonsul Asinius
Pollio, auf einem Gepräge des Drusus und Germanicus anzuführen ist (vgl.
Brit. Cat. Lydia, S. 251, 104 f.; H. Gaebler, Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV,
S. 256, Anm. 2, der zuerst diese Münzen richtig Pergamon zuwies). Da-
mit sind die Beispiele für Pergamon erschöpft.
13. Die Neokorie-Agone.
Die Namen der XrcoNec lepoi, die mit den ersten beiden Neokorien ver-
bunden waren, sind bekannt. Der eine hieß offiziell 'PumaTa CeBAcxA oder
gewöhnlich mit Heraushebung des bedeutsameren Bestandteiles A-rroYcreiA
' Die schmeichelnde Übertragung dieses dem Zeus zukommenden Epitheton auf Augustus
hat schon Fränkel, a.a.O. Bd. I, >S. 159 zu Nr. 246, Z. 48f. erkannt.
Die Münzen von Pergamon. 81
^N TTeprÄMü), der zweite TpaTäncia Agioiaia eN TTeprÄMu [Anc. greek. inscr. in tlm
BrU. Mus., Bd. III, 2, Nr. 605, Z. 9; Fränkel, a. a. 0. Bd. II, S. 206; vgl.
Gaebler, Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV, S. 266ff.). Diese beiden Neokoriefeste
verewigt eine Münze des Aelius, auf deren Rückseite ein viereckiger Tisch
mit einer Preisamphora zwischen zwei Kränzen erscheint (Taf. IX, 6). Über
den Namen des dritten Iieiligen Agon ist bisher nichts festgestellt. Man ist
jedoch imstande, ihn mit Hilfe eines Münzbildes zu gewinnen, das unter
Caracalla (Taf. IX, 4), Elagabalus, Valerianus und Gallienus vorkommt : auf
einem Tisch befindet sich zwischen zwei, je mit einem Palmzweig versehenen
Preiskronen ein Kranz und in diesem das Wort OAV | Mni | a. Unter der Tisch-
platte steht im Vordergrund auf der Bodenleiste eine Amphora, an der
beiderseits je eine Peitsche' lehnt; im Hintergrund ist rechts und links
je ein Geldbeutel. Wenn die Preiskronen an die Spiele der beiden ersten
Neokorien erinnern, so gilt der Kranz in der Mitte der dritten, was damit
zusammenstimmt, daß unter Caracalla der Typus zuerst auftritt. Die Münzen
des Valerianus (vgl. Num. mod. max. ex cimel. Ludov. XIV, Taf. XXXI, 6)
und des Gallienus mit dem entsprechenden Bilde unterscheiden sich von
jenem nur durch ein über dem Kranz im Feld angebrachtes A. Daß man
dieses A hier mit OAVMniA zu verbinden hat, lehrt ein weiteres Gepräge
des Gallienus, auf dessen Rückseite innerhalb eines Kranzes die vollstän-
digere Legende npn|TA OAV|MniA eN|neprAM|fi npaT|nN r n, steht (vgl.
BrU. Cat., S. 162, 348). Der Wortlaut kann unmöglich die erste Olympienfeier
in Pergamon bezeichnen wollen, da diese unter Caracalla stattfand, sondern
nPflTA ist hier so zu verstehen wie bei npUTfiN r ncokophn, mmtpohoaic
nPATH usw., d. h. nur im Hinblick auf andere, rivalisierende Städte. Zu
dieser Titulatur sah sich Pergamon unter Valerianus und Gallienus augen-
scheinlich aus dem Grunde veranlaßt, weil Ephesos das Fest der vierten,
ihr durch Elagabalus verliehenen Neokorio gleichfalls OAVMniA genannt hatte
(vgl. die Münzen des Elagabalus bei Mionnet, 111, S. 112, 381 und Nurn.
Chron. 1904, S. 302, 22; Taf. XVI, 7, sowie der Julia Paula, vgl. Mionnet,
Suppl. VI, S. 174, 624. 625; Zeitschr. f. Num. Bd. XII, S. 317, 7)". Denn
' Diese meist als TInien erklärten Peitschen sind auf der Münze des Gallienus ganz
deutlich und zuerst von Hrn. Dr. v. Papen richtig erkannt worden. Sie bezielien sich auf
die Hippodroinie als Bestandteil des Agons.
' Auf der Berliner F^pliesosnn'inze (Zeitsclir. f. Niini. Bd. \II, S. 317, 7) steht gleichfalls
ein A im Feld oben wie auf dem Londoner .Stiiek (Num. Chron. 1904, Taf. X\'I, 7), wo
nü.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. 1. 11
82 H. VON Fritze:
der Festname befindet sich auf den ephesischen wie auf den pergameni-
schen Geprägen in einem Kranz oder auch an einer Preiskrone, die neben
einer mit der Legende e*eciA versehenen zweiten Preiskrone auf einem
Tische dargestellt ist. Durch diese Münzen wurde also der Agon der Ar-
temis Ephesia mit dem der vierten Neokorie zusammen verherrlicht. Dem-
gegenüber konnte sich nach alter Gewohnheit das Pergamon des Valerianus
und Gallienus durch das nPiiTA darauf berufen, daß Olympien hier früher
als in Ephesos, schon zur Zeit Caracalla's, gefeiert wurden.
Nach Analogie der anderen beiden Neokoriefeste könnte man vielleicht
auch bei dem dritten einen Doppelnamen voraussetzen, etwa ANTQNeiNiA
OAVMniA. Seine Bezeichnung als oavmdia würde nun freilich unmöglich,
wenn die von Vaillant {Num. de Camps, Abb. zu S. 77, 2) publizierte, jetzt
in Paris befindliche Münze Caracalla's richtig Pergamon zugeteilt wäre, die
auf einem Tisch zwei Kränze mit den innerhalb angeordneten Legenden
OAVM|niA und nv|0iA, ferner unter der Tischplatte zwei gekreuzte Palm-
zweige aufweist'. Der im Abschnitt erkennbare, teilweise zerstörte Stadt-
name wurde sowohl von Vaillant (a. a. 0.), als auch von Mionnet (II, S. 614,
647) nePTAMHNnN gelesen. Dies verbietet der hierzu nicht ausreichende
Raum. Und in der Tat gehört das Stück nach Tralleis (vgl. Brit. Cat. Lydia,
S. 352, 160; Taf. XXXVII, 7). Damit berichtigt sich die Angabe von Eckhel
(Dod. nurn., Bd. IV, S. 446) bis zu Head (Hist. muri., S. 464) und Fränkel
(a. a. 0. Bd. II, S. 219), daß in Pergamon nveiA auf Münzen genannt seien.
Sämtliche die Stadt unter Caracalla auszeichnende Titel enthält die
von einem Kranz umgebene Legende der oben (S. 76) erwähnten Groß-
bronze dieses Kaisers. Sie lautet: H npflTH THC A|ciAC KAI MHTPO|nOAic
npnTH KAi|TPic NenKOPOc|npnTH t^n ce|BACTnN nep|rAMHNnN|noAic.
Wroth es richtig als nPATflN und als abhängig von €<t>eCIJiN erklärt (vgl. Pick,
Corolla num., S. 241). Auf unseren perganienischen Münzen wäre es dagegen, auch abgesehen
von der ausgeschriebenen Parallellegende nPATA OAYMTTIA (siehe oben), sciion deshalb
nicht mit dem Stadtnamen zu verbinden, weil diesem hier das Epitheton DPHTON
r NenKOPJiN beigefügt ist. Auf dem ephesischen Exemplar jedoch kann das A im Gegen-
satz hierzu aus dem Grunde nicht zu OAYMniA gerechnet werden, weil es nicht über diesem
Namen, sondern zwischen den beiden Preiskronen angebracht ist, was die Zugehörigkeit zu
einer von ihnen ausschließt.
' Ein ähnliches, in Wien befindliches Exemplar (Mus. Theupoli, Bd. II, S. 801. 1013)
ist so retuschiert, daß es nicht in Betracht kommt.
Die Münzen von Pergamon. 83
14. Tempel und Altäre.
Schon oben S. 5of. sind einige Darstellungen des Caracallatempols er-
wähnt worden. Im Anschluß an ihn seien zunächst die anderen Kaiser-
tempel betrachtet. Das berühmte Heiligtum des Augustus und der Roma,
bisher noch nicht bei den Ausgrabungen zutage gekommen, findet sich so-
wohl auf den sogenannten kleinasiatischen Silbermodaillons (Taf. IX, i ), als
auch auf einer Reihe pergamenischer Kupfermünzen von Augustus bis
Caracalla, und zwar meistens mit ein oder zwei Statuen im Innern. In
diesem Falle ist die Zahl der Frontsäulen, um die Kultbilder sichtbar zu
machen, vermindert, gewöhnlich auf vier (Taf. VIII, 12. 17), doch auch auf
zwei (Taf. IX, i. 13). Eine sechssäulige Front dagegen zeigt das Medaillon
des Caracalla mit den drei nebeneinander auf der Bodenlinie stehenden
Neokorietempeln (Taf. VIII, 19). liier ist auch das Traianeum sechssäulig,
während das Heiligtum des Caracalla nur vier Säulen in der Front hat,
was durch den größeren Raum bedingt ist, den das Sitzbild gegenüber
den beiden Kaiserstandbildern erfordert. Alle diese Beispiele verraten
immer wieder, mit welcher Willkür oder auch mit welchem Schematismus
die Stempelschneider in Einzelheiten vorgingen. Denn man wird wohl an-
nehmen dürfen, daß es bestimmte typische Vorlagen gab, nach denen ge-
wöhnlich ein Bau von vorn oder in perspektivischer Seitenansicht darge-
stellt wurde, die für jeden Tempel, gleichviel wie er aussah, benutzt und
dem Raum entsprechend mehr oder weniger genau kopiert wurden. Man
darf daher für die Details, z. B. Säulenordnung, Giebelschmuck, Stufen-
zahl usw., Münzen als Quellen nur mit Vorsicht gebrauchen (vgl. Norniiona,
II, S. 29, Anm. 2). Diejenigen (Gepräge, welche das Heiligtum ohne das
Kultbild aufweisen, haben eine fiinf- bis sechssäulige Front (Taf. Vlll, 16. 14).
Aber weder sie, noch die auf der Caracalla-Großbronze (Taf. VIII, 16) sicht-
bare I^ngseite reproduziert wirkliche Verhältnisse.
Ein ähnliches abkürzendes Verfahren ist bei den Tempelstatuen zu
beobachten. Nur die Silbermedaillons (Taf. IX, i ) ' und eine Kupfermünze
' Finders Annahme (Abh. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1855, S. 615), der liier dargestellte
Augustus sei stets der jedesmal regierende Kaiser, dessen .Statue immer die seines Vorgängers
ersetzt zu haben scheine, ist völlig undenkbar und bedarf keiner Widerlegung. Kleine Ab-
weichungen in Haltung und Tracht des Augustus auf den Geprägen der verschiedenen
Kai.ser sind nicht anders zu bewerten als z. B. die ungleichmäßig abgekürzte Inschrift auf dem
II*
84 H. vonFritze:
des Traianus (Taf. VIII, i 2) bringen die Gruppe des von der Roma bekränzten
Augustus, die übrigen den Kaiser allein (Taf. VIII, 1 1 . i 7. 19; IX, 13), in
dem Bestreben, die Hauptperson zur Geltung zu bringen, wo fiir beide der
Platz nicht ausreichte. Roma trägt, wie ihr Kopf auf dem Kaisergeld ohne
Kaiserportrait (Taf. III, 17.18), die Turmkrone (Taf. VIII, i 2). Sie ist mit
langem Gewand und Mantel bekleidet, hält im linken Arm das Füllhorn
und in der erhobenen Rechten den Kranz. Links von ihr steht Augustus
in kriegerischer Ausrüstung von vorn, den Kopf ihr zuwendend, die Rechte
am Speer. Analog erscheint er auch auf den meisten anderen Stücken,
nur daß, soweit man bei der Kleinheit der Maße sehen kann, die Rechts-
wendung des Kopfes aufgegeben ist, wohl weil das Fehlen der Roma eine
dadurch zu bewirkende Verbindung beider Figuren überflüssig machte. Ab-
weichungen finden sich aber auch in der Vertauschung des Speeres, den
Augustus auf einem kleinen Nominal des Traianus (Taf. VIII, 17) und der
Großbronze des Caracalla (Taf. VIII, 19) in der Linken hält, während er die
Rechte senkt. Und auf einem noch unpublizierten, in London befindlichen
Gepräge des Augustus selbst trägt er einmal in der Rechten die Schale,
im linken Arm Speer und Mantel. Hier ist es durch die ganzen Umstände
ausgeschlossen, daß etwa ein anderes Bildwerk gemeint sei, und bei dem
Garacallamedaillon sichert die Giebelinschrift seine Benennung als Augustus.
Also wiederum ein Beweis fiir die dem Stempelschneider eingeräumte weit-
gehende Freiheit, die sich aber bei so eingreifenden Änderungen nur aus
den sehr kleinen Dimensionen der schematisch anzudeutenden Figuren erklärt.
Den von H. Stiller (Altert, v. Perg., Bd.V, 2, S. 53) abgebildeten
Münzen mit Darstellungen des Traianeums sind hinzuzufügen die mehrfach
zitierten Gepräge des Caracalla (Taf. VIII, 16. 19). Mit Recht ist die Art
der Wiedergabe des Heiligtums von dem Herausgeber als !> summarisch«
bezeichnet. Denn hier liegt die Sache sicher nicht anders als bei dem
Augusteum, trotzdem die viel geringere Zahl darauf bezüglicher Typen die
Inkongruenzen nicht so deutlich vor Augen fuhrt wie dort. Auf beiden
Münzen des Traianus mit der Gruppe des sitzenden Zeus Philios und des
Kaisers (Taf. VIII, 12 und Altert, v. Perg., Bd.V, 2, S. 53, 3) steht dieser
in Kriegstracht von vorn, den Kopf dem Gotte zugewendet, die Rechte vor
Architrav des Tempels, wie sie Pinder (a.a.O. S. 614, Anm. 2) selbst notiert, oder die
Variierung der architektonischen Details, besonders der Kapitelle (s. bei Pinder, Taf.V, 6 — 8),
wo es sich laut Legende immer um denselben Bau handeln muß.
Die Münzen von Pergamon. 85
dem Körper, die Linke am Speer. Die Caracallamünze dagegen zeigt die
herabhängende Rechte vorgestreckt (Taf.VIII, 19), während auf der rohen
Prägung des Decius (Taf.VIII, 18) der Speer zu fehlen und beide Arme ge-
senkt zu sein scheinen. Augusteum und Traianeum, von je einem Stern
überragt, aber ohne die Kultbilder, läßt vermutlich eine Commodusmünze
(Taf. IX, 2) erkennen. Sie sind über Eck gesehen, mit einander zugekehrten
Fronten; zwiscJien ihnen erblickt man auf hoher Säule die Kaiserstatue
(s. oben S. 77).
Von dem Heiligtum des Caracalla- Zeus Asklepios ist bereits oben
S. 5 1 die Rede gewesen. Es findet sich allein auf Geprägen dieses Kaisers
{Taf.Vni, 7. 8. 16. 19) und weicht in keiner Weise von dem bei den übrigen
Tempeln bemerkbaren Schematismus ab. Die Unzuverlässigkeit der Stempel-
schneider bekundet sich auch hier, indem statt ionischer korinthische Kapi-
telle verwendet sind. — Das bald mit vier- (Taf.VIII, 10), bald mit sechs-
säuliger (Taf. VIII, 9) Front dargestellte Heiligtum des Asklepios Soter end-
lich kommt von Pius bis Gallienus, und zwar stets mit dem Kultbild des
stehenden Gottes vor, einmal neben dem der ephesischen Artemis auf der
Homonoiamünze (Taf. IX, 16; vgl. oben S. 7 7 f.). Auch fiir seine Bauforraen
läßt sich hieraus nichts Charakteristisches erschließen. Zu erwähnen ist,
daß es auf der Münze des Pius (Taf.VIII, 10) mit dorischen, später (Taf. IX,
16; VIII, 9) mit korinthischen Säulen erscheint und daß auf dem genannten
Gepräge des Commodus (Taf. IX, 16) die Giebelschrägen mit einer Reihe
von Spitzen (vielleicht Antefixa andeutend) bekrönt sind. Dieselbe Dekora-
tion trägt aber auch der ephesische Artemistempel desselben Stückes; sie
erweist sich also schon dadurch als Zutat des Stempelschneiders.
Der große Altar von Pergamon wurde zuerst von Heron de Ville-
fosse {Rev. num. 1902, S. 235 f.) auf einer Großbronze mit den Portraits
des Severus und der Domna (Taf. IX, 3) erkannt, und diese ist neuerdings
von J.Schrammen (Altert, v. Perg., Bd. III, i, S. 5) abgebildet und be-
sprochen worden. Wenn auch für den Altar der Königszeit Einzelheiten
zum Zweck der Rekonstruktion architektonischer Details dem Münzbild nicht
zu entnehmen sind, so wird aus ihm doch auf gewisse, durch das Gepräge
im großen sicher gut überlieferte Ausstattungsbeigaben geschlossen werden
können, wie sie zur Zeit des Severus bestanden. Bei dem Altar liegt es
nämlich anders als bei den Tempeldarstellungen. Während man hier, wie
S. 83 bemerkt, mit einem Schema arbeitete, das höchstens in Säulen- und
86 H. vonFritze:
Stufenzahl oder im Giebelschmuck variiert wurde, galt es dort, ein in
seiner Art einziges Bauwerk zu reproduzieren. Darin lag das Erfordernis
einer in seinen Grundzügen getreueren Wiedergabe des Originals. Diese
mußte freilich dort Halt machen, wo der kleine Raum Einschränkung und
Veränderungen verlangte. Wenn wir also die große Freitreppe und die
Säulenhalle — man hat sogar die ionischen Kapitelle nachzubilden ver-
sucht — wiederfinden, so dürfen wir in Übereinstimmung mit den Funden
auch den Figurenschmuck über dem Hallendach, ebenso wie die beiden
gewaltigen Zeburinder rechts und links von der Treppe, als um 200 n. Chr.
tatsächlich vorhanden annehmen. Daß in den Statuen links von der Mitte
ApoUon und Artemis zu erkennen sind, wird auf Grund der Attribute,
Bogen bei dem nackten Gott und Köcher bei der Göttin, als gesichert an-
zusehen sein; die rechtsstellenden Figuren sind nicht zu deuten. Verschie-
dene Beurteilung rief die Unterbrechung der Halle an der Frontseite hervor,
welche im Berliner Museum im Gegensatz zu der von Pontremoli (Col-
lignon-Pontremoli, Pergame, Taf. V) versuchten Rekonstruktion durch-
laufend wiederhergestellt wurde. Hier versagt die Münze als Zeugnis. Denn
da es bei Durchführung der Säulen Stellung unmöglich gewesen wäre, den
dahinterliegenden Altar mit dem darüberbefindlichen Baldachin klar für den
Beschauer wiederzugeben, mußte auch bei tatsächlich geschlossener Säulen-
reihe eine Durchbrechung auf Kosten der Wirklichkeit zur besseren Ver-
anschaulichung vorgenommen werden. Und diese betraf fiir den Stempel-
schneider die Hauptsache, nämlich den Altar. Dem ersten Blick auffallend,
und wohl auch die Ursache der so verspäteten richtigen Deutung, ist der
mächtige, von Säulen getragene, gewölbte Baldachin, eine Konstruktion, die
bisher nicht bei griechischen oder römisclien Altären nachgewiesen, da-
gegen in den Tabernakeln christlicher Basiliken wohlbekannt ist. Die von
Heron de Villefosse als Parallelen angeführten Beispiele auf antiken
Reliefs und Vasen können, auch bei gleichem Grundgedanken, insofern nicht
als vollgültig bezeichnet werden, als es sich hier nur um kleine Vorrich-
tungen zum Zwecke des Feuerschutzes handelt, die keine direkten Analoga
zu dem großen Überbau darstellen. Es liegt nahe, seine Errichtung und
gewiß auch eine Neuausstattung des großen Altars in der Zeit des Severus
als Anlaß zur Ausprägung der Großbronze zu betrachten', wodurch auch
' Diese von mir im »Tag« vom i. Mai 1902 geäußerte Annahme wird aucli von
H. Dressel (Amtl. Ber. aus den Kgl. Kunstsamml., Berl. 1908, S. 239) geteilt.
1
Die Münzen von Pergamon. 87
das nur einmalige Vorkommen des berühmten Bauwerks innerhalb der langen
Reihe pergamenischer Kaisermünzen eine probable Erklärung findet.
Ein zweiter, kleinerer Altar einer Münze des Pius (Taf. IX, 5) und, in
Einzelheiten abweichend, eines Gepräges der Faustina (vgl. Brit. Cot., Taf.
XXIX, 8) ist noch zu nennen. Vierseitig, mit Voluten, über zweistufiger Ba-
sis befindet er sich zwischen zwei, von Schlangen umwundenen, brennenden
Fackeln. Wenn diese nicht mit Sicherheit auf Demeter zu weisen brauchen,
so geschieht das unzweideutig durch die Symbole an der Vorderseite des Al-
tars, den Mohnkopf inmitten zweier Ähren. Auf der oberen Fläche steht eine
einhenklige Kanne. Dieser unscheinbare Typus gewinnt nun eine besondei-e
Bedeutung, insofern wir nämlich hier wiederum in der Lage sind, das Münz-
bild als Kopie eines vorhandenen Altars bezeichnen zu können. Die Aus-
grabungen des Jahres 1 909 haben in Pergamon nicht nur das Temenos und
den Tempel der Demeter aufgedeckt, sondern auch vor letzerem den Altar,
der laut Inschrift von Philetairos und Eumenes, ihrer Mutter Boa zu P',hren,
der Göttin errichtet worden ist. F.T besteht aus grünlichgrauem Trachyt,
ist vierseitig und trägt die auch sonst wohlbekannten volutenartigen Hörner,
aber insofern abweichend, als diese nicht, wie sonst, organisch angegliedert
die Deckplatte fortsetzen (vgl. Taf. VI, 1 ), vielmehr, von ihr unabhängig,
gewissermaßen besondere Auflagen darstellen. Dieser Altar erhielt, wie
mir Herr Dr. H. Hepding, dessen Freundlichkeit ich auch die übrigen An-
gaben verdanke, brieflich mitteilt, später eine (Marmor-) Verkleidung aus
mutmaßlich glatten Orthostatenplatten. Im Temenos teilweise schon früher
zutage gekommene Reliefs, die ähnlich wie auf der Münze Mohn und Ähren
aufweisen, gehören nicht zum Altar, sondern sind nach Winter 's Meinung
(Alt. V. Perg., Bd. VII, 2, S. 325, Nr. 408) Sockelfriese. Gleicliviel aber, ob
der Stempelschneider in diesem Punkte dem Vorbilde folgte, was nicht ganz
ausgeschlossen sein dürfte, oder zu näherer Charakterisierung des Altars
die Symbole frei hinzukomponierte, die Identität von Original und Kopie
ist schon durch die eigentümliche Hörnerform sichergestellt, und wir dürfen
nun aus der Münze lernen, daß — jedenfalls um die Mitte des II. Jahr-
hunderts n. Chr. — sich rechts und links je eine brennende, von einer
Schlange umwundene Fackel, vielleicht aus Bronze, befand.
Das ephemere Auftreten des Demeteraltars wird einen ähnlichen Grund
haben, wie wir ihn oben bei dem großen Altar voraussetzten. Und dies
scheint ein weiterer Fund der letzten Kampagne zu bestätigen: eine In-
88 H. vonFritze:
Schrift führt den f. Kaayaioc Cgiaianöc ATcimoc als Inhaber der Prytanie und
Stifter des angebauten Pronaos des Demetertempels an. Wenn wir nun auf
Geprägen des Aelius (Mionnet, II, S. 599, 565) und des Plus (Brit. Cat.,
S. 145, 279), freilich nicht auf unserer Münze, einen Ka. ATcimoc als Strategen er-
wähnt finden, so wird man trotz des nicht vorhandenen Cognomen »Silianus«
beide Personen identifizieren dürfen, um so eher, als eine Inschrift von Elaia
(Bull. corr. hell. Bd. IV, S. 377, 5) einen offenbar derselben Familie ange-
hörenden S. Claudius Aesimus nennt und ihn bezeichnet als A. Ciaiano9 yIön.
Name und Titulatur werden ja auch stets in mannigfaltiger Weise kom-
poniert bzw. abgekürzt. Ein naheliegendes Beispiel bieten pergamenische
Münzen des Gordianus. Hier signiert ein f. Ka. Fayrcon bald einfach so (vgl.
Imhoof, Kleinas. Münzen, Bd. I, S.31,4), bald f. Ka. rAYKUN "PoY<t>eiNiANÖc
'InniKÖc (vgl. Brit. Cat., S. 160, 341). Dürfen wir aber aus dem vereinzelten
Vorkommen des Typus — der Altar erhielt doch wohl, vielleicht durch
die Hinzufiigung der Schlangenfackeln oder der Marmor-Orthostaten, Anteil
an der Munifizenz des Stifters der Vorhalle — auf eine bauliche Restau-
ration oder Erweiterung schließen, so würde sich angesichts der sehr wahr-
scheinlichen Gleichsetzung der beiden genannten Persönlichkeiten als Ent-
stehungszeit jener Weihungen die Regierungsperiode des Pius (138 — 161
n. Chr.) ergeben.
15. Verschiedene Münztypen.
Einzelne Darstellungen, welche nicht in die vorhergehenden Rubriken
einzuordnen waren, bedürfen noch der Besprechung. Da ist zunächst eine
kleine Münze, deren Rückseite einen stehenden Mann von vorn, mit Helm-
kappe, langärmligem Wams und langen, faltigen Hosen zeigt; er hält in
der gesenkten Rechten den Speer schräg nach vorn, in der herabhängenden
Linken den Bogen (Taf VI, 25). Imhoof (Kleinas. Münzen, Bd. II, S. 506, i)
hat die bis dahin geltende Erklärung der Figur als Apollon bestritten und
sie unter Berufung auf einen Augustusdenar vom Jahre 20 v. Chr. zweifelnd
als Armenier bezeichnet. Schon die Vergleiclumg beider Typen (bei Im-
hoof, a. a. 0. Taf. XIX, 10 und 1 i) ergibt zur Evidenz die Richtigkeit der
Interpretation. Aber wir können sie noch durch weitere Gründe stützen.
Bisher sah man meist in dem Portrait der Vorderseite Augustus (vgl. Im-
hoof, a. a. 0.). Auf besser erhaltenen Exemplaren jedoch liest man deutlich
vor dem Worte KAIZAP ein r. ; wir haben es demnach mit C. Caesar zu tun
Die Münzen von Pergamon. 89
(so L. Müller, Descr. ThorirnMsen, S. 266, 132; Taf. III). Die Beziehung des
Prinzen zu Armenien in der Tradition ist nun so augenfällig, daß an
Imhoof s Deutung der Figur auch aus diesem Grunde kein Zweifel ob-
walten kann. War er doch, erst zwanzigjährig, vom Kaiser dazu bestimmt,
Armenien zurückzugewinnen, dessen einstige Inbesitznahme der genannte
Denar mit der Aufschrift armenia capta verherrlicht, das aber mit par-
thischer Hilfe dem römischen Einfluß wieder entzogen worden war. In
dorn 2 n. Chr. unternommenen Feldzug wurde C. Caesar bei der Belagerung
von Artagira verwundet; siegreich, aber an der Wunde krankend, starb er
4 n. Chr. in Lykien auf der Rückreise nach Rom (vgl. H. Schiller, Gesch.
der röm. Kaiserzeit, Bd. I, S. 195!?.). Auf diese erfolgreiche Waffentat be-
zieht sich unsere Münze, die also wolil im Jahre 3 n. Chr. geschlagen ist.
Es lag nahe, hierbei auch äußerlich an den Augustusdenar anzuknüpfen.
Ein seltsamer Zufall war es, daß C. Caesar gerade 20 v. Chr., in dem Jahre
der ersten Einnahme Armeniens, geboren war. Sein Aufenthalt im Orient
stand nur unter dem Zeichen des Kampfes gegen dieses Land. So wird
es begreiflich, daß Pergamon eine Erinnerungsprägung herzustellen sich
beeilte, um dem iulischen Hause einen neuen Beweis der Verehrung dar-
zubringen. Daß es diese auch sonst durch Emission von Münzen mit den
Portraits der kaiserlichen Familienmitglieder zu betätigen strebte, ist oben
S. 47 und Anm. 2 hervorgehoben.
Der Name des Beamten A. Furius findet sich wie auf der Armenier-
münze so auch auf einem Gepräge des Augustus (Taf. IX, 7), dessen Rück-
seite ein Gefäß auf hohem Fuß mit ausladender Schale schmückt. Welche
Bewandtnis es damit hat, läßt sich nicht sagen. Streber {Num. ant., S. 197)
erwähnt die Möglichkeit seiner Beziehung zum Gymnasien, und Wroth
(Brit. Cat, S. 138, 239ff.) beschreibt: Basin (for toashmj)^ restimj on a stand.
Vielleicht ist es die Hindeutung auf eine liturgische Stiftung des A. Furius,
der als Gymnasiarch allerdings Gelegenheit fand, für das ihm unterstellte
Institut Aufwendungen zu machen.
Zu einem Gepräge des Pius (Taf. VII, 2) mit einer weiblichen Figur
in langem Gewand, Mantel und Schleier, neben einem Thymiaterion
stehend, auf das sie mit der Rechten ein Weihrauclikorn zu legen scheint,
während die Linke ein Kästchen hält, ist zu bemerken, daß eine gleiche
Situation u. a. in einer Florentiner Statue zum Ausdruck kommt (W. Ame-
lung, Führer durch die Antiken in Florenz, S. 30, 38; vgl. das Relief bei
Pha.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. I. 12
90 H. VON Fritze:
Heibig, Führer', Bd. II, S. 28, 804). Die Vereinzelung des an die Pietas
erinnernden Typus gestattet kein Urteil über die Ursache, der die Figur
ihre Wiedergabe auf der Münze verdankt.
Ein merkwürdiges, in mancher Hinsicht rätselhaftes Unikum triflft
man unter den Münzen des M. Aurelius im Pariser Kabinett (Taf. VII, i):
auf einer breiten, niedrigen Basis erscheint, überschattet von einem Baum,
•das unbekleidete Brustbild einer unbärtigen, knabenhaften Gestalt nach
rechts, mit halblangem, losem Haar; rechts und links, vielleicht auf der
Basis, je ein Zweig. Ein ähnliches, von Sestini (Lettere, Contin., III, Titel-
vignette) publiziertes Stück, aber des Severus, ist verschollen. Der Heraus-
geber deutet in der dem Briefe vorgedruckten Anrede die Büste als den
jugendlichen Caracalla und bringt sie vermutungsweise mit der Verherr-
lichung des durch Severus zum »Augustus« erhobenen Prinzen in Beziehung.
Diese Erklärung wird unmöglich durch das Auftreten desselben Typus
unter M. Aurelius. Daß überhaupt kein Kaiser gemeint ist, lehrt das Pa-
riser Exemplar trotz seiner schlechten Erhaltung. Zweifellos haben wir es
mit einem göttlichen Wesen zu tun. Ungewöhnlich für ein Kultobjekt —
und um ein solches handelt es sich doch wohl — ist freilich das Brust-
bild anstatt der Ganzflgur. Nun ergibt sich aber aus einer Reihe von meist
dem ferneren Osten angehörenden Münzen, daß Büsten nicht nur wie hier
auf Basen, sondern auch in Heiligtümern, also als Tempelbilder, existierten,
so z. B. auf Geprägen der pisidischen Städte Kodrula (Imhoof, Kleinas.
Münzen, Bd. II, S. 377, 3; Taf. XIII, 16) und Sagalassos (ebenda S. 395, 20;
Taf XIV, 4; vgl. Brit. Cat. Lycia usw., S. 247, 39; Taf XXXVIII, 10). Ferner
sind zu nennen Münzen A^on Gabala, Laodikeia am Meer, Paltos und Damas-
kos (vgl. Brit. Cat. Gahtia usw., Taf. XXVIII, 1.2 (Athena); XXX, 8; XXXI, i
(Tyche); XXX, 9 (Domna als Tyche); XXXI, 11; XXXV, 3 (Tyche)'. Zu
erwähnen ist noch das Vorkommen von Kaiserbrustbildern auf Basen, z. B.
in Ilion (vgl. »Die Münzen von Uion« bei Dörpfeld, Troja und Ilion, Bd. 11,
S. 531, Beil. 62, 43). Welchem Götterkreise nun der Jüngling der perga-
menischen Münze angehört, ist in Ermangelung von Attributen nicht fest-
zustellen. Das Laub des Baumes, das in der Struktur von den Zweigen
' Vgl. athenische Ku])ferinünzen mit der auf einem Tisch neben Eule und Kranz
befindlichen Büste der Stadtgöttin {Brit. Cat. Attica, Taf. X\'1I, 7) und die seltsame Darstellung
des Pan vor einem Gegenstand, der drei Nympheiibnistbildern als Untersatz dient, auf einem
unbestimmten sizilischen Gepräge (Imhoof, Monn.gr., S. 34, Taf. B, 24. 25).
Die Münzen von Pergamon. 91:
an der Basis abzuweichen scheint, läßt keine botanische Benennung zu.
Man könnte an Dionysos, ebensogut aber auch an ein Wesen aus der Um-
gebung des Asklepios oder des Hermes denken. Vielleicht bringen gelegent-
liche Funde die erwünschte Deutung.
Endlich sei darauf hingewiesen, daß eine Münze des Commodus
(Taf. VI, 22) eine Erosdarstellung überliefert, die von Riggauer (Zeitschr.
f. Num. Bd. VIII, S. 88, Taf. I, 17) erwähnt wird und wohl sicher ein statu-
arisches Motiv repräsentiert. — Wenn ganz vereinzelte, schlecht erhaltene
und unverständliche Typen hier ebensowenig Beachtung fanden, wie anderer-
seits z.B. die konventionelle Homonoia (Taf. VI, 19. 20), so bedarf es da-
für im Rahmen dieser Abhandlung, die in großen Zügen das Wesentliche
zusammenfassen soll, keiner Erklärung.
C. Beamten-Namen und -titel.
Die Gewohnheit die Magistratsnamen auszuschreiben ist auf den auto-
nomen vorkaiserlichen Prägungen von Pergamon im Vergleich zu denen
anderer Städte selten. Wir bemerkten sie mit einer Ausnahme nur auf
städtischem Geld aus der ersten Hälfte des II. Jahrhunderts v. Chr., und
auch dort bei wenigen Exemplaren (s .oben S.6. 23). Dies wird anders unter
der römischen Verwaltung. Schon auf den prokonsularischen Cistophoren
aus der Mitte des I. Jahrhunderts v. Chr. ist es Regel. Hier finden sich
folgende Namen (sämtlich im Nominativ): unter T. Am p ins B albus (58/57
v.Chr.): APxeAAOC, ACKAHni/iHC (beide auf demselben Stück; Taf III, 11)'
— unter C. Fabius (57/56 v. Chr.): AHMeAC (Berlin, London), mmno-maoc
(vgl. Loebbecke, Zeitschr. f Num. Bd. X, S. 77, 26) — unter C. Sep-
tumius (56/55 v.Chr.): kpitcon (Taf IU, 10), noceiACONioc (Berlin) —
unter C. Claudius Pulcher (55/53 v. Chr.): bioon (Pinder, a. a. 0.
S. 569, 184), evANOHC Me (Babelon, Im. Wadd., Nr. 6967), kavciaoc
(Berlin, London), maxacon (London), mhnoacopoc (Waddington, Fastes
S. 675, 31, 5), mhno^antoc (Pinder, a. a. 0. S. 569, 186). Von diesen
Namen sind bis auf Bion und Machaon alle in pergamenischen Inschriften
nachweisbar, bei keinem jedoch ist, auch nur mit Wahrscheinlichkeit,
Identität mit den Münzbeamten anzunehmen.
' Es ist bemerkenswert, daß hier auf der Rückseite anstatt des Gorytos zwischen
den Schlangen eio Dreifuß erscheint.
12*
92 H. VON Fkitze:
Auf den Geprägen der Kaiserzeit sind ausgeschriebene Beamtennamen,
wie auch sonst, das Grewöhnliche, Monogramme selten, von Hadrianus ab
gar nicht mehr vorhanden, und Symbole, wenn überhaupt als Magistrats-
wappen, ganz vereinzelt (Taf. IV, 23; VI, 20). Die Namen sind unter
Augustus und Tiberius teils noch wie im I. Jahrhundert v. Chr. im Nomi-
nativ, teils tritt aber unter beiden schon die Formel eni mit dem Genitiv
auf und bleibt dann konstant bis in die Zeit des Gallienus'. Wir geben
im folgenden eine Liste der sicher bekannten Magistrate unter Fortlassung
aller zweifelhaften Aufschriften älterer unkontrollierbarer Publikationen, und
zwar in der Form der Legende'^ selbst. Der Stern bei einem Namen be-
deutet, daß der betreffende Beamte in der mit Pergamon in Homonoia
verbundenen Stadt amtiert, welche in eckigen Klammern hinzugefügt ist
(vgl. unten S. 100 f.).
Proconsules.
ziABANON (M. Plautius Silvanus, 4/5 (?) n. Chr.).
eni nonnAiOY (Q. Poppaeus Secundus, ca. 19 n.Chr.).
eni neTpnNiOY to c (P. Petronius, ca. 29/35 n.Chr.).
TAin As:iNNir2 nnAAiüNi anovrata (C. Asinius PoUio, ca. 38 n. Chr.).
en ANO AV lOVAiov KOVAAPATOV (C. Antius A. lulius Quadratus, ca.
106 n. Chr.).
Griechische Beamte.
AHMO<J>nN — Augustus. C. und L. Caesar.
KEtAAiflN rpAMMATevooN — Augustus. C. und L. Caesar.
eni CTPA ... Ke<J>AAinNOC — Augustus.
A ^ovpioc lEPEVZ rvMNAZiAPxnN — Augustus. C. Caesar.
XAPiNOC (rpAMMATevooN) — Augustus. Livia.
MHNoreNHS — C. und L. Caesar. Augustus und Tiberius.
■ Auch in anderen kleinasiatischen Gebieten, z. B. in Lydien, werden die Beamten
in der frühen Kaiserzeit im Nominativ und erst von Nero an mit eni und dem Genitiv
angeführt (vgl. Head, Brit. Cat. Lydia, Introd. S. 26). Ähnlich liegt es in Phrygien; eni
überwiegt hier jedoch erst seit den flavischen Kaisern (vgl. He ad, Brit. Cat. Phrygia,
Introd. S. 19).
^ Bekanntlich erscheinen die Magistratsnamen und -titel auf Münzen in den mannig-
faltigsten Abkürzungen. Um die Übersichtlichkeit nicht zu gefährden, ist in der Liste die
ausfülirlichste, auf den betreffenden Münzgriippen vorkommende Legende angegeben.
Die Münzen von Pergamon. 93
Eni APXIEPEni AA6IANAPOV KAEJiNOI ZAPAIANOV DruSUS und
Grermanicus.
eni CTPA KA Ke*AAiJiNOC — Domitianus. Domitianus und Domitia.
€ni CTPA .. KA MeiAATOV TO B (oder TO A) — Traianus.
CTP I nnAAinNOC — Traianus.
eni CTP Tl KA Ke<<>AAinNOC to b — Hadrianus.
cni CTP nnAAiJlNOC — Sabina.
eni CTPATHrov ka aicimov — Aelius. Pius.
eni CTP KOVAPTOV TO B — Pius. M. Aurelius (unbärtig).
Eni npv NVMniAiAc beponikhc — Pius.
eni CTPA KA nAPAAAA (NenKOPOV) — Pius.
eni CTPA I nnAAiöNoc aciApxoy (NEnKöPov) to s — Pius.
eni CTPATHrov t kaav apictcov (oder apictea) — M. Aurelius. M.
Aurelius und L. Verus.
eni CTPA ATVA KPATinnov — M. Aurelius. L. Verus.
eni CTPA KA N(e)iKOMHAOVC — Faustina iun. Commodus (unbärtig),
eni CTPA 1 nn(A)AiöNoc to b — Faustina iun. Commodus (unbärtig).
eni CTP M AI TAVKflNIANOV — Commodus.
eni CTPA AiOAflPOV — Commodus.
eni CTP n ai n(€)iov — Commodus.
eni CTPA KAAVAiANOV TCPnANAPOV — Severus. Severus und Domna.
Caracalla und Geta.
eni CTPA lOVA nflAAinNOC (oder noAA) — Severus.
*eni CTPA MOCXOV [Thyateira] — Severus.
eni CTP lOVA ANOIMOV — Domna. Caracalla.
eni CTPA «aabiov ienckpatovc — Severus und Caracalla. Cara-
calla (unbärtig). Caracalla und Geta. Geta.
eni CTPA M kaipca attaaov — Caracalla.
*en CTP AIA AnoAAJiNiov [Smyrna] — Caracalla.
*en C rcMiNOV [Smyrna] — Caracalla.
eni CTP MHNoreNovc — Geta.
eni CTP tib ka aa6IANAPOV (oeoAorov) — Elagabalus. Maesa.
eni CTP T K TePTVAAOV — Alexander. Mamaea.
eni CTP AVP NeiAOV — Maximinus. Maximus.
eni CTP r ka tavkonoc (Pov<»>eiNiANOV inniKOV) — Gordianus.
eni c lOVA AoncMOV — Gordianus.
94 H. VON Fritze:
eni c KOM* TAVKnNOC (oeoAorov) — Decius. Etruscilla. Etruscus.
eni c AVP AAMA (ACiAPXOV) — Valerianus. Grallienus. Salonina.
eni cei ka ceiAiANOV — Gallienus. Salonina.
Die römischen Prokonsuln der republikanischen Zeit sind S. 9 1 genannt
worden. Auf einer Münze des Augustus (Taf. VIII, 11) wird der Prokonsul
M. Plautius Silvanus (4/5 n. Chr.; vgl. Prosop. imp. rom., Bd. EI, S. 46,
Nr. 361) erwähnt sowie offenbar auch dargestellt, und zwar als bärtiger,
in die Toga gehüllter Mann, von vorn, mit der Schale in der Rechten;
ihn bekränzt ein rechts von ihm stehender bärtiger Mann in kurzem Chiton
(Demos). Die Umschrift lautet neprAMHNOi ziabanon. Die Rückseite zeigt
Augustus im Tempel mit der Legende sebaeton oben, AHMO<J>nN unten
(vgl. oben S. 79).
Zwei Prokonsuln aus der Zeit des Tiberius werden auf pergamenischen
Münzen angegeben, beide auf den Vorderseiten unter den einander gegen-
übergestellten Kaiserbildern, und zwar Q. Poppaeus Secundus (Amtsjahr
ca. 19 n. Chr.; vgl. Waddington, Fastes, S. 692, Nr. 68, Prosop. imp. rom.,
Bd. III, S. 86, Nr. 628) unter den Köpfen des Augustus und Tiberius (vgl.
Brit. Cat., S. 140, 25 i f.), sowie P. Petronius (Amtsdauer wahrscheinlich 29/35
n. Chr.; vgl. Waddington, a. a. 0. S. 695 f., Nr. 76; Prosop. imp. rom.,
Bd. III, S. 26, Nr. 198) unter denen der Livia und des Tiberius (vgl. Brit.
Cat., S. 140, 2 53 ff.). Hier beweist der ständige Zusatz TO c, daß Petronius
mindestens sechs Jahre lang die Provinz Asia verwaltete. Während nun
die Namen der beiden letzten Prokonsuln durch eni mit dem Genitiv an-
geführt sind, lautet auf der Münze des Drusus und Germanicus die Um-
schrift: TAifi AiiNNin nnAAiriNi anovratd {Brit. Cat. Lydia, S. 252, 106,
Taf. XXVI, 5; s. oben S. 80; H. Gaebler, Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV,
S. 256, Anm. 2). Aus der Dativform des Namens geht hervor, daß es sich
um eine Auszeichnung des Prokonsuls handelt, die aller Wahrscheinlich-
keit nach in die Jahre ca. 38 n. Chr. fallt (vgl. Waddington, a. a. 0. S. 696,
Nr. 78; V. Rhoden bei Pauly-Wissowa, Bd. II, 2, Sp. 1603, Nr. 26;
Pro.'iop. imp. rom., Bd. I, S. 167, Nr. 1026).
Sollte die Zuteilung an Pergamon im Brit. Cat., S. 135, 2 22 f. und bei
Babelon, Inv. WadcL, Nr. 954 das Richtige treffen, so würde eine Münze
mit dem Romakopf und einer Nike nebst der Umschrift eni snAANOV
eine Prägung des Prokonsuls Vettius Bolanus darstellen, der ca. 77 n. Chr.
Die Münzen voti Pergajnon. 95
sein Amt in der Provinz Asia verwaltete (vgl. Wad dington, a. a. O.
S. 704, Nr. 97; Prosop.imp.roin., Bd. III, S. 411, Nr. 323). Wir wissen
nur von smymäischen Stempeln mit seinem Namen (vgl. Brii. Cat. lonia,
S. 272, 297 ff.). Der Stil unserer Münze würde nicht gegen ihre Verweisung
nach Pergamon sprechen und ebensowenig das Fehlen des Stadtnamens.
Doch ist die Sicherheit nicht so groß wie bei den Münzen des Traianus
mit dem Namen des Prokonsuls C. Antius Aulus lulius Quadratus (Amts-
jahr ca. 106 n. Chr.; vgl. Wadding ton, a. a. 0. S. 7 i3f., Nr. 114; Fränkel,
a. a. 0. Bd. II, S. 299; Prosop. imp. rom., Bd. II, S. 209, Nr. 338. Bisher
war von solchen nur ein Typus bekannt mit dem liegenden Kaikos auf
der Rückseite (Taf. VI, 18), dessen Umschrift zwar Namen und Titel des
Quadratus in der Form en.AN.AV-K|ovAAPATOV, aber keine Stadtbezeich-
nung enthält. Wem nun weder der Umstand, daß Pergamon die Heimat
dieses Wohltäters seiner Mitbürger war (vgl. Fränkel, a.a.O. Bd. II,
S. 298 ff.) noch der Typus des beischriftlich bezeugten Flusses Kaikos ge-
nügende Begründung für die Zuteilung dünkt, dem wird in Verbindung
damit der Umstand ausschlaggebend sein, daß das MOnchener Exemplar
in Pergamon selbst gefunden ist (vgl. Choiseul-Gouffier, Voyage, Bd. II,
S. 51). Wir sind nun in der Lage, die unter ihm geprägten Münzen um
zwei noch unpublizierte Typen zu vermehren, beide mit dem Bilde des
Traianus auf der Vorderseite. Ein bereits richtig eingelegtes Stück des
Pariser Kabinetts (Taf. V, 6) zeigt auf der Rückseite den bekannten stehen-
den Dionysos mit Kantharos und Thyrsos nach links, am Boden vor ihm
ein Pantherweibchen und die Umschrift : En ano av iovaio[vj kovaapatov.
Das zweite Gepräge (Taf. V, 12) findet sich in Berlin unter den »Unbe-
stimmten«. Es reproduciert die gewöhnliche, fiii- Pergamon besonders
passende Gruppe von Asklepios und Hygieia, mit der Legende en ano
av iov kovaapatov. Die beiden neuen, durch Hinzufügung von lov (Aiov)
erweiterten Münzaufschriften erbringen jetzt den Beweis — der bisher nur
aus der Inschrift von Elaia erschlossen werden konnte — , daß unser Qua-
dratus tatsächlich identisch ist mit dem in den Arval-Akten aus den Jahren
72. 78. 86. 87. 89 n.Chr. erscheinenden A. lulius Quadratus (vgl. Fränkel,
a. a. O. S. 299).
Von den griechischen Beamten sind es in überwiegender Mehrzahl
Strategen, die als Eponyme auf den Münzen figurieren (vgl. Fränkel,
a. a. 0. Bd. II, S. 207). Unter Augustus erscheinen Charinos (Taf. VIII, 14)
96 H. VON Fritze:
und Kephalion (Taf. IX, 13) mit der Bezeichnung rpAMMAxe'Y'CüN, letzterer auf
anderen Stücken (Kopenhagen, München) jedoch ausdrücklich als ctpathtöc
funktionierend. A. Furius zeichnet zur selben Zeit als lepevc, mit dem Zu-
satz rvMNACiAPxöN (vgl. Taf. IX, 7)'. In dem Xpxiepe-fc Alexandros Kleon aus
Sardes sehen wir den Provinzialoberpriester (vgl. H. Gaebler, Zeitschr.
f. Num. Bd.XXIV, S. 257 Anm.; Waddington, a.a.O. Nr. 144). Ein aciapxhc
findet sich unter Pius (vgl. Mionnet, Suppl. V, S. 440, 1003 ff.), Valerianus
(vgl. Brit. Cat., S. 161, 345) und Gallienus (vgl. Brit. Cat, S. 162, 346).
Nicht häufig ist der Titel eeoAöroc, der hier auf Münzen des Elagabalus
(Taf VI, 13), des Decius (Taf V, 24) und des Etruscus (Taf. V, 23) als
Ehrenamt des jedesmaligen Strategen genannt ist. Fränkel (a.a.O. Bd. 11,
S. 264 und S. 342 zu Z. 8) folgert nun aus Angaben Mionnet's {Suppl.Y,
S. 460, 1 104 und I 105), nach welchen ein gleichnamiger Beamter schon unter
Caracalla als Theologos auf den Münzen signiert, daß die Würde als dauernde
verliehen sei. Das ist nicht der Fall, da die hier beschriebenen Stücke
mit äußerster Wahrscheinlichkeit für J]lagabalus in Anspruch zu nehmen
sind. Auf dem von Mionnet aus Miis. Pisano (Bd. I, S. 123, Taf. XLIII, i)
zitierten Exemplar (Nr. i 104) ergibt die Legendenverteilung der Rückseite
eine völlige Übereinstimmung mit der Berliner Münze des Elagabalus.
Den Bart des Kaiserportraits wird man daher als Zutat des Zeichners auf-
zufassen haben. Auch die Beschreibung Vaillant's {Num. imp. gr., S. 108;
danach Mionnet, Nr. 1 105) zeigt eine Schriftanordnung, die eher dem
Gepräge des Elagabalus als dem Caracalla's entspricht. Ein weiterer Ehren-
titel ist NeioKÖPOc, den der unter Pius erwähnte Stratege Gl. Pardala trägt
(Exemplare in Wien, Paris). Daß er diese Funktion bei dem Augustus-
tempel versehen habe (vgl. Head, H'ist. num., Introd. S. 68; Hill, Hand-
book, S. 183), ist möglich, aber imgewiß.
Haben wir bisher Ehrenämter, und zwar zumeist geistliche, angeführt,
welche die eponymen^ Strategen bekleideten, so findet sich auf einem
' Vgl. z. B. über die analogen Ämter eines dem Münzwesen von Sestos vorstehenden
Menas Nomisma I, S. 3.
" Vgl. Lenormant, a. a. O. II, S. i04ff. Daß in der Kaiserzeit auf den Münzen auch
der lepefc als eponymer Beamter vorgekommen sei, will Fränkel (a.a.O. Bd. II, S. 207)
aus einer bei Vaillant {Num.imp.gr., S. 73; nach ihm Mionnet, Suppl. V, S. 446, 1040)
besdiriebenen Münze des Oomniodus folgern. Die hier überlieferte Legende €111 AYP KSA
lePenc AIA BIOY tun CeB trägt aber deutlich den Stempel falscher Lesung an sich, so
daß irgendeine wissenschaftliche N'erwertung ausgeschlossen ist. — Auch die von Fränkel,
Die Münzen von Pergamon. 97
Gepräge des Pius (Taf. IV, 2 i ) eine Funktion, welche scheinbar an die Stelle
der Strategie selbst tritt, und zwar in der Legende eni nPv(TANeYOYCHc)
NVMniAiAC eePONiKHC. An und für sich könnte man annehmen, daß
diese Prytanie dem in Pergamon sowohl auf den späteren Cistophoren,
als auch in der frühen Kaiserzeit nachweisbaren Amt analog ist. Dem
steht aber nicht nur das ganz vereinzelte Vorkommen des Titels mitten
in einer langen Strategenreihe entgegen, sondern auch der Umstand, daß
sein Träger eine Frau, Nymphidia' Beronike, ist. Ernst Curtius, der eine
Inschrift aus Pergamon mit dem Namen der die Prytanenwürde innehaben-
den Seidia Ammion veröffentlichte (Beitr. z. Gesch. und Topogr. Kleinasiens,
S. 62), verstand darunter »die Vorstandschaft eines geistlichen Kollegiums«^,
da der Wortlaut nicht an die politische Prytanie zu denken gestatte (so auch
Fränkel, a.a.O. Bd. II, S. 251 zu Nr. 340; vgl. ferner ein zweites Inschrifts-
fragment aus Pergamon mit einer npYTANevoYCA ebenda S. 505, Nr. 295 b).
Dieselbe Erklärung wird auch für unsere Münze zutreffen. — Hinzuzufügen
ist endlich, daß sich unter Gordianus der Stratege C. Claudius Glyco Rufi-
nianus als Eques romaniLS (tnniKöc) einfuhrt (vgl. Brit. Cat., S. 160, 341).
Die Mehrzahl der Beamtennamen auf den Münzen läßt sich auch in
den Inschriften von Pergamon nachweisen, meist freilich, ohne daß sich
die Identität der Personen behaupten ließe, was jedoch in einzelnen Fällen
mit mehr oder weniger Sicherheit geschehen kann. Auf Quadratus ist
soeben S. 95 hingedeutet; die zahlreichen ihn betreffenden Inschriften sind
von Fränkel (a. a. 0. Bd. II unter Nr. 290. 436 — 451) veröffentlicht; über
den CI. Aesimus der Münzen des Aelius (vgl. Taf. V, 3) und des Pius (vgl.
Num. Chron. 1882, Taf. I, 14) und seine Gleichsetzung mit dem C. Claudius
Silianus Aesimus der jüngst im Demeterheiligtum gefundenen Inschrift vgl.
oben S. Syf. Den unter Traianus fungierenden Cl. Meilates (München, Peters-
burg, Wien) nennt die Inschrift Nr. 523, welche deshalb mit Wahrschein-
lichkeit in die Zeit dieses Kaisers, spätestens des Hadrianus, zu setzen ist.
a.a.O. im Anschluß an Mionnet, Suppl. V, 8.441, 1007 aufgestellte Beliauptung, daß auf
einem pergamenischen Gepräge des Pius ein tamIac als eponyuier Magistrat erscheine, hält
der Kritik nicht stand. Dieses Exemplar befindet sich in Berlin und gehört, wie schon
Sestini (Lettere, VIII, S. 66 f.) richtig bemerkt, nicht nach Pergamon, sondern nach Poroselene.
' über die Schreibweise des Namens NYMOIAIAC sUtt NYM<I>IAIAC vgl. Imhoof,
Mon.gr., S. J57, Anm.41. Anders Babelon, Tratte, Bd. I, i S.92iff.
• Vgl. Paris, Quatenus feminae res pM. etc. attigerint (Paris 1891), S. 72. 76. 86;
Liebe na m, Städteverwalt.. S. 391.
P/ul.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. I. 13
98 H. vonFritze:
weil die relative Seltenheit des Namens sowie die Übereinstimmung im
Gentilicium und Cognomen die Identifizierung sehr wahrscheinlich macht.
— Ferner bestätigt sich Hepding's auf Grund der Buchstabenformen ge-
wonnene Datierung der Inschrift Nr. 401 (Fränkel, a. a. 0. Bd. II, S. 283)
in die Zeit des Caesar oder des Augustus (Athen. Mitt. 1907, S. 320, Nr. 47)
durch den Umstand, daß auf einer Münze des Letzteren (Taf. Vm, 1 4)
wie in der Inschrift ein Charinos genannt wird, der hier als tepe'J'c, dort als
rpAMMATe^UN erscheint und doch wohl dieselbe Person ist.
Einer Widerlegung bedarf endlich die Vermutung Fränkel's (a. a. 0.
S. 276), daß auf pergamenischen Geprägen als Eponyme Götter genannt
sind. Wenn dies, wie er richtig hervorhebt, für Münzen von Byzanz
durch V. Sallet (Zeitschr. f. Num. Bd. IX, S. 149 f.) bewiesen wurde, so ver-
sagen die von ihm fiir Pergamon herangezogenen Belege völlig. Zunächst
ist das Fränkel als Ausgangspunkt dienende Exemplar mit den Köpfen
des Augustus und der Livia auf der Vorderseite und denen des C. und
L. Caesar auf der Rückseite überhaupt auszuscheiden. Abgesehen davon,
daß es gar nicht nach Pergamon, sondern nach Magnesia am Sipylos gehört
(vgl. Brit. Cat. Lydia, S. 144, 44ff.), ist auch die Aufschrift eni aionviov
falsch gelesen. Das aus dem Besitz des Gottifredi in den der Königin
Christine von Schweden gelangte, schlecht erhaltene Stück wird nämlich
nicht nur von Vaillant (Num. imp.gr., S. 5), sondern auch von Havercamp
(Numophyl. reg. Christ., S. 296, Taf. XLVI, 19. 20) publiziert und letzterer
gibt nicht aionvzov, sondern richtig AIONVSIOV (vgl. Nomisma II, S. 40).
Als weitere Stütze seiner Hypothese fuhrt Fränkel dann noch das Vor-
handensein des » Heroennamens « Pergamos auf autonomen und kaiserlichen
Münzen an, ohne die schon von v. Sallet (a. a. 0.) geäußerte Möglichkeit
in Betracht zu ziehen, daß »Pergamos« auch als Personenname gelten kann.
Ein solcher ist aber bei den betreffenden autonomen Münzen schon aus
dem Grunde vorzuziehen, weil auf ihnen an seiner Stelle sonst nur
sichere Personennamen angebracht sind (s. oben S. 6). Ein kaiserliches
Gepräge mit einem Beamten »Pergamos« existiert überhaupt nicht. Denn
auf dem von Fränkel herangezogenen Stück (Mionnet, II, S. 599, 569;
hier Taf. VI, 21) ist nePTAMOC nur die erklärende Beischrifl zu der dar-
gestellten Figur des Heros, und das TO B, die Iteratio des Amtes, bezieht
sich vielmehr auf den hier zerstörten Magistratsnamen. Für Pergamon ist
das Vorhandensein göttlicher Eponyme also nicht zu beweisen.
Die Münzen von Pergamon. 99
D. Die Homonoiamünzen.
Schon Eckhel {Doctr. num., Bd. IV, S. 339) nimmt als häufige Be-
weggründe för die zwischen verschiedenen Städten der römischen Kaiser-
zeit eingegangenen Verträge, wie sie die Homonoiamünzen illustrieren, Über-
einkommen über communia sacra, fexta, ludi an (vgl. Head, Hist. num.,
Introd. S. 77). Gerade in Pergamon haben wir dafnr ein charakteristisches
praecedens feststellen können, von dem man annehmen darf, daß es, be-
sonders in hellenistischer Zeit, nicht vereinzelt dastand. Wir sahen oben
S. 3if., daß sich eine Reihe von kleinasiatischen Gemeinwesen, soweit sie
der Einflußsphäre des pergamenischen Reiches angehörten, im 11. Jahrhun-
dert V. Chr. zu gemeinsamen Geldmissionen vereinigte, welche für die Fest-
feiern der Athena Nikephoros und des Asklepios Soter veranstaltet wurden.
Daß aber die Homonoiamünzen wie dort im weiteren Sinne ein Festgeld
bedeuteten, ist nicht wahrscheinlich, da man darin eher eine, freilich ku-
rante, Erinnerungsprägung auf solche Kultverbände zu sehen hat. Meist
handelt es sich um zwei, doch auch um drei, ja sogar um vier Städte, die
in dieser Weise gemeinsame Sache machen. Die folgende Tabelle enthält
die Allianzen, welche für Pergamon bekannt sind:
Ephesos, Pergamon und Smyma — Domitianus (?) (vgl. Vaillant,
Num. imp. yr., S. 23). Pius (vgl. Brit. Cat. lonia, S. iio, 403 f.).
Ephesos und Pergamon — Domitianus (Taf. IX, 1 4). Traianus (Mün-
chen). Commodus (Taf. IX, 16—20. 22; vgl. Brit. Cat., S. 164,
353ff.). GaUienus (vgl. BrU. Cat., S. 165, 359).
Hierapolis und Pergamon — Philippus U. (?) (vgl. Brit. Cat. Phryyia,
S. 259, 171, Taf. LH, 2).
Laodikeia und Pergamon — M. Aurelius (Brit. Cat. Phrygia, S. 326,
27 if.). Faustina iun. (vgl. ebenda S. 326, 2 73f.). Caracalla (ebenda
S. 328, 279).
Mytilene und Pergamon — Pius (Taf. IX, 1 5). Commodus (Taf. IX, 23 ;
vgl. Brit. Cat. Troas usw., S. 215, 235). Valerianus (vgl. ebenda
S. 214, 233f.).
Nikomedeia und Pergamon — Gordianus (vgl. Taf. IX, 2 1 ; Brit. Cat.,
S. 163, 350 flf.).
13*
100 H. VON Fritze:
Sardes und Pergamon — Augustus (Taf. IX, 1 3 ; vgl. Brit. Cat.,
S. 166, 36off.). Domitianus (?) (vgl. Sestini, Mus. Hederp., Bd. 11,
S. 117, 42).
Smyrna und Pergamon — CaracaUa (vgl. Brit. Cat. lonia, S. 305,
50iff.; Imhoof, Nomisma R, S. 11, i — 3).
Thyateira und Pergamon — Traianus (vgl. ßrü. Cat. Lydia, S. 320,
145, Taf. XLI, 5). Severus (Taf. IX, 24).
Gegenüber der von W. Wroth {Num. Chron. 1882, S. 31) aufgestellten
Liste ergeben sich folgende Abweichungen : Homonoiamünzen von Adramytion
und Pergamon sind nicht vorhanden. Das von Sestini {Lettere, VI, S. 45, 4;
daraus Mionnet, Suppl. V, S. 278, 17) so bestimmte Stück befindet sich
in Berlin (aus Sammlung Knobeisdorf, Taf. IX, 15) und bezieht sich viel-
mehr auf die Allianz von Mytilene und Pergamon. Neu hinzugekommen
sind dagegen die Prägungen von Thyateira und Pergamon. Andere Homonoia-
münzen, wie von Pergamon und Tralleis (vgl. Vaillant, a.a.O. S. 72),
Kyme (vgl. Imhoof, Nomisma II, S. 6, 3, Taf. I, 14) sowie Nikeia und Kil-
bianoi (vgl. Imhoof, Num. Zeitschr., Bd. XX, S. 11, Taf. I, 10) sind er-
wiesenermaßen falsch zugeteilt, oder so verdächtig, daß man über sie ohne
weiteres zur Tagesordnung übergehen kann.
Die Frage, in welcher der alliierten Städte die betreffenden Stücke
geschlagen sind, läßt sich hier in vielen Fällen dadurch beantworten, daß
die signierenden Beamten auf den Geprägen der verschiedenen Gemein-
wesen nachweisbar sind:
Ephesos und Pergamon.
Domitianus: Gl. Kephalion, ist in Pergamon beamtet (vgl. Brit.
Cat., S. 141, 258).
Commodus: P. Ael. Pius, vermutlich in Pergamon, da in Ephesos
von Commodus einschließlich an keine Magistrate auf Münzen
erscheinen.
Gallienus : Sex. Gl. Silianus, in Pergamon (Taf. VI, i ; vgl. Brit.
Cat., S. 162, 347 f.).
Mytilene und Pergamon.
Valerianus: Val. Aristomachus, in Mytilene (vgl. Brit. Cat. Troas
usw., S. 211, 2 23 ff.).
Die Münzen von Pergmiion. 101
•' ■■ Nikomedeia und Pergamon.
Gordianus : S. lul. Logismus, in Pergamon (vgl. Brit. Cat, S. 1 60,
342 ff.).
Sardes und Pergamon.
Augustus: Kephalion, in Pergamon (Taf. IV, 1 7 ; vgl. L.Müller,
Descr. Thorwaldsen, S. 266, Nr. 131).
Smyrna und Pergamon.
Caracalla: Ael. Apollonius, in Smyrna (vgl. Brit. Cat. lonia, S, 285,
383, auf Münzen der Domna; Mionnet, III, S. 239, 1347,
Domna). Geminus, in Smyrna (vgl. Brit. Cat. lonia, S. 285,
384ff., Domna; Mionnet, III, S. 240, i354f.; Domna).
Thyateira und Pergamon.
Severus: Moschus, in Thyateira (vgl. Imhoof, Lyd. Stadtm.,
S. 158, 27, unter Geta; Mionnet, IV, S. 163, 932, Severus,
wo MOCXIOV offenbar aus mocxoy verlesen ist).
Meist wird, wenn nicht die einfachste Form der mit KAi verbundenen
oder unvermittelt im Genitiv zusammengestellten Stadtnamen gewählt ist,
das Wort OMONoia verwendet. Ausnahmen bilden neben den Allianzprä-
gungen von Pergamon-Mytilene (Pius) und von Pergamon-Ephesos (Commo-
dus), auf denen sich koinon findet (vgl. Imhoof, Gr. Mzn, S. 617, 181,
Taf. VII, 10), einige andere Münzen von Pergamon-Ephesos (Commodus) mit
der Aufschrift koinon omonoia (vgl. Eckhel, Dort, num., Bd. IV, S.431;
BrÜ. Cat., S. 165, 358, Taf. XXXIII, 5). Beiden Worten einen völlig ana-
logen Sinn unterzulegen ist im Falle ihres Vorkommens nebeneinander kaum
angängig. Hill (Handiwok, S. 102), der omonoia treffend mit »a comple-
mentary understandiny wiedergibt, meint (S. 118, Anm. i) in Übereinstim-
mung mit Eckhel (a. a. 0. und S. 339), daß der Terminus koinon manch-
mal nicht mehr als omonoia besage und zitiert gerade die genannte
AUianzmOnze von Pergamon (nicht Perga) und Mytilene (vgl. Ephesos-
Alexandreia bei Eckhel, a. a. 0. S. 431). Wenn hier auch eine Gleich-
heit der Bedeutung vorliegen mag, so wird man doch an und für sich
geneigt sein, in koinon (commune) ein Bundesverhältnis von festerem und ge-
regeltem Bestände', in ömönoia ein für bestimmte Gelegenheiten getroffenes
' So ist es jedenfalls bei den koinA (=; Provinziallandtage), wie sie in den .römischen
Provinzen des griechischen Spractigebiets entweder mit dem Volks- oder mit dem Landes-
103 H. VON Fritze:
Übereinkommen zu sehen. In Pergamon beginnen nach Ausweis der Münzen
diese Verträge unter Augustus und finden sich noch unter Gallienus. Am
reichsten ist die Homonoiaprägung mit Ephesos, und zwar imter Commo-
dus. Man wird in der Annahme kaum fehlgehen, daß auch hier vielfach,
wie andernorts, z. B. in Thessalonike und in kleinasiatischen Städten (vgl.
H. Gaebler, Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV, S. 33 7 f.), die nicht selten zu
heftigen Streitigkeiten ausartenden Rivalitäten in Titel- imd Rangangelegen-
heiten durch eine, in gemeinsamer Festfeier gipfelnde »Homonoia« beigelegt
wurden.
Was die Gottheiten betrifft, welche als Vertreter von Pergamon auf
den Allianzmünzen figurieren, so wird ihre Aufzählung in chronologischer
Folge zweckentsprechend sein. Unter Augustus sind es die Demoi von
Pergamon und Sardes, der eine von dem anderen bekränzt (Taf. IX, 13).
Auf einem Gepräge des Domitianus befindet sich einer Artemis mit kurzem
Gewand (für Ephesos) ein bärtiger Gott mit Zepter im Arm (für Perga-
mon) gegenüber, den wir am ehesten als Zeus auffassen möchten, ohne fiir
die Benennung eine Sicherheit zu haben (Taf. IX, 14). Der stehende As-
klepios erscheint zuerst auf einer Münze des Traianus neben der Artemis
Ephesia (Unikum in München) und bleibt nun mit wenigen Ausnahmen (z. B.
Brit. Cat. lonia, Taf. XXXIX, 9; Phrijgia, Taf LIII, 3) der typische Gott
von Pergamon in allen Allianzverbindungen, sei es mit Ephesos {Brit. Cat.,
Taf. XXXIII, 4), mit Hierapolis [Brit. Cat. Phrygia, Taf LH, 2), mit Laodikeia
{Brit. Cat. Phryyia, Taf LIII, 2), mit Mytilene (Taf IX, 15), mit Nikomedeia
(Taf. IX, 21), mit Smyrna {Brit. Cat. lonia, Taf. XXXIX, 10), oder mit Thyateira
(Taf. IX, 24). Von Abweichungen wäre zunächst das Prägbild des Commodus
zu nennen, wo die eponymen Heroen beider Städte die Statuen des Askle-
pios bzw. der ephesischen Artemis auf den Händen tragen (Taf. IX, 1 7 ; vgl.
oben S. 67). Die meisten Varietäten des pergamenischen Stadtwappens weist
überhaupt die Epoche des Commodus auf, so Asklepios sitzend mit der Ar-
temis von Ephesos auf der Hand (Taf. IX, 20) und in der gleichen Weise
auf einem von zwei Kentauren gezogenen Wagen (Taf. IX, 22); femer den
Gott stehend, aber nach links gewendet und den Schlangenstab nicht unter
die Achsel, sondern wie ein Zepter aufstützend (Taf. IX, 19; vgl. oben
namen bezeichnet« (vgl. H. Gaebler, Zeitschr. f. Num. Bd. XXIV, S. 251 ff.) zahlreich vor-
kommen, mit denen unsere koinA direkt freilich nichts zu tun haben (vgl. Eck hei, Dodr.
num., Bd. IV, S. 431).
Die Münzen von Pergamon. 103
S. 49 f.). Zwei Tempel mit den beiden erwähnten stehenden Gottheiten von
Pergamon und Ephesos im Innern zeigt gleichfalls ein Gepräge des Com-
modus (Taf. IX, i6) und zwei Heiligtümer einander zugekehrt, ohne Kult-
bilder, eine Allianzmünze mit Smyma unter Caracalla (vgl. Brit. Cat. lonia,
S. 307. 509f-)-
Statt des Asklepios treten aber auch andere Gottheiten auf, so die Stadt-
göttin mit Turmkrone, Mantel und Zepter (Homonoiamünze mit Ephesos
unter Commodus [München] und mit Smyma unter Caracalla; vgl. Imhoof,
Nomisma II, S. 1 1 , 3). Wichtiger ist, daß auf der Prägung mit Mytilene
(Taf. IX, 23) die Meter Megale als Repräsentantin von Pergamon vorkommt,
(siehe oben S. 67). Zum Schluß bedarf die von den konventionellen Sche-
mata abweichende Darstellung einer Großbronze des Commodus (Taf. IX, 1 8)
der Erklärung. Diese nennt ein KO in ON neprAMHNflN kai e<j>eci((i)n) bei
folgendem Typus: Göttin mit aufgenommenem Haar und halblangem, ge-
gürtetem Gewand nach links auf einem Felsen sitzend, auf den sie die Linke
stützt, während sie in der Rechten eine Schale vorstreckt, im Begriff, die
sich um einen Baum emporringelnde Schlange zu tränken; vor ihr ist ein
Altar und zu ihren Füßen ein nach links liegender Hund. Die Figur wird
in den wenigen Beschreibungen nicht gedeutet. W. Wroth weist auf den
Hund als zeitweiligen Begleiter des Asklepios hin {Num. Chron. 1882, S. 16).
Man könnte auf Hygieia verfallen. Zu ihr würde die Situation, das Tränken
der Schlange, sehr gut stimmen; auch stände nicht entgegen, daß bei einer
Allianzmünze nur die Vertreterin einer der Vertrag schließenden Städte
erschiene, da dies nicht ohne Analogien wäre (vgl. Brit. Cat. lonia, S. 112,
414 f.; S. 114, 424; S. 115, 427). Aber ein Umstand widerspricht der
Interpretation: die Göttin trägt hohe Jagdstiefel, die bei Hygieia unmög-
lich sind. In dem ganzen Kostüm ist nur die Jägerin Artemis denkbar;
zu ihr paßt auch als Begleiter der Hund besser als zu Hygieia, bei der
er weder in Pergamon noch sonstwo bezeugt ist. Somit hätten wir also
doch beide Allianzstädte in dem Typus figürlich dargestellt. Denn wenn
auch die eben beschriebene Artemis nicht die sonst als Vertreterin von
Ephesos übliche asiatische ist, so kommt doch die griechische Göttin in
kurzem Gewand schon auf einer Homonoiamünze des Domitianus als Re-
präsentantin der Stadt vor (Taf. IX, 1 4) und ist auch sonst auf deren Ge-
prägen bekannt. In der um den Baum geringelten Schlange wird man mit
Sicherheit das Tier des Asklepios und das pergamenische Wappen erkennen
104
H. VON Fritze:
dürfen. Diesen Typus fanden wir ja nicht nur in Verbindung mit anderen
Figuren, sondern auch als Prägbild allein (siehe oben S. 54). Hier ist also
in glücklichster Weise gelungen, fiir das sonst meist beziehungslose Neben-
einander der die Städte repräsentierenden Gottheiten eine innerliche Ver-
bindung zu schaffen, die zwar öfter versucht, aber wohl kaum irgendwo
befriedigender zustande gekommen ist.
Verzeichnis der auf Tafel I — IX abgebildeten Münzen.
I.
2.
3-
4-
5-
6.
7-
8.
9-
10.
11.
12.
Tafel I.
Paris.
Kopenhagen.
Berlin.
London.
Berlin.
31-
32-
33-
34-
35-
36.
München.
Paris.
Gotha.
Berlin.
München.
London, Kat. 120, 63, Taf. XXV, 5.
Berlin.
Berlin.
London,
Berlin.
Kat.iio,4, Taf. XXIIl, 3.
37-
38.
39-
40.
London, Kat. 121, 69.
Berlin.
Berlin.
Sir H. Weber-London.
Klagenfurt.
Berlin.
St. Petersburg.
41.
42.
43-
Berlin. I
Berlin.
Im Handel.
13-
14.
Berlin.
Berlin.
Tafel II.
15-
Berlin.
I.
Im Handel, Hirech, Auktionskat. XII,
16.
München
.
231, Taf. VL
17-
Berlin.
2.
Berlin.
18.
London,
Kat. 129,153.
3-
Paris.
19.
Paris (Luynes).
4-
Sir H. Weber-London.
20.
London,
Kat.131, 185, Taf. XXVll, 12.
5-
Paris (Luynes).
21.
Berlin.
6.
Berlin.
22.
Berlin.
7-
J. Six van Hilligom-Amsterdam.
23-
Berlin.
«
8.
Berlin.
24.
Berlin.
9-
Imhoof-Blumer, Neue Sammlung.
«5-
Leake.
10.
A. J. B. Wace-Stony Stratford (England)
26.
Leake.
II.
Sir H. Weber-London.
27-
London,
Kat. 132, 188.
12.
Rollin und Feuardent-Paris (1905).
28.
Paris.
13-
London, Kat. 117, 45.
29.
Berlin.
14.
London, Kat. 11 7, 47, Taf. XXIV, 5.
30-
Berlin.
15-
London, Kat. 118, 48, Taf. XXIV, 7.
Die Münzen von Pergamon.
105
3-
4-
5-
6.
7-
8.
9-
lO.
II.
12.
13-
14.
15-
16.
17-
18.
19.
20.
21.
23-
24.
25-
26.
27.
28.
29.
Tafel m.
Paris.
London, Kat. 118, 50, Taf. XXV, 1.
London, Kat. 126, 126, Taf. XXVI, 5.
Paris.
Kopenhagen.
Berlin.
Kopenhagen.
München.
Tübingen.
Im Handel, Hirsch, Auktionskat. XX\',
1831.
Berlin.
Rollin und F'euanlent-Paris (1905).
München.
Athen.
Paris.
Mailand.
Paris.
London.
Paris.
Paris.
Berlin (Vorderseite: Athenakoj)f nach
rechts).
St. Petersburg (Vorderseite: Athenakopf
nach rechts).
Leake.
Parma.
London. Kat. 137, 233, Taf. XXVIII, 3.
Gotha (Vorderseite: Asklepiosbrustbild
nach links).
Paris.
P. Gaudin-Smyrna (Vorderseite: Athena-
brustbild nach links).
München.
Leake.
Tafel IV.
1. Paris (Vorderseite: Asklepiaskopf nach
rechts).
2. Kopenhagen.
3. Paris.
4. Mailand (Traianus).
5. Neapel (Traianus).
6. London (Verus), Kat. 148, 293.
7. Gotha (Commodus).
Phil.-hüt. Klasse. 1910. Anhang. Abh. I.
8. Rollin und Feuardent- Paris, 1905 (Ha-
drianus).
9. Im Handel, Hirsch, Auktionskat. XXI,
2512, Taf. XXXV (Etruscus).
10. Paris (Vorderseite eradiert, Maximinus).
11. Th. Prowe-Moskau (Geta).
12. München (Pius).
13. Kopenhagen (Pius).
14. Paris (Severus).
15. Sir H. Weber-London (M. Aurelius).
16. Beriin (Severus).
17. Paris (Augustus).
18. St. Florian (Severus).
19. München (Commodus).
20. Jakimtschikoff-St.Petersburg(Commodus).
21. London (Pius), Kat.145, 278, Taf.XXlX,i.
22. München (l)ecius).
23. Berlin (\'orderseite eradiert, Maximinus).
Tafel V.
1. Berlin (Commodus).
2. Paris (Verus).
3. Paris (Aelius).
4. Berlin (M. Aurelius).
5. Berlin (Severus und Domna).
6. Paris (Traianus).
7. Gotha (Pius).
8. Paris (Hadrianus).
9. Wien (Commodus).
10. Berlin (Caracalla und Geta).
1 1. Gotha (Verus).
12. Berlin (Traianus).
13. Berlin (Verus).
14. Paris (Verus).
15. Berlin (Commodus).
16. London (Verus), Kat. 148, 292, Taf.
XXIX. 7.
17. ,Iakiintscliikoff-St. Petersburg (Pius).
18. München (Alexander).
19. Gotha (Sabina).
20. Paris (Commodus).
2 1 . Paris (Pius).
22. Berlin (Hadrianus).
23. Stuttgart (Petrusens).
24. London (I)ecius).
14
106
H. VON Fritze:
Tafel VI.
II.
Paris (Severus).
I.
London (Gallienus), Kat. 162, 347,
XXXII, 8.
Taf.
12.
13-
München (Caracalla).
Wien (Caracalla).
2.
3-
4-
5-
6.
Berlin (Commodus).
Berlin (Hadrianus).
Paris (Decius).
München (Caracalla).
Paris (Commodus).
15-
16.
17-
MüDQhen (Caracalla).
Paris (Caracalla).
Wien (Commodus).
London (Caracalla), Kat. 155, 323,
XXXI, 3.
Taf.
7-
8.
London (Severus und Domna).
Wien (Verus).
Tafel Vin.
9-
Neapel (M. Aurelius).
I.
München (Severus).
lO.
Paris (Verus).
2.
London (Caracalla), Kat. 155. 322,
Taf.
II.
Paris (Geta).
XXXI, 4.
12.
Berlin (Commodus).
3-
München (Elagabalus).
13-
London (Elagabalus), Kat. 157,331,
Taf.
4-
Paris (Caracalla).
XXXII, 4.
5-
London (Caracalla).
14.
Paris (M. Aurelius).
6.
München (Commodus).
'5-
Kopenhagen (M. Aurelius).
7-
München (Caracalla).
16.
Berlin (Aelius).
8.
London (Caracalla), Kat. 155. 324,
Taf.
17-
London(Aelius), Kat. i44,277,Taf.XX VIII,
XXXI, 5.
18.
9-
Berlin (Caracalla).
18.
London (Traianus), Kat. 143, 268,
Taf.
10.
München (Pius).
XXVIII, 13.
II.
Berlin.
19.
Paris (Traianus).
12.
Wien.
20.
München (Vorderseite eradiert, Maxi-
'3-
Berlin (Pius).
minu.s).
14.
Leake (Augustus).
21.
München (Pius).
'S-
Arolsen (Severus und Domna).
22.
Berlin (Commodus).
16.
London (Caracalla), Kat. 156, 327,
Taf.
23-
Wien (Hadrianus).
XXXII, I.
24.
Leake (Traianus).
17-
Berlin.
25-
München.
Tafel VII.
18.
19.
München (Decius).
St. Petersburg (Caracalla).
I.
Paris (M. Aurelius).
Tafel IX.
2.
Berlin (Pius).
I.
Berlin (Claudius).
3-
Sir H. Weber- London (Tiberius
und
2.
Paris (Commodus).
Llvia).
3-
London (Severus und Domua), Kat
152,
4-
St. Petersburg (Commodus).
315, Taf. XXX, 7.
5-
Berlin (Caracalla).
4-
Paris (Caracalla).
6.
London (M. Aurelius), Kat. 147, 289,
Taf.
5-
Berlin (Pius).
XXIX, 6.
6.
Berlin (Aelius).
7-
Paris (Caracalla).
7-
Gotha (Augustus).
8.
Berlin (Caracalla).
8.
London (Severus).
9-
Gotha (Caracalla).
9-
München (Elagabalus).
10.
München (Severus).
10.
Paris (Severus).
Die Münzen von Pergamon.
107
II.
London (M. Aurelius), Kat. 146, 283, Taf.
17-
XXIX, 4.
18.
12.
London (M. Aurelius), Kat. 146, 284, Taf.
19.
XXIX, 5.
20.
»3-
Wien.
21.
14.
Paris (Domitianus).
22.
IS-
Wien (Pias).
»3-
16.
London (Commodus), Kat. 164, 353, Taf.
XXXIII, 3.
24.
Paris (Commodus).
Wien (Commodus).
Berlin (Commodus).
Berlin (Commodus).
Paris (Gordianus).
Mailand (Commodus).
Berlin (Commodus).
Gotha (Severus).
Die Anordnung der Abbildungen auf den Tafeln folgt zwei verschiedenen Gesichts-
punkten. Taf. I zeigt das autonome städtische Geld (Nr. i — 28) und die königliche
Scheidemfinze (Nr. 29 — 43), Taf 11 und 111, i. 2. 4, die Silberprägung der Attaliden, Taf. III,
3. 5 — 12 die Cistophoren und Nr. 13 — 30 sowie IV, 1—3 die autonomen Reihen (ohne
Kaiserpoi-trät) der Kaiserzeit, alle in möglichst chronologischer Abfolge, soweit die Zu-
sammenstellung der Tafeln nicht des äußeren Eindrucks wegen kleine Abweichungen ver-
anlaßte. Von Taf. IV, 4 ab bis zu Ende sind die Kaisergepräge wiedergegeben, und zwar
nach Typen geordnet: Zeus (Taf. I\', 4 — 12), Sarapis (Taf. IV, 13), Athena (Taf. IV, 14 — 17),
Nike (Taf. IV, 18. 19), Apollon (Taf. IV, 20. 21), Dionysos (Taf. IV, 22. 23, V, i — 6),
Asklepios und sein Kreis (Taf V, 7—19), Kybele (Taf. V, 20. 21), Meter Megale (Taf V,
22 — 24), Hermes und die Kabiren (Taf. VI, i — 4), Heroen (Taf. VI, 5 — 12. 21), Stadt- und
Flußgötter (Taf VT, 13 — 18), verschiedene Typen (Taf. VI, 19. 20. 22 — 25, VII, i. 2),
Kaiser (Taf VII, 3 — 17, VlII, i — 9. 15), Tempel und Altäre (Taf. VIII, 10 — 14. 16 — 19,
IX, 1—3. 5), Tische (Taf. IX, 4. 6), Geräte (Taf. IX, 7. 8), Schlangen (Taf IX, 9— 12),
Homonoiamünzen (Taf. IX, 13 — 24). Ks ergibt sich von selbst, daß bei mehrfigurigen Szenen
und bei den Homonoiaprägungen einzelne der oben genannten Figuren auch an anderen
Orten zu suchen sind, worauf aber stets im Text hingewiesen wird.
108 H. VON Fritze: I)ie Münzen von Pergamon.
Inhalt.
■f.
)' '.: ■;;;'. Säte,-.:
Vorwort ........'.. .• . 3 — 4, ^
I.
Die vorkaiserlichen Münzen.
A. Die autonome städtische Prägung 4 — 6
B. Das attalische Silbergeld 7 — 15
C. Die Cistophoren 15 19
D. Das Geld mit Alexander- und Lysimacliostypen. Mithradatische P^missionen 19—22
E. Die königliche Scheidemünze "22^-24
--F. Das Porträt des Philetairos 24—26
G. Die Buchstaben, Monogramme und Beizeichen. Festmünzen 26 — 35
H. Die Münztypen 35 — 41
. , ; I. Das Palladion 35—38
■ ' ■ ; 2. Die thronende Athena . . . . •. . i . . 38^39
3. Asklepios 39 — 41
II
Die Münzen der Kaiserzeit.
A. Die Münzen ohne Kaiserporträt 41__46
B. Die Münztypen der Kaiserzeit 46 — 91
1. Asklepios und sein Kreis 47 — 54
2. Zeus . 54—5'?
3. Sarapis 57
4. Athena 57 — 59
5. Apollon 59—60
6. Dionysos und sein Kreis 60 — 62
7. Demeter 63
8. Hermes, die Kabiren und Dioskuren 63 — 64
9. Meter Megale 64 — 67
10. Lokal-Heroen und Gottheiten: Pergamos, Eurypylos, Herakles, Tele-
phos, Stadtgöttin und Flußgötter 67 — 71
11. Kaiser als handelnde Personen 71 — 74
12. Kaiser als Gegenstand des Kultes. Die Neokorie 74 — 80
13. Die Neokorie-Agone 80 — 82
14. Tempelbauten und Altäre 83 — 88
15. Verschiedene Münztypen ....*. 88 — 91
C. Beamten-Namen und Titel 91 — 98
D. Die Homonoia-Münzen 99 — 104
K. Preuss. Akad. d. Wisse nsch.
Pliil.-Iiist. Abh. 1910.
#.# • • ;^ ': ^ #
#
fp
/.5
/ßi
/r
9 •
^H
22
iftisiL
A
#
i?
• •
y _^4
•
.?/
■32
•
#»• •»# #><li' ^.M #.#
••
H. von Fritze: Die Münzen von Per^amon. - Tafel I.
(No. 7-9 ÜoM. I. 2 l'l 21 Silber, .!-(>. II 21). 22 4.1 Klip/i-r)
1
K- Preuss. Akad. d. Wissensch.
Phil.-Iüst. Abh. 1910.
rr\
7^
-^<> ^
^
- ^f^
II
1-1
14
/.5
H. von Fritze: Die Münzen von Per^amon. -- Jafel IL
iSlIhi-rl
K. Preuss. Akad. d. Wissensch.
Phil.-Iüst. Abb. 1910.
^-^'j^j:^ -'i
^ ;^^^^— ^
^^^ 2/^^ ^^^ ,T^ i^^ ^^ ^^
i6
/y. von Fritze: Die Münzen von Peri^amon. Tafel III.
iXo l — IJ Silber. ;.i-.« Kiipfi-r)
K- Preuss. Akad. d. Wissensch.
Phil.-hist. Abh. 1910.
H. von Fritze: Die Münzen von Pergamon. — Tafel IV.
(Klinfcr)
I
K. Preuss. Akad. d. WLsscnsch.
Phil.-Inst. Abh. 1910.
H. von Fritze: Die Münzen von Per^amon. - Tafel V.
(Kuiiferl
K.. Preuss. Akad. d. Wisse nsch.
Phll.-hist. Abh. 1910.
';^i\t
X
*■ ■ ■ viil^ V.-
.#^-
"--'■^v
'IH-i»
u4l
i</
\ 130
24
'.<i'
,\>>
>.l!^
//. von Fritze: Die Münzen von Per^anion. - Tafel VI.
(Kuitjdl
K- Preuss. Akad. d. Wisse nsch.
Phil.-Iiist. Abli. 1910.
4 '"--
v":^.-
•^
H. von Fritze: Die Münzen von Pergamon. - Tafel VI!.
(Kiiptrr)
I
K. Preuss. Akad. d. Wisse tisch.
Phll.-hist. Abh. 1910.
vi
t "" ^.
\
^1-
:-t^5^
40< > i ■*< '•'•SA
<^\
\:^ \:
l-iV-N^
^-Jki-
^i
H. von Fritze: Die Münzen von Pergamon. ~ Tafel VIII.
(Kupfer)
K. Preuss. Akad. d. Wisse nsch.
Phll.-hist. Abh. 1910.
^3m^^
H. von Fritze: Die Münzen von Pergamon. — Tafel IX.
(Sr. I Silber. 2 -24 Ktipfcr)
KeilsclirifUiclies 3Iateruxl zur altägyptischfiu
Vokalisation.
Von
Dr. H. RAN Kl
in Ijeiliii.
P/äL-hint. k'/assf. nun. Anhang. Ahlt. II.
Vorgelegt von Hrn. Ei-niaii in der Gesanitsit/.ung am 10. März 1910.
Zum Druck eingereicht am gleiciien Tage, ausgegeben am 11. Juli 1910.
1/as wichtigste Material zur Kenntnis der Vokalisation der ägyptiscluai
Sprache in vorgriechischer Zeit' bieten uns die keilscliriftlichen Umsclirci-
bungen ägyptisclier Worte und Eigennamen. Zu dem vor 20 Jahren von
Steindorff gesammelten und vorzüglich bearbeiteten Material" ist manches
Neue hinzugekommen. Vor allem hat Knudtzons ausgezeichnete Ausgabe
der Tellamarnabriefe die ältesten Zeugnisse ägyptischer Vokalisation in viel-
fach wesentlich berichtigten Lesungen beigebracht. An sie schließen sich
die neuerdings von H. Winckler bei Bogasköi ausgegrabenen Tafeln aus der
Zeit Ramses" IL, in denen sich mancherlei Ägyptisches gefunden hat. End-
lich haben auch Geschäftsurkunden aus assyrischer und neubabylonisch-
persischer Zeit inzwischen neue Beiträge geliefert. Daher lohnt es sich
wohl, das heute erreichbare Material von neuem zu sammeln und dadurch
lür die ägyptische Sprach forscliung nutzbar zu machen.
Eine kurze Gruppierung des Materials wird die Benutzung der folgen-
den Listen erleichtern.
Wir besitzen Umschreibungen von ägyptischen Worten und Eigennamen
aus drei verschiedenen Epochen der babylonisch-assyrischen (ieschichte, und
zwar aus mittelbabylonischer*, assyrischer imd neubabylonischer Zeit.
I. Urkunden aus mittelbabylonischer Zeit. Hier kommen zwei
Gruppen von Texten in Betracht: i. Die »Tellamarnabriefe«, d. h. die Kor-
' Das in den zahlreichen griechLsch-Sgyptisclien Personennamen enthaltene Material
hedarf noch der Sammlung und Sichtung. Unter den l)isherip;en \'orarbeiteii siixl vor allein
7-n nennen: Spiegellierg, ÄgyptLsche und griechische Kl;;ennamen au.s Mumienetiketten der
römischen Kai.serzeit, Leipzig 1901 (dort auf S. 21 die ältere Literatur), sowie die Ausfüh-
rungen von Griffith in seinem Catalogue of the John Rylands I'apyri (Bd. III, S. 188 (f.),
Oxford 1909.
' G. Steindorff, Die keilinschill'tli<'he Wiedergabe ägyptischer Kigennamen, 1890 (Bei-
träge zur Assyriologie. Bd. 1, S. 330 — 361 und 593 — 612). Dort (S. 332) findet man auch
die ältere Literatur.
• 80 bezeichne ich der Kürze halber die an die ..altbabylonische« Zeit anschließende
Periode von etwa 1700 — 1 100 v. Chr.; vgl. Ungnad, Babylonisch-assyrische Grammatik, S. 2.
1*
4 H. R A N K E :
respondenz Amenophis' III. (141 i — 1375 v. ('lir.) und Amonophis" IV.
(■375 — 1358 V. (Jlir.) mit ihren asiatischen Verbündeten und Vasallenfiirsten.
Sie liegen jetzt in der neuen Publikation von J. A. Knudtzon' sämtlich in
zuverlässiger Tianskription vor'. 2. Die von H. Winckler bei Bogasköi
ausgegrabenen Briefe und Aktenstücke aus dem liethitisdien Staatsarchiv
zur Zeit Ramses" II. (1292 — 1225 v. Chr.). Diese Texte sind noch nicht
im Original veröflentlicht worden'. Wir besitzen über sie nur vorläufige
Mitteilungen von Winckler in der Orientalistischen Literaturzeitung* und
in den Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft'.
II. Urkunden aus assyrischer Zeit. Hier besitzen wir verschie-
dene Quellen, von denen freilich nur die vierte eine wirklich reiche Aus-
beute gewährt: i. Die Annalen Sargons II. (722—705 v. Chr.)''. 2. Die
Prunkinsclirift Sargons IL". 3. liiine Inschrift Assarhaddons (681 — 668
V. Chr.) bei Scherif-Chan^ 4. Die Annalen Assurbanipals (668 — 626 v.Chr.)''.
5. Assyrische Geschäftsurkunden aus den Archiven Assurbanipals'". 6. Die
Stele Assarhaddons aus Sendschirli".
' Die El-Amarna-Tafeln, Leipzig, 1907 — 1910 (= Bd. 11 der »\'()rderasiat. Bibliothek«).
^ Die Originaltexte sind veröffentliciit teils von H. Winckler und L. Abel, Der Tlion-
tal'i'lfund von Kl-Amarna, Berlin 1889/1890, teils von C. Bezold und E. A. W. Biidge, Tlie
Tell-el-Ainaina Tablets in the British Museum, London 1892.
' Durch Wincklers liebenswürdiges Entgegenkommen war es mir möglich, die hier in
Betracht kommenden Namen fast sämtlich in seiner keilschriftlichen Kopie des Originals
einzusehen. Einiges noch un\eröffentlichte Material verdanke ich den persönlichen Mit-
teilungen Wincklers Das Wichtigste darunter ist dci- .\nfang eines Schreibens von Ramses 11.
an Piiduhipa, der folgendermaßen lautet: umma insihja ni-ih ii{?)-Ka-a-si "Wasmuaria-iatep-
iiaria mar Samas(?) "' Riawasesa-mäi-Amä7ia, Uhu samt Ana, ahu ia Jlära, ia Adad (Teschup't')
irammu, .So spriciit insihja nib siwäiH}^) Ramses 11.. der Gott, der König von Ileliopolis, der
Bruder des Horus, den der Wettergott liebt-.
* 1906, Sp. 629 f
' Nr. 35, S. 1-59.
" Veröffentlicht von Hugo Winckler, Die Keil.schrifttexte Sargons, Leipzig 1889. Bd. 1,
S. 2(f.; Bd. II, Taf. iff.
' Veröffentlicht von Winckler, ebenda, Bd. I, S. 96fr.; Bd. II, Taf. 3off.
* A'eröffentlicht I. Rawlinson 48, 5,5. Dort nur die Worte Paturesi und Küsi.
° Nor allem auf dem von Rassam in Ivujundschik gefundenen Zylinder, veröffentlicht
\'. Kawlinson i — 10; übersetzt von Jensen, Keilinschriftliche Bibliothek, Bd. II (1890), 8.1520'.
Angabe der Paralleltexte ebenda, S. 152, Anm. i.
'" Veröffentlicht von C. 11. W. Johns, Assyrian Deeds and Documents, Bd. 1 — 111
(Index in Bd. 111). In Betracht kommen hier freilich, soweit ich sehe, nur die Texte
Nr. 307. 763 und 851; vgl. auch B. Meißner, ÄZ. 40, 1451".
" Zuletzt veröffentlicht in den Vorderasiatischen Schriftdenkmälern, Bd. I, Nr. 78.
KeihchrifÜich's Material zur altnyyplisclien Voka/is<itioii. 5
III. Urkunden aus neubabylonisclier und persischer Zeit.
Hier konmu'n vor allem Geschäftsurkunden in Betracht, und zwar aus der
Zeit' des Kambyses (529 — 521 v. Chr.)', Darius" I. (521 — 485 v. Chr.)',
Artaxerxes' I. (464 — 424 v.Chr.)' und Artaxerxes' II. (424 — 404 v. (Jhr.)'.
Aus allen diesen Urkunden sind zunächst nur solche Worte und Namen
enlnonimen worden, die mit Sicherlieit als ägyptisches Sprachgut ange-
sprochen werden können.
Anhangsweise ist aber jeder der drei Listen noch einiges weitere Ma-
terial hinzugefügt worden, das sich zur Zeit noch nicht als ägyptisch er-
weisen läßt, bei dem aber aus dem einen oder aiuleren Grunde ein ägyp-
tischer Ui"sprung wahrscheinlich oder zum mindesten erwägenswert er-
scheint.
Es darf übrigens nicht außer acht gelassen werden, daß die im fol-
genden gegebenen Gleichungen sich nirgends auf eine keilschriftlich-ägyp-
ti.sche Bilinguis stützen können. Derartige Bilinguen besitzen wir überhaupt
.so gut wie gar nicht'. Sie beruhen vielmehr teils auf historischen oder
sachlichen Folgerungen, bei denen freilich ein Zweifel völlig ausgeschlossen
ist", teils auf Vergleichen mit den griechischen Transkriptionen und mit
' X'eröffentliclit von J. N. Straßmaier, Inscliritten von Cambyses, Könif; von Hahylon,
Leii)zi(i 1890.
' Veröffentlicht von Straßniaier, In.scliriften von Dariiis, König von Babylon, Leip/ig,
1892 — 1897.
' Veröffenlliciit von H. V. Hilpieclit und A. T. Clay. Business Doniinents of Mura.shü
.Sons of Nippur, l'liiiadelpliia 1898 (Bahyloii. Kxpcd. .Series A. \'ol. IX).
* \'eröffentliclit von A. T. Clav, Business Docunicnls of Minasliü .Sons of Ni|)pui-.
l'liiiadelpliia 1904 (Babylon. Kxped. Serics .\. X'ol. X). Kinifre äiivplisclie Namen aus einer
weiteren noch unveröffentlichten Sainnihiiii; von babylonischen Kontiakten der l'erserzeit
(Vol. X,) verdanke ich lirieflichen Milteiliinpen von f'lay.
* Die einzigen Bilinguen finden sich in der Tellaniania/.eit, und zwar auf den Tafeln
Kniidtzon 27, wo der Name eines Mitannige.sandten keilschriftlieh als Piiizzi {"'l'i-ri-i:-:i,
vgl. 8. 24), in einem nachträglich auf die Tafel gesetzten iigyptischen ("hieratischen») lii-
ventarvermerk aber als <^^>lix^ |^ ^^^ erscheint, uiul KiiiHltzon 39, wo in dersrlben
Weise keilscliriftlicliein Alasija ('"'"" A-ln-.si-ja, Zeile 3) ägyptisches (1 gA [j— 0) | f^-^^ trs
ent.s|)richt.
" So bei den Namen der ägyptischen Könige in den Tafeln von rellaiiiarna und
Bogasköi oder bei den in .Xssiirlianipals Annaleii sowohl wie in der Pianchi-lnschrifl er-
haltenen Namen von iintei'ägyptischen Stadtfiirsten. .\hiilich hei nrtissa (Variante sa rrii)
■=■ vori.
6 H. Ranke :
dem Koptischen'. Wo alles dieses fehlt, können wir — ebenso wie bei
den griechisch erhaltenen ägyptischen Namen — nur durch Analogieschlüsse
von den gesicherten Gleichungen zu der Erklärung noch unbekannter Formen
vorschreiten. Bei methodischem Vorgehen werden aber auch hierbei sichere
Resultate zu erlangen sein". Doch bleibt trotzdem natürlich eine ganze An-
zahl von Namen und Worten, in denen wir zwar sicher die Wiedergabe
eines iigyptischen Vorbildes zu erkennen haben, bei denen eine genaue
Identifizierung aber zur Zeit noch nicht gelingen wilP.
Im Anschluß an das auf die Listen I — III verteilte keilschriftliclie
Material (S. 7 — 42) gebe ich ein Verzeichnis der ägyptischen Worte und
Eigennamen, über deren Vokalisation die babylonischen und assyrischen
Umschreibungen einen Aufschluß gewähren (S. 43 — 62). In diesem Ver-
zeichnis sind auch anderweitige Umschreibungen sowie die koptischen Äqui-
valente der einzelnen Worte, soweit sie fiir die keilschriftlich überlieferten
Formen von Interesse schienen, zum Vergleich herangezogen worden. Da
fiir die Nachprüfung meiner Identifikationen und für die Identifizierung nocli
unerklärt gebliebener Worte eine Kenntnis der keilschriftlichen Wiedergabe
der ägyptischen Konsonanten unbedingt erforderlich ist, habe ich in einem
Anhange (S. 85 — 93) das hierfür vorliandene Material noch kurz zusammen-
gestellt.
' Z. B. Patm{i)u.stü verglichen mit grieel.. TTereMOceoYC, Niht(i)-es-arau verglichen mit
griech. NiCTepuc und kopt. u\ujTep(.i)Y, iiiu}-rej>oo[T] (Reciieil 6,66; Murray, Saqciära Mast.,
Taf. 36 iwid S. 29), ral^ta verglichen mit ko[)t. p».gTc, pcog^re usw. usw.
^ Wenn ■/,. D. lltja = W und nap ^ nf{r) durcii die Gleichung Naphvinirtja =; Nßr)-
hpne-Ri: gesichert sind, so läßt sich die Gleichung RiianSpn = Kc-n/{r) nicht bezweifeln.
' So z. B. Irimajassa, Liste I (Name eines ägyptischen Gesandten), Usanahüru, Liste II
(Sohn des Taharka), Piiamissilu, Liste III — und viele andere.
Keilschrißliche.'i Material zur altiiyyptischen Vokalisation.
Ägyptisclie Sclireibung*.
'Imn, Amoii.
Verzeichnisse der keilschriftlichen Umschreibungen ägyptischer
Worte und Eigennamen'.
I. Aus mittelbabylonischen Texten (15. — 13. Jahrh. v. Chr.)".
A. Siclior Agypti.sclics^.
Babylonisclie Umschrift.
Amäna, Ani(Jnu{m). "'"A-ma-na, 71,4; 86,3; 95,3; (] '
A-ma-nu-um', 1,45; 19,15.76; "A-ma-a-nu,
20,26; 24,1,76. loi. 11,65.77. IV, 118; 27,87;
""A-ma-nu 20,74.
Aiiian>appa, Aman^appi. ""A-ma-an-ap-pa, 73,1 ; 0 Q?^ 'Imn-\>n-\
74.51; 77,1; 79,9; b2,i; 86,1; 109,62; 117,23; ^ ip^.^Y^ ..Ainon(i.st)in
'"A-ina-an-ap-pi, 87,1; hoher ägyptisclier Beamter, Luxor«
der selbst in Sumur (73, 40 f.; 109,62 f.) und
Byblos (79, 8f.; 117,23) gewesen ist, und an
den Rib-Addi von Byblos schreibt.
' Vorgesetztes '" bezeichnet das in der Keilschrift vor iniinnliciien, vorgesetztes f dns
vor weiblichen Personennamen sich findende Determinativ. Kbenso l)ezeiclinen voi'gesetztcs
ä'" bzw. "l" die bei Städte- bzw. Götternamen, vorgesetztes "'■'''" oder nachgesetztes ''■ die bei
geographischen Namen gebräuclilichen Determinative. V^orgesetztes •'""■i" (Phnal »""•'"»") stellt
bei Berufsbezeiclmungen und Ahnlichem.
'' Die Stellenangaben in Liste 1 beziehen sich auf die Nummern von Knudtzons Kl-
Ainarna-Briefen (vgl. S. 4, Anm. i).
' \'on den in Knudtzon Nr. 14 aufgezählten Geschenken Amenophis' IV. an Biirra-
buria.scli sind hier nur diejenigen aufgenonunen, die durch den Zusatz himsu (d. h. soundso
»ist sein Name«) ausdrücklich als ägyptisch bezeichnet sind. Alle anderen, dai-unter mehreie,
die ich für sicher ägyptisch halte, sind unter B (S. 20 fl'.) aufgeführt.
* Für die Belegstellen sind die Sammlungen für das Berliner ägyptische Wörterbuch
lienutzt worden.
' Vgl. S. 70, Anm. 2.
° Der im neuen Reiche sehr häufige, gewöhnlich (1 ^iviJ /n Sr C""*^ ähnlich)
ge.schriebene Name ist offenbar schon früh 'lmn-ip{-l), also mit Wegfall des m, gesprochen
t\ ■ " ■" ■ f\ n <j f\ " ' '" ' f\ r~\ ^— . j^
w<»rden. Vgl. die Schreibungen (1 (1 ^' M+i und (J ^^^^ jj )^ fiir den Namen des-
Q.
(\ I " ■ I r r ^ I — I ,
selben Mannes (Gardiner, Mes, N8 und N17) sowie den Namen (1 (I (TIl "0
(z. B. .\bbot 8 b, 9) Imn-i/>(-t)-nht, dei' stets ohne m geschrieben wird. — Die Oleichstelluiijj
von Atnan-ajjjM mit lmn-[7n-]ip(-t) findet sich übrigens schon l)ei Fetrie, History II, 308.
8
II. Rankk
Atitanhatpi. '"A-ma-an-lja-at-pi, 185,11. 20. 26. 35.
40.47.49.51.54.55.64.68.73; 186,12. 17. 19.
25- 26. 31. 33. 39. 41. 51. 57. 58'; ägyptischer
Stattlialter (?) in Tusulti (185,11; 186,1 2 f.), von
Majarzana von ^Jazi beim König des Einverständ-
nisses mit den IJabiri bezichtigt.
A)iiaunia6{s)u. "'A-ma-an-ma-sa, 113,36.43; 114,51;
Kurier zwischen dem ägyptisclien Hofe und Rih-
Addi von Byblos.
Aman .... ü. '"A-ma-an- [....] ti, 105,34; -^gyP'
tischer Beamter, vor den Rib-Addi von Bybh)s
eine Rechtssache zur Entscheidung bringt.
Ana. ■''" ""A-na, Bogasköi, unveröfl'. (vgl. S. 4,
Anm. 3).
aSSa. as-sa, 14, III, 44; 100 steinerne a. -Gefäße, mit
Öl gefüllt.
fizi,(i[l)a. a-zi-d(t)a, 14,111,34: i steinernes a.-Gefäß,
mit Öl gefüllt.
hitüti siehe pitäti.
bu'ati oder pu>ati. l)(p)u-a-ti 14, 1, 74, II, 27. 28 ; gol-
dene »Handringe«, mit Steinen besetzt.
AAAAAA O U
(in der 18.
Dynastie sehr häufig)
'lnni-hfp{w)'-, »Amon
ist zufrieden«.
18. Dynastie häufig)
'Lnn7)is{w?)\ »Amon
hat erzeugt (?)«.
(I .... J/)i/i- . . . ,
1 AAA^AA
» Amon ....".
1 ö "I(^ici)nw, Heliopolis.
' Hier steht, infolge eines Schreibfehler, "'A-ma-an-[a]t-^a-pi.
^ Die keilschriftliche Wiedergahe dieses Namens bestätigt uns, was wir schon aus
dem koi)tisclien Namen des Monats Phamenotli (newÄTü^a^Tn und ni-pligorn; vgl. ÄZ. 39.130,
Anm. i) wußten, daß wir in dem hlp von ^Imn-htp eine Form des Pseudopartizips zu sehen
hal)en. l);ts ältere auslautende w dieser Form wird zunächst inj übergegangen sein; dann
quieszierte das j mit dem vorhergehenden Vokal zu i. Scldießlich ist auch dieses i abge-
(Florenz, Catal. Schiaparelli 1509) steht, soviel ich sehe.
netische .Sei „ j.
ganz allein. Die späteren hieratischen Schreibungen mit auslautendem vo kommen für unsere
Frage nicht in Betracht. — Für die Identifizierung des Namens vgl. schon Steindorff, ÄZ.
38,150'., Petrie, History II, 308.
» Vgl. die Schreil)nng ü '^^^^ [fl P ^ - Theben, Grab de.s (1 fflP^ (.Abschrift
Sethe, Wb.) und Florenz 7624, beide aus der Zeit der 18. Dynastie.
fallen (^o'tii). — Uieroglyphisch erscheint der Name fast stets als g
reibung [I
Keilscliriftliclies Material zur altüyyptkcJien Vokalisation.
b(p)ümer oder b{p)u!umer. b(p)u-u-me-er, 1 4, II, 42 ;
3 kleine (?) namandü aus Silber. Hinter Gefäßen
erwälint; vor haragabas (S. 22).
l){p)uwanali siehe küpa b{p)uwauah.
da(xiiuhi{?) siehe tabaiuhi{?).
Hä>i'. "'^Ja-a-i, 166,1.14; Ägypter, an den Aziri
von Amun-u als seinen »Bruder« sclireibt.
}lfjja oder HSia. ""Ua-a-a, 11,19; »Großer«, Bote
unter Amenophis IV. nach Babylon.
Haj'a. I. "MJa-ja, 289,31; Sohn des Mijare, Führer
einer ägyptischen Besatzungstruppe in Urusaliui.
2. '"IJa-ja, 112,42.48; 268,16; Kurier zwischen
Ägypten und Palästina (vielleicht identisch mit
Uäja).
Häj'a. '"Ua-a-ja, 255,8; Kurier zwischen Ägypten
und Palästina (vielleicht identiscli mit U^ja 2).
IJoiiiaäKa{?). "'lja-ma-ä.s-.sa(?), 198,15; ägyptisclier
»Vorsteher«, von Arahattu[. . .] von Kuinidi er-
wähnt.
Hane. "Ua-ni-e, 21,25; Mitanni-Dolmetscher unter
Amenophis III., von Tuschratta »wie ein Gott«
geehrt.
HanH, Hanni (vgl. Hanj'a). ""ga-an-i, 161,11. 17.
27.31; ""ya-an-ni, 162,56.63: Kurier zwischen
Ägypten und Amurru (vgl. auch ["" IJa-n]i, 227,16).
Hanj'a. ""^Ja-an-ja, 1.47,23.26. 2.301,12; Kurier
zwischen Ägypten und Palästina (vielleiclit iden-
tisch mit yan[n]i).
(n
W-
' Für diesen und die drei folgenden N.amen kommt neben dem in der Tell-Amarna-
Zeit häufigen Namen tJtj ^ W (Koseform zu 'lmn-litp{w); vgl. Setiie, ÄZ. 44,89^) viel-
leicht auch der Name ÜÜSr S^j (z. B- Müiiclien, Antiquariuin 52,5; Florenz, Schiap.
1506) in Betracht (so schon Steindorft', a.a.O. 8.331, Aum., Maspero Recueil 24,158 und
Anm. 3).
Phil.-hut. Klasse. 1D10. Anharu/. Abh. II. *2
10
IT. R A N K K
Qära. ""5a-a-ra, Bogasköi, unveröff". (vgl. S 4,
Anm. 3).
lläraiiiaSsl, HSmaSSi. "'ya-a-ra-ina-ä.s-Äi, 20,33. 36;
derselbe geschrieben: "'Ua-a-mas-si', 27,37.40.
52; 29,25 (nägiru); Ciesaiulter in Mitanni unter
Amenopliis III. (vgl. auch i 1,9. 16).
Uafip oder Halib. "'lla-ti-ip(b), 161,38.43; 164,4.
18.26.42; 165,15.26; 166,12.32; 167,14;
168,8; Kurier zwischen Ägypten und Amurru.
Ha . . . "'lja-[. . .], 109,62 ; Ägypter in .Suniur (viel-
leicht = üaja 2).
Hikuptah. ''"IJi-ku-up-ta-ah, 84,37 ; »'"Ili-ku'"'-ta-ali,
I 39,8 : bedeutende ägyptische Stadt: »Byblos ist
für den König (so wichtig) wie H.«
hunima. lj[u-ni]-nia, 14,11,82; 3h. aus Bronze
(zwischen Bronzeringen und Bronzegefiißen er-
wähnt; die weggebrochene babylonische Über-
setzung begann mit dem Determinativ für » Stein « ).
Hürija siehe Naphu^ururija.
iiisilija. in-si-ib-ja, Bogasköi, unveröff. (vgl. S. 4,
Anm. 3); Beginn der Titulatur des Küamasesa.
Hr, Horus.
% (z. B. Genf
D.49, 18. Dynastie),
Hr-m.^(w?y', »Horus
hat erzeugte?)«.
» Haus des Geistes des
Ptah« (Beiname von
Memphis).
(?)^\^, »KönigvonOber-
und Unterägypton«^.
' \'gl. S. 90, Anm. 5.
^ Vgl. 8. 8, Anm. 3.
ä Man erwaitet an dei Stelle eine Wiedergabe von sJA^' wozu insihja freilicli wenig
zu passen scheint. Für ind dachte ich zunächst an das ptolemäisch überlieferte Aira
(z.B. Biiigsch, Thesaurus \', 921) •König«, wobei aber die Wiedergabe des Zischlauts nicht
zu passen schien. Nun macht niicii H. Grapow auf ein altes Wort für König aufmerksam,
das ^ (Pyramidentexte 814) bzw. V w|| (Lacau, Recueil 26,235; 27,54) n#ir ge-
schrieben wird und in Parallelen mit 1 ^ itnj(i) wechselt. Sollte dieses nsw mit ptoleni.
inste und mit unserem insi identisch sein:' Man müßte dann annehmen, daß in der Königs,
titulattir dieses alte W'ort dem später geläufigeren stnj(f) in der Schrift angeglichen worden
wäre. — Unerklärlich bleibt mir freilich das Fehlen des t in ihja, wenn dies wii-klich
ägyptisch bjtj wiedergaben sollte. \'gl. übrigens .\Z. 30,56 ff. und 116.
KeilschriftlUhes Material zur altngyptischen Vokalisation.
11
IrhiiajaSsa. "'I-ri-iii;i-j;i-/i.s-.sä, 130,11; Kurier zwi-
schen Ägypten und Byblos.
IrSappa. "Ir-sa-ap-pa, 31,11.29; ägyptischer Ge-
sandter nach Arzawa unter Am('no})his 111.
Ka% KaSn (?). '""'" Ka-si, 49,20'; 127,36: 133,17;
mätäti Ka-si (»Die Länder von Kä.si«), 131,13;
|Ka-.s(?)]a, I 27,22 ■.
ku^ihku\ ku-i-ilj-ku, 14,111,43.55; 10 (?) bzw.
[. . .] steinerne k. -Gefäße, mit Ol gefüllt.
kt/Ini siehe kupa.
kuldu. ku-ul-[d]u, 14,11,87; 2 k., für ein Kohlen-
becken aus Bronze.
küpa, küp(h)u (siehe aucli küpa huwanalj). ku-u-pa,
14,111,41 (20 k. aus Stein); ku-ü-pa, 14,1V, 13
(3 k. aus Elfenbein); ku-v'i-pu, 14, 1, 33 (. . . k. aus
Gold), 111, 35 (19 k. aus Stein); Ausguß (vgl.
111,41: na.spaku) - Gefäße aus Gold, Klfenbeiii
oder Stein, mit öl gefüllt.
r^-^
(m
der 18. Dynastie häu-
fig) K{!)S, Nubien.
y?Mö (z.B.Harri.sI,
13a, 12; i3b,6) k;-hr-
k>, ein zum Kultus
gehöriges Gefäß.
(?)yj(2Ö (z.B. Harris
I, 153,1 2. 14; 18,10.
12; 35^>5- 7 und oft,
Pap. Turin P. und J{.
69, II, 10) kh\ Gefäß
zur Aufbewahrung
von Wein.
' Möglicli (niid nicht f;air/. iinwalirsclieiiilicli) ist es freilicli, daß an dieser Stelle
""""A'(7-i» (Itir Kaiti) vielmelir für -Habylonien- stellt; vgl. Weher bei Ivriiidtzon, a.a.O.
.S. noof.
2 Mit ""'"Ka-si bzw. "'"'"Ka-si 287,72.74 scheint nicht Niihien u;emeint zu sein. Bei-
liiufij^ bemerke ich, daß die """'"'" K'a-.si-ici 287,33. [74 ''I J^ewiß nicht als ägyptischer Fiuial
K/ijtc ■Nubier- (vgl. Bohl, Spr^iche der .\marnabriefe, S. 35) aufgefaßt werden dürfen,
da dieser nach kopt. ca'wuj : e»<oiy, Plural e^A-yiij ganz anders lauten müßte. Auch scheint
an der Steile gar nicht von Nubierii die Rede zu sein.
* Vgl. .S. 64, Aiun. 3. Ks uuiß hier freilich bemerkt werden, daß auch ein gehörtes
kviH^ku (vgl. höh. 5^oi*.gK, griecli. Xoiak) keilschriftlich nicht anders hätte wiedergegeben
werden können; auch diese Lesung bleibt also möglich. Für die Identifizierung vergleiche
.schon Krinan. ÄZ. 34,1651".
* Dann wäre kühu zu lesen. Daß sich daneben küpa findet, entscheidet nicht un^
bedingt dagegen, da gerade das Zeichen pa in den Amarnabriefen öfters sich findet, wo
etymologisch ba stehen müßte (vgl. Boehl, Sprache der Tell-Amarnaliriefe, § 9 b).
12
H. R A N K K :
küpa h{p)uwanah oder kupa b{p)mLv(i)jtnh (siehe aiich
küpa). ku-u-pa l)(p)u-wa(i,e)-na-ab, 14,111,42;
1 steinernes k. b., mit Öl gefüllt.
mahia oder 7na Mo. ma-alj-[t(d)]a, 14,1,77; 10 weite
»Handringe« [slmlr kdli), aus (kostbaren) Steinen;
unter goldenen Schmuckstücken erwähnt.
3I(7ja. '"Ma-a-ja, 337,26. 29; Ma-ja 216,13; 217,16.
22; 218,14; 300,26; 328,24; ägyptischer Statt-
halter in Gazri (300,26) und Lakis (328,24)'.
Mä^i-Anmna. Ma-a-i- "'"A-ma-na, Bogasköi (vgl.
Windeier, OLZ. 1906,629); Beiname des Riia-
masesa.
Manohpi{r)ja. '"Ma-na-ah-pi-ir-ja, 59,8; Be.siedler(?)
von Tunip, '"Ma-na-ab-pi-ja, 51,4; »Großvater«
Amenophis' IV.
Mane. '"Ma-ni-e, 19,17; 20,8.18.43.64.66.69;
21,24; 24, passim; 26,15; 27,7. 13; 27,70.79.
83.96; 28,17.37; 29,70.78.86.89.90.151.
174; ägyptischer Gesandter nach Mitanni unter
Amenophis III. und IV.
mazikda. ma-zi-ik-da, 14,111,40; [20] steinerne
m. -Gefäße, mit Öl gefüllt.
Mijare. '"Mi-ja-ri-e, 289,31; Vater des JJaja.
Minmuhinla. "'Mi-in!-mu-a-ri-a, Bogasköi (Wincklcr,
OLZ. 1906,629 f.); Vater des Königs Riäamasesa-
mäi-Amäna.
(im neuen
Reiche häufiger Kurz-
name) Mj"\
l\^^W m(r)j-'Imn,
»von Amon geliebt«;
Beiname Ramses' II.
d
AAA/^A^
Mn-hpr-R<^
(»Es bleibt das We-
sen des Re?«), König
Thutmosis III.
A
in the
7>. (z.B. Inscr.
hier. Char.
XX Vm, 5639a, Rs.
Z. 6.9/10) indkt^, ein
Gefäß.
(»Die Wahrheit des
Re bleibt bestehen?«),
König Sethos I.
' Vgl. auch Ma-a-ja unter Nicht-Ägyptern 62,26 und Ma-a-ja (Ägypter?) 292.33.
^ Diese Gleichung findet sich sciion bei Masjiero, Recueil 23,173.
' Das Wort ist ofl'enbar Lehnwort im Äg}j)tisclien (vgl. S. 92, Anm. i.
KeUsrhriftlichps Material zur altäyyptisclien Vohüisation.
Miinmürija (= Nihtiuari'n und NitnmürTjay . '"Mi-
im-mu-u-ri-ja, 27,14.20; '"Mi-im-nm-ri-ja, 26,8.
9. I I. I 2. 2 I. 25. 30. 34; 27,9.13; Mini(im)'-inu-
ri-ja, 19,1; König von Ägypten.
(33
13
M-m;<-{-t)-
W^ (»Herr derWalir-
lieit ist Re«), König
Amenophis III.
*MinpohUari^n. '"Mi-in-pa-bi-ri-'"'''ta-ri-a, Bogasköi (e e^^f]fij Mn-phlj-
(vgl. Winckler, OLZ. 1906,630); Vater dos Min-
muari5a, (iroßvater des Königs Ri!ania.sesa-inäi-
Amäna.
Nahra)na.W\ "'Na-alj-ra-niH-äs-[s]i, 21,33: Ägypter
am Hofe Tuschrattas von Mitanni unter Ameno-
phis III.
nniiiSa (ob = naSM?). na-am-sä, 14, I, 32 ([. . .]
n. aus Gold?); 67 ([. . .J n. aus Silber und
Gold); II, 50 (23 n. aus Silber); III, 37 (9 n. aus
Stein); Gefäß aus Gold, Silber oder Stein, mit
Öl gefüllt.
R'- (»Es bleibt die
Kraft des Re?«), Kö-
nig Ramses I.
Jj|oö (z.B. Seihe, Urk.
IV, 23, 2) iniis{-(Y', ein
Gefäß.
' Daß Mimmurya eine \'ariante von Nimmurya ist und niclit eine Wicderf^abe des
Namens Mn-hprtc-Rc, wie SteindorflT seinerzeit anniiinn (vgl. a. a. O., S. 334), ist jetzt völlig
gesichert (vgl. besonders Kniidtzon 19,1; 26.8; 27,9.112). Die \'ariante begegnet nur in
Briefen des Tu.sclirntta von Mitanni. der «her gelegentlich (vgl. 17,1; 21,1) auch die richtige
Fomi mit anlautendem n verwendet; das anlautende m ist vielleicht durch eine .Xngleichuiig
des n an die beiden folgenden m zu erklären. Der Name TImtniosis 1\'., Mn-hprw-li<', ist
uns keilschriftlich nicht überliefert.
' Geschrieben GAR-im. Einen Wert ni für das Zeichen GAR zu j)ostulieren, .scheint
mir nicht rätlicli; vielmehr wird sich aus dem Werte mimmn, den dieses Zeichen besitzt,
der Silbenwert mim entwickelt haben. \'gl. dazu Knudtzon, S. 136, Auui. c.
' Hier liegt offenbar ein Versehen i\vs iSchreibers vor, der das ri-a zu früh 1»^-
gonnen hatte und dann, nachdem er das ausgelassene ta nachgeholt, das erste ri zu tilgen
vergaß.
* Sicher ein auf -ms endigender Name, in Nahra also wohl ein Gottesnnme zu suchen.
Ich hatte zunächst an den unter der 18. Dynastie häufigen Namen 'l7ihr(-()-ms gedacht; Natura
könnte für Ana^ra stehen, aber griechisches Onoypic und vor allem koptisches ».iig^ctype (in
n*.n£OTrpc, Crum, Coptic Monuments S. 102 Nr. 8454) scheinen doch gegen die Gleichung
Na^ra = 'In-hr(-t) zu sprechen.
' FTir die (ileichung siehe schon Krman, AZ. 34,165 f.
14
H. K A N K K :
NaphuSururija, Naphururiya, Naphurinja, Naphurriri-
ja, Nuphürtja, Niphurrlr(ja\ '"Na-ap-hu-uJ-ru-ri-
[ja], 8, 1 ; '"Na-ap-hu-ru-ri-ii, i i , i ; "'Nap-tiur-i-ri-ja,
28,1; '"Nfa-alp-lju-Hi-i-ya?], 16,1: ""Nap-hu-u-
ri-ja, 2 9,1. 61. 65. 67. 76; '"Na-ap-ljur-ri-ja, 26,27.
32.I40.J46. [50.] 54- 59; 27,1.39; '"Ni-ip-liu-
ur-ri-ri-ja, 9,1; '"Hu-u-ri-i-jfa]", 41,2; [. . .]-ru-
ri-ja, 7 , 1 ; [. . . .]-ra-[ri-j]a-', i o, i ; [. . . .]-ri-a, 1 4, 1 C^) ;
[. . . i]p-lju-ri[. . .], 2 10, 1 (?) ; König von Ägypten.
Naptera. '^Na-ap-te-ra, Bogasköi (vgl. Winckler,
MDOG., Nr. 35, S.21); Gemahlin des Kiiamasösa.
naSSa (ob = namSa?). na-as-s[ä], 14,11, 80 (6 n. aus
Bronze), III, 48 (in. aus Stein); Napf aus Stein
oder Bronze. (Vgl. naSSi, S. 23.)
Nümiu^ari^a, Nbnmürija, \lsim\muarlja, \Nmi\muiuwa-
rija, NimmuwarTja, Nimmurja (= Mimmürijay.
'" Ni-ib-mu-a-ri-a, 1,2; 17,1; "" Ni-im-mu-u-ri-ja,
24, II, i; 29, passim; "'Ni-im-mu-ri-ja, 23,1; Nim"-
Gim\ i\f(r)-hprw-R^
(»Schön an Erschei-
nungen ist Re?«), Kö-
nig Ainenophis IV.
irj ', Gemahlin König
Ramses' II.
R<^ (»Herr der Wahr-
heit ist Re«), König
Amenophis III.
' Die Varianten dieses Namens verteilen sicli auf die verschiedenen Briefschreiber in
folgender Weise: Burraburias von Babylon schreibt ISaphilurunja, NaphnrurJja und Niphurrirlja,
Tu§ratta von Mitanni schreibt Aa^Aun'rya, Naphurrya und Naphürya, .Aäur-uballit von Assyrien
schreibt Nap^urTja(?}, der Hethiter Suj)j)iluliuma schreibt Unnja.
^ In UrirTja dürfen wir gewiß niciit (vgl. Sethe, ÄZ. 41,50) den König ßpoc de.s
Manethü erkennen, da der Gott Horus in niittelbabylonischer Zeit keilschriftlich durch Hära
wiedergegeben wird. Auch möchte ich in Hurija weniger eine wirklich ges])rochene »arg ver-
stiinunelte« (Steindorff, a. a. 0. S. 338) Form sehen als vielniehi' einen Schreibfehler, wie
wir deren in den Amarnabi'iefen so häufig begegnen. Der Schreiber wollte Naphürija schreiben
und hat die Zeichen na-aj) vergessen.
' Die einzige Form, die vor rlja ein a zeigt. Übrigens ist das ja am Schluß nicht
sIcIkm-; Knudtzon (S. go Anin. c) hält die Lesung r für möglich.
* Was bedeutet der Name?
'' Die Vai'ianten dieses Narn(Mis verteilen sich auf die verschiedenen Briefschreiber in
folgender Weise: Kadasnianhaibe von Babylonien schreibt TWwii/icarya und [Nim]mit!uu:arij(i.
Tuschratta von Mitanni sclneibt Nimmurlja. NimmUrfja imd \Nim\»marya, Akizzi von Katna
schreibt Nimmurja, .\meno|)his III. selbst schreibt NimuwarTja (vgl. S. 15. Anm. i).
" Das Zeichen iiat in babylonisch-assyrischen Texten stets den Wert nam, ist hier
aber gewiß iiim zu lesen.
KeilschrißllcJieft Material zur altäyyptisclwn Vokalisation.
15
mur-ja, [53,1]; 55,1; ""Ni-mu-wa'-ri-ja, 2,1; 31,1';
[. . .J-mu-ü-a-ri-ja, 20,1; [. . . mju-!u-wa'-ri-ja, 3,1;
[. . .-j]a, 5,1; Ni-im-mu-u-ri-i"''-ä«^, 24,1,84; Kö-
nig von Ägypten.
Niphurririja siehe NaphuUirurTja.
NiiUu oder Ni>u*. '"Ni-i-u, 29,37; ägyptischer Ge-
sandter nach Mitanni unter Amenophis III.
Puhcniinüta, Pahanälf. ""Pa-ba-ani-na-ta, 68,22;
I 3 1,35; '"Pa-ha-na-te, 60,10. 20. 32 ; 62,1 ; ägyp-
tischer Statthalter von Sumur und Ullaza.
Pahura, Pihura (vgl. Puliura). '"Pa-hu-ra, 122,31;
"■Pi-bu-ra, 117,61; 123.13.34: 132.47; ägyp-
tischer Statthalter in Kuuiedi (132).
Patnuljii . . . '"Pa-uia-hu-f. . .], 7,76; Stattlialter
eines Ägypten hotmäßigen Bezirke.s unter Ame-
nophis IV.
«/(?•)', »der Gottos-
diener«.
Pi-hr(j), »der Sy-
rer « .
' SteindorfT (a. a. O. S. 336) las diese Sclireiliiingen A'i-mu-pi-ri-ja usw. und dnclit« nii
eine vulf^äre Forui des Künigsiianiens. die den Artikel vor dem Nanieti des Soniieiigolt.es
einfügte (für wa = pi, vgl. .S.64, Anm. 4). Ich halte in einer offiziellen Korrespondenz eine
derartige Viilgrirform nicht für wahrscheinlich, im übrigen vgl. .S. 87 f. — In viel späterer (saiti-
.scheri') Zeit scheint man übrigens das p in dem Namen Mn-hp{r)-rc für den .\rtikel gehalten
und den Namen als Mnh-p-rc »Der Sonnengott ist vortrefflich- aufgefaßt zu haben (vgl.
Annales du Service 7,35; dort diese Schreibung auch demotisch belegt).
* Der Text hat nach Knudtzon (a. a. O. S. 270 Anm. e) "Ni-mu-ut-ri-ja. Das Zeichen
ut (■^T) ist hier aber gewiß irrig für wa (■^T^) gesetzt. Eine Erhaltung der Feminin-
endung von mi(-t halte ich hier für ausgeschlossen (vgl. S. 85).
• Das angefügte i ist eine mitannische Endung.
* Vielleicht liegt ein Name vor wie
w
Loiivre C 202 (Stele, Dynastie 18) oder
(1 ^\''~~^^' Turin loi (Stele, neues Reich) usw. usw.
' Zu der Gleichung siehe ÄZ. 46,109 f.
' Den Namen /^^ ^v I I 1 St '^^"" ''^'' zufällig aus der 18. Dynastie nicht be-
legen; er ist aber im späteren neuen Reich häufig (vgl. z. B. Turin 73, Turin 913, Quibell.
Rames.seum XXVII. a). Zu der Variante Pilnira vgl. die hieratische Schreibung
1^ I Y^ (■'■■ B. Abb()t4,i3; 7,6: 8,15); zu I^ihvra vgl. S. 17, Anm. i.
16
H. Ranke:
PariMmahü. '"Pa-ri-a-ma-hu-ü, Bogasküi, unveröff. ;
ägyptischer »Sclireiber« und »Arzt«, dein Ku-
runta, König von Tarljuntas von Ramses II.
übersandt, «um Häuser zu bauen« (ana epes
bitäti).
Pa^uru, Puiuru. '"Pa-ü-ru, 287,45 ! '"Pu-ü-ru, 289,38 ;
ägyptischer Statthalter für Urusalini und IJazati.
Pawira oder Pawera (vgl. PiwTri). "'Pa-wi(e, a)-ra,
1. 132,38: ägyptisclier Stattlialter in Palästina;
2. 263,21; Kurier zwisclien einem palästinen-
sisclien Vasallen und dem ägyptischen Hofe.
Pihura siehe Pahura.
pilatiu, pißti, pittate, pitata, pitntc, pitäti, pitähr. pi-ta-
ti-ü, 287,1 7 ;pi-ta-ti, 286,53. 54- 57- 59; 287,18;
288,50; 290,20;pi-ta-tu, 285,i6;pi-ta-tü, 287,2 i.
23; 288, 51. 57; 290,2 2;pi-ta-ta, 269,1 2; 281,1 2.
28; 300,16; 2)i-ta-a-te, 174,21; 176,16; pi-ta-te,
166,4 (Glosse); I95»30; 196,3?; i97,43; 201,13.
21; 202,11; 203,12; 204,14; 205,12; 206,12.
«^VklJ
o
(z. B. Anast. 111,5
Rucks. 7) Pi-R<^-m-
l.i{l>y, »die Sonne (d.
h. der Sonnengott Re)
ist im Fest«.
% (z.B.
Turin 96 und 99,
Berlin 7310) P>-wr,
»der Große«.
Docli halte ich die Gleichung nicht für sicher. Einen Namen
an den man zunächst denken möchte (vgl. z. B. w^ (I
, Sethe, Ui-k. IV, 51,11),
' Für den Wegfall des b schon im neuen Reich vgl. griech. Apmaic für Hr-m-hb; das
lange ü (bzw. S) in Fariamahü ließe sich vielleicht durch eine Erweichung des J zu tr erklären.
kann ich ägyptisch nicht nachweisen. Den Namen Pariamaljü verdanke ich einer persönlichen
Mitteilung von Winekler.
" pi-ta-ii-u (bzw. pitatju) wäre, wenn diese einmal begegnende Schreibung ernst ge-
nommen werden darf, eine gute Wiedergabe von ägypt. prf(;"M> (Plural von pdtj) »Bogenschützen«
(vgl. W. M. Müller, Zeitschr. für Assyriologie 7, 64 f.); die übrigen Formen wären dann als Ver-
suche anzusehen, dieses fremde W^ort den babylonischen weiblichen Pluralformen anzugleichen.
Die Schwierigkeit liegt nur darin, daß pdtjic als Bezeichnung ägyptischer Truppen nicht
existiert. Es existiert niu- ein sicher singularisches Kollektivum M5i 1 pd-t «Truppe", das
" o I gl I ^ " _
mit dem Worte jB^(-<) »Bogen« identisch ist und (nach dem kopt. nrre »Bogen«) etwa *pid*{t)
vokalisiert gewesen sein muß. Sollte pitäti ein zu diesem *pTdf{t) gebildeter babylonischer
Phual sein? Dann ließe sich die Schreibung pi-ta-ti-ü freilich nicht erklären.
KeihchriftlicJtes Material zur altäyijptischen VokaVtsation.
17
17; pi-it-ta-te, 53.47- 53- ö?- 68; pi-ta-ti, 49,6
65,12; 69,23. 26. 28; 71,14.27; 72,30; 73pass.
76,32; 77,23.27; 79pass. ; Srpass.; 82 pass.
86,7; 91 pass.; 93,17.26; 94pass.; 95 pass.
102,34; 103,55; 108,27.32; 111,19; '12,38
114,45; 116,73; 117.57-60; 118,43; 121,48
123,42; 124,52; 127,13.39; 129,40. 78; 131,43
57; 132,59; 142,14; 144,20; 193,14; 216,9. 16
244,10; 282,11; 283,16.26; 337,11; pi-ta-tu,
129 pass.; 131,33.40; 137,40.49; 202,19; pi-
ta-tü, 244,20; pi-ta-at (sarri), 103,29; ii9,2of'.;
136,38; 137.45; 141.30; 142,30; 144.28;
279,15: 292,32.40; 296,34; Bezeiclinung der
ägyptischen Truppen, immer aufsähe »Soldaten«
folgend, also »pitäti-Soldaten«.
PhcTri oder Piweri (vgl. Paicira). "'Pi-wi(e, a)-ri,
j 29,95. 97 ; 131,22; Fürst (':' malik) des ägypti-
scJien Königs, in Palästina getötet (wahrschein-
lich identisch mit Pawira i ).
puiati siehe bufoti.
Puhur, Puhura, Piihuri, Puhuru (vgl. Pahura, Pihura^).
■"Pu-hu-ur 207,17; "'Pu-lju-ra 2oS,ii; '"Pu-Iju-
ri 190,2; '°Pu-lju-ru 57,6. fioj; 189,17.18;
ägyptischer »Großer«.
pürner siehe Immer.
Pu!uru siehe Pa^uru.
puwanah siehe huwanah.
Rafimanuma {^). " Ra-a[h]-ma-n[u]-m[a], 284,9;
»Aufseher über die Länder des Königs« in Pa-
lästina.
1.^
P;-wr
(vgl. P(iirira)
^P/-/<7-,»der
_£x>
(vV]
Syrer«.
' .\n den babylonisclien Personennaiiieci Puhlmru zu denken, verbietet doch wolil der
Umstand, daß der Träger otTenbar ein Ägypter ist. Der Name ist gewiß identisch mit Pahura,
Pleura; das u in der unl)etonten ersten Silbe (gegenüber Pahura, Piljura) erklärt sich olme
Schwier'igkeit durch Vokiila.vsiinilation (vgl. .S. 71, .\iiiii. i).
Pha.-hüt. Klasse. 1910. Anhariff. Abk. II. 3
18
H. Ranke;
RUamaseSa. '"Ri-a-ma-se-sa, Bogasköi (vgl.Wiiicklcr,
OLZ. 1906,629); ägyptischer König.
liiSanäp{a). i. '"Ri-a-na-pa, 315,13; ägyptischer
Statthalter in Jursa. 2. "' Ri-a-iia-pa, 326,17;
ägyptischer Statthalter in Askalon. 3. '"Ri-a-
na-ap, 292,36; ägyptischer Statthalter (vielleicht
sind alle drei identisch).
Salßihasiha. '" Sä-ah-si-ha-si-ha , 316,16; ägypti-
scher Beamter (?), an den Pu-Ba-lu schreibt.
Safepnariht. '"Sä-te-ep-na-ri-a, Bogasköi (vgl.
Winckler, OLZ. 1906,629); Beiname des Ri?a-
ma.sesa.
Suy'ilxla. su-i-ib-da, 14, III, 61; ein s.- Gelaß aus
Stein.
Tahtnaja. '"Ta-alj-ma-ja, 265,9.11; Bote zwischen
.Ägypten und Palästina.
Tahnassi "'Tah-m|a]-;'is-si, 303,20; ägyptischer
Statthalter in Palästina.
Teje. ^Te-i-e [26,1]; 27,(41.112; 28,7.43.45;
29,8. 9. 45. 46. 63. 66. 107. 117. 124. 143. 187;
Mutter des Naphururlja.
(0(t)P]]| B-mUw (»Re
hat ihn erzeugt«),
König Ramses II.
^^J^^ R'-nf(r)\
»Re ist gut».
Re erwählt«), Bei-
name Ramses' II.
Urk. IV, 733,5) ^M;6/^
ein Gefäß.
(z. B. Berlin
2297) Ptli-mj.
ß |T] 1 (im neuen Reich
häufig) Pth-ms, » Ptah
hat erzeugt (?) « .
]\\|](J7)",Gemahün Kö-
nig Amenophis' III.
' Diesen im alten und mittleren Reiche häufigen Namen vermag ich aus der Zeit des
neuen Reiches nicht zu belegen. Vgl. aber den Frauennamen Ol o ("''') ^, Mariette,
("atal. des Moninnents d'Abydos S. 499, Nr. 1314 (Stele des neuen Reiches).
^ Das dort, in den Thutmosisannalen, erwähnte Gefäß ist aus Silber. Für die Gleichung
siehe v. Bissing, ÄZ. 34,165 f. Das Wort ist wohl Lehnwort im Ägyptischen (vgl. S. 92,
Anm. i).
KeilschriftlicJies Material zur altägyptischen VokalLsatio?i.
lü
tinid{t)a. ti-ni-(l(t)a, 1 4, II, 49 ; silbernes Kohlen-
becken (?)'.
talxi}uhi(?). [t((l)]a-[b]a-u-[lj]i, 14,1,71; ein Bellälter
für mikitu aus Gold (mit Steinen) besetzt.
ueM usw. siehe iceku.
uniMa. '""u-ru-[u]s-sä, 5,22; Kopfstütze'.
Wa.^tiiii^arffn. "' Wa-jls-mu-a-ri-a , Hogasköi (vgl.
Winckler, OLZ. 1906,629); Beiname des Rüa-
maseSa.
ic<i((<l,t)ha. wa-at(d, t)-lja-a, 14, III, 66 (i w. aus
Stein). 71 (9 w. aus weißem Stein) ; wa-at(d, t)-
tia, 14,11,53^; Steingefäß, mit öl gefällt.
wefiu, wfhi, weh, wehi, weUi, irr, veSu, iie. '""'■'" we(wi)-
bi, 129,12; •"'""we(wi)-lju, 2.^0,11; "'"""n-e-elj,
287,69; '""'""we(wi)-a, 109,39; """"'" we(wi)-ii,
150,9; •™''"ü-e-e; 2cS7,47; """'"ii-e-ü, 288,10;
'""'"ü-i-ü, 285,6; Bezeichmmg fiir militärische
Personen.
=-».,_ 4 am^lQtu
{wima, weina
e-[nia], 109,22;
wi-i-ma, 108,16, i 50,6;
amelrUu
Wl-
amt-Iu
wi[i-ma??], 152,47. 50.)
^^
stütze « .
(gs3
» Ko[)f-
Ws{r)-
mS'-{-t)-R'' (»Re ist
stark anWalirheit ?«),
Beiname König Ram-
ses' II.
^~^l-il^ irrw, >. Of-
fizier« (vgl. Knudt-
zon , Beiträge z . Assy r .
IV, 2 80 ff.).
' I tigaru arikdu sa kinuni ia kaspi, tinid(t)a Sumiu: »ein langer To|)f von einem silhei'nen
Kohlenbecken, genannt tmid(l)a'.
^ •! «. nns t<jü-Holz, vergoldet-; zwi.sfhen Betten und Sesseln erwälint. Vgl. 14,11,20,
wo nach zwei Betten »i sa reü (d.i. i .zum Koj)f (ieliöriges'), vei'goldet- erwähnt wird.
• Hier wird ein sill)erner nalbaddu (Scliminkgriffcll') für ein watha erwähnt.
* Für wi-i-ma als Plural von wi-ü vgl. Kniidt/on Nr. 150. Zu dem ans dem Ägypti-
schen übernommenen Lehnwort (vgl. unten .S. 87 f.) scheint ein kanaanäischer Plural gebildet
worden zu sein (trotz Kniidtzon, Beiträge zur Assyriol. IV, 410).
3*
20
H. Rank f. :
znhnokn. z)i-a])'-n!i-ku-u, 14,111,54: zwischon Stein-
gefäßen, unmittelbar vor ku?ihku, erwälint'.
zillahd{t)a. zi-il-la-a]j-d(t)a, 14,11,1 ( 1 3 kleine [Ge-
faße] aus Gold), zi-la-ah-d(t)a, 14, II, 54 (i i kleine
[Gefäße] aus Silber), III, 70 (i kleines [Gefäß]
aus weißem Stein) : kleine (Jefäße aus Gold, Silber
und weißem Stein, zweimal neben watlja genannt.
Vgl. S. 92, Anm. i.
zimi>u(?). zi(?)-mi-ü, 14, 1, 68; ein goldenes . . .*,
in dessen Mitte ein miljljuz aus Bronze ist. Zwi-
schen namsa und einem »kleinen Waschgefäß
aus Gold« erwähnt.
. . . hoja. [. . .]-lja-ja, 14, III, 53 : [2] große [. . .] Ijaja
aus Stein ; kurz vor den kuUljku- und zabnakü-
Gefaßen erwähnt.
B. Vielleicht Ägyptisches.
Babylonisclie Umschrift.
adaha siehe ntaha.
AhrUi(p)ila, l/irib{p}ita oder U/iri/>{p)ifn. "'Ah(ilj,uh)-
ri-bi(pi)-ta, 107,14; Ägypter (?) in Sumur.
okunu. a-ku-nu, 14,111,36; 20 a. -Gefäße aus Stein,
mit Ol gefiillt. Zwischen kübu und namsa er-
wähnt.
,u
rjö^^y (z. B.
Sethe,Urk.lV,2 2')//>-
n{J)-k}, ..K!-Gefäß«.
Ägyptische Schreibun;;.
Sethe, Urk. 665,16;
722,3; 731,11) tkn,
Gefäß mit 2 Henkeln.
' So! Eine Vergleiciiung des Berliner Originals zeigte, daß hier deutlich das Zeichen ab
(genau so wie Z. 39 und 45) zu lesen ist. Das Zeichen ad sieht in derselben Kolumne (z. B.
Z. 45 und 66) anders aus. Von den wagerechten Keilen, von denen Knudtzon (a.a.O. S. izo
Ann), s) spriclit, ist bestimmt nichts zu sehen; die Tafel ist an der Stelle imbeschädigt, wie
inii- auch von Delitzsch und Messerschmidt bestätigt worden ist.
- Ich möclitc die Stelle so ergänzen : [j- . . . adi] ganturüntiUy zaimakü hiMSu -[x . . . nebst]
iiuen yanturu, z. genannt«. Die tjantiiru sind wohl die zum tb-n(j)-k! gehörigen Untersätze
(vgl. Sethe, Urk. IV, 22).
^ Vgl. auch Harris 1, 36a, 6f, wo ks-hr-k;- {kiilihku-) Gefäße neben tb-n(j)-ks- {zabnakü-)
Gefäßen genannt werden.
* Knudtzons Ei'gänzung |lama]zu "Schutzgott« ist unsichei'; mihhti: heißt vielleicht
»Eingefaßtes« (Knudtzon), also ein Bronzekern, vergoldet;'
KeilschriftlicJies Material zur altägyptischen Vokalisation.
21
anahu (?) siehe nahu (?).
Apl. '"A-pi, 138,8. [57J; '"A-pi, 138,107; Ägyp-
ter (?) bei Rib-Addi in Byblos.
ot{(l)ahfi. a-t(d)a-lja, 14, III, 21; 100 kleine (Stück)
kitü (»Stuft"«?, »Leinen«?) zu Kleidern.
hizzü oder pizzü. '""*''"bi(pi)-iz-zu-u, 14, III, 60;
(menschliche) Figur aus Stein, einen Krug in
der Hand. Zwischen nanpakru und Au5ibda er-
wähnt.
Düdu, Duddu\ '"Du-ü-du, 158,1. 5. 12. 34; 164,1.
10.16.30.33.35.43; 167,28.31; "'I)u-ud-du,
169,16; hoher ägyptischer Beamter, an den
Aziri von Amurru schreibt.
«7«^/ siehe kuzi.
Uahnja (?). "' ya(?)-ba(?)- ja, 316,15; » Vorstelier «
des Königs in Palästina.
flähi siehe Uäpi.
ffajä. "ya-ja-a, 101,2. 19; .\gypter(?) in Byblos.
i/afibip). "Ua-iMp), 107,16; [1 27,7?]; 132,40.42;
133>9; Ä^pter (?) in Sumur (zeitweilig in
Ägypten, 133,9).
fialzujili, hahuhlüfp. '""''"hal-z[u]-u]j-li 3,10; ein Bote,
der nach Ägypten zieht, soll ana cplt "'"''"Ijal-
zubli sa mät Misri »zur Verfugung der Ijalzuljli-
Leute in .'Ägypten« gebracht werden; *""'"""bal-
zu-ulj-lu-ti, 67,15 ; »alle Ij. -Leute deines Landes
(d. h. Ägyptens)«.
' Die Identifizierung dieses Namens mit ägypt. tv '^ 7'wftc (Steindorff, a. a. O. S. 331
.\nm.) ist nicht angängig, da der ägyptischen Laut t nie durch rl wicdergegehen wird (vgl.
S. 92 f.). Vielleicht liegt ein semitischer Kigenname der Wurzel f- vor.
' Ungiiad macht mich darauf auf'nierksain, daß das Zeichen Äa/ hier aucli als Plural-
zeichen aufgefaßt werden könnte; dann wäre """'"'" zuf^li bzw. "'"''"'" zuhlüli zu lesen (vgl.
Bohl, Sprache der Amarnabriefe § 40 3).
22 H. Ranke:
llupi oder Ucibl. "MJa-ca-pi(bi), i49>37; Ägypter (?)
in Sumur.
hara<japaS oder haragahaS. ha-ra-ga-pa-as, 1 4, 1, 49
([. . .] Ij. aus Silber und Gold, deren [. . .] (mit
Steinen) besetzt sind; hinter tasi erwähnt), III,
51 (35 h. aus Stein); ha-ra-ga-ba-as 14,1,63
(8 große h. aus Gold), 11,43 (' b- aus Silber;
hinter bümer erwähnt); Gerät (wahrscheinlich
(iefäß) aus Silber, Gold oder Stein.
hatahhi oder hatappi. ha-t[ab(p)-b(p)]i, 14, I, 34;
aus Gold, (mit Steinen) besetzt; hinter kübu er-
wähnt.
JJinnatuna, Qinnatuni. ''"^i-na-tu-na, 245,32; "'"Hi-
in-na-tu-ni, 8,17; Stadt in Kinah^ji.
Ihrihitn siehe Ahribita.
Jarimmuta. "■'''" Ja-ri-im-mu-ta, 68,27 ; "'"'" Ja-ri-mu-ta,
74,16; 75,13; 81,40; 82,29; 85,35-50; [86,46];
90,38; 105,86; 112,29; 114,55; 116,74; 125,17;
""'"Ja-ar?-[mu-ta], 86,33; '""'"Ri-mu-ta, 85,14; zu
Schiff" erreichbarer kornreicher Bezirk unter ägyp-
tischer Herrschaft, allem Anschein nach in Ägyp-
ten selbst \
' Nur in Briefen des Rib-Addi erwälint. Am wichtigsten sind die folgendeu Stellen:
Ainan-Appa (in Ägypten) schreibt an Rib-Addi nacli Byblos 82,270*.: -Sende ein Schiff nach
Jariinuta, und du wirst Geld und Kleider von ihnen erhalten(?).. Rib-Addi bittet den König
um Getreide aus Jarimuta (85,34^). Janljamu möge doch in J. Geld für die Leute in Byblos
erheben (85, 48 ff.). Der König möge den Janbaniu und [....] von J. senden (116, yaff.). Rib-
Addi an den König (125,14^".): »Früher hatte ich königliche Besatzungstruppen, und der
König verpflegte sie mit Getreide aus J.« Was die oft wiederholte Phrase »Daiiin sind ihre
(der Einwohner von Byblos) Söime und Töchter und die Holzgeräte {? -Hölzer«) ihrer Häuser,
indem sie zur Rettung unseres Lebens in (nach:') .larimuta gegeben worden sind- (z.B. 85,i2ff.)
bedeutet, ist mir nicht völlig klar. Handelt es sieh inii Leute, die in Ägypten angesiedelt
worden sind;'
Kellschrifllic]ies Material zur altäyyptLschen Vokalkation. 23
(?)
kuzi, (juzi. ""'*''" ku-zi, 303,6 ; """"gu-zi, 299,6; 304,7 ;
305,7; [306,5; 31 1,8]; Selbstbezeichnung einiger
kanaanäischer Vasallen dem König gegenüber,
stets mit folgendem sa siseka (»deiner Pferde«)
bzw. sa sisika (»deines Pferdes«, 303,6). Sie
wechselt mit """'"kartaj)pi .sa siseka »Wagen-
lenker(?) deiner Pferde«, 3 12, 4 f.".
Leja. '"Li-e-ja, 162,70; ÄgYpter(?) in Amurru.
-.--^^.- „ , .^, -.,-_, , ,.,j - , .. ,, nrn^^S"'^'«'
J\ (z.B.Brit.
Mus. 166, passim),
Ul^^(z.B.Pn-
,heri,3,i)/t/(rt)', »W;i-
genlenker«.
ein Gefäß (vgl. Bur-
chardt, Fremdworte
II, 485).
Holz, liinter Gefäßen aus Elfenbein erwähnt.
rnaSuja. ma-.sü(?)-ja, 14, I, 14; unbekannter Gegen-
stand aus Gold. Vor u$izza erwähnt.
matniia. ma-at(d, t)-ni-a, 337,9.21''.
Mihuni. ""Mi-lju-ni, 11,16; Dolmetscher Ameno-
phis' IV.
Tuthü{?). na-iiu-u, 14,1,36; unbekannter Gegen-
stand aus Gold. (Aucli die Lesung a-na-lju-u
ist möglich.)
minpakni oder m/ppakrv. na-an(?)*-pfa-alk(g, k)-n'i,
14,111,59; 21 »Schutzgötter« aus Stein. Un-
mittelbar vor dem """'"bizzü erwähnt.
rioS^i. na-ävS-si, 14, I, 43; unbekannter Gegenstand,
wahrscheinlich aus (xold. (Vgl. naiSa, S. 14.)
' Für diese Gleichun;^ sietip M. Biirchardt, Altkaiiaan. Fieindworte, II, 1039.
' Diese Bezeichnung ist vielleicht so zu erklären, daß die betreffenden \'a.sallenfiirsten
als Knaben am ägyptischen Hofe er/,op;en und zeitweise zur j)ersünlichen Bedienung des Königs
lierangezogen worden waren.
' JJiziri schreibt an den l'liarao, er habe seinem ISefeiil gemäß große matnila fiir das
Heer des Königs zurechtgemacht; matnila erscheint dabei als fremdländische Glosse (Z. 9) zu
einem nicht sicher lesbaren sumerischen Ideogramm. Da in Z. 1 1 ähnlich das ägypt. pitäte als
Glosse erscheint, so ist es nicht unmöglich, daß auch in matniki ein ägyptisches Wort zu
suchen ist.
* Oder ap?
24
H. R A N K E :
Nimmahe. ""Ni-im-ma-be-e, 162,77; -''^gypter(?) in
Amurru.
Pälüma oder Paialüiiia. "'Pa-;i-lu-ü-ina, 162,76;
Ägypter(?) in Amurru.
pmnahä (pamahü?). ''""''' pa-ma-lja-a (Akkusativ),
162,74; Bezeiclinung eines politischen Ver-
brechers.
pmmri, paweri oder pnwäri. pa-wi(e, a)-ri, 151,59;
»Etagama ist paweri von Kidsi(?)« (vgl. Pawira,
S. i6)\
Pirizzi'-. "'Pi-ri-iz-zi, 27,89.93: 28,12; Gesandter
von Mitanni am ägyptischen Hole.
pizzu siehe hlzzu.
rahta. ra-alj-ta, 14,1,46; [Gefäß?] aus Gold. Vor
einem Waschgefäß erwähnt.
Rijamonu . . . (?). '"Ri-ja-ma-nu [. . . ?], 347,3; das
einzige erhaltene Wort (Eigenname?) auf einem
Tafelbruchstück.
rid(t)ihu. *■""'"'" ri-d(t)i-hu, 281,15; Zusammenhang
unklar. Das Wort scheint nicht babylonisch.
D
W
]^P;-/, hie-
ratische Aufschrift
auf der Tafel Knudt-
zon 27.
(?) ^^Ö(z-B-Se.the,
Urk. IV, 665,5; l^ap-
Turin P. und R. 102,
2,1 2^) rhd{-t), ein Ge-
fäß.
' Sollte h.\e.r p) wr »der Große« als F'remdwort im Sinne von »Herr«, »Besitzer« ge-
braucht sein?
' Ob hier ein ägyptisclier oder mitannischer Name vorliegt, vermag ich auch heute
noch nicht zu entscheiden. Vgl. dazu SteindorflF, a.a.O. S. 331, Anm., wo der ägyptisclie (?)
Name , fK^f ('"'') ^ (BerUn 7297, Stele des neuen Reiches) verglichen wird.
A/VVW\
.\us Bronze; vorher ein Waschgefäß aus Bronze erwähnt.
Kelhehrlftlklies Material zur altägyptlschn Vokal/j^aiion.
9f,
i-uhi. ■■"'"'"ru-hi, 287,11; Abdichiba schreibt an (?) ?•/*,
den König: »Ich bin ein ruhi des Königs«. ter«'
Salmajäti. " Sal-ma-ja-a-ti, 155,8. 15. 22. 26. 29.
42. [50.1 62; Abimilki von Tvrus nennt sicli
einen »Diener des Königs und des 8.« und
Tyrus »die Stadt des S. «.
iinainti. si-nam-ti, 60, 25;» wenn mein Vorstelier (Pa-
hanäte) ina sinamti saiTi(>'im s. des Königs«) ist«'.
sirmn. """'"si-ir-ma, 108,15: [109,21]; •""''" Mi-ina,
107,42: Wagenlenker ?^.
senkmi, if-rdami. '""''"se-ir-d(t)a-ni, 122,35; 123,15; j (?) JtTtT
"'*'".si-ir-d(t)a-nu, 81,16; Bezciclinung ftir Solda-
ten (?).
» Bekann-
Sutti. '"Si'i-ut-ti, 5,19; Bote, der Kada>^nian-ljarbe
(leschenke von Anicnophis 111. überbringt.
suzuta. sü-zu-ta, 14, I, 38; [. . .] fiir die (?) Hand,
aus Gold.
Tiija. '"Tu-u-ja, 162,69; Ägypter (?) in Aniurru.
Turlxizu. '"Tu-ur-ba-zu, 288,41; 335,9; Ägypter(?),
der in Palästina getötet worden ist.
'J'urlj{p)i/jä. '" T| url-bi(pi ?)-ha-a, 1 00, 12; 105,35;
ägyptischer Beamter, vor den Rib-Addi von
Byblos eine Rechtssache zur Entscheidung bringt.
1^ (z. B. Anast. 1,
17,4; Harris 1, 75,1;
76,5; 78,10) Srdn\
Bezeichnung eincM-
ägyi)tischen Triippe.
' Vgl. den häufigen ägyptischen Titel r/i slnj{?) »Bekannter des Königs«. Wie ieii
nachträglich sehe, hat auch SteindorfT diese Ki-klärung vorgeschlagen (vgl. Höhl, Sprache der
Kl-.\marnabriefe, .S. 25, .Anm. 1).
' >I)ann ernte ich das Getreide §uinurs und bewache alle Länder fiir den König«
(Abdi-Aärata an den König).
• Rib-Addi schreibt an den König (Kniidtzon 107): ».ii'rww-IiCute sind da, aber keine
Wagen und keine Pferde-, und (Knudtzon 108): »sie hal)en Pferde und Wagen des Königs
und «irroa- Leute und Offiziere (trtma) als Pfand gegeben«.
' Vgl. üurctiardt, Altkanaan. Kremdworte 11, 876.
Phil.-hist. Klasse, mm. Anhang. Abh. 11. 4
2()
II. 1\ A N K K :
Tä.^ar/t. ""r((l)a-a-.sa.r-ti-i, 162,76; Ägypter (?) in
AmuiTu.
Mi. t(d)a-[s]i, 1 4, I, 48 ; aus Gold und Silber,
das (iold mit Steinen besetzt. Hinter j-aljta
und einem Waschgefäß erwähnt.
ul>(p)d{t)a. ub(p)-d(t)a, 14,1V, 11; »I3umninuaus
Elienbein«. Der Stellung nach (vgl. Zeile 13 und
Anm. b) scheint ein ägyptisches Wort vorzu-
liegen.
Uhrihita siehe Ahrihita.
uHzza oder uHssa. ü-iz(s)-z(s)a, 14, I, 15 ; unbekann-
ter Gegenstand [aus Gold], mit Steinen besetzt.
Hinter masuja (?) erwähnt.
upul{i,) oder ul)ut{l). ii-p(b)u-ti, 151,20; i'i-p(b)ii-ut,
152,56; beidemal durch einen Glossenstrich als
fremdes Wort gekennzeichnet'.
Wiäjorl. '" Wi-is-ja-ri, 162,71; Ägypter(?)in Amurru.
[....u]sdU)n(?). ["'.... u].s(?)-d(t)a, 89,55; Name
eines Mannes, den Rib-Addi den König zu sen-
den bittet.
Setlie, Urk. IV, 747,
16) (M, ein Gefäß.
(?)
D"X\\2
»Gesandter«.
irpirtj,
IL Aus assyrischen Texten (8. und 7. Jahrh. v. Chr.)'.
A. Sicher Ägyptisches.
Assyrische Umschrift. Ägyptische Schreibung;.
A/un\ Ihm oder Ukiü (St. 606)'. "'■'Ah(ilj,ulj)-ni,
Assurb. I\i02; Stadt in Ägypten zwischen
Punübu und Pihattihürunpiki erwähnt.
' Abimillvi von Tyriis »hat sein Antlitz gericiitet auf die uput{i) des Königs«.
^ Vgl. S. 4.
^ Das in KiaiMmern beigefügte -St.« mit folgender Zahl verweist auf die Seite von Stein-
ilorfts üben (8. 3, Anm. 2) erwähntem Aufsat/,, in dem die betreffenden Namen ausfiiin-lich be-
.sproclieii sind. Wo nieiits andei'es ausdrüclilicli bemerkt ist, habe ich micli Steindorffs Er-
klärung angeschlossen.
' "Assurb.]« bezieht sich auf Kolumne I der Aiiualen Assurbanipals (vgl. .S. 4 und
Ainii. 9). Für die übrigen Abkürzungen siehe S. 4, Anm. 6 — 11.
Keilschriftlirhes Material zur alläyyptischeii, Vokalisation.
27
Ainurt/'Se oder Akarfesr'. "'A-mur(har)-ti-se, i. Johns !
307,2 (vgl. Bd. III, S. 512); Großvater der i
Sklavin von Siljä 2. 2. Johns 307, Rs. 15; Zeuge !
in einem zwischen Ägyptern abgeschlossenen Ver-
trage.
Jii/itep (St. 604, = PiiiUni)-. ""Bi-in-ti-ti, Assurl).
Cyl. A., 1,99. 134; Stadt in Ägypten.
Biiyäma oder Huja)ii(i (St. 351). "'B(P)u-a-a-nia, As-
surb. I, 99; Fürst von Pinteti.
BukkuiuiHiüHpi (St. 348). "'Bu-uk-ku-na-an-ni-ü-pi,
I. Assurb. I, 94; Fürst von Uathiribi. 2. Assurb.
I, 102; Fürst von Aljni.
Ihikurninip (St. 353)'. '"Bu-kur-ni-ni-ip, Assurb.
I, 105; Fürst von Patmüti.
Apisstele 136,1 76 )i.
oft) 'Imn -iir- dj-sw,
>• .\inon ist es, der ihn
gegeben hat«.
anchistele 18) Pr-
I}f-iib-l)d{-f), Mendes
(wörtlich: »Haus des
Widders von Dd«).
I±3^
T"
(Pi-
anchistele 18, Turin
Nr. 93, vgl. Berlin
8806) Bk-n(j)-nt{^)f,
» Diener des Windes « .
KjCK I', V
AAAA V\-a ^ / . I J .
Florenz, Cat. Schiap.
Nr. I ■jo^)Bk-7i(_j}-rnf,
»Diener seines Na-
mens«.
' Wenn .so /u lesen ist, könnte, worauf .SpipRelherii; mich aufmerksam macht, eine
Wicdergal)e des Namens 'Ich-tir-dj-sir (7.. H. München, Antiq. 44) »Der Mond(gott) ist es, der
ihn gegeben hat- vorliegen.
' Da griechisch eeNAHTic (in ecseNAHTic) als die Aussprache von b!-nb-Dd(-() bezeugt
ist, möchte ich annehmen, daß wir aus den beiden \'ariaiitpn Pinteti und Binteti ein gehörtes
ägypt. 'tHbinteti zu rekonstruieren haben, aus dem durch haplologische Silbeueliipse die beiden
as.syrischen Formen ent.standen sind. (Ktwas anders Steindorff, a. a. ().)
' Aus Biikumitnp haben wii-, wie ich glaube mit Sicherheit, 'lhil-(k)mirJnip zu i-ekonstru-
iercn. I)ie in babylonisch-assyrischen Worten niciit vorkomuiende Konsoiiaiitenfolgo mr hat dein
Schreiber der »Annalen- oder seinem Gewährsmann offenbar .Schwierigkeiten in der .\ussprache
gemacht. Daher die Umstellung von n und r. Hellend mag ihm dabei auch ein assyrisches
liukur (stat. Cün.str. von bukru »Erstgeborener») vorgeschwebt haben, vvodurcli zugleich die \'cr-
doppelung de.s k verhindert wurde. Dei' Gott -Ninip', den Steindorff (S. 353) noch zweifelnd
4*
'28
H. R A N K K :
Harsifch'e.sn (St. 350) '. '" H<tr-.si-ja-c-su, Assurb. 1, 98;
Fürst von Zabnüti.
Uaiilhu. '"IJar-ti-bu-u, .lohiis 763,6 (vgl. Bd. III,
S. 537, dort von -lohiis .schon mit S3Pnn zu-
sammengestellt); unter ägyptischen Namen.
hdsdja. ■■"""'"ha-sa-a-a. Johns 307. Obv. 3 ; Bezeich-
nung des Anmrtese(y), des GroJ3vaters der Sklavin
von Siliä 2.
Ualh{a)nha, gath{i)rihi (St. 601). ""Ua-at-ha-ri-ba,
Assurb. II, 1 8 ; "'"Lla-at-hi-ri-bi, Assurb. 1, 94 ; Stadt
in Ägypten.
JJiinunl (St. 608). ■''" IJi-mu-ni, Assurb. I, 107; Stadt
in Ägypten.
^^jj ^ (in der Sj)ät-
zeit sehr häufig) Hr-
s}-S§(-t), ■» Horus, Sohn
der Isis«.
cueil 25,194) llr-U-
IhX't), »Horus des Bau-
mes«.
If 1] I) ^-V'^ "selig«, (ei-
gentl. »gelobt«, Bei-
wort der Verstorbe-
nen) ^
ih, Athribis(\vörtlich :
»Haus des in der
Mitte gelegenen Lan-
des«).
zz~^ HtiDiio. Hernio-
© ^
polis.
lieranzog, i.st aiiszusclialteii. Wir wi.ssen jetzt (vgl. Clay, Business Documents of MiiraSü Son.s
[^^ Bab. Kxped. of the Univ. of Fennsylv. Sei-. A, Vol. X], S. XVIII f. und Journ. Anier. Orient.
Soc. \o\. XX\'III), (laß der sunieriscli NIN.IB geschriebene Gottesname semitisch ganz anders
ausgesjjrochen wurde. Daß übrigens p*.« »Namp« vor Suffixen rin vokalisiert wurde, ent-
s|)i-iciit nur dem, was wir auch sonst von der koptischen Vokaiisation wissen (vgl. Steindorff,
Grammatik'' § 28 Anm.); auch ist das Wort mehrfach vor Suffixen als pitt« erhalten (vgl.
pinT ÄZ. 21,99; pjnoy ^^- 38,82, Z. 20). Zur Vokaiisation von bk vgl. Bokonchmic (Pap.
Leyden N Col. 11, 10) und zu chmic als Bezeichnung einer Gottheit (?) Spiegelberg, Eigen-
namen, S. 44 und Griffith, Rylands Papyri III, 158 Anm. i.
' Vgl. S. 83, Anm. 7, und ÄZ. 31,63.
^ Für die Zeit der 26. Dynastie kann ich hsj in diesem Gebrauche nicht V)elegen; in
ptolemäischer und römischer Zeit kommt es (und zwar gewiß nicht nur als Bezeichnung Er-
trunkener, vgl. Griffitii, ÄZ. 46, I32ft'.) häutig so voi' (vgl. auch nian in demselben Sinne in
einem aramäischen Texte dei- Ferserzeit, Spiegelberg, Ägypt. Sj)rachgut S. 18).
Kcllschrlftliches Materhl zur aUäyyptischen Vokalisdtinn.
29
IJiiiiidi (St. 602). "'"Ui-ni-in-si, Assurb. I, 95; Stadt
in ÄgypttMi.
IJurii. '"IJu-u-rii, I . Jolins S5 I, IV, :; : äi,'yptiscIioi'
Sclireibcr {\^\- Meißner, AZ. 40,145). 2. Johns
763,9 (vjrl. ])(!. HI, S. 537); nnter iigyptisclieii
Namen.
.I(iru!ü (St. 612). '""'.la-ni-Mi-M, III H;i\vl. 2S,32
Fluß, den Tarkü von Ni^i aii.s iihorscliiritet.
Ihiii siehe Ahni.
IplihurteSu (St. 352). '" Ip-ti-ljar-ti-e-sii, Assurl). I,
103; Fürst von Pihattihürunpiki.
Islmpri oder Wiiibri,'\ *'"Is-liup(l))-ri, Assarliaddon-
stele von Sendsehirli, Rs. 38; Stadt in Ägypten,
von der aus Tarkü in 15 Tagen Memphis er-
reicht.
L^iiiKitii (St. 354). "'ls-pi-nia-|a|-lu, A.ssurb. 1, K).S :
Fürst von Tajani.
]i.mp
(/.. B.
Sokarislitanei 5 1 )
Hnn-.UnJ(?}, Hera-
kleopolis magna'.
Wi (sehr häufig) ///■
(Abkürzung eines mit
dorn Namen des llo-
rus zusammengesetz-
ten Namens).
'(z.15.
10 (2
AV^AA^
n
Anast. 8,3. 6; Harris
1, 1 0,9 usw.) 'I(t)nü-<'^,
»großer Fluß« (Be-
zeichnung des Nils).
MiHP "•■"■'■'"'■
lein I 2 1 9) Pf/j-nr-dj-
.s'm), »Ptah ist es, der
ihn gegeben hat«.
n
g>(A/...ii,
127) Ns-])l-iiidir\
«zuui (göttlichen)
Stabe gehörig«.
' \'j»l. Gi-iffith. Kylands Papyri III. 220. Aniii. 14.
' Dem Ziisaiiiinetihatifi nach kann nur eine äij;ypti.sclic Stailt fi;i'i"<'i'it ■'^'■i"; wir werden
.sie im Hella, an der Nordo.stgrenze des äf^yplisclien Reiches, zn suchen haben.
' Die.se Gleichung (sf) schon W.Max Müller, Ä/.. 31. i 27. vgl. .S|)iep;ell)erf!;, Hecneil 25. 184)
hat der von Steiiidorfl' (a. a. O.) gcmennher den N'or/.iif!;, <laß as.syi'isclieni /, wie e.s sich geluirt,
ein äftypti-sche-s d entsiirecheii würde. F)a.;;e!;en will der \<)kal zu gi-iech. GcnMHTic nicht recht
pas.sen (vgl. unten S. 81, .Anin. 3).
30
II. R A N K K ;
Kipkipi (St.. 6 1 1 ). ■''" Ki-ip-ki-pi, Assiirb. II, 3 7 ; Stadt
südlich von Theben.
Küsl, Ktlsu' (St. 593). ""'"Ku-u-si, Assurb. 1. 53,67.
78. 114. 123; 11,28,45; Assarliaddonstele von
Sendschirli, Rs. 38,45; III Rawl. 28,1 5. 28. 30.
38; 29 Nr. I obv. 3; 35 Nr. 4 obv. 3; '"""Ku-ü-.su
II Rawl. 53, 1 3 b ; V Rawl. 1,14; '"""Ku-si, I Rawl.
48 Nr. 4,2; 5,5.
Larruntu (St. 353). '"La-me-in-tu, Assurb. 1, 107;
Fürst von ^imüni.
''Mantlmehe (St. 354!'.). '"Ma-an-ti-nio-;in(!)-lji-o,
Assurb. I, 109; Fürst von NiU.
Mrtnpl, Mimpi (St.594f.). •'""Me-hn-])i, Assurb. I, 60.
78.83.87.90; 11,25.30; III Rawl. 28,5. 15. 20;
Assarhaddonstele von Sendschirli, Rs.39,4 1 ; "'"Mi-
im-pi, III Rawl. 29 Nr. 2,21; Residenzstadt des
Tarkü. (Vgl. Mernhi, S. 39.)
Nahke oder Nahke (St. 349). "' Na-ah-k(k)i-e, Assurb.
I, 95; Fürst von Sa?anu.
i\aljt{i)hüruanseni(ßt.T,<^2>)- "'Na-ah-ti-ljii-ni-;in-.si-ni,
Assurb. 1, 104; Fürst von Pi!sapti5ä.
r-^n A'(;).y, Nubien.
^.^■=^ (z.B. Flo-
renz Nr. 8069) Mntjr-
m-h3{-tf, »Month ist
an der Spitze«.
^^^\i\, Mn-uf{r),m.em-
phis (wörtlich: »blei-
bend an Schönheit«
o. ä.).
■UJ^% ^ „öl
(Pianchistele 116)
N/jf-Hr-ny-snic, «stark
ist der Horus der
Bäume « .
' \'gl. die SchreiV)iiiig Kusti in einem lialiyloni.sclien Text cTus der Zeit .Assariiad-
doris, S. 39.
' Saclilielie Gründe (\'^\. .SteindoriT ;i. ;i. ().) zwingen zu dieser Gleicluing. .Steindorffs
Annalime, das an sei auf ein ^'e^.seilen des assyiisclien .Sciireibers znrückzutüliren, ist gewiß
liclitig, ob nun seine Krklärung für dieses \ersehen zutrill't oder niciit.
KeilschriftUclws Material zur aUägyptm-Jim Vokali'iaümi
Natljü' (St.. 6oof.). ""Na-at-lju-"> Assurl). T, 92. 97.
:n
mri (St. 596f.). "'"Ni-!i, Assurb. I, 88. 109; II, 23.
31.35.36.44; Festung des Tarkü.
Niharau\ '"Ni-Ijar-a-u, Johns 851, IV, 4; ägypti-
scher Schreiber.
Nihtih'Sarau,NUjll$araii . '^Ni-ih-ti-c-sa-ra-u,Johns307,
Obv. 10; '^Ni-ilj-ti-sa-ra-u, .Tolnis307, Kcv.5 (vgl.
Bd. III, S. 511 ff.): Mutter von Siljä 2.
Nikkit, Nikti (St. 346 f.). '"Ni-ik-ku-u, Assurb. I, 90;
II, 8; "Ni-ku-u; Fürst von Mempi und Saja.
Pahmiti (St. 608). "'"Pa-ab-nu-ti, Assurb. I, 105;
Stadt in Oberägyi)ten, zwischen Pi>apti!ä und
Sijäutu erwähnt.
Pakrüru (St. 348). '"Pa-ak-ru-ru, Assurb. I, 93 ;
Fürst von Pisaptu. (Vgl. ÄZ. 30,63.)
Paturesi {St.l/^l). '"•""Pa-tu-ri-si, I Rawl.48 Nr. 5,5 ; |
Assurbanipal nennt sich König von Mu.sur, Pa- :
turesi und Küsi. 1
I. An. 28,6; 2. Sali.
10,2 usw.) n^-idhw,
Bezeichnung des Del-
tas (wörtlich : >> die
Sümpfe«).
® Nw{?){-t), Theben
(eigentlich «Stadt«).
(Lieblein 1244) Nljt-
>s{-f)-frir, »Isis ist
stark gegen sie (die
Feinde) « .
nig Necho.
(?) ....> ...«/(?•).
cueil 8,162) Pi-krr,
»der Frosch«.
(?)*P/-//-7-.v/; Oberägyp-
ten (eig. »das Süd-
land«).
' Zu der irrigen Bezeichnung von Nathü als "Stadt- an.statt »Bezirk« o. ä. vgl. Stein-
dorff a. a. O.
' Der Name ist gewiß identisch mit kopt. iiioi.pA.-s- (Cruni, Osti-aca), ncigA.pÄ.TP (ÄZ.
16,17); daher ist die an sicii mögliche Lesung Ni-miir-a-u (Meißner, ÄZ. 40,145) ahziilelineii.
In £^&p«^-!r (vgl. griech. apuy in Inapuytoc, I'etrie Papyri 11) steckt wohl l/r-ine; was sich in
111 verbirgt, weiß ich nicht zu sagen. Vgl. übrigens Grii'fitli, Itylands Papyri III, 206 Ainn. 52
.sowie NiAPAYevToc (Genitiv) bei Spiegelbeig, Eigennamen JS. 20'. Kopt. \iA.gpÄ.T und griech.
Naapayc (z. B. f'rum. Catal. Urit. Mus.) sind mit nig*.pA.T wohl nicht identisch.
' Vgl. Griffilh, Hylands Papyri III, 243, ,'\nni. 7.
B2
H. R ANKE:
Pihattihurimpiki (St. 606 f.). ''"Pi-lja-at-ti-lju-ru-un-
pi-ki, Assurl). I, 103 ; Stadt in Ägypten.
Plnteti (St. 604 f. — Binifti). "'"]'i-in-ti-ti, A.s.surl).
1,99. 134; Stadt in Ägypten.
PirSü, Pirhi (St. 342 f.). "'Pi-ir-?u-u, Sargon, Prunk-
insclir. Zeile 27; Sargon, Annalen IV, 145, 11,3;
Winckler, Keilsclirifttexte Sargons, Taf. 44, D30;
Text S. 188; "'Pi-ir-)U, Sargon, Annalen IV, 75.
76; »König AOH Ägypten«.
PlSarnelki (St. 360 f.). Pi-sa-nie-il-ki, Assurb. Cyl. A,
Col. III, 28.
Pisanhuru (St. 347 f.). '"Pi-.sa-an-lju-ru, Assurb. I, 92;
Fürst von Natljü.
PiSaptiiä (St. 607 f.). ■''" Pi-.sap''-ti-)a-a'', Assurb. 1, 1 04 ;
Stadt in Oberägypten, zwischen Piljattihürunpiki
und Pahnuti erwälint.
* Pr-m-hr-nlKf)-prM-t)
(vgl.Steindorffa.a.O.)
» Haus der Hathor,
der Herrin des Kuli-
liauses«.
dd{-t), Mendes.
pr-'^y, Pharao (wört-
lich: »großes Haus«).
OES] ^'"'
fk'
König Psanimetich .
*Pi-SrJ-n-Hr, » djis Kind
des Horus«'.
*Pr-Spdw-n (?; vgl.
Steindoi"ff a. a. 0.),
»Groß-Pr-Spdw« (?).
' Diese Gleicluing ist ohne Zweifel richtig. Nur niüchte ich nicht mit Steindorff aii-
nehuion, daß die Foi'in Pisamelki für genaueres Piiametki stehe. Ich glaube, daß wir es viel-
mehr mit einer Nebenform von *Pikameski zu tun iiaben. Dafüi- spriclit die aramäische Schi-ei-
bung -r«! (vgl. Spiegelberg a. a. 0.), vor allem al)er das neubabylonische Pisamiski (S. 40),
das doch gewiß als Q I ^^\ aufgefaßt werden muß. Der Laut a >, den der Grieche
als t hörte (Yammhtixoc), wurde von Semiten als Zischlaut empfimden (vgl. .S. 92f.). Für
assyr. PiSamiiki (neben bab. Pisamiski) sind wohl die assyrischen Lautgesetze verantwortlich zu
machen, nach denen ein Übergang von ik zu Ik zum mindesten niclits Verwunderliches haben
wiii'de (ein diiekter tibergang von sk zu Ik ist zwar nicht belegt, vgl. aber einerseits i(l>/d>rd
in i-^dud, ildud. irdtid, anderseits den Wechsel von sk und rk in Sisku — Sirku, piiku — pirku usw.).
Die zweimal sich findende Variante '"Tu-ia-me-ü-ki beiuht oftenbar auf einem Verseilen des
Abschreibers (Steindoiff).
* Ich kann den Namen hieroglyphisch nicht nachweisen; vgl. aber griech. YeNWPOC,
YeNYPic.
' So ist anstatt «o/j (.Steindorff) zu le.sen. Ägy()tischem s (1) ent.s[)richt assyrisch immer
.V (vgl. unten S. 91). An sich möglich wäre aucli die Lesung «nft (vgl. Steindorff).
* Die \'ariante "'" Pi-.sap-li-nu-ii beruht offenbar auf einem Versehen des Abschreibers
(Steindorff a. a. ().).
Keihchriftlklws Material zur altäyijptkclu'n Vokalisation.
33
Pisaptu(Si.6o\). "'"Pi-snp'-tu, i\ssurl). L93: Stadt, ! ^Af® (z- B. Traum-
iii Ägypten.
Pviinhu (St. 606). "'"Pu-nu-bu, A.s.suib. I, 101; Stadt
in Ägypten.
Stele, Rs. 1 7) Pr-Spdw,
»Haus des Spdw«.
|, _ (Pianchistelo 3)
Pr-nb, » Goldhaus « .
Pimrii (St. 605). "'"Pu-si-ru, A.s.surb. I, 100; Stadt n rl <2>- [^3:7 ^ ^^^^ 1
in Ägypten
Piitihuru. ™Pu-|i-b»-"-ru-u, .Tolms 763.7 . unter äs^yp- (?
tischen Namen.
(Pianchistele 18) Pr-
Wsirj, Busiris ( » Haus
des Osiris").
I vX yra (in der
Spätzeit sehr häufig)
P>-dj-nr'', "der, den
Horus gegeben hat. ><
Patulu-s/i (St. 349f.: vgl. Pa/.'iias/ii S. ^r>). '"Pu-fu- ! ° ^'^^(z. B.Florenz,
bes'-ti, Assurb. I, 96; Fürst von Sa'anu. Schiap. 16^8) PS-dj-
BLst(-t)\- "der, den
B!st(-t) gegeben Iiat« .
■ Vgl. S. 3a Anin. 3.
' i)a.s langt! ü am Knde i.st allerdings auffallend; man wi'irde * Thiti/iünt arv/avten. N'iel-
leiclit liegt, worauf mich Spiegelberg aufmerksam maclit, ein ägypt. ^v^dr ^"''
wozu dann griech. Cmhto (Wilcken, Ai-ciiiv für Papynisfor.sciiung 1, 405 .\nm.), kopt. ii».g^(oMi')
usw. (PSBA. Ji, 247) zu vergleichen wären. P'reiiieli wäre dann assyriscii von Rechts wegen
eine Andeutung des Ajin (vgl. Firiü) zu erwarten.
' Das Zeichen hat die Werte bis und l/eS; ich ziehe auf (irund der griechischen und
kopti.schen Vokalisalionen die letztei'e Lesung vor.
* Der Name der Göttin ff M lautete nach übereinstiniuiendem Zeugnis der keilsciu'ift-
lichen, griechischen imd koptischen Umschreil)ungen etwa Uhasti oder Ubesti (vgl. S. 47).
Man hat daraus (SteindorfT, a. a. O. S. 349f., Spiegelberg, Kigennamen S. 50*) auf ein anlauten-
des IC gesciilossen. Ein solches w findet sicii aber, selljst wo der Name als Bl.it(-t) phonetisch aus-
geschrieben ist, niemals, weder in hieroglyphischen noch hieratischen Texten. [Die von 8[)iegel-
berg zitierte Stelle (Mitteilungen der Vorderasiat, üesellsch. 1900) ist für die Frage belang-
los, da das von \V. Max Müller als w gelesene Zeichen (es scheint, worauf mich Möller auf-
merksam macht, kein ic zu sein) offenbar den Schluß des Blit(-f) voi-angehenden nicht ei-
haltenen Wortes bildet.] Ich möchte darum annehmen, daß der Name Blst{-t) mit einer Doppel-
konsonanz begann und in älterer Zeit etwa ''bitist'{t) ausgesprochen wurde. Dius Alef ging dann
Phü.-hist. Klasse. PJIO. Anluiny. AOL Jl. h
u
IT. R A N K E :
Puturnhesu. '"Pu-tu-um-lje-e-su. J0I111S307, IJev. 17
(vgl. Bd. III, S. 515); Zeuge in einem zwisclien
Ägyptern nbge.schlossenen Vertrage.
Putu-Pardi (vgl. Pudii-pljaü S. 3 7 ). '" Pu-tu- ''" IVi-ti
Johns 307, Linker Rand 2 (vgl. Bd. III, S. 515);
Zeuge in einem zwischen Ägyptern abgeschlosse-
nen Vertrage.
Soja- (St. 597 f.). ""Sa-a-a, A.ssurb. I, 90; II, 16.
Susinku (St. 35 i). '"Su-si-in-ku, Assurb. I, 100; Fürst
von Pusiru.
SaSanu (St. 598 ff. = Si^inu?). Sa-'n-nu, Assurb. I,
96,134.
Silinu oder Se^enu (St. 598 ff. = Sch'anu?). "'"Sl-U-nu,
Assurb. I, 91,134.
.5?///« (St. 353 f.). "'Si-lja-a, i . As.surb. I, 106; Fürst
von Sijäutu. 2. Johns 307. Vs. i 2,14; Sohn der
Nihti-e.sarau.
Suiiasu oder Su^o.sii. "'Su-u-a-su, Johns 851, IV, 5;
ägyptischer Schreiber (vgl. Meißner. ÄZ. 40,145).
(?) ° -®^ (Berlin
ii858)Pi'-rt)-i»//-Ä^y',
«der, den M?-hs! (der
löwenköpfige Gott
von Aphroditopolis)
gegeben hat«.
^ ^ (z.B.Pianchistele
19) S}{-t), Sais.
mm ^ M ^'': ^-
Pianchistele 1 8) Ssnk.
^ _ (z.B.Adopt.d.
Nitokris 7 , 25 ) Dcn{-tf,
Tanis.
ci AA^^A^
"^ ^ ^ (in der Spät-
zeit sehr häufig) ; ,(^?|
(z.B.LouvreD8)i)(£?)-
lAi-y.
C^rDif^-w^dji-ty.
wohl iVüli verloren, und das /.uischen zwei \okalen stehende b nSlierte sicli mehr und mehr
einem labiodentalen (so vielleiclit in griech. rieTOBACTlc usw., kopt. TOTpor&ec^) lizw. hiia-
bialen w (vj>l. nb. Patuastu, kopt. to-s-Ä-c-)-). Kba.sti(b7.w. Kwasti) wurde dann zu Ubasti (bzw. Uwastl).
' So nach einer ansprechenden Vernuitung von Schäfer.
••' Vgl. S. 64, Anm. 8.
^ Vgl. S. 71, Anm. 3.
' Wie ist der Name zu erklären 1'
' Man würde Su^asü erwarten (vgl. aber S. 65, .\nm. 10). Ich kann diesen Kurznamen
{-Widj-t spricht [und er lebt]«) freilich ägyptisch nicht belegen.
KfiLschriflliches Material zur aUäyyptiscJien Vokalisation.
H5
.WwAtm (St. 360). '"Sa-ba-ku-u, Assurb.ll, 22; Vateiv CjjLX^tjl Shk{ri),
des Urdamane.
Sahpimäu oder Sihphiidii. "'Salj(silj)-pi-iiia-a-u,J()lins (r
307, Rs. 9 (vgl. Bd. III, S. 5 I 5, dort sdioii mit
aram. ifi'EntJ zusammengestellt'): Zeuge in eineni
zwischen Ägyptern ahgescidosseiien Vertrage.
Hljautn (St. 608). ''"Si-ja-a-u-tu, Assurl). 1, 106;
Stadt in Ägypten.
Tajuni'^ (St. 609 f.). "'"Ta-a-a-ni, Assurb. I, iü8;
Stadt in Ägypten.
Tapnahü (St. 352). '"Tap-na-ah-ti, Assurl). I, loi;
Fürst von Punübu.
König Schabaka.
'(vgl. Spiegelberg,
Aram. Sprachgut.
S. 14 Anm.5) T>-IJp-
tiuw, »Apis packt sie
(die Feinde)«.
^^-^\z.B.Totenb.
ed. Nav. 125,33)
Slwtj, Siut.
chistele 2) Tsf-nht,
»seine Stärke«^.
Tarkü (St.345f.). '"Tar-ku-u, Assurb. I, 53. 55. ( ^ ^
78. 83. I I I . I 2 I . I 23 ; II, 20; A.s.sarhaddonstele
von Sendschirli, Rs. 37; '"Ta-ar-kvi-ü, Knudtzon,
Assyrische Gebete an den Sonnengott; I, 68,12';
König von Musur und Küsi.
TuSamelki siehe PiSairiplki.
U/}nt siehe Ahm.
j Thrk, König
Taharka.
i
' Die Zusammenstellung von Sa(i)f!j)imäu mit arani. ri-snr .scheint aucli mir unahweislicii.
Spiegelberg will in dem aramäischen .Vainen ein Jigypt. Ti-IIp-imtc erkennen, wobei mit Hiii-
hlick auf die as.syrisehe Form die starke Vei-kÜT-ziiiij; von (//) (kopt. o».n) immerhin auffallend
bleibt. Johns liest (wohl durch die aramäische Form beeinflußt) Sahpimau; das /eichen hat
aber (außer den hier wohl nicht in Bctiacht kommenden Lesungen kit und Hl) niu' die Werte
nah imd sifj.
' Oder Tätani, weniger wahrscheinlich Tainini; Steindorffs Identifizierung dieses N;iineiis
mit ägypt. ^'^^^ (/.. B. Louvre (' 1 16), a^^vw {■/.. 1>. Lt-ydeii \', 94), griecii. 9ic (Genitiv Qinoc, vgl.
WO Ci ©
9iNiTHC), kopt. -rill ist wegen der veischiedenen Vokalisation docii wohl aufzugeben.
* Kurzform aus Namen wie *^lmn-i;f-nht ..\mon ist seine Slürke- (vgl. nb. Amünu-
fapiinahti, S. 38 imd Kieasted, Kecords 1\'. HiH).
* In einer babylonischen Kopie aus der Zeit Assarliaddons.
:}6
H. Rank k
Unauiunu (St. 350). '"U-iia-niu-iiu, Assurl). 1, 97 ;
Fürst von Nutljü.
Ihm (St. 6iof., vgl. Ana, S. 8). ■''"U-nu, Assurb. II,
23: Stadt in Ägypten.
Urddiiiane oder Urtamane. "'Ur-d(t)a-ma-ni-e, As-
surb. II, 22. 29. 34; Soliii und Nachfolger des
Sabakü; Schvvestersohn des Tarkü'.
IhihanSa. '"U-si-lja-an-sa, .lolms 763,4 (vgl. Hd. III,
S. 537, unter ägyptischen Namen).
IJ^anahuru. "'U-sa-na-I_iu-rii, Assarhaddonstele von
Sendschh'li (V S I, 7 8 ff.), Rs. 43 ; Sohn des Tarkü '.
Zalmüti {St. 60 iL). ■''"Zab-nu-[u-]ti, Assurb. I, 98.
^"ö'^^^^ (in der
Spätzeit häufig) Wn-
'lmn\
k ^ 'l(u:)nir, Heliopolis.
Leyden W I 2, Louvre
( ,' 222) WdS - Uiviw,
»Chons ist gesund(?)«
II
K. Vielleicht Ägyptisch
Bal)ylonische, Umsclirift.
Air. '"A-te-e, Johns 307. Linker Rand 3; Zeuge in
einem zwischen Ägyptern abgeschlossenen Ver-
trage.
es.
© (z. B. Pianchistele
115) T/'-^itir), Seben-
nytos.
Ägyptische Sclireilmng.
' Diese Gleichung ist zweifellos richtig, trotz Steiiidorß', a. a. 0. S. 350. Wie ist der
Name zu erklären?
SD
^ Die Gleicliset/.ung dieses Namens mit dem des Aetiiioperdvönigs ( [
Tmct-lmn beruht lediglich auf sacidich-histonsclien Gründen (vgl. Steindorrt' a. a. O.). Lautlich
ist sie nicht zu rec.litfertigen. Das Zeiciien ur hat auch die Werte lik(g, Je) tmd tai, die etwa-s
seltener sind, theoretisch alier auch in Betracht kommen könnten. Dagegen ist der bisher an-
genommene Lautwert /f7« (sn noch Delitzscli. Handwörterbuch S. 239b) aufzugeben. An den
von Delitzsch zitieiteu Stellen ist .■<i-ia.i (vgl. die Schreibung xi-ia-as, King. Magic Nr. 9,41),
nicht xi-lan zu lesen (die übrigen Kälh;, in denen Guyard — Notes de lexicograpliie assyiienue,
S. 112, §118 — das Zeichen wr ebenfalls tan lesen wollte, brauchen heute nicht mehr ernsthaft
widerlegt zu werden). Wie nun aber l'rdamanf und Tnwt-lmn sich zueinander verhalten,
vermag ich nicht zu sagen.
' Er wird, wie mir I'ngnad mitteilt, in derselben Schreibinig auch auf der Inschrift
.\ssarhaddous am Nahr-el-kelh erwähnt.
Keihchriftliclies MalerUd zur altäyyptischen Vokalisation.
37
All. '"A-ti-i, .lohns 307, Ms. i 1; unter ägyptischen
Namen.
Banitu (vgl. KarhnniU). '"Ba-ni-tu, Johns 307 , Rs. 1 6 ;
Zeuge in einem zwischen Ägyptern abgeschlosse-
nen Vertrage.
Iiard{t) ihi oder tiiurd(t) iln. ljar(mur)-d(t)i-bi, Johns
851, IV, 2 ; Bezeichnung von 3 Leuten mit ägyp-
tischen (?) Namen. Dem Zu.sammenhang nach
vielleicht Bezeichnung einer Priesterklasse'.
Karlmnitl (St. 595 f.)"'. "'"Kar-ba-ni-ti, Assurb. I, 77 ;
"'"Kar- "•'Baniti(ti) Beitr. z. Ass. I, 596 Anm. ;■;
Stadt, bei der die Truppen des Tarkü geschlagen
werden.
K(irme>uni. "" Kar-me-u-ni, Johns 307 , 1 4 (vgl. Bd. 111,
S. 515); Zeuge in einem zwischen Ägyptern ab-
geschlossenen Vertrage.
7nu7'd{f}ifH siehe hard{t)ilH.
Pudupijati {vgl. Puhi-Pdiiti, S. 34). '"Pu-du-pi-ja-ti,
Johns 99, Vs. 3 (vgl. Bd. Hl, 8. 1651'.); vgl. Putu-
PaUti.
Putirnäni . . . ""Pu-ti-ma-a-nil. . .|, Johns 763,1 i
(vgl. Bd. in, S. 537f.); unter ägyptischen Namen.
Putiieri . . . '"Pu-ti-.se-rif. . .|, Jolins 763,13 (vgl.
Bd. III, S. 538); unter ägyptischen Namen.
Ra^si: oder RaSusi. '" Iva-a)(>a)-si-i, Johns 851, III, 1 3 ;
ein li^irti^i» unmittelbar vor ägyptischen Schrei-
bern erwähnt.
(•=')
(?)°
,, P;.,lj.
' Vorher werden Bescliwörer (maimage), Seher (bärr), Ärzte {■! äse?). Magier (kale)
und Vogelschauer (dägil ixsüri), nachlier -(h-ei ;igyj>li.sclie .Schreibt^' erwiiliiit. Der ganze Text
besteht au.s einer .\M(V.äIihing von l'ersoiieii. .\n die b;-si: i-j-j-^n (Gen. 41, 8; Kx. 7, 1 1. 22 usw.)
darf wohl nicht gedaclit werden.
'' Ob diese Stadt in Ägypten lag, i.st nicht zu erweisen, doch ist es nicht unwahr.schein-
licli. Wenn ein ägyjiliseher Name vorliegt, könnte man an eine Zusammensetzung mit dem
Namen der Göttin Neith denken. Die Schreibung mit ''"BanTti wäre dann assyrische N'olks-
etymologie (Steindorif ) ; vgl. übrigens oben Banitu. Sollte vielleicht auch das aramäisch er-
haltene n. pr. rc3 hierher gehören 1'
HS
H. K A N K E
Si/j>eoderS/p>c (St. 3 39 ff.)- '" Sib(p)-)C-e, Prunkin.sclir.
Sargoiis, Zeile 25 f. ; IJotta, Monuments de Niuive
IV, I 22,20; 145, 11, 1,2 ; "'Sib(p)-?e, Annalen Sar-
gons, Zeile 27,2g; Botta IV, 71,1.3; »tartanu«
von Ägypten.
Sihü (vgl. Si/iä). '"Si-lju-u, Johns 851, IV, i; ein
hartibi, luuiiittclbar vor ägyptischen Schreibern
erwähnt. (Vgl. S. 71, Anm. 4.)
SuinaSse {?). "'Su-ma-as-se-e(?), John.s 763,10 (vgl.
Bd. III, S. 537); unter ägyptischen Namen.
/ 'iiuiintha . . . '^Um-mat-ha- [an?? -sa??], Johns 763,5 ;
unter ägyptischen Namen (vgl. nb. Ammat-Esi?;
S.41?). '
J ^n§ar(l{t)i . . . oder Unsar(1(t)i . . . Un-sar(sar)-d(t)i-
[ ] Johns 763, Es. 2 (vgl. Bd. III, S. 538);
unter ägyptischen Namen.
, nd
III. Aus neubabylonischen und persischen Texten (6. undö. Jahrh.v.Chr.)'
A. Sicher Ägyptisches.
Babylonisclie Uinschrift.
Amunutapunahti. '"A-mu-nu-ta-pu^-na-ah-ti, Straßm . ,
Dar. 301,18; Vater des Patniptemu.
Ägyptische Sclireibiiiig.
Umn-tSf-nht^ , »Amon
ist seine Stärke«.
llaphnenna . '"IJa-pi-me-en-na*, Straßm., Camb. 85,5 ;
Sohn des Pi.samissilu.
(z.B. Se-
rapeum 413) Hp-mn,
»Apis bleibt«.
' Für die Abkürzungen der zitierten Publikationen vgl. S. 5 und Anm. i — 4. Für eine
Kollation der in Camb. 85 und Dar. 103 enthaltenen ägyptischen Namen bin ich Hrn. Hr. L.W. King
vom Britischen Museum zu Dank verpflichtet.
^ Die Lesung ist nach Kings Kollation zweifellos. Wir haben hier eine der wenigen
sicher fehlerhaften Wiedergaben; hinter dem p ist (wie auch ass. Tapiia/ili zeigt) gewiß kein
Vokal gehört worden.
' Ich kann den Namen ägv[)tisch nicht belegen.
* So ist nach Kings Kollation zu lesen, anstatt Jlapi(Ii.ibal/a(?), Tall(|vist, Namenbuch
S. 66 b.
KelMirlftUches Material zur altäijypti'ichi'n Voknli^atlon.
:?9
Kun^uufii. '"Ku-im-u-is-;i, (;i;iy X', 65,3; Sohn des
Na5a-Esi.
\KüSu. '"""'Ku-ü-su, Knudtzon, Assyr. (Jelx'to an
den Sonnengott I, 68; II, i74iT.'|
Meiiibi. Me-im-bl, Bah. (;]n-onik IV, 26 (Zcitsclir.
fiir Assyriologie, Bd. II, S. 160 und 167).
Memphis.
Na^a-EsiL "'Na-5a-""P:-si, Clav X, 81,1 7 ; Sohn d(>s ' (?) i\7-f7-;;(-/). »Isis ist,
Paniünu; "'Na-5a-"''E-si-i?, Clay X„ 65,3; Vater groß«-.
des Kun-uisU.
NahhihappiL '"Na-ab-tü-ha-ap-pi-ü, (Hay X,.' i i 3, i 8 ; j *Nht-Hp'\ »Apis ist
Vater des Ug(k, k)-bappi!.
Pamunu. "Pa-mu-nu, i . Clay X, 8 i , i 7 ; Vater des
Na!a-Esi; 2. Clay X,, 104,9.
Pani-EsU (^). ■"Pa-a'-ni-''"K-si-i!, Clay X, 129,18
Rand.
0^
stark « .
{■/.. H. Turin
20) Pi-[ii-\liiin. »der
des Anion«.
Pata-Esi; (?, vgl. Pal-KsU tind Palnni-ExU). '"Pa- (?) ° j|^^ ('" '^^r
ta-''"K-si-i? (oder '"Pa-ta-an-K-si-i:?^'), Chiy X, Spätzeit sehr häufig)
39>i4- 1 P/-rf/-/Ä(.0, »der, den
I Isis gegeben hat«.
' Der Text ist eine hal)ylonisclie Kopie aus der Zeit Assarhacldons.
* So nacii einer \'eriiiiitiin}5 von .S|)iep;elberg, der die von Krinan AZ. 44, 1 1 2 zitierten
»-^ usw. (allerdinj^s sätntlicli Fraueiinainen !) ver-
gleiclit. Vgl.aucli ''K (1 rvffl' Aiigeio Mai, Catal. dei Papiii l'^giz. della Bibl. \'atic., Ronia 1825,
8.16 u. Tafel 3, Nr. I (ebenfalls Name einer PVan).
' Ich kann den Namen ägyptisch nicht nachweisen.
* Schreibfehler, anstatt ta?;*
' Das Zeichen nn kann auch ilu gelesen und als neterininativ für >Gott' aufgefaßt
werden. Ich habe diese Lesung hier vorgezogen, da Hsi in nl). Namen sonst meist mit
dem neterminativ ilu geschrieben wird. Vielleiciit wollte der Schreiber aber aucii Pa-ta-an-
•'"E-ni-ii schreiben und hat das zweite an verge.ssen.
40
IT. Ranke:
Fatani-Esl^, Patan-EsU (vgl. Pata-EsU). i. '"Pa-ta-
ni-""E-si-n, "Ta-ta-ni-E-si-ü, ClayX, 15,15 und
oberer Rand. 2. "'Patan-""E-si-i5, ClayX,, 91,3.
6. 1 1 : Sohn des .... ua.
(z. B.
Pai-EsU (vgl. Paia-Esi). Pa-at-"''E-,si-i;, Clay Vol. X„
65,23, oberer Rand; Solin des .... ua.
PatmUustü, Patmustü. '"Pa-at-mi'-us-tu-u, Straßm.,
Dar. 301,28; "'Pa-a(-niu'-us-tu-u, ib. 33; Sohn
des Pisainiski.
Palnipteinu. '"Pa-at-ni-ip-te-e-mu", Straßm., Dar.
301,18; Sohn des Amünu-tapunahti.
Patiinstu (vgl. Putvhesti S. 33).
Straßm., Oamb. 85,17.
'Pa-at'-ii-as-tü,
Pisanii^ki (vgl. Piidriiplki, S. 32). i . '"Pi-sa-mi-is-ki^
Straßm., Dar. 30 1 , i 7 ; Vater des Pägapäta. 2 . ""Pi-
sa-''nili(?)-is(y)-ki(y)J, Straßm., Dar. 301,28; Vater
des PatmiJustü.
L-a I i^:
Brit. Mus. 2 ; vgl. auch
Spiegelberg, Aram.
Sprachgut, S. 12,32a)
Pi-dj-nj-^s{ -t), »der,
den Isis mir gegeben
hat«.
»der, den Isis gege-
ben hat«.
Berlin 320) P>-(fj-
lmn-slnj\?)-t>wj, » der,
den Amon, der König
der beiden Länder,
gegeben hat«.
* Phdj-Nßr)-tm\ »der,
den Nf1[r)-tm gegel >en
hat«.
^K'^ (z. B. Flo.
renz, Schiap. 1658)
P;-dj-Bkit{-t), »der.
den B?st(-t) gegeben
hat«.
zeit häufig) Psmtk,
Psammetich.
' Die Lesungen (vgl. Tallqvist, Namenhiicli 8.17513) sind durch Kings freundliche Kolla-
tion gesichert.
■■* So ist nach King zu lesen, an.statt Adnipfe . . . Tallqvist, Namenbuch S. 3 a.
' Ich kann den Namen hieroglyphisch nicht nacinveisen.
* Die Lesung (vgl. Tallqvist, Namenbuch S. 170b) ist nach King gesichert.
•' So ist nach King zu lesen, anstatt Pirmisdi, Tall(|vist, Namenbuch S. 171b.
" So nach King d(Hitlich. Von dem folgenden Zeichen ist nur noch einWinkelhaken zu sehen.
KeilschrlftlicJies Material zur altnyyptlschen Vokallsatlon.
41
Piiamiiülu. "'Pi-sa-mi-is-si-lu', Straßin., Camb. 85,5 ;
Vater des IJapi-meiina.
Take . . . 'Ta-lji-e [ ], Straßin. , Dar. 301,30; ^ 'D- . . . .
unter Ägyptern erwähnt. |
Ti/iutkirla,'is,Ti./iut^artesr. '"Ti-Iui-ut-ar-ta-U-is. '"Ti- ^Ö^^'^^ri (z. R.
Iju-nt-ar-ti-e-si, Ililpr. und Clav IX, 8 1,1 2 : 82.12; Louvre.oluieHezeicli-
Vater des Aniurkiki. nung, Totenstele,
Spätzeit) IJhwij-llr-dj-
iw, »Tliot ist es, der
iliii gegeben lint«.
Uk(k, >j)ljappl!. ■"Uk(k, g)-ha-ap-pi-i;, (Jlay X^, i 13,18:
Solm des Naljtu-ljappü.
1:
')^'
llp.
R. Vielleicht Ägyptisches.
15;il)yl<)iiisclit! Umsclirift. Ai^ypli.sclic Scliri'iliiiiig.
Amat-Ksi, A?ni/ial-Esi] (vgl. ass. Thninal-Ijim . . .).
•^A-inat-""E-si, Ain-inat-''"E-si-ir\ ClayX,; Schwe-
ster des Ilhilata.
Ainurkild\ Urkiki. "'A-niur(hiir)-ki-ki, '"Ur-ki-ki,
Hilprecht und Clav IX, 81,11; 82,20. 21 ; Sohn
des Tiljut-artaüs.
Banw/jti^ oder MainahtiL "'Bar(IVIas)-na-ah-ti-i^ llil-
preditundCMay IX, i 1,3. 7. 19; vgl. ass.Ta{iiiahti,
nb. Ainünu-tapunahti und Nahtu-hapjü?.
]l/ulain(?}. 'Il-lu-la-ta-a(?) Clay X,; Schwester der
Ammat-Esii.
' 80 nacli Kini;, »nstatt l'isamü; Tall<[vist, Nainenbiicli S. 171 b.
' Hilpreclit he/.eifhiiet den Namen als pecsiscli, oliiie aljei- ein persisclics A(iiiivaleiit
vor/.iischlagen. Ich halte die Gleicliiing mit Gotoptaioc (vgl. besondei's as.s. Iptihnrlesul),
auch wenn Amurkiki sicli als ein persischer Name lieraiisstelleii sollte (vgl. Aiim. 4 und Pi-
■lamiski als Vater des Bäyapäta), für unabweislich.
* Wäre nur die .Sihreibung mit einem wj belegt, so würde man an einen l)abyloni.scli-
ägyptischen Mischiiamen -Magd der Isis- (vgl. jihöni/,. CNr- IVir csir:.'*) denken.; die Schreibung
am-mal .spricht aber doch wohl entscheidend dagegen.
* \'ielleicht ist der Name persisch und dann wold Ahurkiki zu lesen; \^. Ahitrma:da
u[id l'ramizda als Varianten desselben persischen Namens (He/.old, AiluuMncnideninscIiriden
S. 34); vgl. aber auch Pakiki.
FML-hist. Klasse. PJW. An/uiny. Abk. IL G
42
II. Ranke:
Inhute . . . '"In-lju-te- [ ], Straßm.,Dar. 301 , i . 29;
Vater des Saman-napir ; unter ägyptischen Namen.
Tsipataraiü, Isipataru/ü. "'I-si-pa-ta-ra-!u-ii ; ""I-si-pa-
ta-ru-5u-ü, Hilpreclit und Clay IX, 2 8a,4. 7; Vater
des Patiduru?ü (vgl. ass. Niljarau, Niljtesarau?).
MasnaljtU siehe BarnahÜS.
Pakiki. Pa-ki-kiClayX, 84,5. 8; 85,1 5; vgl.Amurkiki'.
Parnahtl siehe Barnahtl.
Patiduru^ü. '"Pa-ti(di)-du-ru-5u-ü, Hilpreclit und Chiy
IX ; Vater des Isipatarahl.
Pntesui?). '" Pa-fi(?)'-e-su, Straßm.. Gamb. 85,5: unter
ägyptischen Namen. (Vgl. Pat-Esi?, S. 40.)
IHtnhirl^ oder PiUihiriS'K ■"Pi-it(t)-i-bi-ri-i!, Clay X,
I 29 passim.
Päi/juru. "'Pi-i-ti-hu-ru', Straßm., Dar. 204,! 1 .I5.
pitufu siehe Sltutu.
Samannapir. '" Sa-man-na-pi-ir, Straßm., Dar. 301,1.
29; Sohn des Inljute...; unter ägyptischen Namen.
Sih(i;'\ '"Si-lja-a;, Clay X, 66,13; 99,3.
.säutu(?). "'"••'" siC^f-tu-tu, Straßm., Camb. 85,3; ein
Teilungsvertrag (?) zwischen Ägyi:)tern wird abge-
schlossen ina puljri"""'"situtu(?) saMisirai; »in der
Versammlung der ägyptischen situtu(?)- Leute«.
»der, den Isis gege-
ben hat«.
•■o?i
LX'lU,{7-).
' \'gl. den Ortsnamen ni^KHK Miiicm».! (Ainelineau, Geogr. 295):' Auch griech. KeKtoc,
Tkeko, TKSPKlKe (alle bei SpiegelUerg, Eigennamen) gehören vielleicht liierher.
^ Nach King, der die Stelle für mich verglichen hat, .probably di (ii), but ki possible.«
Für den Untergang des Alef wäre Pamünu zu vergleichen. Der Name Paßsu begegnet übrigens
noch Straßm., Nbk.459, 14 und Dar. 314,4.
^ Littmann (bei Clay im Index) vergleicht aram. nraHE, das aber nur einen ähnlichen,
nicht denselben Namen wiedergeben könnte (vgl. auch Spiegelberg, Ägyptisches Sprachgut S. 14).
* Die Lesung ist, wie mir King mitteilt, gesichert. An ägypt. '^^. ^ darf natür-
lich nicht gedacht werden (vgl. Patani-EsiS S. 40).
•^ Vgl. ass. iSVAä. Für das in der neubabyloni.schen Umschrift sich findende unorganisclie
Alef vgl. S. 87. Die Personen sind allerdings diu'ch nichts als Ägypter bezeichnet.
° King bemerkt zu dem Zeichen: 'pi is just possible, but it looks like Si written over
an eriusure«.
KeilschrifllM-fws Material zur altäyypt'm-hen Vokalisalion.
4a
Verzeichnis der in keilsehriftlicher Umschreibung erhaltenen
ägyptischen Worte und Eigennamen'.
Ägyptische ScIireitninK.
ji?3 '''^'(•'^-■' ^-N- •
'9' (t>, »Herz.
Keilschrift liclie Transkription.
ass. betont csu in Har-sija-eSu
unbet. rS in Nihü-e^-arau
nb. betont csU in Natn-esii, Pat-esi>, Falan{i)-f'si.,'''
vgl. arain. ""OS
griech. betont Icic, TTeTeHcic, YeNHcic (VV.)
u.sw.
unbet. €c in Gcohpic', Gcoptaic (l'e-
trie Pap. III)
kopt. HC€ (Berliner kopt. Urk. i , II, 5 f.)
(vgl. auch «co-yt-pc, ÄZ. 1890,52).
. [ as.s. )(}((, iln in l{ath{a)r-Tbn, H<ith{l)7--ihi
vgl. AepiBic, *w<»pHfci.
' Erklärung der in dieser Liste gehrauchten .Mjkürznngen: mb. = inittel!jal)ylonisch
(Liste I, S. 7 — 26), ass. = assyri.scli (Liste II, 8. 27 — 38), nb. = neiibftbylonisch (Liste III,
S. 38 — 42). G. N. = üötternanie, K.N. = Königsnanie, O.N. = Ortsname, F. N. = Personen-
name. (Sp.) hinter griechi.schen und ko])ti.schen Namen bezieht sich auf den Index von
.Spiegelbergs »Kigennamen* (s. S. 3, .'Vnm.i), (Gr.) mit (olf^ender .Seitenzahl auf Band III von
Griffiths -Catalogue« (s. ebenda). (W.) hinter griechi.schen Namen verweist auf den Index
von Wilcken, -Ostraca-. Die aramäischen Formen entnehme icli aus Spiegelbergs Aufsatz
• Ägyptisches S{)rachgut in den aus Ägypten stanunenden aramäischen Urkunden der Perser-
zeit«, in der Th. Nöldeke gewidmeten Kestscl)rift (Gießen 1906).
" Zur Lesung mit / anstatt ( vgl. H. Grapow, ÄZ. 46, 107 f.
' Ungnad teilt mir dazu den ebenfalls aus neuhabylonischcr Zeit iibcrlieferten Misch-
nanien AMi-Exii ('"Ab-di-''"K-fi-ii, V. .S. VI, 227,2) mit. Kin ähnlicher Mischname derselben
Zeit ist der Frauenname Uannatn-Esii.
* Die Form Cohpic neben Gcohpic eiklärt sich wohl als .\nalogiebildiuig zu Cminic
neben ecMlNic usw. Theoretisch möglich wäre es ja, in l)ei(Icn Formen ein ägyj)tisches iVi'-ttT(.<)
zu finden, das sich aber hieroglyphisch nicht belegen läßt. N.Tchträi;lich macht .Spiegelberg
mich auf die Stelle, (Jriffith, Rylands I'apyri XXIX, 4, aufmerksam, in der ein demotischer
Schreiber den Namen Gcohpic tatsächlich (birrh X/i-irii-t) wiedoi-geüoben hat (vgl. Griffith,
a. a. (). Bd. III S. 286, .Vnm. 2).
6*
44
D
Q '/-'(•/)' "I'Uxor«
(l^Ji 7;/m, G.N.
'l)iin-Ur-d]-siD, P. N .
r\ ""III r\ [~1 /p
(I (I (3^ l)nn-{in-\ : iiib. Anian^'nppa
II . R A N K K :
ml), «jppw in Avian-appa; oppi in Aiium-appi
vgl. aram. ^ES in "'EXE
griech. Anic, ßnic (Gr. 185, Anm. 4), Awe-
Nü)1>IC
kopt. ji^ne (Berliner kopt. Urk. 35,2, Cruni,
Gat. Brit. Mus. Nr. 378)
(vgl. auch nekjs.nf, n»>orn usw., ÄZ. 39,
130, Anm. i).
mb. betont amänn, amanu, vgl. Amänu{m), Mai-
a/iiana
unbet. aman in Aman-appa, Aman-hatpi, Aman-
mnSa, Aman- . . . ü
ass. betont amünu in Un-niimnu; (?) nmane in
Urd{t)-amane
(vgl. auch AmurtcSe)
nb. betont amunu in Amunii-tapunnhti, Pumünu
(vgl. auch PatniiustTi)
vgl. hebr. 'jlttS (Jer. 46,25)
griech. betont Amoyn (Herod. II. iii), vgl.
neTeAMOYNIC,YeN AMOYNIC (W.)usw. ;
AmMCüN, vgl. 0OIBAMM(ON (W.)
unbet. AMON in AMONPACUNeHP, Amon-
oPTAicic (Gr. 193): AMEN in A«eNa)*ic
(vgl. auch Amyptaioc, TTeTeMec-
eoYc)
kopt. JikAlO-Y«.
(?) ass. Aiunrlesi' (?)
vgl. griech. Amyptaioc. Amonoptaicic ((ir. 193).
iVi-l), P.N.
P.N.
vgl. griech. AMeNü)<*ic
kopt. ne^.MUgj^Tn usw., ÄZ. 39,130, Anm.i.
mb. AinonmaMß)a.
Keikchriftüches Materini zur (iltägyptischen Vokalisallon.
45
H wl I '^ '^ ' "^' "''"*'''^' miistu in Paf-/ii{i}iintu
1 AAAiW« J — t T AAAAAA =— r^-. — ' i — 1 .^
7/««-A'//y(?)-Wtt:;;G.N. : ^S^- g"^<^^- neieMecTOYc.
(1 W 'lmn-htp(ir), mb. Amanhatpi
p_ j^ ' vgl. griech. AweNueHC. ^AweNwo
I kopt. nik.uHg^JvTH (AZ. 39,130, Aiuii. i).
*lmn-lyf-nht, P. N. | nb. Amnnutapumihü.
ö 'ln(w), O.N. . . . : mb. Ana
ass. ?7nM
vgl. griocli. ÜN
kopt. o)u.
ass. r/r in Iptih-ar-U'-üu
(vgl. auch Arnurtf^se)
nb. f/7' in Tihut-ar-tai-s, Ti/jul-ar-fr-si
vgl. griech. op in Gotoptaioc: gp in OeecTePTAic.
mb. rra in Napt-era.
■<ss>~ ir(j), »machen«
faß.
usw. /(/)nü, »Strom«
» Sümpfe « .
<'/, »groß«
fgg^^^^^^WM^N.
vgl. kopt. *w(3revu (AZ. 1 878,1 7)?
ass. ;V//v/ in Jaru-^n
vgl. liebr. ms", is-'
kopt. eioop.
ass. nfhü in Nathü
vgl. griech. aöu in Naoü).
ass. )'M in .l(iru-,'ü, Pir-'n: (?)/r7 in /*i-s(ip/i-ya
(?) nb. 'V/ in Ad-ki-Esi,'
vgl. griech. au in Oapau ; u) in XNOYBUNeBiHB
kopt. JkO in p.wAt.\o ; o In pjf>t>, oA'Xo,
cifpo nsw.
(vgl. auch nÄ.5(o.u(>). m^o(o.wo, l'SEA.
21,247).
(?) ;iss. ijasit in St/-imsi{
vgl. griech. oytoj in Boytu.
46
II . K A N K K :
U-^ ^ 10'^w, "Of-
fizier«.
^ - ^ ö/\ V§^ wnwtj, » G e-
sandter«.
?üra
^^^"^^^^ Vi«-7/Am,
-VWVVS I AA/VW^
P. N.
^^ /or, »groß«
1'^ wjrs, »Kopf-
stütze « .
jI^s^I w*^.V(?) (vgl.
lü-maii, AZ. 46,92 ff'.),
G. N.
«w(r) » stark «
/i;^ K. N.
»■{//,» heil, ge-
sund sein«.
P. N.
'%^ fo, »Widder« . .
mb. weht, jvehu, rveh; ioe{>')a, w'e{i)u\ we; ue[})u,ue.
(?) mb. tipuii.
ass. uti in Un-amUnu.
ass. Ufianiünu.
mb. M7'<rfl, tüir« (oder /ü/;>-a, M'm) in Fawl(e)rn, Pi-
wt{e)ri, pawi(e)ri{?)
vgl. griech. Gcohpic, Ocopohpic usw.
mb. uruSSa.
ass. uMru in Pv^iru
vgl. aram. ■'T'Ol in ■'TClüB
griech. Ycipic, Ocipic, rTereociPic nsw.
kopt. o-ycipe.
mb. wa§ in Was-vivM-RUa
vgl. griech. oyci in Oycimaphc.
mb. Wasmuiarikr
vgl. griecli. Oycimaphc.
(?) ass. iisi in Usi-hama''
vgl. kopt. o'Y'JSi^».
(?) ass. i Lsi/i(m.s-n .
ass. In in Bi-n-leU (für * Pikinfeti?)
vgl. griech. bg in GcseNAHTic.
' \'gl. s. 87 f.
" Ein Wairnar'^a neben Wa.smtiania (\'gl. IMaspeni, Ifeciieil 32, 72 IT.) existiert meines
Wissens nicht.
■' Aram. -ji (Spiesellieri^, a.a.O. S. 8) ist wohl niclit liicrlier v.n stellen. .Semitisch
würde man ein :: als Wiedergabe des ^^ erwarten. Ül)rijj;ens ist der Name riTn vielleicht
nicht vollständig.
KeikchriftlicJies Material zur altäyyptm-hen VokalLfatton.
47
» Baum « .
y^ hjtj, »König von Un-
terägypten « .
G.N.
(?) ass. Im in Har-ti-hii
vgl. kopt. feco »Bauni".
(?) mb. %a in insil)ja.
^^^ß/.sV(.0,G.N.(vgl.
S. 33, Ainn. 4).
«^ >^ hk, » Diener
ass. hinteti in (Pi-?)binßti
vgl. griech. Gcbenahtic
kopt. nf^utfitTH-^ (Amelineau, Geogr. 309^)
ass. m/W^/ in Fut-ul)esti
nb. Wfl.'?/M in Pal-uastu
vgl. griecii. betont in Boybactic, neroYBACTic, FTe-
TOBACTHC, FTeTosecTic (Sp.) usw.
unbet. in Oboctoptaic (Petrie Pap. 11),
OBGCTePTAIC
kopt. o'YßfC'\- in To^j'po-Yfst'CT-^ (Krall,
Rainer S. 72), T.wo-yo'Yfifi^T» (Gruni, (lat.
Brit. Mus. Nr. 529,3), o-y^vc-^ in fco-YA-f^-
(vgl. aucli nÄ.TO-y&Ä^cTÜ, Berliner kopt.
Urk. 78,2?)
ass. hitkku, /mku in Bukku-nanniHpi, Bukurninip
vgl. griecli. bok in Bokxopic usw., Bokonchmic (Pap.
Leiden N, (ol. II, 10)
kopt. 6u)K »Diener«,
ass. BukkunanniHpi.
nU)-ni(^Wo), P.N.
"»^ "'^'^^ Bk-n(j)- a.ss. Buk-ur7iinip {ixir* Hnkiinrmip;\gl.S.2-j,An\n.Ti)
rnf P N ^8 griech. Bokxopic, Bokxupic usw., Boxopinic (Pe-
trie Pap. 111)'.
mb. pa in Pa-h<ir>i-näta, Pu-hura, Pa-njn-inahii, Pa-
irira, pa-irn-i(?); pi in Pi-Iiur<i, Pl-wirl; pic in Pu-
hura (vgl. S. 71, Anm. 1).
ass. pa in Pa-kruru, Pa-tu-resi; pi in ß-pi-/iiStu,
Pi-Sa-ti-liüru
vgl. kopt. ni, n(€).
ßk-
/>/, »der« (Ar-
tikel; vgl. auch
' \'^1. tiriflilli. Rylands I'apyri III, 214 Anm. 4. Zu KX neben x y^\. Mayser, Orain-
uiatik d. griecli. Papyri § 35.
48
H. Ranke:
p>\-n], «dewoii,
geliörig zu«.
P.N.
^¥l!i'^''-*'"-»-"-'
P.N.
i[rj)-n-]Jr, P. N.
°''^'rN^^A'-/.7T,P.N.
}>! - (Ij, » (1er, wel-
clieii . . . gibt« (liäu-
Hgcr Bestandteil von
Eigennamen).
P,'-(/j-'iiiin-itnji?)-t,'iy,
P.N.
Bii({-t), P.N
P;-^/;-
nb. p(i'?) in Pa-kiki(^), P-amUnu
vgl. griecli. ha in TTahcic, fTAMtoNeHC usw. (W.)
kopt. na>. » der von « .
mb. Pawira, Pinnri (oder Pairera, Piirn-i)
vgl. griecli. TTohpic, TToyhpic.
mb. Pahaiiinäld, Pahanate.
(?) mb. Pahura, Piljvva, Puhuro
vgl. griecli. rTxoiPic.
ass. Piianhw'u
vgl. griecli. YeNUPOC (W.), Ygnypic.
ass. Pakrüru
vgl. griecli. FTeKPOYPic.
ass. piii{u) in Putu-Paiti. Pu/u-rnhesu, Puf-nhe.s/i: puti
in Puti-hurü
nb. pat{a) in Patu-nl- ICsU, Pal-]<Jsi>, P<it-)n(i)tislM,
Pat-Niptemu, Pat- Uosln
vgl. hebr. ■^aiE in yns^ciE'
griecli. noTA in TTotacimto (Abusimbel):
neie, hate in TTeTeHCic, TTATeHcic usw.
usw. ; nex in TTeTHCic, FTeTociPic u.sw.
liopt. ncTc in ncTfiio'yTe (ÄZ. 6,66).
nb. Putntimlü, PapinistU
vtrl. srriecli. TTeTeMOceovc. TTeTeMeceovc.
ass. PutulirMi
nb. Patlunxtv
vgl. griech. TTeTOBACTic, TTeTOYSACTic, TTeTOBACTHc
' Vf^l. auch den liebräisclien Mischnainen 5sio-!e. Für ass. und hebr. ptit(u), puti bzw.
^-j-s sowie i^fiech. noTA i;egenübor nb. 7x2/(0) und griech. nAT(e), neT(e) weiß ich keine Erklärung.
Sollten hiei- dialektistlie \'er.sohiedenlieiteii ini Ägyptisciien zugrunde liegeni*
KeiUdiriftlkhes Material zur aUägyptlscJien Vokalisatlon.
49
D
j)5^ p>-<ij-m,
P.N.
D -2x>
P.N.
P^-(ij-m>%<<^,
^j|5^P/-rfi-«/-
D
*P^-dj-Nj\r)-tin\ (J.N.
n
pr, »ll.'ius«
'pr-f'i, » großes Haus«
(Titel des Königs).
O.N.
?§Bi
Pr-i;-
n/j-Dd{-t), O.N.
nb. Pnta>'esi;{?), PapesU, Patesu(?)
vgl. griech. rTeTeHcic, TTATeHcic, TleTHCic, TTeTicic
(Arrian, Anab. III, 5.2).
(?) ass. PutumheSu.
nb. Patan{i)?esU
vgl. arani. X83aE (?)
griech. TTeTeNiHcic (Petrie Pap. III).
nb. PatniptPinu
vgl. griecli. TTeTeNeoeiMic (PSBA. 27,51)-': TTa-
TCYTHMic (Gr. 260, Anm. i).
ass. pir in Pir-^ü; pi in Pi-hntti-hüru-n-pi-kf, Pi-n-
teti, Pi-Sapti-iü, Pi-Saptu; pu in Pu-nühu (vgl.
S. 71, Anm. i)
(vgl. auch PuSfru und S. 83)
vgl. griech. nep in riepxMACciNHiT (Goodspecd,
Greek Pap.IX); *ep in 0ePNOY«ic (Oxyrh.
Paj). III, 142,25; 143,27)
kopt. (n)Hi »Haus«
(vgl. auch imio'Y6, Amelineau, (Jeogr.
349)-
ass. Pir>u, Piriü
vgl. griech. Oapau
kopt. (n)ppo.
ass. PuSiru
vgl. griech. Boycipic
kopt. uo-ycipc (Crum, Rylands Cat. S. 252).
ass. Pinteti, Bintetl (für "Pilßinteü'^)
vgl. griech. Menahc.
' Ich kann den Namen ägyptisch nicht nachweisen (vj^l. al)t>r ^^ A I Njj^c p p ^ .
PSB.A. 8, 88).
' Den Hinweis auf diese Stelle verdanke ich W. Spiegel berj^.
Phü.-hist. Klasse. 1910. Auhany. AUL IL 7
50
n. Ranke;
f\f] phij, »Stärke« . . i
K. N.
D
dj-su; P.N.
UM ''">-'"'■ '-'■''■ ■
(?) pd-t »Bogen« (vgl.
S. i6, Anm. 2).
?rt, »in« (Präpos.)
tn mit Suffix der
3. Pers. Plur.).
^ -^ m;c(.t), «Wahr-
heit« (vgl. S. 871".).
ass. Punubu
vgl. kopt. niuo-Yfi (Quatreniere, Mein, geogr. 1,43).
ass. P'daptu, Pisapü-.
mb. *pa[Hta in M.in-pahi(i'l)l(i-ri>a
vgl. grioch. CeNAHAHC
kopt. nu}€tt».ne!>.gi (Zoega 75,33 ; vgl.(fr.274,
Anm. 4).
ass. Piäamelki
nb. Pisamiski
'Vgl. griech. Yammhtixoc, Yammatixoc usw. (Gr.
201, Anm. 3).
mb. betont {p)tah in Hi-ku-(p)tah
unbet. tah in Tah-mnUi, Tah-maja
ass. unbet. iptih in Iptih-ar-ße-Su
vgl. griech. 0eAC, MeNe*eA, OeAwoNT (Sp.), Kep-
Ke«eA, OennTAic (Gr. 195)
kopt. nTA-j^.
ass. Iptlhartesu.
mb. TalimaSSi.
(?) mb. ?rtß in Pa-ri!a-iiia-hii
ass. ?//^ in * Manti-me-he.
(?) ass. /rtrtM in Sa-hpi-mäu
vgl. aram. TQ in IB'^En©
griech. mooy in Camcüyc (Petrie Pap. III).
mb. muiuiva in [Nhn\-)nu^uwa-nja; 7nü}a (?«w/u/a?)
in {Nim\-mu-u-a-rija : w;«/« in Min-tnu^a-riia, NUh
iim^a-rlia, Was-mu^a-ri^a; muwa in Ni{m)-mmca-
r/ja; mü (muiu?) in Mim-mu-u-rya, Nini-inu-u-
rija; mu in Mim-mu-rija, Nim-mu-rJja
vgl. griech. ma in Aamaphc, Oycimaphc
kopt. M€ : MHi »Wahrheit«.
Ci.N.
)iin, » bleiben « .
f^'^^
(SB ^^»-tW-r^'
K.N.
KeilschriflUcJies Material zur alllujyptischen Vokalimtion. 51
iiüj-fis^, (?) ass. mheAu in Putu-viheSu
vgl. griech. Apmiycic, Apmioycic (Sp.).
1. mb. man{a) in Mannhpirja; min in Min-iima-riht,
Min-pahi(i-i)ta-rTia
vgl. grioch. MEN in MeNxePHC
2. (?) nb. inenna in JJapi-nienua
vgl. griech. Cokmhnic (W.).
ass. Mempi, Mimpi
nb. Membi
vgl. griech. Mew^ic
kopt. Ämrjf (B(;rliner kopt. Urk. 3i,V, 22).
nib. Manaljpirja, Manahpija
vgl. griech. Micophc, Mic<t'PA(rMOYeü)cic).
^ jj Mnfir, G. N. ass. Manti in * Manti-ine-hr
vgl. griech. betont in TTAMtoNeHc (W.) u.sw., 0eA-
MONT (Sp.)
unbet. in AAeNTewHC
kopt. MoitT in pMonT (Berliner kopt. Urk).
Mntw-7n-h;(-t), P. N.
VOO '"{'")/. '•geliel)t«
««;, » erzeugen «
mdir, « Stab "
ass. *Mantimehe
vgl. griech. MeNTewHC (Pap. Par. Nr. 15,55).
ml), villi in Miii-Aninnn
vgl. griech. mai in Maicngypic, MAiewric (tir. 275,
Anni. 6): mi in Miammoyn.
1. ml). waA</ in Hära-i/iaSSi, Nahra-inaSii, Tah-iiui^ii;
iiia^{.s)a in A7nan-ma.^(.i)a
vgl. griech. Amacic, Amucic usw., rfepxMACciNHir
(Goodspeed, Crreek Pap. IX)
2. mb. »ta.se in Ri>n-niaSe-ki
vgl. griech. PAneccHC.
(?) ass. tnatu in iS-pi-inüju
vgl. griech. GcnwHTic.
52
J 1 . Rank k :
' I (1 ^ (^ iiidid, ein
Gefäß.
"^ n»', «die« (Plural
des Artikels).
*N;-n-;s{-t), P.N.
"w^ n{j), Genitivparti-
kel.
nj, »nur»
«?(•/), »Stadt«
nl), »Herr« .
(33 »■
m^<^(-t)-rc, K.N.
I «6, »Gold« . . . .
I^/iCrr-)/,» Luft, Atem«
ml), inazlkdd.
as.s. «?/ in Nahtl-hurv-an-smi; n{a) in Nalhii
vgl. griech. n(a) in Nascü, CNAxoMNevc
kopt. ii.
(?) nb. Na^aSesii
vgl. kopt. UÄ.HCI (Amelineau, (Jeogr. 272)?
mb. na in Salep-na-ri^a
ass. na in Buklcu-}ia{n)-ni>ipi
(vgl. auch Buhirnlnip, P'danhüru)
vgl. kopt. ii (Genitivpartikel), ui in feeuine.
nb. n{i) in Pa-ta-n{i)-Esi)
vgl. griech. ni in TTeTeNiHcic,
kopt. n&.i »mir«,
ass. ««V< in Ni>i
vgl. hebr. SD (Ez. 30,14 — 16 und öfter)
griech. n(h) in Yoycgnnhc
kopt. ne (?ÄZ. 21,103).
mb. nili in NUhutu^a-rHa; vgl. NinnmiUi-rija
(vgl. auch ass. Pinteti, Binteti)
vgl. griech. betont in NexeNieic, NeKTANiBic usw.
(Gr. 300, Anm. 4)
unbet. in XNOYMcoNeeiHB, NeeoAU (Gr.
i73,Anm.2), ApNeBcxHNic(Sp.)usw.
kopt. betont nnfi »Herr«
unbet. ncfi in «cfsHi, nffeioji usw.
mb. Nihniu>arh'o, Nim)iiu{a)rTja, Nimmurjn [Nim\-
tnuy'uwanja, Nim{m)uwanja.
ass. nühu in Pu-nübu
vgl. kopt. no'yfe »Gold«.
ass. ni;ipi in Bukku-na{n)-ni>ipi
vgl. griech. neTeNi«ic
kopt. niqe »Atem«.
hellschriftUrlies Material zur aüäyyptischeii Vokalisalion.
53
I /'/{/•), »gut, scliön« mit. betont nap((i) in Ri!a-näp(n)
unbet. nap in Nap-hii>uru-rfJ<i usw.; nl]) in
Nip-hurri-rija
(vgl. auch ass. Meinpi, Miiiipi)
nb. nip in Pat-nip-tPinu
(vgl. auch Membi)
vgl. griech. betont in Apnoy*ic usw.
unbet. NAoep in Tna^epco (Sp.); Ne'oep
in Ne«epxePHC, Neoepwc usw. usw.;
Ne« in TTeTeNe^eiMic, neTeNe<t>a)THc
ko2)t. betont no-Y^e »gut«
unbet. HJvfetp in Ui\fe«pjo (('nun,
\ Cat.Brit. Mus. Nr. 1 020,1 u.S.522).
I«=i:> nßj-)t, »gut« (Fe- > mb. napl in Napt-fra
mininum von nfr). vgl. NASpe in PcNONABPe (Sp.).
J^H*^ Nf{r)t-irj, \ mb. Naptera.
P. N. j
T T~^ ^ ^f{i')-t"t, i nb. niptnini in Pal-niptcniu
(j_ jij vgl. griech. NeoeHMic (Hermes 22,143), l^ei^ic
(Gr. 189, 260), riATeYTHMic, TTeTeNeoeiMic.
J^ T) "'"*("0j »eine mb. naiusa.
Art Krug«.
^ -^ nht, » stark
.sem «
ass. mihti, nahlu in Nahti-jjuru-an-i^t'nl, Nahtu-lJnp-
pU; nihti in Nihti-ES-arau
vgl. griech. NexeMcoNeHc usw.
T^ nt'l, »Stärke« ass. nahti in Tap-nahli
nb. ruihti in Amünu~tap}(-nu(ili
vgl. griech. in TexNAKiic, Tneoaxocc
kopt. n&.iUTf »Stärke«.
ass. l^'i/jÜiesarau, Nihtiäarav.
}d{-t)-lrw, P.N.
N/U-
*Aht-Ifp, P. N nb. Na/itnhappiy'
54
H. R A N K K :
9
N/jt-Hr-n,'-
ämij, P. N.
■^ (?/).v, »geliörig zu«
AV\/SAA I
ö Ol
ass. JSolitlhuruyanseni.
wrfw, r. N.
1 ?//(?•), «Gott« . . . .
(s III ('>•'"> »gegen sie«
(die Präpos. r «ge-
gen«, mit Suffix der
3. Pers. Plur.).
oJ /i:^G.N.
fiss. /.<■ in Is-pi-mäpu
vgl. griech. ec, ez in GcnwHTic, €cminic usw., 6z-
BeNAHTIC.
(?) ass. iSphnätu
vgl. griech. GcnMHTic.
ass. Nikkü, Nilcü
vgl. griech. Nexuc usw. (Gr. 243, Anin. 7).
mb. nata in Pa-ham-nata
ass. nüti in Pahnuli (?), Zafhnüti
vgl. griech. rTiNOYTic (Sp.), CeNoveic (Sp.), Ccn-
nNoveHC (Sp.) usw.; CeseNNYTOC
kopt. no-yre.
ass. arau in Niht{i)-es-arau, Niharau{?)
vgl. griech. apay in NexeAPAYC (Gr. 196); ap(i)(y)
in Inapuc, Inapcoytoc (Petrie Pap. II)
kopt. ijpoo'yrepoiO'y :i^pÄ>'Y (vgl. mujTcpoo'Y,
Murray, Saqq. Mast. S. 29 und nijis.pA.'y
usw., oben S. 31 und Anm. 2).
mb. ri:(,')a (vgl. S. 87 f.), nja in MimmU-rija,
Min-mua-n{i)a, Min-pahi(ri)ta-rt(^)a, Nap-huiwu-
rtja usw., Nib-mua-n{})a, [Nim]mufuwa-nja usw.,
Niphurri-rtja, ^atfp-na-ri(i)a, WaS-niua-rT{^)a;
n{/)a in Pa-ri{^)a-mahü\ ri{i)a, rija in Ri{>)a-maSe-
ia, Ri(i)a-n(Jp(a), Rija-manu . . . ; verstümmelt, in
Manafipirja, Mmiahpija, Nimmurja
vgl. griech. betont Ph ; ferner in Aamaphc,
MeNxePHc usw.
imbet. PA in PAweccHc, Amonpacun-
eHP usw.
kopt. sah. pH, achm. pi »Sonne«.
KeilschriftUclies Material zur alt(Ujijptu<c}ien Vokallmtion.
55
r®(|]Pl^J ^''-fri^-^, ! öib. RiUimaUeäa
K.N.
P.N.
vgl. liebr. OOWi
griecli. PAweccHC.
inb. Ri^anäp{a).
rn, »Name« . . j ass. V/n 'm Bukunimip (Cnr Bukiinrniip. vgl. S. 27,
Anm. 3)
vgl. griecli. Bokxopic, ArxopiM<i>ic (Oxyrrh. Pap.
VI); OcepiNi[oCj (Gr. 199. Anm. 1):
AxopiNic. BoxopiNic (Peti'ie Pap. III)
kopt. pa^n, piH'* »Name«.
P-, ^^^^Ö i'h<l(-l), ein (?) mb. rahta
Gefäß.
vgl. kopt. pu)£Te »Kessel«.
I rh, »Bekannter«. ' (?) mb. ruhi.
IW
X . rij, »sütllich«
{r)dj, » geben «
I . Infinitiv (?)
2. Relativform (siehe
[]j^ /,?(./), »Haus.
(?) ass. rcsi in Pa-tu-ri-si
vgl. griech. phc in rTAeoYPHC, ^AeuPHC
kopt. pHc »Süden«.
ass. tfi in Jpti/j-ar-tf-su, Aiiiur-te-.if (y)
nb. tili in Ti/jut-ar-tai-s: ti' in Tihut-ar-tP-si
vgl. aram. nD"'t2T3n(?)
griech. Gotoptaioc, Amyptaioc usw.
kopt. ■^, Ta^ev* » geben « .
mb. Iji in Hi-ku-ptah
ass. Art in IJatlj(i)ril>i: halli in Pl-hntti-hürn-n-piki .
vgl. griecli. betont *y in Ne<t>eYc
unbet. *AT in Agyp; a in Aepisic,
Ayapic usw.
kopt. betont *g^u) in nefeeo)
unbet. *£^*wT in j&.ec»)p; ge in j^e-
HCCTC ; iw in e^epiif», ^vTpl^f .
Sfi
TT. Ranke:
L "^ ^j| //?/-//?•('«'), i ass. hattihüru in Pi-hattihüru-n-pikt
Q. f^ vgl. aram. "nnnn (Monat)
griecli. betont Aevpi (Plutarch, Delsidesö);
vgl. TereAeYPic (Petrie Pap. TIT)
unbet. Aeep in AeePNeBeNTAire(i)c(OI^Z.
1909. 530
kopt. §*^©cop.
mb. Hikuptah, IJikuldh.
k^-Pth, O.N.
ih, O.N.
-^ /«,'(•/), »Vorderteil«,
»Anfang«.
Owi Imi, »Diener« . .
IySt li»i-^iA,r), »Uotte.s-
diener« (ein Priester-
titel).
§5^ ¥' »Apis« . .
1^"^ ^ Vp-fnn,
P.N.
I ^ S)'^//nw-.%-(?),
T AA/VWi Jj VC?
O.N.
ass. Hatk(i)rTbi, Hal/i{a)7'Tha
vgl. griecli. Aepisic
kopt. &.e^pH&i
arab, wO Ji .
ass. he in * Mantl-me-he
vgl. griech. h in MeNxeMHc
kopt. 2^H, jHT« »Vorderteil«.
mb. hmii in Pa-hmn-näta
vgl. griech. <t>OMMOYC, ^ewniAic (Gr. 195).
nib. hamnäta in Pd-hatiinälu ; hanäte in Pa-hanüte
vgl. griecTi. *eNT in 4>eNTeNMOYToc ((ienotiv)
kopt. £out(?).
(?) ass. unbet. hpi in Sn-hpi-mäu
nb. betont happil in NalUu-happl> , Uk(y, k)-Jiappi)
unbet. Aap« in Hapi-menna
vgl. aram. "'Bn in 'jTa'^Bn, -iBrirey usw.
griech. Anic; vgl. FTAAnic usw.
kopt. g«>.n.
nb. Hapirnenna
vgl. aram. 'j'a"'Bn.
ass. Hinirdi
vgl. kopt. g^t\Hc(z.B.(i-um,Cat.Brit.Mus.Nr. 532)
arab. ^J«U:?!.
KeihchrifllicJies Material zur altägyptischen Vokalisation.
57
y Ar, »Gesiclit« (?)
I hr, »auf« i mb. Hh in ku-iih-hi
(vgl. auch ass. Uatharlba, Hathirlhi)
vgl. kopt. ö>.g^ in sali. ki2<.2k, boh. ;)(;^ol^v.gK (ÄZ.
39,129), achmim. CT-e^g-gcane usw.
ass. hS in t^i-hä
nb. hni in Si-haf
vgl. griech. xw IuTaxwc: 00 inTecoc, NeoGPuc usw.
kopt. go "Gesiclit"
(vgl. i\».£iepgo, ('nun, G;it. Brit. Mus.,
S. 548).
3 Ifr(ir), (i.N. . . i mb. betont hära, vgl. Ifära, nara-)iialii
ass. betont hüru in Nahti-hüru-an-seni
(vgl. auch Pi-hattihüru-n-pi-kT)
unbet. har in Har-sija-eliu, TJar-li-hu (V)
(vgl. auch NiliardH?)
vgl. aram. "iin
griech. betont üpoc; ferner in YeNcopoc usw.,
OopcüP (Oxyrh. Pap. 111, 143,11);
YeNYPic, TTejeYPic (Gr. 189) usw.
unbet. AP in Apcihcic, Apohpic usw.;
ep in CeNePMHoic (Sp.)
kopt. betont go>p: vgl. auch gciipciHC»
(Zoega 301 , 10), nigüjp usw.
unbet. gA.p in g*.pnu}ioT (ÄZ. 38,75).
ass. Ifüru
vgl. kopt. gtop (Cruin, Cat., S. 558).
mb. llärajimSiii.
ass. Uaraija'Piiu (vgl. S. 83^ und 86, Ainn. 3)
vgl. griech. Apcihcic
kopt. goipciHci (Zoega, Gat. 301,10)
gc«)pciHce (ebenda 372,14).
(?) ass. Ifartilm
vgl. griech. Aptbwc (Sj).).
^^//r(A P.N.
(/r-///A'(H;),P.N.
/*(•/), P.N.
IM.-Aut. Klasse. 1910. Antiang. Abh. II.
58
H. Ranke:
Ifl] l\ lt-y> »gelobt«
(Beiwort der Ver-
stor})enen).
/itp, »zufrieden
sein '< (Pseudopart.
3. Pers. Sing.).
g /jpr, »
Wesen o. ä «
ass. hasaja
vgl. griech. AciHc (Sp.)
kopt. ge^cie in fetoKÜg^jikCif (ÄZ. 46,132 ff.).
mb. halpi in Avum-hatpi
vgl. griecli. ctJAMeNue, AweNCüeHc, TTeTeNeoueHc
kopt. ^*>.Tn, goTn in n^^MitjA-Tn, ne^pcMgOTn
(ÄZ. 39,130, Anm. i).
mb. {a)hpi(r) in Manahpirja
vgl. griecli. CAxnHPic?
kopt. ujnHpe »Wunder« ?
Ijprw (Plural von | mb. hu 'wu in Nap-liuywu-rl{ ja] ; hwum Nap-hurii-
/^pj.\ rJJa ; lmr{r)i in Nap-huri-rija, Nip-hurri-rlja ; [AwJ/'a
in [Nap-hu\ra-[i-i-j\a; hur in Nap-hur-rtja; hu in
Nap-hü-rija (vgl. IJürija)
vgl. griech. xep in AxeppHc.
ZIIlS Ilmnw, 0. N.
}M i'
//«6w, G.N.
.2s.
^lMi),"Sy-
rer«
-9 I
a/, »Sohn«
^5^^®' ^K
Si{w), O.N.
ass. H{i)muni
vgl. kopt. UJMO'J*«.
(?) ass. haniia in Usi-hania
vgl. griech. YeNxcoNcic (W.) usw.
kopt. ujoHc in ^^lvlgonc. TMO-yigonc, (Ame-
lineau, Geogr. 516); u]&.nc in ne>.u|«knc,
TeptoTÄ.u|*wHc (Amelineau, Geogr. 494).
(?) mb. Ijura in Pahura, Pihura, Puhura
vgl. griech. Tlxoipic (ÄZ. 30,119).
ass. sija in Qar-sija-eSu
vgl. Apcihcic, gcopciHci, riepxMACCiNHiT (Goodspced,
Greek Papyri Nr. 9) usw.
ass. Saja
vgl. griech. Caic
kopt. cdwi (Zoega, Cat. 108,45).
Keikchrlßlic/ies Material zur altäyyptMien Vokalisation.
59
1 v\ sw, »er, ihn« . .
A|, Spdw, G. N. . .
n i> — > slp, »erwählt«
Stp-n(j)-r<-, K. N.
A
1 ^ *•/«;■(?), »König
T AVlAA^
von Oberägypten«.
MflJ^g ^^'^>t' ein
Gefäß.
X ^A I ^n-iCy » Bäume « .
(1^ aVj, »Kind« . .
r~n~i
ass. Sijautu
vgl. kopt. cioo'YTccuoo'yT
arab. -bj-w~' •
mb. .«Ja in Riia-maSe-än
ass. .s'm in IpHh-ar-te-Su; .ic ih A mur(?)-te-se
nb. s/ in Tthut-ar-te-sl (vgl. auch Tihul-ar-tai-s)
vgl. griech. PAweccHC, Amonoptaicic (Gr. 193).
ass. ^flp//, .*rtp/M in Pi-Sapti-Sä, Pi-mptu.
mb. iö/^ in Saiep-na-rit'a
vgl. kopt. ccoTn »erwählen«.
mb. Satepnarihi.
ass. ^i in TJinin-^i
vgl. griech. cu in AmonpacjOnohp (vgl. Sp. S. 26,
Anm.).
mb. Su^ilxia.
ass. Safiakil
vgl. griech. Cabakun.
jiss. .«/^rt/ in Nahti-hünt-nn-srni
vgl. kopt. lyHu »Baum«.
ass. Sa in Pi-Sn-n-(iüru
vgl. griech. YeNcopoc usw. usw.
kopt. ujHpf »Kind«; vgl. auch uj^iio-yTe,
uj€itfT<oM (ÄZ. 1893,42) usw.
T>T>J^ ^"^ "^ 1k 1"^ , (?) ml'- ^eräanu, Serdnni.
P. N.
z^^ krr(ir),
» Frosch «
ass. Susinku
vgl. griech. Cecurxic.
ass. krüni in Pa-krürn
vgl. griech. Kpoypic (Gr. 274, Anm. 9)
kopt. Kpo-Yp »Frosch«.
8*
60
H. Ranke :
M k>, »Geist o. ä.«
IcH-t), »Kuli« . . .
VTVö ''''-^■'^-'^' (eine
Art Gefäß).
^^'^^Hi
» Nubien «
u%
A
u-
5 J\ hj{n), » Wagen-
lenker « .
tS, »die« (Artikel
fem. sing.).
t>[-n\, »die von, ge-
hörig zu«.
ü, »Jjand« . .
mb. betont Im in zah-na-kü
unbet. ku in Qi-ku-ptah, ku-!lh-ku
vgl. griech. ko in Konoyoxc; xoi in Xoiak, Xoiax;
xe in MeNxePHc, Ne«epxepHc
kopt. 5^01 in 5(^oi«.gK, KI in KidwgK.
ass. kl in Pi-hattihuru-n-pi-ki.
mb. kufihku oder kuUihku
vgl. aram. 7n"'3
griech. Xoiak, Xoiax
kopt. sah. KiA.gK, boh. DQOiÄ.gK.
mb. KaSi
ass. Kusi, Kusu
nb. Küäu
vgl. hebr. »13
griech. TTakycic
(vgl. auch griech. TTeKYCic, AeKvcic (Sp.)
kopt. cfTioui : eecoig » Nubier « ).
(?) mb. kiizi, guzL
(?) ass. ti in Qartibu; l{ä) in Tapnahti
nb. Ufl) in Amunu-tapu-nahti.
(?) nb. ta in Ta-he . . . , Ta-tä . . .
vgl. griech. ta in Tahcic usw.; ti in TiMOveic,
TlXNOYMIC (Sp.)
kopt. TA. »die von«.
ass. tu in Pa-tu-resi
(vgl. auch Hathinbi, fjathartlxi)
vgl. griech. eoY, eto in TTaooyphc, <t>Ae(i)PHc; tc
in TTTeNGTü)
kopt. TOteo »Erde«.
Keilschriftliches Matei'ial zur ulläyyptischeu Vokalisatimi.
61
^ thrj, »die beiden
Länder« (Bezeich-
nung für i'kgypten).
W
Tj, P.N.
P.N.
N^ im, »vollkommen
sein«, siehe Nfr-tm.
(^^^Tkrk, K.N.
X-fl
men«.
fAj), »neh-
■^^Ö Tl)-nt{r), O.N.
^ ^ IM«-//; (^. N. . .
nb. tu in Put-m{i)-us-tü
vgl. aram. in in inro'
griech. toy, eov in Comtoyc, TTeTeMecooYc
kopt. Too-ye in gToo-ye.
mb. Teje.
ass. Tapnaljli (vgl. nl). Amimii-Idpiimüjii)
vgl. griech. TNe*Axeoc (Diodor I, 45,2).
ass. Tarkv
vgl. griech. Tearkun.
(?) ass. sn oder ki in S(i{i)-/jpi-7/iav
vgl. griech. ca in Camuyc (Petrie Pap. III).
ass. Zalmüti
vgl. griech. CeseNNYioc
kopt. 'xefmo'Y'V» •scfeeno-y^ (Gr. 1 99, Anm. i )
arab. ■:>.
ass. Sa^onu, SiHnu (oder Se^enu)
vgl. griech. Tanic
kopt. 'x&.A.u! (Nuin. 13,23)
arab. qL*o.
nb. t(i)hut in T{i)hut-ar-tai-s, 2\i)hut-(ir-te-si
vgl. aram. nnn
griech. betont GcjYe, XeceuYTHc, Apguythc
(Petrie Pap. III) usw.
unbet. eoT in Gotoptaioc, öoreYC
(Gr. 262, Anm.i) usw.
kopt. eoo'yT : etoo-^-T (ÄZ. 1883, 95, Rec.
23,199 ff.).
' Dieser Name (Spiegelberg, a.a.O. S. 10) entsjniclit gewiß einem ägypt. SmS-tSn-j,
griech. Comtoyc.
62
H. R A N K K :
Dkwtj-Ur-dj-sw, P. N.
*nd-W,'dj{-t), P. N. .
nb. T{l)hiit>arta}ls, 2\i)hnt)'artesi
vgl. griech. 9otoptaioc.
(?) ass. vom in Su-uasu
vgl. griech. oytw in Boytu
ass. si in »Sf''-^''^
(vgl. auch Su-uam)
nb. .?/ in Si-ha'
vgl. griech. xe in Teioc, Tecre^Yrxic (Gr. 192);
TA in Taxcüc
kopt. «(.o, •XI-, ».sagen«.
(?) ass. Sumsu.
'^^^,571^ LKd)- ass. Hihä
'^hr, P.N.
/.M(-/), 0. N. . . .
nb. Silut)
vgl. griech. Tewc, Taxuc.
ass. /^// in Bi-n-tetl, Pi-n-teti
vgl. griech. GceeNAHTic
koi)t. na'iMfUTH'Y' (Amelineau, Geogr. 309).
Über den Wert der keilschriftlichen Vokahsation.
Für eine zweckmäßige Verwertung des in den vorstehenden Listen
gegebenen Materials bedarf es zunächst einer Auseinandersetzung über
den Wert der dui-ch die Keilsclu'ift ausgedrückten Vokale.
Die semitischen Eroberer der Euplu-at-Tigris-Länder haben bekanntlich
in selir alter Zeit die Sclirift der fniheren Bewohner dieser Gegenden,
der ethnologisch noch nicht siclier bestinnnten Sumerer, angenommen
und mindestens seit Sargon von Akkad (etwa 2500 v. Chr.) zui" Wieder-
Keilschriftliches Material zur altikjypthclien Vokalisation. fi3
gäbe ihrer eigenen Sprache verwendet. Diese Schrift, die wir nach der
späteren Fomi ihrer Zeichen gewöhnlich »Keilsclirif't« nennen, hatte, als
die Semiten sie übernahmen, aus alten Bilder- und Wortzeichen bereits
Silben- und Vokalzeichen entwickelt, neben denen freilich die alten Wort-
zeichen stets weiterverwendet wurden. Sie vermag vier Vokale zu unter-
scheiden, fiir deren jeden besondere Schriftzeichen existieren: a, e, /'
und M^ Für die ersten drei hat es stets nur je ein Zeichen gegeben; für
u sind seit altbabylonischer Zeit außer dem gewöhnlichen (^J-^ u) ge-
legentlich noch zwei andere Zeichen (^ u und <y>-|[^y| a) in Ge))rauch,
ohne daß sich jedoch eine Differenzierung für u und o nachweisen ließe '.
Neben diesen Vokalzeichen existiert nun in der Keilschrift — - abgesehen
von den Wortzeichen und Zeichen fiir zweikonsonantige Silben — eine
Anzahl von Zeiclien für »einfache Silben«, das heißt Silben, welclie nur
einen Konsonanten, sei es vor, sei es nach einem der genannten vier Vo-
kale, enthalten. Und während bei der Schreibung babylonischer und
as.syrischer Worte die Wortzeichen und die Zeichen fiir zweikonsonantige
Silben eine große Rolle spielen, werden bei der Wiedergabe fremdsprachiger
Worte mit Vorliebe die einfachen Silbcnzeiclien verwendet. Eine tabel-
larische Zusammenstellung dieser Zeichen wird daher nicht ohne Interesse
sein, um so mehr als in manchen Fällen ein Blick auf die Tabelle dem
Leser die Möglichkeiten zeigt, die einem babylonischen oder assyrischen
' Die Vokale e und i werden, wie in der älteren Zeit im Babylonischen selbst, so
auch in den Umschreibungen fremder Worte, im allgemeinen streng geschieden. Ansnahmen
von dieser Regel finden sich selten; vgl. ass. Mimpi neben Me.mpi. Doch mag gleich hier
bemerkt werden, daß in gewissen Fällen fiir die e-lialtige Silbe dasselbe Zeichen wie fiir
die i-lialtige Silbe verwendet wird (vgl. die Liste auf S. 64f.). Warum hier die Ausbildung
eines besonderen «-lialtigen Zeichens unterblieben ist, entzieht sich vorläufig nocii unserer
Kenntnis und verdiente wohl genauere Untersuchung.
' Die Vokalwerte für die genannten Keilschriflzeichen gehen (vgl. die ganz ])arallele
Entstehung der Konsonantenzeichen im Ägyptisclien) auf einsilbige sumerische Worte
zurück.
' Wenn sich dies auch im Altbabylonischen nicht nachweisen läßt, so wäre damit an
sicli nicht ausgeschlossen, daß man in späterer Zeit den Reichtum der vorhandenen »/-Zeichen
fBr eine derartige Differenzierung ausgenutzt hätte. Clays Versuch, zwischen o und m zu
scheiden (Babylon. Exped. of Ihe Univers, of Pennsylvania Rd. X, S. 19 oben), scheint
allerdings nicht zu einem einwandfreien Resultate geführt zu haben. Jedenfalls läßt
sich für unser Material nichts daraus gewinnen. \'gl. auch F. Kork, Die iMitannis|)rarlie,
S. 14—18.
ag.
(^(J),
i{J,
ug
ad.
(rd),
ul.
ud
4
az,
9
iz,
UZ
ah'',
m.
{ih).
inh)
04 H. Ranke:
Schreiber für die Wiedergabe einer bestimmten ägyptischen Lautgruppe zur
Verfugung standen'. Die Zeichen sind die folgenden'':
/a^ [h^, (//), (/M) (a/), [eJ), (//), {u})
ha, he, hi, hu ah, (eh), ib, üb
da, {dt'), di, du
{waY, [we], (wi), (wu)
za, (ze), zi, zu
ha, {[le), hi. Im
{tay\ (te), (Ü)\ tu {at)\ {et), {ity , {uf)'
jn\ {jef, {ji), {ju) —, —, —, — "
' So sielit man /.. B. ohne weiteres, dalS für die Silbe re kein besonderes Zeichen
existierte, daß wir also z. B. ri-si (in ass. Paturisi) sowohl risl wie re.<i lesen können.
^ Wenn eine Silbe eingeklammert ist, so bedeutet das, daß für sie kein besonderes
Zeichen existiei't, sondern daß sie ihr Zeichen mit einer oder mehreren andern Silben teilt;
z. B. (to) weist darauf hin, daß für die Silbe ta das Zeichen da verwendet wurde und so
fort. Genaueres ergeben die Anmerkungen. Die Silben sind nach dem semitischen Alphabet
angeordnet.
' Das sogenannte »Hauclilautzeichen>, das mit allen vier Vokalen sowohl vor wie
nach dem Alef ausgesi)i'ochen werden kann. Übrigens sind auch die »Vokalzeichen« nach
semitischer Anschauung eigentlich als Silbenzeichen mit Alef als erstem Konsonanten auf-
zufassen. So werden sie auch tatsächlich im Anlaut der Worte und Silben (vgl. z. B. nb. esii,
ass. esti für Is-t) gebraucht. Erst sekimdär werden sie als Zeichen für die bloßen Vokale
aufgefaßt und können nun zur Bezeichnung der Vokaldehnung (vgl. S. 65) verwendet werden.
Kbenso sind sämtliche mit einem Vokal beginnenden Silbenzeichen (d. h. die rechte Kolumne
der obenstehenden Liste im Wortanfang und gelegentlich auch im Silbenanfang (vgl. mb. Aman-
appa |nie etwa A-ma-na-ap-pa geschrieben!] für 'Imn-i'p-t) als Alef + Vokal + Konsonant
aufzufassen.
* Für die Silben wa, we, «•;', wu ist in mittelbabylonischer Zeit das Zeichen pi in
(iebrauch; vgl. S. 65 Anm. 3. Zeichen für aw, ew usw. existieren in der Keilschrift nicht, da
diese Lautveibindimgen im Babylonisch-Assyrischen durchweg kontrahiert worden sind.
'' Nur ein Zeichen, das mit allen vier \'okalen ausgesprochen werden kann.
° Die Silben ta und ti werden mit den Zeichen für da und di geschrieben.
' Für die mit Dentalen, Gutturalen, Labialen und Sibilanten schließenden Silben ist
stets lUH- je ein Zeichen für tönenden, tonlosen und emphatischen Laut vorhanden.
' Die Silbe _/« kann assyrisch auch durch a -\- a wiedergegeben werden, vgl. ass. ^asaja,
Saja, Tajani. \'g]. auch Anm. 9.
° Die Silben je, ji, ju können in inittelbabylonischer Zeit durch das Zeichen pi, wa usw.
(vgl. Anm. 4) wiedergegeben werden, doch ist mir unter den Umschreibungen ägyptischer
Worte kein sicherer Beleg hierfür bekannt. Für die Silben aj usw. besitzt die Keilschrift
kein besonderes Zeichen. Assyrisch wird a -'r a gelegentlich für qj verwendet. Vgl. auch Anm. 8.
KeihchriftUcJies Mater ixil zur altägijpt'ischen Vokalisation. 65
{nky, (ck), {lk)\ (uk)'
ka,
{ke),
ki.
ku
la.
(le),
U,
lu
ina.
ine.
Uli,
mu
tax,
ne,
ni.
nu
m.
Her,
si.
ftU
pa,
(P),
pi',
{pur
(?«)\
{?e),
?',
m
ka.
{ke),
{kiV,
ku
ra,
{re).
ri.
ru
Sa\
Sc,
äi.
&u''
ta.
te,
ti,
tu*
al.
d.
il.
ul
am,
(em).
im,
um
an,
en.
in,
un
(fl.sV,
{^'^\
.{i')\
(usY
{apV,
{^P\
(ipY,
[upY
M',
('«),
{i?y,
{u-D'
{«kV,
(4-),
{iky,
{ukY
ar.
er.
ir,
ur'
af.
el,
iä.
itS
{aty, (et), {ity, {uty
Mit Hilfe dieser Silbenzeiclieii können auch lange Vokale durch die
Schrift zum Ausdruck gebracht werden, indem liinter ein vokalisch aus-
lautendes Silbenzeichen das entsprechende Vokalzeichen gesetzt wird, z. B.
lia-a = Im, me-e = nie^, ri-i ~ ri, tu-u = /«'
rIO
' Vgl. 8. 64, Anm. 7.
' Das Hilhen/.eiclien se ist selten; es ist in uiisern Umschriften l)isiier niclit zu lielegen,
unil die .Sillie se wird dort durch das Zeichen .«/ wiedergegeben.
' Die Sill)e pi wird in niittelbaliyionischen (wie in althahyloni.sclien) Texten noch
viirwiegerid mit dem Zeiclien bi gesclu'iehen (in solchen Fällen nrnscliri-ibe ich pi), da das
Zeichen /«' fast ausschließlich für die Silben wa usw. verwendet wird (vgl. K. 64. Anin. 4).
Daneben \\\n\ das Zeichen bi fieilich auch stets für die .Silbe bi verwendet. In assyi-ischen
nnd neubabylonischen Texten hat das Zeichen jii inn- noch den Lautwert pi.
* Die Silbe pu wird gewöhrdicli mit dem Zeichen füi' Im geschrieben. Das für pti
allein i'eservierte Zeichen ist selten und koaunt in unsei'ii Transkriptionen nicht vor.
'■" Die Silbe «a wird mit dem Zeichen für za geschrieben.
' Die Silbe ki wird gewöhnlich mit dem Zeichen für ki geschrieben. Das für hi(ji)
allein reservierte Zeichen ist selten und kommt in unsern Transkriptionen nicht vor.
' P'ür die Silben ur. ia, iu und as sind je zwei verschiedene Zeichen in Uebrauch,
die ich wie üblicli durch ur (TT»-!) und ür (^lI^lTT). *« (^) i'nd sd (f:lTT), su (J) und sä
( ET), ai (pr) und di {>—) unterscheide.
' Die Silbe tu wird gelegentlich auch mit dem Zeichen für wl geschrieben. In diesem
Falle transkribieren wir sie mit lü. Daneben wird schon in mittelbabylonischer Zeit auch
das alte Zeichen tum für die Silbe <u verwendet ; ich unisclireibe es durch tu (so auch Bohl,
Sprache der Amarnabriefe, S. l d).
• Aber auch ■/.. B. ^i-p = ^e; eine dei-artige Schreibung zeigt erst mit Sicherheit, daß
die betreffende Silbe mit e zu vokalisieren ist; das Zeichen hi kann unter Umständen auch
allein für he stehen, ebenso ri füi- re usw., vgl. die Tabelle.
" Hier ist freilich zu bemerken, daß die Keilschrift die langen Vokale der Sjjrache
keiiieswqjs regelmäßig zum .\usdruck bringt. Im Gegenteil, die defektive Schreibung langer
PAiL-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. II. 9
fif) H. Ranke:
Daß nun unsere durch die assyriologische Forschung festgelegte und
allgemein angenommene Aussprache dieser Vokal- und Silbenzeichen für
das älteste uns erreichbare Babylonisch das Richtige trifft, geht aus der
semitischen Sprachvergleichung mit Sicherheit hervor'.
Eine andere Frage ist es, wie lange die geschriebenen Vokale der
Keilschrift sich mit den gesprochenen Vokalen der babylonischen und
assyrischen Sprache gedeckt haben. Die babylonisch-assyrischen Texte
weisen nämlich eine bis auf Kleinigkeiten durch mehr als 2000 Jahre
sich gleichbleibende historische Schreibung auf, die uns über eine laut-
liche Entwicklung des Babjlonisch-Assyrischen, die selbstverständlich statt-
gefunden hat", fast gar nichts aussagt". Wenn nun, um ein Beispiel zu
Vokale findet sicli bei weitem häufiger als die scriptio plena. Neben zahllosen Beispielen,
in denen ba-ni ge.sclirieben ist, findet sicji ganz vereinzelt auch die Schi"eibung ba-a-ni, die uns
zeigt, daß das Particip. act. bäni »bauend, scliaflend« usw., wie es die vergleichende Grani-
niatik ja aucli erwarten läßt, mit langem a anzusetzen ist. Beiläufig mag hier erwähnt
werden, daß in ganz ähnlicher Weise auch Doppelkonsonanten von der Keilschrift häufig
ignoriert werden, und zwar im Babylonisch-Assyrischen .sowohl wie bei fremden Tran-
skrij)tionen. So liaben wir z. B. mb. Pahanäte, das neben Pahamnäle doch gewiß als *Pahan-
näte aufzufassen ist.
' Diese Behauptung eingehend zu begründen, ist hier nicht der Ort. Ich erinnere
nur kurz an die folgenden Einzelheiten aus der Vokalisation des Altl)abylonischen, die mit
dem \\)kalismiis der übrigen semitischen Sprachen im Einklang stehen: i. Die Kasusvokale
für Nominativ, Genitiv und Akkusativ sind u, i und a. 2. Neben der einfachen Feminin-
endnng -tu findet sich die vollere Endung -atu. 3. Das Nominalsuffix der i. Person Sing,
lautet t, das der 2. niasc. Ica, der 2. fem. ki. 4. Die Afformative des Permansivs, das in der
Bildung dem semitischen Perfektum entspricht, lauten im Singular 3. fem. at, 2. ma.sc. ia,
2. fem. ü; im Plural 3. masc. ii, 3. fem. ä. 5. Die Aflbrmative des Imperfekts zeigen im
Singular 2. fem. F; im Plural 3. masc. v, 3. fem. und 2. fem. ä. 6. Das Partizi|)ium des un-
vermehrten Stammes zeigt die Vokalisation ä-i. 7. Die Partizipialformen der vermehrten
Stämme des Verbums zeigen die Vokalisation u-a-i. 8. Das Afforniativ der 2. Sing. fem.
lm|)erativi ist f usw. usw. Ich denke, das Angeführte wird genügen. Für Weiteres muß
auf die vergleichenden Grammatiken verwiesen werden.
^ Wir haben für diese lautliche Entwicklung übrigens auch direkte, freilich .sehr
s])ärliehe Zeugnisse in griechischen Transkriiitionen babylonisch-assyrischer Worte. Vgl.
besonders die Aufsätze von Pinches und Sayce in PSBA. 24,108 — 125.
^ Die Schrift lehrt uns über die lautliche Entwickhmg eigentlich nur zweierlei: ein-
mal, daß die an vokalisch auslautende Nominal- und \'erbalformen antretende »Mimation«
sehr früh aufgegeben worden ist (sie scheint schon unter der ersten Dynastie von Babyion in
der Volkssprache mehr oder weniger verloren gegangen zu sein). Sodann, daß sclion friih-
zeitig eine gewisse Unsicherheit in dem Gebrauch der Kasusvokale eingetreten ist. Der
letzte Umstand hat zu einer Verwechslung der au.slautenden \'okale in der Schrift geführt,
die zu dem konstanten Gebrauch der richtigen Vokale im Innern und am Anfang der Worte
KeikchriftUrJi^K Mater utl zur altiiyyjHMien Vokalimlion. ()7
nehme», das Zeichen na, das in alter Zeit sicher einmal nur fiir ge-
sprochenes »na« stehen konnte, in mittelbabylonischer oder assyrischer
Zeit in manchem Worte etwa »w« oder vielleicht auch »?j(f« gesprochen
wurde, so sclieint es um die Verwendbarkeit dieser Keilschriftzeichen für
die Rekonstruktion altägyptischer Vokale freilich sehr schlecht bestellt.
Aber das ist nur scheinbar so. Es läßt sich nämlich nachweisen,
daß durch die ganze babylonisch-assyrische Geschichte hindurch eine 'J'ra-
dition über die alte Aussprache dieser Vokal- und Silbenzeichen in den
Schreiberschulen sich erhalten hat und daß man sie stets nur in ihren
alten Werten verwendete, sobald es galt, die gehörten Laute einer fremden
Sprache durch die Keilschrift Aviederzugeben. Wir besitzen Zeugnisse
iur diese Tatsache aus mittelbabylonisclicr sowohl wie aus neubabylonisch-
persischer Zeit. Schon bei den kanaanäischen Glossen der Telia marna-
briefe tritt dies zutage", vor allem aber bei den kürzlich in Bogasköi ge-
fundenen Namen indischer Gottheiten" sowie bei den zahlreichen iranisclien'
in stärkstem Kontrast stellt. Vgl. Iiier/.u aiicii Un,i;nad, ZDMCj. 1909, S. 200. Wie stark
die Abweichungen der Volk.ssprache von der Seliri('ts])raclie waren, or'ketnu'n wir gelegeiitiicli
in der Brief iiteratur und in den mit vulgären Formen stark durcliset/teii lii§cliriften Assur-
nasirpais.
' Vgl. z. ü. J^amüilu neben liebr. ttti, kihihi neben licbr. 2153, aparu neben hebr. i:!'.
hinaja neben hebr. ■c'9, zukini neben bcbr. ■,», inte neben liebr. -73 usw. usw. Man findet
das ge.sanite Material mit Angabe der Belegstellen jetzt ribersichtlieli geordnet bei F. Höhl
in seiner vortreft'lichen Arbeit über -Die .Sjirache der Amarnabriefe mit besonderer Beriiek-
sichtigung der Kanaanismen-, Leipzig 1909, .S. 81 ff'.
' Indara, Mitrn, Aruna (Vari.inte I'iuvna) und Nasattija, vgl. Winckler, MDOU.
Nr. 35, S. 51 und Kd. Meyer, Das älteste .Xul'treten der .Ariei- in der üescliiclitc (.Sitzungsber.
d. Berl. Akad. d. VVi.ss. 1908. 14 ff).
* Besonders bei Hilpreebt und f'lnv, Biisiiu-ss Docunieiits of Mura.^il .Sons (Hnbyloiiian
Kxpedition of thc University of Pennsylvania .Scries A. Vol. IX) und Clay, Business Docunieiits
of MiiraSü Sons (ib. \'ol. X). Bei den folgenden Zitaten geht die ZusainineMStelliuig mit
griechischen bzw. persischen Formen auf Nöldeke zurück. Die Belegstellen finden sich in
den Namensverzeichnissen der beiden gen.innten Werke. Ich zitiere aus Band IX : Arnliak
vgl. Apbakhc; Ariam vgl. pers. Ar.säinn, Apcamhc; Artabarrl vgl. Aptabapioc; Artahsnr \gl.
per.s. Artayfara, Aptajaphc; Artnhxaxsn vgl. pers. Arta /xaSun. APTAiepiHC; linyazvxtii vgl.
A\erAAOCTHC; Manuitmin vgl. AAeNOCTANHC; Milradiüi vgl. Mitpaaathc; Satabiir:ana vgl. Cati-
BAPZANHC; Tirifläta vgl. Tipiaathc; Uilarnm vgl. Yaapnhc; aus Band X: Arlasitrru vgl. Apta-
CYPAC, Artapimn vgl. ApTA<t>ePNHC, Asptnnnrla! vgl. pers. AxpS-santa, Bai/aipafii vgl. BArAnATHC,
BayuMfi) vgl. pers. HäyhUxli. Dadnpirna! vgl. AATA*ePNHC, Darijaimii vgl. pers. I)äriynwa{h)nfili,
Gundakka) vgl. pers. Kvniläk, Jliimri>y/ät)i \y;l. Hmap und rläta, Miträbi vgl. pers. Mitrat, Pirni-
hätu vgl. pers. Ferltäd, Tirä vgl. pers. Ti'rn, Tirakamma vgl. pers. Tira-känia.
9*
68 H. Ranke:
und den vereinzelt sich findenden griechischen' Personennamen in Ge-
schäftsurkunden der neubabyloniscli-persischen Zeit. In allen diesen zeit-
lich so weit auseinanderliegenden Fällen von keilscliriftlichen Umschrei-
bungen fremder Worte und Namen aus verschiedenen Sprachen stimmt
das aus der keilschriftlichen Transkription gewonnene Bild der Vokalisation
dieser Worte in allem Wesentlichen genau zu dem, was wir von anderer
Seite über ihre Aussprache wissen. Unter diesen Umständen dürfen und
müssen wir aber auch dasselbe fiür die Transkriptionen ägyptischer Worte
und Namen voraussetzen — es sei denn, daß wir hier eine Regellosig-
keit und Willkür in der Wiedergabe der Laute fänden, wo wir in den
angeführten Fällen eine systematische und, soweit es die Eigenart der
Keilschrift zuläßt, getreue Wiedergabe vorgefunden haben. Das ist
aber tatsächlich nicht der Fall. Eine Durchmusterung der oben ge-
gebenen Listen zeigt vielmehr, daß in jeder der einzelnen Perioden
die Transkription ägyptischer Vokale in allem Wesentlichen einheitlich
ist und ferner, daß in den der griechischen Epoche näherstehenden Um-
schreibungen (Liste 11 und III) die keilschriftliche Vokalisation mit der
der griechischen Formen durchaus übereinstimmt, falls nicht ältere laut-
liche Verhältnisse vorliegen, wie wir sie wiederum aus Liste I kennen
lernen.
Weim wir nun also mit berechtigtem Vertrauen an die keilschrift-
liche Vokalisierung ägyptischer Worte herangehen, so müssen wir doch
stets einige einschränkende Tatsachen im Auge behalten, welche die
Eigentümlichkeit der Keilschrift ohne weiteres mit sich bringt:
I. Die Vokale o und u werden nicht, e und / nicht immer (vgl. S. 64f.)
untei'schieden; ein keilschriftliches u kann also sowohl ein gehörtes u wie
ein gehörtes o', ein keilschriftliches i gelegentlich auch ein gehörtes e"' wieder-
geben.
' \^.Antihiki(ni: AuTtoxoc, Dimiirisn : Ahmhtpioc, Eraklide: Hpakagiahc (Belegstellen bei
Taliiivist. Npiiluibyloni-sclies Naineiibucli) ; fernoi- Ilmdurii : H/\\oaisiPoc. Pilipav: ^lAinnoc, Alik-
sandani: Aasianapoc.
^ Wir können also z. 15. nicht entscheiden, oh a.ss. nnd nb. Amünu schon ein gehörtes
'Ammi" oder noch ein gehörtes 'Amöii' wiedergeben soll.
^ Znweilen lehi-en uns die griechischen oder ko])tischen Äqnivalente, für welchen der
beiden Vokale wir uns zu entscheiden haben, vgl. S. 8i, Anni. 3.
Keilschriftliches Material zur altäyyptischen Vokalisation. (59
2. Lange Vokale werden sehr oft durcli die Sclirift nicht ausge-
drückt; ein geschriebenes a oder i z. B. kann also neben kurzem a und
i' ebensogut auch langes ä und / wiedergeben'.
3. Drei aufeinanderfolgende Konsonanten oder eine anlautende Doppel-
konsonanz können von der Keilschrift nicht wiedergegeben werden; ein
in solchen Fällen auftretender Vokal muß also als ein graphisciier Not-
behelf aufgefaßt werden^.
Mit diesen Einschränkungen aber sind die Vokale in den keilschrift-
lichen Umschreibungen ägyptischer Worte bei vorsiclitig methodischer Un-
tersuchung für eine Rekonstruktion des altägyptischen Vokalismus durchaus
verwendbar.
Freilich dürfen wir auch jetzt noch nicht allzuviel erwarten. Wir
liaben festgestellt, daß mit den genannten P^inschränkungen ein babyloni-
scher bzw. assyrischer Schreiber imstande war, das, was er hörte, schrift-
lich wiederzugeben, aber eben doch nur das, was er hörte. Damit kommt
ein subjektives Element in unsere Rechnung hinein, eine Fehlerquelle,
über die wir nie hinauskommen können. Wenn sich also innerhalb der
' Will der babylonische hy.w. assyrische Schreiber einen kurzen Vokal iinniißverstätullicli
als solchen kennzeichnen, so verdoppelt er in seiner Wiedergabe des betreffenden Wortes
den auf diesen Vokal folgenden Konsonanten. Er tut dies besonders dann mit Vorliel)e,
wenn der betreffende kuize Vokal betont ist. \'fi;\. nib. oppa (in Aman-appa) mit ko])t. ».nc,
onc; mb. masÜ (in Hära-maisi [al)er tnasa in Aman-7/ta.§a'.\) mit griech. ma(c)ci (in Amacic,
rTePXMACCINHiT) ; ass. bukku (in littkkunaimiiipi) tnit griech. boko (in Bokonchmic) ; v\\i. happi! (In
Nahtu-^appil) mit kopt. gi^n; ebenso ist mb. urvsifi für ägypt. icrs zu lieurteilen, das danach
also etcris zu vokalisieren wäre. Gelegentlich findet sich diese \'erdopplung des Konsonanten
aber auch nadi unbetonten kurzen ^'okalen•, vgl. inh. pittäte neben pitäte, ass. Nikkü mit
griech. Nekuc usw., ass. hattifjüru (in PihattihürvnpikT) mit kopt. g«.«top sowie die \'er-
dopplung des n in Bukkunanniiipi.
•^ Vgl. y. 65, .Anm. 10. So findet sich das an neun Stellen belegte nib. Ainänu bzw.
ÄJnäiia nur zweimal mit lang au.sgeschriebeneni \'okal, das ohne Zweifel mit langem ü an-
zusetzende asM. und nb. Aniimu sogar niemals.
' So liegt der Fall offenbar bei ass. Ilathirihi (\"ar. fjathariba) gegenüber griech. AePiBic.
Auf da,s « bzw. Q zwischen h und r ist nichts zugeben; ferner hn ass. NnhtihTiriianseni, ver-
glichen mit griech. NexeMUNeHC, — das / zwischen t und /( ist wertlos. \"gl. ferner ass.
Iptiharteiu (das erste t wegen der anlautenden IJoppelkonsonanz!). ass. Pisamefki, inh. Pi-ia-
miski neben Yammhtixoc, ass. Piian/iuru neben Yenypic und YeNUPoc, ass. nimihii neben
kopt. u)juoyii, nb. Tihutarßsi neben 6otoptaioc, nb. Nahtu-happil neben NexeMioNSHC (vgl.
allerdings NeKTANeewcl). Zu mb. Tahmaja, Tahvwiii vgl. S. Spf. — Auch eine auslautende
Doppelkonsonauz kann die Keilschrift nicht w iedei-geben ; der Kndvnkal in mh. tirniia (vgl.
Anin. i) ist also auch als ein graj)hi.scher Notbehelf anzusehen.
70 H. Ranke:
im (ii-oßen und Ganzen herrschenden Einheitliclikeit der Wiedergabe liier
und da einzelne Verschiedenheiten zeigen, so werden wir nicht ohne
weiteres den Wert der keilschriftlichen Vokalisation überhaupt in Frage
stellen dürfen. Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß der eine
Schreiber dasselbe Wort oder denselben Namen etwas anders hörte als
ein anderer. Die Wiedergabe von Lauten einer fremden Sprache, für
deren Schreibung keinerlei Tradition ' besteht, kann ja im besten Falle
jiur eine annähernd richtige sein. Was mit einiger Sicherheit erfaßt
wird, sind in der Regel nur die den Ton tragenden Vokale der Worte.
In den unbetonten Silben, die schneller gesprochen und undeutlicher ge-
hört werden, gelingt eine einheitliche Bestimmung des Vokals weit seltner,
inid hier ist ein Schwanken in der Wiedergabe keineswegs auffallend.
Das gilt von der keilschriftlichen Wiedergabe ägyptischer Vokale"' eben-
sogut wie von der griechischen.
' Daß die Texte von Tellamarn<n iintl Bogasköi in der Wiedergabe ägyptischer
Namen einer älteren Tradition gefolgt sein sollten, ist sehr unwahrscheinlich. Vor der
i8. Dynastie iiaben zwischen Babylonien und Ägypten schwerlich so enge Beziehungen be-
standen, daß für die keilscliriftliciie Wiedergabe ägyptischer Laute ein festes System sich
liätte ausbilden können. (Die von W. M. Müller, OLZ. 1901, 8 besprociiene Stelle ist sicher
— vgl. den Artikel ! — ein Zusatz aus der Zeit des neuen Reiches.) Und daß die Um-
schreibungen der Tellamarnazeit in Babylon und Assur nicht historisch tradiert worden sind,
gellt aus den Zusammenstellungen der vierten Liste mit Sicherheit hervor. Zur Zeit Assur-
banipals oder der Perserkönige schrieb man in Mesopotamien die ägyi)tischen Namen nicht
mit einer etwa in der Tellamarnazeit festgelegten Orthographie, sondern man schrieb sie .so,
wie man sie damals hörte.
* Besonders hervortretend ist bei den keilschriftlichen Umsclireibungen das Schwanken
in der Wiedergabe der unbetonten Endvokale. Wenn sich l. B. mb. Amänv, und Amäna, Aman-
appa und Aman-appi, Pahamnäta und Pahanäte, Aman-maia und Qära-masli, 'pitäta, pitäte, pitäH
und pitStu nebeneinander finden, so wird man daraus schließen müssen, daß die Qualität
des kurzen Endvokals in den betreffenden Worten mit Hilfe unseres Materials nicht mehr
festgestellt werden kann. Wenn dagegen mb. Avian-hatpi etwa 20 mal mit auslautendem 1
belegt ist, so wird diese Schreibung schon eher ernst genonunen werden dürfen. Dieses
große Schwanken in der Schreibung der Endvokale ist gewiß durch die oben erwähnte
Nachlässigkeit in der Schreibung der babylonisch-assyrischen Kasusvokale (vgl. S. 66, Anni. 3)
beeinflußt worden. Daß man auch Freindnamen gelegentlich die babylonische Kasusendung
angehängt hat (wie die Griechen ja regelmäßig die ägyptischen Namen nacli ihrer eigenen
Deklination llektiert Iiaben), ist in mittelbabyloniscl.er Zeit ganz sicher. Vgl. besonders die
Schreibung Amänuni, Knudtzon 1,45 (mit Anfügung der Nominativendung und der altbaby-
loni.schen Mimation !). Theoretisch muß natürlich auch mit gelegentlichen Veränderungen,
die auf Angleicliung an bekannte babylonisch-assyrische Worte beruhen, gerechnet werden;
ich wüßte allerdings zur Zeit noch keinen sicheren Fall der Art anzuführen.
Keilschriftliches Material zur altägyptischen VnkaVisation. 71
Ebenso wie wii* griech. TTeTCAPOHPic und TTeTAPOHPic, TTeTOBACTic und TTeTOY-
BACTic, TTATeMiNic uud rTeTewiNic, Hohpic und IIoyhpic usw. als Umschreibungen
des gleichen Namens finden, so begegnen nb. Pntani-Esi^ ujid Patan-EsiS, ass.
Piäaptu und Punuhu\ mb. Pahura, Pihura und Puhura^ nebeneinander, ohne
daß wir darum gleich alles Zutrauen zu den keilschriftlichen Umschreibungen
zu verlieren brauchen. Zuweilen spielen hier wohl auch dialektische Verschie-
denlieiten mit", was dann gewiß der Fall ist, wenn bei langen betonten Vo-
kalen die Wiedergabe scliwankt, wie z. B. bei der verschiedenen griechischen
Wiedergabe des Gottes Hr in YeNCDPoc und Ygnypic. Ein derartiges Schwanken
in der Wiedergabe langer ' betonter Vokale ist aber bei unserem keilschrift-
liehen Material während einer und derselben Sprachperiode nicht zu belegeii\
Alles in allem werden wir sagen dürfen, daß die keilschriftlichen
Umschreibungen ägyptischer Wörter zwar nicht besser, aber gewiß auch
nicht schlechter sind als die griechischen, und daß wir also diese durch
ihr Alter hervorragenden Zeugen dei- altägyptischen Vokalisation für deren
Fh-schließung mit demselben Rechte und mit d(>rselben Zuversicht benutzen
dürfen, wie dies mit den griechischen Umschreibungen bereits seit dem
Beginn ägyptologischer Forschung geschehen ist.
Aus den Einzelbeobachtungen, die sich aus den oben gegebenen Listen
ableiten lassen, will ich hier zwei herausgreifen, die, wie ich glaube, sichere
Resultate ergeben.
I.
Ein betontes o bzw. u im koptischen Nomen und Verbum
kann auf ein älteres (t zurückgehen'.
F)ine Durchmusterung unserer vierten Liste (S. 43 ff.) auf die aus zwei
oder drei verschiedenen Sprachperioden in Transkri])tion erhaltenen ägyp-
' In Punübu und Pahura ist der Vokal der uiibelonteti iSilbe wolil diircli das u der
Tonsilbe beeinflußt worden. Kitie älinliclie \'okalassimilation findet sich in giiecli. 4>opup
l'i'ir pr-IJr "Haus des Horus« (Oxyrli. Papyri 111, 143,11). \'g!. auch Maspero, Kecueil 24,82 ff'.
' Vgl.S]>iep;elberg, Reciieil 22.162, Anin. 7; Demotisehe und griechische KigeniiainenS. 30.
' Ein Schwanken in der Wiedergabe eines kurzen betonten Vokals findet sich auch
nur ganz, vereinzelt. So haben wir ass. Silinu neben Sdianu, wenn diese beiden Schreibungen
wirklich (vgl. Steindorff a. a. O.) als \'arianten eines und desselben Namens aufzufassen sind.
* Die einzige Ausnaiune wäre a.ss. Si/iii (S. 38), wenn dies wirklich Si/iä, Teuc sein
.sollte. \'gl. dazu N€<i>ePAC (Fayuin l'apvri 191, Nr. 62,4) neben Ne«eP(oc.
'' Maspero hat, zum Teil aus Gründen, denen ich nicht zu folgen vermag, diesen Satz
schon seit .lahren vertreten (vgl. Kec. 19, I54f.; 20,i53fl".; 22,218; 24,147 und 153); vgl. auch
•Spiegelberg, kec. 24,30 f.
72 H. Rankk:
tischen Worte zeigt in einigen Fällen eine auffallende Verschiedenheit in der
Vokalisation, und zwar so, daß die Umschreibungen mittelbabylonischer
Zeit von denen der beiden späteren Epochen, die hier eine gemeinsame
Gruppe bilden, sich durchgehend und stets in derselben Weise unterscliei-
den. Wir erhalten dabei die folgenden Gegenübei-stellungen:
Ältere
Form
Jüngere Form
Koptisch
1.
'Imn{w)
mb. Arnana
ass.
u. nb. Amünu
i<Moy\\
2.
'ln{io)
» Ana
»
Unu
ton
3-
Hr{w)
» Hära
»
» » Ifuru
g^wp
4-
ms^
» KaSi
»
» >< Küsi, Kmu
(vgl. C^&iH^)
5-
nir)
« nata
»
nüti
««yyrc : Hoy^^.
Nach der vorausgeschickten Auseinandersetzung über den Wert der
keilschriftlichen Vokalisation lassen sich diese Tatsachen nur auf eine Weise
erklären: durch die Annahme, daß in den angeführten ägyptischen Worten
eine Lautverschiebung von ü nach ö bzw. über ö nach ü stattgefunden hat.
Da aber diese sechs zufallig in älterer sowohl wie jüngerer Umschrei-
bung erhaltenen Worte zum Teil deutlich verschiedene Nominalbildungen
repräsentieren (vgl. ho-ytc und iio'yqe gegenüber ^kMO•Yu), da ferner allen
koptischen Dialekten ein langes ä fehlt, so werden wir den an diesen Worten
beobachteten Lautwandel auf ein ägyptisches Lautgesetz zurückfuhren müssen,
das folgendermaßen zu formuliren wäre: Ein betontes in offener Sill)e
stehendes ä des 14. und 13. vorchristlichen Jahrhunderts wurde
später zu ö bzw. (nach ni und ti) ü. Der Übergang ä>o war im
8. vorchristlichen Jahrhundert schon vollzogen. Ob nach m und n
auch der Übergang ö>m damals schon stattgefunden hatte oder nicht, und
wann er im letzteren F'alle eingetreten ist, darüber kann uns das keilschrift-
liclie Material wegen seines Unvermögens, 0 und u in der Schrifl zu scheiden,
nichts weiter aussagen".
' Das ursprüngliche Alef dieses Wortes ist zur Zeit der 18. Dynastie offenbar schon
nicht mehr vorhanden gewesen.
^ Als sechstes Wort wäre näpa (in Risa-näpa) := noyqe zu nennen, von dem uns eine
assyrische oder neubabylonisclie Umschrift zur Zeit noch nicht erhalten ist (vgl. auch mb.
NapljuiururJja, Naptera).
' Daß 'Imn schon im 5. Jnhrh. v. Chr. mit ü ausgesprochen wurde, zeigt die Schrei-
bung Amoyn bei Herodot (11, 42; übrigens niclit bei Hekataios von Milet! Vgl. Sethe,
\'erbum J, 44, 5).
I
Keilschriftlklies Material zur altägyptischen VokaUsation. 73
Aber die beiden gewonnenen Resultate sind bereits wichtig genug.
Bekanntlich hatte man schon früher allgemein angenommen, daß das nach in
und n im koptischen Nomen und Infinitiv an Stelle eines betonten langen ö
regelmäßig auftretende ü in einer sekundären eben durch die Liquida ni
und n bedingten Entwicklung seine Erklärung finde, ,daß also im Ägypti-
schen zu irgendeiner unbekannten Zeit ein betontes langes ö nach /// und n
sich zu w verschoben habe'.
Diese Auffassung wurde jedoch ei-scliüttert, als Sethe in .seinem » Verbum «
(Band 1 §44,1 — 5) nachwies, daß dem koptischen r7 in einer Keilio von
Fällen ein griechisches y entspreche.
Seine Beispiele hierfür sind die folgenden :
griech. Aevp' = kopt. 5^Ä.eu>p, griech. Abyaoc = kopt. ffecoT
» TTaymi = » n^wtone, » TeNTYPic = » lUTeuTtopf.
» Tybi = » Ttofiie, i> Ne4>eYC = » «cfedio".
Da ein vormakedonisches y als u ausgesprochen wurde — so schloß
nun Sethe — , und da die sämtlichen in Betracht kommenden griecliisclien
Umschreibungen weit älter sind als die im Koptisclien erhaltenen Formen, so
sei die bisherige Ansicht, das U nacli ni und n im Koptischen sei sekundär,
aufzugeben. Die Sache liege vielmehr umgekehrt: Die genannten griechi-
schen Umschreibiuigen erweisen Aan u (y) als den älteren Laut. Dieser habe
sicli im Kopti.schen nach ni und n gehalten, in allen anderen Fällen sei eini'
Verschiebung von ü nach o eingetreten. Diese Setheselie Tliese wurde
dann von Steindorfl'' und, mit einiger Reserve, auch von Erman" ange-
nommen.
' Vgl. Stern, Koptisclie (Irainmatik § 86, .SteiiulorfT, Koptische Gramtnatik, i. Aiill.
(1894) § 38.
' Kbetis« aucli griech. rTAevPic = l\r)-Uthr, «Haus der Ilathor-.
' Setlie zitiert ferner griechisch alt (hei llelianikos) Ycipic iiehen spätcroni Ocipic, Bokxypic
neben BoKXOPic, BoKXtoPic. Hinzuzufügen wäre dieser Liste nocii frriech. Yenypic neben YeNWPoc
(vgl. oben S. 71), griech. neKYClc neben kopt. ««(J'ojm, ni4»(i>u).
* Koptische Gianimatik, 2. .\ufl. (1904) § 57 Anin.
' Ägyptische Grammatik, 2. Aiill. (1902), § 81. .Sj)äter ist Erman von dieser Auf-
fassung wieder zni-ückgekommen, vgl. ÄZ. 44, .S. 108, wo ei- für kopt. iioyge ein älteres
Tiotte annimmt (vgl. aber auch ÄZ. 34, .S. 6if. und Berliner jjhilol. Wdchen.schr. 1900,
.S.919). I.Jtcau Ist, wie es scheint (Kecueil 31, 75 Aiiin. 4), hei dci- alten Anschaniiiig ge-
blieben.
Pha.Mst. Klasge. 1910. Artluing. Ab/i. JI. 10
74 H. Ranke:
Wie auch immer man über die von Sethe lierangezogenen griechischen
Umschreibungen denken mag', icli glaube, daß der völlig eindeutige keil-
schriftliche Befund uns zwingt, zu der älteren Auffassung zurückzukehren.
Denn nachdem einmal, um ein Beispiel zu wählen, IlSra als ältere Aus-
sprache von £iop nachgewiesen worden ist, ist die Sethesche Annahme, dem
giop gehe ein älteres *nür voraus, sehr unwahrscheinlich geworden, da der
natürliche Übergang von u zu w über ü geht'.
Ich vermute, daß wir auch das ö bzw. ö des koptischen Infinitivs von
einem älteren a bzw. a herzuleiten haben. Die von Sethe, Verbum I, § 40
und 40 bis angeführten Infinitivformen mit ä hätten dann vor Gutturalen
usw. die ältere Vokalisation bewahrt '. Beweisen läßt sich das heute frei-
lich noch nicht, da für keine ägyptische Infinitivform die alte Vokalisation
überliefert ist. Es scheint mir aber aus einem Grunde recht wahrschein-
lich: Auch im koptisclien Qualitativ finden sich vor denselben Gutturalen
usw. Formen mit d anstatt des gewöhnlichen ö, und liier ist das d gewiß
nicht als sekundär aufzufassen, denn fiir koptisches ö im Qualitativ des
Verbums können wir wenigstens einmal ein älteres ä nachweisen, und zwar
in mb. hatpl (in Aman-hatpi) für kopt. ^OTn"*.
' Das wahrsclicinlicliste ist mir, wie schon oben (S. 71) angedeutet, daß in den
gi'ieciiisclien Namen mit y dialektisclie Formen vorliegen. Die (irieclien sind zuei-st im Delta
mit Ägyptern /.iisanimengelroflen, lial)en zuerst im Delta ägyptische Laute gehört. Da nun
außer dem bohairisclien alle im Delta gesprochenen Dialekte verloren gegangen sind, so ist
es das Nächstliegende, anzunehmen, daß wir in djesen Foimen die Ke.ste eines anderen unter-
ägyptischen Dialektes (etwa aus der Gegend von Naukratisp) zu erkennen haben, in dem die
Ver'schiebung von ö nach ü schon im 6. vorcln-istliclien Jahrhundert einen weiteren umfang
angenommen hatte. Daß diese \'erscliiebung auch nach anderen Konsonanten als m und n
dialektisch stattgefunden hat, und zwar in nicht erst besondeis später Zeit, lehrt uns das
.\chmimisclie (vgl. die Zusammenstellung der Formen bei Rösch, a. a. (). S. 50), z. B. •sof
»sagen« statt •sio, fcoy »Baum» stntt few, coy »trinken« statt cto usw. Die F"orm '\oy^ »N'ater«
statt euoT findet sich auch durchgehend in dem Pariser altkoptischen Zauberpajjyrus (vgl.
Krman, ÄZ. 2i,89flr.). Zu dialektischem y für o vgl. noch üriffith, Rylands Papj'ri IM, 237,
Anin. 4.
' Vgl. auch S. 77, Anm. 3.
^ \'gl. auch 8. 75, Anm. i.
* \'gl. auch kopt. ii*.peAigoTn (fiir *n*.Änig^OTn, vgl. dialekt. n*k.wno&.Tn), ÄZ. 39, 130
Anm. I und griecli. A/ASNueHC. An weiteren Fällen, in denen auch kurzes betontes allägypti-
sches a eine Verschiebung zu o durchgemacht zu haben scheint, zitiere ich noch die folgenden:
mb. Amnn-ajipi neben griech. A«eN(0<t>lc, kopt. ne^onc ; mb. ma-isi in Ttära-maSii neben gricch.
Amucic usw. [der Name des Königs Amacic zeigt die alle Vokalisation; vgl. übrigens Griffith,
Rylands Papyri 111, 189 Anm. zj; ass. Manti (in *Mantim()je) neben griech. TlAMUNeHC usw..
KeilschriftlicJies Material zur altägyptl'<clien Vokalisation. 75
Nun sind wir aber fiir die Erkenntnis, daß koptischem o gelegentlicli
ein älteres a entsprochen hat, nicht auf die keilschriftlichen Umschreibungen
allein angewiesen. Wir besitzen dafür noch verschiedene weitere Belege.
Zunächst erinnere ich an die koptisch erhaltenen kanaanäischen Fremd-
worte im Ägyptischen, bei denen an Stelle eines semitischen betonten o-Lautes
im Koptischen ein o-Laut erscheint'. So haben wir kopt. ociAe »Widder«
neben hebr. '••'■&, kopt. &.<yo\T€ »Karren« (aus *'af/dltu) neben hebr. nijy, kopt.
cioM »Meer« neben hebr. 3^ (vgl. ass. iamu), kopt. feepe(?ü)o'yT(c) »Wagen«
neben ass. narkahtu, hebr. nnsir, kopt. mc(Tto\ »Turm« neben hebr. b'^jr,
kopt. -xoeiT »Ölbaum« neben hebr. rr^T sowie vielleicht kopt. eieo-yV »Hirsch«
(mit Umstellung des Alef und Jod) ne])en hebr. b^s, ass. aiiilu. Alle diese
Worte sind von den Ägyptern gewiß mit einem n in der Tonsilbe über-
nommen worden, und dieses hat dann erst in Ägypten die Verschiebung
zu o mitgemacht.
Aber neben diesen Fällen, in denen sich koptisches o noch auf ein
älteres a zurückführen läßt, stehen auch solche, in denen das fUtere a sich
im Koptischen oder in griechischen Umschreibungen noch erhalten zu haben
scheint. So haben wir in 'Apcihcic, 'Apygüthc, 'ApeNAcoTHC usw. usw. ein ap als
enttonte Form zu up^ (vgl. 'ßpoc, Ygnwpoc) bzw. yp (vgl. Cenypic, TTeieYRic
usw.), das sich doch wohl nur als die Verkürzung eines älteren *här ver-
stehen läßt, wie wir es in mb. JJära gefunden haben. In ähnlicher Weise;
werden solche tonlosen koptisclien Formen wie pe<M (in pÄ.Ai*wO) neben p(i).ue,
»k«j< (in Js.n«wMHi) neben o)iie, »&.T (in ni*.TiÄ.Te, Heß, gnost. Pap. v. London,
VIII, 2) neben eiioT u. a. als Überbleibsel einer älteren betonten Form mit
\
r
ko])t. cpMonT; iiss. Ilania (in Vm-IJania) nel>en f;iiccli. Ygnxuncic usw., kopt. n*.iyoitc; ass.
nrati (in Niharav, 'Nihiilesarau) nchon giiecli. Inapuytoc (Petrie Pa|). II, Index), ieoPcüYTOC (Peyron,
/oiilc 11.16), kopt. cpooif. Auffallend ist die Dejiniinu; des n in ass. N/Ää (l)eaclite id). Si/iai'.}
nel)eii ■;riech. Te»c, Taxuc, kopt. nt^bep^o (Cniin, Tat. Brit. Mus.) und ass. Stjäitlu neben kopt.
ciooyi (\p,\. auch ns.s. Sahpimäu). Fiir ^i-iecliisches w an Stelle eine-s sa'idischen o vf!;l. Griffith,
Rylands Papyri 111,190.
' N'gl. M. Burchardt, Die altkaiiaanäisrlien Kreindworte ini Äg}'])tisclien I, § 180. Den
Hinweis auf die ol)en zitierten Worte? verdanke ieli Hrn. Dr. Burchardt. Auch ko[)t. (J'iom
• (■arten« neben assyr. karmii, liebr. s-s, kopt. i3'*w.mo'Y''.V -Kaniel« neben liiOn-. V^j, ffehören viel-
leicht hierher. \'oi' einem j hat sich auch hier das alte a gehalten; vj;l. kopt. i^^vAi-gT
-Kes,sel- neben hebr. nn'3; (Burchardt, ebenda).
' Da.s tvj" wird hier durch das folgende A 7.n erklären sein (vgl. Stern, Koptische (ii'ani-
iiiatik, § 152).
' Er.st sekundär Lst gelegentlich up auch zu op cnllonl worden, so in "Opoyghc, "Opbhk.
10*
7fi H. Rankk:
U aufzufassen sein, so daß wir aus ihnen also ein älteres *räme, *anr, *iäie
usw. zu rekonstruieren hätten.
Ferner ist zu erwägen, ob nicht das im Achmimischen ^ an Stelle eines
sa'idisclien und bohairischen betonten o fast durchgehends auftretende js." zu
den mancherlei Altortümlichkeiten zu rechnen ist, die dieser Dialekt vor
anderen bewahrt hat. Die theoretische Möglichkeit, daß hier sekundäre Bil-
dungen des Achmimischen vorliegen sollten, scheint mir durch nicht« wahr-
scheinlich gemacht werden zu können; daß sowohl die altkoptischen Bei-
schriften zu demotischen Texten (vgl. Roesch a. a. 0.) wie die assyrischen
Umschreibungen in diesem Punkte mit dem Achmimischen übereinstimmen
(vgl. ass. arau neben achm. ÄwpA.'y), spricht vielmehr dagegen.
Eine letzte Bestätigung endlich bietet sich noch von ganz unerwarteter
Seite. P^s ist bekannt, daß zur Zeit des neuen Reiches Nubien als .süd-
liche Provinz dem ägyptischen Herrschaftsgebiet einverleibt gewesen ist,
und daß Jahrhunderte hindurch mit den ägyptischen Verwaltungsbeamten
auch die ägyptische Sprache in Nubien geherrscht hat. Als dann in der
ersten Hälfte des 7. vorchristlichen Jahrhunderts die engen Beziehungen
zwischen Ägypten und Nubien aufhörten, wurde auch die Sprache der
Ägypter von den Negern am oberen Nil allmählich vergessen. Daß aber
einzelne Brocken aus dem altägyptischen Wortschatz dauernd im Nubischen
erhalten geblieben sind, zeigt das Wort nah »Gold«'', das sich von ägypt. nl^w),
kopt. uo-yfi doch gewiß nicht trennen läßt. Seine Vokalisation zeigt, daß
es ins Nubische aufgenommen war, ehe der Lautübergang von a zu 0 im
Ägyptischen stattgefunden hatte. Vielleicht besitzen wir auch einen Beleg
dafür, daß man in Nubien den Gott Amon auch in späteren Zeiten noch
nach der alten Weise als Aman gesprochen hat, wenn nämlich der Name
Unkmiane (S. 36) wirklich mit 'htm zusammengesetzt ist.
Zusammenfassend erhalten wir etwa das folgende Resultat: Im Ägypti-
schen hat zu einer nicht genauer bestimmbaren Zeit zwischen dem 13. und
dem 8. vorchristlichen Jahrhundert eine Verschiebung von langem beton-
ten a zu ö stattgefunden. Nach den Konsonanten m und n ist ein solches ö
dann weiter zu ü verschoben worden. Wann dies geschah, läßt sich zur
' Ähnlich auch im Faijiimischen und Meinphitisclien (vgl. Stern, Kopti.sche Grammatik § 13).
- Die Zusammenstellung der Formen bei F. Roe.sch, Vorbemerkungen zu einer Gram-
matik der achmimisclien Mundart (Straßburg, 1909) S. 36 — 38.
' Den Hinweis auf dieses nubische Wort vei-danke icli H. Schäfer.
KeihchrlfÜiches Material zur altäyyptmhen Vokalisation. 77
Zeit nicht feststellen; doch ist diese Verschiebung schwerlich sehr jung, da
sie dialektisch sogar nach anderen Konsonanten schon mindestens fiir das
6. vorchristliche Jahrhundert anzunehmen ist'. In derselben Weise scheint
auch koptisclies kurzes betontes ö gelegentlich auf ein älteres d zurückzu-
gehen. Diese Verschiebung des kurzen Vokals hat vielleicht erst sekundär
stattgefunden', nachdem die Verschiebung des langen ä zu ö eingetreten
war. Sie ist z. B. in der verkürzten Form des Namens Horus nur ganz
vereinzelt eingetreten und hat im achniimischen Dialekt noch bis in nach-
christliche Zeit hinein meist nicht stattgefunden'.
II.
Die »Enttonung« der ägyptisch(!n Worte hat im neuen Keiche
den Umfang, den uns das Koptische und die griechischen Um-
sclireibungen zeigen, noch nicht erreicht.
Wir verstehen in der koi)tlschen (irammatik unter »Knttonuug« die
l'-rscheinimg, daß bei besonders engen Verbindungen mehrerer Worte einzelne
Teile dieser Verbindungen ihren Ton verlieren. Es läßt sich von vorn-
herein vermuten, daß diese Enttonung erst allmählich stattgefunden hat,
und das Material, das \ms die keilschriftlichen Umschreibungen liefern, l)e-
stätigt diese Vermutung.
1. Die fortschreitende Enttonung der ägyptischen Eigennamen.
Wie aus den griechisch und kupti.sch überlieferten Formen bekannt
ist, haben die ägyptischen Eigennamen eine Neigung, in Silben, welche
nicht den IIaui)tton tragen, einen ursprünglicli langen Vokal zu verkürzen.
Im Koptischen, wo die Eigennamen in der Regel* nur einen einzigen Ton
' Vgl. S. 74, Anm. i.
' Im 7. jRiirliiindert ist sie teilwi-ise noch nicht voriianden (vgl. die S. 74, Aniri. 4
/.itierteii a.ssyri.sclien Bei.spiele).
' Kiiie Verscliiebiiiif; von ä zu ö (tr/.w. vveitoi' zu t7) findet sich liekntuitlieh ebenso in
«ieu .semitischen .Spraclien (vgl. Zininiern, X'ersieiehendc Uranuiialik S. 49!'.). Auch im iM«^lni
ist. wie mir Littmann mitteilt, ein (Ibergaiig von ä zu ö vielfach zu belegen. \ni die zalil-
reiclien Parallelen innerhalb der ind<>euroi)äisclien Sprachen brnuche ich wohl nur hinzu-
w ei.se n.
* Kine .\usnahme bildet der Name odnicinci, der offenbar mit zweifachem .\kzent ge-
sjuochen wurde (vgl. auch HpoYCürKioc |('rurn. f'at. Brit. Mus.J neben APOYurxioc).
78 H. Ranke:
tragen, geht dies so weit, daß nur die Silbe, auf Av^elcher der Ton ruht,
einen vollen Vokal zeigt, während alle unbetonten Silben ein tonloses e
aufweisen'. Daß aucli diese starke Enttonung des Koptisclien sekundär
ist, wird niemand bezweifeln. Spiegelberg'- hat aus den griechischen Tran-
skriptionen den Beweis erbracht, daß sie erst sehr späten Ursprungs sein
kann. Er hat gezeigt, Avie sich in den griechischen Schreibungen das
Fortschreiten der Enttonung zum Teil noch verfolgen läßt. Wenn sich
griechisch Tmocicjc neben TMeciuc, Contcooyc neben Cgntcüoyc, Ygnonthpic
neben YeNeNiHPic finden, so sind, im Hinblick auf das Koptische, die Formen
mit ö gewiß fiir älter anzusehen als die entsprechenden mit e.
Dasselbe zeigen uns nun auch die keilschriftlichen Transkriptionen,
die aber auch hierin, wie zu erwarten ist, die griechischen noch an Alter-
tümlichkeit übertreffen. So haben wir mb. Amaiiappa, Amanhatpi mit a
in der zweiten Silbe, wo die griechischen Formen (AMeNca-tic, AweNueHc) an
der gleichen Stelle ein r aufweisen, oder mb. nop in Naphiilururija ver-
glichen mit griech. Ne<t> in TTeTeNeixoTHc. Bei dem letzten Beispiel finden
wir übrigens eine interessante Nebenform, die uns schon unter der i8. Dy-
nastie ein Fortschreiten der Enttonung erkennen läßt. Ich meine die Va-
riante Niphurririja, in der das nlp doch wohl als eine weitere P^nttonung
von nap aufgefaßt werden muß. Ähnlich findet sich auch assyrisch noch
gelegentlich das vollere a neben griechischem imd koptischem ^'; vgl. *Man-
tlrnehe neben MeNieMHc, Zahnüü neben griech. CeseNNYTOc, kopt. -xeueito'yTC,
Tapnahü neben griech. TNeoAxeoc.
Die babylonischen und assyrischen Umschreibungen bestätigen uns
aber nicht nur, daß die Enttonung innerhalb der Eigennamen in älterer
Zeit noch nicht bis zum Murmelvokal vorgeschritten war, sie lehren uns
auch, daß in manchen Eigennamen noch ein doppelter Akzent vorhanden war^.
' Vgl. z. B. feepujeito-yqc, oyene^&pe, ujeneTWAi, ujcnoyTe, tgeÄmTcnHY usw. usw.
'^ Ägyptische und griechisclie Eigennamen, .S. 24 ff.
^ Wenn Spiegelberg auch diesen dopjielten Ak/.ent in griecliisch überlieferten Namen
nacliweisen will, so beruht das wohl auf einem Irrtum. Das von ihm (Kigennamen, 8. 24)
zitierte Beis])iel OpceNOY*lc iial gewiß ebensowenig einen do])jielten .Vkzent gehabt wie das
entsprecliende koj)t. fcpujeuoyqc. Das 0 der griechischen Form braucht dem im Koi)tischen
entsprechenden tonlosen e gegenüber keine ältere und vollere \'ükalisation zu repräsentieren,
da es lediglich die Wiedergabe des für die grieciiische .Schrift niciit anders ausdrückbaren an-
lautenden IC ist. Ebensowenig zeigt Onnoo*pic eine vollere \'okalisation als OYeii*kfcpe (vgl. S])iegel-
''erg, ebenda).
Keihchriftllches Material zur altöyyplmclien Vokallsalion. 79
Zwar finden sich schon zur Zeit des neuen Reiches Namen, die allem
Anschein nach nur einen einzigen Akzent gehabt haben, so z. B. diejenigen
Zusammensetzungen mit 'Imn, in denen der Gottesname an erster Stelle
erscheint. Betontem Aviäna (vgl. Amäna und Mäi-Atnäna) gegenüber er-
scheint hier stets Aman, das gewiß als Aman aufzufassen und ohne Ton'
anzusetzen ist; so haben Namen wie Amamippa, A)nanmds{i)a, Amanhiitpi
offenbar schon zur Zeit der i8. Dynastie nur einen Ton gehabt. Ferner
TJikuptdh-, Pahamntda, Tahmdja, Tahmässr. Daneben aber finden sich eine
Anzahl von Namen, die noch deutlicli doppelten Akzent tragen; vgl. Ild-
ra-mäSsi, Mäi-Aimina. Nip/ji/rri-RfJa, [Nim}maa-läja'' sowie wahrscheinlicli
Par't!a-maM*.
Warum 'Imn fniher enttont worden ist als Hr. warum wir also mittel-
babvlonisch nicht * Am6na-)ndssi'-' , sondern Amannids{s)u liaben, wüßte ich
nicht zu sagen. Dagegen ist wold mit Siclierheit anzunehmen, daß niclit
in allen Eigennamen des neuen Reiches, an denen 'Imn an erster Stelle
stand, die gleiche Knttonung stattgefunden hat. Die Enttonung ist liier
offenbar von der Länge des Namens abhängig gewesen. Bei Namen, in
denen die Zahl der vor dem Ton liegenden Silben gar zu groß geworden
wäre, liat 7?«« gewiß seinen 'i'on behalten. Daß wir einen Namen wie
Imn-hr-irnm-f im neuen Reiche mit doppeltem Ton werden ansetzen müssen,
zeigt uns die Tatsaclie, daß selbst im 6. vorchristlichen Jahrhundert in
' Bzw. mit leiclitcni (legenton auf der prsten Silbe (vgl. das doppelte 7« in f^riecli.
Ammancmhc, AM«eNe«HC [Unger, Maiietho .S. ii8| und Maspero, Reciieil 32, 7 i).
' Der Name des Gottes 11h zeigt ii> den mittell)al)yl()nisclien Umschreibungen vor dem
Ton dieselbe Form wie unter dem Ton. Eine verkür/.te Form dagegen zeigt ass. Iptihartesv;
grieclii-sch und koptisch ist diese vei-kiirzte Form nicht zu belegen.
' Danach auch Waimua-Rtia (vgl. übrigens schon Steindorff, a. a. O. 8. 335).
* Oh der Gottesname Rc an erster Stelle in Kigennamen des neuen Reiches noch seinen
vollen Ton besaß wie IJr oder ob er wie '/mn bereits halb enttont war, vermag ich nicht
zu sagen, doch scheint mir das ei-stere wahrscheirdicii. Beachtenswert ist iunnerhin. daß die
Ausschreibung des langen Vokals (wie an letzter Stelle in Qu-u-ri-i-ja, NimmurTia[s\) an erster
Stelle nicht zu belegen ist. Übrigens begegnen an ei'ster sowohl (vgl. Ei-a-na-pa neben
Ri-ja-ma-nu[. . .?]) wie an letzter Stelle im Namen (vgl. Ni-hn-mu-ri-ja, Ni-ib-mu-a-ri-a) die
Schreibungen ri-a und ri-ja nebeneinander, so daß also niclit etwa ri-a als Schreibung der
enttonten Form angesehen werden kann. Jedenfalls abei- hat eine Verkürzung von i zu ä,
wie sie für die .spätere Zeit aus den griechi.scheti Umschreibungen gesichert ist (vgl. tonloses
PA in Pawccchc usw. neben betontem ph in Oycimaphc usw.) unter der 18. und 19. Dynastie
noch nicht stattgefunden.
' Wie Qöra-mdäii.
80 H. Ranke:
ähnlichem Falle das Wort 'hnn noch seinen vollen Ton behalten hat; vgl.
das deutlich doppelt betonte neubabylonische Amünutap{u)ndhti. Deutlich
doppelt betonte Namen kennen wir auch aus assyrischer Zeit, und zwar
Nahtihuruanseni und Pihattlhurunpiki. In ihnen hat der Gottesname //r'
(gegenüber Fällen wie Ilarsija^eSu, Havtihtt) aus dem gleichen Grunde seinen
vollen Ton behalten. Auch ass. BükkunannUipr und * Bnk(k)unrinip sind
vielleicht mit doppeltem Ton gehört worden, während ass. Hartibti, Hath{a)-
rtba, Iptihartesu, Nihti{e)saräu, nb. Naht{u)hdppi> offenbar nur noch einen
vollen Akzent besitzen. In anderen Fällen, wie bei ass. * Mantimehe, kann
man zweifeln, ob einfacher oder doppelter Ton anzunehmen ist. Nb. Hapl-
menna scheint nur noch einen Ton zu besitzen, da dem unbetonten ^pi
ein betontes happU (vgl. Nahtn-hdppU) gegenübersteht.
Die keilschriftlichen Umschreibungen lassen uns über die Enttonung
der einzelnen Teile zusammengesetzter Eigennamen also Folgendes er-
kennen :
1 . Im neuen Reiche ist in einzelnen Fällen der ursprüngliche doppelte
Akzent noch vorhanden {Hura-indsSl). Verliert der erste Teil des Namens
seinen Akzent, so wird der bisher den Ton tragende Vokal verkürzt, behält
aber in der Regel seine Qualität (AmanMipl usw.); imr ausnahmsweise geht
diese verloren {Niphürrirtja).
2. Auch aus der Zeit der 26. Dynastie und der Perserherrschaft sind
Namen mit doppeltem Akzent nachweisbar (ass. Naht{i)hnruaiiHcni, nb. AmUnu-
l(i}){ii)nähti); daneben hat es aber gewiß schon eine ganze Anzahl von Namen
gegeben, die, wie die koptisch erhaltenen, eine völlige Enttonung der niclit
betonten Silben aufweisen (vgl. ass. Iptihartesu, Nihtüardu).
2. Die Enttonung des regierten Wortes in der status-constructus-
Verbindung.
Was uns im Koptischen an statu s-constructus -Verbindungen erhalten
ist, zeigt durchweg eine Enttonung und eventuelle Verkürzung des ersten
Wortes. Der Vokal der Tonsilbe wird im Status constructus durch tonloses e
' Bzw. Ht-Hr; eine enttonte Form von lU-lJr ist uns griechisch erhalten in AeePNeeeN-
TAirecüc (vgl. OLZ. 1909,531).
' (Iber die \'ei'düppelung de.s auf einen betonten kurzen Vokal folgenden Konsonanten
vgl. S. 69, .\nui. i.
KeilschriftUch.es Material zur ultä(iypt'iscJien Vokal isation. 81
ersetzt; vokalischer Auslaut geht verloren \ Wie stand es nun damit in
der Sprache des neuen Reiches"?
- Von den hier in Betracht kommenden mittelbabylonisclien Umschrei-
bungen Hikuptah » Haus des Geistes des Ptah « , Nil>mu>artia » Herr der Wahr-
lieit ist Re« und PaJunmiüta »der Diener Gottes« zeigt uns die zweite mit
Sicherheit eine Verkürzung des im status constructus stehenden Wortes.
Das Wort nl>{ic) »Herr« ist nach dem koptischen hh6 auch für die alte Zeit
sicher mit langem Vokal, wahrscheinlich als nihr oder nehe'' anzusetzen.
Statt dessen weist der status constructus die verkürzte Form nil) auf. Wir
dürfen daraus den — übrigens nicht überraschenden — Schluß ziehen, daß
auch im Altägyptischen (wie in allen semitischen Sprachen) das im status
constructus stehende Wort, wenn möglich, eine Verkürzung erlitt, und zwar,
daß bei einem mehrsilbigen Worte mit auslautendem Vokal dieser Vokal
' Vgl. Steindorff, Koptische Grammatik', § 135, 163.
- Für (las Folgende muß freilich die Kiiiseitigkeit unseres Materials stets im Auj^e he-
haltcn werden. Ägyptische statiis-constriictiis-V'erhindungen sind uns in keilschriltlicherWieder-
galie fuu- als Bestandteile von Kigennamen erhalttMi. Wollen wir von diesem Material aus auf
Ki-scheinungen in der ügypti.schen .Sprache üherliaujjt schließen, so ist dahei immer mit zwei
Möglichkeiten zu rechnen: Einmal — da in mehrteiligen Kigennamen die Tendenz zur Krit-
totiung und N'erkürzung einzelner Teile hesonder.s stark ist — , daß wir möglicherweise Foinien
finden, die stärker verkürzt sind als die entsi)i'echenden Formen in der gewöhnlichen Sprache
dei-selhen Zeit es sein würden. Dann aber auch — - da anderseits gerade die Kigennamen.
wie nberall, so auch im Ägyi)tischen, vielfach altes S])racligut und alte Sprachformen bewahrt
haben — , daß wir in ihnen bisweilen auch Formen finden mögen, die eine Verkürzung noch
nicht aufweLsen, welche die ents|)reelienden Formen der gewöhnlichen Sjjraclie derselben Zeit
schon erlitten haben.
' Für den Ui-sprung von koptischem betonten «und T — • die im Unterschied von dem
H und I des Spätgriechischen stets streng auseinandergehalten werden — geben uns die keil-
schriftlichen Umschreibungen noch keine einigermaßen klare Auskunft. Kein einziges der
in Betracht kommenden Worte ist zur Zeit aus der mittelbabylonisclien u n d assyrischen (oder
neubabylonischen) Periode zugleich zu belegen. Die as.syrisclien {tbi neben mi für Ib, ei[«] neben
HCl, Hce für /»]•<], he neben h für hi[-t\, niüpi neben ni*i, niqe für nfj, Memjn neben Me«*ic,
jucitqe für Mn-n/{r\) und neubabylonischen (Esis neben hci, hcc für ls[-i\, temu neben thm für tm)
Umschreibungen zeigen, wo die Lesung zweifellos ist, in den i- und e-\'okalisationen eine so
völlige Übereinstimmung mit den griechischen und ko])tisciien, daß wir aucii Schreibimgen wie
W-« (nel)en griech. phc, kojit. pHC für rsj), ti-ti (neben griech. ahti, kopt. th"^ für Dd[-t]) und si-ni
(neben kopt. igHn für inw) als resi, teti und seni werden ansetzen dürfen. Auffallend ist nur
ass. Tnäpi neben griech. «ht für mdw. Mittelbabylonisch ents[)richt rTja bzw. rT/a einem griech. PH
und kopt. pii. Hier ist das i (durch die Schreibungen ri-i-ja, niemals *ri-e-ja) gesichert. Aber
es wäre voreilig, von diesem einzigen Beis|)iele aus ein älteres * nlbe für s])iiteres wnk ein
älteres irfre für späteies ohp, oyhp (ägy|)t. wr) usw. usw. anzusetzen.
Phü.-hMt. Klasse. 1910. Atihang. Abh. II. 1 1
82 H. Ranke:
abfiel. Dasselbe kann bei hi fiir A?(-/)' »Haus« und kam für hm »Diener«
der Fall gewesen sein, so daß wir also die absoluten Formen hT?e und
hä/tir zu rekonstruieren hätten, doch läßt sich dies nicht mit Sicherheit
sagen, da uns von keinem dieser Worte die Aussprache einer absoluten
Form überliefert ist.
Die mittelhabylonischen Umschreibungen zeigen uns ferner, daß der
Tonvokal eines Wortes im status constructus, wenn ni(>glich, gekürzt wurde,
ohne jedoch seine Qualität einzubüßen.
So wurde in Hikuptah {H?{-t)-k^-Pth) das ii von h' offenbar kurz ge-
sprochen, gegenüber dem langen u der absoluten Form in zahnakü {1b-n{j)-ki),
und ebenso zeigen die kontrahierten Formen Nimmurtja (neben Nlhmu^ariSa)
und Pahanäte -— *Pohannate'' (neben Pahamnäla) doch wohl, daß die status-
constructus-Formen nih und kam mit kurzen Vokalen anzusetzen sind. Bei
Worten mit langem Tonvokal wurde also aller Wahrscheinlichkeit nach
schon zur Zeit des neuen Reiches der Vokal im status constructus ver-
kürzt, er wurde aber noch nicht, wie es im Koptischen der Fall ist, zum
Murmel vokal reduziert. Die Worte /t?(-0, ^<^, nl> und hm werden im status
constructus nicht gleichmäßig, etwa mit kurzem t'^ oder l, vokalisiert, son-
dern zeigen verschiedene Vokale, die offenbar den verschiedenen Vokalen
der absoluten Formen dieser Worte entsprechen.
Die mittelbabylonischen Umschreibungen lehren uns endlich noch ein
Drittes über den ägyptischen status constructus im neuen Reiche. Das -t
der Femininendung, das im status absolutus offenbar längst verloren war"*,
ist auch im status constructus — wo es in den semitischen Sprachen stets
erhalten blieb — gelegentlich schon abgefallen (vgl. mb. Hikuptah für
m-t-k;-Pth)\
Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß die Enttonung der im
Status constructus stehenden Worte zur Zeit des neuen Reiches noch nicht
so weit vorgeschritten war wie im Koptischen. Zwar die Verkürzung mehr-
silbiger Worte durch Abfall des auslautenden Vokals ist schon die gleiche,
' Der zweite Radikal des Wortes (wolil ein ,Iod oder Alef) ist nicht bekannt.
^ Vgl. ÄZ. 46, 109 f.
^ Vgl. unten S. 85.
* Daß dieses Feminin-; sich in anderen Fällen im status constructus noch his in späte
Zeit gehalten hat, zeigen außer dem Namen der Ilathor und Nephtiiys (vgl. unten S. 84 f.) auch
griechische Umschreiliungen wie Atapshxic, Atapbikic lur W^-t-Ur-bik (Recueil 22, 162).
Kellschriftlichps Materkil zur altägyptischen Vokalkation. 83
aber der Vokal, der im Status absolutus den Ton trug, ist noch nicht zum
farblosen Murmelvokal geworden; er scheint im Status constructus ver-
kürzt worden zu sein, hat aber seine Qualität noch nicht eingebüßt. Wir
werden also, um ein paar Beispiele zu wählen, ein ägyptisches pr-'Inm
»Haus des Amon« für die Zeit des neuen Reiches etwa i\ls pir^-Amanr, ein
//?{'/)-n/(r) »Gotteshaus« etwa als hmäte'^ ansetzen dürfen u. s. f.
Die jüngeren keilschriftlichen Umschreibungen lehren uns dagegen
wenig Neues. Aus assyrischer Zeit kennen wir drei ägyptische Worte'
im Status constructus. Zunächst das Wort pr «Haus«, das teils als pi
(PijMttilmrunpiJci, Pinteti, Piiapßä, PiSaptu). teils als p {Pvh'rn) erscheint.
Das r ist also im Status constructus vor folgendem Konsonanten bereits
mehrfach zu ./ verschlifl'en worden ', und dieses quiesziert mit dem vorher-
gehenden Vokal; vor anlautendem ir fallt auch dieser Vokal fort. In Pu-
nnhii fär 'Pinviru'' liegt offenbar Vokalassimilation vor. Soweit wir es
nachpriifen können (vgl. CzseNAHTic, Boycipic), stimmt hier die Vokalisation
der assyrischen Umschreibung mit der der griechischen Zeit überein.
Etwas anders steht es mit dem zweiten in assyrischer Umschreibung
erhaltenen ägyptischen Status constructus. Von dem Worte s,' »Sohn« ist
uns aus griechischer (Apcihcic) und koptischer Zeit (gcopcjHci) die Vokali-
sation des Status constructus als ci bzw. ci erhalten. Derselbe Name Hr-
«/-/^(•^) erscheint uns nun assyrisch als Hur-siJa-eSu, wobei dem griechisch-
koptischen si ein assyrisches sya" gegenübersteht, das offenbar eine ältere,
vollere Form repräsentiert, in der das Alef mit dem darauffolgenden Vokal
noch gehört wurde". Das dritte hier in Betracht kommende Wort ist h?-t
»Haus«, dessen Status constructus uns assyrisch in zwei ganz verschiedenen
' Oder pir, je nachdem wir aus dem kopt. (n)Hi ein altes ^?r^ oder pere zu rekonstru-
ieren haben.
' Wie die \'okalisation von kt)[)t. gcnecTe "Kloster-, das man gewöhnlicii auf ägypt.
A?(-f)-ni(r) zurückgeführt liat, zu erklären ist, weiß icli nicht.
' Die stark verkürzten status-constitictus-Koruien ass. « für ?(/; -Ilerr« in liinti'li und
nl). «.« für s'tnj(?) -König- in Patmiijtixlii sind hierbei nicht uiitgczühlt.
* In dem griccliisch üherliefeiten Oi-tsnanien TTepXMACClNHiT --^ Pr-kh-nis-s^-Njt ((iood-
.speed, (Jreek Papyri from tlie Cairo Museum Ni-. IX) hat sicii das ;■ voi' folgendem / ge-
halten.
' Vgl. kopt. niiioffe (Amelineaii, Geogr.), und siehe oben S. 71 und Anm. i.
• Für die Wiedergabe des Alef durch j vgl. unten S. 86.
' Ein geliTii'tes xi!-rsfi hätte keilschriftlicli durch si-ii-c-m ausgedrückt wer-ilen können
(gegen Steindorff a. a. O.).
11'
84 II. Kanke:
Formen überliefert ist; einerseits mit der zu erwartenden Verkürzung, als
ha (in IIalh(;i)ribi für H'^{-t)-U-hrj-il)), anderseits in der offenbar in die ältesten
Zeiten zurückreichenden Form hatti im Namen der Göttin Hatlior {Hattijiüru),
in dem das alte -t der Femininendung ja bis in die koptische Zeit hinein
(güvetop) erhalten geblieben ist'.
Für die Zeit der 26. Dynastie zeigen uns die assyrischen Umschi-ei-
bungen also im Wesentlichen dasselbe Bild, das wir aus den koptischen
und aus den griechischen Transkriptionen kennen. Nur in sija als Status
constructus von s> »Sohn« scheint noch eine ältere, vollere Form sich er-
halten zu haben.
' All der Richtigkeit der ägyptischen Etymologie, die dieses Wort als h?-i-}Jr «Haus
des Horus« erklärte, braucht wohl nicht ge/.weifelt zu werden. Dieselbe Krhaltung der F'eniinin-
eiidung im Status constructus bis in die koptische Zeit findet sich im Namen der Göttin Nephtliys
(ko[it. iicWio), der aus nlt-t-h?{-t) »Herrin des Hauses« entstanden ist.
KeilschriftlicJies Material zur altäyyptischen VokalLsation. 85
Anhang.
Die keilschriftliche Wiedergabe der ägyptischen Konsonanten.
Während in der Qualität der Vokale und in der P-nttonung der Worte
seit dem neuen Reiche mein- oder minder große Veränderungen stattge-
funden haben, hat das Konsonantengerippe der ägyptischen Spraclie, soweit
wir es nachprüfen können, am Ende der 18. Dynastie' schon fast völlig
die Stufe des Koptischen erreicht'.
So ist vor allem das -t der Femininendung nicht nur in neubabylo-
nischer — vgl. Esi} für l^{-i), uastu für B>\sl{4) — und assyrischer Zeit —
vgl. Ije für hi(-t), kiiüv k!{-t), NUi für ©,, e:§{u) ftir Si(-t), uhlsti für B^st{-1) — ,
sondern schon im neuen Reiche — vgl. appa für ip{-t), mu>u{w)a fiii* in>'^{-t),
fii für A?(-0. namSa für nnd\-t) — fast stets abgefallen. Nur im Namen
der Hathor (ass. hattiijüru) finden wir es, wie im Koptischen, erhalten und
in mb. Naptera für Nf{r)-t-irJ, wo es offenbar vor dem folgenden Alef er-
halten blieb.
Das r als letzter Radikal ist im neuen Reiche — und gewiß schon
lange vorher — verschwunden; vgl. mb. natu für «/(?), ndpa für nf{7-),
was für ws(7-), ih für /'(r) '. Das Wort pr »Haus« ist aus dem neuen Reiche
noch nicht zu belegen. In assyrischen Umschreibungen finden wir, ganz
wie in griechischen und koptischen, das /• dieses Wortes bald erhalten,
' Walirscheinlich gelit dieser Konsonantenbestand Sü^;ar, zum mindesten teilweise, in
sehr viel ältere Zeit zurück.
' Eine Ausnahme bilden nur einige späte Lautübergänge, die er.st im Demotischen nacli-
ziiweisen sind, und die selbst in den älteren griechischen Umschreibungen sich noch nicht
finden. .So der Übergang von m zu n in der Präposition ^^\ (vgl. mb. ParTiamahü, ass. *Manti-
ntehe sowie griech. MeNTewHC, Apmaxic, Apmaic usw.) inid der Übergang im Sa'idischen von
® zu u] (vgl. mb. ahpir und huiitru sowie griech. CAxnHPlc [aber A\lc<t>PHC, Mic*PArMOYe(öClc]
neben kopt. lyonie, ujnHpc; mh.ruhi(i) neben koi)t. 5j; ass. iiahli usw., gi-iecli. NexeANOYBic,
NexeMWNeHC usw. [abei- Nicrepuc, NecTNH<l>icI| neben kopt. it«.u)T. miH-\-; ass. [limüni, gi-iech.
CNAXOMNevc neben ko])t. ujMOifH. ass. IJania, griech. YeNXWNCic usw. neben ko|)t. ii«.u)ouc
usw.; vgl. auch Griffith, Ilylands Papyri 111, 8. 199).
' Ebenso natürlich in den a.s.syrisclien und neubabylonischen Umschreibungen; vgl. ass.
Mempi, Mimpi, nb. Membi für Mn-n/(r). ass. niiti für nt{r), nb. J^iptemu für N/(r)-tm.
86 H. Rankk:
bald abgefollen; vgl. einerseits PzV'/m (hebr. WiB, griech. <1>apaü), kopt. [n]ppo),
anderseits die auf S. 83 zitierten Beispiele.
Das mittlere iv von [I ^ ist schon im neuen Reiche (vgl. mb. Ana)
spurlos verschwunden; das t von [1 \?\ a«w« fehlt in der assyrischen Um-
schrift wie im Hebräischen und Koptischen (S. 45). Daß es schon im neuen
Reiche nicht mehr gesprochen wurde, zeigen Schreibungen wie (1 .äXs ^ ,
(Turin 172, Leiden V 43), (1 ^aaaa^a (Brit. Mus. 148, Stele Dyn. 18: Kairo
Wb. Nr. 153, Denkstein Dyn. 18) [1 (jx:^ (Kairo Wb. Nr. 38, Grabstein
des V-- — '^^), |l<=3>^'^vwvA (Theben, Grab des »Hui«, Piehl, Inscr. I, 144)
usw. Die mit p> S7J n »der Sohn von« gebildeten Personennamen zeigen
in der assyrischen Umschreibung schon dieselben Verkürzungen, wie wir
sie im Griechischen und Koptischen finden (vgl. S. 48 und 69, Anm. 3).
Ebenso hat dd »sagen« in den assyrischen und neubabylonischen {Sihä,
Siha^) wie in den semitischen' und griechischen Umschreibungen das d
schon verloren (vgl. Burchardt, Fremdworte 1, 153). Interessant ist die
gelegentliche Unterscheidung von — "— s und P s in der assyrischen Wieder-
gabe, die uns zeigt, daß im 7. vorchristlichen Jahrhundert diese beiden
Laute noch verschieden gehört werden konnten; vgl. S. 91.
Im Einzelnen verhält sich die Wiedergabe der Konsonanten wie folgt:
Im Silbenanlaut teils durch die Vokalzeichen usw. wiedergegeben (vgl.
S. 64, Anm. 3), teils durch j; vgl. ass. sij'a für ><t/, Sijmitii für Slwtß, Soja
fiir Sf{io)*. Im Silbenauslaut hat es seine konsonantische Art meist auf-
' Der älteste Lautwert des Zeichens m war, wie mir Erman mitteilt, nicht in, sondern tum,
' Vgl. hebr. raysttss für D(d)-pl-ni(r)-iwf-cnh, arani. rmx für D{cl)-h(r).
^ In ciooyr liegt offenbar ein ägyptischer Übergang von / zu J vor (vgl. ^^ ^V^^ ®'
Harris 58,12). Das^' in sija für si dagegen ist vielleicht nur auf Kosten der assyrischen Aus-
s])rache z.u setzen, die den Hiatus zu vermeiden suchte; vgl. die ähnliche Erscheinung im
Mittelbabylonischen, .S. 87 f , süwie(worauf Spicgelberg mich aufmerksam macht) griech. Apcithcic
und Mayser, Gramm, d. griech. Pap. §34b.
* Auch hier scheint der Übergang von i v.n j schon ins neue Reich zurückzugehen;
vgl. die Schreibungen ^^^ ^^. (](1 (SallierlV, 3,10; 8,6-7; '6,10; 19,2; Pap. Turin, Pleyte
und Rossi 125,9) ""'1 ^ ij^ © (Recueil 33.65)-
Keilschriftlicli£S Material zw altägypi'isclwn Vokalisaüon. 87
gegeben; vgl. mb. pa für jo/, ku für k!, ass. pa, pi für p', tu für iS usw.;
nur in dem einmal belegten mb. miiiuwa fiir 7H>''{-t) — falls hier wirklicli
ein silbenschließendes Alef vorliegt — scheint es in der Brechung des
vorhergehenden Vokals eine Spur hinterlassen zu haben. — Merkwürdig
ist das Alef in ass. ni^ipi für nf, sowie das am E-nde der Worte >^(-i)
und Hp in neubabylonisclien Umschreibungen {Esi>, Happig) sicli findende
unorganische Alef-, dem in den aramäischen Transkriptionen (^CS, "sn) ein
Jod entspricht.
1 . Als Jod. — Im Silbenanlaut durcli / wiedergegeben in mb. Maja
für Mj, Teje lur Tj, insihja für t\^{':'), &ss. ja ru im j{t)r{ir). Die Wiedergabe
eines silbenschließenden j ist nicht zu belegen; in mb. cra für Irj, ass. ti.iirn
für ^yyr(j)\ nb. ni für nj usw. hat das ursprünglich ehnnal silbeii.scliließende
/ mit dem voraufgehenden Vokal (juiesziert.
2. Als Alef. — Im Silbenanlaut durch die Vokalzeichen usw. wieder-
gegeben (vgl. S. 64, Anm. 3); untergegangen in mb. Napln-a üiv Nf(r)-f-/'rj,
a.ss. NaÜja für N'-idhiii. Im Silbenaushnit nicht belegt.
Bei der Wiedergabe dieses Lautes durch die Keilschrift ist zu beachten,
daß in der babylonisch-assyri-schen Spraclie das Ajiii durchweg zu Alef ge-
worden ist*, und daß infolgedessen die Keilschrift kein Zeichen für Ajin
ausgebildet hat. Die babylonischen und assyrisclien Schreiber, die in ihrer
Sprache diesen Laut nicht kannten, hatten also eine doppelte Schwierig-
' Wir werden danach für ägy|)t. ^y ^ •Wind« einen Laiitwert nlf(w) oder ntßw) aii-
/.tinelimen haben, dessen niitUcrer lindikal in der Scln'ift nii'gciuls /.um Aiisdrnck konntit niid
auch in kupt. iiiqe keine Spur liinferlas.sen hat. Kine letzte Kriiinernng an seine Kxist(Niz
bewahrt vielleicht der gebrochene Vokal in kopt. iieeq •Scliifl'er«.
' Vgl. auch nb. SUjai neben as.s. Sihä, arani. allerdings rns.
' Das Schilfblatt ((J) ist wohl ursprünglich das dem semitischen Jod entsijrechende
Zeichen des ägyptischen Alj)habets. Daß es häufig auch ein .Mef vertritt, ei'klärt sich am
besten ans einem innerägyptischen Übergang von Jod zu .\lef (zum Übergang von Alef zu
Jod vgl. S. 86, Anm. 3 und 4).
* \'gl. Spiegell)erg, Ägypt. Sprachgut S. 16 Nr. 52; Krmnn, ÄZ. 46,92 fl".
' Der dem semitischen Ajin ents])rechende Laut.
" \'gl. Ungnad, Grammatik § 4c.
88 H. Rankk:
keit: weder ihr Ohi- noch ihre Schrift waren geeignet, ihn genau wieder-
zugeben. Was sie hörten, war ein alefartigcr Laut, den sie in assyrischer
Zeit durcli ihr »Hauchlautzeichen« wiedergaben, vgl. ass. /?7 und /«(?) für ^>
(in Plr>U, JamM, Pisapßä?) und Sa^atm, f^e>enu für U'^n{-t), •^cd^js.ne. Ebenso
sind wohl auch die mittelbabylonischen Schreibungen lü-a für K (voka-
lisiert *fi''ä) und »m-a bzw. mu-ü-a für '>n^<^{-() (vokalisiert etwa *mü^ü^ä)
als riUi bzw. rnu^a zu fassen'. In gesprochenem rin und mua schiebt sich nun
zwischen die beiden ursprünglich durcli Alef getrennten Vokale ein /bzw. ?/',
das lediglich auf Rechnung der »barbarischen« Aussprache dieser ägyptisclien
Worte zu setzen ist, und wir erhalten die Schreibungen rija^ und hiuwa*.
Über das <" von tn/<'{-f) läßt sich freilich nichts Bestimmtes sagen; das '' von /•<"
aber liat sich im Ägyptischen sicher bis in sehr viel spätere Zeit gehalten,
wie die hebräischen und aramäischen Umschreibungen beweisen.
Etwas anders lag die Sache fiir die kanaanäischen Untertanen des
ägyptischen Königs. Ihre Sprache besaß zwar ein Ajiii, da sie sicli aber
der Keilschrift bedienten, so boten sich ihnen die größten Schwierigkeiten,
den geliörten Laut richtig wiederzugeben. Das ägyptische Wort tCn- »Offizier«
geben sie daher entweder durch u-i-u, irf-a usw. wieder oder aber durch
wt'hu, welji; im ersten Falle gaben sie das gehörte Ajin zu scliwacli durch
Alef (vgl. S. 64, Anm. 3) wieder, im anderen zu stark durch //'.
Im Silbenanlaut durch 10 wiedergegeben in mb. wehu usw. für jcOp,
wwa {o&ev wera) fiir wr, was für ?OÄ(r); durch u in mb. mSu usw. fvLV iC^w,
' Vgl. ol)en 8.64, Aniii. 3. Wie übrigens dieVokalisation von *m&!äcä dem kopt. mc :mhi
»Walnheit- gei^enüber zu erklären ist, wüßte ich nicht zu sagen. An einen Pluial von inic(-t)
(so Maspero, Recueil 32,75) dai-f docli wohl nicht gedacht werden, trotz der demotisciicn
.Schreibung des Namens 9oto/aoyc (Berlin, Demot. Paji. 3016 A Kol. II, vorletzte Zeile).
'■* Dieselbe Erscheinung findet sich im Babylonischen selbst (vgl. Ungnad,Grannnatik §6e/3).
' Aus dieser Schreibung auf ein ^' als ursprünglichen dritten Radikal des Wortes rf /.»
schließen (vgl. Sethe, AZ. 44, 10) liegt gewiß kein Grund vor.
* Vgl. übrigens S. 15, Anm. i.
* In ähnlicher Weise wird, wie mir .Möller mitteilt, im iigy|)tischen Dialekt des heutigen
Vulgäi'arabisch das Ajin vor Konsonanten vielfach als h gos])roclieii, /.. B. simihi »ich liabe
gehört« für ^i>jt«_i«, betaht »gehöi'ig zu« für Xjiij .
" Besser wäre die Umschreibung durch «. Das ägyi)tisclie V\ ist, wie der entsprechende
semitische Laut, ein Halbvokal.
Keihchriftlklies Material zur altiiyyptiscJien Vokalisation. 89
ass. U7i für wn, TJsihanSa fiir W/j<'-Hn»ic(?). Im Silbenauslaut durch u wieder-
gegeben in ass. Si/'äulu für S>wtj, kopt. cioo-yT (vgl. übrigens S. 74, Anm. 4).
In mb. vpiiti für tppirfj(?), urui^a fiir «t.s- (eine Bildung wie kopt. o'Yg^op),
ass. uSiru für ^VV;/(y), Manti fiir Mnhc, nb. 7"///»/ für DhivtJ usw. usw. hat das
ursprünglich silbenschließende ic mit dem voraufgeh en^den Vokal quiesziert
(vgl. noch nb. tu {\\r thrj). Ob das Wort ®| »Stadt«, das wir uns gewöhnt
haben, nijc{t) zu lesen, wirklich ein ic als Radikal gehabt hat, scheint nach
den Transkriptionen sehr zweifelhaft. Die assyrische (i\7;'<) und hebräische
(S3)' Umschreibung weisen vielmehr auf ein Alef als zweiten Radikal. Griech.
NH in YoYceNNHc wäre damit in Einklang zu bringen. Dagegen sprechen
aber die Zusammenstellung von ®| »Stadt« mit der Göttin S\ N>i'(-t) bei
Diodor und die Schreibung des Namens von Naukratis (vgl. Schäfer, ÄZ.
41 S. 140). Ich vennag eine Lösung der Frage nicht zu geben'.
J
I
Meist durch 1> wiedergegeben: außer den mit h beginnenden Worten
vgl. noch mb. nih für nl>, zabnakü fiir ij)-n{j)-ki\ ass. ihi fiir tb, )iul)u für nb,
Saliaku für S/)k, Zafmuti fiir T/>-nl(r). Mit folgendem ?// assimiliert in mb.
Nimmurlja' . Nach u zu w bzw. // erweicht in nb. Pal-uastu (fiir Pat-umstu,
vgl. S. 33, Anm. 4).
Up.
Stets ^ durch 7; wiedergegeben; außer den mit p beghinenden Worten
vgl. noch mb. hatpi für hlp{w), afjpi{r) für hpr, kttcp für itp, iqmti (? fiir wpirtj),
ass. Sapti für Spd(w), PiSamelki fiir Psintk, nb. hopi für Jip. Nach kurzem be-
tonten Vokal erscheint das p verdoppelt in mb. appa für ip{t) und nb. happii
für Ijp. In mb. tali (in Tahtnaja und TahiiiasSi, vgl. auch Hikntah) für Pth ist
' V^I. Nalimii 3, 8.
' V};!. noch .Spiegel l>erg, Deiiiotisclie Studien II, S. 8 iiiul 27; üriffitli, Rylands Papyri III,
228 Antn. 5. — Oder i.st auch unsere Lesung der Göttin als Nw-t mit w unrichtig:'
' Zur .Schreibung mit einem m {NvnuwarTja usw.) vgl. S. 65, Anm. 10.
* Die ein/.ige Ausnahme bildet das merkwürdige Ijuluru, hurri usw. für hprw in mli.
Naphulururtja usw.; hier scheint dasjo irgendwie verschliflen zu sein und eine Ureciiung des
X'okals veranlaßt zu hai)en.
Phü.-hist. Klasne. IDIO. Anhang. Abh. IL 12
90 H. Rankk:
das die anlautende Doppelkonsonanz beginnende p wohl nicht nur aus gra-
phisclien {Ti-iiuden (vgl. S. 69, Anm. 3) nicht wiedergegeben worden'.
Stets durch p wiedergegeben, da die Keilschrift kein Zeichen iur /
besitzt; vgl. nib. napa, nap, uip für nf{r); ass. niUpi für nlßc(?) *rmip lür rnf,
Tapnahü liir Tlf-nht; nb. tnpunahü für Uf-nht, niptemu für Nßr)-tm.
m.
Stets durch rn wiedergegeben ; außer den mit m beginnenden Worten
vgl. noch mb. Amänu für 'Imn, Parlkiniahu fiir PS-r^-m-hhi^^) namsa für nms{-t);
ass. Amünu für 'Imn, PiSa7nelki für Psmik, Hiniüni für ffnimc; nb. AmUnu für
'hrin. Mit folgendem n assimiliert in Pahunäte (für *Pahannäte)- neben Pa-
hatnnäta.
Meist durch n wiedergegeben; außer den mit n beginnenden Worten
vgl. noch ml). Amänu für 'hnn, Ana für 'Jn{ic), man, min für mn, zahnakü für
lj)-n(j)-k> \ ass. im für um, Manti für Mnt{w), *rtn für rn, Hitnüni für }{mnw,
sFnt für snw, Susinku für Smk, Hininsi für Hnn-itnj{^). Vor folgendem / er-
scheint n als ;«, vgl. ass. und nb. Mempi, Mimpi, Me)iihl fiir Mn-nßj-). Vor
.-- ist n gelegentlich fortgefallen ', vgl. ass. iSpimutu für Ns-p>-mdw. Durch /in
wiedergegeben in ass. BukkunannUipl für Bk-n(J)-nf(w). (Vgl. S. 69, Anm. i .)
Meist durch r wiedergegeben ^ außer den mit r beginnenden Worten
vgl. noch mb. wira für icr, urussa für wri, Uära'' lür 7/r, [iura für Hr{?), ahpiirY
für A;?r, duSwu usw. für AprMJ, <?ra für /r;'; ass. flr für ir, ustru für Wj^i?-(y), PirSu
' Es i.st von den Schreibern der Tellamamabrieie gewiß ebensowenig ausgesprochen
worden wie heute im Englischen das anlautende p von 'Ptoleiny« oder »pneuinonia« ge-
sproclien wird; italienisch schreibt man sogar »Tolomeo«.
•^ Vgl. ÄZ. 46, 109 f.
' Vgl. Spiegelberg, Eigennamen S. 42*. Griffith, Rylands Papyri III, 230 Anm. i.
'' Fiir die Fälle, in denen r als letzter Radikal des Wortes vei-schwnnden ist, vgl. S. 85.
' Merkwürdig ist die dreimal neben Häramaisi sich findende \'ariante Ilämasii.
° In Manahpirja für *Manahpinja; das r von hpr und das r von Rc sind hier offenbar
/usanunensefallen.
Ke'dschrifÜichfs Materml zur altäijyptisclien Vokalisati(m. i)l
für /)r-0', krnrit fiir krr, Tarkii für Tlirk}, jaru filr {{t)r{w) ; nb. ar fiir ir. Auf-
fallend ist das Fehlen des ersten /• in mb. Naptera fiir Nfr-t-irj.
ra A.
Vielleicht durch h wiedergegeben in mb. vdljUi für rh(l[-t), ninh<tn für
mhn, nicht wiedergegeben in ;iss. Turkii fiir 77t/A:.
Stets durch Ij wiedergegeben; ;mßer den mit h beginnenden Worten
vgl. noch nib. *pnhUa üir phlj, ptalj, Uth für Plh\ ass. (ühii SX\x Idhio, {u)mhi'm
fiir 7«//'-/*«/ (i*); nb. Tihnt Kiv Dhiol(j).
® h.
Stets durch // wiedergegeben; außer den mit // beginnenden Worten
vgl. noch nib. ruhi fiir i'lj(-), ass. iiahli, nihti, nb. nahtl für nljt.
h.
In keilschriftlicher Wiedei'gabe nicht zu belegen.
Mittel-' und neubabylonisch nicht belegt. Assyrisch teils durch .'*
wiedergegeben, vgl. sija für s>, Saja für >SV(/), hmnja für //.s/; teils durch i,
vgl. Sijöutu für S)ici(j), {u)iiihe.vi für ui!j-/iS'', Ijansd fiir Hnsw.
Mittelbabylonisch und assyrisch stets' durch i wiedergegeben; vgl. mb.
urti^Sa fiir wnv', »ro« fiir ii^i{r), ruaSSi, ina§(( für >iis(j), innScm für mi{j)-ia\ miniSa
ixiT nmS{-t), iatep fiir .s//?; ass. es(ii) für ''•*'(•/), w/^^^^V/ für Busl{-i), idiru für VV*77-(/),
PiSamelki für Psmfk, iS für (m).^, .^o/)// für Spd(w), HinirtJ^i für Unn-stnj(i). Neu-
babylonisch durch Ä wiedergegeben, vgl. A'.siV fiir ^aV)» Pi,mtniski für P.sintk,
mm für «/«(./) (?) </*cy, t<os/w fiir £/i<(-^).
' Es sei denn in insihja (vf^l. S. lo, Anin. 3).
' Oie einzige Ausnahme wäre ass. rexi für r«, falls die Gleichung Paturesi = * pi-ti-ry
richtig ist.
12*
92 H. Rankk:
r-n-i ,s.
Mittolbabyloiiisch stets durcli .s", assyrisch teils durch .<, teils durch s,
ueubabyloiiisch eininal durch .s wiedergegeben. Vgl. i . nib. K(T^i fiir K{)')s,
su>i/)da für m^b(•, ass. Hahaku für «S^/i', .sv; für f<{rj); nb. Ämä'?« fiir Ä'(>)i; 2. ass.
.sv^«/ für mw, Susliikn für .S.v;2/i-, A'nsi für ^'()')s.
/l Ar.
BaI)yloiiiseh nicht belegt; assyrisch stets durch k wiedergegeben, vgl.
Siisinifu für ISmk, Tarkü für Thrk.
In sicheren Fällen stets durch k wiedergegeben; vgl. mb. kn, ä*m fiir
h\ h'äsi lÜir K(')s; ass. (>tik fiir /Vi', SnhakJi für .S7>/% ^/ iür A-j'(-/), Piinjiwlki fiir
P,vnfk; nb. Plsnniiskiinv Pinitk. Durch M nach einem kurzen betonten Vokal
in ass. BvkkunannUtpl, nach kurzein unbetonten Vokal in ass. Nikkü tür
Nk(r?)w. (Vgl. S. 69, Anin. i.)
Bisher in keilschriftlicher Wiedergabe nicht zu belegen.
Meist durcli t wiedergegeben ; außer den mit t beginnenden Worten vgl.
iKJch mb. iipnli fiir iopw(J(?). ''paljita für pht(j). plah, talj fiir Pth, [lalpi für
htp(w), satfp für stp\ ass. iihütl fiir B>\s({-t). ipti/j für Pt/j, nahti, nihti für nht,
Sljäiitu für H>iot{J): nb. «^ä;2 fiir nht, uastii für B>it{-t). Nach einem Kon-
sonanten erscheint das t der Feinininendung zu d erweicht in mb. su^UkIu
für swbt, mazikda für mdkt^- Über den Wegfall des ^ in Urw vgl. oben S. 86.
Wo / früh zu t geworden ist. gibt auch die Keilschrift es durch / wieder;
vgl. ml), ndttt, ass. null für nt{r), ass. Mantl für Mn1{w). Wo i seinen alten
Lautwert behalten hat. wird es durch einen Zischlaut wiedergegeben, ohne
daß jedoch eine Einheitlichkeit erzielt wird. So finden wir bald ein .v (vgl.
' Beides sind wohl Lelinworte im Äi;yptischen (vtjl. Biircliardt, -Mtkanaanäische Fieiiid-
worte 11, 552 11. 836. Auch mb. Mlahda (8. 20) wird liierlier gehören.
KcUschriftlicIi^s Maler kil ztir alläyyptlscJien Vokalmitioii. 1)3
ass. *Piiameski^ im- Psrntk), bald ein .>; (vgl. ass. So/ipwiäu tiir 'D(j)-Hp-imw'^,
nl). Pi-^amiski fiii- Pgt/ifk), bald ein ~ (vgl. ass. ZabnUtl für 7V^-?j/[r])-.
In der Keilschrift, wie auch sonst in senütischen Transkriptionen, stets
durch /wiedergegeben; vgl. ass. (alhü fLir idhw.) iiuilu für indw. tcü für Ud{-t),
,sapiP für Spd{w), le luv {r)dj; nb. /«' für (r)dj. Durch t wiedergegeben viel-
leicht in mb. raljta fiir rhd(-t). Abgefallen ist das d schon friih in dem Worte
d{d) »sagen«, das dementsprechend assyrisch durch .si wiedergegeben wird.
^4
l.
Wo 4 früh zu d geworden ist, gibt die Keilschrift es folgerichtig durch /
wieder; vgl. mb. piMi usw. (S. i6, Anm. 2), ass. teti für Dd{-1). An Stelle
dieses / erscheint t in mb. pifdti tisw. und nb. Ti/jut fiir Ulnrtj*. Der alte
I^utwert \on d scheint dem semitischen .v nahegestanden zu haben: wir
finden es durch .« wiedergegeben in ass. Se^enu, Sa^'nmi für L^''>t{-t), Siha
fiir LKd)-h(r), UsUjania fiir Wd,'-Hnsw(?), nb. Si/ja,' fiir L){d)-/j{r).
' Ffir Pisamelki ^^ 'Piiamexki vgl. oben S. 32 Anm. i. rür einen Wecriisel von .v und /
in (lor ägyptischen Wiedergabe eines fienulen Namens maclit niicli M. Biirehartlt ;iiif die .Sciircl-
l>ntig JgXi^>Ä (Naoplior des JIr-icd;-rdnjt im X'atikan, Kückenpfeiler) an Stelle des gewölni-
licl)en (\ ^-gtai (J 11 -Jf illLI "sw. aufmerksam.
'' \'i;!. auch nih. Pirizzi fiir Prt, S. 24.
' Wenn sich assvriscli einmal üajitu (in Piinjitv) sUitt ■sa]>ti, neubaliylonisch einmal la (in
Tihiitlartalis) .statt ta findet, so werden diese Fälle als felilei liafte Schi-eiliun'ii'n aiiznsciien sein.
* Da.s (J dieses Namens wai- sciion im neuen Heiclic in d iilK'rf;e;;anf;en (vgl. die Sclirei-
liiiMg c:Sl:3 9 V^w' ''■ ^' J'''B''aiii. K»''[)erloire gcneaU)gi((ue Nr. 640).
1)4
H. Ranke;
Register zu den keilschriftlichen Transkriptionen.
Seife
Ahartese 27
AKiii S«
Ahribita 20
akunii 20
Aniäna 7
Aman!a])[)a 7
Ainanliat])i 8
Amanmaäa 8
Aman . . . ti 8
Aiiiiiiatiesi! 41
Amünutapiiiiahti 38
Aniurkiki. 41
Aniurle.^e 27
Ana 8
Api 21
assa 8
Ate 36
Ati 37
atalja 21
azida 8
Banitu 37
Barnahtii 41
Bint«ti 27
hiz/.ü 21
BiiSäma 27
huiati 8
Biijama 27
BukkiinanniÜpi 27
Bukurninip 27
buiiinicr 9
Imwanalj 12
Düdii
guzi .
Seite
. 21
. 23
HäÜ 9
IJaÜb 21
JJabaja 21
öäja 9
Hajä 21
halzuhli 21
}jaina§sa 9
tJane 9
Uanja 9
üanni 9
J5apinienna 38
Hära 10
haragapas 22
^äramasSi 10
JJarsijaieäii 28
Hartiba 28
hartibi 37
•2
usaja
28
hatabbi 22
Ijath(a)nba 28
Jiatib 10
Ua 10
IJikuptab 10
H(i)müni 28
Hininsi 29
ijiniiatuiia 22
Ijiiiiinia 10
üüru 29
lariiniita 22
Taruin 29
Ibni 26
Illulatä(;') 41
Inbute 42
insibja 10
Il)tibartesu 29
Irima jaSSa 11
Irsappa II
IsipataraJü 42
Ishiipri 29
I§pimätu 29
Karbaniti 37
KaiineSiiiii 37
Käsi 11
Kipkipi 30
kuühku 11
kübu 11
kiüdu 11
KunUiisÜ 39
küpa 11
küpa buwanah 12
Kfisu 30
Kusu 39
kiizi 23
T^ainentu 30
Leja 23
MaÜtauiäna 12
Maja 12
KeilschriftUcJies Material zur aUmjyptisclwn VoJcalisation.
95
Seite
inahan 28
inahda J2
Manahpirja 12
Mane 12
•Mantinielje 30
Masnahtü 41
iiiaSiija 23
matniia 23
mazikda 12
Membi 31)
Mempi 30
Mihuni 23
Mijare 12
Miiniiiuiiirija 13
Miinpi 30
Minmu!ai-l!a 12
*Minpahitari!a 13
miirtibi 37
Na!a!esi! 39
Naljke 30
Naijraiiiassi 13
Nalitihüriiiiiiiseni 30
Naljtiihappi! 39
naijü 23
nninjia 13
nan|>akrii 23
Napl)ii>iii"iiilja 14
Napterß 14
naääa 14
naäsi 23
Nalhn 31
NiÜ 31
NitÜii 15
NilimuiarUa 14
Niharau 31
NiljtieSaraii 31
Nikkü 31
Niniinalje 24
Nimniiirija 14
Nij'ljurririja 14
Palalünia 24
Paitiiu 16
Paljainnäta 15
Seite
I'ahniili 31
Pahiira lö
Pakiki 42
Pakrüiii 31
pamaljä 24
Pamaljii 15
l'ninünu 39
Pani!esi!(:') 39
Parüainahü 16
Patiiresi 31
Patiesi! 40
Pathiastii 40
Pataiesi! 39
Patanüesi! 40
Patesu 42
Patidiiruifi 42
Patmüustü 40
I Patiiipteinii 40
I Pawira 16
I pawiri 24
PihattihÜMinpiki 32
Pihura lö
I Pinteti 32
! Pirifi 32
j Pirizzi 24
Pi.samiski 40
Piäamelki 32
PiSainissilii 11
I Piäanhfini 32
j Pisaptu 33
PiSa])ti!ä 32
PitÜbiri! 42
Pitihüni 42
pitati(ii) 16
Piwiri 17
pi/./.n 21
Puiäina 27
piiiati 8
Piijäiiia 27
PiiUini 16
Piidii])ijali 37
Piiljura 17
piiiumer 9
Punnbii 33
I Puäirti 33
Seite
Putihürü 33
Putimäni 37
Piitiseri 37
Putnbesti 33
l'ntiiinliesii 34
PtitupaÜti 34
piiwanah 12
Raiasi 37
Rahinauiiiiia 17
ral)ta 24
liüamasesa 18
Rüanäpa 18
ridihn 24
Rijaiiiaiui 24
nihi 25
Sajjpiinäu 35
Saja 34
Samannapir 42
Sib!e 38
Siisinkii 34
Jjaianu 34
Sibä 34
§iha! 42
Sihn 38
Siünii 34
Siimassö 38
Siitiasu 34
Sabakn 35
SahSihaSiha 18
Sahiiajüti 25
Satepnaiüa 18
äerdani 25
1 bijäutu 35
sinainti 25
§irma 25
Situtu (?) 42
SiiÜbda 18
! Sutti 25
^uziita 25
Talje 41
Tahiiiaja 18
Tahinassi 18
i Tajaiii 35
90 IT. R A \ K F. : KeikchriflUclicf: Mater ud zur nltägyptüelwn VokalmiHon.
Seite
Tapnaljti 35
Tarkn 35
Teje 18
Tihutiailesi 41
tiriida 19
THja 25
Tiii'bazii 25
Tiirbihä 25
raJasarli 26
laba!uliii' 19
Seite
wbda 26
Uljni 26
UkhappiS 41
Uiniiiatlja 38
Unamiinii 36
Unäardi 38
Unu 36
ujiuti 26
Urdainane 36
uruääa 19
UMjjansa 36
iiüii 19 Usaimhüin 36
u!iz7.a 26
Seite
Waäinuiarüa 19
wathä 19
wehu 19
wima 19
Wisjaii 26
zabnakü 20
Zabnüti 36
ziUahda 20
zimüu 20
zuhli 21, Aniii.
. . . haja 20
Chuastuanift,
ein Sündenbekenntnis der manichäischen Auditores.
üef'unden in Turfan (Chinesisch -Turkistan).
Von
Dr. A. VON LE COQ.
Pka.-hist. Klasse. 1910. Anhany. Abk. IV.
Vorgelegt von Hrn. F.W.K.MOller in der Sitzung der phii.-hist. Klasse am 20. Oktober 1910.
Zum Druck eingereicht am gleichen Tage, ausgegeben am 9. Januar 1911.
i.'ie vorliegende Abhandlung umfaßt eine Anzahl von Manuskriptfrag-
menten, die, obwohl an verschiedenen Ruinenstätten der Turfan-Oase auf-
gefunden, sich später als Teile von mehreren Exemplaren eines und des-
selben Textes zusammengefunden haben. Dieser Text ist das von dem
Um. Akademiker Radioff unter dem Titel » (Jhuastuanit, das Bußgebet der
Manichäer'« in der Kaiserl. Akad. d. Wiss. von St. Petersburg veröffent-
liclite manichäische Sündenbekenntnis, und durch diese Edition wurde es
mir ermöglicht, die Zusammengehörigkeit der teils in manichäischen, teils
in uigurischen Charakteren niedergeschriebenen Berliner Fragmente fest-
zustellen und die vorhandenen Lücken zu ergänzen. Nicht möglich war
es dagegen, die genaue Orthographie der in uigurischer Schrift geschrie-
benen und der in unseren Fragmenten zerstörten oder fehlenden Wörter
mit absoluter Sicherheit für diesen Text festzustellen; denn da die uigu-
rische Schrift für p und b, k und y nur ein Zeichen hat, hätte selbst eine
Faksimilewiedergabe des Petersburger Manuskripts uns fiir die Bestimmung
dieser Buchstaben keinerlei unanfechtbare Auskunft gebracht. Durch
die Liebenswürdigkeit des Hrn. Dr. Marc Aurel Stein, des Urhebers
und Leiters der erfolgreichen anglo-indischen Expeditionen nach Chinesisch-
Turkistan, ist mir aber inzwischen die Photographie eines kostbaren türki-
schen Manuskripts desselben Textes in Rollenform zugegangen, das der
verdiente Forscher unter seinen unschätzbaren Erwerbungen aus der Tempel-
bibliothek von Tunhuang in Kansu gefunden hat. Diese Rolle gibt nur
wenig mehr Inhalt als in dem Petersburger Manuskript enthalten ist; da
aber Steins Manuskript in schönen, klaren manichäischen Lettern ge-
' Über diesen Titel vergleiche A. von Le Coq, Ein christliches und ein maiiichäisches
Manuskiiptfraginent. Sitzber. d. Berl. Akad. d. Wiss. XLVHI 1909, Nachwort S. 1212.
1*
4 A. vonLkCoq:
schrieben ist, bekommen wir durch diesen wertvollen Fund genauen Auf-
schluß über die Lautwerte auch der in unseren Fragmenten nicht vor-
kommenden Wörter dieses speziellen Textes.
Wie schon erwähnt, hat Hr. Radioff sein »Bußgebet« bereits im
vorigen Jahre herausgegeben und übersetzt. Es ist aber notwendig, eine
Reedition und eine neue Übersetzung erscheinen zu lassen, denn meines
Erachtens kann weder die Wiedergabe des Originaltextes in den Drucktypen
der Petersburger Akademie \ noch die Übersetzung des Petersburger Ge-
lehrten als befriedigend betrachtet werden. Ich werde daher die mir von
Hrn. Dr. Stein freundlicherweise zur Publikation übergebene Rolle dem-
nächst im Journal of the Royal Asiatic Society (London) veröffentlichen und
beschränke mich darauf, hier den Versuch einer Übersetzung der Berliner
Fragmente, von einigen Reproduktionen begleitet, erscheinen zu lassen.
Ich benutze zugleich diese Gelegenheit, um Hrn. Dr. M. A. Stein
an dieser Stelle meinen warmen Dank für sein liebenswürdiges Entgegen-
kommen auszusprechen.
Zur Transkription sei bemerkt, daß bei den in uigurischer Schrift
geschriebenen Stücken die durch Dr. Steins Manuskript in manichäischer
Schrift für diesen speziellen Text festgelegte Orthographie befolgt worden
ist. Sie stimmt im ganzen mit der uns aus anderen manichäisch-türkischen
Stücken unserer Sammlung bereits bekannten überein.
Der Inhalt des Textes ist neben der Aufzählung etwa begangener Sünden
ein Teil der Glaubenslehre der Manichäer in einer für die Auditores be-
stimmten Form, und zwar scheint besonders das Verhältnis des Sonnen-
und Mondgottes zu unserer Erde, zu Menschen, Tieren und Pflanzen (mit
" Es sind durch irrige Lesungen von vornlierein zahlreiche Fehler in diese Wieder-
gabe hineingetragen worden; so z.B. Z. 19 'hatdmz' statt richtig 'hrtdmz'. Z. 21 'äräkäk'
statt 'ämgäk', Z. 29 'üsn{ä)dmz'^ statt ^üzädimiz', Z. 56 'teiär' für 'teär« u.a.m. Trotz
der irrigen Lesungen ist es aber Hrn. Radloff jedesmal gelungen, einen anscheinend
passenden Sinn zu finden. Ich werde mich einer eingehenden Berichtigung der Lesungen
und Übersetzungen usw. Radloff.s nicht unterziehen, da für jeden, der an diesen Studien
Anteil nimmt, sich aus einer Vergleichung der beiden Texte die Rechtfertigung meiner
Auffassung ergibt. Erfreulich ist dagegen, daß Hr. Radloff nunmehr beginnt, die Buch-
staben A (= i) und ^ (— d) sowie 0 (= s) und ^ (= s), die er bisher durch t und durch
s wiedergegeben hat, durch diakritische Punkte zu differenzieren; er transkribiert ^ jetzt
mit l. ^ mit /, 0 mit s, ^ mit .«.
Chtuzshtaniftj ein Sündenhekenntnis der moniehäischen Auditores. 5
anderen Worten: die Läuterung des durch die Niederlage des Urmenschen
mit der Materie vermischten Lichtes) behandelt zu werden. Das in der
Macht der Auditores liegende Mittel zu diesem Zweck ist die Befolgung
der Gebote, die Innehaltung der Fasten, die Darbringung der Almosen und
die Bereuung begangener Sünden.
Bei der Übersetzung habe ich mich bemüht, die Realien zu berück-
sichtigen, denn nur diese vermögen uns in ein wahres Verständnis unseres
Textes einzuführen. In den Anmerkungen hal)e ich auf die Stellen bei
Baur, Flügel und Keßler verwiesen, die mich veranlaßt haben, diese
oder jene Übersetzung vorzuschlagen.
Bei dem Studium unserer türkischen Texte sind mir in letzterer Zeit
mehrere große und wohlerhaltene Buchrollen in die Hände gefallen, die
uns in eine ganz ähnliche l>iteratur einer anderen Glaubensgenossenschaft
einfuhren. Es sind Formulare von Sündenbekenntnissen der Buddhisten,
und ihre Lesung durch Hrn. F. W. K. Müller hat die Anschauung, daß
diese den Manichäern, nicht aber die Manichäer den Buddhisten, die tech-
nischen Ausdrücke und sogar die äußere Form zu diesen wie zu anderen
religiösen Einrichtungen geliefert haben, noch weiter befestigt.
Daß persische Wörter in die buddhistischen Texte eingedrungen sind
(z. B. dintar, äzrua usw.) hat seinen Grund in der Existenz zahlreicher
Iranier in Zentralasien und selbst in Westchina, die uns u. a. durch das
Denkmal von Kara-Balgassun und durch jene zahlreichen buddhistischen
imd anderen Texte in soghdischer Sprache, die unsere Expeditionen in
Turfan aufgefunden haben, verbürgt zu sein scheint. Ebenso ist das Vor-
kommen chinesischer Worte durch die Nähe und die Übersetzertätigkeit
des zweiten großen Nachbarvolks unserer Zentralasiaten zu erklären.
Zum Schluß gebe ich noch den Rest eines anderen Sündenbekennt-
nisses, in dem gegen INIanichäer und gegen Buddhisten begangene Sünden
bereut werden : dieses Fragment trägt äußerlich durch das Vorkommen der
manichäischen Interpunktionszeichen durchaus den Charakter eines Sündeii-
bekenntni.sses der Manichäer; die Erwähnung des »anderen I.angröckigen «
('•ad(i)nayu . . uzun tonluy^) scheint ein innerer Beweis für die Zugehörigkeit
dieses Textes zur manichäischen Literatur zu sein, denn die Bezeich-
nung y>uzun tonluy» ist nach dem Passus ^>uzun tonluy ur'ikir öz bolup^^
(T. M. 303, Vorderseite Z. 13) augenscheinlich in diesen Texten eine Be-
zeichnung für die Manichäer.
6 A. vonLeCoq:
Unsere Fragmente umfassen: i. Manuskripte in manichäischer Schrift
und 2. solche in »uigurischer« Schrift.
I. Bruchstöcke in manichäischer Schrift.
a) Vier Bucliblätter quadratischer Form ( 1 3i- x 1 3^ cm), je i 2 Zeilen
enthaltend. Sie wurden von meiner Expedition in einem Gewölbe des nörd-
lichen Teils der manichäischen Ruinengruppe K in Chotscho (Idiqutsähri)
gefunden. Das Papier ist von braungelber Farbe, die Schrift kräftig, aber
etwas steif. Diese Art der Schrift kommt häufig in türkischen Manuskripten
vor und war anfangs ein nicht imwichtiges Indizium zu deren vorläufiger
Bestimmung. Die Blätter sind in der (dem Zusammenhang nicht ent-
sprechenden) Reihenfolge, in der sie sich im Augenblick ihrer Entdeckung
befanden, numeriert worden und tragen die Bezeichnungen T. II D. 178 IV,
III, V und VI. Zwei andere Blätter desselben Buches enthalten Teile eines
anderen manichäisch-türkischen Textes in altertümlicher, ausschließlich die
Partizipien auf -"pan benutzender Sprache, dessen Auslegung leider noch
nicht geglückt ist; wieder andere Blätter dieses Buches enthalten Hymnen
in mittelpersischer Sprache. Augenscheinlich war es ein Sammelband der
für den Auditor notwendigen religiösen Schriften.
Der Inhalt dieser Blätter entsj)richt, abgesehen von einigen unwesentlichen
Verschiedenheiten, den Zeilen 274 — 298 (Stein) — 128 — 139 (Radioff)
fiir Blatt V und den Zeilen 299 — 320 (Stein) = 139 — 149 (Radioff) fär
Blatt VI ; erfreulicherweise haben sich aber auf Blatt IV und auf der Vorder-
seite von Blatt III Teile des bei Stein wie bei Radi off fehlenden An-
fangs des Sündenbekenntnisses erhalten. Steins Text beginnt auf der
Rückseite des Blattes III, auf Z. 4, mit dem zweiten Punkt oder Artikel
der im ganzen 15 Punkte umfassenden Aufzählung von etwa begangenen
Sünden.
b) Ein kleines Bucliblatt (6 x10 cm) mit 13 Zeilen auf jeder Seite,
T. M. 303 (M. 153). Das Papier ist gut und von weißlicher Farbe, die
Schrift klein und gefällig. Der Inhalt umfaßt etwa die Hälfte des sechsten
Punktes der Aufzählung und entspricht den Zeilen 1 1 1 — 125 (Stein) =
48—55 (Radioff). Es gehört, wie die unten aufgeführten Fragmente
T. M. 183 und T. M. 343, zu der in Ruine a (Idiqutsähri) gemachten Aus-
beute der ersten Turfanexpedition ; fiir die Überlassung dieser drei Frag-
mente zur Publikation bin ich Prof Grünwedel zu Dank verpflichtet.
Chimstuanift, ein Sündenbekenninis der manicMischen Auditores. 7
c) Ein einseitig beschriebenes Buchblatt (17x26cm) mit 15 Zeilen,
T. M. 183'. Das Papier ist weich und von weißlichgelber Farbe, die Schrift
sauber in einem häufig vorkommenden Duktus ausgeföhrt. Es enthält
Teile des zwölften und dreizehnten Punktes; der Inhalt entspricht den
Zeilen 249 bis 270 (Stein) =: 116 — 126 (Radioff).
2. Fragmente in »uigurischer« Schrift.
a) Ein in zwei Stücken aufgefundenes und erst in Berlin zusammen-
gestelltes Bruchstück einer Rolle, T. II, Y. 60a und 60b. Es entstammt
einer Grabung, die ich in der alten Stadt Yär-Choto (richtiger Yär-7oli),
20 Li = 10 km westlich von Turfan, vornehmen ließ.
Das Fragment ist 92 cm lang und 34 cm breit; es ist durch Wurm-
fraß und durch Feuchtigkeit stark beschädigt. Das Papier ist gelblich und
von grober Struktur, die Schrift groß und deutlich. Der Inhalt entspricht
den Zeilen 145 — 250 (Stein) = 64 — 1 16 (Radioff) und umfaßt einen Teil
des siebenten Punktes, die vollständigen achten bis elften Punkte und einen
Teil des zwölften Punktes.
b) Ein Buchblatt, T. M. 343, mittleren Formats (10 x16 cm) mit 15
Zeilen auf jeder Seite; das Papier ist grob und von gelbbrauner Farbe.
Der Inhalt deckt sich ungefähr mit dem des Fragments T.M. 183. Nur
die abweichenden Formen werden abgedruckt.
Alle diese Texte zeigen die uns bis jetzt ausschließlich aus mani-
chäischen Texten bekannten Interpunktionszeichen «6, •; » , « (mennig-
rotes Oval um einen schwarzen Punkt), auf die ich schon früher ver-
wiesen habe*.
Endlich folgt noch das in uigurischer Schrift verfaßte Fragment T. II
Y. 59, das meine Expedition in der Ruinenstadt Yär-7oli gefunden hat. Es
ist auf gelblichweißem Papier geschrieben und hat die Maße 24 x20 cm;
die Schrift ist sehr schön und deutlich ; die Buchstaben » q « und » y «■ werden
nirgendwo differenziert, sondern stets durch « wiedergegeben.
' Z. 14 und 15 von T. M. 183 sowie T. II D. 178V und I). 178 VI Z.i — 4 entsprechen
dem Inhalte nach dem von F.W. K. Müller, Handschriftenreste II, 1904, publizierten Frag-
ment M. 172.
* Ein christliches und ein manichäisches Fragment. Sitzber. d. Berl. Aknd. d. Wiss.
XLVIII 1909, S. 1204.
A. VON Le Coq:
T.n D. 178 IV.
(Tafel I, oben rechts.)
%ormuzta-h i{ä)ngn-i (h, i Zeilenfüller) bk t{ä)ngri-i')
Der Gott Chormuzta mit dem fOnffSltigen Gott,
^;^si^%t*fvAö. V*<Si%iJ^^ V»rUw **^Hi=» 2
hh-lä qam{a)y t{a)ngrilär süzmlüg{n)n')
Hin mit der Lauterkeit aller Götter
yäkkä sönyüSkäli-i k[ä\l(i-i-h {i, h Zeilenfüller)
dem Dämon Kämpfe zw liefern, kam
'inti-i • am'v qtl'incl{t)y Smnuluyun^)
herabgestiegen. Mit dem übol zu handeln geneigten Smnutum
hiS türliig yäklärlügün söngüSdi •
imd mit den fünf .^J■ten Dämonentuni schlug er sich.
^^fvri %>Ajiwi< %>Ü\aV% »»J^v4[» »Iti^ttiU.^ 6
t(ä)ngriU-\i y\äkli-i y[a)ruqti-i qaralt-i ol
Götter und Dämonen, Licht und Finsternis wurden zu dieser
ödi'm q[a\tildJi-i • %ormuzta 1{ä)ngn-i-h (», A Zeilenfüller)
Zeit vermengt. Des Gottes Cliormuzta
07^anp-i'] hii t{ä)ngri-i • hizning üzüt{ü)müz
.TOngling, der fünffältige Gott, und unsere Seelen
^oarUaiyirt:at ^-tt«^^»>^\^t.»^^ft ^t^^i 11111% \*f,t^ 9
suin y[äk]lügün söngüSüp bal{t?)y haäl{t?)y*)
kämpften mit der Sünde und mit dem Dämoneutum und wurden ge-
stern RadL
1 o o
Chuastuaniftj ein Siindenhekenntnis der inanichäischen Atuiüores. 9
bolti-'i ' ymä qam{a)y yäklär ul{uy]lar
fesselt (?) und untereinander verbunden. (?) Alle Dämonenfiii-steii
111/111/111/11/%,^ \M>0> tf,i^W»f^ ^f^Xi^^^fS 11
totuncmz'') ovutsuz soq^) ycik [birläy\
[mit?] dem unersättlichen, schamlosen Neiddämon
///////////////<tri% \sUUfsJ// // Hfe* %»<«s^iM t^«s% 12
yüz ff/iuqi-'i qir[q t\ämän yäk \y{a)claq7\
(und) ImndertN lerzig Myriaden Dämonen in [flbeler?]
[Ende der Vorderseite]
Rückseite.
(Tafel 1, oben links.)
Stein Uadl.
biligingä-h (A ZeilenfTiIler) qatil'ip ögsüz köngül-
Absiclit (Wissen) vereint, verstandlos (und) sinnlos
»iiz k{ä)lti-i • k{ä)ntü-ü tw^m'iS qil'imn¥
kamen sie. Er selbst, der Geborene und Erschaffene (nämlicli Bis-Tängri),
tnängigü-ü t{ä)ngri-iyirm unitu-u ''iiddi-i • (u, i usw. Zeilenfniler)
den ewigen Götterhimmel vergaß er und ließ ihn fahren :
y{a)ruq t{ä)ngrilärddä alr'iln-'i • antadda-
von den lichten Göttern ge>chieden wurde er. Wenn ilai-
ta baru t{ä)nyrün yäk q'itinc'inya-h • (/i Zeilenfiiller)
auf, mein Gott! da zu dem Tun der Dämonen (zu sündhaften Handlungen),
aniy qiltni'l{^i)y ämnu-u ögümüzni-i
der Obel zu handeln geneigte Smnu unsem Verstand
f<aqtnrim(i)zni-i az^/urduqm a//////q? k'^iiuuu •
und unsere Gedanken irregeführt hat ?
PhiL-hüt. Klasse. 1910. Anhatig. Abh. IV. 2
10 A. VON Le Coq:
Stein RadL
hiligsiz ögsüz boltuqumuz \ü\iün •
und weil wir dadurch unwissend und verstandlos geworden sind,
qam{a)y y{ä)ruq üziUlärning t[özin]gä
wir gegen die Grundlage und die Wurzel aller lichten
^Myil^^ rifsty^ \fst% ^in « lllllllll^^lllllllll lo
[yil]tizi\ngä\ • griy i/{a)ruq äzrua t{ä)ngrikän-
Götter, gegen den reinen, lichten Gott
[/rä?] yaz'int'im{ii)z yang'ilt'im(i)z ärsär •
Zärwan gesündigt und gefehlt haben sollten;
:n«t^y** •*Ä//////1^^ MÜJriJHXy «
[yaruqti-'i] qarati-'i t{ä)ng\ri\li-i yäkli-i-h («, h Zeilenfiiller)
wenn wir Licht und Finsternis, Götter und Dämonen
[Ende der Rückseite.]
Zwischen diesem und dem folgenden Buchblatt (unter T. II D. 178 III
registriert) ist augenscheinlich ein Blatt, vielleicht sogar eine Anzahl Blätter
verlorengegangen; der Inhalt war vielleicht eine Erklärung der Allegorien
des Kampfes zwischen Fünfgott und Smnu sowie eine Anweisung, wie
diese Allegorien auf die Verhältnisse des täglichen Lebens angewendet werden
sollen.
T.n D.mm.
(Tafel I, unten rechts.)
e «ri£i&wi %*^^J&Lm m^^ 1 o o
tözi-i yiltizi-i ärsär •
wenn wir gesagt haben sollten, daß .... die Graudlage und die Wui-zel sei.
tirgiidsär i{ä)ngr\i-i Hrgüdür??] • ölürsär
Wenn wir gesagt haben sollten: wenn jemand wen belebt, Gott belebt;
Stein Radi.
Chtmstuanift, ein Sündenbehenntnis der manichäischen Auditores. 11
iSUlii Radi.
V^sX^ « «HX«a>«rt ^//////////////»^ ^«sW2^«*vM •%*i^^ 3 o o
t{ä)ngfi-i ölürür ti\ddimi\z ärsär • ädgüg
wenn jemand wen tötet, Gott tötet: wenn wir gesagt haben sollten: das Oute,
aniyay qop ({ä)ngri-i yaratmU ol
das Böse, alles liat Gott geschaffen;
tiddim{i):'') ärsär • riiänytgü-il t{ä)ngrilärig
wenn wir gesagt haben sollten: der die ewigen
fyara]/[i|7/i-i ol tidifii(i)c ärsär • %07-muzta
Götter erschaffende ist er (nämlich Gott); wenn wir gesagt ha-
\l{ä)ngrili-i i\mnuti-i 'inili-i 'iöili-i ol
ben sollten: der Gott Choiniuz.ta und der Smnu sind älterer nnd jüngerer
«^«^«r«2Ii ril*«vr)A u3««Lt^ e w-i^ck^ri 8
[tifüm(i)2] ärsär • t{ä)nyrim suida bartt-u
Hnider; mein Gott! wenn wir in Sündhaftigkeit
Vri^«S>l ♦^^»rilU^ rUy^Lt^ \*^riHL^W// 9
[h]ilmätin t{ä)iigrikä 'igdät/ü-ü muntay
unwissentlich Gott gegenOber Falschheit Obend, solche
ulvr/ chtleu-u SflP*) sözlädim{i)z ärsär
ungeheuren Lästerungen ausgestoßen haben sollten und
munday'^) hu gdunösuz yazuq yaz(t)nt{t)tn(i)z •
wenn wir so diese unverzeihliche (unabänderliche?) Sünde
äj'sär • t{ä)ngrim amt'i-'i m{ä)n raim{a)st (<f)
begangen haben sollten, mein Gott! jetzt bereue ich, Kuimast
[Ende der Vorderseite.]
12 A. vonLeCoq:
Rückseite.
(Tafel II, unten links.)
f^^*f^w^^i:i ril\fs///////// . . /////////fJ^^fvM **Hxi» i
f{(i)rzind'°) ögü\rtür m(ä)n") yaz\uqda boiunu-u
(ar/.ind, ;^ von Sflnde mich läuternd
ötünür m{ä)n • ?n{a)nastar ^irza-h (A ZeilenfüUer)
bete ich : Manastar hirza !
• • qutluy padsllllllll • 'ikinii-i ymä
qutlu}- pads////////(??). Zum Zweiten.
hün ai-i t(ä)ngrikä") • 'Iki-i y{a)ruq orddu-u
Wenn filr*) den Sonnen- und Mondgott, fiir die in den
'i(]rä oluruyma t{ä)ngrilärkä • qam{a)y
beiden lichten Palästen thronenden Götter, die Grundlage
bur/ßnlarriing • afiy nomnung • ädgü-ü
und die Wurzel des Lichtes aller Burchane,
q'iltn(^l{i)y üzütlärning • yir [suv?^
des reinen Gesetzes, der gut zu handeln
y(u)ruqnung • tözi-i yiltizi-i tirnäg[üUY^)
geneigten Geister (Seelen ?) und der Erde [und des Wassere (?)],
///fOU%#yri «riXkekirUsi ♦^^t*ilU•t** •%iLt^ 9
f{ä)ngri-i yiringärü-ü barsar öngü[-ü]
aufsteigen zum Himmel, der ffii- deren Vereinigung be-
qapiyi-'i • kün ai-i t{ä)ngri-i ol • hi$ [Um
stimmt ist, (dann) ist der Sonnen- und Mondgott dereu vorderste (erste) (?) Tür.
Stein Radi.
o o
*) Zu .seinem Nutzen, in seinem Auftrag, usw.
Chuastuaniftj ein Siinderihekenntnis der manicJiäischsn Auditores. 13
t(ä)ngrlg bohiyal'i-'i • y(a)ruqw^ q{a)ray
den Fünfgott zu befreien, um Licht und Finsteniis
at'in;aTi-i tägdä tol'i-'i tägzinü-ü-r") •
7.U scheiden, rollet er geftillt (als Vollmond) (?) vom (Erd)boden (?) daher.
|Ende der Rückseite.]
>. , T.M.303 (M.153).
Kleines Bucliblatt.
Stein Uadl.
///^UU, «6 i*<ßö.tK 1 /// 48
ärsä'r •• näV^ä]
Wenn wir irgendwie
t(ä)vUidd\im\iz
lieti'Ug and
kürlädimiz'^)
Tänschnng geübt haben
ärsär •• mifä-h (A Zeilenfiiller)
sollten •• wenn wir etwa
ävinng"') kiSi-h
eines 'fleißigen Mannes
orunöaq'in'}
Güter (??)
i N^£k^ri ^oa///;7/^%% 7
i/id[di]}/nz arsär [etwa
verzehrt (ihn dämm gebracht) haben sollten (und so)
kün ai t(ä)nyri-i
dem Sonnen- und Mondgott
Siein R.i(il.
9 o
*) Steins Manuskript zeigt die Lesung näcä ävinng orunöaq.
14 A. A^ON Le CoQ :
stein lUdl.
V%ao»2k^ y<WH^fkW^ 9 IIS 50
taplamaz 'iäi-i-g
mißßlligo Handlungen
näöä 'iSlädimiz
begangen haben
»»V^///// JOS* « «M<^«M 11
ärsär •• i/mä ['i]lki-i
sollten •• Wenn wir in (einem) früheren
özün''') bu-u özün
Körper oder in diesem Körper (jetzt da)
^A#S Si^«s^«s<Jl«v«i 13
üzuntonluy (Schreibfehler; lies uzun)
wir selbst langröckige
[Ende der Vorderseite.]
Rückseite.
^//////// ««ÄL%////// 1 'O SI
[Mr]i/flfr öz
Jünglinge (i.e. Mitglieder der Manichäergenieinde)
:rt«^UU. 9B ^J4.7//7/////// 2
[bolu\p •• näöä-h
geworden sind .• irgendwie
yaz'indimiz (!) yangtl({t)m{t)z
gesündigt und gefehlt haben
ärsär •• munda-h
sollten .. und so etwa
MXSacS-Sl^*^ oa»v>^»«Vrt 5 i^o 52
öküS t'inl(i)yqa
vielen belebten Wesen
<yvisl <jifvn /////////* 6
«[öcö] üz boz
Verderben
Chuasluanifty ein Sündenbekenntnis der manicMischen Auditores. 15
stein Radi.
qiltiniiz ärsär •
bereitet haben sollten.
^«VM •»♦vi:! WS»iijt^ 8
t(a)ngrim bu-u on
Mein Gott! von diesen zehn
türlüg yazuqda
Arten Sflnde
hoSuyu*) ötiinür
uns ISutenid, beten
biz m{a)nastar
wir: M(a)nastar
^•^ « » rjtO^ 12
hirz{a) •• •• yitinö
l.iirza •• Zum Siebenten.
fS«S«J<^d Mltt«vi&i^ MM* 13 i2s 55
ymä suida baru-u
In Sünden . . .
[Ende.]
T.n Y.eoa.
. stein \WA.
^Illlll /// -«*«* 1 '45 64
\yrnä yäkkä k'käkkä t{ä)ngri tipän] t'inl{iyya[y ti(ral(t)yay ölü]rüp
Wenn wir, zo dem Dämon und dem Preta »Gott« sagend (sie Götter nennend), belebte und sich l>c-
[wegeiide Wesen getötet und uns
2
yükünlümüz ärsär ymä bur%an\ tipän igid nomqa
(vor jenen) verneigt haben sollten ; wenn wir, es ffli' einen Bur;/an lialtend, uns unter Verehrung einoni
[falschen Gesetz
*) bohiyu wohl irrtOmlich für bohtnu; Steins und RadlofTs Manuskripte zeigen beide
letitere Form.
16 A. vonLeCoq:
Stein lud]
ptßÄ^ S9jU^ßM4,lllJll OAA^ßiax -OfUti 3 ISO 66
\/apmfim{t)z uduntumuz ürsür •• qut\ qolu yüküntü\milz\ ärsär •• t{ä)ngri
unterworfen Iiaben und Segen (Glück) erflehend uns vor ihm verneigt haben sollten ; wenn wir, uns gegen
,4a^MUU^fUat^ ////// A Xt^t^ß^ S9/Lä0älA 4
\kä yazintp yäkkä tapmf{t)m{t)z\ ärsär •• t{ä)nyrim g\mt\i ökünürhiz
Gott versündigend, den Dämon angebetet haben sollten: Mein Gott! jetzt bereuen wii-,
r4\.4lßtp 69 S» .MO^ ßU^ lllllj 5 fss 68
\yazuqda boStinu ötüiiürhiz m(a)nas\tar %irz(ä) •• •• säkizinc
von unscrn Sünden uns läuternd beten wir: M(a)nastar hirz(a). Zum Achten.
^ ,iWM jö^tM^ ^ ^<^ ^ .*<iß QlHt\^t» 6
\klrtü t{ä)ngrig ariy nomuy] biltükümüzdä baru •• t{ä)ngrim iki-i (Zeilenfiiller)
Als wir den wahren Gott und das reine Gesetz erkannt hatten, mein Gott! da kannten wir die zwei
>tß^ » ^^ llllll ^i»»^ — soM^ »JSt^A§» >«5M« > HIHI 1 ,6o ^x
\yiUizlg üc öäk\V^) nomuy bilt(i)m(i)z •• y{a)ruq ylH[izi\n •• t{ä)nyri
Wurzeln und das für die drei Zeiten (eingesetzte) Gesetz. Wir wußten, daß die lichte Wurzel das Reich
ssjjf,A§ifi ^A%Ma^ -a^i^ ^^M^IHIIi 8
\yirm tünärig yil\tizin tamu yirin bilt{i)rn{i)z •• ymä yir t{ä)ngrl
Gottes, die finstere Wurzel das Reich der Hölle sei. Wii' wußten, was existiei't hatte, ehe
\yoq\ ärkän öngrä nä bar ür/iiis fipän bili{i)m{i)z •• t{ä)ngrUi yäkli
noch der Erdgott vorhanden war, wii- wußten, wai'um Gott und der Dämon
nädä ötrü söngüSmis •• y{a)ruqlt q{ä)ralt q{a)lt'i qat'ilm'iS •• yirig
miteinandei' gekämpft haben, wie sieh das Licht mit der Finsternis \ermischt hat. Wir
/Lx», ^^AmlllllHIIIII --Äk '»Jif^^a» ^4^»<« ^tfHiAMMÄa, ^^^ -m^tß^ "
f(ä}ngrig kirn yaratmU tipän b'dt[l)iii(i): •• ymii \ar\'/ßn (Stein: ^«i,ssa(«rUi) yii'
wußten, wer die Erde und den Himmel erschaffen (li ergerichtet) hat. Wir wußten,
^e^ HIHI .^f«*«** <» >MMP /^ -cm^jen . ^^^4 p^ß^ « 170 76
l{(i)ngrl nädä ötrü yoq bolyai •• y{a)ri(q!t \qar\ali \q{a)ltt adrtlyai]
wodui'ch dei' Ar^on-Erdgett zuniclite werden wii'd, wie Licht und Finsternis geschieden werden werden,
1 1 llllll Mß^ ^^A4, S9 Jf,.Ai^ ^UtpJ^ >*»§» ^ rtjre» ^i&A4^ 13
nntada k'isrü nä bolyai tipän bilt(i)in(i)z •• äzrua t(ä)ngri\kä^') kün\
wir wußten, was danacli werden werde. Wir glaubten an Zärwan, den Gott, an
llllllll llllll Aä^^M Mitu^ «..^4«4ep es -eßa^ßd^ — «u^fc«». es -ef*^0^ •*«♦ 1* '7-^ 7«
ai t{ä)ngrikä •• küMüy t(ä)ngrikä •• tmr^anlarqa 'iiiant\(i)m{i)z'\
den Sonnen- und .Mondgott •• an den Gott der Stärke und an die Bur^ane; auf sie
Chuastuanißj ein Sündenbekenntnis der manichäischen Avditores. 17
stein Radt.
[tayfl«^j')ff?(if)^] n(j)70A-oA;'') holtumuz •• /ör^ y{a)ruq tamya'°) köngülnmüz
stützten wir ans und wurden Auditores •■ Die vier lichten Siegel liaben wir unseren
e9p0Mm^tM^ ^4tU^ HIHI A*, ,mtßäiMßt. 16
\dä (a?nyalud(i)m(t)z bir\ nmranmaq") äz{rua\ t(ä)iigri tamyast •• ikinti kirtkii-
Herzen aufgesiegelt: eines ist: Liebe, das ist das Siegel Zärwans, des Gottes; das andere ist:
A0'S^'ö >4ß^ if» .iw^ii'irrtä' _ eM Uli n iSo 81
\nmak kün ai t(ä)ngri tamyas'i üd\ünc qorqmaq bü l(ä)ngri tamyost
Glaube, das ist das Siegel des Sonnen- und Mondgottes; das dritte ist: (Gottes) Furcht, das ist das
(Siegel des fünftaltigen Gottes;
>t>jfdß*ga^ y»H0*^ «> ^0äg^tA^ 18
[törtüni hilgä hilU) bur/ßnlar\ tamyast •• f{fi}?t(/rim hiliyim{i)zni
das ^'ie^te ist: weises Wissen, Aaa ist das Siegel der Bnrjj^ane •• Wenn wir, mein Gott, unsere Einsieht
-it. SB Md0IU,Jfi &UI40, X mtgttß IUI 19 iSs 84
[köngülümi'/zni bu fort türlüy t{<i)n\yrilärdä aytt{i)m{i)z (Radi, ayitdmz) ärsär •• r
und unser Herz \on diesen \iei' Göttern sich ab/.uwenden veranlaßt haben sollten, [(/' Zeilentuller)
» »ßLä0M^ ^^fM. 4^ Aß'S^ '6 >^^ OB /U0iU,Jf &*^ ti 20
[orriinta] qaniSat{i)>n('i)z (RmW . ijdin.idld-) ärsär •• t(ä)ngri tamyasi bozidl'i ärsär •• amti
wenn wir sie von ihren Plätzen fortgestoßen haben sollten, weini die Güttersiegel verletzt wprden sein sollten.
räit.änBtt^ SS S9 Miut Ju^^ma^ .ä^tuun^tm <t4«Vflp. i^fciüft,i<-> ^ttß^^ 21 /90 86
t{ä)ngrim yazuqda hoiunu ötiinürbiz •• •• in(a)nastar %irz{a) •• toquzunc
jetzt, mein Gott, uns von SQnden läuternd, flehen wir: MCa)nastar liirz(a)! Zum Neunten.
'"*' ^4%,i0ä* ^— ~a4i^ . 'i^,4A0Ai0n\^&^ ,. ^ipmc — «1^ 22
Ort c(ay/Jap(a)f tutduyumuzdu buru iic ayzin iic
Bei unserem Die-zehn-Gebote-gehalten-haben war es Vorschrift, drei mit dem Munde,
>f5^*«^ A^tß^^ ,^4\.4ti» /u^i^ß^ SB ^4^n , xaat ob , «ye<r4g> 23
köngülnn •• iic älgiii •• bir qariiay özin") tökäti tutmaq
drei mit dem Herzen, drei mit der Hand, eines mit dem ganzen Wesen in \ ollkommener Weise
u»ä,.»y -'■^-'^'--'^.^MhrOt ^„Xi4^^^i;y *^*§» Jftf-'ö SB >4J(4 <*Cßtt ^4 '9.^ ^9
k(ä)r(jäk ärli •• t{n)ii,griin bilip bäniätin ät'öz säciyincä ijor'ip
zu halten. Mein Gottl Wenn wir wissentlich (oder) unwissentlich, da wir in der Liebe zu
[(unserm) Körper wandelten,
Ud«tt£» _ "^Cf^Cf ^*i^* ^<ti<i» /^lAii« frA<4 B9 ^fa^ ^pM yiidfLa^ 25
y(a)olaq is tu^ • adaä qudaS sac'iii atip könyiüün körüp
die Reden übler Genossen und ^'^eunde, Gefäliiteii und Verwandten (heute qui/as |j"u_^ in Turfan)
(angenommen und ihre Siimesart als Beispiel betrachtet liaben ;
PhU.-higt. Klasse. 1910. Anhang. Abh. IV. 3
18 A. vonLeCoq:
, stein Ra.n
„.AOä^ es ickHU^ Ijllll mt^ Ao^t-e» IUI -aAdA (»/»t» — tä^tJJit» 2« ^°° 9>
[i/'ilq'iqa] hafimqa"^) hulup"*) azo \mun\yumuz taq\'iiit'iz\'^) täyip •• on ...
odei' wenn wir uns zu sehr auf (Besitz an) Vieh und Habe stützen, oder wenn wir, da unsere Torheiten
und unsere (weltlichen) Neigungen in uns mächtig sind (wörtlich: uns betroffen haben),
T. n Y. 60 b.
>4^ es ju0Mä,jjf^A^ßt>jst^ mm 27
|(;(^/)%sap(a)^«)7 iHd{^i)mi^i)z ärsär-' näöä ägm\t{ü)m{u)z k{ä)rgäi{i)m{i)z"') ärsär " gmtt
die Gebote gebrochen haben sollten •• wenn wir uns irgendwie mangelhaft und nichtig erwiesen haben
[sollten: jetzt
es es AMl^ ßLd^fßdd^ 28 20S 93
\t{ä)ngrim yazuqda boSunu ötünürUz ••] m(a)nastar yjirz{a) ••
mein Gott! von Sflnden uns läuternd flehen wir: •• M(a)nastar hirz(a)
[onunc künJcä tört alqU\ äzrua t{ä)ngrikä kün ai
Zum Zehnten. Es war Vorschrift, an (jedem) Tage dem Gotte Zärwan, dem Sonnen- und Mond-
30
\t{ä)ngrikä kilclüy t{ä)ngrikä\ hxr/ßnlarqa''') Ur biligin {ar'iy
gotte, dem Gotte der Stärlie und den Bur^anen mit ganzem Verständnis, mit reinem
^4t^tj[iiittii j'mt es ^ II ma '* ^'^ '6
köngülin alqans'iy'^) törü hai-\ är\t\i •• ymä qorq7nafin [ärmägia-üpY^)
Herzen \ ier Segnungen darzubringen •• AV'enn wir, (Gott) nicht ftirclitend oder faul seiend, die Segens-
ßnääg^t* ja^ es JgJ^ llllllll «
\ädgüti tökäti alqan\madim{i)z \ärsär\ •• ymä alqanur
gebete nicht gut und vollkommen dargebracht haben sollten, ■• oder unsere
jf,j0uiljllll es fuptu, llllllllllll ^a^ .^uteßitß IIa " ^'^ 9«
\ärkän köngülümüzni saq'imimizrii i{ä)n\gri{järü tut\madtmiz] ärsär ♦• [al]q^iS'i7n(i)z
Heizen und Gedanken bei ihrer Darbringung nicht auf Gott gerichtet haben sollten ■■ und unsere Segens-
[wQnsche und
<• » ////// ^ -^MLM* 3*
\ötügünmz t{ä)ngrikä ar'iyin] täginädi är\sär\ •• nä [yirdä
(Jebote (deshalb) Gott nicht auf reine Weise erreicht haben, sondern wenn sie sich irgendwo behindert
ttdint'i\ tutunt'i ärsär •• amt'i t(ä)ngrim yazuqda boSunu ötünür
und aufgehalten haben sollten .. jetzt, mein Gott! von Sünden uns läuternd flehen
Chuastuanift, ein Snndenbekenntnis der manichäischen Auditores. 19
stein Uaill.
^^"-^^^ ^kAil^_^teS rttß'£ß\ ß^^ ^ ^ , f^*g 36 220 lOI
\biz •• in{a)fnastar] %irz(a) •• •• bir y{i)g{i)rminc ymä yiti türlüy
wir: M(a)nastai- hirz(a) ■• Zum Elften. Ei war Vorschrift, so des reinen Gesetzes halber sieben Arten
69 P^Ma M^ß^ /KtpägtWäti, <MI#-«1< 37
\pvM^°) ariy\ nomqa ancolastq^'') k{ü)rgdk ärti •• ymä biS t{ä)nyrl
Almosen ehrerbietig zu verteilen •■ Es war Vorschrift, daß wir, wenn die das Licht des
lim IUI III Uli 111^ — •&»'Aß •'*»¥^* S9 jug»^^j^^gm»^/l/l/l//li/lllll/ll/lllli8 22, ,04
[yai'uqin quvra\t'i:^l'i b{ä)rütilär •• %roMag p(a)dimyj{a)g^') t{(i)[ngri\ ••
fSnflaltigen Gottes sammelnden Engel, die Götter (?) Chrostag (und ?) Padwa^tag
<ttießä% „dj^ ^4UiMil\ >^0d^ ypW ^rä^dAf^£p ^rJ\Hgp 39
[t{ä)ngrigäru\ bardac'i boSuntaci biS t{ä)ngri y{a)ruqtn biziiigärü [kälürdi
das zum Himmel aufsteigen und (dort) sich läutern sollende Licht des fflnffältigen Gottes zu uns gebiaclit
.... *^^g*jr ^'*t kk\&m\ kkk^M jtMi\4i /miyi\t^ ,d^ S9 40
ärsär] •• biz adruq adruq itip y{a)rat'ip nomqa k{ä)ygürsüg^^) törü
haben würden, wir uns reich schmilckend, xeranlaßt sein sollten, die Ritual- Kleidung anzulegen •■
^ //////// ^ ^jeßl» >¥» -^"^^ » ^Äoae^ — Mdo^ ^Ad^ ss p^JU, ... 41 230 107
\l)ar\ ärti •• azo rnung üdün •• azo puii birgä/i q'i[zyan]tp
Wenn wir aber, sei es aus Torheit, sei es, weil wir beim Almosengeben gespart haben,
• A» ll/IIIJf' III III II * -a<'^*» >^efMö i^^t >«**^ >#• //// — ««¥ ///// • • • 42
\yiti fnr]lüg [pu]ii any nomqa tökäti birü \umadt\}u(i)z \ärs\är
nicht imstande gewesen sein sollten, die sieben Arten Almosen für das reine Gesetz vollkoinmen zu geben:
4iyK0^ ^ßaA ^diiia0i^ >tß4^ 'fw ^r*&4<»^Qp^eAji^ uui^ llllllllll *» -■-'" '°9
\t{ä)ngri\gärü bardaci bosuntaci bis i(ä)ngri y(a)ruqin äokä barqqa
wenn wir das zu seiner Läuterung zum Himmel aufsteigen sollende Licht des fünffältigeu Gottes an
[Haus und Hof
jHgätiit^ << /ig4i^ /Käie^t* ßHi^^^H^ >**** » ß^iiiiii "
|/>aJ(i)w(«)^") ärs\är gniy qttincH^i)y [kiiikä\ y{a)claq ttu/{t}yqa ti(ral(t)y^*)
gefesselt haben, (oder) wenn wir es schlecht /.u handeln geneigten Menschen odei- bösen belebten und
[bewegungsfähigen Wesen gegeben tind
,4tmMll\ >«^Uö <» pj^ißMAjff^ Uli tJ^ ,dn^^*^ 69 JLt^Mt, — 4' 4^
qa [birdiffiiz] ärsär •• tökdümüz sac{tt\m{^i)z ärmr •• l{ä)ngri y{a)ruq'in
es (dadurch) ausgegossen und zerstreut haben sollten : wenn wir (dadurch) das göttliche (des
<UM^f^ 4\tia,4ä% Xmtß^ >^^ ^ ßJMfßMä, Jje. t\M <t0ießilt% /H^La« 46 240 112
y{a)vlaq yirgärü tdi('i)}ti('i)z ärsär •• (iiiiti t{n)ngriin yazuqda bosimu
Gottes) Licht nach dem Übeln Ort gesendet haben sollten: jetzt, mein Gott, von SOnden uns
3*
20 A.vonLeCoq:
Steia RadL
ÄÜ ju« JL^ , t^i^t^ß \l ■ ■ ■ SB a AMUt ßi^ptä^ .ä^tiun^n n 24J 113
ötünür hiz in{d)nastar yjrz{a) •• •• \iki i/{i)\y(i)rminc hir y'ilqa
läuternd flehen wir: M(a)nastar hir7.(a). Zum Zwölften. Es war Vorschrift, in einem (jeden) Jahre
>* //// ß^ -a«*«» >" ////////// *^/UAaA, /UiUä> ,.4je> «^ 48 ./,- . .4
älig kün arv^ dintar ca'°) [vusanti olurs\uq törü bar [är]ti
fünfzig Tage (lang) gemSß dem Brauch dei' Klecti ein Vusanti abzuhalten, und
>««WK^ —SÄ* //// »•< ■ ifeO//// /////////// ^ ^**iä» ßl^J^ /t*MA4, 49
afv^ haia-i badap i{ä)n\grikä ancolasiq^^) k(ä)r]gäk ärt\i] •• ]/7nü äv barq
reine Fasten fastend, Gott so Verehrung zu bezeigen (?). Wiederum, wenn wir,
Mttgfffi ,'' &^ ^0 230 116
tutduq \ücün y'ilqiqa bar'imqd] bulup [azo mungumuz taqirniz tägip\
weil wir Haushälter geworden sind, dem Vieh (und anderem) Eigentum (zu sehr) anhangen, oder weil
[unseie Torheit und (weltlichen) Neigungen In uns mächtig sind
[Ende.]
T. M. 183*).
Einseitig beschriebenes Buchblatt.
Stein RadL
k{ä)rgäk ärti-i • ymä i'w harq tutduq neun \y'ilqi\
war Vorschrift. Wenn wir, weil wir wegen des Kesitzes von Haus und Hausrat
qa har{a)mqa bulup •• azo mu\ngu\muz ta\(qinAzY^)
dem Vieh (und andei'em) Eigentum (zu sehr) anhangen, oder wenn wir, weil tö-
MkS« e . ft»ilwQ^ 3
tägip •• ymä [totundsuz ovutsuz soq yäk\
richte Bande uns hielten (getroffen hatten), odei' wenn wir, dem
104% e ^^^•^rt 4
üüün •• ymä [qorquncsuz köngülümüz Ü6ün ••]
unersättlichen, schamlosen Neiddänion zu Liebe, oder aus Mangel an Gottesfurcht,
*) Ein anderes, in uigurischen Lettern geschriebenes Fragment, T. M. 343, enthält
folgende Lesungen: '■) ,4it0ttti^ t(a)qtimuz; >>) "«-*^t qr(i)nip; är(i)nip; ") .i^^^J^Jf s^du-
muz; ^) ,^"Cfi bacaq; ") l*^^^-"Vy bacamadumuz; <') ^&Jr-'-\ amfi; S) JLdA0ääÄÄ^ ma-
naastar (der ganze, mit amti beginnende Passus lautet in diesem Fragment: •a»n/t t(a)ngrim
(iküni'irbiz yazuqda bohinu ötünürbiz: manaastar /lirza/').
Chua^tuanift, ein Sündenbehenntnis der mankhäischen Auditores. 21
Stein Raill.
^»U-ÄXatiM ^-&.M^1^4»l«ri (^^_A»*%irir< 5 ^jj 119
ar'inip ärmägürüp'^) ärkligin [ärksizin 60007 1
lässig (oder) träge, kräftig oder kraftlos seiend, die
Illlllllllll^^^^ (^Vh^OOi* IUI* « iMXiCkW^ {-^^llllllll 6
[sjaf]j>n(i)2r ärsär • ymä hacay ol[urup ädgüti] -
Fasten gebrochen haben sollten; oder wenn wir, zu den Fasten
iMiiekirl ('t^ri\HriH^<lCat IH^IIIIIIIII 1
{nomYla törüöä] baöamad{t}ni(t)z ärsär •• [t{ä)ngrm
uns niedergesetzt liabeiid, nicht gut nach Gesetz nnd Rituell gefastet haben sollten :
lllllllllllllllllllllllltA «S*«sO0«vis4 J<!l<AtW» 8
amt'iY) yazuqdda boSunu ö[tünierbiz]
Mein Gottl jetzt von den SOnden uns läuternd, ueten wir:
/////////**^» ^«•«vrt « « rjwA {'xs<%XiaJiX^ 9 260 122
m{a)nastar hirz{a) •• iic y{i)g(i)rm\inc ai t(ä)ngri\
M(a)na«tar hirz(a) •• /um Dreizehnten. An jedem
ltlllllllll!llllllll%l.\^x*U\»<%^U^J^^% «s«JiX^ \^*MC»4 10
ki'min sayu l{ä)ngrikä nomqa ariy di\ntarlar qa\
Tage des Mondgotte» war e» \'or.schrift, daß wir zu Gott, zu dem Gesetz, zu
f^%*>StAlllllllll »*^^fta^\»,v<% *kMfi*^ll/l/llll "
[8Ut/]umuzni-i yazvqumvzn'i-'i \boi\uyu \qolTnaq}
den reinen Electi, um unsere SQnden ab/.aschütteln, beten sollten.
//7///USi^iri *»«• zb **%!lllll 12 26s 124
\l((ä)rg('ik är\ti-i •• ytnä ärkUg\in ärksizin afiriip ärmägürüp]
Wenn wir, kräftig oder kraftlos, lässle oder träf;c seiend,
///*XW^A%^ K»jUvl»A*^ M\OJ<>ri 13
iäkä ködiigkä t'iltant[p^^) yazuqda boSunyati]
und zu (weltliehen) Geschäften in Beziehung stehend, nicht (/.nm Gebe()
UO*«S^^ Zb x*<£>e>Ajri ^XxlMKl««0=t 14
barmad{:i)m(i)z ärsär •• t(ä)ngrim [gmti]
j{egangen sein sollten, um von Sünden uns zu läutern: Mein Gott! jetzt
^M.«\^*«VM «vlAU3fy2:4 14l1\a<cW% 15 27« 126
yazuqda boSunu ötiinür [biz m{a)nastar h,irz(a) ••]
von SfliidcM uns läutcMiid beten wir: M(a)na8tar hirza.
[Kmle.J
stein Kaill.
22 A.vonLeCoq:
T.n D.178V.
(Tafel II, oben rechts.)
• . • . ■ \taA^^ ^jOMuaV^ M#i t«^d i 274 128
bir al-i c(a)yjap{a)t tutmaq \k{ä)rg(ik\
Kineii Monat (läng) Gebote zu halten war Vor-
äi'ti-i • yinä zaidanta^'') \yi\mki[-iY^)
schi'ift. Im Tempel das Yimki lialtend
Hllll^fHisx ///«^otssi e — cl^t«v^<^rt s
olurup • iöt'f7[7] bac\ap t{ä)ngri-i]
(absitzend und) Fasten fastend, war es Vorschrift,
hur/ßnqa bir biligi\n\ köng[iil\tä baru
dem göttlichen l)Ur;(an /.uliebe mit einem ungeteilten Sinn vom Herzen
«SfSMs///////// »////////////^ iv«sV<% W<il%% te=t 5
bir y'ilqi-'i yazuqv\muzn\i-'i \boS\uyu-u
unsere in einem Jahre begangenen SQnden betend
ötünmäk k(ä)rgäk ärti-i • t{ä)ngrim
abzuschütteln. Mein Gott! wenn wir
yiti-i yimki-i tökädi-i oluru-u-h («, u, h Zeilenfüller)
die sieben Yimki vollkommen zu halten
u)nadirn{})z ärsär • bir a\^iqi-i\h
ni<'iit imstande gewesen sein sollten, wenn die einmonatigen
<•{ay^Sap{a)tay^'') ädgüti-i tök[ädi-i tutu-u\
Gebote gut zu halten wir nicht imstande
umadtm{ii)z ärsär • öaidant[a]") ....
gewesen sein sollten; v\enn im Tempel
Chuastuanißj ein Sündenhekenntnis der manichäischen Auditores. 23
stein Radi.
pr^M^a«#V«. ««WA** Vw.ttrtA %»V>1»% 11 ^Sj 10-12
yimki-i pacay*°) ädgiUi-i nomda-h (A Zeilenfüller)
das Yinik! (und ?) die Fasten gut und nach Gesetz
törüdä oluru-u umadtm{i)z ärsür •
und Ritus abzuhalten wir nicht imstande gewesen sein sollten:
[Ende der Vorderseite.]
Rückseite.
(Tafel II, oben links.)
stein RxdI.
Hisl ^Tt*»XtfV*^'K»>V<» 1 ^^7 133
\bir y'ilq^i-i\ yazuqumuzni-'i-h bir (t, h ZeilenrüUer)
wenn wir unsere diesjährigen Sflnden
;?^A«SMSO0fv:::l «sitCst »K%S^I I li^f>,\ lllllllll^ 2
l:\iligi'n\ köng\il\ltä baru boSuyu-u-h {u, h ZeileniuUer)
mit ungeteiltem Sinn vom (?) Herzen abwälzend
[qolmadimz] ärsär • näcü üksük
nicht gebetet haben sollten, wenn manchei'lei Mängel
;7^%%^HM « irUiö.iri ///^^«v/// Oau^j^ 4 2go 135
k{ä)rgäk^^) [b]oli[i-i] ärsär • nmlt-'i-h
und Nichtigkeit entstanden sein sollten: Jetzt,
t{ä)ngrim m(ä)n ra[im{a)\st f(ä)rzind yazuqda
mein Gottl ich Raini(a)st f(ä)i-zind,
bo^{nu\ ötünür m{ä)n m{a)nastar
von Sflnden mich läuternd bete ich: M(a)iiastar
hir2{a) •• •• bis y{i)(j(i)rminc
h'm{a) ■■ Zum FTinf zehn ton.
kti\n s(tyu] ncicä y(a)vla(j saqinc
Täglioli wie viele üble Gedanken
24 A. VON Le Coq:
Stern liadl.
Wkfi^^HLH^^jMvC^ M^UU. 9lllllllllllllllllllltia. 9 ^9J »37
s\aq'inw biz\ • näiä sözlämäsig*^}
sinnen wir! wie viele nicht auszusprechende
['irüncii]lüg söz sözläyür biz •
ei'bännllche Worte reden wir!
näöä 'ülämäsig 'irüncülüy
Wie viele nicht zu tuende, erbärmliche
'iS 'iSläi/ür biz • anty q'iltncqa
Taten tun wir! Wegen (unserer) üblen Taten
[Ende der Rückseite.]
T.n D. 178 VI.
(Tafel II, unten rechts.)
'irünöükä k{ä)ntü-ü özümüzni-i
und wegen des (der bösen Tat entspringenden [?]) Elends quälen
:^H.%^'^\ t^ifU » 2
\ämgätir hi\z • ymä künkä-h (h Zeilenfuller)
wir selbst unser eigenes Selbst. Das täglich von uns in Speisen
e W^^V% %%ii^^ ooCb* tf^gU^IIIIHIilll 3
[aiad]uqumuz biä t{ä)ngri-i y{a)7tiqi-i •
genossene Licht des funftaltigen Gottes (aber)
[k{ä)ntü-ii\ özilmüz üzütiimüz totunc-
<;eht zum üblen Lande (der Finsternis), weil unsere eige-
suz ovutsuz soq yäk s{ä)vdügincä
iien Körper und Seelen in der Liebe /.u dem unersättlichen
yofituq nc\ün\ • y{a)vlaq yiryärü-ü
stein RadL
s< liainlohoii Neiddänion "ewandelt
Chuastuaniftj ein Sündenbekenntnis der manichäisclien Auditores. 25
Stein UaHl.
JOS '42
harir • {arn-'i üc^ün t{ä)ngrim m{ä)n
siud. Deswegen, mein Gottl bete ich,
raim{a)s[t] qop ynzuqdda-h (h ZeilenfiUlei)
Rnini(a)st, unter Anrufung des reinen Rrmsahn*')??
boSun\u\ ftriy k{a)rm{a)hi^n*) qolu-u
mich läuternd von allen Sünden :
ölün[ür7nä\n • m(a)nastar Idrza-h
M(a)nastar liir/.a-h 1
C^U>^»j<fs^AeJ<A< \^^^^im llllllllllllllli^ üOUs* 11 (rot)
bis i/{i)g[(i)rminc bö\lvg y^uastuanift
Fflnfiehnter Abschnitt Chnastuanift (Confessio)
12
[Ende der Vorderseite.]
Rückseite.
(Tafel II. unten links.)
t((i)ngrim ägsüklüg yazuqluy biz •
Mein Gott! unvollkommen und sündig sind wir!
St.iii 1(^(11.
<y.iai ;s)(kS%^«^=l ;;2)<S^^*«vri 2 s"S 144
ötägdi*^) hüfini^i*^) biz Ytotun6suz\
'Peiniger undUn/.nfriedenheiterreger sind wirl wej^en des unersättlichen
e ^♦^•#^rij^**^j^f^^»Ck <y»fws^HK 3 v 145
atutsuz sog yäk nMn • [saq'incin]
schamlosen Neiddämons, durch Gedanken, durch
') Oder k{a)rm(a)iuan; ob t\ oder A zu lesen ist, ist unsicher.
**) Das i.^. im Anfangsworte •tänffrim' der ersten Zeile bildet mit drei anderen \a
eine Art viereckiger Parenthese, in welcher in roter Farbe folgende mir unbekannte ira-
nische (?) Wörter geschrieben sind: (Z. l) raim{a,)»t, (2) ß^a)r:iml aba (oder »aso'), (3) nrsun 'il.
(4) «»I (aabi?) tiawa, (5) hriii qia.
Phil.-huit. Klasse. 1910. Anhang. Abh. IV. 4
26 A. VON Le Coq:
stein Hadl.
//////5J^<^*0*%«^^5>U•Ä%'•^^\•^%^JCka. 4
wzin qilmc'in • ymä köz\in\
Worte und Taten : mit Augen
///•///////// ®^-A»A%wart^$«jV^j^%v^^^«s^^A^ 5
köriip qulqaqin äsidip • [^27J/|mJ
seilend, mit Ohren liörend, mit [Zungen]
sözläp ' älgin su\nu\p • adaqin
redend, mit Händen berührend, mit Beinen
yofip ' ürkä^^) üz[üksüz] ämgälir
wandehid, lange quälen wir ununterbrochen
biz ' bis t{ä)ngri-i y{a)r\u\q{i qn\-h*)
das Licht des fünffaltigen Gottes,
qurw^ öl yirkä • bis t\u\rlüy
die trockene und die nasse Erde, die fünf Alton belebte und
t'inl{t)yqa turaUyqa • b\ü\ t\ii\rlüg
sich bewegende Wesen •• und die fünf Arten
\^^^lllllllll!l 111111% a K\oM<S^»^ Ks^^ri 11
ootqa ''iyacqa • y\mä ägsük]lüg
Kräuter und Bäume •• (Wahrlich!) unvollkommen und
///*»rt 9 tjü ^^»^\AVi/// 12 j.'o 149
\y]azuqluy biz • o\n c{ä)yßap{a)tqa\
sündhaft sind wir! Wegen der zehn Gebote
[Ende der Rückseite.]
*) Steins und Radioffs Manuskripte konstruieren 'ämffäiirbiz' mit dem Akkusativ,
nicht mit dem Dativ.
Chuastuanift, ein Sündenbekmntnis der manicMischen Auditores. 27
T, n Y. 59.
Fragment eines anderen manichäisclien Sündenbekenntnisses
aus Yär-Choto.
ie^tumn^ ßtM^ «ji* ^.4a« 1
nzo äv barq oyrtnta')
oder wenn wir wegen Haus und Hausiat
• « '•
horluy hing qul qoin . .
Weingärten, Sklavinnen, Sklaven, Schafe . .
• • ////
qazrfundin aU'im{t)z är\sär\ . . .
als Gewinn genommen haben sollten
//// tP^^Mi"»^,
bädük bäkän qayatin ba////
durch hohen ?? ??
1/1/ ^ ,4tr4tn.i*» ^ätHä-nt^
tivarin') qazyanötn aj/j/
den Besitz, als (?) Gewinn [genommen haben sollten?] . . .
biz •• bilinür biz irindildä boS bnhitim Mant-i^)
wir und bekennen wir: von Erbärmlichkeit frei wollen wir sein ??
bolzun •• •• ü6üm ymä todunimz
soll sein! Zum Dritten. Wenn ich, wegen des unersättlich und
ovutsuz gmranmaq köngül o^/r'inta ad{'i)nayu^) ony'')
schamlos neidisch begehrenden *) Herzens gegen einen anderen wahrhartigen
qur'iyl(i)y^) äcinlig uzun-tonluy-qa yazt'im -yangiMm
(durch Askese) entfleischten, glänzenden Manichäcr gesündigt oder geirrt liabon
ärsür •• azo v{a)^^arda Sakimun bur/ßn yirin
sollte; oder wenn icli im Vihara einen dem Qäkyamuui Buddha (geweihten)
4»
28
A. VON Le Coq :
>>«#U
artatdim ärsär") •• yaza yang'ilu yükkä iökäkkä
Ort entheiligt liaben sollte ; wenn ich, sündigend und irrend, mich zum Vorteil des
[Dämonen und des Preta
y'ilq'iqa'*) yazt'im yangiltim ärsär .. közüm körüp
gegen die Tierwelt versündigt und verfehlt haben sollte ; wenn ich sehenden Auges
qulqaqini mdip'°) tünlä küntüz mqinniayu") saqintp
und hörenden Ohres, bei Tag und bei Nacht Nicht-gedacht-werden-sollendes ge-
[dacht (und)
'3
eo
öh'm türlüg yanglu-y saqmc") tur^jurdwn ärsär ••
viele Arten sündhafter (irrtümlicher) Gedanken habe aufkommen lassen
^|(«M9k 14
Chnastuaniftj ein Simdenbekenntnis der mankhlmchen Auditores. 29
Anmerkungen zu »Ghuastuanift«.
B. = F. C. Baur, Das inanichäische Religionssysteiii, Tübingen 1831.
F. = G. Flügel, Mani, seine Lehre und seine Schriften, Leipzig 1862.
K. = K. Keßler, Mani, Forschungen über die inanichäische Religion, Berlin 1889.
1. ha t{ä)ngri. Augenscheinlich ist die unter dieser Bezeichnung auf-
tretende Gottheit identisch mit dem »Urmenschen« mit seinen fiinf Ele-
menten. Vgl. F. S. 87: »Es bewaifnete sich aber . . der I^rmensch mit den
fiinf Geschlechtem, und das sind die fünf Götter: der leise Lufthauch, der
Wind, das Licht, das Wasser und das Feuer.«
2. siizinlüg{ü)n. Instrumentalis einer von süz- »läutern« abgeleiteten
Form süzinlüg. Man würde, in Analogie zu y>ämnuluy, yäklijg«. vielleicht
'SÜzlüg* erwarten; die in demselben Manuskripte vorkommende Bildung
yyäklär-lüg* ist aber möglicherweise ein Hinweis darauf, daß in den Formen-
bildungen größere Freiheiten möglich waren, als wir bisher annahmen (vgl.
unten die fremdartigen Formen Ä0/7, baMy, Ixilqduq).
3. imnu. Augenscheinlich = der Urteufel (mit seinen fünf »Geschlech-
tern«, dem Qualm (Rauch), dem Brand, der Finsternis, dem Glühwind und
dem Nebel; s. F. S. 87). Das Wort ist dem Soghdischen entlehnt, der Vokal
der ersten Silbe noch unbekannt.
4. baly. Wahrscheinlich von Im- »binden« abzuleiten und mit »ge-
fesselt, gebunden« zu übersetzen (sollte bal'iq »die Stadt« als »der durch
Mauern zusammengebundene Ort« zu erklären sein?). haSly möchte ich von
ba -\- i »sich gegenseitig binden« ableiten. Radioff übersetzt das vom
selben Stamme abgeleitete Wort •»halqduq-'in^^ mit »weil sie in steter flim-
mernder Bewegung waren« (Chuastuanit Z. 1 3), ohne sich über die Art,
in der diese Form gel)ildet ist, auszusprechen. Vielleiclit darf man, mit
F. W. K. Müller an &o-f- 74-/0-, mit Metathesis b<i/y{a)-, denken; die Aus-
lassung des Vokals a in der Schrift erscheint an die.ser Stelle auffällig.
Auch die Bildung der Formen ba/(t?)y und baSl(i?)y vermag ich nicht zu
erklären.
30 A. VON Le Coq:
5. ^^vfiiekVt«,«<\v<S^< Dieses Wort wird in uigurischen Lettern in der
Stammsilbe sonst stets \a^ , hier V«s^ und auf Z. 4 (Vorderseite) des
VI. Blattes dieser selben Handschrift ^^ geschrieben.
6. J^ = envie (Pavet de C), suq stroke of the evil eye (Shaw).
7. tiddimiz, andere Schreibweise flir tidimiz, vgl. Z. 4 der Rückseite
orddu und S. 25 Z. 8 yazuqdda. In einzelnen, meines Erachtens altertüm-
lichen Fragmenten steht stets 21 fär A..
8. Gulvu sav. Die Übersetzung durch »Lästerung, Blasphemie« scheint
gesichert zu sein durch folgende Stelle, F. S. 290: »Der Begriff Gottes-
lästerung war aber . . ein weitschichtiger und umfaßte alles, worin irgend-
wie ihrer Dämonologie ein Zugeständnis gemacht wurde ; z. B. die Behaup-
tung, daß der menschliche Körper von Gott geschaffen sei, war eine Gottes-
lästerung.« Die in »Köktürkisches aus Turfan«, Sitzungsber. d. Berl. Akad.
d. Wiss. XLI 1909, S. 1056, erschlossene Bedeutung »Zauberwort« erweist
sich somit als Irrtum.
9. Die Rechtschreibung ist nicht konsequent durchgeführt: es findet sich
Vri«*.«sM munday neben Vri^«vM muntay, V«v^«sl^*«v'i ögünür einmal neben
V#v^fvV*vM ökilnür, nU,«sV«s^ tofunc neben vU.f\^^ totunc ( fäit\ii^ todun^.
in Y. 60), M^LS^tt^riacBt qnt'ildi, aber daneben M^üvt^riri atrilt'i, \ri*^u^jx
pacay einmal neben häufigem VrtVriM hacay. oi«2!L%^ tiddim{i)z kommt
neben od«A%^ vor, während in augenscheinlich älteren Texten der Buch-
stabe .i stets doppelt, also 21 geschrieben wird. Die weniger sorgfaltige
Schrift und Rechtschreibung sowie die geringere Qualität des Papieres
dürfte darauf hinweisen, daß diese Schriftfragmente nicht der besten Zeit
angehören.
10. raim{a)st f{ä)rzind (= J^j^ Sohn, np.?). Der persische (?) Name
des Gläubigen, für den dieser Text kopiert worden ist. Auch in buddhisti-
schen Sündenbekenntnissen finden sicli die Namen der Besitzer in derselben
Weise in den Text eingeschoben.
1 1 . ögv\nür m{ä)n\ fiir ökünür m{ä)n.
12. Es ist schwer zu entscheiden, ob die Wörter ^kün ai t{ä)ngrin als
eine oder mehrere Gottheiten bezeichnend zu deuten sind. Es scheint aber
liier nur ein Gott unter diesem Ausdruck verstanden zu sein, was mit B.
S. 291 übereinstimmen würde: »Sonne und Mond oder der in diesen beiden
Chuastuaniftj ein Sündenbekenntnis der manichäischen Auditores. 31
lierrliclisten Lichtwesen tlironende CJiristus . . .« (vgl. auch F. S. 256). Die
»in den zwei Lichtpalästen thronenden Götter« sind vielleicht nur die in
diesen zwei reinsten Lichtwesen angehäuften Lichtteile; die genauere Deu-
tung dieser Stelle muß anderen überlassen bleiben. In den folgenden Zeilen
wird der Weg des der Materie entzogenen, aufwärtssteigenden Lichtes be-
schrieben, leider bricht die Schilderung bei dem liier als » ersten (?) Pforte«
geschilderten kün ai t(ä)ngri ab. Für die diesen Weg betreuende, al)wei-
chende Tradition vgl. F. S. 344 Anm. 29g. Die Konstruktion dieses ganzen
Passus ist schwierig und die Deutung unsicher.
13. timägüli. Durch Anliängung der Formationselemente -gü und -//
gebildetes, Absicht oder Befähigung ausdrückendes Verbalsubstantiv eines im
Osmanischen ^ji, »ikjj (Versammlung, Zusammenkunft) erhaltenen Ver-
bums timä-(i).
14. tägdä toti tägzinür. Unsicher. Da die Mondsichel durch Aufnahme
des aufsteigenden Lichtes allmählich sich zum Vollmond rundet (toti = osman.
Jji»?), wird die eingesetzte Deutung vorgeschlagen. Der Mond wird hier
als »navis lucida« gedacht. Für die ganze Stelle vgl. B. 305 — 307.
15. tvlä- {t(ä)vlä), kürlä-. Nach F. W.K.Müller haben diese Verba
in den buddhistischen Texten etwa den Sinn von »betrügen«. In einem
anderen Fragment, T. M. 1 80, stehen t{ä)v kür yüloi arv'iS in einer Gruppe
zusammen als Dinge, die in einer »anderen Welt« nicht vorkommen: der
Begriff der Täuschung ist allen diesen Ausdrücken gemein. Radi off über-
setzt: »da wir uns soviel geiler Lust und Gier hingegeben haben«.
16. ävinng. Radioffs Wörterbuch hat die Formen äbäk ( ^yyj 'lig)
»hurtig, eilig, flüchtig« und ävnk ( - "■""[ uig., gewiß moderne Form im
K. B. für äbäk<^), ferner ebäk (koib, ktsch.) »leicht, rasch, flink«. Vermutlich
sind diese uigurischen Wörter von Radioff unrichtig gelesen worden; sie
müssen augenscheinlich durch »//r(i)«<7« oder allenfalls »ä»(ä)nr/« umschrieben
werden, ävinng dürfte demnach nicht die moderne, sondern die ältere Form
sein. Weder dieses Wort, noch auch das folgende, »orundaq«, ist bisher
in den Berliner Texten an wolilerhaltenen Stellen gefunden worden; ich
folge hier Radioffs Übersetzung, die sinngemäß sein dürfte.
17. 'ilki öz. »Nach dem Apostel gäbe es einen doppelten Menschen,
den einen nenne er den äußeren, irdischen, alten, den anderen aber den
inneren, himmlischen und neuen.« B. S. 271.
32 A. VON Le Coq:
i8. üö öd. Es gab drei Klassen von Seelen und ein dreifaches Schick-
sal der Seelen. »Animas mortuorum malas minusve purgatas aut in re-
volutiones, aut in graviores aliquas poenas, bonas autem in naves imponi,
et in coelo navigantes transire hinc in illud phantasma terrae luminis, pro
qua pugnando perierant.« St. Augustin in B. S. 317.
19. Aus dieser Stelle sowie aus dem Passus Y. 60b Z. 48 •»arvy din-
tarca vusanii olursuqi^ geht hervor, daß wir es mit der Formel eines Sünden-
bekenntnisses für die Laienbrüder {n{i)goSak, n{i)yoSak, Auditores), nicht aber
der eigentlichen Manichäer {dintar, Electi, Perfecti) zu tun haben.
20. Es werden hier vier Siegel erwähnt, während die westländische
Überlieferung nur drei Signacula kennt. Die Manuskripte Steins und Rad-
ioffs erwähnen an dieser Stelle ebenfalls vier, im Endpassus Z. 320/21 St.
= 1 50 R. aber nur drei tamya. Die Erklärung dieses anscheinenden Wider-
spruchs muß ich den in Religionsgeschichte bewanderten Gelehrten über-
lassen.
21. amranmaq — lieben; amraq — geliebter (adj.), oftmals belegt.
Radioffs Übersetzung «Ruhe« ist unhaltbar. Sachlich bestätigt wird die
Richtigkeit der Übersetzung mit »Liebe« durch den Passus bei K. S. 226:
» Sendschreiben an Abä über die Liebe (w>s)l J)« insofern, als mit der
»Liebe« gewiß das erste Glied des Lichtgottes nach manichäischen
Lehren gemeint ist, eine Lehre, die auch den mandäischen Gedanken ho-
mogen ist« sowie durch die Anmerkung hierzu: »Auch die jungchaldäische
Theologie hat die Fontana Trias von Glaube, Wahrheit und Liebe . . .,
also wie Mäni (Fihrist S. 329) jlcVl, »\sjll und CJ-l.« »\sj!| entspräche dann
vielleicht unserem » qorqmaq « ; als viertes Glied tritt bei den Manichäern
das »weise Wissen« (vielleicht = die Vernunft oder aber die Religion??)
hinzu. Diese »vier Siegel« sind demnach auch in den » fünf geistigen Glie-
dern des Lichtgotts« mit einbegrifien; eine Identifikation mit diesen will
aber nicht gelingen, da es fünf Glieder sein müssen, die als Liebe, Glauben,
Treue, Edelsinn und Weisheit aufgezählt werden (vgl. F. S. 86).
22. öz » die Wesenheit, derKörper«; äY'ö^^ wohl »der fleisch-
liche Körper«, ät'özlüg, üzütlüg »körperlich, seelisch« kommt in
anderen Texten als Gegensatz vor.
23. bafim. In den anderen Texten barm geschrieben. In einem nicht
publizierten Text findet sich auch die Form haram.
CJmastuanift, ein Sündenhekenninis der manicMischen Auditores. 3B
24. bulup. Wohl abzuleiten von dem Stamme M- »finden, erlangen«
mit erweitertem Sinn und veränderter Konstruktion {-qa). Im heutigen Ost-
türkisehen ist ein Verbum bulan- »to support oneself, to rest upon« (Shaw)
erhalten.
25. mungumuz taq'im^z. mung möchte ich zusammenstellen mit dem
osm. ilj) houng »sot, idiot« ; JITji boungaq »vieillard tombe en enfance«
(Samy); taq- mit dem osm. -JLL» taq- »fixer, attacher, accrocher« (Samy).
26. ]e{ä)rgätimiz. Radioff liest käk{ä)ntimiz und übersetzt »da wir
uns (gegen sie) feindlich gestellt liabeii«. Meine Deutung »nichtig sein«
oder dgl., stützt sich auf die vorliegende Stelle und auf das Hendiadyoin
äksük k{ä)rgäk (D. 178V., Rückseite Z. 3 und 4).
27. Die hier genannten Gewalten sind identiscli mit den vier groß-
herrlichen Wesenheiten, an die zu glauben (das erste?) Gebot war, nämlich
Gott, sein Licht, seine Kraft und seine Weisheit, s. F. S. 95.
28. Die Verbalformen auf stq, s'iy usw. stehen hier nach den der Be-
deutung nach augenscheinlich gleichwertigen Ausdrücken törü bar ärti und
J<{ä)rgäk ärti = es war Vorschrift; (im Manuskript Y. 60b Z. 37 steht k{a)rgäk
ärti, wo Steins und Radioffs Manuskripte törü bar ärti haben). Der Sinn
dieser Formen ist etwa der eines Participium necessitatis. Adjektivisch ver-
wendet werden diese Formen in D. 178V, Rückseite Z. g und 11. — In
anderen Texten bedeutet alqan- augenscheinlich »angreifen, bekämpfen«,
vielleicht sogar »vernichten, auffressen«. Auf die Vieldeutigkeit mancher
türkischer Wörter sei andeutimgsweise hingewiesen : die liier vorkommenden
Vokabeln k{ä)rgäk (vgl. D. 178 V, Rückseite Z. 4) ög, is und vielleicht an-
cola- sind andere Beispiele, deren Aufzählung man unschwer erweitern
könnte.
29. ännägürüp; armip ärrnägürüp. Nach F.M'.K. Müller bedeutet das
Verbum ärmägür- »matt, lässig, träge sein« oder »werden«. Das Verbum ar'in-
hat dieselbe Bedeutung; die Wurzel afin- lebt augenscheinlich im heutigen
Vulgärdialekt von Turfan noch im Verbum här- »müde werden«. Ich schreibe
afiriip, weil T.M.i 33 Z. 5 deutlich «_A«A*«riri gesclirieben steht; die
anderen Manuskripte zeigen die Formen . n^owj. OT«4to» und Ui4i(4 und
können auch, wenn man jene Schreibung mit rtri nicht als maßgebend be-
trachten will, är(i)nip oder är(ä)nip gelesen werden. Das Wort ciL^jl »se
IM.-hüt. Klasse. 1910. Anhang. Äbh. IV. 5
34 A. VON Le Coq:
lasser, s'affaisser« findet sich bei Samy. Schlaffheit und Mattigkeit des
Handelns war ausdrücklich verboten, s. F. S. 96.
30. puäi. Nach F. W. K. Müller ein chinesisches Wort mit der ein-
fachen Bedeutung »Almosen«. Da wir wissen, daß die Electi (dintar)
auf die Arbeit der Auditores {n{i)go^ak, n{i)yoiak) zur Beschaffung ihres
Lebensunterhalts angewiesen waren (s. B. S. 269 und 283), ist es möglich,
daß die hier erwähnten puSi eben jene Almosen sind, von denen die Electi
ihr Leben fristeten.
31. Ob diese, von Radioff immer noch »xros^ar« und ^paduayjdr'- ge-
nannten Götter als eine oder mehrere Persönlichkeiten zu denken sind, ist
noch unentschieden.
32. Diese Stelle wird von Radioff wie folgt übersetzt (S. 38 Anm. 75):
»Wörtlich: wir Verschiedenes verschiedenes tuend und schaffend in die
Satzungen Hereinbringungsgesetz bestand. « Zu dieser Deutung ist er durch
Übersehung der bei F. W. K. Müller längst belegten Bedeutung von *itip
yaraVip'^ = sich schmückend (s. Uigurica S. 29) gelangt: an Stelle von
kigür- = hereinbringen muß, scheint es, k{ä)ygür (für kädgür) gelesen werden,
unter Voraussetzung des schon vollzogenen Wechsels von d zu y. Für das
Vorkommen dieses Wechsels bieten unsere Texte Beispiele. — Schwer zu
erklären ist der sachliche Verhalt. Es handelt sich hier um die Darbringung
der puSi- Mvaos&n, die augenscheinlich von den Auditores nach einer ri-
tuellen {nomqa) Einkleidung vollzogen wurde. Das »zu uns gebrachte Licht des
fünffältigen Gottes, das zur Läuterung zum Himmel aufsteigen soll« ist dann
vielleicht das in den j?tii^/-Almosen enthaltene, den Electi durch die Audi-
tores zur Läuterung zu übermittelnde Licht: » auf der anderen Seite
waren aber auch die Auditores selbst die Organe, durch welche den Electi
das in ilmen sich konzentrierende Licht zuströmte, nur kehrte auch hier
wieder der Manichäismus seine materialistische Seite recht auffallend her-
aus. Indem die Auditores die Frflclite, die den Electi zur Nahrung dienen
sollten, pflükten, und die Electi sie genossen, wurden dadurch die in den-
selben gebundenen Lichtteile frei, die nach der Wanderung durch verschie-
dene Körper nun endlich zur Rückkehr in das Lichtreich reifen Menschen-
seelen. Von den Electi aus komiten sie, da sich diese der fleischlichen Ver-
mischung, wodurch die Seelen immer aufs neue mit den Banden der Materie
umschlungen werden, völlig enthielten, ihren Weg nur nach oben nehmen«
(B. S. 286). Andererseits liegt, da ja in diesen Schriften nichts wörtlich zu
Chuastuaniftj ein Sündenhekenntnh der maniehäischen Avditores. 35
nehmen ist, die Vermutung nahe, daß die Worte i> t{ä)ngrigärü hardaci ho-
suntaci biS t{a)ngri y{a)ruqin bizingärü kälnrdi ärsär» so zu deuten sind: »wenn
die Lielitstoffe bis in unsere (der Auditores) Körper gelangt sind, müssen wir,
wenn der Tod sich nahet, die beste und zierlichste Kleidung zurechtlegen. «
Die einzige Erwähnung von Kleidern findet sich in diesem Zusammenhang
mit der bevorstehenden Auflösung F. S. 339.
33. badimiz. Eine große Menge von Licht war in reinen Früchten und
Getreiden enthalten, und die Befreiung dieser Liclitteile vollzog sicli mittels
des Genusses dieser Lebensmittel durch die P^lecti (B. S. 283, K. S. 219).
Das Anliäufen derartiger Getreide usw. in Vorratskammern (statt der Weiter-
gabe an die Electi) mag hier gemeint sein.
34. Es ergibt sich von selbst, daß durch die Verschenkung solcher
Lebensmittel an Menschen, die keine Electi waren, oder an unreine Ge-
schöpfe, die in diesen Speisen enthaltenen Lichtteile genötigt wurden, neue
Verbindungen mit der Finsternis einzugehen. Augustin, De mor. Manich.
c. 25 (B. S. 286, Anm.), sagt »animalia cibum capiunt, quae si concumbunt,
ligant in carne divinum illud membrum, et a certo suo itinere aversum
atque impeditum erroribus aerumnis<[ue implicant«. Diese Anscliauung er-
klärt den Vorwurf unmenschlicher Härte, der den Manichäern seitens der
Christen gemacht wurde (s. K., Abscliwörungsformel S. 363). — linl(i)y tu-
ral(t)y scheint »l)elebt und sicIi bewegend« zu ])edeuten — wenigstens
schreibt Baur, S. 312 nacli Turbo: »An dem Wesen des guten Vaters hat
jede Seele und jedes sicIi bewegende lebende Wesen teil.«
35. anöolasiq. andola, aniolayu hat, wie durch viele Stellen (wie z. B.
den Beinamen des Buddha tathägata = andolayu kälmii) belegt, den Sinn von
»so« oder »so handelnd«. Bei F.W. K. Müller, Uigurica S. 30 findet sicli
aber der Passus »OTtr ayamaqin tap'inzun anöolazun, und da diese Ver-
bindung ganz den Eindruck eines Hendiadyoin maclit, möchte icli liier die
vorgeschlagene Übersetzung einsetzen und ebenso die Stelle Z. 49 »a?/y
/>oJa7 ha6ap t(ä)ngrikä ancolas'iq k(ä)rgäk ärti«' mit »reine Fasten tastend Gott
(so) Verehrung zu bezeigen war Vorschrift« übersetzen.
36. t'iUanip. »Der eigentliche manicliäische Unterschied aber zwischen
den Electi und Auditores bestand darin, daß, während jene sich weit
über die gewöliidiclie Sphäre des Lebens erlioben, diese derselben so naJic
als möglich blieben.« B. 265.
36 A.vonLkCoq:
37. .^ri^t^N^, .^ri^wi^ zaidan, caidan nach F.W. K. Müller wahr-
scheinlich ein aus dem Cliinesischen übernommener Ausdruck fiir »Tempel,
Gebethalle«. Wir werden die von B. S. 351 vertretene Ansicht , daß die
Maiiichäer keine Tempel oder Gebethallen gekannt hätten, verwerfen müssen,
wenigstens für die Gemeinden in Turkistan. Unsere Funde von Votivfahnen
und religiösen Darstellungen auf den Wänden von Gebäuden im Gebiet von
Turfan sind mir ein anderer Beweis für die Existenz von Gotteshäusern
bei unseren Manicliäern.
38. yimki, yim(ä?)ki. Das Wort ist bis jetzt rätselhaft geblieben: viel-
leiclit ist es ebenfalls ein Lehnwort.
39. c(a)%.^ap{a)iay. Akkusativ auf »07«, der in den vorliegenden Texten
noch in antyay und in den auch in Radioffs Rolle Z. 36 und 65 vor-
kommenden Wörtern tinl{i)yay, tural{t)yay erscheint.
40. pacay hier filr baday.
41. krmSuan, krmiuhn(?). Ein mir unbekanntes, vielleicht dem Sans-
krit entlehntes Wort.
42. ötägöL Das Manuskript T. II Di73d, Rückseite, Z. 8 hat die
Kombination ötäg ämgäk, die ein Hendiadyoin zu sein scheint. Ich schlage
deshalb für ötägci die Ül)ersetzung »Peiniger« vor.
43. bifimc'i. Der Stamm Irir-^ düi'fte dem Osmanischen ^^ entsprechen.
Samy führt folgende Formen auf: myr ^ partic, imite un bruit tres-leger
fait ;i voix bassc comme celui d'un chat; myryldamaq ^\j^^ murin urer, bal-
butier; myryldanmaq ^\j^^ fig. manifester du mecontentement: myrylty
(S^^ murmure, balbutiation ; fig. mecontentement.
44. ürkä. Vielleicht Dativ eines Wortes »?//•« = lange (vgl. Radioffs
Chuastuanit, S. 42, Anm. 102).
' Einem Hinweise Vilhelm Thomsens folgend, möchte ich nunmehr glauben, daß
dieser Stamm »vielmehr mit ^^J iyrtyq oder pyrtt/q, zerrissen (vgl. Foy, Studien zur osman.
Syntax ; Das Hendiadyoin, Mitt. d. Sem. f. Orient. Sprachen 1899, .S. 134) usw. zusammenzustellen
ist«, b'irim dürfte dann mit osm. ^jy bourym, Torsion (Samy) zusammenhängen: liirimSi
also T= Uirmentor, Quäler, was einzusetzen ist.
Chuastuanift, ein Silndenbekenntnis der mankhäischen Auditores. 37
Anmerkniigen zu T. 11 Y. 59.
1. äv barq oyrinta augenscheinlich = äv barg tutduq i'tMn.
2. ttvar. Die meisten Texte liaben tvar-, vermutlich darf man auch
»ß« statt des »i« einsetzen.
3. Mantl. Der genaue Sinn dieses augensclieinlich einer anderen
Sprache entlehnten Wortes ist mir unbekannt.
4. >^>cl eprouver de l'appetit ou de l'envie (osmanisch, Samy). Die
»leichte« Form ist also im Osmanischen nocli erlialten.
5. ad(i)nar/u, adinayu = alius (vielfach belegt). Diese Stelle dürfte be-
weisen, daß dies Fragment manicliniscli ist.
6. ong = jt^l-
7. quriyl(t)y ävinlig. Beide Epitheta sind in der Deutung unsicher. Die
eingesetzte Übersetzung wird vorgesclilagen, da die Manichäer sich für be-
rechtigt hielten, »sich vorzugsweise als die Hungernden und Dürstenden des
Evangeliums zu betrachten und die sie charakterisierende Blässe des (le-
sichts (wegen welcher sie von Augustin, De util. cred. c. 18 ,exsangues
corporibus, sed crassi mentibus' genannt werden) als das echte Kri-
terium eines Bekenners des Evangeliums zur Schau zu tragen« (B., S. 251).
8. Diese Stelle weist auf eine ungeahnte Enge der Beziehungen
zwischen Buddhismus und Manichäismus hin.
9. Die Aufzählung der Versündigunjjren nennt zuerst die Manichäer (als
die höchststehenden Wesen), dann folgen die Buddhisten, endlich die Tier-
welt. Es erscheint mir unrichtig, die drei Dative yäkkä, ixikäkkö und y'ilqiqa als
koordinierte Glieder (»gegen den Dämon, gegen den Preta, gegen die Tiere«)
zu betrachten, und trotz mancherlei Bedenken ist die vorgeschlagene Deutung
»Sünde gegen die Tiere zum Vorteil des Dämouentums« eingesetzt worden.
10. isidip, ökiis scheint hier statt i^idip, öküS zu lesen zu sein.
11. saqinmnyu. Wir selien hier die -7M-Form auftreten, wo der
Chuastuanift-Text die auf -x'tq zeigen würde.
12. Dieser Text macht keinerlei graphische Unterscliiede zwischen %, 7
und q; die aus unseren anderen Texten belegten Formen sind daher ein-
gesetzt worden, wo der Text die Formen say'ind, ytly'i, yazyan usw. zeigt.
38
A. VON Le Coq ;
Wörterliste zu »Chuastuanift«.
(Die den Manuskripten in nianicliäischer Schrift entnommenen Wörter sind in gewöhnlicher
Kursiv, die den in uigurischen Lettern geschriebenen Manuskripten entnommenen Wörter
sind in gesperrter Kursiv gedruckt.)
atr'il, -t'i 9*
aVir, -yal'i 13"
2. adai 17^^ (adas gu-
daä)
3. adaq 26*
4. adruq adruq 19^
5- adr'il-, -yai 1(1^^
6. ar%on 16^'^
7. ar-iy 19"^, 20''\ 20*\
21'°
8. afin-, ._-AA4.««riri
artnip (0. ürmäyürüp
2 1^ 21"), ar{'i)7iip
(oder är{i)nip) 20,
Anm.
9. azyur-, -duq 9'
.0. azo 18^-, 19*\ 20"^,
20'
11. aSa-, -duq 24'
12. -ay; antyay 1 i"*, t'in-
lyay turalyay 15',
c{uy/ßap{ä)tay 22'
13- ay'it, -imiz 17^" (fiir
ay'itd'im'iz)
14. «7«^ (ayz'in) 17^
15- al-, -tp 17''^^
I .6.
>7-
i8.
19-
20.
21.
23-
24-
25-
26.
27.
28.
29.
30-
alqan-, -ur 18^,
-mad'im'iz 18^, -s'iy
alqU 18'", W
am t'i 20, Aum.
anta-, -da 16"
anta-dda-ta 9''
ancola-, -s'iq 19^~,
20''
aniy s. a-
'at-/%fcrl 12*, i2'°, 22'
lai %riri 13*
;a/>i* 16'\'17",18''-'
adunösuz 11"
otr/Mg' (y?<2^ grtuq'i q'trq
9")
griy io"°, 12*, 25'-'
rtw/i- ii"% :r()^ i7^\
18'', W, 19*", 23^
amranmaq 17^'''
gnty 8\ g\ i iS 19**,
24"
gvutsuz (Sc'hreil)-
fehler?) 25^
3«-
ät'öz
17-
u
32-
ädgü
iiS
12*
33-
ädgü
-ti
18''
21
22», 23-
34- ar-
■ti 17'*, 18
}31
35-
36.
37-
38.
39-
40.
41-
42.
43-
-tniS 16", -sär 10",
10', 11' usw., -kän
IG', 18""
ärk, -lig 21', 21", -siz
21', 21"
ärmägür-, -üp 2 1 ',
2 I " (afinip ä.) ; qorq-
mafin ä. 18'^
äzrua 16'\ 17^^', 18'"
{t(ä)ngrikän io'°)
äSidip 26^
\äksük 23^
(ägsük, -lüg 25'
ägsü-, -tümüz 18''
(ägsütümüz k{ä)r-
gätimiz)
älig 17'^ (älgin sunup
26')
älig 20*^ {älig kiin)
ämgät-ir 24% 26'
Chuastuanift, ein Sündenhekenntnis der manicMischen Auditores. 39
44. äv(ä.harq 19*^,20*',
20")
45- ävmng 13'
46. udun-, -tumuz Ki^
(«. tapint'im'iz)
47- orddu I 2*
48. orun (orn'inia) 17^
49- oruncaq 13*
50. uri 14'
51- «5«« (m. tonluy) 14'^
52. ovÄin 8*
S3 Ol 8\ 11% II*, II',
I2'°
54. Olur-, -Up 21*, 2 2\
-M 22', 23", -uyrna
12% -««5^ 2Ö^
55- «/u7 1 1 "*, yäklär uluy-
larg'"
56. «-, madimiz 22'°, 23",
(äiVm «. lU^-', oluru
u. 22')
57. on 15% y?^, /<!^-%
26"
58. onunö 18^
59. «nö-, -u 9^
60. 00/ 26"
61. ovutsuz 9", 20% 24'
62. ötö^(7 25' (ö. Ififimti)
63. ö7rö :/6"% /6"2
64. ötüg 18^
65. ö/jm-, -?7r 12% 15'",
W, 17'\ W, 18'%
20'% 21% 2i-% 2 3^
-mäk 22*
66,
67,
68.
69
70.
71.
72.
73'
74-
75-
76.
77.
78.
79.
80,
81.
82.
83
üö 16\ 17'% 17'' 9..
ÜGÜnö 17" 92.
Ü6ün 10% VJ^% 20^% 93.
20% 20% 24*, 25' '
arii üöün 25' 94.
öd 16^ [üdki) 95.
ödün 8'
ür 26' 96.
0^14'% I4%?7^% 24%
24* (ilki öz 14")
iiz {nz boz qtl-) 14*
üzüt 8% 10% 12% 24*
üzük-süz 26'
ökü^ 14'
( ögün-, -ür i 2 '
ög {ög saqi>iö 9*) ; bilig- 97.
st2 ö(/SM2^ 10', ö. kiin-
gülsiiz 9'
öl {qurwy öl) 26' 98.
ölür-, -ür 11% -s«>- 10%
-m;) 15' 99-
öngrä 16''
öngü (ö. qapty'i i 2')
84. id-, -t'im'iz li)"' 100.
85. -iyl't-, \yara\tYi\yli i i'' : 101.
(/uvrat'iyl'i 19^'* 102.
86. i'nan<i7ni\^ ^6"^'' («. /«- 103.
i/ant'imtz)
87- it-, -ip 19"' {itip ij(j- 104.
88. idkäk 15' (yäk i.) 105.
89. i.* /Mi 17-'
90. iÄ (/. Arörf/'^^r 2 1 ")
»Art 76% 20"'
ikinti 17""'
igid 15'
ha-, -d'im'iz 19"'
bar 16% 18'', 19",
20*'
bar-, -ir 25% -madi-
miz 21'% -sar 12',
-dad-i19''% 19''; ba-
ru : antadda-ta fxtru
g*, suida b. 11^, 15'%
biltükümüzdä b.
16^, tutduyumuz-
da h. 17", köngi'dtä
b. 22% 23'
barq 19", 20'', 20'
{äv barq)
barm, har{a)m 20%
(y'ilqi f>.)
[barirn 18^^, \20''\
baday 20'% [21M,
21*, 22% bacaq 20,
Anm. ; baca-, -p 20"',
22^, -madimiz 21%
-madumuz 20, Anm.
ba§H;i)y2,^)hal(i)y,baS-
bal{t)y 8' i lCi)y
biiii'%14'%15%17"
bur/jini2%15',16",
17'% W'", 22^
boz \/^ {üz boz (fil-
maq);bozul-, -Vi 17"'
boäu-, -yu 15'°, 2 i'%
22% 23% {-yu qol-,
öiün-); -yalt 13"; bo-
40
A. VON Le Coq:
107.
108.
109.
HO.
II I.
Sun-, -u {-u ötün-) 12',
/6'^ 17'', IS"", i8''\
W, 2l\ 2 1'=, 2 3S
25', -yafö 2i'^ -tac'i
W>, 19*'
106. hol-, -t'ig'°, 23'', -/m-
muz 17'^,-yail6'\
16'^, -up 14% -tuq-
umuz 10^
20'
bifimci 25' {ötägci h.)
h{ä)ri§ti 19"^
hölilg 25"
&«r :?7^ 772-', y«-"',
W^, 20*', 2 2-, 2 2S
22'
112. bir-, -dimiz 19*^,
-gäli 19", -ü 19*^
113. hirlä 8"
1.4. bizS\i5",19*"usw.,
hizingärü 19^
115. biSS', 17'', 19'' usw.
116. 6j7-, -timiz 16' , 16^,
16", 16", 16'\ -ip
77^, -mätin 11«,
:/7^; -tükümüz 16";
hilgä 17^^, bilig 9',
17'\ 17"^; bir Uligin
is''^, 2 2^ 23', //%-
«?0 [b. ögsüz 10^)
117- pacaj 23"
118. p{a)dva%t{a)g 19^'^
..9. /JM«^• 7.9''", 7.9« 7^^^
123
124
126
127
120. tapln-, -maz 14'
121. tap'in-, -t'im'iz 16^,
16* (t. uduniumuz)
.22. taq 18^, 20"", 20'
[mungumuz taq'i-
m'iz; t{a)qumuz 20,
Anm.)
[tamyal7'',17",I7",
17"*,17^,{törtt./7''}
tamyala-, -dimiz
17'"
tamu 16^
tayan-, -timiz 17'"
{inantimiz t.)
totunösuz 24'*, totunc-
suz 9"
tut- 17^, 22', -ma-
dimiz 18'\ -u 22',
-duqiy) 17^, 20"^.
20*, tutun-, -Vi 18^
tural{i)y 15', \g*\,
26'° {ttnl{i)y tu-
ral(i)y)
tuS (iS tuS) 17^
tuy-, -mii 9' (/. qiltn-
m'iä 9")
toquzunc 17^'
toli 13"
tonluy 14''
tidin-, -ii 18^ {t.tu-
tunti)
tiltan-, -ip 21'^
tinli^ijy 1 4= {ttnl(i)y tu ■
raHi)y 15 ',19**, 26'^)
tag 13" {i(k/-dä toli
tägzinür)
128,
129
■31
132
'33
134
135
■36
137
138. tag-, -mädi 18^, -ip
18^, 20"^, 20'; täg-
zin-, -ür 13"
139- t{ä)ngri 8% 9', g\
10', II^ II*, 11',
ii\ II', II", 12',
I5^ 15', 16' , 16*,
16", 16', 16'', 17",
17'", 17"", 17", 17"*,
W, 18'', 18'*, 18'',
W, 19*", 19*", 20*^,
2I^ 21'°, 21'*, 22%
22*, 23', 25', 25';
-li, t{ä)ngrUi Smnu-
li i\\ t. yäkli 8*,
10", 16^; t(ä)ngri-
kän io'°; ar%on yir
t.l6",äzruat.l6",
17'", 18^, ait. 2\\
biä t. 8', 8\ 12'°, 17",
19", 19'', 19*', 2 4%
26^, %ro§tag p{a)d-
wa%t(n)g t. 19^,
^/ßrmuzta t. 8', 8', 1 1*,
küclüg t. 16'*, W",
kün ai /. 12% 12'°, 13',
16", 17", W, yir
t. 16', 16"
140. i{ä)ngri yiri 9^, i 2',
16'
141- t{ä)vlä-, -ddimiz 13*,
(/. kürlädimiz)
.42. tört 17", 17", 7<9-"
143- törtünc', 17'^
144. türlüg 8% 15% 17'",
19'", 19*", 26», 26-
Chuashmnift, ein Simlenbekenntnvi der manichäischen Auditores. 41
MS-
146.
•47.
148.
149-
150.
'5>-
>52-
'53-
'54-
'55-
156.
törü,-eä2i\2i",(t. 163. dintar 20^, 21
bar ärti W, 19"", \
töz {t. yUiiz 10', 10'
12') !
tök-, -dümüz 19^
' 164. raim{a)st f{ä)rzind
i II". 23% 25'
«57-
158-
"59-
160.
161.
163.
tökä-,-di2 2\-ti17^\
tümän 9"
tünärig 76'*
•ti (-di 22'), tökäti
W, ädgüti 18'',
21', 22«
ti-, -dimiz 11*, 11*,
-ddimiz 1 1 ', -pän 15 ',
U\ 16\ IS", 16"
Hrgiid-, -«r (?) io%
-sär 10'
timä-gii-li i 2*
Hl («/?) 26'
-6a, dintar- 20^-
nomöa törüöä 2 1 ',
23", näöä (s.d.), säv-
dilginöä 24', sävi-
ginöä 17^
ö{a)xiap{a)t 17^.
18", 22', 22', 26"
öaidan 22'°, iaidan
22'
&ulvu (6. sac 1 1 '")
165. zaidfin 22'
166. saö-, -fimiz 19^
167. saq'in-, -urtfiz 24*; sa-
qin6g\ 18'\ 23'
168. sayu 2 i'°, 23^
169. sm 1 1'°, 77^
170. Äog' (s«5') 9", 20^ 24^
25'
171- *M»(?), y/r s. 12'
I72. sun-, -up 26*^
173- ««*' 1 1^ 1 s'^ {s. yazu(j
21", s. yäklüg 8')
174- si-; -dim'iz 18^^, 21".
-dumuz 20, Anm.
alqan-s'iy 18'\ an-
öolastq 19", 20-".
olursuq 20'^, sözlä-
181. söngüs-, -di 8', -wu'i
16 '\ -üp 8«, -Mj 8^
182. imnu <f, -ti 1 1'
183.' Smnuluy 8*
184. "it-, -dd'i 9'
185. 'iyar 26"
186. 'wJrö I 2'
187. 'icili 1 1'
188. 'irünöÜ24', -lilg 24'°,
24"
189. 'i^ 14', 24"
190. 'ülä-, -yür 24", -di-
miz 14'°, -mäsig 24"
191- '2^212'', 'ikinti 12^
192- igdä-, -yü 1 1**
193- '</^i 14".
194- 'm/< 8^
195- 'inili 'icili 11'
196. f{ä)rzind 12'
(rajwzfajs//.)
23'
w?ä*2^ 24', 'iälämäsii/ 197- qat'il-, -m'iä 16^",
-ip 9', -rfj" 8'
198. q(ä)ra 13--, -Ä :?6'^'',
/6"2; qarali 8*, 10"
.99. (/(a)m 16'", 16 '^
200. qam(a)y 8', 9'°, 10',
12', qamay 17^'
%roitag 19"^"
yjuastuanift 25"
yßrmuzta 8", 8', 11*
24", k{ä)ygürsü(j
19*'
176. säkizinö 16'
isäV', -dügüncä 24'
'77- < .... ... .-24
\saviginca 17
178. sö^ 24'°, 26^
179- sözlä-, -yür 24'", -<//-
20[. qamSa-, -timizU^"
miz I i'°, -p 26*, -?rtä- 202. qop 1 1', 25^
siy 24^ , 203. yji^ 16^ (q. qol-);
180. siizinlüij 8' j qutluy 12^
42
A. VON Le Coq:
204.
205.
206.
207.
208.
209.
210.
211.
212.
213.
214.
215-
216.
217.
218.
219.
220.
221.
222.
223.
qudai 17^^ {adaS q.)
qorq- 17^', -mat'in
:t8"; qorqunösuz 20^
quruy 26'
qol- 21", -madimiz
2 3^ -u n\ 25'"
qulqaq 26^
quvrat'i'ili J9^
qirq 9"
q'izyan-, -'ip 19^
qil-, -Virriiz 15'; qiUn-
mü<f; qil'indc)^, 24",
26*, qilin('J(t)y 8% g\
12', 19^
k{ä)rgäh 17^, J9'\
20^, 20*, 21", 22',
22*; k{ä)r(jätimiz
18^^ {ägsütümüz k.) ;
ägsük k. 23^
k{a)rm{a)Suhn (?) 25'
k{ä)l-,-tiS\9';k{ä)l-
ilr-di 79"'
k(ä)ntü g\ 24', 24^
k{ä)ygür-, -sügl9^
ködüg 21'^ [iS kö-
düg)
kör-, -ilp 17^\ 26^
kürlä-, -dimiz 1 3^
{tYä\vläddimiz k.)
köz 26*
kün 20^, 21'°, 2 3^
24^
köngül 17 '\ 17 '\
17^\ 17^\ 18'\ 18'\
2oS 2 2% 23% -mz
224.
225.
226.
227.
228.
229.
230.
i
I
231-
232.
233-
234-
235.
236.
237-
kirtü 16"; kirtkün-
17'"
kisrä 16'^ {anta-
da k.)
kiSiis', 19^
kirn 16"
-gärü, t(ä)ngrigärü
18'\ W, W,
t{ä)ngri yiringärü i 2',
yirgärü 19^, 24%
bizingärü 19^"*
m{a)nastar hirza 1 2',
15", 16\ 17^', 18''\
W, 20*',2l\2l'\
23*, 25"°; manaastar
20, Anm.
muniay 11'; munday
11"
munca 14*
mung 19^' {mung
tag 18^", 20"", 20')
m(ä?)ni i", 12', 12%
23% 23% 25'
mängigü 9% 11'
238.
239-
240.
241
242,
243-
244.
245-
246.
nom 1 2*, 75% 16", 247.
16', 19'\ 19*", 19'\ : 248.
2I%2I'°, 23" I
n(i)yoSak 17'' \ 249
nä 16', 16'', nädä \
16'", 16'^, nä yirdä 250.
W, nädä 13% 13%,
i4'% 14% 14% 18'\
23% 23% 24% 24" :
vusanti, vosanti
20*"
yarat-, -miS 1 1% 16",
-ip 19*^, [-iy/iii']
y{a)ruq 9% io% io'%
12% 12% 13'% 16\
17", 19"^, W, 19"^,
19*", 24% 26»
y{a)ruqti 8% io'%
16'\ W
yazin-, -dimiz 1 4',
-tim{^i)z io'% ii'%
-ip 16* (yazin- yan-
giU)
yazuq 11", 12% 15%
772% 18"^, 18'', W,
21% 21'% 21'% 21'%
23% 23% 25% -luy
25% 26"
yangil-, -timiz io'%
14^ {yazin- y.)
y(a)vlaq 17^, 19**,
19*', 23% 24^
yori-, -p 17"*, 26%
-tuq 24*
yoq 16", 16"'
yil 20*' {bir yilqi 2 2%
23')
yilqi 20^, 20' {yilqi
barim 18^, 20')
yäk 8% 9" 9", 9".
9% :/6'%2o%24%2 5%
-li 8% io'% 16\ -lüg
8% -lärlüg 8% yäk
iökäk 15'
Chuastuaniftj ein Sündenhekenntnis der manichäiscJien Auditores. 43
251. yilz {yüz grtuqi qirq 255. yir 16\ 76"* 18^, 258. ymä 9'°, 12^, 14",
9")
252. yükün-, -tümüz 15^,
253. yi-ddimiz 13'
26^ {tänyriy.g^, 12',
i6\ tamu y. 16^),
-gärn24.^;y.{suv?)i2''
256. yig{i)rmin61Si^,2(y*^
254. yiti 19"", -19'\ 22% 257. yiltiz 16\ 16' {tözy.
yäinö 15"
io'°, 10', 12')
i5'\ 15', 15', 16\
16", 18'\ IS"", 19'',
19'', 20^, 20', 2oS
, 20S 2I^ 21", 2 2%
24% 26^
259- yimki 22', 22', 23"
WörterUste zu T. ü Y. 59.
1. ad{i}nayu 27' 16. Wg' 27" j 33
2. artat-, artatdtm 28" 17. borluy 27- : 34
3. 020 27', 27'° 18. boä 27* ' 3S
4- al- (alt'im'iz) 27' [27^] 19. bol-, -alim 27*, -^^m« 36
I 20. bädük 27''
; 21. 6äÄ:?, bäg'i 27*
22. Mm-, -wr 27*
s- gmranmaq 27
6. äv 27' (Heiidiadyoin
7. ävinlig 27'
8. idMÄ: 28"
9- irin&ü 27*
10. isirf-, -jjp 28'^
II- w^'M» tonluy 27'
12. 07«r 27', 27'
13- ong 27'
14. ovutsuz 27'
15- öA?/s 28'^
23. todunösuz 27'
24. tur-yur-, -dum 28'*
25- ft'par 27^
26. för/w^ 28'*
27- töntö (/. küntüz) 28'^
28. sag'inJ 28'^; saqin-ma-
yu 28''; saqinip 28''
37-
38.
39-
40.
41-
quriyl(t)y 27'
5»«/ 27'
qulqaq 28'^
^om 27^
Är^ött^j 27*
kör-, -üp 28"
Aö2 28''
kirnt Hz {tünlä k.) 28''
kilny 27' (Hendia-
dyoin Mn^r qul)
42. r(a)rx,«r 27'°
43-
44-
29. Sakimun bur%an 27'
30. qazyanc 27'
31- qazyunö 27^
32. ^'a^ö/ 27^
45-
j 46.
; 47-
48.
yaz-; yaz-a 28" (Hen-
diadyoin yaz- yamßl-),
yazt'im 27'
yany'il-, -Viru 27', -m
28"
yangluy 2 8''' (y. saqinc)
y'ilq'i 28"
j/öÄr 28"
?/w- 27'°
Ä'. Preu/3. Akad. d. Wisxensch.
T. II D. 178 IV. Rückseite.
W^'-
'J
Anhany z. d. Phd.-hist. Ab/t. /!)/().
T. II D. 178 IV. Vorderseite.
" fä ■>■
«•0
' ?*****^v^^ ^^■'*" V**- ^^ *<!**"»•' "^^f
••^f^ "^Wr^^^ ,!• j^rt^ .*«*«fc •tSiai ' - ' A
„ '^iÄ'}^'
T. II D. 178 m. Rückseite.
-tUaf«
•«Six
lüo.^
•i-i"
■r
L..ü3^ .:-.i^ä?ae&2^_^.
•*^";
<*3:
T. HD. 178 III. Vorderseite.
-#
^:^"¥S]>
••t»*i^' v'^
r?/
«UK^N^4iAi>««iii. .a^tnav «.•äSk't^h *^«4
A. vonLeCoq: Chuastuanift, ein Sündenbekenntnis der maniehäischen Auditores.
Taf. I.
Preuß. Akad. d. Wissensch.
T. II D. 178 V. Rückseite.
;5L
¥
:=r-j *,•.• *MM »Sa '««H<:3H^'' "'Ijtfk
97SSt «»%«•« nfM* WSSft.«»
Ankang :. d. Phil.-Imt. Abh. 1910.
T. II D. 178 V. Vorderseite.
^■>«;«;-v,..c"i;.^
«^'**'"*** Vatt«M'%»> »MK ••San
; ii
A«*« .
'*• '
T.II D. 178 VI. Rückseite.
^^ ?«•* ««fv^ «•^'
4. »»N»««**««-*» ^y^wn&A^ >a «>»*»%
.>~.^i ^ <M«S:»« «^«.a« A»««« »fawtiü^
•V^^*"«*^
^««l^«^)*.^
X.,:,,^ ^
T. II D. 178 VI. Vorderseite.
^-^ 'IfegaffesLMö^
..^;v;.r'
A. von Le Coq: Chuastuanift, ein Sündenbekenntnis der raaniehäisehen Auditores.
Taf. II.
¥
W Die Libelli aus der decianischen Christenverfolgung.
Von
Prof. PAUL M. MEYER
in Berlin.
Phil.-hitt. Klasse. 1910. Anhang. Abh. V.
Vorgelegt von Hrn. Harnack in der Gesamtsitzung am 24. November 1910.
Zum Druck eingereicht am gleichen Tage, ausgegeben am 30. Dezember 1910.
►
r
öeit Fr. Krebs in den Sitzungsberichten der Akademie (1893, 1007 ff.)
den ersten Libellus aus der decianischen CIhristenverfolgung veröffentlicht hat,
sind im Laufe der Jahre vier weitere hinzugekommen. Von diesen bisher be-
kannten Urkunden stammen vier aus dem Faijum, und zwar aus der Metropole
Arsinoe (P. Alexandr. = Nr. 23) und den Dörfern ÄAeiÄNAPOv Nhcoc (BGU.
287 = Nr. 21), 0eAA^A*eiA (?. Wessely == Nr. 11), 0iAAA^A4.eiA (P. Rainer =
Nr. 22), eine aus Oxyrhynchos (P. Oxy. IV 658 = Nr. 24)'.
Jetzt hat uns ein glücklicher Ankauf der Hamburger Stadtbiblio-
thek 19 vollständige oder in Fragmenten erhaltene Libelli aus dem Dorfe
GcAA^AoeiA im Faijum beschert, die ich mit freundlicher Erlaubnis des Di-
rektors der genannten Bibliothek, des Hrn. Prof Dr. Münzel, publiziere. Sie
umfassen, soweit sie datiert sind, die Zeit vom 1 2. Juni bis zum 14. Juli 250.
Der oben erwähnte, im Besitz von Wessely befindliche Papyrus gehört
derselben Serie an.
Ich gebe im folgenden die ganze Theadelphia-Serie (Nr. 1 — 20) in chrono-
logischer Reihenfolge, füge nach einem zusammenfassenden Kommentar die
vier übrigen Libelli (Nr. 21 — 24) anhangsweise hinzu, damit alle an einem
Orte vereinigt sind.
' Literatur zur decianischen Christenverfolgung und zu den Libelli: Schiller, Gesch.
d. röm. Kaiserzeit I, 1883, 904ff. — Allard, Histoire des Persecutions II, 1886, 257fF. —
Krebs a.a. 0. — Harnack, Theologische Literatiirzeitung 1894, 38f. 162 f. und bei Herzog-
Hauck, Enzyklopädie s.v. »Cliristenverfolgungen« und »iapsi«. — Wessely, Anzeige!' d. Wien.
Akad.31, 1894, 3. Januar; ebendort 1907, 4. Dezeml)er; Patrologia Orientalis IV, 1908, 1 12 ff. —
Gregg, The Decian persecution, Edinburgh and London 1897. — Schul tze bei Ilerzog-
Uauck s.v. .Decius«. — Linsen niay er, Die Bekämpfung des Christentums durch den
römischen Staat, München 1905 (mir nicht zugänglich). — Wilcken, Archiv für Papyrus-
forschung III (1906), 311. \' (1909), 277ff. — .Schoenaich, Die Christenverfolgung des
Kaisers Decius, .lauer 1907; Die Libelli und ihre Bedeutung für die Christenverfolgung des
Kaisers Decius, Wiss. Beilage zum Jahresber. d. Kgl. Friedrichs-Gymnasiums zu Breslau, 19 10.
— Foucart, Journal des Savanls 1908, i69ff. — Bludau in der Monatszeitschrift »Der
Katholik- 1908, I73ff. 258ff. — Seeck, Untergang der antiken Welt III, 1909, 297 ff.
r
Paul M. M f. y k k :
Libelli aus Theadelphia.
Nr. 1.
luv. Nr. lOi. Höhe 21.5 cm, Breite 6 cm. NoworpÄooc-Formular E,
rPAMMATe^c-Formular D, Unterschrift des Hermas A. 12. Juni 250.
1. Hand. T[oT]c eni tön eYciÜN hphm^noic
nAPA AyphaIoy AciHcewc CePhi-
NOY XnÖ Kli)MHC 9eAAeAD>iAC.
Kai Xei m^n toTc eeoTc e^UN
5 AlATGT^AeKA KAI NYN eni HA-
poVciN ymTn katä tä npoc-
TAXe^NTA eCniCA KAI
eeYCA KAI TÖN TepeicDN
ereYCÄMHN kai Aiiüi ymäc
10 YnOCHMICbCACeAl MOL
AieYTYxeTxAi.
ÄCHCIC U)C (eTCün) AB ^niCINHC.
Spatium von einer Zeile.
2. Hand. A-y-Pi^Aioi CePHNOC kai '"Gpmäc
gTaAM^N COI eYüJNTA.
3. Hand. .5 ePMCeCHAIl
Spatium von 3 Zeilen.
I. Hand. (''Gtoyc) a' A'ttokpätopoc Kaicapoc Taioy
AAeccioY KoYiNTOY Tpaianoy Agkioy
6'ir'CeB09c 6'ir'TYXOYC CfBACTOY
nA9Ni IH . 12. Juni 250.
4 Das Y von e-»-(ON ist aus e korrigiert. 13 Das 01 von Ayphaioi ist aus oc
korrigiert, über dem Worte sind mehrere Punkte. 14 I. ce e'f'ONTA.
12 Ungewöhnlich und eigenartig ist der Gebrauch des Wortes ^niciNHC, das wir in der
Bedeutung »der Beschädigung ausgesetzt (cui noceri potest), beschädigt« finden (Gegensatz
XciNHC, Xbaabhc). Hier kann es sich nur auf die körijerliche Beschaffenheit des Petenten
beziehen.
Die Libelli aus der decianischen Christenverfolgung. 5
Nr. 2.
Inv. Nr. 103. Hölie 21 cm, Breite 8.5 cm. NoMorpÄ*oc-Formiilar A,
rPAMMATeYC-Foi'miilar B, Unterschrift des Hermas A. 14. Juni 250.
1. Hand. ToTc enl tun gyciön hphm^noic
n(APA) AyphaIac Ämmunapioy
Xnö kci)(mhc) GeAAGAoeiAC. Kai Xei
M^N e^OYCA KAI e'Y'CeB09CA
5 ToTc eeoTc cyn toTc t^k(noic) A'y'pHA(ioic)
AlA-r-MGY KAI NoYoiOY KAI
TaÄTOC AlATGTeA^KAMeN
KAI n9n ^ni nAPÖNTUN
YMÖN KATA TA nPOCTAXe^N-
«o TA ^CniCAMCN KAI geYCA-
«eN KAI TÖN tepeiuN i-
reYcAweeA kai Anco ymäc
■y'nocHMKüCAceAi moi.
AicytyxgTtai.
2. Hand. «s A'r'PHAioi CePHNOC kai ''Gpmac gTaa-
MCN YMÄC eYClAcONTEC.
3. Hand. ePMcecH"M
Spatium von 3 Zeilen.
I. Hand. (■'Gtoyc) a AytokpAtopoc KaIcapoc
Taioy AAecciOY Kyintoy TpaVanoy
"> AeKIOY GyCEBOYC 6yTYX09c CeBACT09
nA9Nl K 14. Juni 250.
2 n' Pap. 3 KW Pap. 5 tsSyph Pap. 6 1. Aia9m6) ka! NoY*iü).
7 1. Taäti. 16 1. erciAzoNTAC.
6 Sowohl die Form Noy*ioc wie auch Noy«ic ist bezeugt.
Nr. 3.
Inv. Nr. 117. 2 Fragmente; Fragment n: Höhe 3 cm, Breite 9 cm:
Fragment i: Höhe 7 cm, Breite 9 cm. NonorpA^oc-Formular A. 14. Juni 250.
6 Paul M. Meyer:
Fragment a.
ka]1 [e'Y'c]!-
[bo9c]a toTc eeoTc AiAxer^AeKA
[kaI n]9n ^ni nAPÖNT[(i)N ■!(•]-
[mön cet.
Fragment J.
("Gtoyc) a' A'y'tokpAtopoc KaIcapoc
TaToy MeccioY KyIntoy
TpaVanoy AeKioY G'v'ceBOYC
G^TYXOYC CeBACTo9 TTayni k . 14. Juni 250.
Zur Ergänzung des Fragments a s. das Formular A: S. 25 f.
Nr. 4.
luv. Nr. 1 1 4. Der unterste Teil der Urkunde ist erhalten. Höhe 5 cm,
Breite 6 cm. NoworpÄooc -Formular C. 15. Juni 250.
(■^Gtoyc) a' A9tok:p[ä]topoc KaIcapoc
Faioy MeccioY Koyintoy
TpaYanoy AeKiOY G^ceboyc
G'r'TYX09c CeBACT09
5 nA9Ni KA. 15. Juni 250.
Nr. 5.
Inv. Nr. 108. Höhe 21 cm, Breite 6.5 cm. NoMorpA4.oc -Formular C,
rPAMMAiGYc -Formular C, Unterschrift des Hermas A. Datum: nicht später
als am 16. Juni 250 (s. S. 28). Tafel II 2.
I. Hand. ToTc eni tön eYCiÜN
HPHM^NOIC
n(APÄ) Ayphaioy '■flpiüJNOC
KlAAH XnÖ KUJMHC
5 'AniÄAOC KATAM^NUN
eN K(i)MH GCAAeAOeiA.
AI eYCi)N ToTc eeoTc Aie-
Die Libelli aus der decianischen Christencerfolgung.
T^AeCA KAI nVn ^ni nAPON-
TCON YMÖN KATA TÄ HPOC-
>•> TAxedNTA eoYCA KAI ecnei-
CA ka] tön lepeicdN erey-
cXmHN KAI ki\Q) YMÄC
■Y-nocHMicicAceAi. Aiev-
TYxeTre.
Spatium von einer Zeile.
2. Hand. >s A-fpi^Aioi Cephnoc kai 'Cpmäc
eTaAM^N COI eYClAcONTA.
3. Hand. e p M c e c PTM
Spatium von ettca 8 Zeilen.
I. Hand. ('GtOYc) k' A't'TOKPÄTOPOC Kaicapoc
Taioy AAecciOY KoyIntoy
»o Tpaianoy AeKiOY €-r'ceBo9c
CyTYX09c CeBACTOY nA9Ni.
(Nicht später als 16. Juni 250.)
3 iV Pap. 5 1. KATAM^NONTOC. l6 1. Ce eYClAzONTA.
4 Zum Namen Kiaahc s. Wesseiy, Karanis und Soknopaiu Nesos S. io6; zum Genitiv
KiAAfl vgl. BGU. 2, 8 (a. 209). 5 Zur Lage des Dorfes VkniAc s. S. 24.
Nr. 6.
Inv. Nr. 99. Höhe 21 cm, Breite 6 cm. N omoppAooc -Formular A, tpam-
MATevc -Formular B, Unterschrift des Hermas A. 16. Juni 250. Tafel I 2.
I. Hand. ToTc ^ni tun oyci-
ÖN HIPHM^NOIC
hapA A-r'PHAiAC XApi-
TOC XnÖ K(i)MHC 9e-
5 AAGAoeiAC. Kai Ael m^n
e^OYCA KAI GYceso?-
CA ToTc eeoTc aiatg-
T^ACKA KAI NYN i-
8
Paul M. Meyer:
nl nAPÖNTUN YMÖN
lo KATA TA nPOCTAXe^NTA
ecnicA KAI eevcA kai
TÖN tepeioüN erev-
CÄMHN KAI Xälü) ■y'MAC
■Y'nOCHMKiCACeAi MOI.
15 AievTYxeTTAi.
2. Hand. A-y-ri^aioi CePHNOc KAI '^Gpmäc
etAAM^N ce eVClÄCONTA.
3. Hand. 6 PM C 6 CH ^\
Spatium wm einer Zeile.
I. Hand. (""Gtoyc) a' A-r-TOKPATOPOc KaIcapoc
" TaToy MeccioY KyIntoy
TpaYano? AeKioY
Gyceboyc 6ytyxo9c
CeBACTo9 TTaVni ks.
i6. Juni 250.
17
syciazonta.
Nr. 7.
luv. Nr. 104. Der untere Teil der Urkunde ist erhalten. Höhe 14 cm,
Breite 6 cm. Nomotpäooc -Formular C, rPAMMATe^i-c-Formular B. Die Unter-
schrift des Hermas ist nicht vollzogen.
2. Hand. A'v'phaioi Cephnoc kai
''Gpmäc gTaam^n ce eYciÄ-
CONTA.
Spatium von 5 Zeilen.
1. Hand. (^6toyc) a^' A'y'TOKpätopoc Kaicapoc
5 FaIoy MeccioY Koyintoy
Tpaiano? AeKioY 6v'ceB0?c
6v-tyxo?c Cgbacto? r7A9Ni
Kr'^ 17. Juni 250.
Links unten am Rande der Urkunde Tinteiistriche.
2 f. 1. eVCIAZONTA.
Die Lihelli aus der dedanischen Christenverfolgumj. 9
Nr. 8.
luv. Nr. III. Nur der unterste Teil der Urkunde ist erhalten. Höhe
4.5 cm, Breite 6 cm. NoworpÄfoc -Formular A. 19. Juni 250.
[("Gtoycj] a IAs^-toJkpätopoc Kaicapoc
rA![oY] MeccIoY Kyintoy
TpaVanoy AeKiOY Gyceboyc
Gytyxoyc CesACTOY TTaymi Ke. 19. .Ilini 250.
Nr. 9.
Inv. \r, iio. Nur der unterste Teil der Urkunde ist erhalten. Höhe
6.5 cm, Breite 7.5 cm. NonorpÄooc -Formular A (?). 19. Juni 250.
[■'GtOYC A AjYTOKPÄTOPOC KaIcapo^cj
[fATjoY AAecciOY I^KyIintoy
[TpJaVanI^oy] AeKioY €'T'ceB[oYcj
[G't'tJyxoyc CeBACTOY FTaymi ke. 19. Juni 250.
Nr. 10.
Inv. Nr. 98. Höhe 21.5 cm. Breite 6 cm. NoMorpÄ<ooc-Foriiudar C,
rPAMMAicYC -Formular A. Die Unterschrift des Hermas ist nicht vollzogen.
2 I . Juni 2 50. Tafel I i .
I. Hand. ToTc eni tun syciün
HPHM^NOIC
n'APÄ; Ayphaioy Aa eiANAPOYy Xnö kümhc
öeAAeAoeiAC. AI sycon
5 ToTc eeoTc Aiei^AecA
KAI NYN ^ni nAPÖNTUN
YMUJN KATÄ TA HPOCTA-
xe^NTA eeYCA kai ec-
neicA KAI TUN lepeiUN
10 ^reYCÄMHN KAI AIIÜ
YMÄC -y-nocHMKicAceAi.
Pha.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. V. Ü
10 Paul M. Meyer:
AieYTYxeTie.
Spatium von 8 Zeilen.
2. Hand. A-y-phiaioi CePHNOc kaI
'Gpmac gTaam^n ce evci-
15 ÄZONTA.
Spatium von 6 Zeilen.
I. Hand. TGtoyc) A' A^tokpätopoc Kaicapoc
TaIoy /^eCciOY KOYINTOY
Tpaiano? AeKioY GyceboVc
GyTYXOVc CeBACT09 nA9Ni
»o Kz!' . 2 1. Juni 250.
3 T[' Pap. — AA Pap.
Nr. 11.
P. Wessely, i^ubliziert von Wessely in der Patrologia Orientalis IV,
1 908, S. 1 1 3 f. (Faksimile daselbst Tafel I 4). Höhe 21.2 cm, Breite 6.5 cm.
NoMorpÄooc-Formular C, rpAMWATe^^-c -Formular A. Die Unterschrift des Hermas
ist nicht vollzogen. 22. Jmii 250.
I.Hand. IToTc enij jün syciün
h[phm^]noic
n(APA) A'Y'PHAiAC Kamic Anö
KÜMHC OlAATPlAOC KATA-
5 [m6]nOYCA ^N KlbMH 0eA-
[ACAJteiA. Al e^OYCA ToTc
[eeoTJc Aier^AecA kai nyn
[^ni n]Ap[ö]NTUN ymüJn
KATA TÄ nPCCTAXe^NTA
■° [eeYCA KAI ecneiCA kai]
[t]ön '^epeiuN ^reYCAMHN
KAI AIlO YMAC ■irnOCHM!"
[(»)CAc]eAi. AieYTYxeTxe.
Spatium von etwa 8 Zeilen.
2. Hand. Ayphaioi Cephnoc kai
Die Libelli aus der decianischen Christenverfolgung. 11
'5 |^6]PMAC eTAAMeN Y-
MAC eVClAzONTOC.
Spatium von 4 Zeilen.
I. Hand. TGtoyc) a' Aytokpätopoc Kaicapoc
Taioy MecciOY KoyIntoy
Tpaiano? AeKiOY Gy-cgboyc
'o [6'r'T]YX09c CeBACTOY TTaYMI
KH"
22. Juni 250.
3 n^ Pap. 4 f. 1. KATAMeNOYCHC. lo/ii Am Anfang der Zeile ri fehlt nur ein
Buchstabe, da.s kai ist also an den Schluß der Zeile 10 zu setzen; Wessely ergänzt 11
Anfang [kai tJän. 12 aiö, das Wessely am Anfang ergänzt, ist zu streichen; erstlich ist
kein Platz dafiir vorhanden, dann wird das Wort niemals in den Libelli-Formularen ge-
bi-aucht. 12/13 Wessely setzt -rnocH | [MeicicACJeAi. Am Schluß von Zeile 12 sind aber auf
dem Faksimile noch Reste von mi (mei findet sieh niemals in den Theadelphia-Formularen)
nach YnocH zu erkennen, außerdem ist am Anfang von Zeile 13 nur Platz für vier fehlende
Buchstaben. 16 1. evciAZONTAC. 17 Der schräge Doppelstrich hinter der Jahreszahl
ist verwischt. 21 kh" ist nach dem Faksimile sicher; Wessely liest <^.".
3 Zum Namen KamIc s. Wessely, Patrol. C)r. IV S. 115. 4 Zur Lage des Dorfes
♦lAArPic s. S. 24.
Nr. 12.
Inv. Nr. 109. Höhe 22 cm, Breite 7.5 cm. NoMorpÄooc-FonmiLar A,
rpAMMATeYc -Formular A, Untei'schrift des Hermas B. 23. .luni 250.
Verteischle Reste einzelner Buc/istaben von .S' Zeilen.
1. Hand. MCN k'ai tunJ iep[eljü)N e-
reYcXMe[ejA [kJai Xiiw ymac
YnOCHMjIdjjcAfceAl MOlJ.
Ai|eYJTYxeTTA|i].
Spatium von einer Zeile.
2. Hand. 5 AYPrtAioi CePHNo[^c kaji ''Gpmac
ellAAMEN YMAC e[Y ^ClAzONTOC.
3. Hand. e P /^ A C C H
Spatium von 3 Zeilen.
12 Paul M. Meyer:
I. Hand. (""Gtoyc) a^ A'ttokpAtopoc Kaicapoc
fAioY MeccioY Kyintoy
lo TpaTanoy Agkioy Gv'cesoYC
Gytyxoyc Cebactoy HaVni Ke. 23. Juni 250.
Zur Ergänzung des Fehlenden s. Formular A: S. 25 f. 6 1. byciäzontac.
Nr. 13.
luv. Nr. 112. Der unterste Teil der Urkunde ist erhalten. Höhe 6 cm,
Breite 5.5 cm. NoMorpA*oc-Forniular C. 23. Juni 250.
' ■ ■ TGtoyc) a'-' A'y'TOk[pät]opoc Kaicapoc
Faioy MecciOY Koyintoy
Tpaianoy Agkioy G-i-ceBOYc
G'Y'TYXOYC GCBACTOY
5 nA9Ni Ke'^ 23. Juni 250.
Nr. 14.
Jnx. Nr. 102. Höhe 22 cm, Breite 8 cm. NoworpÄooc-Formular B,
rpAMMATs^t-c -Formular A oder B. Unterschrift des Hermas B. 23. Juni 250.
I. Hand. ToTc eni tun eYcicoN hph-
M^NOIC
nAPÄ Ay-phaIoy CePHNic (sie)
'■Hp(i)AOY XnÖ KCüMHC GeoiG-
5 NIAOC KATAM^NONTOC
SN Kti)MH 0eAAeAit>!A. Äcj M^N
ToTc eeoTc e^cü(N) kai
efceBU^N) AlATei^ACKA
KAI NYN ^ni nAPÖNTCON Y-
10 MUN KATA TA nP0C<(T)AXe6N-
TA eCniCA KAI eOYCA
KAI TÖN TepiUN ^reYCÄ-
MHN KAI AIIÜ YMAC tnO-
Dw LibeJU aus der declanisc/ien Christenverfolgung. 13
CHMi(icACGAi. AieYTYxeTre.
Spatium von 2 Zeilen.
2. Hand. 15 [AjYPhaioi CePHN[ojc kai 'epMÄc
[etAAM^jN Ce eY[ciÄZ('?)0N]TA.
Spatium von einer Zeile.
3. Hand. [e P M] A C C H
Spatium von 2 Zeilen.
I. Hand. "Gtoyc; a Ayt oJkpätopoc Kaicapoc
TaToy Mecj^CjioY Kyintoy
'° TpaT[ano]y Agkioy €y c]eBOYC
£-»'TYX09c CeSACTOY
rr^Myi Ke. 23. Juni 250.
Die Buchstaben zu Beginn der Zeilen 16 und 17 sind ganz ausgelöscht.
4 Zur Lage des Dorfes eeoieNic s. S. 24.
Nr. 15.
Inv. Nr. 116. Nur der unterste Teil der Urkunde ist erhalten. Höhe
8.5 cm, Breite 7.5 cm. NoMorpXooc-Formular 1). rPAMMAxe-r-c -Formular A,
Untersclirift des Ilennas C. 23. (y) Juni 250.
Geringe Buchstabenspiiren einer Zeile.
2. Hand.. [eT^Jamcn ;Ym|ac eYciAzoNTTocJ.
3. Hand. e [P] M A C C H
I. Hand. !^6toycj a' Aytokpät'opoc^ KfAyiCAPpc
Faioy AAeccioY Kyintoy
5 Tpaianoy Aekioy €YCeB(oJYC
GYTYx(Oy?C Cei'BAyCTOY nA^9]NI KS. 23.(1') Juni 250.
I 1. eYClÄzoNTAC. 3 AYTOKPATj Paj). 6 Das e von kg läßt sich als solches
niclit erkennen. Der Tag wird aber entsprechend der Unterscliril't 6 P M A C C H (Zeile 2)
erfordert (s. S. 28;.
14 Paul M. Mkykr:
Nr. 16.
Inv. Nr. 107. Höhe 25 cm, Breite 6 cm. NomoppAooc -Formular D,
rpAMMATevc-Formular A, Unterschrift des Hermas B. 14. Juli 250. Tafel II i.
I. Hand. ToTc eni tön evciÖN
HPHM^NOIC
OApA A'Y'PHa(iOy) 6'YTTPOAOKJOY
01l<<d)T0Y A'Y'PHAflOy) 'AniANOY
5 eiH(rHTe^CANTOc) THC AA(MnpoTÄTHc) nÖAfeucj TÖN
AAe-E(ANAP6ü)N) k(a)| U)C XPH(MATizei) KATAMeNüJN
eN . . GeAAGAOii«*. Äei
e^coN ToTc eeoTc k(a)i nyn
3 ayph'^ Pap. 4 oiktoy — ayph'^ Pap. 5 e£H~ thc aap no'^ Pap.
6 AA« Kj ü)C XPH Pap. — 1. KATAMeNONTOc. 7 Anfang: auf eu folgen 2 Buchstaben
oder elier eine Abkürzung, die ich nicht bestimmen kann, etwan^l' 8 AieTeAecA bzw.
AiATBT^AeKA ist ausgelassen.
3 Der Name eynpoAÖKioc ist eigenartig und in seiner Zusammensetzung schwer zu
erklären; die Lesung scheint mir aber sicher zu sein. Möglich wäre höchstens GYnPOAÖKTOY,
doch das ist wohl aus sprachlichen Gründen ausgeschlossen. 4 ff. Aurelius Apj)ianus
ist uns aus folgenden Urkunden bekannt: P. Lond. III S. 103 Nr. 1226 (Theadelphia, a. 254);
P. Fior. I Nr. 9 S. 26 (Theadelphia, a. 255); S. 27 (Euhemeria); S. 28 (Theoxenis, 17. Januar
255); Ostraka Jouguet im Bull, de l'Inst. fr. d'arch. Orient. II 1902 (Theadelphia, 259/261);
P. Fior. II Nr. 170 — 180 (noch nicht publiziert; aus dem i., 3., 5., 10. Jahre des Valerianus-
Gallienus [?] = 253/254 — 262/263 [•'])• Sein Name wird bald, wie hier, ÄniANÖc geschrieben
(P. Lond.; P. Fior. I 9; Ostr. Jouguet i — 5. 10 — 13. 25), bald ÄrtniANÖc (Ostr. Jouguet 14 — 24.
26), gelegentlich verschrieben ÄniniANÖc (Ostr. Jouguet 6 — 9). Alexandriner von Geburt, hat
er in seiner Vaterstadt das Munus des eiHTHTHC bekleidet, ist Ratsherr der Stadt: öiHr(HTeYCAC)
BOYA(eYTHC) THC AAMOPOTATHC nÖAEWC TUN AAeSANAP^UN KAI ÜC XPH(MATiz€0 heißt Cr jm P. Lond.
imd P. Fior. I S. 26. 27 vom Jahre 254 und 255. Seine Buleutenwürde wird nicht erwähnt
in den Ostraka der Jahre 259/261. Im P. Fior. I S. 28 wird er nur ö XaEiOAordjTATOC AypAaioc
AniANÖc genannt. Als öiHrHTAc hat er, wie unsere Urkunde zeigt, schon vor dem Jahre 250
fungiert; vielleicht war er aber in diesem Jahre auch schon boyacythc. Das &c xPH(MATizei)
(s. Gradenvvitz, Archiv II 98) in Zeile 6 kann diese Würde einschließen, wahrscheinlich
ist es aber nicht. Aj)pianos ist Domanialgroßpächter im Faijum; von ihm gepachtete oyciai
liegen im Bezirk von Theadelphia, Kuhemeria, Theoxenis (s. Comparetti, P. Fior. II S.61).
Sein Wohnsitz befindet sich aber in Alexaudria.
Der oik^thc (»Hausgenosse«, s. dazu S. 2of.) des Appianos bekleidet wohl die Stellung
des «PONTICTHC einer der von ihm gepachteten oyciai in Theadelphia (s. dazu Comparetti
a.a.O. S. 58ff.). Das katam^nwn sn . . 9eAAeA*iA (Zeile 6) bezieht sich auf ihn.
Die Lihelli aus der decianischen Christenverfohjwny. 15
eni nAPÖNTOJN ymön
'o KATÄ nPOCTAXe^NTA
SeYCA K'AJi ecneiCA
KAI TÖN kp<(ei)ü)N ^revcÄ-
MHN k(a)| X3Elß YMÄC
YnOCtMI(i)CACeAI.
«5 AieYTYx(eTTAi).
Spatium von 2 Zeilen.
2. Hand. Ay'pi^aioi C[e]pHNOC kai
"■fipMÄc efAAM^N ce
eYClAZONTA.
3. Hand. e P MÄ C C H
Spatium von 3 Zeilen.
I. Hand. »" (""Gtoyc) a Aytokpät'opoc; K(A)icfAp)oc
TaIoY /^ec[c]i0Y KYilNTOJY TPiAIANO Y A(eKiOY)
GY'CeB[0Y]c 6'r'TYx[0Yc]
Ce'BACTOY 'Gnel* k . 14. juU 250.
10 tX nach kata ist ausgelassen. 12 lepUN Pap. 15 aieytyx/ Pap. 20 ay-
TOKPATj Pap. 21 über A\eccioY stellen 3 l>is 4 verwischte Buchstaben. — kyiytp''a
Pap. 23 cecT°^ Pa{).
Nr. 17.
Inv. Nr. 106. Der obere Teil der Urkunde ist erhalten. Ilölie 10 cm,
Breite 6 cm. NoMorpAooc-Fornmlar ('.
ToTc eni TÖN eYciÖN
HPHM^NOIC
nfAPA) Av-PHAiAC Tahcic Xnö
K(i)«HC ^ApXbüJN KATA-
5 M^N(i)N ^N KCiJMH 06-
AAEAOeiA. Äl GYOYCA
ToTc eeoTc Aiex^AecA kai
NYN ^ni nAPÖNTtüN YMÖN
KATA TÄ nPOCTAXe^NTA
16 Paul M. Mkyee:
lo eeYCA kaI ecneiCA kai tun
lepeicoN erevcÄMHN kai
AIICÜ -r-MÄC -y-nOCHMKiCAC-
eAi. AieYTYxe[T]Te.
Nach einem freien Raum von 4 Zeilen bricht der Papyrus ah.
3 r\' Pap. — 1. TAHceuc. 4/5 1. KATAweNoicHC.
Nr. 18.
Inv. Nr. 105. Der obere Teil der Urkunde ist eriialten. Höhe 12 cm,
Breite 6.5 cm. NoMorpA<t>oc -Formular D.
ToTc eni tun oyciün
HPHM^NOIC
nAPA Aypha(Iac) GePMo^eecjc
AAeAANÄ Anö kümhc
5 GeoseNiAOC. Aei eY-
ü)N ToTc eeoTc kai
n9n eni hapöntun
■v'm[ci)]n kata npocTAxe^N-
TA feYCA KfAyi EcneiCA
j° k(a)i tön iep<^ei)ü)N ^reYcÄ-
MHN KAI AilÖ YMÄC
[■Y'nociMicüjcAceAi.
[AieYTYX^eJTAI.
Nach einem freien Raum bricht der Papyrus ab.
A
3 AYPH Pap. 5/6 1. eroYCA. 6 AieTSAeCA oder AiATeT^AeKA ist ausgelassen
(s. Nr. 16, 8). 8 TA nach kata ist ausgelassen (s. Nr. 16, 10). 10 lepuN Pap.
(s. Nr. 16, 12; 24, I. 12). — Von der 2. Hand, dem rPAMMATevc -Formular, sind noch Reste
der ersten beiden Buchstaben erhalten.
4 Meaanäc s. auch P. Lond. 111 Nr. 1169 S. 47, 103. 5 Zur Lage von SeozeNic
s. S. 24.
Die Libelli aus der dedanischen Christemerfolgiiiig. 17
Nr. 19.
Inv. Nr. 115. Erhalten sind nur die obersten Zeilen. Höhe 4 cm,
Breite 4 cm. Nomotpaooc -Formular F.
ToTc ivi\ eYC!ö[N hphm^noic kcI)]-
MHc 0eAA[eA<t>eiAcl
nAPA A-t^phaTi 1
Spuren einer Zeik, dann briclu der Papyrus ab.
if. Zum Titel der Kommission s. .S. 21.
Nr. 20.
Inv. Nr. 113. Kleines Fragment. Höhe 5 cm, Breite 5.5 cm. Tpam-
MATe-J-c -Formular A, Unterschrift des Hermas B.
2. Hand. [A'r'Pi^Aijp! CePHNOC kai
["■Gpmac eTJaam^n ce
[evciAjzoNTA.
3. Hand. € P M A C C H
I. Hand. 5 (^6toyc) a [cet.
Der Papyrtts bricht ab.
Von Zeile 5 sind nur der Vertikalstrich der Sroc-Sigle sowie die Spitzen von k' erhalten.
Das Edikt des Kaisers Decius, das die Ghristenverfolgung im ganzen
Reiche anordnete', ist sehr bald nach seiner Anerkennung durch den Senat,
wahrscheinlich im Dezember 249, erlassen. Darauf weist vor allem ein
Brief des Cyprian vom Dezember 250 hin (ep. 37, 2), der ein Jahr nach
' Siehe Dionys. Alexandr. bei Kuseb. h. e. 6,41,1 (tö baciaik6n npöcTArwA). 10 (t6
nPÖCTArwA); Martyr. S. Pionii (bei v. Gebhardt, Acta Martyr. sei. p. 97) c. 3 (AiÄTAfMA);
Gregor. Nyss., vit. S. Gregorii bei Migne, Patr. graeco-lat. 46 p. 944 (• (npöcTArwA).
Pha.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. V. 3
18 Paul M. Meyer:
der p]inkerkerung der römischen Bekenner geschrieben ist'. Schon vor
Erlaß dieses Ediktes hatte in Alexandria die Verfolgung begonnen'^. In
den ersten Monaten des Jahres 250 sind dann Ausfiihrungsbestimmungen,
gleichfalls in Ediktform ^, nicht nur des Kaisers, sondern wohl auch der
einzelnen Statthalter, gefolgt.
Das Edikt vom Dezember 249 enthält ein allgemeines Opfergebot für
alle römischen Staatsbürger und ihre Angehörigen \ Wie Augustus ver-
sucht Decius eine Neubelebung altrömischen' Wesens, altrömischer Sitte
und Religion. Unter dem Eindruck der eben begangenen Jahrtausendfeier
der Stadt Rom und dem im Gegensatz zur alten Herrlichkeit stehenden
äußeren und inneren Elend der Zeit fordert er das offene Bekenntnis aller
Bürger zur Reichsreligion, zur religio Romana (im weitesten Sinne), durch
Verehrung der Götter des Staates. Gegen das Christentum als solches
richtet sich diese erste systematische Verfolgung, die sich über alle Pro-
vinzen erstreckt, ebensowenig wie die frülieren Verfolgungen, vielmehr
gegen den Abfall von den di populi Romani". Das Opfergebot ist nicht
auf die Christen beschränkt.
' Vgl. auch Euseb. h. e. 6, 41, 9 f.; Lactant., De mort. persecut. 4,2; s. Bludau
a. a. 0. 179 f.
- Eiiseb. li. e. 6, 41, i: oyk Xnö toy baciaikoy nPOCTÄrMATOC 6 AicorMÖc hap' AmTn Ihpiato,
Xaaa tap öaon ^niaytön riPO'f'AABeN; dazu Neuinarin, Der römische Staat und die allgemeine
Kirche 1 252(1".
' Vgl. den Plural edicta feralia bei Cyprian, ep. 55,9, ebenso Cyprian, ep. 30,3: qui
vult videri propositis adversus evangeliuin vel edictis vel legibus satisfecisse ; Oros. 7, 21, 2. 5:
feralia dispersit edicta. Auf ein Ausführungsedikt bezieht sich auch Cyprian, ep. 43, 3 (s. S. 21).
— Aus den Worten unserer Libelli kata ta npocTAxeeNTA (bzw. K. T. npocTeTArMeNA Nr. 21,
K. T. KeAGYceeNTA Nr. 23, 24) darf man an sich keine Mehrheit von Edikten entnehmen.
* Siehe Mommsen, Römisches Strafrecht 568: »Kaiser Decius hat im Jahre 250 von
jedem römischen Staatsbürger gefordert, daß er den Göttern des alten Glaubens
opfere." Von allen Bewohnern des Reichs sprechen Gregg (a. a. O. 71 f.), Foucart
(a.a.O. 172), Wessely (Patr. Or. IV 123), Breccia (Bull, de la soc. areli. d'Alexandrie 9, 88),
Seeck (a. a. 0. 111 299), v. Domaszewski (Geschichte der römischen Kaiser II 274).
' Was über den Plan der Wiederaufnahme der Zensur und ihrer Übertragung an
Valerianus berichtet wird, ist als unbeglaubigt außer Betracht zu lassen. Daß aber Valerianus
unter Decius eine Vertrauensstellung einnahm und an der Clu'istenverfolgung nicht unbeteiligt
war, zeigt Zonaras 12,20 p. 625C. Vgl. aber Euseb. h. e. 7,10,3.
" Siehe Mommsen, Juristische Schriften III 389ff., bes. 399 f. 403 ff. (Der Religions-
frevel nach römischem Recht); Schoenaich a.a.O. 1907, gf. 23ff. — Daß bei den Christen
das Verbrechen der Apostasie vorliegt, bestreitet Conrat (Colin), Die Christenverfolgungen
im römischen Reiche, Leipzig 1897, 58 fl'.
Die LibelU aus der decmnischen Christenverfolgung. 19
Schon im Jahre 1894 hat Harnack in der Theologischen Literatur-
zeitung (1894, 41) aus dem Vergleich des damals allein bekannten Berliner
Libellus (Nr. 21), zweier Cyprian-Stellen (de lapsis 25 und 9) und dem Wort-
laut des sogenannten 5. Ediktes des Maximinus vom Jahre 306' den Schluß
gezogen, daß dieses »mindestens teilweise eine wörtliche Nachbildung« des
decianischen Ediktes vom Jahre 249 war. Er rekonstruierte danach den
Kern desselben folgendermaßen:
(ÖNOMACTi) nÄNTAC, ;<NAPAC AMA TYNAIIIN KAI OIKeTAIC KAI A'Y'ToTc YnOMAZIOIC
HAici, e-r-eiN kaI cn^NAeiN A'T-TÜN Te Xkpiböc tön evciÜN Xnore-fsceAi.
Ein gleiches allgemeines Ojjfergebot erließ auch der Kaiser Gallus hn
Jahre 253, der die Verfolgung des Decius wieder aufnahm; »sacrificia quae
edicto proposito celebrare populus iubebatur« heißt es in bezuy auf das
Edikt des GaUus bei Cyprian (ep. 59, 6).
Nur wenn wir ein alle römischen Staatsbürger und ihre Familien, ob
Heiden oder Christen, betreffendes Opferg(;bot annehmen, läßt sich die
Priesterin des Petesuchos in Nr. 23 als libellatica erklären, wie Wilcken
(Archiv V 279) mit Recht betont. Gegen die Heschränkung auf den Kreis
■ Eis wird erwähnt bei Pluseb., De Martyr. Palaest. 9, 2 : (Befehle dahingehend) tö
BACiAiKÖN eic n^PAC XreiN nPÖCTArwA KeAevoN öc . . . nANAHMei Ad nÄNTAC, anapac Xma tynaiiin
KAi ok^TAic (kaI) aYtoic YnoMAzioic nAici, e^eiN kai cn^NAeiN aytän re Xkpiböc tön ^napön
XnorcYeceAi sycicon imi^ti\ic noioiNTo. Vgl. die auf frühere Edikte des Maximinus bezüglichen
Stellen 3, i. 4,8 (hier ist in den Boilandistenhandscliriften [in der Ausgabe von Schwartz
S.914, zöfF.] die Rede von den ÄNArPA*Ai tön noAiTÖN, die von den xiaiapxoi und ^ka-
TÖNTAPXOi kat' ofKOYC KAI AMooAA zusaininengestellt ; vgl. damit h. e. 6,41,11). — Auf
ein anderes, mit unserem nicht identisches Edikt des Maximinus nimmt Bezug die vor kurzem
veröffentlichte Grabinschrift des Bischofs Eugenius von Laodicaea, der zur Zeit der Verfol-
gung CTPATeYc[A]MeNoc in TH KATÄ TTiciAiAN HreMONiKH TASEi War (s. Calder, The Expositor
1908, i,355(r.; 1909, i,307ff.; Klio X 233). Die in Betracht kommenden Worte lauten (Z. 5 ff.):
^N AÄ T^ [«]eTASY XPÖNCi) KeAeV-CeWC [«JOITHCACHC ^nl MaSIMINOY TOYC Xp[e]lCTIANOYC eYeiN KAI
«H X.nA[A]AACceceAi thc ctpatgIac. Das Edikt wendet sich gegen die christlichen Soldaten —
Eugenius war wohl ein zum officium praesidis geiiöriger Offizier (s. Calder a. a. 0. 1909) — ,
gegen die sich ja damals die \'erfolgung in erster Linie richtete (s. Euseb. h. e. 8, 1,7; 8,
4,3 fr.; Lactant., De mort. persecut. 10). Sie sollen opfern und weiter Soldaten bleiben. Der
Erlaß steht also im Gegensatz zu dem Edikt des Galerius vom Jahre 303, das den Soldaten
die Wahl läßt, entweder zu opfern oder den Dienst zu quittieren. Vielleicht gehört er erst
den letzten Jahren des Maximinus vor seiner Besiegung durch Licentius im Jahre 313 an.
Zur Stellung der Christen zum Militärdienst vgl. Ilarnack, Mission und Ausbreitung des
Christentums 388 ff. ; Militia Christi, 1905, 46 ff.
20 Paul M. Meyf.r:
der Christen spricht schon die große Zahl der neuen Libelli aus dem einen
Dorfe Theadelphia'.
Vergleichen wir nun das Fonnular der Libelli, das nur auf eine all-
gemeine, für alle gleichlautende Vorschrift zurückgehen kann, mit dem Er-
laß des Maximinus, so liegt die Übereinstimnmng beider klar zutage. Zu-
(u-st wird seitens der Petenten, die alle das Nomen Aurelius fuhren, d. h.
cives Romani sind, das Bekenntnis abgelegt, stets den Göttern des Staates
geopfert (utkI ilinen die schuldige Ehrfurcht erwiesen) zu haben: kai Xei
M^N ToTc eeoTc e^toN (kai e-r-ceeiüN) AiAxer^AeKA (oder ähnlich, s. unten S. 25!?.).
Schon diese Fassung ergibt meines Erachtens die Unmöglichkeit, ausschließ-
lich an abtrünnige Christen zu denken. Dann folgt die Erklärung: kai nyn
.... KATÄ TA npocTAxe^NTA (odcr ähnlich) eevcA kai ^cneicA kai tön lepeiuN
erevcAMHN. Diese Erklärung über das vollzogene Tier- und Trankopfer .so-
wie das Kosten vom Opferfleisch ^ gibt in mehreren Urkunden der Haus-
vorstand (ob Mann oder Frau) fiir sich und seine Hausgenossen ab*; in
Nr. 22 werden die Ehefrauen, in Nr. 2 und 24 die Kinder als Opferteil-
n(^hmer genannt. Häufig erwälmt der libellaticus seine Angehörigen gar-
nicht, sondern spricht nur für sich; daß sie aber einbegriflfen sind, zeigt
das YMÄc im Attest des rPAMWATevc Nr. 11, 15; 12, 6 ; 15, i . Eine eigen-
artige Stellung nimmt der Libellus Nr. 16 vom 14. Juli 250 ein, der durch
einen Zeitraum von mindestens drei Wochen von allen übrigen datierten
Libelli getrennt ist. Er ist eingereicht von dem oik^thc eines uns auch
sonst bekannten alexandrinischen Honoratioren Aurelius Appianus, der Do-
manialgroßpächter im Faijum ist; die meisten auf ihn bezüglichen Urkunden
stammen aus Theadelphia (s. die Einzelbemerkung zu Nr. 16, 4ff.). Der otK^THc
heißt Aurelius Euprodokios, besitzt also, wie alle übrigen Petenten, das
' Das Christentum war un» diese Zeit vor allem noch Städtereligion. Aber gerade
vom Arsinoitischen Gau bezeugt uns Dionys. Alexandr., der Zeitgenosse des Decius, daß npö
nOAAOY toyto ^nenÖAAzeN tö aöhwa (Euseb. h. e. 7, 24, 6). Christen sind in ägyptischen
-Dörfern für diese Zeit bezeugt aus Neilupolis (Euseb. h. e. 6, 42, 3), Taposiris bei Alexandreia
Euseb. 6,40,4), Kephro, Kolluthion im Mareotischen Gau (Euseb. 7, 11, 12 ff.). Eusebius
spricht 6, 42, i allgemein von der Verbreitung der Christen kata nÖAeic kai kwmac. Siehe des
Näheren Harnack, Mission und Ausbreitung des Christentums 448ff. 539.
^ Dies wird auch für Karthago, Rom und Sinyrna bezeugt (s. die Belege bei v. Geb-
hardt. Acta Martyrum sei. p. 182 zu XVIII, 9), bildet also sicher ein Erfordernis des Ediktes.
Das zeigt schon der Titel der Kommüssion in Oxyrhynchos: 01 in] tön i6P<ei)(0N ka) gyciön
nÖAewc (Nr. 24).
* Vgl. Cyprian, De lapsis c. 9 und 25 ; ep. 24 ; 55, 13: uxorem et liberos et domum totani.
Die Libelli aus der decianischen Christenverfolgung. 21
römische Bürgerrecht; er gehört zum »Hause« des Appianus, ist seiu An-
gestellter, wahrscheinlich der Verwalter eines seiner Güter. Wenn er sich
ofK^THc nennt, so gebrauclit er zweifellos den im kaiserlichen Edikt ent-
haltenen Ausdruck, den dann später der Erlaß des Maximinus mit dem
übrigen Wortlaut übernimmt und der liier allgemein die Bedeutung von
»Hausgenossen«, d. h. Kindern und sonstigen Hausbewohnern, hat.
Erst in einer der späteren Novellen zum P:dikt ist die Bildung einer
besonderen Kommission verfugt, die den staatlichen und lokalen Beamten
zur Seite treten sollte. Das ergibt sich aus einem vor Ostern 251 ge-
schriebenen Briefe des Cyprian (ep. 43, 3). Das erweisen wolü auch die
Libelli, die vom 14. Juni bis 14. Juli 250, also lange nach Erlaß des ersten
Ediktes, an die Kommission eingereicht sind. In dem eben erwähnten
Briefe spricht Cyprian von »quinque primores illi, qui edicto nuper magi-
stratibus fuerant copulati, ut fidem nostram subruerent«. In Karthago stand
also den »Magistraten« eine Kommission von 5 Mitgliedern aus Honora-
tioren der Stadt zur Seite. Für Smyrna werden neben dem als Vorsitzenden
fungierenden ncuköpoc: ot cyn k^j{^ TeTAm^Noi anazhtgTn kai eAKem toyc Xpi-
cTiANOYc ^nieveiN kai MiAPooAreTN im Martyrium S. Pionii (c. 3 bei v. Geb-
hardt. Acta Martyr. sei. S.97) genannt, ohne daß ihre Zahl angegeben
wird'. In jeder Stadt wie in jedem Dorfe bildete sich eine solclie Kom-
mission. Unsere Libelli erweisen sie in Ägypten für die Metropole Oxy-
rhynehos (Nr. 24), die Metropole Arsinoe (Nr. 23), die Dörfer Theadelphia
(Nr. 1—20), Alexandru Nesos (Nr. 21) imd Pliiladelpliia (Nr. 2,2,). Ihr Titel
lautet hier 01 ^nl twn evciüN hphm^noi {e. t. iep(€i>üJN kai evciöN nÖAecoc Nr. 24).
Die Ortsbezeichnung fehlt in allen Tbeadelphia-Urkunden außer in Nr. 19
'o\ in] evciÖN HPHM^NOi Kd)MHc OeAABAoeiACJ, cbenso in dem Libelhis von Arsinoe
(Nr. 23), sie wird in dem von Alexandru Nesos und Philadelphia (Nr, 21, 22)
hinzugefügt.
Die Zahl der Kommissionsmitglieder ist keine feste; sie richtete sich
siclier nach der Bevölkenmgszahl und (iiöße der einzelnen Orte. Während
in der Großstadt Karthago neben den Magistraten 5 Mitglieder fungieren,
bescheinigen in den Theadelphia-Libelli stets nur zwei, mit Namen Aure-
lius Serenus und Aurelius Hermas, das vor ihnen vollzogene Opfer. Diese
auf ihren Namen ausgestellte Bescheiniiiunt»: (2. Hand) erweist sich als
' Der ftr€Md>N kaI 01 c-f-NeAPOi bei Dionys. Alexandr. (Euseb. h. e. 6, 41, 23) sind hier nicht
heraiiiEUziehen ; es liandelt sicii um den praef. Aeg. und sein Konsilium.
22 Paul M. Meyer:
nicht von ihnen, sondern von der Hand eines rpAMWATevc herrührend. Daraus
ergibt sich wold mit ziemlicher Sicherheit, daß die Kommission in Thea-
delphia nur aus zwei Mitgliedern bestand. Im Namen beider schreibt der
rPAMMATe^c d;is Attest; der eine von ihnen, Hermas, unterfertigt dies dann
durch seine eigenhändige Unterschrift (3. Hand)'.
Aufgabe der Kommission war das ÄNAZHxeTN kai e'AKeiN, weiter die Be-
aufsichtigung der Opfer sowie die Verhängung von Strafen über die Opfer-
verweigerer'^ Endlicli hatte sie einem jeden auf Verlangen sein religiöses
Wohlverhalten vmd seine Zugehörigkeit zur Staatsreligion zu bescheinigen,
den Namen der Opfernden in ihrem Amtstagebuch zu registrieren.
Im Briefwechsel des Cyprian werden die Christen, die ihr Christen-
tum verleugnet haben (Lapsi), in vier Kategorien gescliieden^:
1. die sacrificati, »die Hand und Mund dui-ch das heidnisclie Opfer
betleckt haben«*,
2. die thuriiicati, die nur Weihrauch in das Opfer gestreut haben,
3. die libellatici% die sich, ohne geopfert zu haben, nach Einreichung
eines Libellus" gegen Zahlung einer Geldsumme^ einen Opferschein von der
Kommission ausstellen lassen,
' Fungierten die beiden Kommissionsmitglieder nur in Stellvertretung des ganzen,
mehr Mitglieder umfassenden Kollegiums, so müßten sie beide die Opferbescheinigung
durch eigene Unterschrift bezeugen. — Aus Zeile 17 in Nr. 21 könnte man schließen,
daß in ■Aagianapgy Nhcoc nur ein Kommissionsmitglied fungierte; Zeile 19 spricht aber
dagegen.
2 S. Bludau a.a.O. iS^ff., 258«".
" Nach der Verfolgung des Maximinus vom Jahre 306 scheidet der Bischof Petrus von
Alexandria u. a. xeiPorPAOHCANxec und tymnäc AnorPAYAMeNOi tä npöc apnhcin (nepi MeTANOiAC
c. 5 bei Migne, Patrol. gr.-lat. 18 p. 473sq.); die ersteren sind nach ihm minder strafwürdig.
Diese beiden technischen Ausdrücke erklärt Schoenaich (1910, S. 38) in unzutreffender
Weise. Unter xeiPorPA*(HCANTec werden diejenigen zu verstehen sein, die eine durch den
eigenhändig unterschriebenen Kaisereid erhärtete Versicherung (xeiPorPA<t>iA), hier des angeblich
vollzogenen Opfers, abgegeben haben. Diese Versicherung enlsjiricht also dem ersten Teil
unserer Libelli, bei denen aber eine Bekräftigung durch den Kaisereid nicht erforderlich ist.
Die rYMNßc AnorPAYÄMeNOi ta npöc ÄPNHCiN können nur solche sein, die ohne alle Ausflüchte
und Hintergehungsversuche eine ausdrückliche schriftliche Abschwörungserklärung ihres
Christentums an die Behörden gerichtet haben.
* S. Cyprian, ep. 55, 13. 14. 17. 26; 20,2; 52, 2 in fine; de lapsis c. 8. 9. 26. 28;
ep. 30, 3.
* S. Cyprian, ep. 55, 13. 14. 17. 26.
° 8. Cyprian, ep. 55, 3. 14; 20, 2; 67, 1.6; de lapsis 27. 28; ep. 30,3.
' 8. Cyprian ep. 55, 14; 21,3; Tertullian, de fuga c. 5. 12.
Die LibelU aus der decianischen Christenverfolgung. 23
4. die accepta facientes, die, olme geopfert zu liaben, einen Dritten
beauftragen, ihren Namen ins Amtstagebuch der Kommission eintragen zu
lassen '.
Die Ausdrücke libellatici vmd accepta facientes, die Cyprian nur in
bezug auf Christen anwendet, sind aber nicht auf diese zu beschränken.
Sie umfassen vielmehr an sich alle, die, ob Heiden oder Christen, ob sie
geopfert oder sich vom Opfer befreit haben, in einer Eingabe ein Opfer-
attest von der Kommission erbitten bzw. sich in die Amtstagel)ücher der-
selben eintragen lassen. LibelU — das sind immer schriftliche Eingaben —
sind außer fiir Ägypten für Rom% Karthago^ Spanien* bezeugt; zweifel-
los haben wir sie auch in allen anderen Provinzen anzunehmen. Nur auf
eine solche schriftliche^ Eingabe hin wird das Opferattest von der Kom-
mission erteilt. Obligatorisch aber waren diese LibelU nicht, die mit dem
Attest versehen als Ausweis fiir die Zukunft dienen". Stets fand dagegen
die Eintragung des Namens in das Amtstagebuch der Kommission statt'.
Viele begnügen sich hiermit (accepta facientes). Auf die.se Eintragung des
Namens bezieht sich wohl die Zahl vAr = 433 am Kopf der Urkunde über
dem Kontext in Nr. 23'.
* S. Cyprian, ep. 30, 3 (Schreiben der römischen Kleriker an C): ijui accepta fecissent,
licet praesentes, cum fierent, non adfuissent, cum praeseotiam suam iitique nt sie scriberentur
mandando fecissent nee est alieniis a crimine, ciiius consensu licet non admissum
crimen tarnen publice legitur. S. dazu Schoenaich a.a.O. 1910, S. 6. 36.
= S. Cyprian, ep. 30, 3.
» S. Cyprian, ep. 55, 3. 13. 14; 20, 2.
* .S. Cyprian, ep. 67, 1.6.
' Dagegen spricht nicht das »ad magistratum vel veni vel alio eunte mandavi« bei
Cyprian, ep. 55, 14: pei"sönlicli oder durch einen Dritten übeiTeicht der Petent dem Magistrat
den LibelUis.
* Dem Attest zu vergleichen sind die Beicht- und Frofessions/ettel im Zeitalter der
Gegenreformation, die den zum Katholizismus Zurückkehrenden ausgestellt werden, und zwar
auch nur »auf fleißiges Ansuchen«. S. Schoenaich a.a.O. 1910, 34f.
' So läßt bei Cyprian, e[). 67, 6 ein libellaticus, der einen Libellus eingereieiit, dann
noch die Eintragung ins Amtstagebucli vornehmen (actis etinm publice habitis apud procura-
torein).
' Möglich wäre an sieii, die Zahl mitWessely (Anz. Wien. Akad. 1907) und Wilcken
(Archiv V 280) auf die KÖAAHMA-Nummer des betreffenden .Vktenbandes, zu dem die LibelU
im Bureau der Kommission oder einer anderen Behörde zusammengestellt wurden, zu be-
ziehen. Es wären also zum mindesten zwei Exemplare vollzogen (Wilrken a.a.O.),
eines fiir die Petenten zum Ausweis, das zweite für den CYrKOAAHCWoc tömoc, wie es den
ägyptischen Gepllogenheiten ent.spiicht. In keinem unserer Theadeli)hia-Libelli, die zusammen
24 Paul M. Meyer:
Die Zuständigkeit der Kommission jedes Ortes erstreckt sich auf alle
daselbst Domizilierten; nicht die origo (Jaia) ist maßgebend, sondern das
Domizil. Die im Dorfe und seiner Gremarkung' bzw. der Stadt Ansässigen,
ob sie dort beheimatet sind oder nicht, haben hier den Befehlen des Kaisers
nachzukommen und eventuell ihre Libelli einzm-eichen. In den TJieadelphia-
Urkunden (Nr. 1 — 20) ist die Herkunftsbezeichnung von zehn libellatici er-
halten : nur vier unter ihnen sind in Theadelphia beheimatet und wohnen
auch dort (Nr. 1, 2, 6, 10) ; sechs haben ihr Domizil daselbst (katam^nun'' ^n
K(»)MH 0.), stammen aber aus anderen Faijum-Dörfern^, und zwar aus AniXc
(Nr. 5), 0iAArpic (Nr, 11), eeoieNi'c (Nr. 14, 18), der KtoMH "Apabun (Nr. 17), und
aus einem nicht genannten Orte, vielleicht ^Uexandria (Nr. 16). Von diesen
Dörfern liegen 'AniÄc, ^lAArpic, 0eo3EeNic, wie Theadelphia, in der GewicTOY
Mepic, die küjmh 7\päbü)n in der 'HpAKAelAOY «epic des arsinoitischen Gaues*.
Das Überwiegen der Ortsfremden erweist wiederum, was uns schon viele
Urkunden gelehrt haben, daß die Flucht aus der iaia vor Steuern und Li-
turgien oder aus anderen, in der Not der Zeit liegenden Ursachen beson-
ders im Ägypten des dritten Jahrhunderts (aber auch in früheren Zeiten)
eine konstante Erscheinung ist, der die periodisch wiederkehrenden Er-
mahnungen der Statthalter vergebens Einhalt zu tun versuchen". Daß etwa
die Ortsfremden erst nach den Einheimischen Termin zur Vollziehung des
Opfers erhielten und ihre Libelli einreicliten, was an sich nicht unwahr-
scheinlich wäre, läßt sich aus unseren Urkunden nicht entnehmen (s. die
Tabelle S. 2 8 f.). Alle diese libellatici sind, wie schon bemerkt, Aurelii;
gekauft und wohl auch zusammen gefunden sind, findet sich aber eine Zahl am oberen Rande,
der bei elf unter ihnen vollständig erhalten ist. Zu einem Sammelband waren sie also
nicht zusammengestellt, obwohl sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit aus einem Bureau
stammen.
' In Nr. 22 reichen ^HtonYAeTxAi (kcümhc <l>iAAAeA*iAc). außerhalb des Torzollhauses des
Dorfes Wohnende (s. zu Z. 5), der Kommission des Dorfes ihren Libellus ein.
' S. Paul M.Meyer, Griechische Papyrusurkunden der Hamburger Stadtbibliothek I
Nr. 23, 9 Einzelbemerkung.
' Die Petenten in Nr. 21—24 sind alle Einheimische.
* S. für ÄniAC Wessely. Topographie des Faijum S.37; Grenfell-Hunt. P. Teb. II
S. 368 — für <l>iAArpic Wessely a. a. O. 156; Grenfell-Uunt a. a. 0. 406 — für Geo-
leNic Wessely 73; Grenfell-Hunt 379 — für ■'Apäbüjn kcämh Wessely 39; Grenfell-
Hunt 368.
' y. Paul M. Meyer, Klio I 425f., P. Giss. 1 Nr. 40 11 i6if.; Rostowzew, Studien zur
Geschichte des römischen Kolonates 205 ff.
Die Libelli aus der decianischen Christenverfolgung. 25
nur auf cives Romani, nicht auf dediticii bezieht sicli das Opfergebot des
Decius. Angeliörige von Honoratiorenfaniilien scJieinen sich aber unter
ilmen nicht zu befinden; jedenfalls fehlt jeglicher Titel oder eine sonstige
darauf hinweisende Bezeichnung, üabei ist allerdings zu berücksichtigen,
daß die Zahl der Frauen, die einen Libellus einreichen, eine auffallend
große ist. Soweit es sich bestimmen läl3t, finden wir neben 5 Eingaben
von Männern 6 von Frauen, die also als Familien vorstand (alle olnie Ge-
schlechtsvormund) fungieren (Nr. 2, 3, 6, 11, 17, 18). Von den Libelli außer-
halb Theadelphias geht Nr. 23 auf eine Frau, die Pi-iesterin des Petesuchos
in Arsinoe, zurück.
Die decianische ('hristenverfolgung war (ün Schlag ins Wasser; sie
hat ihren Zweck nicht erreicht. Weder Gallus, noch Valerian, noch Dio-
kletian und seine Kollegen haben die P]inrichtuug der Libelli wieder ins
Leben gerufen. Sie hat dann aber in der christlichen Kirche selbst Schule
gemacht. In dem Kampfe des Katholizismus gegen die Reformation be-
diente er sich der Professionszcttel mit Erfolg. —
Betrachten wir jetzt unsere Urkunden nach der formalen Seite. Sie
bestellen aus der Eingabe (dem Libellus) mid dem Opferbescheinigungs-
vermerk.
1. Die Eingabe (der Libellus).
Die Eingabe ist von der Hand eines berufsmäßigen Urkundenschreibers
(NOMorpÄ^oc)' geschrieben*. Zwischen dem Kontext und der am Schlüsse
stehenden ausführlichen Datierung ist ein weites Spatium zur Einfügung
der Bescheinigung gelassen. Sechs von einander (wenn avu;h nur in Kleinig-
keiten) abweichende Formulare lassen sich unterscheiden. Jedem dieser
Fommlare entspricht eine andere Hand, so daß wir also zum mindesten
sechs im Jahre 250 in Theadelphia konzessionierte NoworpAooi erhalten.
Formular (Hand) A: Nr. 2, 3, 6, 8, 9(?), i 2 ; s. Tafel I 2.
Kai ^el m^n e^uN (-oyca) kai e^r-ceBÜN (-o9caj toTc eeoTc (cyn toTc t^knoic
Nr. 2) AlATET^AeKA (-KAMeNj KAI n9n ^ni nAPÖNTUN YMü)N KATÄ TA nPOCTAXO^NTA
' S. Griechische Papyrusurkunden der Hamburger Stadtbibliothek 1 Nr. 4 Einl. und
Einzelbem. 15.
' Ebenso die nicht aus Theadelphia stammenden Libelli Nr. 21-24; die Eingabe in Nr. 22
lassen die Petenten durch einen Vertreter eigenhändig unterschreiben.
Phil.-hist. Klasse. 1910. Anhang. Abh. V. 4
26 Paui, M. Meyer:
ScnicA (-camen) KAI ievcA (-camen) KAI TÖN tepeiuN ^revcÄMHN (-weeA) kai Xiiö
YMÄC •Y'nOCHMKÖCACeAl MOI. | AlGYTYXeTTA!.
Die Hand zeigt eine etwas nach rechts geneigte, ovale, große und
gewandte Kursive. Was die Orthographie betrifft, so findet sich stets Gca-
A6A<i>eiA, iepeiü)N, ^cnicA, YnocHMicbcAceAi, AieYTYxeTxAi (1. -tg); Kyintoy. Das Wort
nAPÄ wird in Nr. 6 ausgeschrieben, in Nr. 2, das auch sonstige Abkürzungen
aufweist, mit n' abgekürzt.
Formular (Hand) B: Nr. 14.
■Aei M^N ToTc eeoTc e^ü)<(N) kai e'r'ceB(ü<^N) aiatgt^agka kai n9n (weiter wie
in A) . . . . KAI TÖN VepiwN ^reYcAwHN kai aiiö ymäc YnocHMi(i)CAceAi. AieYTYxeTxe.
Die Schrift ist eine mittelgroße, steile, zur Rundung neigende ge-
wandte Kursive. Die diäretischen Zeichen werden regelmäßig gesetzt. Der
Schreiber schreibt Ggaa^aoia, ecnicA, tepiUN, YnocHwiucAceAi. Kyintoy.
Formular (Hand) C: Nr. 4, 5, 7, 10, 11, 13, 17; s. Taf. I i, II 2.
AI e^uN (-oyca) toTc eeoTc AieT^AecA kai n9n eni hapöntun ymön k. t. n.
eeYCA KAI ecneiCA kai tön lepeiuN ereYcAwHN kai aiiC ■v'mac ^nocHMi(i)CAceAi. Ai-
GYTYxeTxe.
Die Schrift ist eine etwas nach rechts geneigte, runde, kleine und
gewandte Kursive. Die diäretischen Zeichen fehlen meist (gesetzt sind sie
nur Nr. 4, 3; 11, 11); hapä wird stets abgekürzt (n'). An Orthographica ist
zu vermerken: GeAA^AfeiA, ScneicA, lepeiuN, Äi, •v'nocHMKicAceAi, Koyintoy; kata-
M^NtüN (-noyca) wird stets im Nominativ gesetzt.
Formular (Hand) D: Nr. 15, 16, 18; s. Taf II i.
Aei gycjjn toTc eeoTc kai nyn e. n. y. katä npocTAxe^NTA eeYCA ka] ecneicA
kai tön iep(ei>ü)N ereYcÄMHN kai ahiö ■y-MÄc -r-nociMKicAceAi. \ AieYTYxeTxAi (aieyty'*
Nr. 16).
Die Schrift zeigt einen viel kursiveren Charakter als die übrigen For-
mulare; sie ist flüchtiger, weniger sorgsam. Abkürzungen sind häufig, Buch-
staben werden verschluckt (so Nr. 15, 6 und 16, 23; 16, 12 und 18, 10; vgl.
24, I. 12). Charakteristisch ist die Auslassung des Wortes AieT^AecA (16, 8;
18, 6). Weder katam^ncon (16, 6) noch e-fuN (18, 5) erhalten Flexion. Diäre-
tische Zeichen fehlen. An Orthographica ist Ggaagaoia, ScneiCA, YnociMi(i)-
CAceAi, aigytyxeTtai, Kyintoy zu vermerken.
Die LibelU atis der decianischen Christenverfolgung. 27
Formular (Hand) E: Nr. i.
KaI Xe) M^N ToTc eeoTc eiuN aiatgt^acka kai n?n ^ni nAPo9ciN -y-mTn (ebenso
Nr. 21) katA tA npocTAxe^NTA ^cniCA kaI gevcA kai tön tepeiUN ^revcÄMHN kai
Aiiü) ■y'MÄc ■y-nocHMitbcAceAi moi. j AieYTYxeTiAi. [ Äcflcic die Uj&w) ab ^niciNHC.
Große, nach rechts geneigte, ovale, gewandte Kursive ohne Abkür-
zungen. An Orthographica ist Geaa^a^ia, ecnicA, tepeiuN, YnocHMiücAceAi,
AievTYxeTTAi, KoYiNTOY ZU notiercu. Nur hier findet sich am Schlüsse das
Signalement des Libellaticus (vgl. Nr. 21, 5 f.).
Formular (Hand) F: Nr. 19.
Nur in diesem Fragment ist der vollständige Titel der Kommission
gegeben (s. S. 2 i)'.
2. Der Opferbeseheinigungsvermerk
enthält zwei Bestandteile: a) den eigentlichen Tenor der Bescheinigung,
im Namen der beiden Kommissionsmitglieder von rPAMMAxeTc der Kommis-
sion in einer weniger gewandten, aber durchaus nicht schwerfälligen Kur-
sive aufgesetzt, b) die eigenhändige Untersclirift des einen Kommissions-
mitgliedes, Aurelius Hermas, in schwerfalliger Kapitale.
a. Der Tenor der Bescheinigung.
Auch hier lassen sich unbedeutende Abweichungen konstatieren, die
auf eine Mehrzahl von rpAMWAxeTc hinweisen. Der gleichen Form entspricht
aber nicht immer die gleiche Hand; auch gleichlautende Bescheinigungen
zeigen verschiedene Hände.
A: A'r'Pi^Aioi CepHNOc kai 'Gpmäc eTaam^n ce (bzw. ymac) oyciäzonta (bzw.
evciAzoNTOc): Nr. 10, 11, 12, 15, 16, 20*; s. Taf. I i, II i.
Die gleiclie Hand zeigen nur Nr. 10 und 12.
' Die Formulare aus den beiden Metropolen Arsinoe (Nr. 23) und Oxyrhynchos (Nr. 24)
zeigen im Gegensatz zu denen aus den Faijumdörfern einige Besonderheiten: ^ti aä kai nyn
(Nr. 23, II f.; 24, 8f.) statt kai nyn, katA tA KeASYce^NTA (Nr. 23, 12; 24, 10) statt k. t. hpoctax-
o^NTA bzw. npocTETArM^NA (Nr. 21, lo). In Nr. 24 fehlt die Grußformel; ob auch in Nr. 23, ist
nicht siclier. Während Nr. 23 ^ni hapöntun ymön hat, finden wir in Nr. 24 das äußerst .selten
vorkommende ^N(iniON ymön (s. S.34: Einzelbem. zu Zeile 9). Das AiereAecA tön bion ist Nr. 23
(Zeile 11) allein eigentümlich.
* Bei Nr. 14 ist es zweifelhaft, ob die Formel A oder B vorliegt, da nur eY[ ]ta
erhalten ist.
4*
28
Paul M. Meyf.r:
B: A. C. K. 6. e. ce (bzw. ymäc) evciAcoNTA (bzw. evciAcoNTec): Nr. 2, 6, 7 ;
s. Taf. I 2.
Nr. 2 und 7 sind von derselben Hand geschrieben.
C: A. C. K. 6. e. coi oyciXconta: Nr. 5; s. Taf. II 2.
Die Schrift ist der von Nr. 2 sehr ähnlich.
D: A. C. K. 6. e. coi o-i-unta (vgl. Nr. 21): Nr. i.
b. Die Unterschrift des Kommissionsmitgliedes Hermas.
Hier ergeben sich nach der Form der Unterschrift oder nach ihrem
Fehlen bestimmte chronologische Anhaltspunkte.
A : Vom I 2. bis 16. Juni unterfertigt Hermas 6 P M C 6 C H M : Nr. i ,
2, 5 (die Urkunde fallt also vor den 17. Juni), 6. In Nr. 3 und 4, wo
der betreffende Teil des Papyrus fortgefallen ist, haben wir dieselbe Form
wie in Nr. i, 2, 5, 6 anzunehmen. S. Taf. I 2, II 2.
B: Vom 17. bis 22. Juni hat Hermas keine Unterschrift vollzogen:
Nr. 7, 10, II; ebenso danach in Nr. 8, 9, wo der betreffende Teil des Pa-
pyrus fehlt. S. Taf. I i.
C: Vom 23. Juni bis zum 14. Juli, dem spätesten Datum, schreibt
Hermas: ePMACCH: Nr. 12, 14, 15, 16, 20 (die Urkunde fällt danach
in diese Zeit) ; auch in Nr. 1 3 ist diese subscriptio anzunehmen. S. Taf. EI i .
Nicht bestimmen läßt sich die Form für Nr. 17, 18, 19, wo Datum
und Unterschrift fehlen. —
Ich gebe zum Schluß eine chronologisch geordnete Liste der Urkunden
mit Angabe ihrer Formulare. Diese sind am Kopfe eines jeden Textes
vermerkt, am Rande sind nur die verschiedenen Hände bezeichnet.
Herkunft
NOMO-
Tpamma-
Unterschrift
Nr.
Inv. Nr.
Datum
und Geschlecht
rPA<»>oc-
Te-t-c-
des
des Libellaticus
Formular
Formular
Herrn as
I
lOI
12. Juni
Einheimischer Mann
E
D
A
2
103
14. ..
Einheimische Frau
A
B
A
3
117
14. .
Frau
A
fehlt
fehlt
4
114
IS- '
fehlt
C
fehlt
fehlt
5
(Taf. U 2)
6
(Taf. I 2)
108
99
fehlt
(nicht später
als 16. Juni)
16. Juni
Ortsfremder Mann
Einheimische Frau
C
A
C
B
A
A
Die Libelli aus der deckinischen Christenverfohjung.
29
Herkunft
NOMO-
rPAMWk-
Unterschrift
Nr.
Inv. Nr.
Datum
und Geschlecht
rpÄ^oc-
Terc-
des
des Libellaticus
Formular
Formular
Hermas
7
.04
17. Juni
fehlt
C
B
nicht vollzogen
8
II I
19. .
fehlt
A
- fehlt
fehlt
9
HO
19. .
fehlt
AC?)
fehlt
fehlt
lO
98
21. -
Einheimischer Mann
C
A
nicht vollzogen
(Taf. I i)
II
P. Wessely
22. .
Ortsfremde fVau
C
A
nicht vollzogen
12
109
23- ■
fehlt
A
A
C
«3
1 12
23- ■
fehlt
C
fehlt
fehlt
14
102
23- ■
Ortsfremder Mann
B
AoderB
C
15
116
23.(?) •
fehlt
I)
A
C
16
107
14. .Ii.li
Ortsfremder Mann
D
A
C
(Taf. 11 i)
•7
io6
fehlt
Ortsfremde Frau
C
fehlt
fehlt
18
'05
fehlt
Ortsfremde Frau
1)
fehlt
fehlt
19
"5
fehlt
fehlt
^'
fehlt
fehlt
30
««3
fehlt
fehlt
fehlt
A
C
30 Paul M. Meyer:
Anhang.
Die übrigen Libelli\
Nr. 21. Libellus aus Alexandra Nesos.
Berliner Papyrus, veröffentlicht von Krebs in den Sitzungsber. d. Berl.
Akad. d. Wiss., phil.-liist. Klasse, 1893, looyff. (mit Tafel) = BGU. 287.
Siehe Harnack, Theologische Literaturzeitung 1894, 38f. ; Wilcken, BGU. I
S.358; Archiv V 2']-]i.; Gregg a.a.O. 153; v. Gebhardt, Acta Martyr. sei.
S. 183; Wessely, Patrologia Orientnlis IV 1 1 5 f. (mit Tafel I 3); Schoen-
aich a.a.O. 1910, 3of. Höhe 20.5cm, Breite 8cm. 26. Juni 250.
1. Hand. ToTc eni [t]cün evciUN hph-
M^NOIC Kd)M(Hc) AAei(XNAPOY) Nl^COY
HAPA A'Y'PHa(iOy) AlOr^NOY<(c) CaTA-
BOYTOC XnÖ K(i)M(Hc) ■'AAeiÄNA(pOY)
5 Ni^cOY iüc (^tcün) ob o>l^[k)
6<))P^i Aei(iA). Kai Xei
eYcoN ToTc eeoTc aigt^-
AecA KAI n9n eni ha-
POYCIN YMeTN KATA
10 TA nPOCTe[T]ATA[r]M[d]-
NA ^eYCA [ka]i ec[neiCA]
[k]ai tön i[e]peia)N [ersY]-
CÄMHN KAI AIl[ci)] 'Y'm[Äc]
YnOCHMKÜCACeAl.
■5 AieYTYxeTiAi.
Aypha(ioc) [AiJoreNHC eniA[^(A(i)KA)].
2. Hand. Aypi^[a(ioc)j Cypoc Ta[6n ce]
e^ONTA AMA .[....].
' leli habe fiir Nr. 21 das Original, für Nr. 22 und 23 die Tafeln in der Patrologia Orien-
talis bzw. im Bull, de la soc. arch. d'Alexandrie 9 nachverglichen.
Die Libelli aus der decianischen Christenverfolgung. 31
3. Hand. K . . nunoc ceCHM(ei(ü«Ai).
I. Hand. »o [('Gtoyc)] a' A't'TOKPATOPo[c] KAi[cAPOc]
[rA]lOY MeCClOY K[Y]iN[TOY]
[Tp]aia[no9 AeJKiOY 6'if'c[eBoVc]
[e]'Y'T[YX09c] Ce[B]A[c]To9
■'6n[ei4>] B - . 26. Juni 250.
2 K(o" AAei' Pap. 3 AYPH AioreNOY Pap. 4 kco" aasian'^ Pap. 5 L —
oy'^ Pap. 6 A6i' Paj). 10 f. I. nPOcreTArM^NA. 11 ec[neiCA] Harnack, Wessely.
12 f. [ÄreYjcAMHN Harnack, Wessely. 16 ayph — eniAl^l Pap. 17 ayphM Pap. —
C-r-POC Wilcken — ia[ön ce] Wilcken, Ai[or^NH] Wessely. 18 awa Wessely. Das folgende
liest lind ergänzt Wessely h[«Tn], Wilcken mit Vorbehalt YpoTc]. Ganz sicher scheint mir das
Xma nicht und dementsprechend auch nicht die Ergänzung Y[ioTc]. 19 Daß hier eine 3. Hand
vorliegt, hat Wilcken erkannt. Die Lesung Wessely s: koinconöc cec(H«eiu«Ai) wird mit Recht
von ihm zurückgewiesen. Er vermutet am Anfang den Namen des zweiten Kommissions-
mitgliedes. Nach Analogie der Theadelphia-Libelli wäre hier die eigenhändige Unterschrift
des (A'fPHAioc) C-f-poc zu erwarten. Docli Ayphaioc steht sicher nicht da; Cfpoc wäre möglich,
aber wahrscheinlicher ist statt dessen das schon von Krebs gelesene nunoc. Am Anfang
deuten die Buchstabenreste auf k, die t)eiden folgenden Buchstaben kann ich nicht erkennen.
Am Schluß der Zeile ist wohl cecHM(eiü)MAi) zu lesen. 21 Nach den Theadelphia-Formu-
laren A, B, D und Nr. 24, 19 ist hier K[Y]iN[TOY] (nicht K[o]iN[TOY]) zu lesen.
Nr. 22. Libellus aus Philadelphia.
Papyrus Erzherzog Kainer, Jierausgegeben von Wessely im Anzeiger
der Wiener Akademie, phil.-hist. Klasse, 1894, Nr. 1 S. ßfF. und in der Pa-
trologia Orientalis IV S. ii8ff. (mit Tafel 11 7). Siehe Harnack, Theo-
logische Literaturzeitung 1894, 162; Gregg a. a. 0. i54f. ; v. Gebhardt
a. a. 0. 182; Schoenaicli a. a. 0. 1910, S. 29f. Höhe 10.4 cm, Breite
9.6 cm.
I. Hand. ToTc ^nl tun oyciün hphm^noic
K(i)MHC 0IAAAeA0IAC
nAP/k A'Y'PHAicüN C'i'POY KAI rTACBeioY TOY
XaGAiJiOY KaI AhMHTPIAC KAI CAPAniÄAOC
5 TYNAIKÖN HMÖN ^äECüDYAeiTCüN.
Äel e^oNjec toTc eeoTc AiexeA^-
CAM€N KAI n9n eni nAPÖNTüJN 9mön
katA tä npocTAxeeNTA kai ecnicAMeN
32 Paul M. Meyer:
KAI [tö]n ifepeiUNJ ereycAMeeA kai
■o [XilDYMEN YMÄC YnOCHMKJl)]-
CAceAi hmTn. AieYTY[xeTTe].
2. Hand. A-r'PhiA(ioc) C'r'poc kaI TTacbhc e^lAe/^(^)K(AMeN).
'IciAUPOC grPA(YA) •Y'n(^p) AYT(cdN) ArPA(MMATü)N).
Der Papyrus bricht ab.
8 \'or KAI ^cnicAMeN ist ^e'fcAweN vom Schreiber ausgelassen.
eniACAd)'* Pap. 13 erpj — Yj — ayt; — Arp$ Pap.
1 2 AYPH" —
2 Zur Lage des Dorfes ^iaaa^a^ia s. S. 24. 5 ösunYAerrAi sind außerhalb der
n^AH, dem Torzollhaus (hier von Philadelphia), Wohnende. Vgl. P. Grenf. II 74, 4: 6iconYAi[T]hi
Xnö Kci)MHc K-f-cioc TOY ■'Ibitoy [n]omoy (a. 302); 78, 2. 6. 33: i. Xnö TonAPXiAC K'f'cewc thc ^IsiräN
n[ÖAeü)c] (a. 307); 72, 4f.: i. Aiocnö[A(ecüc)] (a. 308); BGU. 34 II 21, III 7. 16, IV 13, V 17.
Nr. 23. Libellus aus Arsinoe.
P. Alexandrinus, veröffeiitliclit von Breccia im Bull, de la societe
archeol. d'Alexaiidrie 9, 8 8 ff", (mit Tafel). Siehe Wessely, Anzeiger der
Wiener Akademie, pliil.-hist. Klasse, 1907, 4. Dezember (danach Sclioenaich
a. a. 0. 1910, 33); Wilcken, Archiv V 279f. Höhe 1 1 cm, Breite 7.8 cm.
2. Hand. YAr.
I. Hand. [t]oTc ^ni tön gyciön
HPHM^NOIC
HApA A'T'PHAiAC ÄMMU-
5 noVtoc Myctoy te[[pe|-
pgIac TTeTeco+xoY eeo9
MerÄAOY werAAOY Aeiz(i)OY
kaI tun 6[n Mjohipei eeÖN
[Xjnö am[<(>öao]y Moi^pecjc. Aiei
■o [m]^n e>f'<^o)Yc[A] ToTc eeoTc ai-
[eJT^AGCA TÖN bIoN, 6niAH (stc)
[kJaI nVn KATA TA KeAGYCe^-
[nt]a KAI ^ni nAPÖNTUN
[y'mJcün eeYCA kai ecniCA
Die Libelli aus der decianischen Christenverfolguny. B3
'3 [kJai tön Yep[e]ia)N erevcA-
[mh]n KAI [a5|]ü) vnOCH-
[MI(b]cACeA[l].
Der Papyrus bricht ab.
I . . r Wessely, der die Schriftspuren als Zalilenangabe erkannte; yap = 433 Wilcken:
s. dazu S. 23. 5 pe am Ende ist durch \'erwischen getilgt. 10 eYYc[A] Pap.
II 1. iTt Ai (Wessely); s. Nr. 24, 8. 17 Ob auf ^nocH[«i(Ä]cACOA[i ein moi folgte, läßt
sich nicht entscheiden. AieYTYXeiTe, das nur im Oxyrhynchos-Libellus (Nr. 24) fehlt, in allen
Libelli der Faijum-DSrfer steht, ist wohl zu ergänzen.
6flF. Zum Tempel des Petesuchos im Moeris-Quartier der Stadt Arsinoe s. Wessely
a.a.O. 3 f. 12 f. katX tX KeAeYce^[NT]A wie Nr. 24, 10.
Nr. 24. Libellus aus Oxyrhynehos.
S. The Oxyrhynchus Papyri IV 658, herausgegeben von Grenfell-
Hunt; danach wieder abgedruckt bei Wessely, Patrol. Orient. IV ii7ff.
und Schoenaich 1907, 35; 1910, 32. Vgl. Wilcken, Archiv III 311.
Höhe 15.5 cm, Breite 7 cm. 14. Juni 250.
I. Hand. ToTc ^ni tön lep^ei^UN [kai]
eYCiÖN nÖA[eu)c]
HAP' Ayphaioy A[ ]
ei(i)NOc GeoAüjpoY mh[tpöc]
s TTantunymiaoc Xnö ^»[c]
A'v'Tflc nÖAeuc. Äei m^n
eY(i)N KAI Cn^NACüN [toT]c
eeoTc [A]ieT^A[ecA, ^]t! a^
KaI n9n ^N(i)niON YMÖN
■o katA tA KeAeYce[6]N[TA]
^cneiCA KAI Sgyca ka[i]
TUN ■?ep<el)(j)N ^reYCÄMH(N)
XmA T(ji Ylö MOY A'r'PH-
aIo) AiOCKÖPU KAI TH
15 SYrATPi MOY AyPHAIA
AaTai. A3E1Ö Y'MÄc ^-no-
• CHMlUCACeAi MOI.
CGtoyc) a A-fTOKPATOPOC Kaicapoc
PhÜ.-hut. Klasse. 1910. Anhang. Abh. V. 5
34 Paul M. M e y e » : Die LibelU aus der decianischen Christenverfolgung.
TaToy MecciOY Kyintoy
20 TpaVano9 AeKiOY
6-»-ceBo?[c 6'v']tyxo?c
[CeBAcJTo? [TTaVJni k.
2. Hand. [ ]n( ) [ 14. Juni 250.
Der Papprus bricht ab,
I lePUN Pap., el)ensoZ.ia;ieP<ei)«N von Wilcken verbessert; s. Nr. 16,18. 12 erer*
CAWH Pap. 16 Schluß: Yn° 23 ]h[ Pap.
7 cn^NAWN in der Bekenntnisfonnel findet sich nur hier. 8 ^Jj! a4 s. auch Nr. 23,
II. 9 Nur in diesem Lihellus findet sich ÄN^nioN ■y'mön statt des in den Faijum-Papyri
übliclien ^nl nAPÖNTWN y/aön b/.\v. iw nAPOYCiN ymTn. Die -profane« Veivvenduny; des Wortes
ÖNciniON, das in den LXX und dem N.T. häufig ist, hat Deißmann (Neue Bibelstudien 4of.)
zuerst aus den Papyri erwiesen. Die früheste Erwähnung des Wortes ist die im P. Hib. I
3od, 25 (vor 271 v.Chr.). Es wird in den Papyri nicht nur adverbiell (meist wctaaiaönai
6N(ini0N oder ÄNt&niA: P. P. 111 21g, 34: 226 v. Chr. [das Vorhergehende fehlt]; P Teb. I 14, 12:
ii4v.Ciir.; P. Lips. I 122, 4: Pius; P. Fior. 1 68, 17. i f. 12: 172 n.Chr.; BGU. 578, i: 189
n. Chr ; P. Fior. 1 56. 20. 23: 234 n. Chr.) und adjektivisch (mctaaiaönai ^nohti'u, s. P. Paris. 63
II 35: 163 v.Chr.: AiACTOAÖN reroNYiÖN ymTn icai ^Nonioic ka) aiA tpammätcon; P. Lund. lii
Nr. 908 p. 133, 39: 139 n. Chr.; P. Fior. 1 56, 21 ; vgl. Tlieocrit. 22, 152), .sondern auch pi-ä-
positionell gebraucht: hier mit dem Genitiv, wie in <len LXX und im N.T.; im P. Grenf.
II 71 II 26 (244 — 248 n. Chr.) steht ^NÖniN A-fTolc. lui P. Ilibeh I jod läßt sich leider die
Art des Gebrauches niclit erkennen. 10 kata ta KSAeYce^NTA wie in Nr. 23, 12 f.
16 Das Petitum wird asyndetisch angefügt. 17 AieYTYxeiTe fehlt hier; s. zu Nr. 23, 17.
23 Daß hier eine 2. Hand vorliegt, sciiei&t nach Analogie der Theadelphia-Libelli wahr-
scheinlich.
Nachtrag. Nr. 25. Libellus aus Arsinoe.
Durch eine fieundliciie Mitteilung Hunts erhalte ich nach Abschluß der Korrektur
Kenntnis eines in der Rylands Library in Manchester befindlichen Libellus, der von
Hunt im ersten Bande seiner P. Rj'lands unter Nr. 12 veröfl^entlicht werden wird.
Die Eingabe ist datiert vom 14. Juni 250. Libellatica ist eine im ''GAAANION-Quartier
der Metropole Arsinoe beheimatete (und dort domizilierte) civis Romana. Sie fungiert
selbständig; die nur auf ihre Person bezügliche Eingabe ist aber von ihrem Manne in Stell-
vertretung der ÄrPAMMATOC (vgl. Nr. 22, 13) eigenhändig unterschrieben. Das läßt sich wohl
nur so erkläien, daß die beiden Ehegatten einen gesonderten Hausstand haben.
Die eigenhändige Unterschrift des Mitgliedes der Kommission (o! iw TÖN syciön Aph-
M^NOi) fehlt. Der Tenor der Bescheinigung, der lautet: Ay[ph]a(ioc) CAseTNOc npfT(ANic oder
wohl eher -ANS-r-CAc) e[T]a[ö]n ce ev-OYCAN, zeigt uns zum erstenmal Rang und Stand eines
Kommissionsmitgliedes.
Das von einem NOMorPA*oc gescliriel)ene Formular der Eingabe ist fast ganz gleich-
lautend mit dem von Nr. 21 aus Alexandru Nesos, nicht mit dem schon bekannten aus
Arsinoe (Nr. 23).
Ä'. IWuß. AA-ad. d. Wissensch
^,-^a^i^
^
i: i"T%'.'i ~i
..Jl. 31-t-'^^'S6i>- ' ••■*'■
•r: -
Anhang z. d. Phil.-hist. Ahh. I!)lü.
■■-jy,.
:^'^**^^^
^■.
r-
Nr. 10.
Nr. 6.
Paul M. Meyor: Die Libclli aus fler decianiseheii Christenverfolgung-.
Taf. I.
K. Preuß. Akad. d. Wissensch.
Anhang z. d. Phil.-hist. Abk. 1910.
i^t^y
W^^m/
'^f^r
?'
(■
k
Nr. 16.
Nr. 5.
Paul M.Meyer: Die Libelli aus der decianischen Christenverfolgung.
Taf. II.
AS Akademie der Wissenschaften,
182 Berlin. Philo sophisch-histo-
B34. Tische Klasse
1910 Abhandlxingen
CUCOCATE AS MONOGlU^^i
PLEASE DO NOT REMOVE
CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET
UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY
aa.cyi-A'^^
^ j^ONOGRAEfi.